Ein ziemlich ruhiger Flug. Die 787 ist nagelneu und bietet mehr Platz als ein Lufthansa Jet. Angenehme Sitznachbarn. Sie steigen nach Japan um. Mongolian fliegt als eine der wenigen Airlines über Russland. Das spart auf dem Weg nach Fernost mindestens eine Stunde. Dazu sind die Tarife günstig. Der Service ist eher spartanisch. Zwei Getränke, ein Kaffee, das Abendessen passt auf ein halbes Tablett, das Frühstück karg aber gut. Ich verschlafe die erste Stunde. Der Flieger landet pünktlich um vier Uhr vierzig morgens in Ulan Bator oder Ulanbaatar wie die Einheimischen ihr Land nennen. Passkontrolle völlig entspannt. Es sind nur wenige Einheimische oder Foreigners die an den fünf Schaltern auf ihren Stempel warten. Fast alle Passagiere sind zu den Transfer-Gates nach Tokyo, Peking oder Seoul abgebogen. Das Gepäck kommt spät, ist vollständig, der Kurs an der Wechselbude fair. Das Glück scheint perfekt. Ein Bus fährt die vierzig Kilometer Richtung Ulan Bator erst gegen halb neun. Also Taxi. Mit 30 Euro bezahlbar. Angenehme Fahrt mit guter Musik auf einer leeren dreispurigen Autobahn Richtung City. Der junge Fahrer spricht gut Englisch. Mein Hotel kennt er nicht, aber er hat ein Navi.
Und dann die Beinah-Katastrophe. Beim Bezahlen lasse ich meinen Pass auf dem Rücksitz liegen. Ohne Papiere bleiben mir nur Demut (nicht meine Königs-Disziplin), die Deutsche Botschaft und der geordnete Rückzug Richtung Mühlheim. Der Boy an der Rezeption alarmiert seine Chefin, die völlig verschlafen nach zehn Minuten kommt. Sie spricht gut Englisch und zeigt mir Bilder der Wagen der verschiedenen Taxiunternehmen. Weiß war es nach meiner Erinnerung. Und zum Glück gibt es in der mongolischen Hauptstadt nur eine Company mit hellen Autos. Trotzdem drehe ich am Rad. „Karl, mei Droppe“ sagt man bei uns. Aber die Lady in der Taxizentrale bleibt cool und startet routiniert einen Rundruf. 30 Minuten banges Warten. Dann die Erlösung. Der Pass ist wieder am Flughafen, kann aber wegen der Entfernung erst in der nächsten Nacht vorbeigebracht werden. Die Frau an der Rezeption sieht meine ängstlichen Augen. „Don´t Worry“ beruhigt sie mich.
Irgendwann nach sieben bin ich im Zimmer. Gut getroffen. Sauber, tolles Bad und vier Tage 150 Euro mit Frühstück. Jetlag.
Ich schlafe bis 13 Uhr. Zeit für ein erstes Erkunden der Stadt. Das City Center ist ungefähr fünf Kilometer entfernt. Zu erreichen über eine sechsspurige Schnellstraße. Busse fahren im Abstand von einer Minute. Der Verkehr auf der Schnellstraße ist chaotisch. Stop and go. Trotz Busspur dreißig Minuten Fahrzeit für fünf Kilometer. Ach so
There’s no time to lose, I heard her say Catch your dreams before they slip away
Dying all the time Lose your dreams And you will lose your mind Ain’t life unkind?
Goodbye, Ruby Tuesday Who could hang a name on you? When you change with every new day Still, I’m gonna miss you
Kein so optimaler Start. Wie immer kurz vor Abfahrt. Das Fieber zündet im Bauch jeden Tag eine neue Lampe. So ganz langsam steigt die Temperatur spätestens vier Wochen vor der Abreise. Nervosität ist auch ein Zeichen des Respekts vor der Herausforderung. Zug und Schiff von Ulaan Bator nach Japan wollen organisiert sein. Und dazu noch der kurze Flug zwischen Peking und Seoul. Zum Glück oder zum Pech gibt es ja noch das Internet. 1.000 Optionen sind eine sichere Möglichkeit für den Transport in die Klapse, besonders dann wenn man als erste Station einen Anrainerstaat zu Russland auserkoren hat. Auf Eisenbahnreisen spezialisierte Agenturen, die die Mongolei im Programm haben, sind rar. Dreimal die Woche verkehrt von hier ein Zug nach China. Der Ticketverkauf lohnt sich hierzulande erst, wenn Passagiere auch die Anreise über die Transsib buchen. Ein reizvoller Trip aber seit dem Angriff Putins auf die Ukraine ein Nogo. Erschwerend auf der Tour nach Peking der Abstecher über XI´AN. Die Schleife muss aus Ulaan Bator über ein System der mongolischen Bahn gebucht werden. Aber: Die Terrakotta-Armee ist Pflicht. Auch so ein Traum aus meiner Jugend.
Endlose Tage surfe ich im Netz durch auf den Seiten der Agenturen die irgendwas mit Tourismus in der Mongolei zu tun haben. Die Sprachbarrieren hindern mich bei der Mongolischen Eisenbahn direkt zu buchen. Irgendwann macht mich die Seite von Davaajav Ganbayar an. Seine Agentur in der Mongolei ist auf Bahn spezialisiert und seine Aufschläge auf den Ticketpreis sind moderat. Ein Glücksfall wie sich später herausstellen wird, denn als ich umbuchen muss, schlage ich mich nicht mit der KI einer Webseite herum. Es genügt ein Mail.
Noch etwas lieblos tüftele ich zunächst an der Route. Peking, die verbotene Stadt und die Chinesische Mauer habe ich bei meinen Trips nach China nie geschafft. Muss ich hin. Der Flug von China nach Korea, eher eine untergeordnete Aufgabe. Korea, eigentlich zu teuer. Und dann noch Japan. Hotels in Bahnhofsnähe, einigermaßen bewertet und mit Restaurants und Leben in der Nähe, Züge die möglichst morgens um 10 Uhr abfahren und bei Tag ankommen. Und und und. Irgendwann entscheide ich mich den Aufenthalt in der Mongolei zu verkürzen. Der Wetterbericht prognostiziert für Ulaan Bator deutliche Minusgrade während in China noch die Sonne wärmt. Das beschert mir fünf zusätzlich Tage im Land der Mitte. Plus einer in Xian für eine Streetfood-Tour und plus vier in Qingdao. Qingdao?Schon mal gehört. Richtig. Zwischen 1698 und 1914 hieß der Ort noch Tsingdao und gehörte uns. Also zumindest gepachtet. Gut 1914 war Schluss weil wir so doof waren eine Krieg anzufangen. Und außerdem: Kolonien sind nur was für Ausbeuter. Aber immerhin ein Kulturgut haben wir den Chinesen geschenkt: das Bier. Die grünen Dosen aus Tsingdao gibt es heute manchmal sogar bei Aldi und man kann für 65 Cent pro Can eine ganze Abendgesellschaft beeindrucken.
Kurzum gebucht, storniert umgebucht. Die erste Woche der Reise steht und die Züge und das Schiff für die folgenden Tage sind in trockenen Tüchern. In einem Ordner, fein in Plastikhüllen eingetütet, die Bestätigungen. Auf dem Handy Screens von den Wegen zu den Hotels.
In Fernost sind die Metro-Ausgänge nummeriert. Bei den oft weitläufigen Stationen hilft es ungeheuer den richtigen Ausgang zu kennen. Wenn man dort erst in der Menschenmenge sein Handy quälen muss, wird es nervig
Nächstes Problem: In China wird mit der App bezahlt, auch beim Streetfood und am Gemüsestand auf dem Markt. Fast ausschließlich. Mache ich beim REWE auch aber: in China funktionieren unsere Apps nicht. Und unsere Kreditkarten werden mittlerweile nur noch in den großen Hotels akzeptiert. Auch ein Statement auf dem Weg zur führenden Wirtschaftsmacht. China hat eigene Systeme wie Alipay implementiert. Kein Uber, kein WhatsApp, keine europäischen Plattformen für Hotels, Transport, Maps oder Chats. China hat seine digitale Unabhängigkeit erklärt.
Ich bin überfordert. Zum Glück wohnt Johannes aus der Rhön während seiner Ausbildung in Offenbach gerade bei uns. Der kennt sich aus. Zwei Abende kämpfen wir uns mit KI und Translator durch den App Store. Alipay ist Dreisprachig. Blöd nur wenn auf einer Seite Deutsch ´, Englisch und Chinesisch gemischt werden. Hochkomplex auch der Prozess der Identifizierung. Und das Beste: Ob alles funktioniert, werde ich erst in China bemerken.
Zwei Hosen nehme ich mit auf die Reise. Eine Leichte für den warmen Süden in Japan und eine dicke Jeans für Kälte in der Mongolei. Mittwoch morgen: 10.26 fährt der Bus zum Bahnhof. Um 9.00 platzt der Metall-Button der Jeans. Komisch: das bisschen Bier? Muss ein Materialfehler sein. Im Eiltempo zur Schneiderin. Sie will mir einen richtigen Knopf annähen. Zeit für einen Kaffee und ein Brötchen beim Bäcker nebenan. Nach zehn Minuten ist alles perfekt.
Vom Brückfeld nach Beijing: Bin mir sicher in China sieht es an der Haltestelle sauberer aus
Bus. S-Bahn. Pünktlich. Mein Glückskeks wirkt. Airport: Terminal drei. Endlose Weg zum Skytrain. Der muss erstmal um den Flughafen fahren. Bis kurz vor Offenbach. 15 Minuten Stehplatz. Der Airport lebt von seiner Vergangenheit. Am Check in eine lange Schlange. Ich fliege mit Mongolian Airlines. Die Gesellschaft betont auf jeder Anzeige und in jedem Spot das „sie dem Staat“ gehöre. Ganz andere Töne als bei uns.
Auf den Trolleys stapeln sich Koffer und Säcke. Viele Passagiere waren auf Einkaufstour. Trotzdem geht der Check ziemlich schnell. Ich darf sogar mein Handgepäck aufgeben. Passkontrolle plus Security heute im Rekord-Tempo. Gut danach nochmal 300 Meter bis zum Gate ganz weit dahinten.
Gut ein Espresso musste auch sein
Endlich da. Ich lasse mich in den Sessel einer Bar fallen. 13,90 Euro für einen Aperol Spritz sind jenseits. Aber jetzt muss es sein.
CDU und SPD planen eine Koalition in und für Mühlheim um die „großen Herausforderungen“ im Etat zu bewältigen. Um die Defizite auszugleichen, hat das Stadtparlament gerade eine Anhebung der Grundsteuer auf 1600 Punkte beschlossen. Ein Rekordwert.
Eine so genannte Große Koalition bietet die Chance die Probleme der strukturelle Unterfinanzierung der Stadt zu mildern. Diese Probleme sind nicht neu sondern bestehen seit mindestens 30 Jahren. Anfangs hat man sie nicht erst genommen, danach galt das Prinzip Hoffnung. Die letzten fünf Jahre sind vertan, weil vier Partner versuchten die Koalition in vier verschiedene Richtung zu ziehen. Die Folge: Stillstand.
Der Karren steckt tief im Dreck. Kosmetik allein reicht nicht mehr. Es braucht ein Konzept über die Legislaturperiode hinaus mit entschlossenen Schnitten und klaren Prioritäten. Und es ist Ehrlichkeit angesagt. Der vorliegende Koalitionsvertrag gibt wenig Hoffnung. Er taugt mit all den Worthülsen, Phrasen Schlagworten allenfalls als Stoffsammlung für Alltagsprobleme. Konkret wird das Papier nur in den Details der zu besetzenden Positionen.
Indikatoren für die strukturelle Unterfinanzierung der Stadt
Klar: Bund und Land lassen die Kommunen ausbluten. Immer neue Aufgaben werden aus Berlin und Wiesbaden auf die Städte verlagert, ohne Gegenfinanzierung. Hoffnung auf Besserung ist angesichts der Haushaltslöcher in Wiesbaden und Berlin kaum realistisch. Aber bei allem Jammern und trotz der besorgten Mienen von Bürgermeistern auf Facebook verbergen sich auch hausgemachte Ursachen hinter der Misere. In Mühlheim ist der Crash im hohen Maß selbstverschuldet. Die Mühlenstadt liegt mitten im wirtschaftsstarken Rhein Main Gebiet. Eine Region in der Spitzengruppe bei Einkommen, Gewerbesteuer und Innovation. Gewiss. Aber die Verantwortlichen haben es hier in den vergangenen Jahrzehnten versäumt, mit eigenen Anstrengungen, Ideen und Handeln von dieser Standortgunst zu profitieren. Die Erfahrungen in Offenbach nebenan zeigen, dass in einer einst „armen“ Stadt neue Ansiedlungen für mehr Jobs und Steuereinnahmen, also ein Turnaround, möglich ist, wenn konsequent gesteuert wird.
Ausgewählte Kennziffern
Hessen hat im Schnitt ein Gewerbesteueraufkommen im Jahr 2025 bei 1.150 Euro bis 1.200 Euro pro Einwohner. Mit Gewerbesteuereinnahmen von 10 Mio Euro im Jahr 2025 liegt Mühlheim im unteren Drittel im Ranking im Kreis Offenbach. Kommunen wie Neu Isenburg nehmen ein Vielfaches ein. Mit Gewerbesteuereinnahmen von 354 Euro pro Kopf steht die Mühlenstadt im 2025 am unteren Ende der Skala. Unsere Benchmark ist nicht das prosperierende Rhein-Main-Gebiet sondern wir orientieren uns an strukturschwachen Gebieten in Friesland oder in der Uckermark. Pro Betriebsstätte fallen 1544 Euro an Gewerbesteuer an. Das ist ein deutlich geringerer Wert als in anderen Gemeinden im Kreis (Isenburg 8.600). Ein Indiz, dass die Wirtschaft hier eher ertragsschwache Firmen prägt.
Die Personalausgabenquote lag in Mühlheim im Jahr 2023 mit 30 Prozent des Haushaltsvolumens im Kreis Offenbach einen Spitzenplatz. Hessenweit beträgt die Quote 22 Prozent. Sie ist in Mühlheim seit 2017 deutlich angestiegen.
Die Investitionsquote der Stadt Mühlheim lag in 2023 mit 4,3 am unteren Ende im Kreis Offenbach. Sie war in den Jahren zuvor stark gesunken. Das heißt in Mühlheim gibt es im Verhältnis zum Umland einen Investitionsstau. Wenn aber Gebäude, Straßen und Sportanlagen nicht mehr oder nur verzögert saniert werden, bedeutet dies ein anwachsen der „stillen“ Verschuldung, weil spätere Generationen diese Investitionen nachholen müssen.
Mit einer Zinsausgabenquote von 1,0 lag Mühlheim im Jahr 2023 im oberen Mittelfeld im Kreis Offenbach. Die Quote ist bis 2023 stark zurückgegangen. Dennoch muss Mühlheim immer noch gegenüber anderen einen viel höheren Anteil seines Haushalts für Zinsausgaben aufwenden.
Bei der Gemeindlichen Einnahmekraft aus Steuern lag Mühlheim im Kreis Offenbach im Jahr 2019 im unteren Tabellendrittel.
Bei der Kaufkraft je Einwohner rangiert Mühlheim im Jahr 2025 auf dem Drittletzten Tabellenplatz im Kreis Offenbach. Die Kaufkraft in der Mühlenstadt war in den letzten Jahren stark rückläufig. Beim Einzelhandelsumsatz pro Kopf ist Mühlheim im Kreis Offenbach vorletzter.
Beim Wachstum der Sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2015 bis 2025 liegt Mühlheim mit + 8,2 Prozent auf dem viertletzten Platz, dahinter nur Heusenstamm, Mainhausen und Hainburg. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass Zuwächse vor 2023 erzielt wurden. Seitdem hat die Stadt jeden 15 Arbeitsplatz verloren. Eine dramatische Entwicklung.
Mühlheim hat mit 3760 Menschen eine geringe Zahl an Einpendlern im Verhältnis zu anderen Gemeinden im Kreis Offenbach. Nur 2.000 Beschäftigte haben ihren Arbeitsplatz vor Ort. Dieser Wert ist rückläufig. Dagegen pendeln 10.800 Menschen zur Arbeit in die Umgebung, ein Wert der im Mittelfeld im Kreis Offenbach, der aber im Verhältnis zu den vorhandenen Arbeitsstätten bzw Einwohnern auch auf eine wenig aufnahmefähige Wirtschaft deutet.
Dazu kommt: Im Kreishaus von Dietzenbach kuscheln seit vielen Jahren CDU und SPD. Eine Folge: die Gemeinden im Kreis Offenbach sind mit einer überdurchschnittlichen Kreisumlage belastet weil kostenträchtige Prestigeprojekte wie der Hopper in trauter Einigkeit durchgewunken werden.
Die Indikatoren sind leicht verfügbar: Statistisches Landesamt, Statistischer Dienst Kreis Offenbach, IHK, Bund der Steuerzahler etc. Unterschiedliche Urheber bedeuten eine eingeschränkte Vergleichbarkeit, aber alle Zeichen zur Beurteilung der wirtschaftlichen Stärke der Stadt Mühlheim am Main deuten auf Abstieg. Das Ranking Anfang der 2000er Jahre war ähnlich katastrophal. Ähnliche Zahlen habe ich in meinem Beitrag zum damaligen Haushalt genannt.
Niemand in Mühlheim zieht seit drei Jahrzehnten Konsequenzen aus dem Desaster: Kein Gegensteuern in Stadtverordnetenversammlung und Magistrat, einfach ein „Weiter so“. CDU, SPD, Grüne, Bürger für Mühlheim und FDP haben von 2000 bis heute jeweils etwa gleichlang im Rathaus Verantwortung getragen.
Die Stadt wird in spätestens fünf Jahren finanziell nicht mehr in der Lage zu sein, die Grundversorgung der Menschen mit Kita, ÖPNV, Seniorenbetreuung oder Pflege von Verkehrswegen sicher zu stellen: Es sei denn die Grundsteuer wird auf über 2000 Punkten erhöht, ein Niveau das Mieter wie Hauseigentümer gleichermaßen stranguliert.
Kassensturz: Das Rathaus muss sich ehrlich machen
Bei der Bürgerversammlung im Frühsommer hat Bürgermeister Dr Krey in der Willy Brandt Halle eindrucksvoll die Aufgaben einer Gemeinde und deren Kosten belegt, für die Bund und Land als Besteller nicht aufkommen wollen. Dr Kreys Präsentation, die auf eine Erhöhung der Grundsteuer einstimmen sollte, hat dennoch wesentliche Fakten für eine ausgewogene Betrachtung der finanziellen Lage der Stadt unterschlagen. Kennziffern beispielsweise über die wirtschaftliche Stärke, die Steuerkraft oder Personalquote im Rathaus fehlten auf den Charts. Solche Vergleichszahlen sind unabdingbar für passgenaue Antworten, deuten wo der Hebel angesetzt werden müssen, um die Stadt überlebensfähig zu machen. Für eine Stärken- / Schwächenanalyse müssen die Zahlen auf den Tisch. Wo steht die Stadt, auch im Vergleich zu anderen Städten? Welche Entwicklungen drohen? In welchen Geschäftsfeldern muss sich die Stadt besser aufstellen.
Auch der Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD für die Wahlperiode 2026 – 31 agiert ohne diese Basis und setzt auf ein „weiter so“ mit verschlossenen Augen. Mit einer Summe an Banalitäten wie „After-Work-Party“ oder Benennung der Straßen nach weiblichen Persönlichkeiten soll dem Niedergang des Ortskerns vorgebeugt werden. Auch im zentralen Kapitel „Finanzen“ addieren sich Allgemeinplätze und Selbstverständlichkeiten wie Fortschreibung Haushaltssanierungskonzept (eh vorgeschrieben), Überprüfung von gefassten Beschlüssen, Aktualisierung von Satzungen. Auch in anderen wichtigen Bereichen wie Wohnen, Verkehr, Klima und Stadtentwicklung dominieren Floskeln aus den Wahlprogrammen: „In geordnete Bahnen lenken“, „Lebensqualität erhalten“, „nochmal diskutiert werden“ oder „innovative Projekte“ fördern. Sollten diese Weisheiten, trotz aller Gebetsmühlen nichts nutzen, ziehen die künftigen Koalitionäre ihren Joker „Bürgerschaftliches Engagement“. Begrüßenswert, aber können die neuen Defizite in Millionenhöhe, die sich gerade auftun, mal soeben mit Müllsammelaktionen der Bürger gesenkt werden?
Präambel im Koalitionsvertrag muss eine differenzierte Aufstellung der Kennzahlen für die Stärken und Schwächen der Stadt sein.
Starker Partner in der Region Rhein oder Gallisches Dorf
Mühlheim muss sich endlich entscheiden: Gallisches Dorf oder aktiver Partner der zum Angebot in einer dynamischen Region seine eigenen Stärken beisteuert. Bislang zwittern die Verantwortlichen im Rathaus irgendwie. Wer durch die Gewerbegebiete in Neu Isenburg oder Langen bummelt, bemerkt auf den ersten Blick die Unterschiede zu Mühlheim. Im Westkreis Unternehmen von Weltruf, hier eher dörfliche Strukturen im Gewerbegebiet.
Die Debatten im Mühlheimer Parlament spiegeln die Zerrissenheit. Mehr Wohnungen aber keine neuen Wohngebiete, qualitativ höherwertiger Wohnraum für Mittelschichten aber ja keine Veränderung der Bebauung in den Gebäuden im Ortskern, wo Gebäude mit kleinen Fenstern und niedrigen Decken, das Bild prägen. Kaum Kooperation bei Infrastruktur wie vhs, Musikschule, Schwimmbädern oder Bürgerhaus mit Nachbargemeinden, Gewerbegebiete die sich von den Anforderungen einer dynamisch wachsenden Wirtschaft in der Region Rhein Main abgekoppelt haben.
Natürlich muss diese Stadt mitten im Ballungsraum Rhein / Main seine Identität und Überschaubarkeit bewahren. Toll die Vereine hier, die Heimat und Nachbarschaft bieten, Vertrautheit, Natur und kurze Wege. Aber diese Tugenden für Lebensqualität sind gefährdet, weil Mühlheim mangels Geld auf dem Weg zu einer Schlafstadt taumelt. Seine Einwohner orientieren sich beim Einkaufen, Arbeiten, bei kulturellen oder sportlichen Aktivitäten immer stärker jenseits der Stadtgrenzen weil Angebote vor Ort immer stärker eingeschränkt werden müssen
Die Stadt braucht eine klare Rollendefinition um wieder auf die Füße zu kommen, um eigenständig zu bleiben. Gelingt dies nicht droht in den nächsten zehn Jahren „OHO“: Obertshausen, Hanau oder Offenbach. Keine dieser drei Städte darf eine Option sein. Mit Obertshausen nicht, weil man aus zwei Schwachen keinen Starken machen kann. In den Mauern von Offenbach oder Hanau würden aus der Kita Markwald oder Goetheschule die Kitas 31, 32 oder 33, also Ziffern wo vor Ort Kenntnis wichtig ist. Und die Förderung von Vereinen würde in Richtlinien gepresst, die nicht für sie geschaffen worden sind.
Die Debatte über die Ausrichtung der Stadt ist überfällig. Sie ist notwendig um künftige Investitionen in die Infrastruktur vom Radfernweg bis zur Mainbrücke, von der Musikschule bis zum Wertstoffhof auf ein klares Ziel zu steuern. Es ist eine Entscheidung die über viele Legislaturperioden reicht. Deshalb muss sie über die Grenzen von Koalitionen hinaus mit breiter Mehrheit getroffen werden:
Das Konzept sollte auf vier zentralen Säulen stehen, die über ein Netz fest verbunden sind.
Wirtschaft
Die Ansiedlung von Unternehmen, besonders aus dem Bereich Industrie, in den vorhandenen Gewerbegebieten scheint schwierig. Hauptgrund: ein immer stärkerer Mix von Wohnen, und Großflächigem Handel wo Menschen an Werkbänken und Schreibtischen arbeiten sollten. Einst ermöglichte man so den kleineren Unternehmern ihre Wohnung direkt neben dem Betrieb zu bauen. Die Zahl der Wohngebäude liegt aber heute deutlich über den betriebsbedingten Bedarfen. Es gibt mitten im Gewerbegebiet kleine Wohnquartiere. Viele sind fremdvermietet. Aus Angst vor Klagen wg Immissionen werden sich in der Nachbarschaft kaum größere zukunftsfeste Unternehmen niederlassen. Viele Grundstücke sind dazu als riesige Parkplätze für den Gebrauchtwagenhandel im Verhältnis zu Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen falsch genutzt. Eine Umstrukturierung dieser Gewerbegebiete für Gewerbeansiedlungen mit Perspektive an Borsig- und Dieselstraße dauert ein halbes Jahrhundert. Auch die Nutzung eines großen Teils dieser Flächen für Einzelhandel sowie für kulturelle Zwecke ist für die Ansiedlung von Unternehmen hinderlich. Egal wie gut die Städtische Wirtschaftsförderung aufgestellt ist, diese Strukturen machen einen Erfolg dort aussichtslos.
Die Erschließung Dosenhard-Gebiets, auf das die Verantwortlichen große Hoffnungen setzen, kommt nicht voran. Es ist auch mit 70.000 Quadratmetern als finanzieller Game-Changer zu klein. Gewerbesteuereinnahmen sind hier frühstens in zehn Jahren möglich.
Mühlheim kann nur in Kindergärten, Alteneinrichtungen, Radwege oder seine Vereine investieren wenn die Gewerbesteuereinnahmen verdreifacht werden. Zielgröße müssen 1000 Euro pro Einwohner sein.
Vorschläge
– Tauschflächen für Einzelhandel, Autohandel, kulturelle und soziale Einrichtungen, um statt ihrer in den vorhandenen Gewerbegebieten Potentiale zu erschließen
– Ausweisung eines neue Gewerbegebietes mit mindestens 20 Hektar, Beispielsweise Augenwald oder andere Kandidaten
– Verdichtung Bereich um Ex-manroland, Bau S-Bahn Station dort
– Initiative mit der Stadt Offenbach für einen zweigleisigen Ausbau der S-Bahn, um eine schnelle Verbindung zum neuen Innovationscampus in Offenbach herzustellen zum anderen aber auch um die Anschlüsse für Pendler aus dem Kinzigtal und Unterfranken zu verbessern.
Neue Strukturen im Rathaus und in den Städtischen Gesellschaften
Digitalisierung und KI werden die Rathäuser und Städtischen Gesellschaften vor neue, aber vor allem extrem teure Herausforderungen stellen. Kleinteilige Einzellösungen in Mühlheim wie derzeit beim Internet, dazu mit verschiedenen Anbietern, bedeuten für Rathaus, Stadtwerke, Wohnungsbau und Bürgerhaus parallel Mehrausgaben ohne Mehrwert. Die Personalkosten im Mühlheimer Rathaus sind schon heute überdurchschnittlich.
Ziel muss sein die Ausgaben für interne Prozesse deutlich zu reduzieren, um mit einem Teil der dann freien Mittel Kindergärten, Seniorenbetreuung, Schulsozialarbeit zu finanzieren.
Neuen Strukturen sind aber auch ein Symbol dafür, dass die Verantwortlichen in der Stadt bereit sind, „die Treppe im Rathaus von oben zu kehren“. Statt 50:50 muss das Ziel sein das Personal zu neunzig Prozent für Leistungen vor Ort wie Kitas, Schulbetreuung, Feuerwehr, oder Ordnungspolizei einzusetzen und nur zu zehn Prozent um die inneren Prozesse dafür zu steuern.
Vorschläge:
– Bildung einer Holding für die Städtischen Gesellschaften
– Enge Verzahnung der Back-Office-Bereiche der Holding mit der Kernverwaltung. Also: Personal, Controlling, Presse, Internet, Marketing,
– Gemeinsame IT Struktur und Internet. Also weniger Kosten, ein gemeinsamer Datenpool und bürgerfreundlich, um Leistungen nach Lebensbereichen wie Geburt, Umzug oder Veranstaltungen auf einer Plattform mit einem Klick anzubieten. Hauptziel: Synergien beim Anbieten von KI-generierten Leistungen
– Gemeinsames Service-Center für Rathaus, Stadtwerke und Wohnbau. Das ist nicht nur preiswerter sondern auch bürgerfreundlicher
– Einführung von leistungsbezogenen Elementen bei der Vergütung, um Personalabbau zu erleichtern
– Verkleinerung von Stadtverordnetenversammlung und Magistrat
Stadtentwicklung
In Mühlheim zerbröselt der Kern rund um die Bahnhofstraße. Penny, Grieche, Buchladen und Hofliebe / Eissalon sind die letzten Zugpferde, ergänzt von der Metzgerei Schmidt . Geht einer dieser Mosaiksteine verloren, droht das Konstrukt auseinander zu brechen. Schon heute ist hier ein Überbesatz an Kiosken, Barber-Shops und einfachen Restaurants. Viele Geschäfte sind noch offen weil der Betreiber auch der Hausbesitzer ist. Schaufenster stehen leer. Auch die Frequenz auf dem Wochenmarkt scheint schwächer zu werden. Der Kaffee der Rentner vor Eiffler hält die Bahnhofstraße nicht am Leben.
Strategische Ausrichtung:
– Die Bahnhofstraße hält ihre Funktion für die Versorgung der Mühlheimer Bevölkerung nur noch unzureichend. Fachgeschäfte, die ein regionales Publikum anziehen, sollten im Focus der Wirtschaftsförderung stehen. Buchladen, Metzgerei Schmidt und Grieche sind Beispiele für Läden in Mühlheim die ihre Frequenz auch aus Obertshausen oder Rumpenheim decken. Zu suchen sind Fachgeschäfte, welche anderswo wg hoher Mieten zu kämpfen haben. Von der Modellbahn bis zum Angelbedarf, von Wolle bis Bilderrahmen.
– Zur Umsetzung dieses Konzeptes, das auf Besucher von außen setzt, muss die Zahl der Parkplätze mindestens konstant bleiben. Die Zufahrten sind zu verbessern.
– Um solche Geschäfte zu akquirieren, muss die Wifö sich in den umliegenden Gemeinden persönlich auf Suche begeben. Ggf sind Zuschüsse für Umzüge zu bezahlen.
– Popup Läden in denen Gründer ihre Geschäftsidee testen können
– Ärzte wieder rund um die Bahnhofstraße ansiedeln. Medizin bringt Frequenz.
– Die B 43 wird täglich von zehntausenden Autofahrern genutzt. Großformatige Werbetafeln sollten an den Ortseingängen (ala Hanau an der Steinheimer Brücke) auf Feste aber auch auf besondere Geschäfte und die Parkmöglichkeiten hinweisen
– das Profil des Wochenmarktes muss geschärft werden. Besonderes Label: wie regional
– Es muss regelmäßige Aktionen rund um den Wochenmarkt geben, die die Stadtbetreiber in den Mittelpunkt stellen (Busfahrt zum Hof, Schaukochen mit Lebensmittel vom Markt, Quiz, Thementage aus besonderem Anlass wie Ostern, Gans etc)
– Blick hinter die Kulissen mit Führungen in die Geschäfte mit probieren, erklären, ala Touren durch OF die fast immer ausgebucht sind. Seminare für Bratwurst machen beim Metzger Schmidt, Bergtee zubereiten beim Griechen, Eis machen etc.
– Für die heißen Sommer Kühlinseln oder Schattenspender (großflächige Tücher über die Straße ziehen. Liegestühle aufstellen), die von der umliegenden Gastronomie mit Getränken versorgt werden.
– Rund um die Bahnhofstraße und für die gesamte Innenstadt muss geklärt werden wie das Wohnen gestärkt werden kann
– Stärkung der Anbindung der Innenstadt durch den ÖPNV
Mühlheim braucht eine abgestimmte Verkehrspolitik, die Durchgangsverkehr mit dem Auto, S-Bahn, Zweites Gleis, Bus, Mainbrücke, Fähre, Hopper, Radschnellwege, lokale Radwege, Fußgänger besser aufeinander abstimmt. Ziel muss eine einheitliche Planung sein. Ein Generalverkehrsplan ist heute auch in vielen Mittelstädten Standard. Hier hat man den Eindruck dass bei jeder Planung das ABC der Abstimmung neu erfunden werden muss. Das verzögert und ist teuer. Eine solche Verkehrsplanung reicht weit über die Legislaturperiode und sollte deshalb auch im Konsens der demokratischen Parteien erfolgen.
Prioritäten setzen
Eine Vollversorgung im gallischen Dorf ist auf Dauer nicht finanzierbar. Die Stadt muss sich entscheiden zwischen Schwimmbad, Hallenbad (kein Wort zu der Sanierung und den Kosten im Koa-Vertrag), Musikschule, Brandt-Halle, Hopper, Wertstoffhof, Bücherei, Schanz (der einzige Ort mit Ausstrahlung in die Region), vhs oder oder oder. Für ein oder zwei Einrichtungen ist aus finanziellen Gründen kein Platz mehr. Das muss nicht ihr Ende sein, wenn rechtzeitig über Kooperationen nachgedacht wird.
Beispielsweise:
– Vhs oder Musikschule Stadt Offenbach. Die Mehrzahl der Nutzer aus Mühlheim besucht eh dort Kurse,
– Willy Brandt Halle: Ergänzung durch ein Hotel als Tagungszentrum. Kooperation mit einem privaten Hotelbetreiber
– Wertstoffhof: Kooperation mit Obertshausen
Verantwortlichkeit bündeln
Mühlheim braucht eine klare Ausrichtung sowie konsequente und konkrete Sanierungsmaßnahmen um als eigenständige Gemeinde zu überleben. Die Randbedingungen werden mit wachsender Globalisierung härter.
Für wirkungsvolle Entscheidungen braucht es eine Hand. Sie muss gleichzeitig verantwortlich sein für Personal, Finanzen, Stadtentwicklung und als GF der Holding für die Städtische Gesellschaften.
Idealerweise müssten diese Zuständigkeiten beim Bürgermeister gebündelt werden. Einem solchen Modell steht aber der vermeintliche Freifahrtschein für den Bürgermeister im Koalitionsvertrag entgegen. Einziger Ausweg: die Demokraten unter den Nichtkoalitionären suchen einen gemeinsamen Kandidaten der dieses Anforderungsprofil erfüllt oder die Zuständigkeiten werden beim ersten Stadtrat konzentriert.
Zweigleisige Zusammenarbeit Es sind Entscheidungen die weit über die nächsten beiden Legislaturperioden reichen. Sie können jetzt nicht mit einer oder zwei Stimmen Mehrheit getroffen werden:
Bündnis für Mühlheim
Die Stadt braucht ein „Bündnis für Mühlheim“ das unabhängig von politischen Koalitionen diese grundlegenden Entscheidungen die über die Legislaturperiode reichen, trifft. Zu diesem Bündnis sollten sich die demokratischen Parteien vereinbaren.
Alltagskoalition
Für die Alltagsfragen dieser Legislaturperiode ist dann eine Koalition wie zwischen CDU und SPD vorgesehen möglich
Der Flug war ziemlich ruhig. Trotzdem konnte ich nur die erste halbe Stunde schlafen. Immerhin so zehn CDs von meinem MP3 Player höre ich mal wieder am Stück. Ja und schade um die Landung – wegen der Aussicht von einem Fensterplatz ohne Fenster. Ich kann durch so einen Mini-Schlitz an meinem Vordermann vorbei durch seine Scheibe lugen. Wir überfliegen unser Haus, das Kickers Stadion, die Traglufthalle Rosenhöhe. Es wären wunderbare Bilder bei schönstem Wetter möglich gewesen. Schade.
Frankfurt Airport wie immer. Driss und lange Wege. S-Bahn 15 Minuten Verspätung steht auf der Anzeigentafel, dann 20 Minuten. Als sie nach 30 Minuten kommt, fährt sie nicht bis Hanau sondern soll in Offenbach Ost enden. In Niederrad steige ich aus, denn jetzt wird das Ziel des Zuges plötzlich nach Frankfurt (Süd) verlegt. Ich muss mich bei Bahn und rmv nicht umgewöhnen.
Zuhause: Rucksack in den Flur, ein Blick quer über die Post und dann Jetlag rausschlafen.
Resümee
So kurz nach der Rückkehr ist es sehr früh für eine Bilanz. Vieles muss sich noch setzen. Sechs Wochen und zwei Tage sind eine lange Zeit. Ein Kontinent, fünf Länder, mindestens ebensoviele Klimazonen, zahlreiche Städte und Begegnungen: im Bus, in der Bahn auf dem Schiff. Meist nur flüchtig. Trotzdem viele Beobachtungen über die ich noch lange nachdenken werde.
Die letzten fünfzehn Jahre bin ich quer durch die Welt gestromert. Viel Südostasien, Vietnam, Laos, Myanmar, Thailand und China. Dazu Südafrika, Saudi Arabien, Libanon, Pakistan und Jordanien. Und dann jeden Meter mit dem Zug oder der Fähre von Portugal bis Singapur. Außerdem zwei- oder dreimal USA. Die banale Frage „was die Welt antreibt?“ kann ich heute noch weniger beantworten als im Jahr 2010.
Panama, Peru, Chile, Argentinien und Uruguay: ich habe versucht in den Alltag der Menschen einzutauchen. Bin neben ihnen über Stunden, einmal waren es 17 am Stück, im Bus oder Zug gefahren. Anstrengend. Manchmal war ich platt. Deutlich platter als vor 50 Jahren. Aber im Gegensatz zu früher: am Ende jeder Etappe konnte ich bei Bedarf mit meiner Kreditkarte in irgendeinem schnicken Mittelklassehotel einchecken. Je platter der Körper, desto besser das Hotel.
Mit Matthias Schulze Boeing (SB) habe ich während der Tour öfter gechattet. Er reist im Herbst nach Buenos Aires, trifft sich hier mit einer Wissenschaftlerin die über den Abritsmarkt forscht, speziell über den informellen Arbeitsmarkt von dem sie annimmt, dass bis zu 50 Prozent der Menschen in den Ländern, die ich besucht habe, tätig sind. Überspitzt: eine Form von Tagelohn. Männer stehen an Parkplätzen um für ein paar Pesos Autos zum nächsten freien Platz zu lotsen, Leute die vor den Geschäften fegen, Geldwechsler, Träger an Taxisständen die gegen ein Tipp den Rucksack in den Kofferraum heben und und und. In allen Ländern die ich besucht habe, stehen unglaublich viele junge Leute auf den Straßen. Warten auf Godot. In Buenos Aires und Montevideo, aber auch in Santiago schlafen in Massen Menschen auf der Straße. Zum Glück sind hier die Straßen nicht ganz so dunkel wie in Indien, wo ich nachts ungewollt über die Menschen gestolpert bin.
Drogen sind ein anderes Problem. Wohl gerade in Montevideo. Es sind, so ist zu lesen, wohl preiswert hergestellte chemische Drogen. Es gibt eine Menge Junkies die dort relativ aggressiv betteln. Klar: wenn der nächste Trip noch nicht finanziert ist. Es ist schon kein schöner Anblick wenn man an einem Tisch vor dem Laden einen Kaffee schlürft und nebenan in einer Hofeinfahrt ein körperliches Wrack sich selbst vollkotzt oder pinkelt.
Auf der anderen Seite: der Sicherheitsapparat ist gewaltig. In Buenos Aires und in Lima steht in den Vierteln die Safe sind quasi vor jedem Block ein Team. Dazu gibt es noch jede Menge Security, vor jedem Eingang, vor jedem Laden, drinnen an der Kasse. Das will finanziert sein. In vielen Vierteln sind die Gebäude von hohen Zäunen umgeben. So mit allerlei Stacheldraht und scharfen Dochten auf der Spitze. In den Käfigen werden dann auch die Autos geparkt. Ein anderes Indiz, das zur Obacht mahnt: wenn Leute gehäuft ihren Rucksack vorne tragen.
Es fällt auf, dass die Sicherheitsmaßnahmen dort besonders ausgebaut sind, wo so der untere Mittelstand wohnt, also Leute die sich gerade so über Wasserhalten können. Es ist auch interessant aus dem Zug oder oder Bus zu beobachten wie mit zunehmender Entfernung von den Metropolen die Sicherheitsarchitektur durchlässiger wird, bis sie fast ganz verschwindet. In den Zentren vieler Kleinstädte ist es kein Problem nach Mitternacht zu bummeln. Man trifft Frauen, die dann immer noch ihren Schoßhund ausführen, ältere Menschen die einen Schwatz halten oder sieht, dass Gegenstände in den Autos liegen. Letzteres ist in den Großstädten ein Nogo, wenn man sein Auto am nächsten Morgen ohne eingeschlagene Scheibe aufschließen möchte.
Aber die eigentliche Frage über die ich auch mit SB gechattet habe: Warum scheinen die Wachstumschancen zwischen Südamerika und Südostasien so ungleich verteilt.
Zahlen aus Weltalmanach 2026
ASIEN
Vietnam: Wachstum BIP 7,1 % BIP pro Kopf 4536 US $ Arbeitslosigkeit 1,6 % Inflation 3,6 %
Kambodscha: Wachstum BIP 6 % BIP pro Kopf 2755 US $ Arbeitslosigkeit 0,2 % Inflation 0,9 %
Im Schnitt haben die Länder in Südostasien höhere Wachstumsraten wie die Länder in Südamerika die ich besuchte. Auch bei der Arbeitslosigkeit und Inflation gibt es deutliche Unterschiede wobei es zu brücksichtigen gilt, dass die Ausgangslage in Südostasien deutlich niedrihger ist.
Leben Stadt / Land
Argentinien 92 zu 8, Chile 88 zu 12, Kambodscha 25 zu 74, Laos 38 zu 61, Malaysia 79 zu 21, Peru 79 zu 21, Thailand 54 zu 46, Uruguay 95,8 zu 4,2, Vietnam 40 zu 60
Die Unterschiede sind auf den ersten Blick signifikant. In Südostasien leben im Verhältnis viel mehr Menschen auf dem Land.
Und damit noch einmal zurück zu dem kurzen Chat mit Matthias Schulze Boeing. Eine tiefe Analyse ist hier kaum möglich. Ich kann ein paar Eindrücke schildern. SB und ich haben schon ein wenig gerätselt warum Südamerika und Südostasien so eine unterschiedliche Dynamik haben: Klima? Katholizismus? Konfuzius? Postkoloniale Attüde? Die Unterschiede im Alltag bewegen sich zwischen charmant und nervig. In Südamerika kommt man in einen Laden und wartet bis der Chef sein Schwätzchen beendet hat, in Vietnam kann man den Argumenten der Verkäufer kaum entfliehen wenn man nur an der Tür vorbeiläuft. In Asien wird überall gewerkelt, in Südamerikan zerfällt viel. Vor allem die Infrastruktur zerbröselt. Dabei ist Südamerika im Gegensatz zu Südostasien eine Region mit vielen Bodenschätzen, Reichtümern. In beiden Kontinenten scheint die Ausbildung der jungen Menschen gut.
Südamerika war vor 150 Jahren ein reicher Kontinent. Menschen aus aller Welt wanderten ein. Die spanischen Eroberer schufen viele glanzvolle Städte unterdrückten gleichzeitig die einheimische Bevölkerung, gründeten ihren Reichtum auch auf Sklaven. Der Abstieg in der Neuzeit begann wohl in den 1950er Jahren. Wechselnde populistische Regierungen bewegten sich zwischen Extremen, bremsten wirtschaftliche Entwicklungen. Hier Kuba, dort USA. Rechte Regierungen sorgten dafür das Infrastruktur vernichtet wurde. Argentinien besaß bis in die 1980er Jahre ein vorbildliches und innovatives Eisenbahnsystem. Davon existieren nur noch Rudimente, weil Investoren, die die Gleise vom Staat übernahmen, die erhaltenen Subventionen an die Aktonäre ausschütteten statt sie in den Erhalt der Bahn zu investieren. Heute sind viele Strecken -trotz hoher Nachfrage- stillgelegt und zugewachsen, Brücken zerstört. Ebenso in Chile und Peru. Das hemmt den Abbau von Bodenschätzen. Das Straßennetz ist unzureichend ausgebaut, Flugverbindungen gemessen an Asien relativ teuer.
Christian Oster, ein Journalist der der Ehe wegen seit langem in Vietnam lebt und der mich dreimal durch Hanoi begleitete, erzählte mir mal: Vietnamesen kennen nur drei Ziele: Geld, Wohlstand und Reichtum. Dafür schuften sie Tag und Nacht. Für sich, aber vor allem für die Kinder. Es gibt einen ungeschriebenen Pakt zwischen der Regierung und Politik: die Menschen dürfen so gut oder so schlimm Kapitalisten sein wie es ihnen gefällt solange sie die Autorität der Regierung nicht hinterfragen. Das Volk hat die Regeln von Konfuzius verinnerlicht: Alt vor jung, reich vor arm, Meister vor Schüler. Feste Leitplanken für eine scheinbar uniforme Gesellschaft. Meine erste Frage an Christian war: Ja wie passt denn dieses Regelwerk zu den Visionen einer klassenlosen kommunistischen Partei. Oberste Maxime der Politik in Vietnam ist die Lehre von Marx und Lenin. Jedenfalls auf dem Papier. Es passt: Die Kommunistische Partei hier ist eine Kaderpartei. Organisiert in festen Strukturen. Und auch das Regelwerk des Philosophen definiert eine Ordnung. Diese Matrix zählt und nicht der Inhalt. Und diese Matrix treibt die Menschen in Vietnam immer wieder zu Höchstleistung. Nebenbei und eher Alltagsempirie: Die Last dieses Modells in Familie und Beruf tragen die Frauen.
Südamerika scheint sich in seiner glorreichen Vergangenheit zu sonnen. Ich nenne das das „Kickers-Paradoxon“. Irgendwann vor vielen Jahren hat der Verein mal in der Bundesliga gespielt, Bayern München mit 6:0 im Olympia-Stadion besiegt. „Wir sind erstklassig“, „es wird schon wiederkommen“, „da gehören wir hin“, „man muss es doch nur machen wie früher“. Die Erinnerung an die Erfolge der Vergangenheit bestimmt die Vereinskultur auch heute. Auch wenn die Substanz nur noch in Rudimenten existiert, werden überkommene (teure) Strukturen gepflegt. Auch in Südamerika hatte ich oft das Gefühl: die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart. Hohe Defizite beim Service, der Kunde als Bittsteller, nicht kümmern um offensichtliche Missstände im Bus, in der Fußgängerzone -neben vielem anderen- sind Erfahrungen in meinem Mikrokosmos. Herbergen und Restaurants werden oft mit Gleichgültigkeit wie ein HO oder ein Interhotel betrieben. Nur in den Hotels und Restaurants der Städte wird Englisch gesprochen.
Die Länder sind reich an Devisen trotzdem verfallen und vergammeln die Städte. Industriebrachen überall. Man hat nicht das Gefühl es entsteht wesentlich Neues. Weder in der Spitze noch in der Breite, außer vielleicht in Santiago in Chile. Nur die Betriebe die Denkmale herstellen, haben Hochkonjunktur. Quasi an jeder Ecke erinnert eine Statue an historische Erfolge. Die Gesellschaft triftet auseinander. Viertel die vor Reichtum strotzen. Villen im Stil von Schlössern an der Loire. Wenige Kilometer weiter Slums und dazwischen die Gruppe der unteren Mittelschicht, Menschen die sich gerade so über Wasser halten können, obwohl sie mehrere Jobs haben. Hinter hohen Zäunen, die sie davor schützen sollen, dass diejenigen die noch weniger haben, ihnen was wegnehmen können. Gerade wer mit Zug oder Bus durchs Land zieht sieht die „Ecken“ der Städten.
Die Ballungsräume scheinen -wie überall, zu allen Zeiten- die Menschen anzuziehen. Das Landleben ist trist. Ein paar Häuser, eine Kreuzung mit Tankstelle und Supermarkt: fertig ist die Kommune. Großstädte versprechen Licht, Unterhaltung, Spaß und vielleicht auch eine Existenz in Würde. Zwischen Glück und Scheitern ein schmaler Grat. Meist ein Leben auf Kante.
All the bags are packed, I´m ready to go. Das Taxi wartet. Ein schönes Zimmer am Schluß einer langen Reise. Aber das Hotel steht halt nicht in bester Lage. Dafür eine kleine Küche und abends Platz zum Schreiben. 40 Minuten soll die Fahrt zum Airport dauern und 40 Dollar kosten. Es fährt auch ein Bus für zwei Dollar, aber ich müsste umsteigen, irgendwo an einer Straßenecke. Und der Bus zum Airport geht nur alle Stunde. Wenn ich den verpasse oder die Haltestelle nicht finde, kann ich einen neuen Rückflug buchen. Also Taxi. Die Fahrt geht immer an der Küste entlang. Zwanzig Kilometer vielleicht. Am Weg reihen sich Fewos an Hotels. Am Flughafen investiere ich meine letzten Pesos in ein Frühstück und einen Smoothie. Breakfast ok, der Fruchtdrink nicht.
Das Gepäck wird bis Frankfurt eingecheckt. Hoffentlich weiß das auch das Gepäckband in Sao Paulo. Ich habe keinen Bedarf auf Überraschungen wie beim Hinflug in Atlanta. Ca. 80 Pesos habe ich übrig. Reicht weder für ein Wasser noch für einen Magneten.
Ich habe auf der ersten Etappe einen Fensterplatz. Lufthansa kooperiert zwischen Montevideo und Sao Paulo mit GOL, eine Art brasilianische Ryanair. Schon interessant wie der Flieger nach der Ankunft in 20 Minuten gereinigt und wieder fit gemacht wird. Immerhin: es gibt kostenlos eine Cola, einen Kaffee und ca 5 Gramm Chips.
Wir überfliegen Sao Paulo 20 Minuten lang. 11 Millionen Menschen sollen hier in der Stadt und weitere 20 Millionen im Großraum leben. Wahnsinn. Es gibt wohl mehrere Quartiere mit einer Skyline, breite Autobahnen, aber man erkennt auch die zahlreichen Favelas die sich an die Hügel schmiegen.
Klar. Ich bin in Argentinien stundenlang durch die Pampa gefahren, kaum Menschen, kaum Abwechslung, kaum Arbeit. Die Lichter der Großstadt verheißen den Menschen aus der Steppe Abwechslung, lassen ihre Träume blühen. Ein Grund weshalb es seit ewigen Zeiten die Menschen in die Städte zieht.
Der Aufenthalt in Sao Paulo kurz. Eine Stange Zigaretten um jemand zu beglücken, die sind hier super billig und am Büdchen ein Hot Dog, grenzwertig.
Zum Glück entdecke ich im Kühlschrank der Würstelbude Patagonia Bier. Das war für mich hier unten unter all den Halben und Hellen der beste Gerstensaft. Schmeckt wie in Bayern. Sehr würzig und süffig. Der Rest war mehr oder weniger gepanscht.
Beim Boarding höre ich nach sechs Wochen wieder Deutsche Stimmen. Sitz „K“ war mir zugewiesen. Also ganz rechts, Fensterplatz. Dieser Platz bietet die Chance bei der Landung unser Haus, Mühlheim, das Kickers Stadion, Offenbach zu fotographieren. Umso größer der Frust. Mein Platz ist zwar ganz rechts, aber ohne Fenster. Die Stewadess versucht mich zu trösten, es sei doch eh dunkel. Stimmt aber nicht ganz. In OF sollen wir bei Sonnenschein landen. Bislang habe ich meistens irgendwo in der Mitte gesessen oder der Flieger landete aus Richtung Mainz. Ihre Behauptung „Offenbach muss man ja nicht ablichten“ kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Liebe Lufthansa, wenn ihr Stress wollt……
Der Flug ist ziemlich ruhig. Trotzdem schlafe ich nur die erste halbe Stunde. Immerhin so zehn CDs von meinem MP3 Player wieder mal gehört. Ja und bei der Landung. Ich kann durch so einen Mini-Schlitz an meinem Vordermann vorbei durch sein Fenster lugen. Direkt am Fenster hätte ich bei klarem Sonnenwetter wuderbare Bilder von unserem Haus, dem Kickers Stadion. der Traglufthalle Rosenhöhe machen können. Schade.
Frühstück -lange musste ich an einem Sonntag suchen- in einem Szenecafe mitten im Driss zwischen zerbröselnden Fassaden. Danach ein Stadtbummel am vorletzten Tag meiner Reise. Sonntag morgen, die Straße sind noch leer. Es hat in der Nacht geschüttet.
Die City von Montevideo ist voll mit interessanten Läden und Kneipen. Viele werden von jungen Leuten betrieben. Viel Öko und Kultur. Kaffee brühen können sie hier. Dazu der Kontrast: Grobe Tische und Stühle, die oft kahlen Wände von denen der Putz geplatzt ist. Die Umgebung zerbröselt trotz all der Bauten die von einstiger Größe zeugen. Über Montevideo, jedenfalls über der historischen Altstadt, liegt mehr als ein Hauch Melancholie. Passend zum Abschied von einer sechswöchigen Tour.
Aber es gibt sie noch die Gebäude mit den wunderhübsch sanierten und restaurierten Accessoires.
Mich zieht es noch einmal in die Markthalle am Hafen. Ein letztes Steak in Südamerika. Ich geniesse es.
Eigentlich ein wunderhübsches Tor
Nur wenig Menschen bevölkern am Abend die Fußgängerzone. Mich zieht es ins Hotel. Gepäck ordnen, damit alles im Flieger seinen Platz hat. MP3 Player aufladen. Der Tag morgen wird lang.
Das Café, das mich gestern mit tollen Schnittchen verwöhnte, ist noch geschlossen. Also probiere ich es nebenan. Durchschnittskost.
Los gehts. Heute einmal per Hop-on-Hop-off quer durch Montevideo. An der Bushaltestelle am Unabhängigkeitsplatz erwartet mich eine interessante Perrspektive auf einen dieser wunderbaren Kioske die quer über die Stadt verteilt sind.
Ich muss nur drei Minuten auf den blauen Doppeldecker warten, kann im Bus direkt bezahlen. Zunächst mache ich eine Runde (etwa drei Stunden) quer durch die Stadt. Es ist die ehrlichste Hop-On-Tour auf meiner Reise. Quartiere deren Menschen offenbar richtig reich sind, deren Gebäude an die Schlösser der Loire erinnern und daneben Viertel aus -bei uns würde man sagen- Schrottimmobilien. Ich frage mich zwischendurch ob die Route bewusst so gewählt wurde oder ob es keine Alternative gibt.
In Montevideo der Hauptstadt von Uruguay leben 1,3 Millionen Einwohner. Sie ist das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum des Landes. Eine Studie aus dem Jahr 2019 bescheinigt der Metropole die höchste Lebensqualität in Südamerika.
Die Grundstruktur ähnelt der von vielen anderen Siedlungen in Südamerika. Ein kolonialer Kern von den spanischen Konquistatoren beeinflusst. Kathedrale, Hauptplatz mit Governeurssitz, Handelskontoren und allerlei Amtsstuben. Feinste Kolonialarchitektur. Fassaden verziert mit Erkern, Türmchen und geschwungenen Ballustraten an den Balkonen. Hinter den schweren Toren ausladende Treppen aus Mamor, die den Besucher mahnen, Ehrfurcht zu bezeugen.
Um den Platz ein schachbrettartiges Straßensystem. Hier wohnte Handel und Verwaltung in prächtigen Bürgerhäusern in Nachbarschaft zu kulturellen Einrichtungen wie einem Theater. Gerade diese Viertel haben im vergangenen Jahrhundert viel von ihrem ursprünglichen Charme verloren. Sicher haben Erdbeben, Unwetter und Kriege viel an Substanz zerstört. Aber auch die wirtschaftlichen Interessen der Menschen haben großen Anteil, dass viele Zeugen der Geschichte verloren gingen. Mit dem Ausbau des Hafens und einer Immigrantenwelle zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Druck Flächen intensiver zu nutzen, erheblich. Das Neue, das das Alte ersetzte, hat trotzdem an manchen Stellen eine erstaunliche architektonische Qualität.
Zu dem „kreuz und quer“ im Stadtbild hat auch eine Politik beigetragen die zwischen Extremen schwankte. In den 1950er Jahren wurden die Mieten gedeckelt, deutlich unter der Inflationsrate. Die Folge: Gebäude wurden nicht mehr renoviert, zerfielen. Später in den 1970er Jahren mit der Liberalisierung setzte der Wildwuchs ein als hastig neue Gebäude hochgezogen wurden.
Nur die Kirchen sind eine Konstante im Stadtbild geblieben
Meine erste Runde durch die Stadt unterbreche ich nur für einen Besuch des Stadions. Ein Muss. Hier in Montevideo fand im Jahr 1930 die erste Fußball WM statt. Die Arena hat sicherlich einige Umbauten erlebt, aber hier auf den Tribünen ist immer noch ihre große Tradition spürbar.
Das Museum in den Katakomben ist richtig gut gemacht. Es verbindet Narrative mit Exponaten und es folgt -trotz beengter Fläche- einem Kompass. Gut erzählt wird die Geschichte wie es zur ersten WM kam. Die Sitzungszimmer sind nachgebaut und spiegeln die Fotos aus jener Zeit. Leider war das Angebot in dem Shop eher rudimentär.
Fahrt entlang der Küste.
Zweite Runde in einem der besseren Quartiere der Innenstadt
Zwischen all den Neubauten immer wieder Kleinode.
Das Parlamentsgebäude
Nebenan riesige Graffitis
Vom Parlamentsgebäude laufe ich mit ein wenig Herzklopfen durch ein heruntergekommenes Quartier zur ehemaligen landwirtschaftlichen Markthalle.
Das Innere des Gebäudes hat wenig mit seiner Umgebung gemein. Ringsum sind noch die Hallen der ehemaligen Betriebe die den Export aus dem Argraland Uruguay aus dem nahen Hafen in alle Welt vorbereiteten. Von ihnen ist wenig geblieben. Die meisten Bauwerke zerfallen wie fast alle Fabriken rings um den Port.
Die ehemalige Markthalle setzt auf Exklusivität und hochwertige Angebote. Es gibt nur noch zwei oder drei Marktstände aber dafür jede Menge Geschäfte die Feinkost aus aller Welt anbieten. Dazu einige Spezialitätenrestaurants. Die Kunden kommen wohl eher aus dem Ausland: aus dem nahen Argentinien und aus Brasilien. Ein Indiz ist die Dichte der Wechselstuben.
Ein Bummel vorbei an den schmackhaften Auslagen macht Spaß.
Ich suche eine Bodega die Tapas anbietet. Ungelogen. Das Bild zeigt die kleinste Portion. Aber sehr zu empfehlen. Dazu ein brasilianisches Bier. Weniger zu empfehlen.
Ein Blick in die alte Markthalle in neuem Outfit.
Die Haltestelle für meine Rückfahrt ist zum Glück vor der Halle. Muss noch eine halbe Runde mit dem Bus Richtung Hotel drehen. Eine Stunde durch die Quartiere durch die ich schon mal bei Tag besuchte. Oft Suburban. Viele Reihenhäuser. Manchmal prächtige Villen. Interessant die vielen Restaurants links und rechts. Man geht wohl gerne aus. Der Bus ist leer. Ernst am botanischen Garten steigt eine Familie ein. Die Kids nerven etwas. Sie dürfen durch den Bus toben. Ich hoffe nur der Fahrer muss nicht plötzlich bremsen.
Zum Glück legt der Fahrer 200 Meter vor meinem Hotel einen Extrastopp ein. Vorbei an einer mächtigen Bank schaffe ich es mit einem kleinen Umweg durch einen Supermarkt ins Hotel.
Ich habe einigermaßen geschlafen. Die Matratze ist zu weich. Dann erst mal die Lage gepeilt. Nach 100 Metern bin ich von meinem Hotel auf einer Hauptstraße und dort beginnt auch schon der Unabhängigkeitsplatz der zumindest am Tag problemlos zu betreten ist. Das Publikum um mein Hotel ist heftig aber es macht nicht richtig Angst.
Ein Kiosk begrüßt mich. Ich liebe sowas. In der Innenstadt von Montevideo sehen alle Kioske so aus. Auch ein gut gestaltete Büdchen können einer Stadt Charakter verleihen.
Das Theater ist gleich nebenan
Und mit Brunnen und Denkmalen ist die Stadt reich gesegnet.
Aber ohne Frühstück nutzt all die Kultur nichts. Das Flor de Cafe macht mich an. Und ich täusche mich nicht. Das Besitzerehepaar sympathisch, spricht Englisch und seine Frau macht ein hervorragendes Frischkäsebrot mit Tomaten. Der Mann bietet mir an, mein erstes Breakfast in Uruguay im Bild festzuhalten.
Der Innenraum der kleinen Bar. Das Hauptgeschäft spiegel sich in der kleinen Vitrine: Süsspapp. Die Leute verspeisen hier pausenlos Kuchen.
Die vielen Stände am Straßenrand fallen auf. Jeder verkauft irgendwas. Viel Kunst und Kunsthandwerk, nichts hochklassiges aber auch wenig Ramschiges
Auch in Montevideo gibt es reichlich Sitzgelegenheiten wie hier auf dem Platz vor der Kathedrale.
Ich suche mit eine Bank um die Menschen hier eine Weile zu beobachten. Es ist schwierig mit den ersten Eindrücken hier umzugehen. Das Herz der Stadt, ihr Ensemble, wirkt zerrissen. Es ist ein Mix aus prunkvollem kolonialen Baustil, avandgartistiche Architektur aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts und einen seelenlose Gestaltung der 1970er Jahre. Kaum harmonische Koexitenz, viel Wildwuchs. Ein Bobardement wie es Deutschland im Zweiten Weltkrieg erlebte hat hier nie stattgefunden, die Erde bebte das letzte Mal 1880 heftig.
Die Kathedrale von Montevideo. Innen prall voll mit Schmuck, Verziehrungen und Figuren.
Wandzeitungen sind hier ein beliebtes Kommunikationsmittel
Eines der prachtvollen Häuser in der Innenstadt die an glorreiche Zeiten erinnern.
Ein Wahnsinn wenn man sich vorstellt welchen repräsentativen Verpflichtungen das Gebäude einst diente. Ein Blick nach innen ist immer für Überraschungen gut. Uruguay war einst ein reiches Land.
Immer wieder begegnen mir Wandbilder an den Mauern
Wer fensterlt denn da?
Eigentlich ist die Fußgängerzone an sieben Tage in der Woche ein Flohmarkt
Immer wieder reich verzierte Gebäude
Die Markthalle hier gilt als Empfehlung für ein gutes Steak. Längst haben auch hier die meisten kleinen Obst- und Gemüsegeschäfte aufgegeben. Die Vielfalt ist verloren gegangen. Drei große Gastronomiebetriebe dominieren die riesige Halle. Dazu Souvenir-Shops und ein paar China-Stände mit bedruckten T-Shirts.
Auch hier zahlt man für ein Steak plus zwei große Bier 30 Euro. Das ist eine Menge Geld für Uruguay, aber für uns natürlich eher ein Schnäppchen bei der Fleischqualität.
Der Beef-Master bei der Arbeit zwischen Rare und Medium Rare. Medium oder gar Well done gelten hier eher als Zeichen von kulinarischer Ignoranz. Die Lokale in der Mrkthalle und drumrum sich gut besetzt. Manch Rechnung muss gewaltig sein.
Letzter Abschnitt meiner Tour um Südamerika. Per Schiff von Buenos Aires nach Montevideo. Aber bis zum Einchecken um 15 Uhr ist noch viel Zeit
Zur Feier des Tages besuche ich noch einmal in eines der wunderbaren alten Kaffeehäuser. Dieses mal setze ich mich auf die Terrasse direkt an die Umgrenzung zur Fußgängerzone um Leute zu gucken.
Keine so gut Idee. Alle 30 Sekunden fragt jemand ob er mein Brötchen, mein Croissant oder meinen Kaffee haben kann. Die Menschen haben wirklich Hunger, aber es sind zu viele um allen zu helfen. Nach dem Frühstück marschiere ich noch ein wenig durch die Fußgängerzone. Nicht einfach. Alle zehn Meter fragt jemand ob ich wechseln, was kaufen oder sonst was möchte. Es gibt nur noch wenige Fachgeschäfte in dem Quartier in dem wohl einst die Mittelschicht dominierte. Meist Läden mit billigen Ramsch. Einmal wird der Schuhputztrick versucht. Stur weitergehen ohne zu zucken hilft am Besten.
Irgendwo existieren sie noch: die exklusiven Malls. Aber es sind nur noch wenige, aber immer noch beeindruckend.
Die Kluft zwischen arm und reich ist hier tief, mit den Händen greifbar. Ich habe die vergangenen Tage mit Matthias Schulze Boeing über das Thema gechattet. Er hat über den Arbeitsmarkt hier veröffentlicht und wird im Herbst hierher fliegen um sich mit einer Expertin zu treffen die über den informellen Arbeitsmarkt, also alle die ohne feste Strukturen, irgendwo irgendwie arbeiten, als selbst ernannter Parkplatzanweiser, Geldwechsler, Schuhputzer. Alles nur um irgendwie an ein paar Peso zu kommen. Schätzungen gehen davon aus, dass hier in Buenos Aires bis zu vierzig Prozent der Menschen sich so durchschlagen.
Irgendwo entdecke ich noch diese Kirche
Gegen 13 Uhr beschließe ich doch noch zu Mittag zu essen. Normal speise ich lieber abends, aber wer weiß was in Montevideo ist. Die „Extrawurst“ ist in der Nähe. Ich bestelle mir sechs Nürnberger. Von der Qualität richtig gut aber es fehlt ein wenig der „Rost Geschmack“ und so ein paar Pfefferkörner und Lorbeeren täten dem Sauerkraut gut.
Der Wirt spricht mich auf Deutsch an. Er ist Nürnberger und der Liebe wegen nach Buenos Aires gezogen. Die Anregung mit dem würzigeren Geschmack kennt er, würde er auch gerne was ändern, aber er hat viele Kunden mit Kindern. Deshalb wollen Eltern möglichst wenig Pfeffer.
Ich hätte mich gerne länger mit ihm unterhalten aber mein Dampfer geht bald und ich muss noch ins Hotel Gepäck abholen und bis zum Terminal 400 Meter laufen. Blöde Entfernung mit dem Taxi zu kurz mit Gepäck zu lang.
Einchecken, Zoll geht schnell. Sogar die Beamten aus Uruguay sind hier, um alle Formalitäten in einem Rutsch zu erledigen. Für Chaos sorge ich höchst persönlich. Beim Ticketkauf habe ich den großen Ausdruck sorgfältig verwahrt. Das war aber nur die Rechnung. Den Mini-Zettel der aussah wie der Beleg für die Kreditkarte, ist das Ticket. Zum Glück finde ich die Fahrkarte im Reisepass. Da hatte sie der Mensch am Schalter wahrscheinlich reingelegt. Also alles nochmal gut gegangen.
Ich habe das Hight Speed Boat gebucht. Es ist deutlich teurer aber der Vorteil, es landet direkt in Montevideo und ich muss nicht noch einmal für zwei Stunden mit Gepäck in einen Bus umsteigen. Meine letzten argentinischen Pesos tausche ich auf dem Schiff zu einem miesen Kurs. der Dutyfree Shop ist gnadenlos teuer oder liegt es daran dass ich die Preise für harten Alkohol nicht mehr kenne. Ich leiste mir eine Mini-Cola für über drei Euro.
Der Kahn ist maximal zu einem Viertel besetzt. Knapp 200 Kilometer High Speed in 150 Minuten.
Ankunft in Montevideo. Viele Taxen warten am Pier. Sie haben gerade die Passagiere für die Rückfahrt der Fähre gebracht. Ich muss vielleicht zehn Minuten warten. Der Fahrer kennt mein Hotel nicht. Gut dass es Google Maps gibt.
Einchecken unkompliziert. Das Zimmer ist sehr schön, groß und hat eine kleine Küche. Es ist richtig sauber. Bloß für den Tresor, eigentlich meine Spezialität, bin ich zu blöd, weil ich die Anleitung nicht lese. Runter zur Rezeption. Der Mensch am Tresen schaut mich mitleidig an. Ich bin nicht der erste. Gut man muss es wissen, aber dafür hat er mir extra eine Anleitung mit einem Satz in die Hand gedrückt: Als erstes „eins zwei drei“ eingeben und dann wie immer.
Es ist nach zehn Uhr und ziemlich dunkel draußen. Dennoch will ich noch einmal 100 Meter weiter in einen Supermarkt was zum Trinken holen. Puhh. Auch hier liegt in jeder Hofeinfahrt jemand der kein Dach über den Kopf hat. Nachts angebettelt zu werden wenn man den Gegenüber nicht erkennt, ist irgendwie blöd. Dann den Geldbeutel aufzumachen noch blöder.
Zurück im Hotel widme ich mich dem Thema Sicherheit. Im Dezember als ich das erste Mal auf die Idee mit Südamerika kam, habe ich mich ein wenig informiert. Dass ich nicht ins Lummerland Reise, war mir klar, aber Myanmar, der Libanon oder Pakistan waren bei den Reisewarnungen andere Hausnummern. Reisewarnungen klingen immer ein wenig kritisch. Es ist schließlich der Job vom Außenministerium auf Eventualitäten hinzuweisen.
Die Reisewarnungen für Montevideo klingen jetzt im März wie ich jetzt nachlesen kann sehr viel eindringlicher. Auch die der Regierung der Schweiz, von Österreich und von verschiedenen Tour-Veranstaltern. Synthetische Drogen habe die Situation verschärft. Selbst in „besseren Quartieren“ käme es zu Überfällen. In der Innenstadt an deren Rand ich wohne nach Einbruch der Dunkelheit nur noch Hauptstraßen benutzen. Blöd nur wenn das Hotel in einer Seitengasse liegt. Also nur noch unterwegs sein mit einer Karte und umgerechnet zwanzig Euro Bargeld. Und Handy am Gurt.
Irgendwo lese ich auch dass Kritiker der Regierung hier vorwerfen zu sehr und mit Engelsgeduld auf Prävention gesetzt zu haben statt auch konsequent Pönalen zu verhängen. Mag sein. Aber Hauptursache für die verschärfte Sicherheitssituation ist nach meiner Einschätzung hier in Südamerika die wachsende Ungleichheit.
Frühstück auf dem Bürgersteig. Wie meist in Argentinien: Sandwich „Schinken/Käse“ und ein Kaffee Americano.
Mich zieht es erst mal wieder in den Park in der Nähe meines Hotels. Ein wirklich schöner Ort um die Seele baumeln zu lassen. Im Hintergrund ein frühes Hochhaus in Argentinien: In den 30er, 40er und 50er Jahren pflegten die Bauherrn Strarchitekten zu engagieren. „Ikonisch“ pflegt die Hop-Off-Stimme bei der Bustour zu sagen. Nicht nur in Buenos Aires sondern auch in Santiago. Ein Indiz dass die Texte irgendwo zentral produziert oder zumindest übersetzt werden. Jedenfalls hat ein furchbar bekannter Architekt, Namen habe ich mir nicht gemerkt, dieses Haus entworfen. Entworfen zu einer Zeit als Argentinien ein wohlhabendes Land war.
Denkmale stehen die Südamerika, egal in welchem Land ich war, an jeder Ecke. Gut, jeder wie er es mag. Aber so manches Mal habe ich beim Anblick gedacht: je weiter die glorreichen Zeiten zurückliegen desto inflationärer das Aufstellen von Statuen.
Es geht auf Mittag zu. In diesem Gebiet sind wohl viele Banken, Dienstleister und Anwälte tätig. Die Bars und Restaurants der Umgebung beginnen sich zu füllen.
Mein Ziel ist heute das Eisenbahnmuseum von Argentinien. Auf dem Weg dorthin passiere ich nicht nur prächtige Gebäude sondern auch Hofeinfahrten deren Innenhöfe eigentlich zur Besichtigung einladen.
Argentinien war mal ein Eisenbahnmusterland. Über 55000 Kilometer Strecke waren zur Blütezeit in Betrieb. Die Gleise waren einst Motor für eine erfolgreiche Entwicklung hin zu Wohlstand und Ansehen. Heute gibt es noch einen gut ausgebauten Schienenverkehr in und um Buenos Aires vier mehr oder weniger marode Verbindungen von Buenos Aires aus in maximal 500 Kilometer entfernte Orte, dazu den Patagonien-Express der von der Provinzregierung bestellt wird. Die Züge verkehren nur einmal am Tag, auf einer Strecke nur dreimal die Woche. Der Sanierungsstau ist riesig, das Tempo deshalb eher gemächlich.
Bis in die 1980er Jahre setzte die staatliche Eisenbahngesellschaft auf schnelle Züge, Vernetzung und kreative Konzepte. Selbst über die Anden bis Chile konnten die Menschen per Bahn reisen, in komfortablen Schlafwagen. An Bord boten nicht nur der Speisewagen Abwechslung: es gab Kinowagen, Musik- und Lernangebote und Aussichtsplattformen. Das Land hatte seine eigene Eisenbahnindustrie.
In den 1990er Jahre begann die Privatisierung. Den neuen Eigentümern wurde die Übernahme der Schienen mit staatlichen Zuschüssen vergoldet. Statt die Subventionen zu investieren, verbesserten die neuen Eigentümer mit der Kohgle ihre Quartalsergebnisse, steckten das Geld in die eigene Tasche und legten im Gegenzug die Strecken still. Bei der Fahrt mit dem Bus durch das Land sind heute oft neben der Straße verrostete Gleise und zerstörte Brücken zu sehen. Einst beförderten Züge in dem Agrarland Unmengen an Getreide und Fleisch quer durch die Pampa zu den Häfen. Die Touren haben längst Lastwagen übernommen, nicht zur Freude der Umwelt. Heute beschränkt sich der Güterverkehr auf einige Container-Routen. Außerdem werden einige Strecken Richtung Anden offen gehalten, weil man hier Bodenschätze vermutet werden, die nur mit der Bahn abtransportiert werden können. Im Rest des Landes verrosten die Gleise.
Natürlich ziehen heute Passagiere die drei Stunden Flug von Buenos Aires nach Chile einer dreitägigen Bahnreise vor, aber wer in Reiseberichte aus den 2000er Jahren über das Land schmökert, erfährt, dass die selbst vor zwanzig Jahren noch die wenigen Züge in die Provinz über Wochen im Voraus ausgebucht waren. Auch heute sind, so ist zu lesen, die Waggons auf den vier Strecken die noch existieren immer voll. Es verwundert dass nicht wenigstens hier das Angebot ausgeweitet wird. Selbst Städte mit über 300.000 Einwohnern sind ohne Bahnanschluss. Flugverbindungen in die Provinz gibt es oft nur einmal am Tag. Rückgrat für die Beförderung in die Provinz sind heute Busse, die meist in der Nacht verkehren. Zum Teil sehr komfortabel aber auch teuer.
Wo die Züge noch fahren, auch das gehört zur Wahrheit, ist reichlich Personal ohne erkennbare Aufgabe vorhanden.
Auch in dem Eisenbahnmuseum werkelt reichlich Personal vor sich hin. Drei Leute im Shop dessen Angebot sich auf zehn Tassen, ein paar T-Shirts und zwei Bücher beschränkt. Die Ausstellung ist mit viel Fleiß zusammengetragen aber wohl von niemandem kuratiert. Es fehlt das Narrativ, ein Überblick über die Geschichte der Bahn, nicht nur einige Stichworte. Im Kinosaal Kurzfilme in mieser Qualität, ohne Untertitel. So erschließt sich mir nicht weshalb zwischendurch ein zehnminütiger Clip über Eva Peron läuft ohne Bezug zur Bahn.
Ansonsten viele beachtenswerte Exponate und Artefakte die hier einfach rumstehen.
Ein Schmuckstück ist der ehemalige Präsidentenzug. Er ist in Teilen vorbildlich restauriert und gibt einen hervorragenden Einblick über die Annehmlichkeiten die das Staatsoberhaupt bei Reisen genießen durfte. Schnellzugwagen aus der Blütezeit der Bahn vor über 100 Jahren verrotten dagegen. Es ist absehbar wann die alten Poster vollständig von den Mäusen verzehrt und die Sitze Holzmehl sein werden.
Nebenan der Nordbahnhof. Die vielleicht vierhundert Meter vom Museum bis zum Eingang über eine Seitenstraße sind schon eine Mutprobe angesichts der vielen Obdachlosen. Eine Decke und ihre Kleider am Leib, mehr besitzen die meisten nicht. Hier in Buenos Aires ist hautnah zu erleben wie sehr arm und reich aus dieser Welt auseinanderdriften.
Ganz anders die prächtige Bahnhofshalle, die noch an Glanz und Ruhm des alten Argentiniens erinnert. Kathedralen gleich ein Symbol für Macht und Stärke.
Zwei Fernzüge am Tag, ansonsten S-Bahnen. trotzdem beeindruckt die Architektur bis heute. Sie ist sorgsam gepflegt, ihren Charakter stören keine Accessoires der Neuzeit. Selbst Starbucks musste wohl auf seine typische Leuchtreklame verzichten. Die Halle, eine imposante Stahlkonstruktion.
Der Fahrkartenschalter, wie zur Gründerzeit
Ein Zeitungskiosk fast wie vor 50 Jahren
Auf den Gleisen: Vorortverkehr
Zum Abendessen mit der Metro in einen Teil von San Temo der so an der Sicherheitsgrenze liegt. Die Unterschiede zu meinem Viertel sind spürbar.
Die Mortadella / Käse Kombi in der Mini-Pizzeria ist Spitze aber ich werde halt auch angemacht, um ein Stück gebeten, bekomme eindeutige Angebote. Aber alles keine Aufregung wert.
Zurück geht es mit dem Bus. der fährt fast bis vors Hotel. Der Busverkehr hier ist eine Raketenwissenschaft. Wer das System nicht früh studiert, ist verloren. Es gibt unzählig viele Linien ,mit einer unendlichen Zahl an Nummern auf der Anzeige. Im Prinzip gut: man muss weniger Umsteigen weil irgendein Bus immer genau zu meinem Ziel fährt. Nur welcher und von wo? Zunächst mal: Google Maps verdient sich hier nicht nur einen Weihnachtsgruß sondern auch eine Osterkarte. Start und Ziel eingeben und das Display auf dem Handy zeigt genau die richtige Liniennummer. Nur wo muss ich stehen und winken. Mache ich das von der falschen Stelle rast der Fahrer ohne mit der Wimper zu zucken an mir vorbei. Manchmal ist eine Haltestelle 200 Meter lang mit Duzenden von Wartehallen. Nicht so einfach die richtige Position zu finden. Ja und wo es keine Wartehäuschen gibt? Da stehen dünne grüne Stangen ohne Querstrebe auf dem Bürgersteig mit eins, zwei oder drei Nummern in kleiner Schrift. Manchmal ist es ein Stangenwald. Dann dauert es.
Bei der Pizza konnte ich noch eine Besonderheit beobachten. Ich hatte darüber bereits gelesen. Die Busse einer Linie verkehren im Schnitt alle drei Minuten. Eigentlich ein Spitzenangebot. Die Abstände sind je nach Verkehr nicht immer exakt einzuhalten. So nach ein paar Stunden passiert es, dass vier, fünf oder sechs Busse mehr oder weniger leer hintereinander Stoßstange an Stoßstange fahren und dann kommt 15 Minuten keiner. Solche Konvois waren in der Stunde vor dem Lokal mindestens fünfmal zu beobachten.
Hält der Bus, Karte an das Lesegerät halten, und sofort auf einen Sitzplatz springen und an einem Griff festklammern, mit beiden Händen. Die meisten Fahrer müssen verhinderte Formel-1 Piloten sein. Beim ersten Blitzstart hat es mir fast die Brille zerschlagen.
Im 25Hours neben meinem Hotel hole ich mir noch eine Dose Bier. Das sind sowas wie die 7/11 von Argentinien. Meistens ziemlich gut sortiert inklusive Kaffee und warme Häppchen. Nach drei Tagen werde ich schon wie ein Stammgast begrüßt.