Samstag 11. November 2023. Marrakesch

Morgens gut im Hotel gefrühstückt. Endlich mal wieder richtig Abwechslung am Buffet. Vor allem verschiedene Käsesorten, Tomaten, Oliven und Gemüse.

Dann in ein kleines Cafe auf einen Tee…

…Straße gugge. Unsere Bauaufsicht hätte ihre helle Freude.

Lesen und schreiben. Um 14 Uhr Pflichttermin: Kickers-Spiel im Internet hören. Wir haben gewonnen. Auswärts in Steinbach. Das ist ein Gute-Laune-Bringer.

Abends zum Jemaa el-Fna Platz. Er hat großen Anteil, dass Marrakesch ein Touristenmagnet ist. Die Stadt hat sich verändert: aber nicht zum Positiven. Oder doch: wenn man es aus der Brille der Menschen, die hier leben, sieht. Viele profitieren gut davon. Das ist auch eine Qualität. Hier bietet der Staat halt keine „Rundum-sorglos-Pakete“. Die Menschen sind darauf angewiesen, jede Chance auf einen Verdienst zu nutzen.

Ich war schon einmal hier. 1989. In jenem Jahr bin ich mit dem Bus und dem Zug quer durch Marokko. Marrakesch wirkte zwar damals schon nicht mehr wirklich authentisch, aber die Stadt hatte immerhin noch einiges von ihrem ursprünglichen Charme und Flair bewahrt.

Einst war sie Anziehungspunkt für Menschen, die einmal im Jahr aus vielen hundert Kilometern Entfernung in die Metropole kamen. Man muss sich das vorstellen. Aus primitiven Bergdörfern im Atlas oder aus den Weiten der Wüste reisten sie manchmal Tage hierher. Das ganze Jahr harte Arbeit. Wohnen in Hütten ohne Wasser und Licht. Da wollte man hier nicht nur Besorgungen machen: Einkaufen, Arzt etc sondern auch mal in eine Glitzerwelt eintauchen, was erleben, einen drauf machen. Der Jemaa el-Fna Platz war allabendlicher Treffpunkt: zum Essen, zum Musizieren. Jede Menge Gaukler bespaßten die Landeier. Und natürlich gab es Nepper, Schlepper, Bauernfänger.

1989 konnte ich noch etwas von den Ursprüngen erleben. Die Einheimischen dominierten die Szenerie. Man saß in Gruppen auf dem Boden, hörte Geschichtenerzählern zu, lauschte den Trommlern oder bewunderte Akrobaten. Eine Nummer ist mir noch besonders in Erinnerung. Und ich muss jedes Mal lachen, wenn ich daran denke. Alles habe ich nicht verstanden aber die Gesten war eindeutig. Um einen Teppich standen Menschen und ein Mann erzählte ihnen, wenn sie jetzt Geld auf das Tuch werfen, fliege die Spende direkt nach Mekka und mit ihr alle Sünden. Eigentlich ein faires Geschäft. Viele Zuschauer nutzten die Gelegenheit des Ablasshandels. Und warfen „Sicher ist sicher“ nicht nur Münzen sondern auch Scheine. Der Mann rollte nach zehn Minuten den Teppich zusammen, sprach einige Gebete. Und was soll ich sagen: Als er die Matte wieder ausrollte, war das Geld auf dem Weg nach Mekka oder so.

Aber schon damals verstanden viele, dass mit Touristen das bessere Geld zu machen ist. Die Schlangenbeschwörer ließen ihre Nattern nur tanzen, wenn die Ausländer vorher für das Foto zahlten. Was ich ja auch irgendwie verstehen kann. Nur gegen die Besucher der Dachterrassen, die mit ihrem Riese-Tele Gratisbilder schossen, hatten die Fakire und ihre Nattern keine Chance. Das war halt der Unterschied. Die Wüstenbewohner gaben freiwillig einen Opulus, wenn den Kick genießen wollten. Spät abends mit der Dunkelheit wurden hier ungezählte Stände aufgebaut. Streetfood Time. Man setzte sich irgendwo daneben und radebrechte.

Heute ist das Angebot auf diesem Platz austauschbar mit allen Hotspots auf dieser Welt. Blinkende kleine Propeller, Plastik Minarette, Tür-Magnete, Flaschenangeln und China Schrott. Ein Teil der Fläche würde bei uns als Polenmarkt durchgehen. Statt orientalischer Klänge und Exotik: HipHop Tänzer und Ballon-Verkäufer. Koberer versuchen die Passanten zu den mittlerweile fest eingebauten Essständen mit vorgegaukelter Authentizität zu ziehen. Dazwischen Mopeds und Motorräder ohne Ende.

Eigentlich wollte ich ja zum Essen hierher. Aber das Angebot lockt schon beim ersten Hinsehen nicht. Also wenn schon denn schon. Nachdem ein Falafel-Lokal in einer benachbarten Gasse, das ich als Alternative erkoren hatte, geschlossen ist, gönne ich mir in einer Seitenstraße der Medina ganz weit hinten und fern vom Trubel einen Edelitaliener.

Ein einfaches Haus in einer heruntergekommenen Straße.

Innen aber 1000 und eine Nacht. Richtig gut. Richtig vornehm. Aber auch unverschämt teuer.

Am Ende finde ich aus dem Labyrint an Gassen wieder heraus und schaffe es sogar mit dem Linienbus mein Hotel in drei Kilometer Entfernung zu finden.

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