Heute ist aber Reisetag. Zunächst will ich mal das Frühstück im Holiday Inn loben. Asiatisch dominiert. Klar. Aber die europäische Ecke ist etwas üppiger und das Obst reichhaltig.
Mit der Metro – den nächsten Eingang kenn ich jetzt- drei Halte zum Bahnhof. Der Mensch in der Box kann sich noch an mich erinnern und winkt mich grinsend durch. Gate 32 B. Die Abfahrtszeit leuchtet schon auf. 20 Minuten warten, einchecken und unten am Bahnsteig mich dort anstellen wo der Wagen drei halten wird.
Ich habe einen Fensterplatz und für die erste Hälfte der Fahrt angenehme junge Leute als Sitznachbarn. Die knapp über 1000 Kilometer soll der High Speed Triebwagen in etwa sieben Stunden zurücklegen. Einmal quer durch China. Es ist eine etwas langsamere und damit auch preiswertere Verbindung.
Der Triebwagen beschleunigt jeweils für dreißig bis vierzig Minuten auf Tempo 300, um dann etwa 100 Kilometer weiter in einer Provinzstadt für zehn Minuten anzuhalten. Provinzstadt? Ein Blick in wikipedia lehrt mich dann, dass dieses Häusermeer etwa zwei bis drei Millionen Einwohner hat. Der Film vor dem Wagenfenster ist jetzt deutlich abwechslungsreicher als bei der Fahrt aus dem Norden. Vorbei an der Schokoladenseite von Städten bis zu ihren Hinterhöfen. Prächtige Konsumtempel und repräsentative Prachtbauten und wenig später einfache Mietskasernen oder Hütten. Industrie und Landwirtschaft prägen abwechselnd die Landschaft. Aber es vergeht kaum eine Minute in der nicht Hochhäuser mit vierzig und mehr Stockwerken zu sehen sind. Direkt vor den Gleisen oder am fernen Horizont. Wie bei meinem letzten Besuch vor zehn Jahren stehen viele dieser Türme leer. Damals hatte ich in vielen Städten den Eindruck: zehn Häuser bewohnt, zehn Häuser nebenan stehen leer und zehn weitere sind hundert Meter weiter im Bau. Diese Wolkenkratzer werden nicht vom Staat finanziert sondern sind die private Altersvorsorge von Millionen Menschen. In Shanghai und Peking mag der Druck auf dem Wohnungsmarkt immens sein. Das gilt aber wohl nicht hierin der Provinz.
Aber immerhin: Im Gegensatz zu damals sehe ich heute bedeutend weniger Kräne. Im Jahr 2016 standen manchmal fünfzig oder mehr turmhohe Lastenträger in einer Reihe um Siedlungen hochzuziehen die alsbald leer vor sich hingammelten.
Dafür investiert das Reich der Mitte in erneuerbare Energien. Mit Wucht. Die langen Kohlezüge, die immer noch die Gleise der Güterstrecken dominieren, sollen aufs Abstellgleis. Photovoltaik ist Trumpf. Die Solarpanel bedecken riesige Flächen, Kilometer um Kilometer. Drunter wächst Gemüse und Salat. Es gibt auch Windräder. Aber die Zahl ist eher bescheiden. Vielleicht ist die Luft hier eher träge. Ein Abstandsgebot zu Wohnsiedlungen wie bei uns existiert hier für die Anlagen wohl nicht denn manche Rotoren stehen dicht an den Dörfern.
Der Zug ist durchgehend gut besetzt. Es gibt drei -oder eigentlich vier- Klassen. Business. Die sieht exakt aus wie im Lufthansa-Jet. Dann eine erste Klasse mit viel Beinfreiheit und nur vier Sitzen in einer Reihe. Also so eine Art Premium Economy. Und dann die Zweite Klasse. Dort hocken fünf Passagiere nebeneinander. Aber mindestens ein Meter Abstand zum Vordersitze. Und dann gibt es noch Stehplätze. Die kosten so viel wie die Sitze in der Zweiten Klasse. Diese Passagiere dürfen Plätze nehmen die frei sind. Sonst müssen sie am Wagenende stehen. Für die Sitzplätze gilt Reservierungspflicht. Die Stehplätze sind limitiert.
Praktisch: Auf riesigen Tafeln an den Schaltern und im Internet werden die vorhandenen Restplätze für jeden Zug angezeigt. Die Linienführung ist nicht so starr wie bei uns im Deutschlandtakt. Der Vorteil: Zwischen den Zentren gibt es jeden Tag mehrere umsteigefreien Verbindungen. Gleichzeitig wird so auf den Hauptstrecken ein dichter Takt möglich.
Die letzten hundert Kilometer bummelt der Zug ein wenig. Maximal Tempo 150. Es ist fünf Uhr und es wird schon dunkel. Man merkt: Ich bin 1000 Kilometer weiter östlich. Der Zug endet leider weit draußen am Nordbahnhof. Ich hatte extra ein Hotel in der Nähe des Stadtbahnhofs gebucht. Nutzt nix. 15 Stationen Metro. Ticketkauf kein Problem, wenn man das System einmal verstanden hat. In jeder Metrostation in China der gleiche Automat mit der gleichen Logik. Nur hier sind die Maschinen die Münzen oder Scheine nehmen besonders rar.
Alles klappt gut. Nur ausgerechnet der Ausgang der zu meinem Hotel führt, hat am Ziel keine Rolltreppe. Am Aufzug bin ich achtlos vorbeigelaufen. Also endlos Treppe steigen. Mit Rucksack. Ober angekommen erwartet mich die verloren gegangene Welt einer Deutschen Kleinstadt. Einziger Unterschied. Die Menschen hier fürchten die Finsternis. Alles wird angestrahlt, jede Wand mit LED dekoriert, jede freie Fläche mit einem Mega-Screen geziert. Ein Darkroom für Lichterfetischisten. Draußen zum Nordbahnhof bin ich durch Hochhäuserschluchten gefahren. Die Stadt hat sieben Millionen plus Einwohner.
Hier im Zentrum: Gründerzeit, Backstein-Romantik, alles mit einem Schuss Art Deko. Qingdao war mal unser. Fünfzehn Jahre. Von 1898 bis 1914.
Dumm gelaufen. Eigentlich sollte ja oben in der Datumsleiste von „Xian“ nach Qingdao. Jetzt wird vor dem Loch vor dem Bahnhof in Xian eine Plakette angebracht. „Hier versank der selbst ernannte Bahnexperte Matthias Müller vor Scham im Boden“.
Aber der Reihe nach: Rechtzeitig aufgewacht. Gepackt ready. Um 7.30 Uhr Abmarsch. Der Zug soll gegen halb zehn fahren. 10 Minuten mit Rucksack zur Metro, 40 Minuten bis zur Station für die High Speed Züge in den Norden der Stadt, unterwegs einmal Umsteigen: eine Stunde vor Einchecken dort sein. Klingt einfach, ist es auch. Bis zur Einlasskontrolle: Dort wo Ausländer ihren Pass statt dem Ticket präsentieren müssen. Der Mensch in der Box gibt meine Passnummer ein. Die Maschine schüttelt mit dem Kopf. Zweiter Versuch, gleiches Ergebnis. Wo denn mein Ticket sei. Ich überreiche ihm den kleinen Zettel von der Größe eines Parkscheins, nur das Papier ist noch dünner. Er grinst: Abfahrt ist nicht heute sondern morgen: 27. Oktober. Upps. Mir ist mein Fehler auch sofort klar. Ich hatte für heute keinen Platz mehr bekommen, wahrscheinlich weil am Montag viele aus der Heimat zurück an die Arbeit fahren und für den nächsten Tag, den Dienstag, gebucht. Vor zwei Wochen. Das Hotel wollte ich vor Ort verlängern, habe das aber verdrängt. Und im Ibis haben sie mich begrüßt „Three nights“ ?. Und ich sage „yes“ ohne nachzudenken. Und heute morgen waren die drei Nächte um.
Aber nix passiert. Meine Hotelreservierung in Qingdao gilt erst ab morgen. Was tun? Zum Ibis zurück und morgen wieder 40 Minuten Metro. Keine Lust. Auf meiner Google Maps sind Metro-Stationen nicht eingezeichnet. Das kann blöd werden wenn ich mich morgens mit Rucksack eine halbe Stunde zur Station schleppen muss. Also auf Booking Hotels in Bahnhofsnähe anschauen und Rezensionen lesen. Beim dritten Hotel werde ich fündig: Ein Holiday Inn soll direkt an der Metro liegen und 30 Euro die Nacht ist ein Schnäppchen. Mit Frühstück. Also drei Klicks. Hotel gebucht.
Zurück in den Untergrund. Draußen regnet es heftig. Es macht also auch keinen Sinn 500 Meter hier am Bahnhof um nächsten Hotel zu laufen. Drei Stationen Metro. Ich wähle fast den richtigen Ausgang aber es auch fast 500 Meter aber meist überdacht. Es ist ein Business District mit riesigen Bürotürmen. Holiday Inn hat seinen eigenen Aufzug. Den muss man erst finden. Aber dann geht alles ganz schnell. Early Check Inn ohne Aufpreis. Kleines aber richtig schnuckeliges Zimmer mit Schreibtisch und Couch, ein super Bett. Alles wird gut.
Es schüttet draußen weiter. Lesen. Blog. Nachmittags finde ich dann den kürzesten Weg zur Metro. Ab in die Innenstadt. Dann ein wenig schlendern. Ziel die hoch gelobte Muslim Street. Die Tage zuvor hatte ich den Besuch der Essensmeile nach hinten geschoben. Halal und kein Alkohol: das habe ich in Offenbach auch.
Die Besonderheit hier: Mopeds und Fahrräder dürfen in den engen Gassen der Fußgängerzone fahren. Sonst ist das in China in den Innenstädten streng verboten. Die Stadtverwaltungen pollern und gittern alles ab. Kinderwagen oder Rollstuhl. No way. Die Muslim Street ist nicht nur ein El Dorado für Schleckermäuler sondern auch für Lieferdienste. Zeit ist Geld. Und das schlimmste: Man hört die Roller und Tuk Tuks dank Elektro nicht mehr. Die Begegnungen zwischen Mensch und Maschine sind manchmal dramatisch, zumal die Hälfte der Besucher und Fahrer ununterbrochen aufs Handy schaut.
Ich lasse mich treiben. Schaue in die Kochtöpfe die meist auf einem Herd vor dem Lokal stehen und versuche zu erahnen, was die Menschen auf dem Teller haben.
Irgendwann werde ich mutig. Unter einem Vordach bruzzelt die Brühe in 20 Schalen. Jede Portion wird individuell zubereitet. Streetfood a la card. Der Küchenmeister mixt aus vielen Schüsseln mit Fleisch, Gemüse, Eiern, Kräutern und Gewürzen.
Der Laden ist voll. Ich setze mich an einen schmalen Tisch irgendwo dazu. Die Speisekarte gibt es sogar auf Englisch. Ich bestelle eine Beef Casserole.
Meine Riesenschale mit der Brühe wird mit mindestes zehn großen Stücken Fleisch serviert. In dem Sud schwimmen viele andere Zutaten von denen ich noch nicht einmal geahnt habe dass sie essbar sind. Und von denen ich es auch nicht unbedingt genau wissen will. Es mundet köstlich. Ständig werden auf der Zunge andere Geschmacksnerven angesprochen. Mit Cola kostet die Portion ungefähr sechs Euro.
Anschließend auf der Terrasse eines Cafés ein wenig pappsüß und einen Kaffee.
Langsam bummele ich zurück zur S-Bahn und freue mich auf mein Zimmer
Auf dem Programmzettel steht heute: Die Terrakotta-Armee. Die Ausstellung ist der Hauptgrund für meinen Abstecher nach China auf dem Weg nach Japan. Meine Food-Führerin, die auch Führungen zur Terrakotta-Armee anbietet, hat mir den Nachmittag für den Besuch empfohlen. Morgens kommen die Busse. Da wird es richtig busy. Also erst ein wenig lesen.
Ohne Frühstück trotte ich zur Metro. Einmal Umsteigen, dann in den Bus 613. Rund 90 Minuten soll die Fahrt dauern. Im zweiten Zug komme ich mit Luc ins Gespräch. Schweizer aus Bern. Klar kenne ich die Stadt. Paul Klee Museum. Luc hat über Walktours einen Guide gebucht. Der Rest seiner Gruppe ist ausgefallen. Irgendwas mit dem Magen. Ich steige ein: Wie immer, alles wird gut. Rick ist unser Guide. Er per teilt uns per WhatsApp mit, er könne schon 15 Minuten früher mit dem Rundgang beginnen. Bleibt gerade noch Zeit vor dem Einlass für einen Kaffee und ein Papp-Sandwich. Wenigstens ein bisschen im Magen.
Rick mit seinem langen Zopf ist ein Glücksfall. Wir sind uns alle sofort sympathisch. Er ist gut vorbereitet. Keiner der nur Daten runterleiert sondern jemand mit Background und der glänzend Geschichten rund um die Ausgrabungsstätte erzählen kann. Und er kann -das wird uns Europäer später nachhaltig beeindrucken- Kartentricks der Extraklasse.
Mein Pass wird wieder zum Ticket. Praktisch; Einlass und mein Bewegungsprofil in einem Aufwasch denn es wird überall fleißig gescannt. Bis zu der riesigen Halle mit den Kriegern aus Ton sind es vom Eingang rund 700 Meter. Eine der Figuren wurde hier von einem Bauern beim Brunnenbohren während einer Dürre entdeckt. Es war wohl nicht die Erste. Einige Köpfe und Beine landeten vorher in den Kinderzimmern oder wurden zum flicken von Zäunen genutzt.
Die lebensgroßen Figuren sind meist 1,80 Meter groß. Viele ruhen noch unter Sand und Lehm. Die Truppenstärke wird auf 8000 geschätzt. Dazu liegen unter der Erde auf mehreren Feldern Streitwagen, Pferde und Offiziere. Das tönerne Heer war Grabbeigabe für den ersten chinesischen Kaiser Qin Shi Huangdi. Jede Figur ist ein Unikat mit individuellen Gesichtszügen, Haaren, Händen und Bärten. Ursprünglich waren die Figuren farbig. Der Bau des Mausoleums begann 246 vor Christus. 210 wurde der Kaiser hier beigesetzt. Die Terrakotta Armee ist UNESCO Weltkulturerbe. Führende Archäologen glauben nicht, dass seit 246 an den Figuren gearbeitet wurde sondern insgesamt nur zehn Jahre. Für eine Statue musste eine Person (seit jüngster Zeit glaubt man Indizien gefunden zu haben, dass auch Frauen und Kinder mitwirkten) einen Monat arbeiten. 700.000 Menschen sollen am Bau des Mausoleums mitgewirkt haben. Viele von ihnen fanden in Massengräbern ihre letzte Ruhe. Sie wurden hingerichtet. Auf Tonscherben in den Gräbern sind ihre Vergehen aufgelistet.
Shi einigte die sieben chinesischen Staaten plus diverse sonstige Fürstentümer die sich seit Urzeiten um die Vorherrschaft in China bekriegten. Die Schlachten waren blutig und brutal. Der Herrscher zählte nicht zu den zart besaiteten Regenten. Mit 13 hat er den Thron bestiegen, 220 die letzte Schlacht der Einigung geschlagen. Shi (oder seine Berater) wusste das Titel und Hierarchien beeindrucken. Die unterworfenen Staaten hatten je einen einen König an der Spitze. Da muss ein neuer Titel her um sich über den Rest zu erheben. Also nannte er sich Emperator, also Kaiser. Der Qin Staat, seine Heimat, war wohlhabend und hatte eine gut geführte effiziente Verwaltung (Sag ich doch immer: auf die Beamten kommt es an). Das war ein Grund für seinen Sieg. Geprägt hatte ihn aber auch der Legalismus, der die Philosophie und Strukturen seiner Heimat prägte. Die zwei Hauptlinien dieser Lehre: Die Gemeinschaft steht über dem Individuum sowie Belohnung und Bestrafung sind Instrumente der Macht.
Im Leben unter Shi bestimmte, so Rick, „Farming“ and „Fighting“. Beide Tätigkeiten waren eng verwoben. Je mehr Heldentaten im Kampf desto mehr Land für den Krieger. Die Heldentaten wurden an der Zahl der abgeschlagenen Köpfe gemessen. Chance und Risiko. Hatte ein Soldat drei Feinde getötet, musste er sich überlegen: reicht mir das fürs Leben oder will ich noch einen Acker mehr und falle im nächsten Kampf. Chance und Risiko. Im Inneren gilt Shi als Gewaltherrscher. Zwangsarbeit, Sklaverei und Gewalt kosteten Millionen Untertanen das Leben.
Das Leben und Wirken von Shi wird in der chinesischen Geschichte kontrovers eingeschätzt. Hier die Einigung des Reiches, dort die skrupellose Gewalt. Vorgeworfen wird ihm die Unterdrückung der Lehren von Konfuzius, der ein rechtsschaffendes Verhalten der Menschen als Norm eintrat und die Stärke der Macht von der Zustimmung der Bevölkerung abhängig machte. Konfuzius prägte lange die Staatsdoktrin im Reich der Mitte. Auch Mao sah den Imperator kritisch. Heute tendiert die Meinung in Shi eher wieder zu einem „Pro“ weil er weitsichtig aus einem zerfallenen Staat eine Einheit formte. Das rechtfertige auch Grausamkeiten,
Anyway. Nach der Geschichtsstunde mit Rick und einigen nachgelesenen Infos ging es auf das Terrakotta Schlachtfeld. Die erste Halle ist riesig. 260 Meter lang und 60 Meter breit. Die Figuren stehen etwa sechs Meter tief. Wir können das Diorama umrunden, Platz um die einzelnen „Charaktere“ aus unterschiedlich Perspektiven zu bewundern. Nicht so einfach. Denn an den „Hotspots“ ballt sich die Masse. Manchmal stehen wir in Fünfer-Reihen vor dem Geländer. Warten bis jeder vor uns sein Selfie gemacht hat. Das Gedränge ist heftig. Rick bleibt gelassen. Heute seien nur etwa 30.000 Besucher auf dem Gelände. In den Ferien seien es manchmal 50.000 und an besonderen Tagen 70.000. Dann möchte ich nicht hier sein.
Rick zeigt uns einige Bilder auf seinem Laptop. Clinton war hier, Blair und die Queen. Die durften alle zwischen den Kriegern flanieren. Clinton hat sogar mit dem Entdecker der ersten Figur gesprochen. Der zierte sich zunächst aber dann war es ein intensives Gespräch. Der Finder wollte eigentlich weiter Bauer bleiben. Später entdeckte er dann wie lukrativ es für ihn ist, Autogramme vor Ort zu schreiben, für Bilder zu posieren oder Small Talk mit den Gästen zu betreiben. Seine Entdeckung sollte übrigens 1974 geheim bleiben, so wollte es der chinesische Chef-Archäologe in Peking. Er befürchtete Raub und Zerstörungen. Irgendjemand hat die Geschichte dann geleakt und machte so aus Xian eine der bedeutendsten Stätten der Menschheit. Auch ich habe den Ort in meinen persönlichen Top Ten gerankt.
Am Ende der Halle stehen einige Figuren, die gerade restauriert werden. So ist es möglich aus zwei drei Meter Distanz die hohe Kunstfertigkeit zu betrachten. Diese Distanz wollte auch vor einigen Jahren ein Besucher überwinden und ist in die Grube gesprungen. Rick zeigt uns Fotos und ein Video. Der Typ hatte sich wie ein Krieger gekleidet. Tragisch dass er bei seinem Sprung zwei Figuren beschädigte. Er wurde verhaftet und da der chinesische Staat nichts mit ihm anfangen konnte, bald abgeschoben. Ich werde ganz klein als Rick erzählt es sei ein Deutscher gewesen.
Draußen zwischen der Halle eins und zwei verblüfft uns Rick mit einigen seiner Kartentricks. Dreimal ein Emperator, dreimal eine Herz Acht. Die Karten scheinen zwischen seinen Händen zu fliegen. Links rechts und dann in die Tasche: innerhalb von Sekunden. Leider: Filmen ist verboten.
Warum eigentlich opferte Shi jahrelang wertvolle Ressourcen um eine solch „tönerne Armee“ mit ins Jenseits zu nehmen. Ein Mausoleum: OK, verstehe ich. Ein mächtiges Grab erinnert noch in Jahrhunderten an das Werk des Kaisers. Er wollte in die Geschichte eingehen als jemand der China geeint und zu neuer Größe geführt hat (erinnert mich das an Putin). Aber um das zu erreichen muss ich nicht 8.000 Steinklötze vergraben. Doch. Auch der Buddhismus glaubt an eine Seele. Und die rückt in den Himmel und hat dort die gleichen Bedürfnisse wie auf der Erde. Deshalb legen in China, Vietnam oder Thailand Angehörige regelmäßig Lebensmittel, Geldscheine (natürlich keine echten), kleine Spielzeugporsche oder Zigaretten auf die Gräber. Und via Räucherkerzen kommt das Benötigte bald im Himmel an. Vieles wird von den Hinterbliebenen später wieder am Grab abgeholt. Ist eigentlich gar nicht so schlecht. Ich hätte hier immer gesagt: Frau ich geh mal zum Opa drei Weizenbier bringen. Für Shi war diese Armee im Himmel Schutz und vielleicht auch Möglichkeit dort neues Terrain zu erobern.
In der Halle 1 steht quasi die Bodentruppe, die Infanterie, abmarschbereit. Aber so ein Heer ist ein komplexes Gebilde das geführt und versorgt werden will. Im Kampf braucht es verschiedene Fähigkeiten. Bogenschützen, Wagenlenker, Kutschen, Beamte, Pferde und vieles mehr. All diese Funktionen sind wie auf dem Schlachtfeld angeordnet. Halle 2 zeigt die kleineren Einheiten. Hier liegen viele Figuren noch unter der Erde, harren auf ihre Ausgrabung. Man kann live die Arbeit der Archäologen und Restauratoren verfolgen. Rick zählt die Universitäten und Institute in aller Welt auf, die die Chinesen bei der Arbeit unterstützen. Ein Ziel ist weitere Figuren wieder in Farbe erstrahlen lassen. Es scheint schwierig zu sein, die richtigen Pigmente zu finden. Durch Scheiben lässt sich die Arbeit der Farbexperten gut beobachten. In Vitrinen sind einige herausragende Figuren dargestellt. Ein Offizier, der 1,90 Meter groß ist, ein Bogenschütze und ein Reiter mit seinem Gaul. Rick macht uns auf ein wichtiges Detail aufmerksam. Die Reiter haben sehr stämmige muskulöse Beine. Die brauchte es um die Pferde ohne Steigbügel auf einem schmalen Sattel reiten zu können.
Nach fast drei Stunden verabschieden wir uns von Rick. Gemeinsam noch einen kurzen Reel. Luc und ich machen im Museum in Halle drei noch einen Streifzug durch die chinesische Geschichte. Bleibt ein Fazit: Diese Ausstellung ist von Aufbereitung und Didaktik herausragend. Populär präsentiert und dich mit großem wissenschaftlichen Anspruch. China hat in kurzer Zeit hier einen Koplex auf über einem Hektar Fläche geschaffen der als Museum einzigartig ist.
Zurück geht es durch einen 800 Meter langen Food-Court. Der Weg nimmt kein Ende. Die Stände stehen zum Teil in Vierer- Reihen. Naja. Wenn´s voll wird: 50.000 Menschen wollen gefüttert werden. Auf uns wartet an der Haltestelle schon ein Bus. Metro, einmal umsteigen. Luc arbeitet im Marketing. Da haben wir massig Berührungspunkte. Er erzählt mir von seinem Job in der Agentur in einer KI geprägten Welt. Das hat nichts mehr mit meinem Arbeitsleben zu tun. Abschied. Hotel. Keine Experimente heute: Mich zieht es in den Dumpling-Laden vom ersten Abend. Dieses mal gibt es die Ravioli mit Käse überbacken.
Das Zimmer ist klein aber schön. Bei den Kritikern gehen die Meinungen zum Frühstück weit auseinander. Keine Experimente. Hundert Meter weiter ist ein Starbucks. Eigentlich mag ich ja deren Kaffee nicht, und ich werde wieder einmal bestätigt und auch das Hörnchen mit Würstchen (mehr lag nicht in der Glasvitrine) zum Vergessen.
Mit der Metro zum Bahnhof: Gutschein gegen Ticket nach Xian tauschen. Direkt gegenüber dem Bahnhof liegt das Nordtor des Walls der die Innenstadt von Xian einfasst. 15 Kilometer Mauer, circa 12 Meter hoch und unten 15 bis 18 Meter breit. Ein Drumm. Weitgehend unzerstört. Auf der Mauerkrone stehen viele Häuser und Tempel im chinesischen Stil. Man kann oben mit dem Fahrrad einmal die Stadt umrunden. Kreuzungsfrei.
Ich möchte zum Südtor. Hier soll die Kulisse noch beeindruckender sein. Mit der Metro zurück ins Center.
Von dort stromere ich abseits der Touriströme durch die Viertel in denen die Menschen wie Du und ich wohnen. Es ist eine spannende Tour. An jeder Ecke eine neue Überraschung.
Wie hier überall. Es gibt viele kleine Imbissbuden: Ein Raum, mehr oder schön dekoriert, zwei drei Töpfe auf dem Ofen, eine Speisekarte im Fenster auf der ich kein Wort verstehe. Manche Lokale sind nach unseren Maßstäben schon heruntergekommen aber dafür wirken andere recht einladend. Ich bin eigentlich schon mutig, aber kann man wirklich per Translator fragen ob das Fleisch mal gebellt oder gemiaut hat? Ich weiß, jetzt entlarve ich wieder als Spießer.
Direkt an der Mauer wandelt sich die Wohngegend. Kein Luxus, keine Mittelklasse aber irgend eine Art von Transformation. Viele junge Leute, einige bunte Accessoires um Fenster und Türen, kleine Vorgärten.
In der Nachbarschaft Blumenläden, ein wenig Öko und es gibt winzige Cafés mit Graffitis an der Wand und bequemen Sesseln in den junge Leute sitzen, die Cappuccino trinken. Später kann ich von der großen Mauer auf die Dachterrasse schauen. Da sitzen und diskutieren schon Leute die einen extravaganten westlichen Chic bevorzugen.
Am Südtor löse ich ein Ticket für einen Spaziergang auf der Mauer. Um für alle Fährnisse des Lebens gerüstet zu sein, hatte ich in Hohhot 3.000 Rimpi am ersten Automat, der Mastercard akzeptiert, gezogen. 400 Euro für 14 Tage, eigentlich nicht viel.Denkste. China schafft sein Bargeld quasi ab. Gezahlt wird per Handy, egal ob im Hotel, am Gemüsestand oder bei der Toilettenfrau.
Der Eintritt hoch auf die Mauer ist ziemlich teuer. Prima denke ich, da kannst Du ein paar Scheine loswerden. Bargeld fand das Mädchen an der Kasse überhaupt nicht lustig. Mit einem bösen Blick suchte sie in den Schränken nach der Kasse mit dem angestaubten Wechselgeld. Was sie über meine Liebe zu cash dachte. konnte ich an ihrem Blick erahnen. Und so ist es eigentlich fast überall. Wenn ich mein Portemonnaie öffne, gelte ich als Exot.
Ich habe auf meine Handy auch Alipay installiert. Das System hat schon seine Vorteile. Es ist sicher weil man jede Zahlung mit einem Pin oder seinem individuellen QR Code autorisieren muss. Ein riesiger Vorteil: Bis zu einem Wert von ca 25 Euro berechnet Alipay keine Gebühren, wohl aber meist der Kreditkartenanbieter in Europa über den alle Transaktionen abgewickelt werden. Ich vermute mal das Alipay in den nächsten Jahren Richtung Europa expandieren wird. Dann müssen sich unsere Banken warm anziehen.
Oben auf der Mauer ist richtig Traffic. Tausende von Besucher knipsen ihre Selfies mit der Wachmannschaft in den goldenen Uniformen. Auf dem Mauerweg einige Pagoden, Tempel, Wachhäuser: vor allem aber Souvenirshops. Trotzdem ist es ein Erlebnis von oben auf die Innenstadt zu blicken. Auf der anderen Seite dominieren Hochhäuser mit 30 und mehr Stockwerken.
Zurück im Hotel bleibt eine Stunde für einen Powersnap. Ich habe für18 Uhr eine Streetfood-Führung gebucht. Treffpunkt ist das Hilton, kein so optimaler Ort weil das Hotel zwischen zwei Metro-Stationen liegt. 700 Meter Schritte machen. Suso, oder so ähnlich, heißt meine Führerin. Ich bin der einzige Gast. Blöd, weil solche Foodtouren am schönsten in einer Gruppe sind.
Viele Töpfchen und Schälchen mit irgendwas auf dem Tisch und jeder nascht von allem. Suso ist ja ganz sympatisch, spricht super Englisch aber von Food und wie man so eine Tour orchestriert hat sie wenig Ahnung. Im ersten Lokal wird alles aufgefahren was die Küche hergibt. Zwei große Schüsseln Nudelsuppe mit Kräutern und mit Fleisch, eine Gemüseplatte, Spießchen mit Lamm, Dumpling und was es sonst noch gibt. Auch wer nur einmal von jedem einen Löffel oder ein Spießchen probieren und rollt aus der Kneipe. Regional sei es hier. Hatte ich mir fast gedacht, aber kein Satz von ihr zur Zubereitung oder Geschichte.
Wir ziehen weiter. Nebenan gibt es zum Glück nur ein Schälchen. Der Inhalt ist köstlich abgeschmeckt
Nebenan ist ein Foodcourt mit vielen Ständen. Es gibt einen chinesischen Hamburger, gefüllt mit einer Mega Portion Pulled Pork. Wunderbar. Aber nach der Hälfte bin ich knüppelsatt. Sie isst nix, kommuniziert aber in kurzen Abständen mit ihrem Freund per Handy.
Nächste Station Dumplings: Ziemlich gut und dann Dicke Nudeln. Danach ist Ende. Bauch an Mund: Transport einstellen. Wir naschen hier und da noch ein Häppchen. Ein wenig Small Talk. Sie hat Englisch studiert und arbeitet als Fremdenführerin. Vor dem Dessert wartet eine besondere Herausforderung. Vor einem Stand liegt ein riesiger Haufen Terrakotta-Scherben. Ich erhalte eine Schale mit Schnaps -keine so schlechte Idee- den ich trinken soll. Danach darf ich die Schale mit Wucht auf den Scherbenhaufen schmeißen. Dazu kann ich mir was wünschen.
Überpünktlich beende ich die Tour. Sie bittet um ein paar Sterne bei der Bewertung und ich mache mich in mein Ibis. Zur Terrakotta-Armee werde ich morgen alleine fahren.
Vom Mercure fährt direkt ein Bus zum Bahnhof. 8.43 Uhr fährt der Schnellzug Richtung Xian. Kein Hochgeschwindigkeitsexpress aber immerhin Tempo 160 mit wenigen Halten. Gegen 16 Uhr soll ich dort sein. Ich versuche in China immer eine Stunde vor Abfahrt an der Station zu sein. Security und Einchecken am Gate braucht Zeit. In der Hoffnung ein Sandwich habe ich nicht gefrühstückt. Aber am Gate gibt es nur einen Mc Donalds ohne Frühstückskarte und im Zug keinen Speisewagen. Egal: der leere Magen hat auch Rechte. Alles wieder auf Chinesisch. Ich deute auf einen Cheeseburger und Kaffee. Die Frau an der Theke tippt und tippt und tippt und ich bekomme nach zehn Minuten eine große Cola und ein Big Mac Menü mit Pommes.
Vom Mercure fährt direkt ein Bus zum Bahnhof. 8.43 Uhr fährt der Schnellzug Richtung Xian. Kein Hochgeschwindigkeitsexpress aber immerhin Tempo 160 mit wenigen Halten. Gegen 16 Uhr soll ich dort sein. Ich versuche in China immer eine Stunde vor Abfahrt an der Station zu sein. Security und Einchecken am Gate braucht Zeit. In der Hoffnung ein Sandwich habe ich nicht gefrühstückt. Aber am Gate gibt es nur einen Mc Donalds ohne Frühstückskarte und im Zug keinen Speisewagen. Egal: der leere Magen hat auch Rechte. Alles wieder auf Chinesisch. Ich deute auf einen Cheeseburger und Kaffee. Die Frau an der Theke tippt und tippt und tippt und ich bekomme nach zehn Minuten eine große Cola und ein Big Mac Menü mit Pommes.
Pünktlich öffnet sich das Gate. Ich muss wieder auf die Sonderlinie, um den Pass vorzeigen. Auf dem Weg zum Bahnsteig kann ich mich nicht verlaufen denn kaum verlangsame ich meinen Schritt kommt einer der Beamten die alle zehn Meter stehen und fragt wie er helfen kann. Auf der Plattform muss ich nur meine Wagennummer suchen. Der Zug hält auf den Zentimeter genau dort und wehe nicht, dann muss der Lokführer wohl die Bahnhofstoilette mit der Zahnbürste schruppen. Ich habe auf der Dreierbank einen Fensterplatz. Los geht’s durch die Hinterhöfe von Hohhot. Hochhausschluchten. Viele stehen leer. Später Industriegebiete und dann braune Landschaften. Ein wenig Smalltalk mit meinem Nachbarn der Englisch spricht, dösen, aus dem Fenster gucken.
Das ibis in Hohhot hat mit der unmittelbaren Nähe zur Metro geworben.500 Meter sind es dann doch. Aber solche ungenauen Angaben sind hier Standard. Ich muss auf dem Weg zwei ziemlich breite und stark befahrene Straßen überqueren. Mein Rucksack drückt. Das Einchecken ist unproblematisch. Die nehmen hier sogar die Mastercard. Das Zimmer ist nicht so groß wie gestern im Mercure aber gemessen an einem Ibis in Europa der pure Luxus. Nur so ein Tütchen Kaffee beim Wasserkocher statt Tee wäre noch besser.
Diverse Food-Foren empfehlen ein Dumpling Lokal. Ich laufe ungefähr einen Kilometer um mit vielen anderen draußen vor dem Restaurant zehn Minuten zu warten, aber die Zeit lohnt. Dumpling gefüllt mit Fleisch, Shrimps und Kräutern. Köstlich. Mein Tischnachbar ist ein Japaner. Höchstens Zwanzig. Er hat dazu so eine Art Nusssosse. Sieht auch gut aus. Beim Hinausgehen unterhalte ich mich mit einem Deutschen Paar. Feinschmecker offenbar. Auch die sind begeistert.
Auf dem Rückweg schlage ich mich durch die Streetfood-Meile. Mein Eindruck: Viel Industrieware.
Nach dem Frühstück ein Bummel durch das Geschäftsviertel der Stadt. Eigentlich ist hier überall Geschäftsviertel. Die Vielfalt beeindruckt. Kleine Läden, Fachgeschäfte, dazwischen Schneidereien, Handwerker, Garküchen, Imbissbuden und Restaurants. Ich muss mich regelrecht durch das Gewusel kämpfen. Und es gibt noch richtige Kaufhäuser. Viele auf einmal nebeneinander so wie bei uns früher Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten. Aber auch hier sind die Zeichen der Zeit unübersehbar. Es gibt Personal ohne Ende. Hinter jeder Glasvitrine stehen sich drei vier Angestellte die Füße platt. Alibaba das chinesische Amazon boomt.
Die Bürgersteige draußen sind mit Werbefiguren buchstäblich vollgeknallt. Triumphbögen an den Eingängen, Comic-Figuren die den Passanten zuwinken, überall blinkt es und besonders nervig: Pausenlos werden die Kunden von künstlichen Stimmen förmlich zum Kauf gedrängt. In Endlosschleife. Ein Kaffee hier in Ruhe trinken. Mission Impossible.
Im Hotel ein wenig ausruhen. Am Blog arbeiten. Leider kann ich mich mit dem Laptop nirgends einloggen. Ich zweifele auch daran ob WordPress hier funktioniert. Also in word vorschreiben und später übertragen.
Gegen 14 Uhr zieht es mich zu dem Drei Drachen Tempel der zweiten herausragenden Sehenswürdigkeit der Stadt. Soweit komme ich aber nicht, denn neben dem Hotel liegt ein Park dessen Größe und Schönheit ich schon aus dem dreißigsten Stock bewundern konnte.
Ich werde nicht enttäuscht. Eine Seenlandschaft strukturiert das riesige Gelände.
Zierliche Brücken, kleine Tempel mitten im Wasser, bunte Blumenbeete, exotische Gehölze.
Überall kleine Sitzecken. Männer hocken tiefgebeugt über einem Brettspiel, Mütter schauen ihrem Nachwuchs beim Spielen zu, Jogger drehen ihre Runden.
Irgendwo steht ein Riesenrad, eine Gartenbahn lädt die Jüngsten ein, Runden zu drehen. Die ganze Anlage wirkt in meinen Augen unfassbar aufgeräumt.
Kein Schnipsel Papier auf der Erde, keine zerstörte Bank, keine zerbrochene Glasscherbe. Fast zu perfekt.
Ich höre Musik und entdecke eine Gruppe von etwa zehn Männern und Frauen an einem der Seen. So eine Art Oldie Club von Offenbach. Die meisten sind in meinem Alter. Sie treffen sich zum Karaoke. Ein Mikro und eine Box genügen. Abwechselnd treten sie ans Micro. Schmettern und Schmachten mit Herz und Schmerz. Irgendwann kommt der Erste auf mich zu. Keiner spricht die Sprache des anderen und Englisch ist auch keine Option. Nach und nach gestikuliere ich mit allen in der Gruppe. Die üblichen Fragen halt: Kinder, Verheiratet, wo kommst Du her. Bei Leuten die Musik lieben, klappt die Verständigung eigentlich immer. Nur weigere ich mich zu singen. Ich will hier in guter Erinnerung behalten werden. Es ist schon dunkel und kalt als ich mich auf den Heimweg mache.
Gut geschlafen. Das Frühstück ist reichhaltig, halt asiatisch und nur asiatisch. Vegetarische Dumpling gehen immer. Dazu Tomaten, ein wenig Gemüse und ein Spiegelei. Das exotische Obst und der Kuchen entschädigen für den fehlenden Leberkäs-Semmel. Kaffee und O-Saft sind gut.
Zunächst nehme ich den Bus zum Bahnhof. Ich muss meinen Internetgutschein gegen ein Ticket für die Weiterfahrt nach Xian umtauschen. Die Fahrkarte, ein QR-Code auf einem Kassenbon- ist eigentlich Nebensache. Am Gate und bei der Security muss ich mich nur mit meinem Pass identifizieren. Hinter meiner Passnummer sind offenbar meine Ticketdaten hinterlegt.
An den beiden Schaltern gähnende Leere. Vor zehn Jahren standen in chinesischen Großstädten an der zehnfachen Zahl an Schaltern lange Schlangen. Das Internet. Jetzt ist die Prozedur in zwei Minuten erledigt. Eigentlich ist die Hauptaufgabe meinen Pass zu scannen plus Einreisestempel. Mit der Metro mache ich mich dann zum Dazhou Tempel. Ich versuche es jedenfalls. Metro fahren in China ist eigentlich recht einfach. Aber China hat offenbar ein Problem mit Google. Die Folge: Auf Maps sind die Metrostationen nicht eingezeichnet und deshalb ist auch bei der Frage nach dem Weg mit der Metro die KI auf dumm gestellt.
Keine Ahnung wo. Jedenfalls kein Tempel
Ich lande irgendwo fünf Kilometer außerhalb. Mein Trip zurück bringt mich nur unwesentlich näher an mein Ziel aber zu einer breiten Straße die zu dem Tempel führt. Ich riskiere es und nehme an der nächsten Haltestelle einen Bus. Es klappt
Der Dazhou Tempel ist das älteste und bedeutendste Heiligtum in der Stadt. Erbaut um 1580 steht heute im Mittelpunkt eine 2,55 Meter hohe Statue aus reinem Silber, flankiert von zwei kunstvoll geschnitzten vergoldeten Drachen.
Nach der Besichtigung finde ich in einem der kunstvoll gestalteten Höfe eine Bank in der Sonne.
Das tut gut nach der Kälte in der Mongolei. Bei spiritueller Musik wärme ich mich eine Stunde auf, schaue später beim Tanz zu.
Um den Tempel einige Straßen im historischen Stil. Ich vermute viel nachgebaut. Sie beherbergen den üblichen Kitsch: Magnete, Ketten, Tassen, Handtücher und T-Shirts.
Die Französinnen laufen mir über den Weg. Großes Hallo. Sie kommen aus Paris. Ein wenig Smalltalk über Museen dort und wie schön alles ist
Zurück zum Hotel schlendere ich durch alte Gassen, quer durchs normale Leben.
Ich dachte erst die seien Deko weil sie sich nicht bewegt haben. Aber das ist ernst. Gleiche Pose an anderen Orten in der Stadt.
Und jede Kreuzung hat ihr eigenes Polizeirevier
Abends begegnet mit Kollege Roboter. Er ist für den Zimmerservice zuständig und liefert Essen und Getränke. Beeindruckend und beängstigend zugleich wie er durch die Gänge huscht und den Aufzug bedient. Es ist schon spät. Die Restaurants und Garküchen nebenan haben schon abgerechnet. Also: Einmal Mc Doof. Davon gibt es in Hohhot mehr als in Offenbach Döner.
Das ist noch solide russische TechnikHeißes Wasser in jedem Waggon
Ich wache früh auf. Draußen Steppe in Endlosschleife. Kilometer um Kilometer braune, ausgetrocknete Erde. Jurten überall, ab und zu Häuser mit aufgemalten bunten Würfeln. In der Nacht sind sechs sieben Französinnen zugestiegen. Alle so fünfzig aufwärts, zwei sicher über achtzig. Alle mit Rucksack. Es ist früh, es reicht gerade mal zu einem Bonjour. Aber die beiden alten Damen machen mir Mut. Irgendwann nachts auf der harten Pritsche kam mir mal wqieder der Gedanke: Für den Scheiß bist Du eigentlich zu alt.
Gegen 9 Uhr Ausreise aus der Mongolei. Alles scheint easy. Nur bei meinem Pass schlägt das Tablett der Zöllnerin Alarm. Schwupps ist sie entschwunden und mit ihr mein Pass.
Endet mein Pass in dieser Hütte im Nirwana
Nach fünf Minuten werfe ich mein Kopfkino an. Hat irgendjemand in der Taxizentrale meine liegengebliebenen Papiere genutzt um eine Waschmaschine zu kaufen. Nach zehn Minuten Panikmodus. Draußen patrouilliert eine einsame Soldatin. Gehört die schon zur Eskorte die mich gleich abführt. Fragen über Fragen die ich mir die nächste halbe Stunde stelle bis endlich die Dame wieder bei mir im Abteil auftaucht und mir mit einem Lächeln meine Papiere zurückgibt.
Wenig später auf der anderen Seite der Grenze in China müssen alle aussteigen. Im Internet war zu lesen, der Zug würde auf die chinesische Spurweite umgerüstet, das dauere etwa drei Stunden und dann ginge es im gleichen Zug, im gleichen Abteil weiter. Das stimmt nicht mehr so ganz. Aussteigen und Gepäck mitnehmen bedeutet mir die Schaffnerin. Bis Ende Dezember hat China EU-Bürger von der Beschaffung eines Visums befreit. Die Passkontrolle dauert keine zwei Minuten. Haben Sie ein Hotel? Wollen Sie wieder heim? Stempel, Gepäck durchleuchten. Daumen hoch. Ich erinnere mich an die Stunde im Zug von Kasachstan nach China vor zehn Jahren als die nette junge Dame in Uniform meinen Laptop auf Links gedreht hat. Ein Detail der Kontrolle heute wird mir erst später in seiner Tragweite bewusst. Mir wurden keine Fingerabdrücke abgenommen. Diese ruhen seit meiner ersten Einreise im System. Aber woher weiß das System dass ich ich bin: ich habe ja mittlerweile einen neuen Pass. Sofort nach meinem Gesichtsscann leuchtete auch der Grüne Haken für Fingerabdrücke auf dem Display. Offenbar erkennt der Computer mein Gesicht, auch wenn ich zehn Jahre älter bin und ordnet die damals abgenommenen Prints zu. Schöne neue Welt.
Auf den Gleisen draußen jede Menge Güterzüge. Russischer Import / Export in Zeiten der Sanktionen.
Ich frage einen Offizier wie ich denn jetzt wieder in den Zug komme. Nächste Tür nehmen in den Warteraum deutet er mit dem Arm an. . Jetzt wird es blöd, auch weil ich in dem Moment selbst zu blöd bin. Mein Gepäck wird eine Tür weiter wieder kontrolliert, diesmal gründlich denn es geht wie am Airport um die Sicherheit. Darauf war ich nicht vorbereitet. Alles Metall aus den Taschen raus. Innentasche, Bauchbeutel leeren etc. Normal bin ich auf so was am Flughafen vorbereitet, habe alles Metall etc in eine Tasche gepackt, aber hier dauert es bis ich jede Tasche auf links gedreht habe und hinter mit drängeln 1 Milliarde Chinesen.
Das ist aber nicht das Schlimmste. Einmal im Warteraum gibt es kein zurück. Der Saal ist relativ klein, es gibt nur einen Verkaufsautomaten aber ich besitze noch keine Renminbi zum Bezahlen. Durch die Panoramascheibe sehe ich draußen Cafe´s Geldautomaten und einen Lebensmittelhändler. Und ich bin hier die nächsten drei Stunden gefangen bis der Zug abfährt. Theoretisch könnte ich den Warteraum verlassen aber dann muss ich die ganze Prozedur bei der Rückkehr wiederholen. Beim Gang zur Toilette entdecke ich einen Heißwasser Automaten. Problem gelöst, ich habe ja noch einen Becher heiße Tasse. Nächster Fehler. Auf dem hypermodernen Gerät stehen über zwei Knöpfen zwei Ziffern: 28 und 100. Also klar die 100 kochendes Wasser. Denkste. Man muss für heißes Wasser die Kindersicherung entsperren. Steht ganz groß auf dem Automat. Aber Männer und Bedienungsanleitungen? So ruiniert das kalte Nass mein Mittagessen.
Das ist aber nicht das Schlimmste. Einmal im Warteraum gibt es kein zurück. Der Saal ist relativ klein, es gibt nur einen Verkaufsautomaten aber ich besitze noch keine Renminbi zum Bezahlen. Durch die Panoramascheibe sehe ich draußen Cafe´s Geldautomaten und einen Lebensmittelhändler. Und ich bin hier die nächsten drei Stunden gefangen bis der Zug abfährt. Theoretisch könnte ich den Warteraum verlassen aber dann muss ich die ganze Prozedur bei der Rückkehr wiederholen. Beim Gang zur Toilette entdecke ich einen Heißwasser Automaten. Problem gelöst, ich habe ja noch einen Becher heiße Tasse. Nächster Fehler. Auf dem hypermodernen Gerät stehen über zwei Knöpfen zwei Ziffern: 28 und 100. Also klar die 100 kochendes Wasser. Denkste. Man muss für heißes Wasser die Kindersicherung entsperren. Steht ganz groß auf dem Automat. Aber Männer und Bedienungsanleitungen? So ruiniert das kalte Nass mein Mittagessen.
Irgendwann lange nach zwölf öffnet das Gate. Die Halle ist mittlerweile überfüllt. Viele Grenzbewohner wollen Richtung Süden. Für die Passagiere in den Liegewagen aus der Mongolei bleiben die Abteile spiegelgleich reserviert. Ich bin wieder alleine, neben mir die Französinnen.
Die Wagen sind jetzt chinesischer Bauart, so genannte Soft Sleeper. Großer Unterschied: Zehn Zentimeter Schaumstoff mehr auf der Liege. Ich döse die nächsten zwei Stunden.
Die Landschaft draußen zieht braun an mir vorbei. Wenig Abwechslung.
Der Zug ist pünktlich in Hohhot. Ich habe immer noch kein chinesisches Geld. Für solche Fälle habe ich immer eine Fünf-Dollar-Note griffbereit. Bis zum Hotel sind es 1.500 Meter. Bei den Taxitarifen hier ist der Schein der doppelte Preis.
Mein Mercure entpuppt sich als Glücksfall. Nur ist meine Buchung in den tiefen des Speichers der Hotelkette verloren gegangen. Die junge Mannschaft -niemand ist älter als zwanzig- ist super engagiert. Ich solle doch zahlen, man würde das Geld zurück buchen und ich solle dann nochmal zahlen. Das Procedere will mir nicht einleuchten. Translator hin, Translator her. Und nach dreißig Minuten taucht meine Zimmerreservierung wie aus dem Nichts auf dem Bildschirm auf. Das Team bittet per Translator um Verzeihung. Ich signalisiere „No Problem“ und man entlässt mich mit einer riesigen Obstschale in meinen Raum. 26 Stock. Rundblick über die Stadt mit Sofa. Riesig und keine 40 Euro. Perfekt.
Nochmal asiatische Frühstück im Hotel: also eher ein reichhaltiges Mittagessen. Die Rest-Klamotten in den Rucksack und ein wenig dösen. Um Zwölf ist Check out, ich marschiere über die 10plus Spuren zum Bushäuschen.
Auf zum Bahnhof, Gepäck deponieren. 80 Cent pro Stück. Ein Schnäppchen. Der kleine Railpark in der Nähe ist geschlossen. Über den Zaun lassen sich aber die sechs alten Lokomotiven gut begutachten. Kraftpakete sowjetischer Bauart allesamt.
Weitere Reminiszenzen an die so scheinbar gute alte Zeit erwarten mich im Nationalmuseum.
Bei meinem ersten Besuch machte im Foyer ein Plakat auf eine Sonderausstellung neugierig: „A Journey Back to The Socialist Era“. An der Tür drängelte sich vor zwei Tagen die Masse. Wie früher halt. Es gibt so einen Typus Mensch dem man -egal wo auf der Welt- ansieht, dass er Staatstragenden Organen treu gedient hat. Viele Besucher sind 70 plus. Und sie kommen -das ist nicht böse gemeint- voll auf ihre Kosten. Wie schön und heil war die Welt doch bis ins Jahr 1989. Kaum zu verstehen, dass zwei Stockwerke höher die Tour d´Horizon durch einige 1000 Jahre Geschichte der Mongolei mit der Vertreibung der kommunistischen Machthaber endet. Eindrucksvoll die Menschen auf der Straße, die gegen die Diktatur kämpften. Manche riskierten ihr Leben. Auch heute behauptet das Land, das zwischen zwei Autokratien (China und Russland) eingeklemmt liegt, weitgehend demokratische Werte und Spielregeln.
Von diesem Aufbruch ist hier unten wenig geblieben. Ein 15minütiger Film stimmt die Besucher auf den Marsch durch glorreiche Zeiten ein: Glückliche Bauern und Kühe in den Kolchosen, Bergleute die ihre Normen für den Sozialismus übererfüllen, eine Nomenklatura Hand in Hand mit dem Zeichner am Brett und dem Dreher an der Werkbank. An modernen Schulen macht das Lernen Spaß und an den Universitäten ist Spitzentechnologie unter Breschnew Kür. So suggerieren unkommentiert die Bilder in einem Museum das zu hundert Prozent dem Staat gehört. Teil einer Nostalgie-Offensive weltweit?
Positiv: Der Film der eingangs läuft, vermittelt einen Eindruck von Ulaan Bator Anfang der 1970er Jahre. Breite Straßen mit wenig Verkehr. Maximal acht Stockwerke, man konnte noch von einem Ende der Stadt zum anderen schauen. Rund um den Gandar Tempel war gerade eine Mustersiedlung neu errichtet worden. Zwei Tage zuvor bin ich hier zu den Tempeln hinaufgestiegen. Das Viertel, die gleichen Gebäude, heute verslumt.
Die Ausstellung bildet in Dioramen Alltagssituationen ab. Zuhause im Kinderzimmer, bei der Arbeit oder im Kaufladen. Eine Welt in der Sowjet Ära die alles bot was das Herz begehrte. Im Konsum quellen die Regale über: Südfrüchte, Butter, edle Weine und Kaffee. Die Kleinen haben Spielzeug bis zum Abwinken und im Wohnzimmer der Eltern sind Fernseher, Stereoanlage und Ledermöbel Standard. Den Menschen fehlt nichts. Wohnungen bauen ist so schnell wie Brötchen backen und überall stehen Autos und Motorräder als Mobilitätsversprechen für jedermann. Eine ähnliche Ausstellung sollte unbedingt mal in Magdeburg, Görlitz oder Hoyerswerda gezeigt werden. So schön war unsere DDR. Ein garantierter Publikumserfolg.
Die Verklärung dieser Vergangenheit macht dennoch nachdenklich. Mein Fahrer gestern: der mit dem „heute“ nicht zurechtkommt. Nicht weil er unwillig, dumm oder faul ist. Ihn überfordern die liberalen Spielregeln und Leitplanken. In der Welt gestern hatte dort jeder seinen Platz für ein Leben in Anstand. Wenn es gut lief, waren eins zwei Stufen mehr drin, aber die Angst aussortiert zu werden musste niemand haben. Diese Unsicherheit ist ein Grund für den Erfolg der extremen Ränder.
Noch einmal esse ich im Lovin Hut Dumpling vegan. Mit Tee und Limo drei Euro Knips. Ich schaffe es mich in den dritten Bus reinzudrängen, betrüge die Company noch um den Obolus von umgerechnet 30 Cent, aber so schnell konnte ich die Münze in dem Gedränge nicht in der Jackentasche finden.
Am Bahnhof herrscht Hochbetrieb. Ein Zug nach Russland wird abgefertigt. Kein Lochblechsessel frei im Warteraum. Ich knipse draußen ein paar Loks. Es ist bitter kalt und windig. Endlich rollt die lange Wagenreihe nach Irkutsk ein. Die Passagiere nach Russland stehen in langen Reihen an den Türen. Ich bin jetzt fast alleine im Wartesaal. Ein Tee noch an der Theke, aus dem Laden zwei geschmierte Brote, eine Dose Bier und zwei Nescafe für die Nacht und morgen früh, Gepäck abholen und da steht er schon mein Zug nach Hohhot in China auf Gleis drei.
Meine Kuschelbox für eine Nacht
Es gibt nur eine Klasse: Hard Sleeper. Der Zug ist leer. Mein Vierbett-Abteil zum Glück auch. Ich kann alleine schlafen. Die Schaffnerin fotografiert meinen Pass. Der Zug ist pünktlich. Ich brauche trotz der Dose Bier bis lange nach Mitternacht um einzunicken.
Kürbissuppe, Reis, ein Spiegelei, klein geschnitten Fleisch woher auch immer, Salat und zwei Scheiben trocken Toast zum Frühstück. Zum Feiertag gibt es zum Kaffee immerhin ein Stück Zucker (China schränkt süß deutlich ein) und Saft, also eher so eine aufgepeppte Fanta. Der Fahrer ist überpünktlich. Ich gönne mir einen Tag im Umland von Ulaan Bator. Gruppen wurden für diesen Tag nicht angeboten, also investiere ich 93 Euro für eine Private-Tour. Wie schon ab und zu in der Vergangenheit: eine gute Entscheidung. Anders als in der Gruppe bleibt viel Zeit für ein Gespräch mit dem einheimischen Fahrer über Leben und Alltag der Menschen hier.
Der Start ist holprig. Ich setze mich nach hinten. Das macht das Gespräch schwierig. Und so fragt mich mein Guide beim ersten Halt, dem Winterpalast, offen, ob ich keine Lust auf eine Unterhaltung habe. Klar habe ich die. War noch etwas müde.
Aber zunächst wartet die Geschichte. Der Winterpalast war die Residenz des letzten mongolischen Herrschers Bogd Khan.
Gebaut zwischen 1893 und 1903 beherbergt er heute ein Museum mit Stationen aus dem Leben des Kaisers, persönliche Artefakte und viel religiöse Kunst. Geplant im europäischen Stil vermischen sich im Inneren traditionelle tibetische, mongolische und chinesische Einflüsse mit westlichen Elementen.
Für den Rest der Fahrt platziere ich mich vorne. Trotz des Rechtsverkehrs in der Mongolei sitzt mein Guide auch auf der rechten Seite am Lenker, wie so häufig in den ärmeren Ländern in Ostasien. Die Wagen werden gebraucht in Japan gekauft. Dort sind sie billiger und dort herrscht Linksverkehr. Mein Fahrer ist 27 Jahre alt, besitzt das Auto seit vier Tagen. 6000 Dollar hat ihn der knallgelbe Minivan gekostet und er hat riesige finanzielle Probleme wie er mir anvertraut.
Die folgenden fünf Stunden sind ein Crash-Kurs über den Alltag der Menschen hier und damit auch den in vielen anderen Entwicklungsländern. Was ist höre, ist für mich nicht neu. Im Grundlinienspiel gleichen sich die Geschichten in Peru, Myanmar, Sri Lanka, Kambodscha, Laos und vielen anderen Ländern die ich besucht habe. Es ist der Wunsch nach einem Leben in Würde. Würde heißt von der Hände Arbeit wenigstens bescheiden leben zu können und seinen Kindern eine Chance zu bieten.
Aber zunächst schaue ich mir die Dsaisan Gedenkstätte an. Um den riesigen Pylon aus der Nähe betrachten zu können, muss ich mehrere hundert Treppenstufen hochsteigen.
Von hier haben Besucher einen fantastischen Rundblick über das Häusermeer der Hauptstadt. Es ist ein Denkmal, das an die Gefallenen im Zweiten Weltkrieg erinnern soll. Gleichzeitig ist es ein Monument für die mongolisch sowjetische Freundschaft. Naja: Über die Symbolik lässt sich streiten. Die Mongolei war quasi als russisches Protektorat tributpflichtig und Bodenschätze wie Kohle an denen sich die Nachbarn bedienen durften, gibt es reichlich.
Auf den Bildern im Inneren der Rotunde wirkt dieser Transfer wie ein Freundschaftsdienst in Verbrüder- und Verschwesterung. Wie auf den Wandzeichnungen in alten Tempeln überreichen die Edelsten des Landes mit Freude ihren Tribut an den Okkpator, Ehrenjungfrau inklusive.
Unsere nächste Station ist das Dschingis Khan Denkmal, gut eine Autostunde entfernt. Der Junge fragt mich nach Hitler. Der habe doch Ordnung gebracht. Die Frage begegnet mir in aller Welt, gleich ob in rechten Diktaturen oder in linksorientierten Autokratien. 1982 ist mir noch in Erinnerung als die Delegation aus der DDR in Damaskus auf die Frage des Kellners grinsend wegschaute. Meine Reaktion ist wie immer glasklar. Unmenschlichkeit ist durch nichts zu begründen. Über das Motiv seiner Frage kann ich nur spekulieren. Er ist kein Faschist aber er ist auf der Suche nach Antworten auf Probleme die ihn überfordern. Er verdient rund 550 Euro im Monat wenn es gut läuft. Dafür sitzt er oft sieben Tage die Woche hinter dem Steuer. Dazu noch Stunden Büroarbeit bei seinem Chef. In der Freizeit büffelt er Englisch, um an bessere Jobs zu kommen. 400 Euro im Monat kostet seine Miete. Seine Frau und er haben sich nach der Geburt ihrer Tochter vor fünf Jahren getrennt. Seine aktuelle Freundin findet keinen Job, auch weil sie für den Mindestlohn von 1,02 Dollar nicht arbeiten möchte.
Seine Tochter ist sein „ein und alles“. Wie Milliarden anderer Menschen hat er nur ein Ziel: Sie soll es einmal besser haben. Die Bildung ist in der Mongolei frei, aber der Besuch einer ordentlichen Grundschule kostet 1.000 Euro im Jahr. Auch für einen Kindergarten, der mehr als Verwahrung bietet, zahlt er jetzt einen Aufpreis. Seine Freundin und er hätten gerne ein weiteres Kind. Die Tochter soll nicht alleine sein. Finanziell nicht machbar.
Das Dschingis Khan Denkmal ist etwa 30 Meter hoch und steht auf einem zehn Meter hohen Gebäude auf 36 Säulen. Eingeweiht 2008 ist die Metallkonstruktion das höchste Reiterstandbild der Welt. Es zeigt den Kaiser mit einer Gerte in der Hand. Mit einem wackligen Aufzug oder eine extrem schmale Treppe können die Besucher bis in den Hals des Pferdes steigen.
Im Keller ist dem Wirken des Herrschers ein Museum gewidmet. Eine Karte zeigt seine Feldzüge die die Mongolen um 1240 bis Europa und Ägypten führten. Bei Liegnitz in Schlesien besiegten sie die Ungarn und Polen sowie andere europäischen Heere. Ein Sieg der die europäische Geschichte verändert hätte, wenn die Mongolen nach dem Tod des Großkhans Ögedei nicht überhastet in die Heimat zurückgekehrt wären.
In dem Museum hängt eine Karte deren Muster ich aus vielen anderen Teilen der Welt kenne: Was hat uns denn mal so alles gehört? Den Khmer China, den Persern die Türkei, den Türken die Arabische Halbinselmund von den vielen Kolonien ganz zu schweigen. Ich kann mit den Rechnungen wenig anfangen. Sie begründen Kriege: mehr nicht. Was ist, das ist. Daran sollte man nicht rütteln, auch nicht Putin in der Ukraine. Nebenbei: Gaza war auch mal den Mongolen. Sollen die da jetzt auch mitreden.
Bevor es weiter geht, erkläre ich noch kurz einem Kamel die Welt
Seit 1990 hat sich die Mongolei von ihrem russischen Erbe befreit. Das Land hatte bis Mitte der 2010 Jahr Wachstumsraten von 17 und mehr Prozent. Treiber war der Kohlebergbau. Doch die Förderung bröckelt. China wechselt die Primärenergie. Weg von der Kohle. Heute dominieren Kupfer und Gold die Ausfuhren der Mongolei.
Die Wachstumsrate in dem Land beträgt heute sieben Prozent. Das ist auf den ersten Blick ein sehr hoher Wert aber er täuscht. China schränkt den Kauf mongolische Kohle zum Schutz des Klimas immer weiter ein. Kupfer kann aber die Wertschöpfung der Kohle nur ersetzen wenn Mongolei auch die Weiterverarbeitung und Verhütung ausbauen kann.
China: Mit seinen Nachbarn setzt sich mein Guide intensiv auseinander. Das Reich der Mitte dominiere mittlerweile Wirtschaft und Gesellschaft in der Mongolei so dass sein Land in zehn Jahren seine Selbstständigkeit verloren haben wird. „My opinion“. Er spürt das in seinem täglichen Geschäft. Die Gäste aus Deutschland bleiben aus. Der Ukraine Krieg. Die Japaner werden weniger, weil das Volk überaltert. Stark zugenommen habe der Touristenstrom aus China. Nur die Menschen von dort nehmen selten seine Dienste in Anspruch. Sie reisen in Gruppen mit dem Bus und nutzen ihre eigenen Reiseketten: Busunternehmen, Hotels, Restaurants, Reisebüros, Souvenirshops, die sie Stück für Stück aufkaufen. Mich erinnert die Schilderung an meinen letzten Besuch in Hoi An in Vietnam. Der Hotelbesitzer dort schilderte mir wie chinesische Reiseunternehmer das Geschäft mit ihren Landsleuten monopolisiert haben und ihre Steuern dafür auch noch weitgehend in China zahlen.
Mein Fahrer schildert noch eine andere Seite der Chinesen die mich stark an meine Jugend in der US-Garnisonsstadt Fulda erinnert. In den 1950er und 1960er Jahren, der Dollar stand bei 1:4, haben wir die GI´s als Großkotze empfunden, auch wenn wir gerne im NCO-Club verkehrten und von ihnen Stangenweise Zigaretten kauften. Hier würden die Chinesen pausenlos fragen: Was kostet dies? Was kostet das? Und das wollen sie nicht nur über eine Dose Bier oder einen Hamburger wissen sondern über Häuser, Jurten, Grundstücke, Denkmäler, Autos oder ganze Geschäfte. Erinnert mich schon stark an meine Jugend wenn die Jungs die im Midwest eine Hütte bewohnten, in den besten Restaurants auffahren ließen.
China und Russland haben hier den entscheidenden Hebel in der Hand. Sie sind die einzigen Nachbarn. Quasi wie im Schraubstock können sie dem Land die Luft abdrehen. Die Mongolei gehört zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Erde. Kohle, Kupfer und Gold. Kohle verliert an Bedeutung insbesondere beim Hauptabnehmer China und Gold ist schwer zu waschen denn es liege 5.000 Meter tief, erklärt mir mein Guide. Bleibe das Kupfer. Und dessen Export sei nur dann lukrativ, wenn es hier verarbeitet werde. Das Geschäft wollten aber die Chinesen machen und die verfügten über die Häfen. Die Mongolei brauche einen eigenen Zugang zum Meer. Als ich ungläubig schaue, meint er, den habe es ja einmal gegeben. Später sehe ich auf einer Karte: Ja so vor 2.000 Jahren als das Land die Steppe beherrschte. Trotz der vielen Rohstoffe liegt die Mongolei nur auf Platz 102 von 141 Ländern beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 8 Prozent. Die Weltbank geht aber von einem wesentlich höheren Wert aus.
Die Einkommen auch im unteren und mittleren Bereich sind hier stark gespreizt. Mindestlohn circa 220 Dollar. In einem normalen Job hat man bis 500 Dollar am Monatsende auf dem Konto, nur im Bergbau wird mit 900 Dollar richtig gut verdient. Das Land ist extrem dünn besiedelt. Rund die Hälfte der 3,5 Millionen Einwohner lebt in der Stadt. Immer mehr Landwirte geben auf. Ihre Kinder ziehen nach Ulaan Bator. Von der Kapitale versprechen sie sich Wohlstand und Abwechslung. Die Bebauung im Ring um Ulaan Bator ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche Dörfer sind eine Ansammlung von Bretterbuden, in anderen dominieren schmucke Einfamilienhäuser, überall mit einer Jurte quasi als Gartenlaube.
Unsere letzte Station ist ein Nationalpark. Ich bin ein wenig erschrocken über die Art seiner Vermarktung. Kilometer um Kilometer überdecken Ressorts, Hotels, Feriendörfer und Campingplätze Natur und Landschaft.
Die Gäste wohnen hier fast immer in Jurten. Dazu kommt die notwendige Infrastruktur: Restaurants, Mopedverleih, Souvenirläden. Das volle Programm. Und dazwischen die letzten verbliebenen Nomaden die Pferde zum Reiten anbieten oder für ein Bild mit einem Adler posieren.
Mein Guide scheint von hierzu kommen. Er kennt alle. Auch er findet die Verschandelung der Landschaft schrecklich. Und er erzählt mit das die Geschäfte unter dem Überangebot leiden. Der Turtle Rock ist unsere Endstation. Ein Fels in der Form einer Schildkröte. Darunter oder in der Nähe soll ein Schatz vergraben sein. Auf der Rückfahrt diskutieren wir noch lange ob er Christ oder Buddhist werden soll. Er sucht halt.
Kurz vor Ulan Bator muss er tanken. Es gibt entlang der Straße sehr viele Zapfsäulen, aber die meisten Spritbuden sind geschlossen. Vor den wenigen offenen staut sich der Verkehr. Rund 25 Autos sind vor uns, nur ein Hahn ist in Betrieb. Es gebe ausreichend Benzin klärt mich mein Fahrer auf, die Ölgesellschaften hier würden es horten um es später teurer zu verkaufen. Eine Räuberpistole? Ich weißes nicht. Später äußert er noch die Vermutung, das Erdöl würde von den Ölgesellschaften in andere Länder verschoben. Auch hier sind die Benzinpreise richtig gestiegen. Die Autofahrer in der Mongolei trifft es dramatisch denn es macht einen Unterschied ob wie bei uns der Liter von 1,80 Euro 2,40 steigt oder hiervon 80 Cent auf 1,40 Euro.
Trotz Sonntag stehen wir in Ulaan Bator im Stau. Ein Kilometer eine halbe Stunde. Die Straßen sind gut ausgebaut, die Ampeln funktionieren aber immer wieder stockt der Verkehr weil Linksabbieger die Gegenfahrbahn blockieren oder auf den vierspurigen Highways solange gewendet wird bis sich alle verkeilt haben.
Mir ist die beiden Tage vorher schon aufgefallen dass über jedem vierten Laden Korea steht. Korea Food, Korea Barber, Korea Lebensmittel und und und. Mein Fahrer erklärt mir, dass viele Mongolen für zwei drei Jahre illegal in Korea arbeiten. Das verdiente Geld nutzen sie für eine neue Existenz. Korea sei ein Wertversprechen. Es sei aber auch so, dass junge Frauen in Korea ihr Geld mit Prostitution verdienen. Sie würden nach einigen Jahren zurückkehren um einen Friseurladen oder eine Maniküre zu übernehmen.
Ein interessanter Tag. Eine Fahrt die gelohnt hat.