Freitag, 13. März 2016
Bariloche
Der Freitag der 13. hätte schlimmer beginnen können. Lang gepennt. Obwohl das Bett schmal ist, ich habe gut geschlafen. Kaum bin ich geduscht und einigermaßen angezogen, betreten zwei US-Girls so um die 20 mein Zimmer, mit Schlüsselkarte. Wir schauen uns etwas ungläubig an. Offenbar hatte der Rezeptionist vergessen den Zimmerwechsel gestern einzutragen. Ich erkläre den Mädels: Sorry, rund 50 Jahre zu spät. Wir lachen herzlich und ich bin wieder Single.
Das Frühstück ist solala. Viel Süß. Nur das Obst und der Kaffee sind ok. Ich gehe anschließend ein wenig am See spazieren. Es ist schon eine einzigartige Kulisse: das Wasser, der blaue Himmel und im Hintergrund die Steinberge mit den schneebedeckten Gipfel. Ich hatte zuvor versucht, mit der Kreditkarte einige Pesos am Bankautomaten zu ziehen. Transaktion unmöglich signalisierte mit das Display auch beim Dritten Versuch. Unten am See wollte ich noch das Hotel für das Ende meine r Bahnfahrt buchen. Plötzlich crasht die Kreditkarte. Nichts geht mehr. Natürlich schießen mir alle Phantasien durch den Kopf. Gehackt, Konto leer geplündert, PIN falsch eingegeben auf der Bank, Bank hat die Karte gesperrt. Und dazu seit miles and more von der DKB zur Deutschen Bank umgezogen ist harkt es an allen Ecken und Enden. Die Bewertungsportale sind prall gefüllt mit Beschwerden. Also nix was ich fern der Heimat gebrauchen kann.
Luft anhalten, nicht hektisch werden. Zur Not habe ich noch ganz weit unten eine zweite Karte versteckt. Zurück im Hotel schmökere ich erst mal in meinem geheimen verschlüsselten Codebuch. Nutzt nix. Log ins im Minutentakt: die Karte wird immer störrischer. Irgendwer verlangt meinen Service PIN, meine Bank ID und so weiter. Habe ich noch nie was von gehört. Nur die Kontobewegungen kann ich noch aufrufen. Keine ungewöhnlichen Bewegungen. In einem letzten verzweifelten Akt setze ich alle Daten zurück und boote die Karte mit neuen Kennwörtern wieder hoch. Oh Wunder. Ich muss noch zweimal was bestätigen und alles funktioniert wieder. Nach Durchsicht aller Mails und WhatsApps wahrscheinlichste Erklärung: das Ding wollte wissen ob ich noch ich bin. Früher hat dafür die Kundenberaterin der Bank angerufen. Die hat meine Handynummer.
Nach so viel Stress habe ich mir ein Essen beim Italiener verdient. So eine Trattoria heilt alle Wunden. Es wird ein schöner Abend. Die Kulisse stimmt. Das Essen auch, obwohl der Hauptbestandteil von Saltimbocca für mich immer noch eine dünne Scheibe Fleisch mit Schinken ist. Hier wird der Ham mit drei Steaks und Gemüse serviert. Vor allem aber die Live Musik machen den Besuch der Trattoria unvergesslich.
Schmusesongs auf Spanisch: die Hitparade der 1970er und 1980er hoch und runter. Und dann noch unser Lied im Oldie Club mit dem fast jeder Clubabend endet: Claptons „Wonderful Tonight“ in der iberischen Version, Erste Strophe.
Toller abend
Donnerstag, 12. März 2026
Von Osoro (Chile) nach Bariloche (Argentinien)
Die Fahrt nach Argentinien über Bariloche hat zwei Gründe. Erstens: der Pass soll nur 1.800 Meter hoch sein. Bei mir setzt spätestens bei 2.200 Metern die Höhenkrankheit ein und zweitens von Bariloche fährt einmal in der Woche der Patagonien-Express von den Anden bis zum Atlantik hinab. 17 Stunden. Quer durchs Land. Zug fahren geht bei mir immer.

Ein Blick in die Hotelhalle. Wenigstens ein Bild soll mich an die 5-Sterne-Nacht erinnern. Blöd dass ich so früh aufbrechen muss. Das Breakfast ist eher ein Brunch. Man könnte Stunden hier sitzen und in sich rein mümmeln. Obst, Wurst, Müsli, Käse, Eier und und und. Aber um 8.15 Uhr soll mein Taxi da sein. Soll. Es wird 8.20 Uhr, 25, 30.Langsam wird es eng. In meinem Inneren startet der Krisenmodus. Laufen: Mission Impossible, neues Taxi bestellen: draußen auf der einzigen Brücke Richtung Stadt stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Bis das neue Taxi kommt, ist der Bus weg. Die Rezeption telefoniert. Sie kennen die Handynummer des Chauffeurs der mir gestern 8.15 Uhr in die Hand versprochen hat. Die Dame am Counter signalisiert: noch drei Minuten. Um 8.35 Uhr erklärt mir ein völlig gestresster Droschkenlenker, er habe noch einen Job Richtung Flughafen gehabt, der bringe Geld und überhaupt der Berufsverkehr. Nach den ersten 500 Metern Stop and Go glaube ich nicht mehr an meinen Bus. Aber dann kennt der Fahrer keine Abkürzung sondern einen Umweg. Die Uhr rotiert zwar aber auf der Umgehungsstraße ist die Fahrbahn frei. Er tröstet mich mit Musik. Dean Martin, Frank Sinatra und Barbara Streisand seien seine Lieblingsinterpreten mit denen er den ganzen Tag seinen CD Player bestücke. Das sei noch Musik gewesen. Bevor ich ihm vom Oldie Club in Offenbach erzähle sind wir da. Fünf nach neun. In zehn Minuten geht der Bus.
Andesmare heißt das Unternehmen das mich nach Argentinien bringen soll. Wohl ein Deluxe-Anbieter auf dem Markt hier. Ist ja auch eine internationale Verbindung. Der Beifahrer spricht englisch und nordet mich erst mal ein. Ticket? Pass dabei? ok. PDI auch? Si. Was für ein Glück, dass ich gestern Abend in einem besseren Hotel war. Dort fragte sie mich nach dem PDI. Das bekommt man bei der Einreise, sieht aus wie ein Kassenbeleg bei Aldi, aber ohne PDI mit dem QR Code wird die Ausreise langwierig und teuer. Das Ding steckte irgendwo in der Bauchtasche hinter den Kreditkartenbelegen. Jedenfalls habe ich es gestern beim Einchecken nach langem Suchen gefunden. So habe ich alles und avanciere zum Musterschüler. Bei jedem Halt begrüßt mich der Kollege mit einem „Daumen hoch“.

Am Gate jede Menge fliegende Händler. Eine gehörige Portion Süßes ist immer dabei. Auch Kaffee ist zur Morgenstunde ein Bestseller. Männer mit heißem Wasser in einem Tornister bieten ihn an. Alternativ gibt es eine „Portion heiße Tasse“. Irgendwie versucht sich jeder hier etwas dazu zu verdienen oder muss gar ganz von den kargen Margen und dem Trinkgeld leben.


Wir verlassen den Pan American Highway Richtung Anden. Die Landschaft erinnert ein wenig an eine Mischung aus Rhön und Voralpenland. Landwirtschaft dominiert. Viehzucht und ein wenig Ackerbau. Die Bauern hier haben Hecken gepflanzt um der Bodenerosion vorzubeugen, so wie ich das von meiner Jugend in der Rhön kenne. Kleine Wäldchen lockern das Landschaftsbild auf, Es ist Herbst. Überall warten Heuballen darauf abgeholt zu werden. Sie garantieren, dass das Vieh auch im Winter satt wird.
Tankstelle, Einkaufsladen, Werkstatt, jede Menge Silos, Schule, Kirche: In den Dörfern leben nur wenig Menschen. Die kleinen Zentren wurden einst gebaut um die Farmen zu versorgen.

Tanken nach zwei Stunden. Auch eine Gelegenheit die Toilette in dem Shop zu nutzen. Das ist weniger mühsam als im Bus. Der Beifahrer nutzt noch einmal die Gelegenheit mich auf die Fragen der Grenzer vorzubereiten. Nicht dass er sich Sorgen macht aber jede längere Befragung bongt auf die Fahrzeit. Also ein Hotel nennen wenn ich nach meiner ersten Unterkunft gefragt werde. Ich habe nix zu essen dabei. Ich werde in den nächsten 90 Tagen wieder das Land verlassen usw. Und bitte bitte nur antworten wenn man gefragt wird. Und dann so knapp wie möglich.

Wieder im Bus lasse ich die Landschaft mit der Bergkulisse im Hintergrund bei Musik von Joan Baez, Dylan und den Stones an mir vorbeiziehen. Das Gelände steigt nur langsam an, die Straßen sind zwar relativ schmal aber gerade. Wir fahren am Ufer eines riesigen Sees entlang. Dimensionen wie der Bodensee. Hier beginnt ein riesiger Nationalpark den sich Chile und Argentinien teilen. Die Landschaft hat schon etwas besonderes. Immer wieder fahren wir an kleine Anlagen vorbei in denen winzige Häuser für Natururlauber vermietet werden. Jagen und Fischen sind hier wohl stark nachgefragt.


Irgendwann stoppen wir an der chilenischen Grenze. Ausreise nicht der Rede wert. Ich habe ja meinen QR Code auf dem PDI.

Bis zum argentinische Zollhäuschen sind es noch ca 25 Kilometer durch Niemandsland. Der Beifahrer schickt mich noch für ein Selfie über die Straße. Das müsse ich unbedingt machen. Stimmt.

Hier hat wohl vor einiger Zeit ein Brand gewütet. Auf vielen Quadratkilometer ragen die Stümpfe aus dem Boden. Aber die Natur erobert sich ihr Terrain zurück. Der Boden ist schon wieder bedeckt mit niedrig wachsenden Pflanzen und Gebüsch.

Jetzt merken wir auch, dass wir mitten in den Anden sind. Schmale Kurven zwischen Felsen.

High Noon beim Argentinischen Zoll. Der Gegenbus ist zeitgleich angekommen. Aber unser Beifahrer hat alles im Griff. Passnummer eintragen. Das war es.


Der spektakuläre Teil der Reise beginnt. Auf der Ostseite scheinen die Anden steiler. In vielen Serpentinen steigt der Bus rund 800 Meter hinab. Vorbei an Seen, kleinen Ressorts. Die Ferienindustrie boomt. Wohl auch im Winter wenn man die Werbung in den vielen Agenturen richtig interpretiert. Die Landschaft mit den Wäldern, Seen, Bergen und Tälern ist einzigartig

Wir erreichen Bariloche pünktlich. Die Lady am Kios tauscht meine restliche Chile Money in Pesos. Über den Kurs denke ich lieber nicht nach, aber es reicht für ein Taxi zum Hotel. Hier bin ich das erste mal enttäuscht. Mein Zimmer geht zum Berg. 50 Zentimeter jenseits des Fensters schaue ich auf eine Mauer deren Ende ich nicht abschätzen kann. Die mangelnde Aussicht ist aber nicht das eigentliche Problem. Die Bude wurde offenbar kurz zuvor chemisch gereinigt. Dem Geruch nach ist die Konzentration immer noch hoch. Zurück zur Rezeption. Bitte um anderes Zimmer. Es gibt nur noch Drei-Bett-Zimmer zur Straße. Das ist ok, auch wenn bis 22 Uhr irgendwelche Deppen ihre getunten Maschinen aufheulen lassen.

Ich möchte mir am ersten Abend in Argentinien etwas besonderes gönnen. Hier soll es ein phantastisches Steakhaus geben. Reservieren empfohlen. Ich marschiere trotzdem hin. Es ist acht Uhr. Die Kneipen machen hier erst spät auf wie in Spanien. Vor dem Lokal warten viele Leute. Mist. Ich frage drinnen für einen Platz für Morgen. Die junge Frau am Einlass sagt, nachher sei kein Problem. Ich solle eine Stunde warten. Offenbar wird hier im Schichtbetrieb bedient. Ich mache nebenan einige Bilder. So auch von dem blau angeleuchteten Turm und stehe Punkt neun vor dem Lokal. Wie versprochen: die zweite Runde wird verteilt. Das Lokal ist für einen Moment fast leer. Vorteil: Ich habe vorhin gesehen wie alles funktioniert.
Die Portionen sind riesig. Pommes gibt es nur in der Schüssel. Und die ist ungefähr so groß wie die Salatschale wenn mein Sohn alle seine Kumpels zum Geburtstag einlädt. Auch Salat gibt es nur in xxl-Portionen. Das ist ja von Vorteil wenn eine Clique bestellt aber für einen Single?
Ich lasse mich nieder. Wenn schon, denn schon: bestelle das teuerste Filet und Salat nachdem mir nochmals versichert wurde: Pommes in der Schüssel oder gar nicht. Und dann die Überraschung: Einer der Köche mit guten Englischkenntnissen kommt zu mir, um über die Zubereitung des Steaks zu sprechen. Wie genau hätte ich es denn gerne. Und ich kann noch die Frage nach der Größe stellen. Ja so um ein halbes Kilo. Ob es denn eine Nummer kleiner gehe, will ich wissen. Ja. Das könne man machen. Halbe Portion. Erleichtert willige ich ein, auch wenn es am Ende sicher über 300 Gramm sind.
Kurz zusammen gefasst: In Südafrika war das Fleisch schon exzellent, vor allem die Soßen. Die Steaks hier erweitern meinen Erfahrungshorizont um Längen. Positiv. Es hat toll geschmeckt. Trotzdem: das halbe Kilo hätte ich nie geschafft.
Mittwoch, 11. März 2026
Temuco – Osoro
Morgens Zeit genug beim Frühstück zu trödeln. Ich bin zufrieden mit meinem Hotel. Einfach aber sauber und trotz Zimmer zur Straße einigermaßen ruhig. 250 Kilometer Fahrt nach Osoro liegen vor mir. Rund drei Stunden wird der Bus brauchen. Der Portier besorgt mir ein Taxi. Es dauert ziemlich aber meine Zeitreserven sind gut. Der Busbahnhof ist weit draußen, direkt neben einem Holiday Inn. Wäre auch eine Option gewesen, dann hätte ich aber den guten Italiener bei mir nebenan verpasst.

Es ist noch ein wenig Zeit. Auch hier quälen die Leute in jeder freien Sekunde ihr Handy. Das ist mittlerweile egal ob ich in Shanghai in der U-Bahn, bei den Saudis im Bus oder bei den Amis am Flughafen sitze. Und ich bin keine Ausnahme. Aber klar. Im Prinzip ist die ganze Reise von den Tickets über die Fotos, die Musik bis zur Kreditkarte in dem kleinen Begleiter. Für die Lektüre nutze ich immerhin wegen der Lesbarkeit als Zweitgerät meinen Tolino.
Ich beobachte noch den versuchten Überfall einer Hundemeute auf den Geldtransporter. Es werden Richtung Ausgang immer mehr die das den Cash Car stoppen wollen.

Der Bus ist leer. Eine Flasche Wasser reicht. In Osoro habe ich einige interessante Restaurants gegoogelt. Kann ja nix mehr schief gehen. Sagt man sich so.

Es regnet. Der Bus rollt mit Tempo 100, auch das wird wie im ICE innen auf einem Display angezeigt, auf dem Pan America Highway.
In Osoro bringt mich ein Taxi zu dem Hotel, das ich am Abend zuvor bei Booking.com gebucht habe. Ungerührt stellt der Fahrer meinen Rucksack auf die Straße, ein Rentner vom Haus nebenan, der seinen Tag auf dem Stuhl mit Leute gucken verbringt, gestikuliert wild. Ich verstehe kein Wort. Das Taxi ist weg und ich rüttle am Tor meiner Unterkunft. Zu. Und das seit langem. Cerrado verstehe ich. Das lese ich mittags auch immer an den Türen von kleinen Geschäften: „Geschlossen“. Upps. So wie das haus aussieht, ist es schon länger zu. Um die Ecke, so sagt mit Googel, ist ein weiterer Beherbergungsbetrieb. Ich biege um den nächsten Block und gehe weiter. Dito bei der letzten Option am zentralen Platz von Osoro. OK. Was sage ich immer: Im Gegensatz zu unserer Jugend hast Du heute die Kreditkarte einstecken. Letzte Chance ein 5-Sterne-Haus. Handy raus. Preise zwischen booking.com und Direktbuchung verglichen. Macht auch keinen Sinn denn sind die Angaben mit oder ohne Steuern. Jedenfalls ist ein Zimmer frei. Für 116 Euro mit Frühstück. Das ist das dreifache wie für meine Abbruchbude aber immerhin besser als die Parkbank.
Es ist der gleiche Taxi-Fahrer der mein Gepäck wieder einlädt. Sehe ich ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht oder bilde ich mir das nur ein. Mein Luxus-Schuppen liegt etwas außerhalb mit angegliedertem Casino, Las Vegas Atmosphäre aber die 5 Sterne kann man guten Gewissens geben.
Das Zimmer ist riesig und die Dusche mit allen Spielereien aufgerüstet. Also erst mal Generalreinigung und danach auf einer traumhaften Matratze ruhen. Später sortiere ich meinen Rucksack und die Tasche neu.
Mit den interessanten Lokalitäten in der City wird es nix. An der Rezeption hatte ich einen Gutschein für die Bar erhalten. Kenne ich schon aus Las Vegas. Ein Drink und schon landen die ersten Dollars in einer Slot Maschine. Aber Essen muss ich. Ich löse meinen Gutschein ein und bestelle einen Hamburger und ein Bier. Alles, auch der Drink, schmeckt super. Zuvor hatte ich noch an der Rezeption wegen eines Taxis zum Busbahnhof gefragt. Ein Fahrer stand zufällig in der Halle. Er versprach mir in die Hand: Punkt 8 Uhr 15 steht er vor der Tür. Die Fahrzeit schätze ich auf 20 bis 25 Minuten plus Berufsverkehr. Der Mensch am Empfang übersetzt noch einmal meine Bitte dem Taxi-Menschen.
Während des Essens wird die Amtseinführung des neuen chilenischen Präsidenten übertragen. So einen großen Bildschirm habe ich noch nie gesehen und ich war oft beim Media Markt. Mir kommt die Zeremonie für den Politiker gespenstisch vor. Das mag an meiner Aversion gegen rechts liegen. Vielleicht. Die Kameras begleiten Kast auf der Fahrt durch die Straßen von Santiago. Vor ein paar Tagen bin ich genau hier entlang gebummelt. Der neue Präsident steht perfekt ausgeleuchtet regungslos wie ein Duce im Wagen. Es sind kaum Zuschauer am Straßenrand. Mein Chiffre: Er steht über der Masse und zeigt wo es lang geht. Zugegeben: Alles Phantasie.
Im Zimmer liegt auf beiden Kissen ein Stück Schokolade. Alleinreisen hat auch manch ungeahnte Vorteile.

Ich schlafe gut und fest. Euro für Euro.
Dienstag, 10. März 2026
Temuco
Kleiner Stadtbummel Richtung Eisenbahn Museum. Gestern Abend habe ich gelesen, dass die Stadt das offizielle Eisenbahnmuseum von Chile beherbergt. Klar: es will besichtigt werden. Das Haus trägt den Namen des chilenischen Dichters Pablo Neruda, 1971 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Neruda soll (aber das ist umstritten) in jungen Jahren als Lokführer bei der Bahn gearbeitet haben. Innerhalb des Museums erinnert ein Haus an ihn und sein Schaffen. Eine Symbiose die von den Puristen auf beiden Seiten heftige Reaktionen ausgelöste.

Ich laufe so ungefähr die Richtung die mir Google im Hotel gezeigt hat. Aber irgendwo bin ich falsch abgebogen. Zum Glück, denn so bietet der Tag einige Erlebnisse mehr. Der Anfang ein eher Alltägliches. Hier ist Herbst und von unzähligen Bäumen fallen die Kastanien, die einer fleißiger Mensch zusammen fegt und in riesige Boxen schüttet.
Nach meinem Sinn sollte das Gebäude im Hintergrund der Bahnhof sein. Ist aber ein Militärlager. Ich merke es im letzten Moment an der Tür. Bei Militär immer Vorsicht.

Ich folge einem Radweg, der wohl einmal eine Eisenbahntrasse war und treffe kurz vor dem Bahnhof einen Triebwagen, der auf einem Gleis steht. Upps. Hier noch Personenverkehr per Bahn? Wusste ich auch noch nicht.

Im Bahnhof erfahre ich, dass es rund 25 Kilometer in jede Richtung geht. Das ganze wird wohl autonom von der Provinzregierung organisiert. Eine Tour hin und zurück passt in meinen Zeitplan. Ich kaufe mir für ein paar Pesos ein Ticket. Nebenbei: nicht nur die öffentlich zugängliche Halle ist blitzsauber sondern auch die Toilette. Liebe Bundesbahn: Vorbeischauen, gugge wie das geht.

Bis zur Abfahrt habe ich gut über eine Stunde Zeit. Gelegenheit für einen Bummel quer durch die Markthallen gegenüber. Markthallen sind einer meiner Lieblingsorte. Ihre Zukunft als Handelsplatz scheint mir weltweit eher trüb. Zu oft habe ich erlebt, dass die Mehrzahl der Stände verwaist ist. Viele Hallen wie die in Lissabon, Freiburg oder in London wurden so zu Gastro- und Eventlocations umgewandelt. Das macht auch Sinn, um die oft einzigartigen Konstruktionen zu erhalten.

In Temuco drehen sich die Räder noch im Rhythmus der guten alten Zeit. Mit Ausnahme von Riga habe ich in den letzten Jahren nirgendwo eine so große Markthalle prall gefüllt mit Obst, Gemüse, Gewürzen, Fleisch und Fisch gesehen. Auch nebenan in den Gassen reihen sich Stände und kleine Läden wie die Perlen in einer Kette.

Früchte in allen Varianten. Irgendwo muss ja das Obst verkauft werden von all den Spalierplantagen. Das Angebot ist aber auch ein Symbol für die Bandbreite an Klimazonen in Chile. Nebenbei: Obst gibt es am Büffet morgens immer reichlich. Ich genieße es.

Und auch Gewürze und Kräuter in allen Varianten wachsen in dem Land

Nicht immer wird mit dem LKW geliefert

Natürlich gibt es hier auch eine kleine Gourmetmeile. Ich wähle das Wort bewusst. Die (Fisch-) Suppen, das Gemüse oder Risotto oder die gekochten Würste auf den Tellern wirken sehr lecker.

Aber morgen und übermorgen sind Reisetage. Und der Bus nach Chile über die Anden fährt nicht so oft. Also keine Experimente wie in Panama / Peru. Außerdem: mein Zug für den kurzen Ausflug wartet.



Die Triebwagen sind neu und modern. Die Frau in dem Werbefilm über diese Bahn, der drinnen auf dem Screen gezeigt wird ist meine Schaffnerin. Whooow. Sie verkauft mir das Ticket für die Rückfahrt im Zug. 90 Minuten Spaß und die Landschaft genießen.

Heute gibt es Eisenbahn satt. Nach meiner Rückkehr beginnen noch zwei Loks einen Güterzug zusammenzustellen. Es wird hin und her rangiert. Ich kann das Geschehen von einem Bahnübergang aus verfolgen, dessen Schranken, zur Freude der Autofahrer, circa 15 Minuten geschlossen bleiben.
Irgendwann, ach unzähligen hin und her, hat das Theater ein Ende. Ich marschiere zum Museum, dass trotz seiner Nähe zu der Bahntrasse circa 1,5 Kilometer entfernt ist.

Eintritt frei und das Museum mit der Riesenhalle steht in einem Park. Leider hat die Pepsi Bude heute zu: aber so mittags gegen Vier Uhr Plus ist es erst mal angenehm im Freien zu sitzen. Die Exponate draußen sind eher in einem Zustand zum Erbarmen. Rost und Graffiti setzen ihnen arg zu.
Dafür ist drinnen alles TipTop. Die Exponate sind alle restauriert und werden sorgfältig gepflegt. Die Erklärungen sind gerade noch so akzeptabel. Aber ok, ich lege da vielleicht strengere Maßstäbe an. In erster Linie besuchen den riesigen Rundlokschuppen mit dem wohl später aufgezogenen Dach Familien mit Kindern. Und die finden hier reichlich Abwechslung und Spielplätze.

Schön dass drinnen ausreichend Bänke vorhanden sind. So kann ich von Herzen zwischen meinen Lieblingen wohl fühlen und genießen.

Zurück will ich eigentlich mit so einem Bus. Sie sind das Rückgrat des ÖPNV. Aber leider, leider braucht es eine Plastikkarte um einsteigen zu dürfen. Und die giht es nicht beim Fahrer. Nach einer viertel Stunde stoppt ein Taxi. Wenn ich den Fahrer richtig verstehe: Er fährt irgendwie auch Linie für ein Unternehmen, aber für zwei Euro ohne Uhr gehe das schon in Ordnung. Win /win

Montag, 9. März 2026
Heute will ich soweit wie möglich in den Süden fahren. Zunächst vier Stunden und vierzig Minuten bis Chillan. So weit fährt der einzige Hochgeschwindigkeitszug (naja) in Chile. Das sind rund 400 Kilometer. Danach möchte ich noch möglichst weit mit dem Bus fahren. Der (Fahr-)plan ist relativ eng getaktet. Es darf nichts passieren. Ein Hotel habe ich auch noch nicht gebucht. Vorweg: So ganz hat es nicht geklappt.
Ungemach droht schon am Morgen. Um 7:40 soll der Zug abfahren. Ich entschließe mich doch zu einem Taxi. Mit dem Gepäck im Berufsverkehr mit der Metro. Fragezeichen zumal am Bahnhof der Weg von unten nach oben weit ist. Ich hatte am Abend vorher an der Rezeption nach einem Taxi gefragt. Kein Problem. Morgens ständen die Fahrer Schlange. Kann sein. Aber offenbar nicht Montag um halb sieben. Draußen kreisen die gelben Autos quasi den ganzen Tag. Nur heute morgen nicht. Der Mann an der Rezeption signalisiert: No problem. Er telefoniert und teilt mir strahlend mit: Kommt sofort. Irgendwann wird aus dem „Sofort“ eine Viertel Stunde. Nach der Taxibestellung ist mir irgendwie der Weg zu uber verbaut. Noch ein Anruf: Ja, ja. Bald. Ich drohe nervös zu werden. Das Ticket gilt für den Zug, nicht für den Tag. So zehn nach sieben der erlösende Moment. Mein Taxi ist da. Ich habe bei den Hotels eh immer den Verdacht: Sie ordern die Caps dort wo sie Provision erhalten oder beim Cousin.
Berufsverkehr: So kurz vor halb acht sind wir am Bahnhof. Der Fahrer, ein richtig Netter, warnt mich noch einmal eindringlich vor Taschendieben und wartet bis ich das Tor passiert habe. Ticket habe ich in der Tasche oben links meiner Jeansjacke. Und Zeit für ein Bild des Chile-ICE habe ich auch noch.

Nächste (positive) Überraschung: Der Zugführer schaut auf meinen Pass(ist obligatorisch beim Einsteigen) und heißt mich in perfektem Deutsch willkommen. Er freue sich, dass ich mit der Bahn fahre, wünscht mir eine angenehme Reise und und und. Wie ich später von ihm erfahre, haben seine Eltern in Deutschland gelebt (ob er da schon dabei war???) und sie haben wert darauf gelegt, dass er Deutsch lernt.
Im Zug hole ich mir im Bistro erst einmal einen Kaffee und ein warmes Sandwich. Liebe Deutsche Bahn: Einfach mal einen von Euren Speisewagen-Gurus nach Chile zu einem Trainee-Programm „Gut essen und trinken zu akzeptablen Preisen“ schicken.
400 Kilometer immer geradeaus Richtung Süden sind lange genug, um die Veränderungen für Klima, Landschaft, Vegetation und vielleicht auch Menschen in dem lang gestreckten Land zu erahnen. 4000 Kilometer von Nord nach Süd und kaum Platz zwischen Pazifik und Anden. In Santiago hat es warme, trockene Sommer mit mediterranen Elementen, so Google. Die Winter sind kühl. Der März ist ein Übergangsmonat. Die Temperaturen lassen es zu, das hier Palmen wachsen. Erste Auffälligkeit: Mit jedem Kilometer werden die Palmen kleiner. Irgendwann auf halber Strecke wirken sie aus dem Fenster wie Bonsai-Wedel. Nur gelegentlich sind sie noch in ihrer vollen Pracht zu bewundern. Sonneninseln, die den Wuchs kälteempfindlicher Pflanzen möglich machen. Ähnlich wie bei uns Wein an Unstrut Saale wächst. Die Gitter um die Häuser werden kleiner. Offenbar ist hier Sicherheit kein dominantes Problem mehr. Und natürlich: die Anden werden niedriger. Rund um Santiago waren manche Gipfel immer noch oder schon wieder schneebedeckt. Dort ragt der Aconcagua der höchste Berg Amerikas und der Südhalbkugel auf 6962 Meter. Hier wirkt das Gebirge wesentlich flacher.

Auch die Landwirtschaft ändert sich. Viel Spalierobst. Ich glaube viele unserer Äpfel kommen aus Chile. Winzer lesen und keltern hier. Die flache Landschaft bietet gute Bedingungen für den Einsatz von Maschinen. Mais sehe ich noch und abgeerntete Getreidefelder.
Mein Hochgeschwindigkeitszug schwächelt. Die avisierten 150 bis 160 Kilometer pro Stunde werden nur selten erreicht. Auf dem Display lässt sich seine Geschwindigkeit verfolgen. Oft bummelt der Zug mit kaum vierzig Stundenkilometer. An den Abfahrtszeiten der wenigen Stationen lässt sich ablesen: 15 bis 20 Minuten Verspätung. Ich hatte gehofft, in Chillan den Flixbus zu erreichen, der in einem Rutsch weit in den Süden fährt. Die Umsteigezeit beträgt planmäßig 45 Minuten und der Busbahnhof liegt rund 800 Meter von den Eisenbahngleisen entfernt. Das wird auch mit einem Taxi schwierig.

Ankunft in Chillan. Es sind nur wenige Fahrgäste die an der Endstation aussteigen. Draußen steht nur ein Taxi. Der Fahrer sicher weit jenseits der Siebzig versteht kein Wort Englisch. Ich lese ihm mein Ziel auf Google Translator vor. Vergeblich. Dito mein Versuch ihm die Route auf Google maps zu zeigen. Vielleicht ist ihm die Strecke zu kurz.
Also Rucksack festschnallen. Routenplaner auf dem Handy aktivieren. Drei Blocks geradeaus, dann rechts. Gegen zwei soll ein Bus nach Temuco fahren und wenn der pünktlich ist, erreiche ich heute noch Osoro. Von hier soll am Donnerstag ein Bus nach Argentinien fahren.

Ich habe noch ein wenig Zeit mich umzuschauen. Ticket kaufen, man muss nur den richtigen Schalter finden. Ein Sandwich, zweimal Apfelschorle (die erste die mir auf der Tour schmeckt weil sie nicht pappsüss ist). Draußen sind mindestens 12 Bussteige, aber es gibt keinen Abfahrtsplan. Praktisch im Minutentakt kommen die Busse. Der Mensch am Schalter meiner Buscompany hat mir mit zwei Finger vor den Augen zu verstehen gegeben, ich müsse halt Ausschau halten. Mein Bus kommt nicht. Ich finde einen Menschen in Uniform der mich versteht. Er mahnt mich zur Geduld.

Fünf Minuten später schnappt mich ein Junge, auf dessen T-Shirt das gleiche Logo wie auf meinem Ticket prangt und deutet mir neben ihm stehen zu bleiben. Eine gute Gelegenheit die Abläufe zu verinnerlichen. Eigentlich alles ganz einfach und immer gleich. Vorne auf dem Bus stehen Abfahrtszeit und Ziel. Den richtigen Bus erkenne ich an der Farbe und am Logo. Genau wie auf dem Ticket. Jeder Bus hat einen Fahrer. Logisch. Einen Beifahrer. Einen Jungen der sich um alles kümmert und der das Gepäck verlädt wenn das nicht von einem Mitarbeiter der Firma am Busbahnhof gemacht wird.

Der Markt ist umkämpft. Unzählige Firmen konkurrieren und Flixbus versucht wie überall den Markt zu dominieren. Konkurrenz geht über den Preis und die Qualität. Erstes sichtbares Zeichen: alle Angestellten tragen Schlips und Anzug. Die Fahrzeuge sind blitzsauber. Auch in der 3. Klasse sind die Sitze breit und bieten viel Beinfreiheit. In der ersten Klasse kommt man sich fast vor wie einst die Fürsten im Orient-Express.
Bus kommt. Man muss nicht rennen. Der Platz ist reserviert. Der Beifahrer hakt das Ticket auf einer Liste ab. Der Boy bringt das Gepäck, je nach Zielort, in einer der Boxen unter. Gegen Quittung.

Den Ton des Fernsehers kann man übrigens über seinem Platz abschalten. Leider habe ich das erst nach einer Stunde geschnallt. Ich habe einen Einzelplatz. Die sind immer rechts und bieten für 5 Dollar extra noch mehr Komfort. Mit meinem Nachbarn gegenüber kann ich mich in Englisch unterhalten. Gemeinsam beratschlagen wir mit dem Beifahrer ob es Sinn macht von Temuco weiter in den Süden zu fahren. Der Bus hat Verspätung. Ich könnte noch einen Anschluss erreichen aber der ist erst um zehn in Osoro. Ich beschließe: in Temuco ist heute Schluss. Circa um sechs Uhr werden wir da sein und da ich auf meiner Tour noch Zeitreserven habe, bleibe ich zwei Tage. Ich buche bei Booking ein einfaches Hotel in der City, das gute Kritiken hat.

In Temuco Taxi zum Hotel. Netter Empfang. Zimmer und Dusche sind sauber das Bett bequem. Nur der Safe funktioniert nicht. So ein System habe ich aber auch noch nie im Leben gesehen. Irgendwann findet der Hotelmensch einen Schlüssel. Ich ziehe vier Häuser weiter. Da soll es einen guten Italiener geben. Stimmt. Ok, so ein Chilene der italienische Küche gelernt hat. Die Nudeln sind gut. Der Wein dazu auch. Und Espresso kann er auch. Zufrieden schlafe ich ein.
Sonntag 8. März 2026
Santiago

8. März Weltfrauentag. Eigentlich wollte ich noch einmal durch die Innenstadt schlendern, vorbei an all der Geschichte und den prachtvollen Zeugnissen der Vergangenheit. Aber kaum habe ich die Metro in der Nähe des Präsidentenpalastes verlassen, bleibt mir nur eine Richtung. Die Straßen rings um die Regierungsgebäude sind gesperrt, ebenso wie einer der wichtigsten und breitesten Verkehrsadern der Stadt. Auf dem Boulevard feiern viele tausend Menschen, meist Frauen.
Viel Musik und Tanz. Fast wie bei uns. Es ist halt Sommer. Irgendwann werden die Dächer der Bushaltestellen geräumt. Ich hatte da auch schon richtig Angst wie diese hin und her schwankten. Was mir aufgefallen ist. Den Tag hier feiern von allem junge Frauen., die meisten könnten von der Kleidung, den Accessoires und dem Piccolo bzw Aperol in der Hand eher der Mittelschicht angehören. Die eher einfach gekleideten Frauen stehen an den Ständen und verkaufen Snacks und Cola.

Es ist Sonntag. Die Straße sind leer. Die meisten Läden geschlossen. Eine gute Gelegenheit für Bilder ohne Menschenmassen.

Ein paar Schnappschüsse trotzdem…

… ein wenig Kunst

Rund um die Markthalle, auch die hat heute geschlossen, Flohmarkt und sehr viele Essstände


Morgen ist Reisetag. Ich beschließe auf Experimente zu verzichten und esse einen Hamburger in der kleinen Bar, die ich zu Beginn meiner Tage in Santiago besucht habe. Der hat geschmeckt, auch meinem Magen.
Es ist gepackt. Es kann weiter gehen.
Samstag, 7. März 2026
Santiago de Chile
Montag geht es weiter: Richtung Süden, um die Anden zu überqueren. Bis Chillan nehme ich den Zug. Aber die Fahrkarte fehlt noch. Kann ich im Internet kaufen, Ist aber vielleicht keine so gute Idee. Wenn ich zum Bahnhof fahre, teste ich schon mal alle Eventualitäten bei der Anfahrt und kann nach dem Zug fragen.

Der Bahnhof von Santiago soll das Paradies für Taschendiebe sein. Entsprechend groß ist das Aufgebot an Security und Polizei.

Ich sehe zwei offene Schalter und eine endlos Schlange, die von den Guards bewacht wird. Ich frage eine Bahn-Menschen wo ich mich anstellen müsse. Er führt mich zu der Line Links. So nach einer Stunde bin ich dran oder wäre dran.

Stolz präsentiere meinen mit der Hand geschriebenen Zettel: am 9. März, 7.40 Uhr nach Chillan, Fensterplatz. Madam hinter der Scheibe schüttelt nur den Kopf. Nicht hier und erzählt mit irgendwas auf Spanisch. Ich bin stinkig und bleibe einfach stehen. Sie gibt nach und ruft einen Kollegen der mich zu einem Schalter auf der anderen Bahnhofsseite bringt. Hier ist keine Schlange. In 30 Sekunden habe ich mein Ticket. Das Wochenende geht gut los.

Ein Bild von der Station noch…

…mit der Metro zurück zum Präsidentenpalast. Der Bart ist übrigens geschnitten. Neben dem Hotel ist nicht nur Mr. Wash sondern auch ein Barber. Junge Leute in einem Salon mit einem Interieur wie in den zwanziger Jahren, also in den 1920er Jahren. All die antiquierten Spiegel, Lockenwickler, Heißluftbereiter und Kundenstühle schmückten in unseren Breiten längst das Heimatmuseum. Ich möchte den Drei-Tage Bart kürzen. Das Girl, kaum sechzehn, das mich bedient, versteht nicht und beginnt meinen Haarwuchs im Gesicht einer künstlerisch zu modellieren. Die verstreuten Haare an der Backe werden einzeln geschnitten. Hier eine Creme dort eine Tinktur. Ich traue mich nicht zu widersprechen. Leider habe ich vergessen ein Bild zu machen von der Göre mit dem kleinen Tattoo weit unter dem Hals. Die Aktion dauert fast eine Stunde: hier nochmal mit der Schere, dort noch ein wenig Gel bis ich entlassen werde. 11 Euro kostet Spaß.
Salvatore Allende: der ehemalige Präsident Chiles war auch ein Grund für den Trip nach Santiago. Ich erinnere mich noch an den Schock 1973. Ich war aus der Wüste wieder in Algier gestrandet, hatte die Kasbah von oben nach unter durchquert und irgendwo den einzigen Kiosk in Algerien entdeckt an dessen Leinen der SPIEGEL mit einer Klammer befestigt war. Auf dem Titel das letzte Foto des Chilenen im Palast.

Das Gebäude ist irgendwie zweigeteilt. Dieser Bereich beherbergt wohl ein Kulturzentrum das seine unterirdische Ergänzung unterhalb des Brunnens hat.

Auf der anderen Seite der Präsidentenflügel. Ich hatte vor einigen Monaten eine Doku über den Militärputsch gesehen. Der Film zeigt wie unter den Augen der Weltöffentlichkeit Kampfjets das Gebäude bombardieren. Unvorstellbar wenn man heute auf der Wiese sitzt über der die Putschisten ihre Geschosse ausklinkten. Die Kulisse wirkt viel kleiner als ich mir das vorgestellt habe. In den Filmen sah das immer so mächtig aus.
Ich bin nach Chile ohne mich über die politische Situation zu großartig informiert zu haben. Das Land steht vor einem Regierungswechsel. Am 11. März, also in vier Tagen, wird der Ultra-Rechte Antonio Kast das Präsidentenamt von dem linken Reformer Gabriel Boric übernehmen. Immerhin nach demokratischen Regeln. Die Stichwahl hatte Kast gegen seine kommunistische Herausforderin gewonnen.
Plötzlich helle Aufregung auf dem Platz als sich Boric kurz am Fenster seines Arbeitszimmers im ersten Stock zeigt. Seine Anhänger, es sind wenige, stürmen die Absperrung und skandieren laut den Namen ihres Idols. Sie wollen offenbar, dass er noch einmal den kleinen französischen Balkon betritt.

Es muss wohl auch der Arbeitsbereich von Allende gewesen sein.

Boric war angetreten die enorme Ungleichheit in dem Land zu beseitigen. Er trat für Rechte von LGBTQ ein. Auf den Bildern wirkt er, knapp vierzig Jahre alt, entschlossen und dynamisch. Aber die Risse in dem Land sind auch nach seiner Amtszeit nicht zu übersehen. Obdachlose jenseits der Prachtboulevards, hohe Preise, Leerstand und Sicherheit sind nur einige der sichtbaren Probleme.
Ich schaue dem Treiben bestimmt eine Stunde zu. In meiner Nähe sitzen einige ältere Damen. Frauen die Stolz und Würde nach einem langen Leben ausstrahlen. Alle sicher über 70 Jahre alt. Auf ihrem Schoß liegen DIN A 4 Blätter mit Parolen die sie hochhalten. Ich spreche sie nicht an. Die Sprachbarriere. Eigentlich dumm, denn sie wirken alle gebildet. Einige können sicher besser Englisch als ich. Eine verpasste Chance. Ich würde sie gerne über die Zeit um 1973 zu fragen

Hunger. Ich beschließe noch einmal die Markthalle zu besuchen.

Dieses Mal steht Lachs auf dem Speiseplan und als Vorspeise: Zehn Austern. Köstlich mit einem Glas chilenischem Wein.

Auf dem Weg zu meinem Hotel besuche ich gegenüber die Iglesia de la Divina. Der Gottesdienst in der katholischen Kirche ist gerade beendet. Der Pfarrer verabschiedet am Ausgang seine Schäfchen. während ich drinnen einen Rundgang mache.

Freitag, 6. März 2026
Santiago

Neuer Tag neues Obst. Das finde ich am Urlaub so toll. Genüsse werden möglich, die zuhause nur mit Mühe herbeigezaubert werden können. So eine Obstschale ist ein Beispiel. Man kann den Inhalt der Schüssel ja nicht einzeln kaufen und in großen Mengen bleiben die Früchte selten frisch.

Meine erste Station ist heute ein Park. Die vielen kleinen Cafés hier waren mir gestern auf der Rundfahrt aufgefallen. Aber sie sind heute früh leider zu. Immerhin so ein Streetfood Wagen hat auf. Es reicht für einen Kaffee. Ich schaue auf die Hochhäuser nebenan. Ein „Reichen-Viertel“, mit dem Attribut „Super“. Die Straßen wie geleckt, Regionalmarkt am Mittwoch, direkter Zugang zum Golfplatz. So vor sechzig Jahren begannen Privilegierte den Landstrich zu bevölkern. Einst stand hier eine Hazienda. Soweit keine interessante Geschichte bis die linke Regierung von Salvatore Allende gewählt wurde. Die hatte die Idee, hier Wohnungen für 1.000 Familien zu bauen. Ziel: Brücken zu bauen zwischen den Schichten und Milieus an beiden Enden der Gesellschaft. Man kann sich die Aufregung vorstellen als plötzlich 1.000 Normalos die Kreise der etablierten zu stören drohten. Ich habe vor einiger Zeit eine sehr lange und sehr anstrengende Doku über den Militärputsch in Chile im Jahr 1973 gesehen. Für mich war vor allem der Hass abstoßend mit dem die Mittel- und Oberschicht den gewählten Präsidenten bekämpfte. Eine Ursache vielleicht auch, die neue ungewollte Nachbarschaft. Die Sozialwohnungen wurden von der Oberschicht aufgekauft. Im Jahr 2014 ging das letzte Appartement für rund eine Million Dollar über den Tisch.

Nächste Station: Die Metropolitankathedrale von Santiago am Plaza de Armas. Sitz des Erzbischofs. Neoklassische Architektur mit barocken Elementen. Von außen betrachtet schon eine Statement für die Macht der Kirche. Drinnen? Ich habe sie betreten und nur gesagt: Wowww. Es gibt nur wenige Adjektive um den Glanz zu beschreiben. Das Wort „Überbordend“ triff es vielleicht.

Ein schier endloses Kirchenschiff. Zierrat an jeder Säule satt. Ornamente, Arabesken, Verzierungen: mehr als ein Auge erfassen kann.

Und inmitten das Bodenpersonal, das in so prunkvoller Atmosphäre den armen Schäfchen zu Reue und Buse rät.

Mich zieht es in die Markthalle. Wie so oft spielt auch hier der Verkauf von Obst, Gemüse und Gewürzen nur noch eine untergeordnete Rolle. Auch hier in Santiago setzt eine der beiden Hallen ausschließlich gastronomische Akzente. Ein Trend nicht nur hier in Chile. Ich habe über viele Besuche das Schicksal der Markthale in Lissabon beobachtet. Immer weniger Händler, immer mehr leere Flächen, kaum noch Besucher. Dann mein Erstaunen im letzten Jahr. Die Halle brummt. Duzende Streetfood Stände beleben hier mit Spezialitäten aus aller Welt die Halle.

Ein breites Angebot gibt es hier in Santiago nur für Meerestiere. Auch die verschiedenen gastronomischen Betriebe werben mit Fisch und Langusten auf ihren Speisekarten. Es fällt auf: Auch viele der Fischbratereien, die in den verschiedenen Foodblogs punkteten, sind verschwunden. Drei Namen nur noch prägen das Angebot in den ehrwürdigen Hallen.

Anyway: Heute ist Austerntag. Der Schleim ist hier sensationell preiswert, aber man muss auch zugeben: von der Qualität von Bordeaux oder Südafrika können die Anbieter hier nur träumen.

Nach dem Schlemmen noch ein Bummel vorbei an den Ständen….

…und Nischen.

Auch draußen ist Markt.

Gleich nebenan ist eine Metrostation. Ich kaufe mir eine Plastikkarte zum Aufladen. Neben dem Hotel noch ein Feierabendbier. Schöner Tag.
Donnerstag, 5. März 2026
Santiago de Chile

Erster Halt auf meiner Rundreise ist der Park Cerro San Cristobal, der Stadtpark der als Grüne Lunge von Santiago gilt. Von hier startet eine zwei Kilometer lange Seilbahn zum Gipfel. Dort ganz oben kann die Statue des Heiligen (?) auf dem Gipfel besichtig werden. Zum Glück sitze ich mit meiner extremen Höhenangst alleine in der Kabine. Niemand schaukelt, niemand lacht. Ab und zu mache ich die Augen auf, die gesamte Anlage ist sehenswert. Aber so circa 80 Meter über der Erde ist es schon hart für mich.
Der Park taugt für die Familie. Tiergehege, Spielplätze, ein Schwimmbad (an dem extra die Seilbahn hält), botanische Lehrpfade, Radwege und Joggingstrecken (bergauf), Wanderpfade, ein japanischer Garten, Liegewiesen, Ruheecken, Aussichtspunkte sowie viel Kunst und Architektur. Mein Hop-On-Ticket beinhaltet die Seilbahn hinauf und eine Stadtbahn hinunter. Oben hat man die beste Aussicht auf die Stadt. Sogar der Papst Franciscus war hier. Für ihn dürfte es ein kurzer Moment der Ablenkung gewesen sein, denn die Pilgerfahrt galt wegen der Missbrauchsfälle in der chilenischen Kirche als extrem schwierig. Die obere Plattform der Seilbahn ist eine Art katholisches Kernland.

Denn neben der Statue wird ein Bild der Jungfrau der Unbefleckten Empfängnis aufbewahrt. Entsprechend groß ist das Angebot an Devotionalien. Eher gespart wird an den leiblichen irdischen Genüssen. Die Restauration oben gleicht einer Kantine. Ich habe Glück und erwische einen kleinen Tisch am Rand von wo aus ich bei einer Cola in aller Ruhe die Stadt betrachten kann.

Von der anderen Seite des Hügels ist noch ein Blick auf den Backyard von Santiago möglich. Dort wo die Millionen Menschen leben.

Bergab geht es mit der Standseilbahn. Die Fahrt gibt mir ein wesentlich entspannteres Gefühl als die Reise mit der Gondel.

Die Standseilbahn endet im Stadtteil Barrio Bella Vista. Zunächst um die Station wie auf vielen Straßen in den „besseren Vierteln“ von Santiago: Alles „blitzblank sauber“ auch die Toiletten. In diesem Punkt ist Chile Vorbild. Barrio Vista hat einen Ruf als Ausgehviertel, hier soll das Nachtleben pulsieren, hier sein der Ort an dem sich Künstler treffen. Streetart werde hier gepflegt. Ich bin bei solch Attributen eher zurückhaltend. Solche Geheimtipps in Verbindung mit Tourismus haben selten Substanz. Die zahlreichen Schnellimbisse links und rechts der Hauptstraße machen wenig Appetit.

Meine Fahrt geht weiter: Vorbei am Kunstmuseum und an dem Hauptplatz, dem Plaza de Armas dem Schnittpunkt von Verwaltung, Kirche und Kultur

Vorbei am Präsidentenpalast…

….mit dem Kulturzentrum auf der Rückseite.

Abends hole ich mir nur eine Kleinigkeiten in den Läden nebenan. Ein Bier noch auf der Terrasse einer Bar nebenan dann Bett.