Perfektes Timing morgens um 6.45 Uhr: Während sich die Tür meines Lifts im Hotel öffnet, betritt drei Meter weiter mein Guide die Lobby. You are Matthias? Yes. Hello. Keith nennt er sich, ein sympathischer Typ, er wirkt ein wenig wie ein Professor. Sein Siebensitzer ist bequem. Es fehlt an nichts. Ein chinesischer Van, aber Mercedes liefere zehn Prozent zu, erzählt mir Keith. Wir müssen noch vier andere Gäste abholen. Das klappt ziemlich gut. „Send a Photo from the building where you are“. Und wenn das nicht klappt: In which direction did see you the sun?“ Ein Brasilianer der für DHL arbeitet, steigt als erster zu. Die anderen drei: ein Pärchen wohl aus Europa und ein Asiate stellen sich nicht vor.
Der Berufsverkehr in Peking ist morgens schon nervig. Es dauert fast eine Stunde bis wir auf der Autobahn sind. Hier möchte ich keine Minute am Steuer sitzen. Die ersten zwanzig dreißig Kilometer begleiten uns Bürotürme links und rechts der Schnellstraße. Ein Dienstleistungszentrum mit einer Dimension vergleichbar mit der Strecke zwischen Hanau und Höchst. Und von dem Kaliber gibt es in Peking einige. Ein Hinweis auf die enorme wirtschaftliche Macht.

Ich bin noch müde und döse vor mich hin. Irgendwann verlassen wir den Highway. Countryside. Das Landleben empfängt uns. Kleine Dörfer, die Landwirtschaft prägt das Leben der Menschen. Der Spätherbst färbt die Wälder von rot, braun und gelb. Indian Summer vom Feinsten. Der Weg führt stets bergan. Die Dichte der Restaurants, Bistrots, Souvenirshops und Teestuben kündet nach zwei Stunden Fahrt vom Nahen der Chinesischen Mauer. Zwischen den Bäumen lugt ein Kastell auf dem Bergkamm. Dort oben müssen wir noch hin. Alles ist hier, man ist versucht zu sagen „wie immer“ perfekt organisiert. Allerdings nicht ganz für meine Altersgruppe.

Vom Parkplatz transportiert uns ein altersschwacher Shuttle zu einem Restaurant. Restroom und die Ansage von unserem Guide das wir uns Punkt zwölf zum Essen treffen. Upps. Da muss ich auf der Toilette gewesen sein. Wir können für den Weg zum Great Wall zwischen zwei Alternativen wählen. Bergan zwei drei Kilometer steil zu Fuß, immerhin ein gutes Stück auf der Mauer, oder mit einer Seilbahn in zehn Minuten den Gipfel stürmen. Unser Guide schildert die Schwierigkeiten auf dem Fußweg so überzeugend dass alle dankbar das Angebot für einen ride mit dem Cablecar annehmen. Doch bis dort sind es rund 500 Meter mit geschätzt 15 bis 20 % Steigung. Meine Gruppe: das sind junge Leut. Die springen wie Bergziegen. Ich schnaufe mühsam mit einem wachsenden Abstand von 100 Metern hinterher. Immerhin: In der „Tal“-Station der Seilbahn gibt es einen Lift vom Erdgeschoß in den zweiten Stock. Man ist manchmal schon für Kleinigkeiten ewig dankbar.

Oben Zugspitzenfeeling in der Hochsaison. Die Menschen stehen dicht an dicht. Hier ist -nahe an Peking- einer der Hotspots an der Mauer. Keith erinnert uns nochmal an das Treffen um 12 Uhr. „Ok“, denke ich, „Hier!“. Luc hatte mich bei unserem gemeinsamen Besuch der „Terracotta Armee“ schon gewarnt: die Chinesische Mauer stelle an die Fitness höhere Anforderungen als der bequeme Spaziergang um die Terrakotta-Armee. Ein schmaler Zugang führt zu einem noch schmaleren Tor. Die Stufen dorthin sind extrem hoch. Keine normalen Treppen. Der Gegenverkehr eskaliert das Problem. Eigentlich ist auch diese Situation perfekt gelöst. Fünfzig Meter weiter ist ein Durchgang für die Besucher die von der Mauer kommen. Viele Touristen halten sich nicht an diese Regel. Nach der Sprache ist der Anteil der Germanen unter ihnen hoch.

Aber jetzt mal ein paar Fakten die uns der Führer zu der Mauer erzählt. Der Teil hier gehört zu den am Besten erhaltenen und restaurierten Abschnitten. Durchschnittlich fünf bis acht Meter hoch, am Fuß sechs bis sieben Meter breit. Oben sind es geschätzt drei Meter. In der heutigen Form wurde dieser Bereich während der Ming Dynastie zwischen 1370 und 1650 errichtet. Natürlich gab es auch hier einen Vorläufer. Bereits im sieben Jahrhundert vor Christus schützten die Chinesen ihr Land mit Lehmmauern. Deren Überreste existieren noch im Westen Chinas. Die Hauptmauer ist über 8.000 Kilometer lang, mit Nebenlinien addiert sich das Bauwerk auf rund 20.000 Kilometer.

Der Bau eine gewaltige organisatorische Leistung. Rund eine Million Menschen mussten hier schuften. Siemussten untergebracht und verpflegt werden. Meine dumme Frage eines Menschen aus dem Rhein Main Gebiet der in der Nähe des Limes wohnt: Hatten die Chinesen denn keine Angst, dass Angreifer wie einst die Chatten oder Cherusker wie bei uns die Festungsanlagen überrannten. Die Antwort ist „Nein“. Die Topographie hat es gut mit den Chinesen gemeint. Der Wall verläuft auf dem Bergkamm. Links und rechts geht es für Angreifer steil bergauf. Und damit nicht genug. Die Steppenvölker wie die Mongolen waren perfekte Reiter. Die Armee baute auf die Kavallerie. Nur Pferde sind keine Gämsen. Keine Chance mit ihnen steile Hänge zu erklimmen. Oben kommunizierten die chinesischen Truppen mit Feuern bei der Nacht und mit Rauch bei Tag. Quasi mit der Flamme konnten die Märsche der Mongolen unten nachverfolgt werden.

Auch für diese Feuerstellen bauten die Ming-Kaiser die Türme im dichten Abstand. heute sind die schmalen Zugänge ein echter Engpass. Das Gedränge ist oft beängstigend. Viele Besucher laufen hier oben einige Kilometer auf dem Weg auf der Mauerkrone. Mein Radius ist bescheidener. Bald sitze ich auf einem Mauervorsprung und träume mich in die Welt der Ritter von Gestern während tausende Menschen die Mauern stürmen.

Um halb zwölf suche ich meine Mitreisenden, warte vor der Seilbahn bis nach 12 Uhr. Per WhatsApp erfahre ich, dass alle unten im Restaurant in der Nähe der Talstation beim Essen sind. Mein Fehler. Unten verstehe ich warum der Guide auf eine frühe Abreise aus Peking gedrängt hat. Mittlerweile sind die Busse angekommen. 200 Meter Schlange in Zehner-Reihen vor der Seilbahn. Zehntausend oder mehr Menschen: so genau kann ich das nicht schätzen. Auf jeden Fall nicht mehr beherrschbar. Ich möchte nicht wissen wie es in zwei Stunden oben aussieht.
Im Restaurant ist nach 20 Minuten die Essenzeit beendet. Keith hat mir aber zwei Plastikbecher vom Buffet mitgebracht. Jetzt noch schnell nebenan in eine Teestube zum Kapitel Kaffeefahrt. Die Teeprobe fällt für mich aus weil ich auf den Köstlichkeiten kaue, die mir Keith aus dem Restaurant mitgebracht hat. Echt gut. Hatte gedacht dass ist so eine Art Touri-Schnellabzocke. Schade dass ich mich dort nicht selbst bedienen konnte.

Den letzten Tee der Verkostung darf ich noch mitgenießen. Ein Desserttee. Mal was anderes und richtig gut. Der Inhaber des Teehauses zeigt noch einigen Nippes. Tassen die sich mit der Temperatur des Wassers verfärben und so eine Art Männiken Piss, dass erst Wasser lässt wenn man es mit heißer Flüssigkeit übergießt.

Auf der Rückfahrt drehen wir noch eine Runde um das Olympiastadion von 2008. Trotz aller Ankündigungen die Wettbewerbe in dem Rund sind rar. Für Fußball in China zu groß, Leichtathletik Weltmeisterschaften wollen viele Länder ausrichten. So sind es fast ausschließlich Konzerte die höchstens einmal im Monat für Abwechslung sorgen. Der Bau soll an ein Vogelnest erinnern. Ich fand schon damals das Design daneben. Diese Meinung ändert sich nicht mit dem Live-Eindruck.

Zweiter und letzter Programmpunkt.











































































































































