Donnerstag, 16. Nov . 2023 Nouadhibou

Frühstück etwas einfach gestrickt. Je nach Plattform ordnet sich das Hotel im vier bis fünf Sterne Bereich ein. Naja. Ich würde mal sagen bei uns sehr gute drei Sterne. Die Morgenmahlzeit ist schon arg bescheiden. Käseecken, Marmelade in Döschen, Croissant und Kuchen. Dazu Kaffee aus der Kanne und O-Saft.

Aber es ist jammern auf hohem und ungerechtem Niveau. Aus dem verglasten Aufzug an der Außenwand hatte man einen Rundum-Blick auf die Umgebung. Luxus Wand an Wand mit extremem Elend und großer Armut.

Schräg gegenüber leben oder besser vegetieren unter Tüchern einige, die offenbar eine Chance zur Flucht suchen. Den Hafen und die Schiffe immer im Blick. Aber die Route von hier Richtung Kanaren ist längst unpassierbar. Die EU hat Marokko, Mauretanien und den Senegal aufgerüstet. Spanische Polizei unterstützt diese Länder.

Die Marineboote, die ich vom Dach aus in der Mole sehe, wirken sehr modern. Beim Abendessen saßen gestern Abend am Nachbartisch sechs durchtrainierte junge Spanier, die offenbar in dem Hotel zuhause sind. Gut möglich, dass sie zu der EU-Truppe gehören, die hier stationiert sein soll, um Flüchtlingsboote zurück zu schleppen. Ziemlich rigoros wie man hört. Die Kähne, meist kaum mehr als Seelenverkäufer, müssen jetzt immer weiter im Süden ablegen. Eine Fahrt von zwei Wochen´von Sierra Leone auf die Kanaren auf offenem Meer. Unvorstellbar das Risiko, das Menschen eingehen, eingehen müssen.

Nachdem ich ein Busticket habe, kann ich das Zimmer um eine Nacht verlängern. Dann der Schock. Mein kleiner Billig-Laptop lässt sich nicht mehr booten. Die Fehleranzeige deutet auf ein ernsthaftes Problem in der DNA der Maschine. Offenbar hatte das abgebrochene Update zu dem Crash geführt. Ich recherchiere im Handy. Aber egal welche Taste ich drücke, welchen Vorschlag ich befolge: Es geht nichts mehr. Mist.

Ich beschließe auf den Schreck eine kleine Stadttour. Es ist ziemlich heiß. Heißer wie sonst im November wie man mir sagt. Gestern habe ich ja ungefähr den Weg Richtung Hauptstraße gesehen.

Rund um das Hotel: Rathaus, Zentralbank, Provinzverwaltung, Hafen, Stadion: das ist auf hundert Meter sowas wie eine kleine Enklave jenseits der Armut. Den Rest der Stadt (120.000 Einwohner) kann man ohne Übertreibung als Slum bezeichnen. Natürlich hätte ich mir gerne die Verladeanlagen von der Bahn aufs Schiff im Hafen angeschaut. Aber der Weg dorthin führt nach meiner Einschätzung durch ziemlich unsicheres Terrain. Also andere Richtung: Hauptstraße entlang.

Gestern Abend habe ich ja schon die Fahrt in einem Uralt-Taxi genossen. Das sind keine Oldtimer wie in Kuba sondern die Schrottautos, die wir in Zahlung geben, um mit der Umwelt-Prämie mit gutem Gewissen einen Neuwagen zu kaufen. Unsere Öko-Seele mag das beruhigen. Dabei haben wir lediglich unsere Dreckschleuder nach Afrika verschoben wo sie -mit ausgebautem Katalysator- noch einige Jahrzehnte und einige 100.000 Kilometer mehr läuft. Klasse für die Emmissions-auf dieser Welt.

Ich möchte eines der Schrottvehikel fotografieren. Ein Polizist mit Gewehr in der Hand hält mich an. Ich habe nicht bemerkt: das Auto steht vor einer Kaserne. Naja, die war aber nicht so leicht zu erkennen. Unsere Bundeswehr würde streiken, wenn sie das Gebäude auch nur als Latrine zum Pinkeln nutzen müsste.

Jedenfalls bin ich verhaftet und werde in das Innere der Anlage geführt. Der Chef höchst persönlich begrüßt mich. „Allemagne“ sage ich. Wenigstens lächelt er daraufhin. Er spricht sehr gut Englisch. Ich erkläre ihm, dass ich doch nur das alte Taxi knipsen wollte. Die Bilder auf meinem Handy werden durchstöbert. Zum Glück habe ich die Fotos von der Grenzkontrolle auf dem anderen Apparat. Nichts Verdächtiges. Ich werde belehrt: Militär, Polizei, Sicherheit. No Pictures. Ich nicke demütig und der Soldat, der mich verhaftet hat, darf mich wieder nach draußen eskortieren. Diesmal mit Gewehr auf dem Rücken. Er entschuldigt sich. Ich klopfe ihm auf die Schulter: „Alles ok. My mistake“

Die Bettelei auf der Straße ist heftig. Irgendwann ist das Kleingeld alle. Doch die Schar der Kinder zieht unverdrossen hinter mir her. Ich biege in eine Seitenstraße ab. Es gibt hier in diesem Quartier keine kleine Bar. Mal hinsetzen, eine Cola trinken. In dem Stadtteil werden vor allem Autos repariert. Wer bei uns einen kaputten Mercedes aus den 1980er Jahren hat: Hier sitzt das know how, um ihn wieder fahrbereit zu schrauben. Ob auch mit TÜV? Mit einfachsten Mitteln wird gedreht, gehämmert und geschweißt. Gleich ob Auto oder Motorroller. Schrotthaufen, die wirklich fahruntüchtig sind, werden zerlegt. Jeder Bolzen, jedes Teil könnte ja wieder gebraucht werden. Es sind keine Werkstätten wie bei uns sondern einfache Hütten. Man sitzt davor im Sand und arbeitet. Sechs bis sieben Dollar beträgt der Verdienst im Schnitt in Mauretanien pro Tag. Hier soll er kaum höher als ein Dollar sein.

Zurück auf der Hauptstraße. Der Besitzer eines Ladens verkauft Kamelfleisch. Er wollte unbedingt geknipst werden als ich seine Werbung vor dem Laden fotografierte, duckte sich dann aber weg. Später ist mir eine andere Aussage des Bildes aufgefallen, die das Leben hier prägt. Rechts oben ist ein Bildschirm zu sehen. Die Menschen verfolgen den halben Tag auf Netflix, im TV, auf dem Smartphone das Leben in unserer „ersten“ Welt. Der Kontrast zu ihrer eigenen Situation begleitet sie permanent. Und natürlich wollen sie ein Leben wie wir. Genauso wie wir. Und sie wissen, dass sie unter den Rahmenbedingungen in ihren Ländern dafür nie eine Chance erhalten werden. Also setzen sie alles daran in die EU zu kommen, egal wie hoch ihr persönliches Risiko ist. Kein Zaun und keine Obergrenze werden sie aufhalten. Und wenn wir statt Geld nur Sachleistungen gewähren: So what. Jeder der einen Dollar pro Tag nach Hause schickt, verdoppelt das Einkommen siner Familie.

Nouadhibou liegt auf einer Halbinsel. Mehre Kilometer lang aber kaum 500 Meter breit denn Mauretanien teilt sich den schmalen Streifen mit Marokko. Die Erzbahn läuft in der Mitte hart an der Grenze. Trotzdem traue ich mich nicht die letzten 150 Meter bis zu den Gleisen zu laufen. Hierleben die Menschen quasi in Pappkartons. Es geht nicht nur um meine Sicherheit sondern ich möchte nicht wie jemand wirken, der Elend besichtigt.

Auf dem Rückweg. Ich kaufe Cola und O-Saft, der hier aus der Dose mit Fruchtfleisch super schmeckt. Dazu einige Kekse. Morgen ist wieder Reisetag, da möchte ich vorher nichts Frisches essen.

Nach drei Stunden zurück ins Hotel. Lesen, schreiben. Abends bestelle ich bei der Lady an der Rezeption meinen Transfer zur Bus-Station. Sie nickt eifrig. Punkt 6.15 Uhr soll ich am nächsten Morgen antreten. Denkste.

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Mittwoch, 15. Nov. 2023. Dakhla – Nouadhibou

Heute geht es endlich weiter. Um 8.30 Uhr ist Abfahrt. Die Busstation liegt zum Glück keine 200 Meter vom Hotel entfernt. 7 Uhr aufstehen, duschen. Es ist noch Zeit für eine Zimmerreservierung per Internet. Wann habe ich wieder so ein gutes Wlan? Also jetzt die Chance nutzen. Eine fatale und teure Entscheidung wie ich zwei Tage später leidvoll erfahre. Nach der Buchung fängt der Reise-Laptop (ein Billiggerät vom Discounter) an mit einem Update. Vorher hatte ich immer abgelehnt, wenn der PC mir neue Software aufspielen wollte. Jetzt fragt er nicht einmal sondern legt einfach los. Nach einer halben Stunde ist er bei 23 %. Ich breche den Upload ab. Der Bus wartet und wer weiß wann wieder einer fährt.

Sonnenaufgang

Dort warten nur wenige Fahrgäste. Zeit genug um für ein Petit Dejeuner nebenan in einer kleinen Bar. Ein Baguette mit Käse plus Kaffee. Richtig gut. Vorher schnell die Registrierung bei der Busgesellschaft. Gepäck verstauen, Sitzplatz suchen.

Der ziemlich moderne Bus füllt sich an den kommenden drei Stationen quer über die Stadt. Ich habe Glück. Der Platz neben mir bleibt frei. Allerdings sitze ich auf der Sonnenseite, Das bedeutet: die Vorhänge bleiben geschlossen. Keine Aussicht.

Am letzten Stopp werden die Klappen unter dem Wagen mit Kisten und Kartons gefüllt. Die Fahrt dient auch der Versorgung der kleinen Orte entlang der Straße.

Wir fahren immer die Küste entlang. Je weiter wir nach Süden kommen, desto schmaler wird die Straße. Aber es ist ordentlich LKW-Verkehr. Mauretanien muss Obst und Gemüse importieren. Und viele der Trucks haben sogar den Senegal oder noch weiter entfernte Länder zum Ziel.

Es geht gut voran. Halte in vier fünf Wüstenkäffern. Hier möchte man nicht leben. Ab und zu ein Checkpoint. Ein Polizist oder Soldat schaut freundlich in den Bus und weiter geht es.

Gegen 14.30 Uhr endet die Fahrt an der marokkanisch / mauretanischen Grenze. Es ist noch Mittagspause. Das Tor zu.

Ein Beamter gibt uns zu verstehen, um 15 Uhr geht es weiter. Die LKW Schlange ist lang. Bis der Schlagbaum um 18 Uhr wieder runter gelassen wird, werden sicher nicht alle die Grenze passiert haben.

Ich spreche zwei Europäer an: einen Waliser und einen Polen. Wir verabreden gemeinsam die Kontrollen zu passieren. Später schließen sich zwei Franzosen uns an. Kurz vor drei kommen die Beamten vom Essen zurück. Wir müssen zu Fuß über die Grenze. Auf der anderen Seite soll ein Van auf uns warten. So steht es im Internet.

Erste Station: Eingangskontrolle: Im Prinzip wird überprüft, ob jeder einen Pass dabei hat und ob Bild und Inhaber sich ähnlich sehen. Fünfzig Meter weiter eine kleine Bude.

Einer von uns hat immer die Papiere im Blick. Sind die weg, wird es unangenehm.

Die Fenster sind verschlossen. Der Beamte ist wohl noch in Mittagspause. Wir müssen unsere Ausweise auf einen Stapel legen und warten in der Hitze. Gut dass wir Europäer uns zusammengetan haben. Vor der Bude drängen sich mittlerweile 30 bis 40 Leute. Da macht es Sinn, dass einer von uns immer einen Blick auf die gestapelten Papiere wirft, während der Rest von uns den Schatten sucht.

Es geht weiter

So nach 20 Minuten hat der Zöllner hier auch sein Dessert intus und es kann losgehen. Leider mit dem falschen Stapel. Unsere Pässe sind die letzten die gestempelt werden.

Rucksack aufschnallen. Unser Gepäck wird nicht kontrolliert. Im Prinzip ist die Prozedur freundlich, eigentlich easy. Aber sie dauert. Und sie ist noch nicht fertig. Denn wir reisen nicht direkt nach Mauretanien sondern müssen zwei Kilometer durch No-Man’s-Land, also Niemandsland. Die Passage war bis vor einigen Jahren schwierig. Hier wurde gekämpft. Auch wenn mittlerweile die meisten Minen beseitigt sind, garantieren kann niemand, dass neben der Piste noch Explosionsgefahr herrscht. Auch die zerschossenen Autos und Panzer von denen man im Internet gelesen hat, sind mittlerweile abgeschleppt Marokko habe wohl hier in den letzten Jahren in allen Belangen für Ordnung gesorgt, liest man. Aber: wir betreten hinter der Grenze „Niemandsland“. Deshalb müssen wir mit allen Schikanen noch einmal registriert werden.

Der berühmte Wall. Unser Anblick während der Wartezeit

Jenseits des Schlagbaums stehen massig Autos, die wohl den Transport bis zur mauretanischen Grenze übernehmen. Der Pole ist mittlerweile abhanden gekommen. Er musste sich eh ab hier ein neues Ticket kaufen. Der Waliser und ich hatten bis Mauretanien durchgebucht. Ein junger Mann spricht uns an, ob wir Tickets von Supra@Tours hätten. Haben wir. Unser Gepäck wird auf das Dach eines Van verladen, der überhaupt nicht so neu und bequem aussieht wie der von der Gesellschaft im Internet gezeigte. Also eher ein Buschtaxi. Es ist ziemlich eng. Wir blicken durch die Tür auf eine Müllhalde und die Mauer, die hier irgendwann vor einigen Jahrzehnten entlang der Grenze gebaut wurde, um wen auch immer vom Überschreiten abzuhalten. Der Waliser erzählt, man könne diesen Wall vom Weltall aus der Raumstation erkennen. Der Anblick dieser Barriere macht aber auch klar wie sinnlos das Bauen von Mauern ist. Eigentlich hat man hier Meterhoch über einige hundert Kilometer Sand aufgetürmt, der sich mit jedem Sturm weiter verflüchtigt.

Im Bus ist Geduld angesagt. Wir wissen nicht, warum es nicht weitergeht. Niemand hier spricht Englisch. Der Waliser und ich zweifeln irgendwann, ob wir im richtigen Transporter sitzen, sagen uns aber, dass wir es eh nicht ändern können. Nach einer Stunde kommt eine junge Frau in den Van. Auf sie und ihren Mann haben wir wohl gewartet. Er darf die Grenze nicht passieren, wenn wir die Gesten richtig interpretieren. Beide rufen sich noch etwas zu. Es geht weiter.

Bis zu dem kleinen Hügel reicht die Einflußzone von Marokko. Soweit ist auch die Straße geteert. Danach wird es holprig.

Auf dem ersten Kilometer ist die Straße zwar schon ganz schmal aber noch geteert. Der letzte Kilometer Richtung Mauretanien ist Piste, prall bedeckt mit Schlaglöchern, manche Metertief. Unser Driver fährt Slalom. Er macht die Tour wohl täglich. Kein Grund zur Sorge.

Vor dem Tor zu Mauretanien warten schon die Geldwechsler auf uns. Kaum stehen wir reisen sie die Tür auf. Der Walliser kennt sich mit den Kursen gut aus und ich tausche einen Teil meiner marokkanischen Dirham in mauretanische „was weiß ich“.

Blick aus Mauretanien Richtung Marokko

Die Zollstation ist von hohen Mauern umgeben. Drinnen nimmt uns unser Fahrer an die Hand. Wir brauchen im Gegensatz zu den Afrikanern ein Visum-on-Arrival. Da ist es gut, wenn jmd die Zuständigkeiten kennt. Aber erst mal zeigen, dass wir einen Pass haben und dass das Bild uns zeigt. Danach geht es in die Visa-Abteilung: Ein dunkler Raum. Auf einem schäbigen Sofa ein schlafender Zöllner. Ich traue mich nicht zu fotografieren. Aber dann geht alles relativ flott. Ich ziehe meine Fußballnummer ab. I’m Bayern München, my College is Arsenal. Ist meistens ein Eisbrecher. So auch hier. Der PC auf dem Schreibtisch ist Baujahr 2000 oder früher und seither nicht gereinigt. Aber es reicht, um die 55 Euro Gebühren zu verbuchen und eine Marke in den Pass zu kleben.

Nächste Station: Polizei. Hier drängen sich zwanzig Menschen um die Tür. Wir bekommen unsere Pässe abgenommen und warten. Jedes Mal wenn ich denke: jetzt ist mein Pass dran, betritt jemand den Raum und legt einen neuen Stapel Papiere hin und mein Dokument und das des Walisers rutschen wieder nach ganz unten. Blödes Spiel. Vor allem weil wir in einer Menschenmenge stehen in der wir von allen Seiten geschubst und gedrückt werden. Corona und Taschendiebe sind meine Befürchtung. Zufall oder mit der Absicht auf einen Dollar Schein im Pass?

So nach 30 Minuten werde ich ärgerlich und beschwere mich. Der Türsteher zeigt Verständnis und tatsächlich 15 Minuten später werden unsere Dokumente gestempelt. Es dauert extra, weil bei Europäern der halbe Pass nochmal abgeschrieben wird. Dann steht der Beamte auf und geht mit uns vor die Tür ohne uns die Papier zurückzugeben. Hier ein Schwätzchen, da eine Umarmung. So nach zehn Minuten kehrt er zurück in das Gebäude. „My Boss“ meint der Zöllner und zeigt auf einen baumlangen Kerl, der sich unsere Pässe krallt und in einen anderen Raum führt.

Irgendwie ist der Mensch ja urig angezogen. Eine Warn-Weste wie ein Mitarbeiter der Autobahnbaumeisterei auf der groß die Buchstaben „Interpol“ prangt. Auf dem Programm steht: Kreuzverhör oder so was ähnliches. Der Mann spricht gut Englisch. Woher, wohin? Beruf? Verdienst? und und und. Ich überlasse dem Walliser die meisten Antworten. Irgendwann kommt unser Fahrer rein (die beiden kennen sich wohl) und drängt auf Abfahrt.

Es geht weiter: Nächster Quälgeist: Der Drogenhund. Für mein Gepäck zeigt er kein Interesse aber mich schaut er ziemlich missmutig an. Möchte nicht wissen was der Wau Wau denkt. Zu guter letzt noch einmal Pass zeigen. Stempel drin, Bild bin ich. Mauretanien wir kommen.

Nach zwei drei Kilometern überqueren wir die Gleise der Erzbahn. Ein Notfoto aus dem vollen Van vom Bahnübergang, Ist ja schließlich mein Hobby.

Keine 50 Meter weiter hält der Kleinbus an einer Kreuzung neben einem anderen Transporter. Umladen. Hier werden die Passagiere Richtung Nouakchott und Nouadhibou getrennt. Ich beschließe die Zeremonie von außen zu verfolgen, obwohl ich meinen Bus nicht wechseln muss, denn er fährt Richtung Nouadhibou weiter. Aber so kann ich noch ein Bild vom Bahnübergang machen.

Gut dass ich aussteige. Der Boy denkt wohl, dass ich mit dem Waliser weiterreise und hat meinen Rucksack auf den Van Richtung Hauptstadt gewuchtet. Alles zurück. Ich denke mir „alles ist gut“ und setze mich wieder auf meinen Platz. Plötzlich zwei Geräusche gleichzeitig. Es ist wieder jemand aufs Dach gestiegen, obwohl auf beiden Wagen bereits ein Netz über das Gepäck gespannt ist. Und eine Lokomotive pfeift. Gibt es doch nicht denke ich: Was für Glück. Höchstens viermal am Tag werden die Schienen genutzt. Und jetzt gerade, wenn ich komme.

Ein kilometerlanger Erzzug rauscht an uns vorbei. Er kommt vom Hafen. Die Waggons sind leer, Bevor ich wieder Einsteige ein Blick auf das Dach des Van. Siehe da. Jetzt steht die Tasche auf dem falschen Dach. Alarm. Alles zurück.

Endlich kann es weiter gehen. Es sind etwa 20 Kilometer bis Nouadhibou. Dort kommen wir mitten in einem Slum an. Hohe Mauern begrenzen den Fuhrpark des Unternehmens. Ich frage wie ich an ein Taxi komme. „An die Straße stellen“. Blöd nur, hier gibt es keine normalen Taxis sondern nur Wagen die anhalten und man steigt ein. Meist überfüllt, immer total ramponiert. Keine Scheiben, fehlende Armaturen, keine Türgriffe, total zerbeult. Ich steige in einen Wagen mit zwei bunt gekleideten Ladies und einem Fahrer, der ununterbrochen lacht und Scherze macht. Mein Hotel kenne er, schwört er mir. Irgendwann merke ich, er sucht. Ich habe die Adresse auf dem Handy. Nützt nix. Er kann wohl nur arabisch lesen. Zwei dreimal findet er einen Kumpel der die lateinische Schrift beherrscht. Nutzt auch nix. Hauptsache er bleibt weiter so fröhlich.

Irgendwann hält er vor einer Herberge. Ist aber nicht die die ich gebucht habe. Der Name klingt aber ähnlich. Von hier werden wir nach dort geschickt und von dort nach da. Stadtrundfahrt ist angesagt. Plötzlich sehe ich von Ferne die Flutlichtmasten. Genau: Mein Hotel grenzt an ein Stadion. Gefunden.

Ich hatte nur für eine Nacht gebucht, weil ich erst wissen musste, wie ich weiter nach Nouakchott komme. Die nächste Odyssee beginnt. Einchecken an der Rezeption geht schnell. Klar. Der Chef ein Spanier, managt alles. Auch der Mann von der Rezeption macht das professionell. Um den Bus zwei Tage später soll sich die Assistentin kümmern. Sie verspricht zu telefonieren. In dreißig Minuten sei alles in Ordnung. Denkste. Als ich nach einer Stunde wieder komme. Upps. Vergessen. Naja, wenn man nur auf dem Handy surft. Nach dreißig Minuten das gleiche Spiel. Ich gehe Abendessen. Wieder nix. Zum Glück ist der Spanier wieder da. Ein Anruf und er hat eine Agentur an der Strippe. Da für den übernächsten Tag schon viel verkauft sei, solle ich gleich kommen. Der Boy des Hauses packt mich in einen uralt Pickup, der alle 400 Meter neu gestartet werden muss. Er nutzt kosequent die Gegenfahrbahn, beschimpft die Entgegenkommenden als Geisterfahrer und mag keine roten Ampeln. Aber ich bekomme mein Ticket. Auf der Rückfahrt halten wir noch an einem wundervollen Obststand. Ich decke mich ein, inklusive Cola im Laden nebenan.

Gut ggeschlafen.

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Dienstag, 14. November 2023. Dakhla

Noch ein weiterer Tag hier. Morgens wieder das Frühstück auf der Dachterrasse genossen. Also hauptsächlich die Aussicht. Lesen.

Ich hatte bei Booking.com das Zimmer gebucht. Für die Verlängerungsnacht wollte der Bursche an der Rezeption plötzlich einen Aufschlag von 50 Prozent. Die Masche ziehen sie wohl öfter ab, wenn ich die Bewertungen richtig lese. Ich schüttle nur den Kopf. Gut ist es.

Später ein wenig um die Häuser stromern. Ich ernähre mich heute wie immer vor langen Fahrten von Keksen, denn Morgen werde ich zehn oder elf Stunden im Bus sitzen. Irgendein Virus beim Abendessen am Vortag kann die Fahrt zur Hölle machen.

Kleiner Abendspaziergang an der Promenade. Danach versuche ich es nochmal mit Alkohol. Am Tag zuvor hatte ich eine Kneipe „English Corner“ gesehen. Naturgesetz: Wo Briten sind, gibt es auch immer Bier. Selbst auf England ist seit dem Brexit kein Verlass. Allenfalls ein Schweppes haben sie in der Ecke. Also begnügen ich mich mit Süßlimo plus Espresso und ab ins Bett.

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Montag, 13. November 2023. Dakhla

Lazy Monday. Eine Etappenstadt auf dem Weg Richtung Mauretanien und Senegal. Biker und Jeep-Fahrer machen hier Rast. In meinem Hotel ist eine Gruppe Belgier. Mit vier Autos sind sie auf dem Weg in den Süden. Sie nehmen die Sahara-Route im Inneren von Mauretanien entlang der Eisenbahnlinie, auf der Erze aus der Wüste Richtung Nouadhibou transportiert werden. Wäre mein Traum. Aber dieser Abstecher ist mir zu riskant. Da die West-Sahara von Marokko annektiert ist, gibt es eh schon für hier Reisewarnungen und das Auswärtige Amt schreibt auf seinen Seiten, Annalena dürfe mich hier leider nicht mehr betreuen. Meine Trauer über ihre Weigerung hält sich in engen Grenzen. Die Route der Belgier gilt seit dem Trouble in Mali als hoch riskant, auch wg Entführungen. Die haben zwar einen Guide dabei aber dennoch ich frage lieber nicht, ob sie noch einen Platz frei haben.

Das kleine auf dem Teller ist mein Frühstück. Fladenbrot und zwei Käseecken plus Kaffee. Später noch ein wenig Obst, Teilchen und Saft

Mein Hotel wirbt mit vier oder fünf Sternen. Naja. Aber ordentliche drei sind es schon. Sauber, schnelles Wlan und eine traumhafte Dachterrasse. Das Frühstück ist wieder nix für Diabetiker. Mit Käse, Brot, Butter, einem Teilchen und Obst komme ich gut zurecht. Die Aussicht über das Meer ist schon eine Reise wert. Für einen zweiten Kaffee bleibe ich für eine Stunde hier sitzen. Später schreibe ich ein wenig über die vergangenen Tage. Mittagsschlaf. Gegen vier mache ich mich auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Im Prinzip ist sie auf einer Halbinsel um einen Flughafen gebaut. Viele spanische Zitate bestimmen das angenehme Stadtbild. Auffallend, dass nur ganz wenige junge Mädchen verschleiert sind. Die meisten sind ziemlich westlich gekleidet. Dakhla sei ein Zentrum für Kite-Surfen habe ich gelesen. Davon ist hier auf der Seite Richtung Festland nichts zu sehen.

Auch in den Geschäften deutet wenig darauf hin, dass hier Surfer Kunden sein könnten. Vielleicht ist das am Meer jenseits des Airports anders. Das Angebot hier in den Läden richtet sich eher an die Hausfrauen vor Ort.

Es gibt so eine Art Mall für Schmuck

Ich sehe zwei Europäer aus einem Barber Shop kommen. Sie scheinen sehr zufrieden Der Salon sieht auch innen gut aus: Rasieren. Haare schneiden. Eine ganze Stunde Arbeit für vier Euro. Ich runde ziemlich großzügig auf. War zwar nicht einfach mit der Verständigung: aber der Mann könnte bei uns sofort anfangen.

Abends in ein im Internet hochgelobtes Fischlokal, das angeblich sogar eine Lizenz für Alkohol hat. Das mit dem Sprit stimmt nicht und auch der Blick auf die Speisekarte und die Nachbartische sind eher ernüchternd. Ich bestelle eine Paella. Kann man nicht viel falsch machen.

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Sonntag, 12. Nov. 2023. Marrakesch – Dakhla

Ab jetzt wird es härter. Die Wüste ruft. Morgens im Hotel gut gefrühstückt. Wirklich lecker hier. Der anschließende Zirkus mit dem Taxifahrer war weniger köstlich. Er wollte mich richtig abziehen. Mit Hilfe des Türstehers vom Hotel. Kleiner Auflauf. Ohne zu fragen, schnappte sich der Chauffeur meinen Rucksack und rannte in eine Richtung wo sein Wagen stehen sollte. Kurz haben wir beide an dem Stück gezogen, dann war er wieder mein. Ich habe ein Taxi auf der Straße angehalten. Problem gelöst. Die Jungs hinter mir haben richtig getobt.

Warten am Airport. Eine Fahrt mit dem Bus in die West Sahara hätte 25 Stunden gedauert. Kein Vergleich zu den drei Stunden, die man vorher am Airport sein sollte. Aber erst mal warten. Bis die Jungs am Check ihre Counter eingerichtet hatten, war die erste Stunde rum. Dann fiel in meiner Reihe der PC aus. Aber mit Reißverschluss-Verfahren ging es flott weiter. Der Ansturm auf die Maschine war eh überschaubar. Viele sehr alte Menschen an Bord. Mit Rollstuhl und Betreuer. Man fliegt offenbar Patienten aus der Wüste ins Krankenhaus.

Absolut ruhiger Flug in einer maximal halbvollen Maschine. Ziemlich neuer Airbus. Billiglinie. Da kostet halt die Cola. Blöd nur wenn die Mädels kein Wechselgeld haben. Zum Glück hatte ich noch zwei Euro in der Jeans. Landung in einer anderen Welt.

Hier kommen so drei bis vier Maschinen die Woche an. Das will halt jeder Polizist und jeder Zollbeamte, obwohl Binnenflug, alles besonders genau machen. Es dauert.

Hotel. Auspacken. Abends habe ich mich um die Weiterreise Richtung Mauretanien gekümmert. Frust am Schalter in der Station. Der nächste Bus kommt erst am Mittwoch. Drei Tage in Dahkla rumhängen. Ich kaufe ein Ticket bis Nouadhribu oder so. Ich hätte auch gleich bis Nouakschott durchfahren können. Aber dann wären nochmal sechs Stunden Fahrt on top gekommen. 15 Stunden im Bus sind mir zu lang. Deshalb mache ich die Reise in zwei Etappen.

Später am Strand zugeschaut. Es ist angenehm warm. Mich von Keksen und Cola ernährt. Früh geschlafen.

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Samstag 11. November 2023. Marrakesch

Morgens gut im Hotel gefrühstückt. Endlich mal wieder richtig Abwechslung am Buffet. Vor allem verschiedene Käsesorten, Tomaten, Oliven und Gemüse.

Dann in ein kleines Cafe auf einen Tee…

…Straße gugge. Unsere Bauaufsicht hätte ihre helle Freude.

Lesen und schreiben. Um 14 Uhr Pflichttermin: Kickers-Spiel im Internet hören. Wir haben gewonnen. Auswärts in Steinbach. Das ist ein Gute-Laune-Bringer.

Abends zum Jemaa el-Fna Platz. Er hat großen Anteil, dass Marrakesch ein Touristenmagnet ist. Die Stadt hat sich verändert: aber nicht zum Positiven. Oder doch: wenn man es aus der Brille der Menschen, die hier leben, sieht. Viele profitieren gut davon. Das ist auch eine Qualität. Hier bietet der Staat halt keine „Rundum-sorglos-Pakete“. Die Menschen sind darauf angewiesen, jede Chance auf einen Verdienst zu nutzen.

Ich war schon einmal hier. 1989. In jenem Jahr bin ich mit dem Bus und dem Zug quer durch Marokko. Marrakesch wirkte zwar damals schon nicht mehr wirklich authentisch, aber die Stadt hatte immerhin noch einiges von ihrem ursprünglichen Charme und Flair bewahrt.

Einst war sie Anziehungspunkt für Menschen, die einmal im Jahr aus vielen hundert Kilometern Entfernung in die Metropole kamen. Man muss sich das vorstellen. Aus primitiven Bergdörfern im Atlas oder aus den Weiten der Wüste reisten sie manchmal Tage hierher. Das ganze Jahr harte Arbeit. Wohnen in Hütten ohne Wasser und Licht. Da wollte man hier nicht nur Besorgungen machen: Einkaufen, Arzt etc sondern auch mal in eine Glitzerwelt eintauchen, was erleben, einen drauf machen. Der Jemaa el-Fna Platz war allabendlicher Treffpunkt: zum Essen, zum Musizieren. Jede Menge Gaukler bespaßten die Landeier. Und natürlich gab es Nepper, Schlepper, Bauernfänger.

1989 konnte ich noch etwas von den Ursprüngen erleben. Die Einheimischen dominierten die Szenerie. Man saß in Gruppen auf dem Boden, hörte Geschichtenerzählern zu, lauschte den Trommlern oder bewunderte Akrobaten. Eine Nummer ist mir noch besonders in Erinnerung. Und ich muss jedes Mal lachen, wenn ich daran denke. Alles habe ich nicht verstanden aber die Gesten war eindeutig. Um einen Teppich standen Menschen und ein Mann erzählte ihnen, wenn sie jetzt Geld auf das Tuch werfen, fliege die Spende direkt nach Mekka und mit ihr alle Sünden. Eigentlich ein faires Geschäft. Viele Zuschauer nutzten die Gelegenheit des Ablasshandels. Und warfen „Sicher ist sicher“ nicht nur Münzen sondern auch Scheine. Der Mann rollte nach zehn Minuten den Teppich zusammen, sprach einige Gebete. Und was soll ich sagen: Als er die Matte wieder ausrollte, war das Geld auf dem Weg nach Mekka oder so.

Aber schon damals verstanden viele, dass mit Touristen das bessere Geld zu machen ist. Die Schlangenbeschwörer ließen ihre Nattern nur tanzen, wenn die Ausländer vorher für das Foto zahlten. Was ich ja auch irgendwie verstehen kann. Nur gegen die Besucher der Dachterrassen, die mit ihrem Riese-Tele Gratisbilder schossen, hatten die Fakire und ihre Nattern keine Chance. Das war halt der Unterschied. Die Wüstenbewohner gaben freiwillig einen Opulus, wenn den Kick genießen wollten. Spät abends mit der Dunkelheit wurden hier ungezählte Stände aufgebaut. Streetfood Time. Man setzte sich irgendwo daneben und radebrechte.

Heute ist das Angebot auf diesem Platz austauschbar mit allen Hotspots auf dieser Welt. Blinkende kleine Propeller, Plastik Minarette, Tür-Magnete, Flaschenangeln und China Schrott. Ein Teil der Fläche würde bei uns als Polenmarkt durchgehen. Statt orientalischer Klänge und Exotik: HipHop Tänzer und Ballon-Verkäufer. Koberer versuchen die Passanten zu den mittlerweile fest eingebauten Essständen mit vorgegaukelter Authentizität zu ziehen. Dazwischen Mopeds und Motorräder ohne Ende.

Eigentlich wollte ich ja zum Essen hierher. Aber das Angebot lockt schon beim ersten Hinsehen nicht. Also wenn schon denn schon. Nachdem ein Falafel-Lokal in einer benachbarten Gasse, das ich als Alternative erkoren hatte, geschlossen ist, gönne ich mir in einer Seitenstraße der Medina ganz weit hinten und fern vom Trubel einen Edelitaliener.

Ein einfaches Haus in einer heruntergekommenen Straße.

Innen aber 1000 und eine Nacht. Richtig gut. Richtig vornehm. Aber auch unverschämt teuer.

Am Ende finde ich aus dem Labyrint an Gassen wieder heraus und schaffe es sogar mit dem Linienbus mein Hotel in drei Kilometer Entfernung zu finden.

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Freitag, 10. November 2023. Fes – Marrakesch

Reisetag. Frühstück. Das Essen hier wird mir fehlen. Herzlicher Abschied vom Servicepersonal und der Köchin. Rechnung absolut ok. Eher ein Schnäppchen.

Ein Gepäckträger holt meinen Rucksack mit einer Karre aus dem Hotel. Am Ende dieser schmalen tristen Sackgasse so ein tolles Haus. Gerne komme ich wieder. Taxi. Bahnhof.

Das marokkanische Hochgeschwindigkeitsnetz ist gut ausgebaut. Tempo 200 plus. Die Züge bequem und ziemlich voll. Vor 30 Jahren bei meinem letzten Besuch war alles eher Schrott und man hatte den Waggon für sich alleine. Heute stehen in Rabat und Casablanca riesige futuristisch wirkende Bahnhöfe. Drinnen wirkt alles sauber. Die Abläufe sind wohlgeordnet. Aber es ist auch massig Personal da. Der Zug wird später richtig voll. Blöd für mich, ich hatte meinen reservierten Platz für ein französisches Paar geräumt, damit die nebeneinander sitzen konnten. Das wollte die sehr resolute Ehefrau nicht mehr rückgängig machen. So musste ich dreimal umziehen.

Draußen gleitet eine fruchtbare Landschaft an mir vorbei. Felder prall gefüllt mit Obst und Gemüse. Es grünt. Wasser gibt es wohl aus dem Atlas genug.

Aber je höher wir kommen, desto karger die Landschaft.

Der Zug erreicht auf die Minute Marrakesch. Mein Hotel liegt direkt gegenüber dem Bahnhof. Im ersten Moment bin ich erschrocken. Die Tür ist geschlossen. Ein Pfeil verweist auf das Nachbarhaus, ein renommiertes Hotel. Das betreut wohl seit kurzen auch diese Herberge. Man hat wohl fusioniert. Mir kann es recht sein. Kleiner Preis aber ein schönes Zimmer. Und das Büffet zum Frühstück am nächsten Morgen ist sehr reichhaltig.

Abends Nudeln essen. Den Weiterflug in die West-Sahara gebucht. Bis Marrakesch ging es ja ohne Flieger und Auto. Aber ab jetzt werden die Entfernungen weiter.

Lesen. Bett

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Donnerstag, 9. November 2023: Fes-Meknes

Heute eine gebuchte Tour ins Gebirge Richtung Meknes. Eigentlich wollte ich mit einem Touri-Bus fahren. Irgendwie Mitläufer, um mich nicht den ganzen Tag auf einen Führer konzentrieren zu müssen. Das hatte ich auch so mit der Rezeption kommuniziert. Pünktlich um 9 Uhr werde ich abgeholt. Es ist immer wieder faszinierend wie die Logistikketten organisiert sind. Am Ende der sicher 100 Meter langen Gasse halten sich den ganzen Tag einige Männer mit einem Karren bereit. Gibt es was zu transportieren oder muss jemand begleitet werden, dann kommt jemand aus diesem Pool. Ich werden weitergereicht an einen Mensch mit Auto, der mich zum Treffpunkt chauffierte. Dort wartet Mohammed auf mich.

Viewing Point

Im ersten Augenblick bin ich ein wenig sauer: Wieder den ganzen Tag alleine mit Führer. Nach einer kurzen Fahrt bemerke ich, dass in dem SUV auch hinten noch ein Mädchen sitzt. Sie ist vielleicht 18 und kommt mitten aus New York. Es ist auch keine geführte Tour sondern der Fahrer setzt uns an bestimmten Punkten ab und wir dürfen die Sehenswürdigkeiten auf eigene Faust erkunden. Genau das richtige für mich heute.

Erste Station die ehemalige römische Stadt Volubilis. Die Ruinen sind sehr gut erhalten und beeindrucken durch viele Mosaike. Auch die Funktion der Thermen, Zisternen und der Wasserversorgung kann man sich heute noch gut vorstellen. Ebenso das alte Stadtbild mit den Häusern und kleinen Manufakturen. Eine restaurierte Ölpresse ist Beispiel für die technischen Fähigkeiten der Römer. Bekannt ist Volubilis durch Caracella Bogen, der zum Uno Weltkulturerbe zählt. Der gut erhaltene Triumphbogen war einst das Tor Richtung Tanger.

Nächste Station: Moulay Idris. Hier steht das Mausoleum des Staatsgründers Idris. Deshalb durfte lange bis in das 20 Jahrhundert die Stadt von Nicht-Muslimen nicht betreten werden. Das Grab darf auch heute von Christen nicht besucht werden. Die Medina der Stadt ist eher karg.

Über dem Königspalast in Meknes. Auch er hat vom Wetter in Mitteleuropa die Schnauze voll.

Weiter nach Meknes. Die Medina hier kann im Ansatz nicht mit Meknes konkurrieren. Nicht sehr groß, hier leben etwa 1.000 Menschen.

Das Angebot an den Ständen erinnert eher an einen Flohmarkt. Ich mache einen Streifzug entlang der Hauptstraße und beschließe dann auf einer Dachterrasse einen Tee zu trinken. Von oben das Geschehen beobachten.

Um 15 Uhr öffnet das Grabmal von Moulay Ismail. Gehört auch zum UNESCO Weltkulturerbe. Sorgsam renoviert und in seiner Pracht beeindruckend. Ismail verlegte im 17 Jahrhundert die Hauptstadt von Fes nach Meknes. Die Residenzen bleiben unvollendet. Immerhin befindet sich hier einer der 60 Paläste des marokkanischen Königs, erzählt uns der Fahrer ganz stolz. Möchte mal den Stolz unserer Guides erleben, wenn sie auf einer Führung berichten würden, unser Kanzler residiere abwechselnd in einem von 60 Schlössern.

Abends packen und wieder in meinem Ryad essen. Köstlich wie immer.

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Mittwoch, 8. November 2023: Fes

Frühstück: Einziger Kritikpunkt an dem Haus. Gut aber zu viel Süßfraktion.

Will meine Fahrkarte Richtung Marrakesch kaufen. Der Weg zum Bahnhof lässt sich mit einer Besichtigung des Jüdischen Viertels kombinieren. Genau die richtige Länge für einen Fußmarsch. So langsam finde ich mich in dem Gewirr der Gassen zurecht. Zumindest auf den Hauptwegen. Ich muss heute aber auch nur am Rand ein Stück durch die Altstadt laufen.

Erste Station ein Park. Jnan Sbil. Ich genieße im Schatten die Ruhe. Es ist eine sehr gepflegte Anlage mit einem kleinen See. Auffällig die vielen Jugendlichen am Vormittag. Die Jugend-Arbeitslosigkeit mag hoch sein.

Weiter. Nächstes kleine Viertel: Schmale Durchgänge, kleine Soukhs, Geschäfte und Werkstätten. Nix Touristisches sondern Angebote für die Nachbarschaft und alle Lebenslagen.

Eine Vielfalt von interessanten Hinguckern. Es macht Spaß durch die vielen kleinen Gassen zu stromern. Irgendwann stehe ich im Gewirr der Gassen vor einer Wand. Ich habe mich verlaufen. Aber zum Glück gibt es Google Maps. Ich finde den Exit und das Eingangstor zum Jüdischen Viertel daneben.

Im 14. Jahrhundert mussten die Juden aus Andalusien vor den Christen fliehen. Auch aus anderen Regionen rund um das Mittelmeer hat man sie vertrieben. Viele siedelten in muslimischen Ländern. Erste Spuren jüdischen Lebens gibt es in Fes bereits im 8. Jahrhundert. Die Stadt beherbergt somit eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Nordafrika. In Fes leben heute nur noch wenige 100 Menschen jüdischen Glaubens. Sie haben die vollen Bürgerrechte. Nur im Erbrecht und bei Familienangelegenheiten entscheidet der Rabbi. Jüdische Viertel etablierten sich in der Vergangenheit auch, weil sich die Menschen mit Mauern schützen mussten, deren Tore nachts abgeschlossen wurden.

Die Häuser hier in der Mellah, so wird das Jüdische Viertel genannt, erkennt man an der offenen Bauweise mit Balkonen und Arkaden, ein „Mitbringsel“ aus Spanien. Ihre muslimischen Nachbarn in den anderen Vierteln von Fes betonen dagegen die Privatsphäre mit hohen Mauern, die gleichzeitig vor der Hitze schützen.

In der Mellah hier leben heute fast ausschließlich Araber. Die beiden Synagogen dienen eher musealen Zwecken. Ich entscheide mich für die orthodoxe Kultstätte. Sie wird offenbar regelmäßig gepflegt, auch wenn man den Bänken und Polstern das Alter ansieht. An den Wänden Exponate, die die Geschichte der Gemeinde dokumentieren. Es ist ein Ort der Ruhe.

Draußen: Die Straße mündet in einen Basar. Ein Amazon wieder: Vom Handy bis zum Scherenschleifer, vom Brautkleid bis zur Unterhose.

Dazwischen jede Menge Obst und Gemüse. Und immer wieder die Düfte von exotischen Kräutern und Gewürzen aus dem Orient.

Wenig später im Bahnhof. Ein modernes Gebäude. Hier beginnt das marokkanische Hochgeschwindigkeitsnetz. Ticketkauf ohne Probleme. Taxi zurück in mein Quartier.

Und dort die Ruhe genießen.

Abends Essen in meinem Ryad. Unschlagbar.

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Dienstag, 7. November 2023. Fes

Dienstag, 7. November 2023. Fes.

Mit meinem Host habe ich ein Programm für die drei Tage vereinbart. Heute eine Tour durch die Medina. Morgen erkunde ich die Stadt auf eigene Faust und am Donnerstag nehme ich an einer Tour nach Meknes und zu einer antiken Stadt teil.

Das berühmte Blaue Tor. Haupteingang in die Medina. Von innen. Hier ist es mit grünen Kacheln geschmückt. Von der anderen Seite strahl die Fassade in blau.

Der Guide heute ist ein Glücksfall. Erstens verstehe ich ihn sehr gut und zum anderen ist er in der Medina aufgewachsen. Er scheint mindestens jeden Zweiten hier zu kennen und ist bestimmt schon einmal durch jede der 9.000 Gassen gelaufen und hat jede Treppe der etwa 10 Kilometer langen Mauer, die die Stadt umgibt, bestiegen. 800.000 Menschen sollen allein in der Altstadt leben.

Ich glaube, dass ich einen guten Orientierungssinn habe: aber hier wäre ich in dem Gewirr der Wege nach zwei Minuten verloren. Ok. Als erstes haben wir eine Sim-Karte gekauft. Google Maps wird mich retten.

Zwei ziemlich lange Straßen durchziehen fast parallel die Medina. Sie sind die Highways für das touristische Publikum.

Ungezählte Stande und Geschäfte mit Andenken und Devotionalien. Kitsch und Schrott. Schnäppchen und Gelegenheiten.

Jede der beiden Hauptwege ist sicher einen Kilometer lang aber oft keine zwei Meter breit. Dazwischen verwinkelte Pfade, manche nur 80 Zentimeter von Wand zu Wand, oft kaum mehr als dunkle Gänge. Das Blöde: Die Stadt liegt auf einem Berg. Alles was man runter läuft, muss man auch wieder nach oben klettern.  Autos und Motorräder sind hier tabu. Sie würden an vielen Stellen stecken bleiben. Waren und Möbel werden mit Karren und Eseln (ca. 3.000 dieser Petit Taxi genannten Tiere gibt es) transportiert. Dennoch ist das Gedränge oft atemberaubend und manchmal beängstigend. Nebenbei, wenn jemand ein Sofa bekommt oder eine Waschmaschine werden diese über die Dächer transportiert, die miteinander verbunden sind.

Mein Guide, ein etwa 45 jähriger Mann, ist schon sehr spirituell angehaucht. Die Religion prägt sein Leben. Rund 300 Moscheen laden in der Medina zur Besinnung. „Überall in der Nachbarschaft sind die Gotteshäuser. Es gibt keine Ausrede dafür, dass jemand das Gebet versäumt“. Die oft kleinen Kultstätten sind ein wichtiger Teil der Infrastruktur in den Miniquartieren, Nachbarschaftsblocks oder wie man das immer auch nennen mag.

Am Fraueneingang der Moschee können die Mädels Kerzen aufstellen, So können sie erreichen, dass Männer, die mit ihnen böse sind, wieder lieb werden. Glauben sie.

Von jeder Wohnung nach wenigen Metern schnell erreichbar: Brunnen, die früher für das Leben essentiell waren. Außerdem gab es quasi in jeder Gasse eine Art öffentlicher Bäder. Heute haben alle Haushalte Wasser und Strom.

Diese Kawanserei ist aufwändig mit Hilfe der UNESCO saniert. In alter Pracht. Dokumentiert ist ihr Zustand vor der Sanierung. Eigentlich nicht mehr als ein riesiger Haufen Ziegelsteine.

Kawansereien in jedem Quartier der Altstadt dienten einst als Hotels. Notwendige Voraussetzung für den Handel. Die Zimmer gruppierten sich um einen Hof für die Lasttiere  In Funktion sind noch die Gemeinschaftsöfen an fast jeder Ecke, zu denen die Menschen ihren Teig bringen. Man stellt sein Brot oder den gekneteten Kuchen vor die Haustür.

Jemand der gerade Zeit hat, nimmt den Teig mit in die Backstube und dort hockt ein Mensch in einer Grube, hält die Flamme am Brennen und schiebt mit einer riesigen Schaufel die Köstlichkeiten in das gemauerte Steinwerk.

Ich hätte stundenlang zuschauen können. Und dann gibt es noch überall die Koranschulen, die von Jungen im Alter von drei bis sechs Jahren besucht werden. Meist hinter einer mit Ornamenten verzierten Bretterwand hört man die Kids wie sie endlos die Suren zitieren oder soll ich „herunterleiern“ sagen.

Grundschule

Zu den kleinen Bezirken gehört meist eine Grundschule. Beim äußeren Zustand von manchen von ihnen würde ver.di die UN Menschenrechtskommission anrufen.

Später können die Jungen und Mädchen in der Nachbarschaft weiterführende Bildungseinrichtungen besuchen. Studiert wird außerhalb.

Innerhalb der Mauern pulsiert das Leben. Abseits der Touristenpfade mit ihrem Kitsch und Fake versorgen kleine Märkte die Nachbarschaft mit Fleisch, Gemüse und Obst.

Es gibt spezielle „Einkaufsmeilen“ für Brautkleider, Schmuck, Slipper, Handys oder Bettwäsche. Tausende kleine Geschäfte, oft nur vier oder fünf Quadratmeter groß. Im Prinzip ist die Medina ein riesiger Amazon. Es gibt hier alles von der Schraube bis zum Sarg, halt analog, nicht digital und online.

Die Gassen wirken oft ziemlich heruntergekommen und schäbig. Aber: hinter den Eingangstoren öffnen sich üppige Gärten und gut eingerichtete Wohnungen. Privatsphäre ist ein hohes Gut hier. Mein Guide zeigt mir die Türklopfer. Meist sind es zwei. Einer für die Familie und einer für Gäste. Je nach Klang öffnete dann die Frau oder der Mann den Eingang. Es kommt auch in der Enge nicht vor, dass  Türen direkt gegenüberliegen, um ungewollte Blicke in die Räume des Gegenüber zu vermeiden.

Diese kleinen Blocks sind die Keimzellen des Sozialen Lebens der Menschen in der Medina. Hier finden quasi die demokratischen Prozesse, die über den Alltag bestimmen statt. Nachbarschaft und Spiritualität eng verkuppelt. In der Beziehung der Menschen untereinander spielen Traditionen eine große Rolle, bestimmen sie Leitkultur. Anerkennung von Regeln und Autoritäten orientieren sich nicht an unseren Maßstäben. Unser Verständnis von Parlamentarismus, individuellen Freiheiten oder Laizismus wirkt hier fremd. Ein Grund weshalb wir uns mit unserer Mission Menschenrechte und Demokratie oft auf Unverständnis stoßen.

Aber: Es ist spürbar, dass die Gesellschaft in Bewegung ist. Ich war vor 30 Jahren das letzte Mal hier. Der Anteil der Frauen ohne Kopftuch und mit körperbetonter Kleidung ist auch in der Altstadt enorm gestiegen. Unter den jungen Frauen bedecken über 50 Prozent ihr Haar nicht. Ihre Körpersprache signalisiert Selbstbewusstsein. Ganz selbstverständlich sitzen Teenager als Pärchen zusammen. Viele Geschäfte werden von Frauen geführt. Die Mädels haben halt im Englisch- und Französischunterricht besser aufgepasst und können auf Fragen der Touristen eingehen. Auch die Betonung der Privatheit scheint nicht mehr oberste Maxime zu sein. Neubauten, jedenfalls die Teuren, haben meist riesige Fensterfronten, die den Reichtum innen zeigen. Ein Wandel, den ich auch schon in anderen islamischen Ländern beobachtet habe und der der Nomenklatura Angst macht.

Zum Abschluss des  Rundgangs dann der Offenbach Bezug. Unten am Fluss wird in riesigen Bottichen Leder gegerbt.

Von Balkonen aus lässt sich das Geschehen, das im Sommer heftig stinkt, beobachten. Ich lasse mich breit schlagen und kaufe einen Gürtel. Das immer gleiche Spiel bei jeder  Führung. Jeder Guide hat einen Verwandten der für irgendwas Spezialist ist und seine Fähigkeiten aus Freude an der Sache gerne demonstriert, nix verkaufen will aber zufällig unschlagbare Angebote hat.

Anschließend noch in eine Weberei geschaut. Aber auch eher Kategorie: Verkaufsgespräche. Nett „Danke“ gesagt.

Ein Blick auf die Dächer. Ob die Schüsseln alle nur Mekka TV übertragen? Hier transportieren Netflix, Sky und viele andere Formate mit ihren Soaps und Schnulzen westliche Lebensart, die die traditionelle Lebensweisen infrage stellen. Dazu noch CNN, die BBC und Al Jazeera. Ein Wegweiser gerade für junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben.

Abends esse ich in einem kleinen Restaurant in der Medina. Ein Stück Weg ist es schon dahin durch die kleinen Gassen. Aber Google Maps kennt alle Schlupflöcher. Das Menü war ok aber mehr auch nicht.

Der Eingang zu meinem Hotel. Eher unscheinbar. Dahinter aber prächtig. Später beginne ich ein Buch über das Mittelalter zu lesen.

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