Morgens nochmal beim Obst und beim Saft zugeschlagen. und beim Kuchen. Dann mache ich mich auf zu meinem Bus der praktischerweise gleich nebenan startet. Welch ein Unterschied zu Panama. Neu, blitzblank sauber und eine Tonanlage die keine Wünsche offen lässt. Drei Stunden soll die Tour dauern. Heute werde ich erstmal in einem Rutsch die Runde drehen. Drei Stunden und 15 Minuten soll sie dauern. Und dann werde ich gegen halb sieben das Angebot für eine Abend- / Nachtfahrt annehmen. Bin mal gespannt.
Die erste Runde hilft sehr gut, sich zu orientieren. Hinter meinem Stadtteil beginnt das Choas, so wie ich es schon auf der Fahrt vom Airport erlebt habe. Aber dieses Chaos ist nicht hektisch. Es wird trotz all des Stillstandes wenig gehupt, keine roten Ampeln überfahren. Die Fußgänger rennen nicht.
Lima liegt in der gleichen Zeitzone wie Panama, also keine Umstellung an Bett und Tisch. Das Frühstück im Hotel ist der Hammer. Obst, jeden Tag neue Sorten, viele Sandwich Varianten, -vor allem die Gurken – Sandwiches (die Queen lässt grüßen) haben es mir angetan, selbst gemacht Marmelade, eine Auswahl an Brot, Spiegelei frisch gebruzzelt. Kuchen und Torten in vielen Varianten.
Ich schwelge.
Nach dem Frühstück beginne ich eine kleine Stadttour. Ich wohne im Stadtteil Miraflores direkt an der Küste. Es ist das Amüsierviertel der Stadt, hier lebt die Mittelschicht. Ungezählte kleine Cafés, Restaurants, Sandwichbuden und kleine Boutiquen. Alles wirkt gepflegt. Ein sehr sicherer Stadtteil habe ich gelesen. Der Preis dafür sind Heerscharen von Security. Quasi vor jedem Eingang zwei. Überall hohe Gitter, Rolltore. Der Beamte an der Passkontrolle hatte mich gefragt, wo ich wohne: Als ich Miraflores sagte, hat er mich durchgewunken.
Ich marschiere etwa einen Kilometer zu dem zentralen Platz von Miraflores. Ein Park, ziemlich belebt und natürlich -wie überall in Lateinamerika- dominiert von einer Kirche. Um mein Seelenheil besorgt, bewege ich mich Richtung Gotteshaus. Der heimliche Grund: In Kirchen ist es meist angenehm kühl.
Es ist die Kirche Parroquia La Virgen Milagrosa direkt am Kennedy Park und ist Teil des Kulturerbes der Stadt. Die Statue der Jungfrau Maria ist mit LED angeleuchtet. Mir persönlich gefallen eher die schönen bunten Kirchenfenster.
Der Kennedy Park ist eine riesige Grüne Oase mitten in der Stadt. Hier kreuzen sich Wege, hier finden Menschen eine viertel Stunde Muse in dem hektischen Treiben. Ringsum sind Geschäfte, Cafés, Restaurants. Was mir auffällt: es laden viele Bänke zum Sitzen ein. Bei uns werden sie aus Angst das Penner sie bevölkern abgebaut. Trotzdem ist es sehr schwer einen Platz zu finden. Um die Mittagszeit -Siesta sagt man hier- herrscht Hochbetrieb. Überall sitzen Menschen aus der Nachbarschaft dicht an dicht. Schließlich gelingt es mir ein Plätzchen zu ergattern um meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Leute gucken. Aber auch ich werde beobachtet: von einer Mietz.
Auf der anschließenden Tour entdecke ich den ersten der ominösen Peru-Radwege. Was hatte ich alles in den konservativen Blättern und den rechten Hetz-Kanälen gelesen: Dumm und unnötig wird hier Geld das Geld der Deutschen Steuerzahler verbrannt. Bei uns weiß doch jedes Schulkind, der Inka steigt aufs Lama und meidet das Rad. Kaum seien die Radwege eingeweiht, vergammelten sie. Im Hotel beginne ich über das Projekt der Deutschen Entwicklungshilfe zu lesen und bin überrascht. Überrascht wie es einem mit Zahlen überforderten AfD Abgeordneten, einem journalistisch unbegabten Reiseblogger und einigen rechtsradikalen Kanälen gelingen konnte, eine Empörungsmaschinerie anzuwerfen, so anzuwerfen dass Bundesminister, Abgeordnete von CDU und FDP sowie seriöse Zeitungen wie die FAZ auf diesen Unsinn hereingefallen sind. Es ist ein gutes und durchdachtes Projekt dessen Benefits am Ende der Bundesrepublik zugute kommen.
Eigentlich wollte ich ja auch noch zur Tourismus Zentrale. Wie sooft verbarg sich aber hinter der Ankündigung auf Googlemaps ein Reisedienstleister mit ein paar Andentouren auf dem Programm. Die Anden: die hätten mich schon gereizt. Aber leider habe ich nicht nur extreme Höhenangst sondern werde gesundheitlich ab einer Höhe von 2.500 Metern außer Gefecht gesetzt. Vor zwei Jahren leidvolle Erfahrungen in den Alpen gesammelt, inklusive Krankenhaus.
Ich kiebitze noch ein Viertelstündchen beim Schach. Finde ich eine gelungene Möblierung. Und marschiere dann langsam Richtung Hotel. Nebenan hatte ich einen kleinen Kiosk für Hop-On, Hop-Off Fahrten gesehen. Das Angebot ist richtig gut. Es gibt einen Seniorentarif und drei Tage kosten nur 10 Euro mehr als ein Tag. Und in dem Preis ist, und das betont der Junge am Tresen immer wieder, eine Nachttour inkludiert. Die solle man möglichst am Samstag nutzen denn dann erwarte die Gäste eine besondere Überraschung.
Abends (Magen / Darm) schleppe ich mich zu einem Italiener nebenan. Ein paar Nudeln: hilft angeblich immer. Die waren auch ganz gut. Vielleicht hätte ich auf das Bier verzichten sollen. Vom Bett aus werfe ich noch einen letzten Blick auf Strand und Meer.
Es geht früh los. Das Frühstück muss ich mir schenken. Schade um das Obst. Mit der Metro zum Airport. Ich klemme mich hinter zwei Frauen mit Rollkoffer, die einheimisch aussehen, und vorne einsteigen.
Die kennen doch hoffentlich den Weg. Denkste: Beim Umsteigen finde ich den Anschluss schneller. Große Verwirrung am Flughafen. Die Metro endet im Nirwana. Ein Übergang zu dem Gebäude das aussieht wie ein Airport ist vermauert. Alle irren herum, stehen ratlos vor dem Bahnhof. irgendwann kommt ein Shuttle. Kann man ja wenigstens mal ein Schild hinstellen. Im Airport: Einchecken im Terminal 2, Gate im Terminal 1. Ok. So komme ich frühmorgens schon auf meine 10.000 Schritte. Ich bin früh dran, habe Hunger und gehe zu einer Sandwichbude. Wahrscheinlich ein Fehler.
Der Jet lieg wie ein Brett in der Luft. Die Zeit vergeht (oh Kalau) wie im Flug. Völlig entspannte Einreise. Ich muss mit meinem Koffer noch nicht mal zum röntgen. Draußen wartet wie gerufen der Hotelbus. Um das Gepäck kümmern sich die Jungs. Das Fahrzeug ist heftig klimatisiert. Es ist nicht so schwül wie in Panama aber ordentlich warm.
Es gibt so Städte, da fährt ,man zwei Minuten aus dem Airport oder vom Bahnhof und denkt: das ist meine Stadt. Lima ist so ein Ort. Ich fühle mich in 30 Sekunden heimisch. Komisch. Denn der Verkehr ist völlig chaotisch. Für die ersten 500 Meter brauchen wir gefühlt eine halbe Stunde. Um den Flughafen liegen eher die ärmeren Viertel. Im Bus plärrt ein Bildschirm irgendwelche Werbespots: Aber ich habe das Gefühl. Hierkommst Du durch. Über mir die majestätischen Berge der Anden, entlang der Fahrtstrecke pulsiert das Leben. Viele kleine Geschäfte, Cafes.
Die große Überraschung: Lima liegt an einer Steilküste. Der Bus fährt auf einer Schnellstraße entlang am Ufer und am Strand. Links Meer, rechts eine Wand: 80 bis 100 Meter hoch. Einige Fußwege mit vielen Serpentinen winden sich durch die Felsen. Da Linksabbiegen in dem Chaos schwierig ist: fährt der Bus immer rechts, rechts, rechts, also riesige Umwege. Aber er hält 50 Meter von meinem Hotel entfernt. Ein Best Western, eher einfach aber sauber und mit einem netten und kompetenten Staff. Mein Zimmer überrascht. Vom Bett blicke ich über die Weite des Pazifik.
Spontan fallen mir die Zeilen aus einem Song von Dave Loggins ein:
Please come to LA to live forever A California life alone is just too hard to build I live in a house that looks out over the ocean And there’s some stars that fell from the sky, and livin‘ up on the hill
Please come to LA She just said, „No, boy, won’t you come home to me?“
Ist eigentlich überhaupt nicht mein Ding: Aber abends gehe ich nebenan in eine Waffelbude: Crepes mit Schoko und Banane. Irgendwie merke ich, dass mit meinem Magen etwas nicht stimmt. Der Kräutertee schmeckt fantastisch.
Gut gefrühstückt. Ich genieße die Berge von Obst. Das bringe ich so zuhause überhaupt nicht auf die Reihe. Ananas, Pfirsiche, Melonen und was weiß ich frisch geschnippelt. Da könnte ich mich reinknien.
Erste Station heute der Fischmarkt. Hier ist noch richtig Aktion, keine Touri Show.
Ich schlendere durch die Halle, beobachte die Händler beim Filetieren und Ausnehmen.
Das macht richtig Appetit. Rund um die Markthalle ist ein Food-Court: Die Koberer mit den Speisekarten in der Hand überbieten sich mit Anpreisungen.
Eigentlich ein schönes Fleckchen zwischen Booten und Fischhalle. Aber die Warnungen in den Foren sind einhellig: Wenn Fisch dann lieber in einem der Restaurants in der City oder der Altstadt. Die meisten Läden seien entweder überteuert, ziehen die Kunden ab oder liefern miese Qualität. Ein Experiment das ich heute scheue. Ich hatte gestern in der Altstadt ein schönes Lokal entdeckt, dessen Speisekarte mich anmachte und dessen Gerichte von einer Foodbloggerin empfohlen werden.
Also ab in die benachbarte Altstadt. Erste Station das Kanalmuseum. Das Haus ist schon sehr textlastig. Die Kuratoren haben sich wenig Gedanken über die Vermittlung gemacht. Mich als Senior stört vor allem die kleine weiße Schrift auf farbigem Hintergrund. Schwer lesbar. Dagegen habe ich schon immer im Job mit den Grafikern gekämpft. Aber wahrscheinlich ist das eh hier nur eine Anlaufstation für die Busse: in einer Stunde ist man durch. Die Klimaanlage jedenfalls ist auf Höchstleistung programmiert.
Die Ausstellung beginnt in der Zeit vor Kolumbus. Auch da waren die Sitten nicht immer friedlich. Es ist verblüffend in welcher Geschwindigkeit die Conquistadoren nach 1520 Mittel- und Südamerika ausbeuteten. Zu den Goldminen wurde ein Netz an Wegen gebaut, auch für andere Bodenschätze. Die die Menschen, die hier lebten waren bald tot, auch weil sie sich mit den Viren der fremden ansteckten. Sie wurden schnell durch Sklaven ersetzt. Die Gier der Europäer war unermesslich. So wurde hier und anderswo der Grundstein für unseren Reichtum gelegt.
Interessant ist die Ära vor dem Kanalbau, das Spiel der Großmächte und die Dominanz der USA in ihrem Hinterhof. Da wurde halt Kolumbien, zu dessen Staatsgebiet Panama einst gehörte, kurz mal vor die Tür gesetzt. Also irgendwelche Präsidenten aus den USA erzwangen einen Vertrag, das das Land nicht mehr Kolumbien gehört.
Mein Deja vu im Museum: das Leben der Amerikaner in der Kanalzone, die sie bis Mitte der 1970 Jahre besetzt hatten. Die Bilder aus der PX und dem NCO Club, die Accessoires wie Base-Bälle, die Schlitten mit den Heckflossen, die Wohnungseinrichtung, die Wände in Bonbonfarben gestrichen, und Barbecue-Nachmittage: das kennst Du doch alles. 1:1. Klar aus der Kaserne in Fulda, dort in der Garnisonsstadt, wo wir Jungs aufwuchsen. Meine Eltern vermieteten an Amerikaner. Im Prinzip ist es dem American way of Life egal ob er in Panama, Fulda oder Saigon gepflegt wird. Maxwell Kaffee, Winston Zigaretten und Icecream (Strawberry, Vanille an Chocolate) waren die Begleiter meiner Jugend. Dazu all die Musik mit den Bands in den Clubs und der Kirsch Whiskey. Meine Mutter sprach kein Wort Englisch aber die Bestellung in der PX jede Woche funktionierte reibungslos. Und ich erinnere mich noch wie ich fünf Jahre alt war. Die erste Ami Familie war eingezogen und alle zwei Tage kam das Milchauto und brachte drei Flaschen bester Vollmilch, die wir uns nicht leisten konnten. Was muss das für ein Land sein, dass den Menschen Milche ins Haus bringt? Bewunderung pur, die bis heute im Gedächtnis bleibt.
Wenig erzählt das Museum über die Zeit von Noriega, dem Führer der Militärjunta nachdem Jimmy Carter die Kanalzone an Panama im Jahr 1977 an das Land zurückgegeben hatte. Am Ende halt -wie so oft- die rührenden Kinderbilder die um Peace bitten. Mal sehen ob der Friede hält nachdem Trump ein Auge auf das Land und den Kanal geworfen hat.
Draußen stromere ich durch die Gassen der Altstadt. Es gibt einen Laden mit Panama Schokolade und eine Gasse mit Panama-Hüten. Claudia schrieb mir auf meinen Post eigentlich würden die meist in Ecuador gefertigt. Die hier sind wohl meist aus China. An der schönsten Stelle der Altstadt Regierungsgebäude. Der Präsident sitzt wohl hier mit einem unbezahlbaren Blick über das Meer auf die Skyline. Mich begeistert mit welche Sorgfalt das Ensemble auf einem Quadratkilometer erhalten ist. Die vielen Bagger zeugen davon, dass an der Historie weitergearbeitet wird. Ein wenig stören die vielen Autos. Parkplätze sind rar und alle drehen die große Runde solange bis nichts mehr geht.
Ich suche das Lokal, dessen Karte mich gestern so angemacht hatte. Ich werde nicht enttäuscht und ange richtig zu. Ein Smoothie (ich glaube es ist der erste in meinem Leben zum Aufwärmen, Fisch mit einer Art Meerettichsoße mit Honig. Danach was Süßes plus Espresso und dazu einen Wein. Zurück mit dem Bus zur Metro.
Letzter Abend im Hotel. Ein Blick aus dem Zimmer. Ein wenig Nachdenken über Panama. Eigentlich war ja mein Ziel Indonesien und dann weiter nach Taiwan, Japan, vielleicht China und Vietnam. Aber damals gab es schon Unsicherheiten wegen USA / Israel / Iran. Jetzt in Nachhinein: als ob ich es geahnt hätte. Aber Südamerika sollte es nochmal sein. Panama einfach nur, weil der Flug dahin über Atlanta, und dazu mit Lufthansa, einige 100 Euro preiswerter war in Kombi mit dem Rückflug ab Uruguay.
Ja. Panama. Irgendwie kann ich mit dem Land nicht so recht was anfangen. Ein sehr preiswertes 5-Sterne-Hotel für nicht mal 60 Euro inklusive Frühstück. Ok. Sagen wir mal nach unseren Maßstäben 4-Sterne. Finanziert alles durch den Casino-Betrieb wie in Las Vegas. Gut um zu Beginn des Urlaubs zu relaxen. Die City ist sehr sauber. Wenig Bettler, keine Leute die auf der Straße leben müssen. Trotzdem ist Armut unübersehbar. Der Betrieb rund um den Kanal scheint gut organisiert. Im Alltag, im Hotel oder Restaurant begegnet man den Gästen eher gleichgültig.
Die Banken bringen Geld, ohne Zweifel. Und rundum ist der Reichtum zu spüren. Jeder Container-Dampfer der durch den Kanal fährt, zahlt bis zu einer Million Euro plus. ich wäre gerne mal durch den Kanal gefahren oder mit dem Zug den Kanal entlang. Durch den Regenwald. Das geht aber nur Samstags und ist auf Wochen ausgebucht.
Anayway. Noch ein Bier. Corona schmeckt mir schon zuhause nicht und mit der panamesischen Plörre kann ich mich auch nicht anfreunden. Also weiter geht´s: Peru wartet.
Morgens um acht Uhr im Eilmarsch zur Copa Airline. Juchhu eine der Mitarbeiterinnen spricht Englisch und ist nach dem Mardi Gras nicht mehr benebelt. Einen Passagier namens Müller findet sie nicht auf der Passagierliste für die Morgenmaschine nach San Jose. Auch die Abbuchung auf meiner Kreditkarte hat sich in Luft aufgelöst. Ich verzichte auf Costa Rica und buche für Freitag nach Lima Peru.
Auf dem Heimweg besuche ich spontan noch die Kirche der Carmen nach der auch die Metro Station in der Nähe meines Hotels benannt ist. Es ist Aschermittwoch, das riesige Gotteshaus hast voll und jeder hat wie bei uns früher in der Rhön sein Aschenkreuz.
Nachmittags fahre ich in die Altstadt.
Klappt ganz gut mit der S-Bahn und einem Minibus, der sich durch die Gassen des historischen Quartiers zwängt. Ich bin von dem Ensemble beeindruckt.
Nicht umsonst ist dieser Quadratkilometer Unesco-Weltkulturerbe. Geplant hatte ich mit dem Besuch des Kanalmuseums zu beginnen. Zum Glück sagt mir die Mitarbeiterin an der Kasse, dass man heute früher schließe. (Heringsessen am Aschermittwoch?) Mir bleibe kaum eine Stunde Zeit für den Rundgang. Einen Tag später weis ich den Rat umso mehr zu schätzen. Es ist ein sehr textlastiges Museum und noch schlimmer: weiße Schrift auf farbigem Hintergrund.
Die Kirche gegenüber hat auf. Ein Mix zwischen goldenem Prunk im Altarraum und einem eher bescheidenen Chor. Gefällt mir. Wieder draußen regnet es in Strömen. Warten unter einer Galerie bis der Guss ein Ende hat.
Ich bin angenehm überrascht: Ein Touri-Hotspot ohne die sonst üblichen Begleiterscheinungen. Keine Leuchtreklamen, keine herausgebrochenen riesigen Schaufenster, die sonst üblichen Verdächtigen wie Mc Doof, Subway oder Starbucks geben sich dezent.
Keine endlosen T-Shirt Stände sondern viele Fachgeschäfte, die zumindest den Anschein erwecken, sie verkaufen hochwertige Produkte. Viele Cafes und Restaurants die zumindest von außen den Anschein erwecken als sei hier die Zeit um das Jahr 1910 stehen geblieben.
Abends Hotel. Ein Bier. Lesen. Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen. Eine interessante Analyse, die mich so schon lange beschäftigt. Völker und Kulturen kommen und gehen. In einer multipolaren Welt verliert der Westen, der über mehrere Jahrhunderte die Welt dominierte an Bedeutung. Marwecki beschäftigt sich mit dem Abstiegsmanagement. Im Prinzip: In Würde alt werden und sterben.
Die frühe Möwe fängt das Schiff. Schon eine halbe Stunde bevor mein roter Doppeldecker abfährt, sitze ich auf dem Bank neben der Firmenzentrale, einem kleinen Kiosk. Frühstück war heute easy, die Gruppe ist wohl weiter gereist. Das Buffett ist schon reichhaltig. Das mit den exotischen Früchten gefällt mir aber ansonsten: viel Instant, viele Fertigprodukte. Nach den Runden die ich schon von gestern kenne, kommen wir an der Schleuse plus Besucherzentrum an. 17 Dollar Eintritt. Stolzer Preis. Der Kontrolleur am Einlass drängt zur Eile. Um 9 Uhr käme das letzte Schiff und dann gehe es erst gegen Abend mit dem Schleusen weiter.
Mist. Und durch das Gebäude windet sich eine Schlange von vielleicht 100 Metern. Instinktiv wähle ich den mit Gittern markierten Weg daneben. Ich habe doppeltes Glück. Zum einen: Die hunderte von Menschen kommen von den Schleusenkammern zurück und warten auf den Einlass ins Kino. Und es gibt drei maritime Nachzügler.
Ich kann in Ruhe beobachten wie so ein Kahn von Level 0 auf die nächste Stufe gehievt wird. Einer der riesigen Dampfer passt gerade so in die Kammer. Beide Seiten betrachten sich wechselseitig im Zoo. Die Crew auf dem Container-Frachter sieht möglicherweise nach zwei Wochen auf See das erste mal Land und Leute, wir die Gaffer können erleben wie es auf so einem Deck zugeht. Das andere Boot ist ein Kreuzfahrtschiff, das auf einer Art Bypass die Szenerie passiert.
Das Geschehen wird von einem Moderator kommentiert dessen Stimme und Tonfall stark an den Käpten erinnern, der in Hamburg die einfahrenden Schiffe begrüßt: Und jetzt ein 300.000 Tonnermit Ladung für Shanghai etc
Es ist jetzt angenehm leer auf der Besucherplattform. Man kann sich zurücklehnen, die Arbeiter beobachten die das riesige Pumpwerk für die nächste Runde präparieren. Das ist schon eine komplexe Maschinerie, die hier am Laufen gehalten wird mit all den Lokomotiven, Pollern, Ventilen. Die Gebäude rund um den Kanal gehorchen einer einheitlichen Ästhetik und Formsprache. Sowohl hier als auch die Verwaltung, das gigantische E-Werk sowie die Unterkünfte der Ingenieure, Techniker. und Arbeiter.
Ich mache mich auf zum Imax Kino. So richtig mit 3-D-Brille. Die Schlange hat sich aufgelöst, aber auch 20 Minuten warten sind in diesen Breiten trotz Klimaanlage nicht einfach. Aber die Steherei lohnt. Hollywood öffnet seinen breit gefächerten Werkzeugkasten. Opulent und eindrucksvoll schildert der Streifen die Geschichte der Landenge seit 1000 Jahren, also auch die Zeit bevor die Konquistadoren die Azteken noch nicht um Geld und Leben gebracht hatten. Schon bald nach der Landung machten sich die Spanier Gedanken mit welchen Wegen sie die Landenge schnell überwinden konnten, von Kutschen bis zur Eisenbahn. Mit dem Goldrausch in Kalifornien und der Globalisierung des Handels gewann der Kanalbau an Fahrt. Den ersten Versuch setzte Ferdinand de Lesseps, der schon den Suez-Kanal gebaut hatte, in den Sand bzw. hier in den Regenwald.
Das Land gehörte zu Beginn des 20.Jahrhunderts noch Kolumbien. Die USA, die ein Hauptinteresse an einem schnellen Seeweg zwischen dem Osten und Westen ihres Landes hatten, enteigneten mit ein wenig Krieg kurzerhand Kolumbien, gründeten die Republik Panama und schlossen mit einem französischen Ingenieur -warum der auch immer befugt war- einen Vertrag das eine 10-Meilen breite Zone links und rechts des Kanals US Territorium sei. So einfach ist Politik. Bis heute.
Jetzt noch die lustige Geschichte im Kino. In 3-D kann man auch Mosquitos durch den Zuschauerraum fliegen lassen. Auch ich habe nach den Viechern, die laut durch den Saal schwirrten geschlagen. Anschließend ist nochmal ein wenig Zeit für das Besucherdeck von hier kann ich die Straße einsehen auf der mein roter Bus kommen wird. Mit ihm will ich weiter auf eine Halbinsel, die ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Panamesen ist. Gestern ist mir schon aus dem Bus ein Lokal aufgefallen in dem viele Einheimische gegessen haben. Das will ich heute testen.
Die Hop-on Hop-off Fahrzeuge in Panama sind die schlechtesten die ich auf dieser Welt genutzt habe. Annähernd schrottreif mit einer Tonanlage über die ich auch in Deutsch nichts verstanden hätte. Das Lokal jedenfalls erfüllte die Erwartungen voll. Nach hinten noch auf ein Strand, Pool etc. Ich bestelle Nudel mit irgendeiner Soße von hier.
Zurück geht es mit dem Stadtbus. Blöd. Passiere können sie nur mit einer Plastikkarte nutzen sonst funktioniert das Drehkreuz beim Fahrer nicht. Eine Frau hilft mir aus der Klemme und lässt mich für einen Dollar auf ihrem Ticket fahren. Win / win. Beim Umsteigen in die Metro finde ich einen Aufseher der mir die begehrte Plastikkarte am Automat zieht und auflädt.
Morgens High Noon im Frühstücksraum. Eine größere Reisegruppe belebt das Geschäft. Das Buffett steht auf mehreren Tischen verteilt, das System ist etwas unorthodox. Die Aushilfen haben auch wenig Erfahrung. Zweimal hole ich mir was nach, beide Male ist mein Tisch mit all den schönen Sachen auf dem Teller abgeräumt.
Ich bin früh dran, denn ich will klären, ob mein Flug nach San Jose in Costa Rica gebucht ist oder nicht. 800 Meter. Es ist schon ordentlich schwül. Dumm: Das Büro ist zu. Rosenmontag ist frei, so interpretiere ich den Zettel an der Scheibe und Dienstag als Zugabe zum Ausruhen auch nochmal niemand da. Auf Kommunikation über irgendeine KI mit Air Copa am Laptop habe ich keine Lust. Also Warten. Risiko. Weiter geht´s zum Hop On Hop off-Kiosk.
Ich mache in fremden Städten gerne zu Anfang eine Rundfahrt um eine Gesamtschau zu haben. Hier ist es ideal. Es gibt ein 48-Stunden Ticket für Senioren das nur etwa fünf Euro mehr als eine Tagestour kostet. Zurück ins Hotel. Noch ein wenig pennen, lesen.
Um 2 pm mittags startet die letzte Fahrt. Drei Stunden Dauer. An beiden Tagen werden aber wegen Mardi gras die Altstadt und der Fischmarkt ausgespart. So schrecklich viele Attraktionen hat die Stadt aber sonst nicht. Also hier ne Volksschule, da übt der Kirchenchor und natürlich Bank neben Bank. So viele Geldinstitute auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen. Ein Gebäude prächtiger als das andere. Kein ausladender Protz aber die Finanz-Mogule dokumentieren dezent selbstbewusst ihre Bedeutung. Morgens begegnete mir schon ein Porsche mit Frankfurter Nummernschild, der in die Tiefgarage eines der opulentesten Gebäude fährt, ehrfürchtig begrüßt von einem livrierten Lakeien.
Panama: das ist der Kanal. Das Land war lange zweigeteilt. Die Kanalzone, einem Streifen links und rechts neben der Wasserstraße verwalteten und beherrschte die USA und im Rest lebten die Einheimischen, die als Hilfskräfte für Seefahrt schufteten.
Vom Kanal sehe ich leider nur einen Moment das Wasser, aber der Bus hält an einer Schleuse nebst riesigem Besucherzentrum. Da werde ich morgen Station machen. Ansonsten sehe ich Container satt. Es gibt eine Bahnlinie entlang der Wasserstraße. Möglicherweise werden die Container von Jumbo-Tankern, die nicht nur Kanal passen, per Bahn vom Ozean zum Pazifik transportiert.
Auf der Rückfahrt passieren wir eine Elendssiedlung. Puh. Vor allem: Es fehlen bei vielen Wohnungen in den Gebäude die wie Fischstäbchen in der Frosta-XXL-Packung dicht gedrängt stehen, Klimaanlagen. Nur vereinzelt sind Ventilatoren zu sehen. Ich stelle mir das Leben in den winzigen Appartements mit fünf oder sechs Personen grausam vor. Abgesehen von dem Dreck und dem Müll in den Gassen ringsum.
Abends lande ich bei einem Inder nebenan. Irgendwas was ich nicht kannte mit Teig und viel Füllung. Es war köstlich. Ein Bier noch auf der Terrasse vor dem Hotel, drei vier Maybe Tomorrow zu einer der Mädels die sich meinem Tisch nähern. Und ab ins Bett. Schlafen.
„I got a nose for trouble. Double trouble is my name“, Sonntagabend im Bett in Panama denke ich an die Zeilen in dem Song von Dave Dee, Dozy und so weiter. Sechzig Jahre ist der Song alt. Irgendwie fallen mir die Zeilen immer mal ein, meist dann wenn ich geschlampt habe und mich die Nachlässigkeiten einholen. Meine Tour nach Südamerika habe ich schon vorbereitet: Flugrouten überlegt, Preise verglichen, Klimatabellen gelesen, mich über die Sicherheit in einzelnen Ländern informiert. Aber ansonsten bin ich in die Reise mit dem Gedanken: Hauptsache Kreditkarte und Pass in der Hosentasche. Und irgendwo eine zweite Karte in Reserve. Solch Leichtsinn wird schnell bestraft.
Samstag war ich noch in Bieber beim Umzug.
Sonntag: Morgens klappte alles noch hervorragend. Das Auto ist angesprungen. Wini wird es nachher abholen. Die S-Bahn um halb acht ist pünktlich. Das Gate am Flughafen weit vorne. Keine langen Wege. Keine Schlange vor der Security. Der Self-Check-In für meinen Rucksack macht keine Probleme. Ich frage noch den Lufthansa Menschen, ob ich beim Umsteigen in Atlanta mein Gepäck vom Band abholen müsse, um es neu bei Copa-Airline Richtung Panama neu aufzugeben. „Nein“ bekomme ich zur Antwort. Der Rucksack sei bis Mittelamerika eingecheckt. Ok. Ich kenne das von früher vom Transit anders aber wenn Lufthansa meint…
Zehn Mal bin ich bis jetzt über den großen Teich geflogen. Immer waren die Jets prall gefüllt mit Passagieren. Suprise, surprise. die Economy in der Boeing 787 ist halb leer. Die Zahl der Europäer wie ich später an der Passkontrolle feststelle überschaubar. Liegt das an der Jahreszeit oder sind der Grund für die Zurückhaltung die drohenden neuen Einreisebestimmungen. Ich habe drei Sitze für mich alleine und schlafe zwischen der Nordsee und Grönland. Der Flieger liegt wie ein Brett. Kein Hüpfer. Vor der Landung in Atlanta warnt der Pilot, es könne wegen einer Wetterfront jetzt heftig werden aber vielleicht hätten wir Glück und erwischen ein Wolkenloch. So ist es. Butterweich nähern wir uns der Rollbahn.
Auch bei einem Transit muss man in den USA das Einreiseritual überstehen, inklusive Esta. Die Passkontrolle war so easy wie noch nie. In den 1990er Jahren habe ich die Rituale als eher umständlich empfunden. An den Schaltern altgediente Beamte, keine Bewegung zu viel (War ja selbst einer).Nach 2000 begannen die Interviews die mit jedem Mal ein wenig weiter in Richtung Inquisition drifteten. Und jetzt: Nicht nur bei mir ging es Ruckzuck. Kleiner Small Talk, Lachen. Daumen hoch. Zwei Erklärungsmuster: Sie wissen eh alles über mich oder Tourismus ist halt auch ein Geldbringer. Vielleicht war es keine so gute Idee im letzten Sommer mit immer neun Schikanen, die weltweit Aufmerksamkeit erregten, abzuschrecken.
Ich mache mich zu meinem Gate. beim Verlassen der Kontrolle spricht mich eine Mitarbeiterin an und fragt, ob ich denn kein Gepäck hätte. Stolz erzähle ich ihr, das sei schon auf dem Weg von der Lufthansa zur Copa. Sie schaut mich zweifelnd an und schickt mich zurück. Und siehe da: auf dem Band kreist mein Rucksack. Glück gehabt und ich ernenne die Latina am Tor zu meinem Schutzengel.
Zwei Stunden habe ich für den Transit. Am Gate bei Copa gehe ich nur zur Sicherheit an den Schalter. Die Lady nimmt mein Ticket, lächelt mich an und schüttelt den Kopf, sie könne mich nicht mitnehmen. Panama verlange ein Rückflugticket. Meine Antwort, ein solches besitze ich von Montevideo nach Frankfurt, überzeugt nicht. Auch nicht, dass ich halt nach Lust und Laune von einem Land zur nächsten Stadt reise, vermag sie umzustimmen. Ich werde mit ihrer Chefin verbunden. Keine Chance. Natürlich ärgere ich mich über meine Ignoranz. Die Bestimmungen stehen auf den Seiten des Auswärtigen Amtes. Ich erinnere mich, sie gelesen aber nicht ernst genommen zu haben.
In den USA bleiben, geht nicht. Ich habe „Transit“ angekreuzt. Außerdem, was passiert mit meinem Flug nach Panama. Wir einigen uns darauf, dass ich einen Weiterflug von Panama nach Costa Rica eine Woche später buche. Der ist verhältnismäßig preiswert und ein Abstecher in dieses Land schadet nicht. Sie versucht meine Daten in die Buchungsmaske einzugeben. Mein Pass und meine Kreditkarte sind aber nicht kompatibel mit den Vorgaben von Copa. Drei Vornamen im Pass, einer auf der Kreditkarte. Mission impossible. Und die 0 , die erste Ziffer meiner Handynummer muss trotz Länderkennung angegeben werden. Sie experimentiert und experimentiert. Die Zeit wird knapp, die Schlange hinter mir reicht wahrscheinlich bis in die Innenstadt von Atlanta. Endlich nach 30 Minuten akzeptiert die Maschine alle Eingaben. Dumm nur: am Counter gibt es kein Kreditkartenlesegerät. Meine Daten werden an die Chefin gemailt. Rückruf: Mastercard funktioniert nicht. Alles nochmal mit Visa. Gleiches Ergebnis. Das Problem ist wahrscheinlich dass ich Buchungen mit einem Zeigefingerabdruck autorisieren muss.
Der Last Call für den Flieger war vor 15 Minuten. Ich versuche den Flug über mein Handy zu buchen. Das funktioniert. Ich zeige Ihr eine vorläufige Bestätigung und darf an Bord. Ein knallvoller Flieger ich auf einem Mittelplatz zwischen zwei ziemlich übergewichtigen Damen und keine Beinfreiheit. Und sitze und sitze und warte und warte. So nach 45 Minuten meldet sich der Käptn: offenbar steht die Regenfront von der bereits der Lufthansa-Kapitän erzählte kurz vor dem Flughafen. Wir müssten wieder zurück zum Gate. Vielleicht könnten wir heute noch, vielleicht nicht. Der Flieger rollt ein paar Meter und steht wieder. Weitere dreißig Minute warten und dann kommt Bewegung in die Geschichte. Beim Drehen sehe ich eine schwarze Wand am Ende der Rollbahn. Die Triebwerke heulen und der Jet beschleunigt Richtung Unwetter.
Jetzt verrate ich mal ein Geheimnis. Abergläubisch wie ich bin schließe ich beim Start fest die Augen und zähle bis 350. Jedes Mal aufs Neue. Ich fühle: so steil ist ein Flieger mit mir noch nie hochgezogen. Er dreht scharf nach links. Es ruckelt ziemlich heftig und dann ist alles ok. 3.40 Stunden ruhiges gleiten. Und das Essen bei Copa kann sich auch sehen lassen. Nach der Landung, und das habe ich zwanzig Jahre nicht erlebt, klatscht der Flieger.
In Panama renne ich mit allen anderen den Schildern Bagage Claim nach. Blöd nur: Wir sind in Terminal 1, das Gepäck läuft aber im Terminal 2 vom Band. 15 Minuten laufen. Rolltreppe kaputt und tatsächlich kreist mein Rucksack. An der Passkontrolle fragt natürlich niemand nach meinem Rückflug Ticket. Alle Aufregung umsonst. Datenvolumen laden, Uber bestellt und ab geht es in die Nacht. Der Flughafen liegt weit außerhalb. Der Fahrer kennt sich super mit Deutschem Fußball aus. Der BVB ist sein Favorit und Bayern München ein Upper Class Club.
Mein Zimmer gefällt mir. Das Hotel, ein weitläufi8ges Casino, erinnert an die Glitzerwelt von Las Vegas. Die Leute werden mit niedrigen Zimmerpreisen angelockt. Solange man nicht spielt, kann man unbeschwert genießen.
Es ist draußen noch ziemlich warm. Ich trinke auf der Terrasse noch zwei Bier. Ein wenig nerven die Prostituierten. Alle zwei Minuten kommt eine an meinen Tisch. Mein Standardsatz „Maybe tomorrow“ und alles bleibt friedlich. Ich bin hundemüde. Es ist nach Mitternacht. Ich bin seit fast 24 Stunden auf und schlafe friedlich.
Im Unterschied zu Dubai nebenan ist Abu Dabi ein Airport der kurzen Wege. Und es gibt Bier wie ich im vorbeilaufen förmlich rieche. 14 Tage war ich auf dem Trockendock. Aber jetzt ausgerechnet fehlt die Zeit für ein Pils. Das Boarding für meinen Flug nach Frankfurt hat schon begonnen. Obwohl ich die Transfer-Zone nicht verlasse, noch einmal Security. Richtig gründlich. Aus irgendeinem Grund wird meine kleine Tasche aussortiert und gesondert untersucht. Dabei geht meine Offenbach-Kappe verloren. Sie ist jetzt hoffentlich ein guter Botschafter in den Emiraten für unsere Stadt.
Die 777 bringt mich ohne größere Turbulenzen bis Frankfurt. Ich verschlafe die Hälfte der Zeit. Nur meine beiden jungen Sitznachbarn aus China gehen mir auf den Keks. Man muss nicht jede Anweisung der Stewadessen verstehen aber man sollte sie nicht mit Sturheit immer wieder ignorieren, besonders dann wenn es um Sicherheit geht.
Kurz vor der Landebahn Schreck am frühem morgen: die Maschine startet wieder durch und zieht steil nach oben. Es ist für einen Moment Mucksmäuschen still auf allen Plätzen. Wahrscheinlich die Angst aufs Wald-Stadion zu stürzen und für alle Ewigkeit den grottigen Eintracht-Fußball anschauen zu müssen.
Juchhu!!!! Mein Rucksack ist das dritte Gepäckstück auf dem Band. Es hat sich in hier nichts geändert: rmv und ovb verspätet und mies wie vor meinem Urlaub. Winni hat am Abend zuvor die Heizung in meiner Wohnung angestellt. Ich gönne mir um acht Uhr morgens eine 0,3 Flasche Bier und eine Runde Schlaf.
Saudi Arabien plus Kuwait: Autokratisch regierte Staaten: ohne Zweifel. Länder in denen Menschenrechte nicht so umgesetzt werden wie notwendig. Gewiss. Und dazu Herrscher, die Grenzen der Zivilisation überschreiten wie der Mord an einem Journalisten und Regimekritiker in Istanbul schrecklich demonstriert hat. Antsemitismnus quasi als Staatsräson in Kuwait. Kann man dort Urlaub machen, durchs Land reisen? Diese Frage bewegt mich beim Besuch eines jeden autoritär regierten Landes, nicht nur auf diesem Trip. Nicht nur auf dieser Reise. Unterstütze ich quasi mit meiner Anwesenheit und meinen Euros diese Regime? Meine Antwort ist nicht eindeutig.
Landschaftlichen Schönheiten beeindrucken auf der Arabischen Halbinsel. Es ist eine Region mit einer eindrucksvollen Geschichte. Bedeutende frühe Hochkulturen prägten und prägen die Entwicklung der Gesellschaft hier. Bis heute. Ob Medizin, Astronomie, Algebra, Schrift oder Physik: die muslimische Welt stand für Avantgarde und Höchstleistung während der Fortschritt in unseren Breitengraden noch im Dunkeln tappte. In vielen arabischen Ländern ist von dieser Blüte wenig übrig geblieben.
Saudi Arabien nutzt, auch dank der Öleinnahmen, viele Errungenschaften der Vergangenheit, kann darauf aufbauen, beispielsweise investieren die Verantwortlichen in Bildung. Quasi in jeder Oase mit drei Palmen gibt es eine oder mehrere Universitäten und Technische Hochschulen, besonders für Frauen. Die Regierung gibt Milliarden für die Infrastruktur aus: achtspurige Highways quer durch Sand und Geröll, Hochgeschwindigkeitszüge, die oft überdimensioniert wirken, endlose Industriegebiete, Spitzenforschung und High Tec. Dazu gut ausgestattete Krankenhäuser, die Restaurierung traditioneller Quartiere, Klimaschutz. Heute steht die Halbinsel vor einer Weggabelung, hinter der viele Optionen bedacht sein wollen. Saudi Arabien ist eine Nation im Umbruch. Das ist in den Zentren aber auch vielen Ortschaften in der Wüste zu spüren.
Die Geburtenrate liegt um 50 % höher als in Europa ist aber stark rückläufig. Dennoch gilt Saudi Arabien ein Land der Jugend. Die Verantwortlichen haben deshalb Ventile geöffnet, öffnen müssen. Gut ausgebildete Teenager, die dank Öl und Gas in relativem Wohlstand leben. Das Internet bringt die Welt via Smartphone ins kleinste Beduinenzelt. Viele Heranwachsende haben Europa bereist, hier studiert, gefeiert. In den Zentren ist das traditionelle Männergewand, der Kandora, auf dem Rückzug. Man (n) trägt Jeans. Viele Frauen, auch an den Schaltern der Behörden, haben Kopftuch und Schleier abgelegt. Das ist neu und ein Zeichen, dass die Regierung die jungen Menschen gewinnen will und muß, wenn sie neben Öl auch andere Schwerpunkte für ihre Wirtschaft und für Arbeitsplätze entwickeln möchte. Gezahlt wird fast ausschließlich mit Kreditkarte oder Smartphone. QR-Codes bestimmen Hotelbuchung, Busfahrt oder Restaurantbesuch fast ausschließlich.
Akzeptanz bedeutet, viele Menschen wollen und müssen mit ihrem Staat zufrieden sein, gerne in ihm leben. Auf diese Zustimmung ist auch Saudi Arabien für die ökonomische Entwickelung angewiesen. In den Golfstaaten nebenan gibt es eine relativ kleine einheimische Bevölkerung. Diese Elite lebt von Gas und der Ausbeutung ihrer Gastarbeiter. Das ist in Saudi so nicht möglich. Dafür ist das Land mit 31 Millionen Einwohnern zu groß. Im benachbarten Katar leben nur etwa 3 Millionen Menschen, davon sind lediglich 400.000 in dem Land zur Welt gekommen, also Bürgerinnen und Bürger. In Saudi Arabien bräuchte es über 100.000 Millionen Zuwanderer, um eine ähnliche Relation zwischen Einheimischen und Gastarbeitern zu erhalten. Und ein weiteres: Diese jungen gut ausgebildeten Saudis suchen Herausforderungen, wollen sich ausprobieren. Auch dieses Ventil braucht es, damit sie, so die Angstträume der Emire, nicht aus Langeweile auf dumme Gedanken kommen. Das Kalkül / der Deal der Herrschenden ist zynisch. Ihr liebe Jugend bekommt individuelle Freiheiten, dazu Sport und Stars auf Weltniveau, Events und Festivals, das Beste vom Besten. „Wir reden Euch auch nicht ins Privatleben hinein“, dafür erwarten wir, dass Ihr das Herrscher Haus und seine Privilegien nicht in Frage stellt.
Die Menschen sind freundlich, liebenswert, neugierig, ohne aufdringlich zu sein. Sie freuen sich über Gäste aus anderen Kulturkreisen. Sie suchen das Gespräch. Immer wieder werde ich nach unserem Leben, nach unseren Werten gefragt. Bei Frauen, deren Rechte hier immer noch eingeschränkt sind, sind beim Thema „Kopftuch bzw Schleier“ vorsichtige Veränderungen in urbanen Zentren zu beobachten. Viele junge Mädchen wollen nicht wie ihre Mütter die Welt nur aus einem schmalen Sehschlitz wahrnehmen.
Abschottung raubt Dynamik. Es ist aber eine Illusion zu glauben, man könne mit Knopfdruck oder einer Gesetzesänderung diese Länder zu Klonen der westlichen Welt kopieren. Es braucht Zeit und einen langen Atem, keine Illusionen. Der islamische Frühling beispielsweise in Syrien ist warnendes Beispiel wie schnell aus Begeisterung Entsetzen wird, wenn Diktatoren ihre Herrschaft bedroht glauben. Aber Abschottung ist auch keine Option. Besuche, Austausch ist für mich immer ein Weg zu Annäherung und Veränderung.
Jeder Trip endet. Meiner heute gegen 23 Uhr mit Etihad gen Frankfurt. „Mixed Emotions“ tönte einst Mick Jagger. Frühstück im ibis. Noch einmal laben an Hummus und Joghurt. Ansonsten ein ibis halt, solider Standard, ohne Ausreißer nach oben oder unten. Egal ob ibis Duisburg, Dublin oder Dschidda.
In Dschidda habe ich meine Tour quer über die Arabische Halbinsel begonnen. 14 spannende Tage. Manchmal anstrengend aber kein Stress. Kann man in diese autokratischen Länder ohne schlechtes Gewissen reisen. Darüber werde ich mir noch einige Gedanken machen und am Ende meine Einschätzung geben.
Heute kleiner Schnupperkurs Kuwait. Mehr ist nicht drin. Aus dem Hotelfenster macht die Stadt einen ungeordneten Eindruck. Der bestätigt sich auch vor der Tür. Ziemlich durcheinander gebaut.
Wo kann man eine Stadt am besten kennenlernen. Auf dem Markt, also hier im Souk oder Basar. Dort wo Menschen ihre Alltagsbesorgungen machen. Dort wo Kultur durch den Magen geht.
Zwei Kilometer zu Fuß entlang von Hauptverkehrsstraßen. Kein Vergnügen. Mit dem Rollstuhl oder Kinderwagen ist Fortbewegung aussichtslos. Ich stärke mich erst einmal mit einem Tee. Der Beste auf meiner Reise. Wie viele andere neben mir: Beobachten, das Treiben genießen.
In der Nachbarschaft gibt’s an einer langen Reihe von Ständen Fisch in allen Größen.
Die Gänge sind nach Sortimenten geordnet
Obst aus aller Welt
Bei einem Feigen-Händler kaufe ich eine Handvoll Datteln. Low Sugar wie mir der Traiteur versichert. Er zeigt mir noch seine Spezialität: Datteln in Honig und Sirup gebadet. Überredet. Nach dem ersten Happen schicke ich sofort per SMS eine Bitte an meinen Hausarzt: Nächste Woche Diabetis-Test.
Ich drehe noch eine Runde zum Meer. Den schönsten Blick habe sich dort einige militärischen Einrichtungen und das Außenministerium gesichert. Fotografieren verboten. Und bei den Jungs die dort am Zaun stehen, knipse ich eher nicht.
Zurück ins Hotel mit dem Stadtbus. Auch win Abenteuer: Packen, eine halbe Stunde dösen. Um 18 Uhr mache ich mich auf. Der Mensch an der Rezeption hat verpennt, ein Taxi zu bestellen. Aber ich habe genug Zeit. Im Feierabendverkehr zieht sich die Fahrt zum Airport auf eine Stunde. Check Inn und Passkontrolle ohne Problem. Man muss nicht alle Wege rund um die Beamten-Schalter verstehen. Ein Engländer und ich grinsen uns nach der Kontrolle an. „Be Calm and Carry on“. Eine Stange Zigaretten für das letzte Kuwait-Dinar, ein Hamburger und ein Wasser. 50 Minuten ruhiger Flug bis Abu Dabi statt der im Flugplan genannten einen Stunde und 40 Minuten.