Donnerstag – 29. Oktober 2026 – Qingdao

Heute wollte ich zunächst den langen Pier besichtigen den die Deutschen einst hier gemeinsam mit dem ersten Leuchtturm hier bauten. Wollte. Die Menschenmenge die sich auf dem schmalen Holzsteg drängelt, ist unfassbar. Und ständig sorgen Busse für neu Ladung. Macht kein Spaß, vor allem weil die Massen in beide Richtungen strömen und ich von vergangenen Besichtigungen weiß: ständig bleibt eine Vordermann oder eine Vorderfrau für ein Selfie stehen.

500 Meter weiter sehe ich eine hohe Mauer, einen Turm und ein schmuckloses Gebäude. Es erinnert an den Knast einer Kleinstadt. Richtig. In den Schaukästen ist zu lesen: Das war das Deutsche Gefängnis.

Ich beschließe einen Abstecher in den Bau. Nicht so einfach. Bargeld will der man im Tickethäuschen auf gart keinen Fall und Alipay funktioniert nicht. Erwischt. Schadenfreude kommt in mir auf. Es war ursprünglich nur der Knast nur für Deutsche. Ein Rundgang sollte genügen. Ich kann den Kassenchef überreden, ausnahmsweise abgezähltes Bargeld in Höhe von 0,65 Euro anzunehmen.

Drinnen ein paar schöne Zellen mit Holzdielen, ein Wachraum und Gucklöcher an den Türen. Nichts besonderes. Das Klientel waren wohl vor allem Matrosen die sich auf dem Landgang nach viel Bier mal richtig auf die Ohren hauten.

Die Wendeltreppe im Turm, schön anzuschauen. Ich bin schon fast wieder am Ausgang als ich ein offenes Tor zu einem Nachbargebäude sehe. Der Museumswärter deutet, da solle ich auch hin. Auch hier ein paar Zellen, wesentlich primitiver als nebenan. Im Untergeschoß der Schock.

An Balken Ketten mit Armreifen an denen man die Gefangenen in der Luft baumeln lassen konnte, Waterboarding -so eine Schautafel- ist keine Erfindung unserer Zeit, hier standen Menschen tagelang im Wasser und am Pranger.

Ab 1919 gehörte dieser Teil der Welt den Japanern und in diesem Knast war ihr Folterkeller. Die Bilder ähneln sich: die Amis im Irak, die Mittelschule in Phnom Penh, in der die Schergen von Pol Pot ihrem grausamen Handwerk nachgingen. Nur fünf von Zehntausenden Opfern überlebten (vor 15Jahren war ich auf den Killing Fields) und jetzt hier.

Eine kleine Ausstellung zeigt die Geschichte der Folterkammern hier. Japanische Soldaten ließen sich fotografieren als sie Menschen die Köpfe abschlugen. Das hatte ich schon einmal in einem Museum in Shanghai gesehen. Nur waren es britische Polizisten die hier 1920 mit den Köpfen posierten. Na wenigstens waren unsere Vorfahren im Ersten Weltkrieg nicht so pervers. Dachte ich für einen Moment und bis zur nächsten Schautafel. Ja. Auch das Deutsche Militär, deutsche Soldaten haben während ihrer Zeit in der Kolonie solche Schandtaten begangen. Die Grausamkeiten des ISIS im Irak sind zu verdammen. Aber wir müssen uns immer bewusst sein, dass die Generation unserer Ururgroßeltern zu ähnlichen Taten fähig war.

Der Besuch im Museum in Shanghai hat mich damals sehr nachdenklich gemacht. Wir werfen China immer vor dass sich das Land abkapselt, das sie sich zu wenig in die internationale Zusammenarbeit integrieren, dass sie ihre Eigenheiten zur Richtschnur machen. Ja. Kann man so sehen. Aber man muss auch verstehen welche Demütigungen diese riesige Nation in den letzten 200 Jahren erleiden musste: Opium Krieg, das Gemetzel nach dem Boxeraufstand, die Besetzung von weiten Landstrichen durch fremde Truppen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Mit der Metro geht es weiter. Der Übergang ist nicht leicht. Aber von der Station muss ich einen guten Kilometer laufen. Zeit nachzudenken.

Nachmittags möchte ich die Brauerei und das Biermuseum besichtigen. Goethe, Caspar David Friedrich, Beethoven. Die Deutschen haben die Welt mit mancherlei bereichert: aber unser größtes Kulturgut mit dem wir die Menschheit beglücken, scheint das Bier zu sein. Der Andrang vor der Brauerei von 1903 ist entsprechend. Eine lange Schlange drängt sich vor dem Kassen. Es ist aber immer wieder erstaunlich in welcher Geschwindigkeit hier in China Menschenmassen durchgeschleust werden. Jeder Pass wird gescannt, jede Handtasche, jeder Rucksack wie am Airport überprüft. An einem der Drehkreuze fängt mich eine von vielen Frauen ab, fragt ob mit oder ohne Guide, nimmt mein Handy, lädt einen QR Code, drückt dreimal auf irgendwelche Buttoms in Chinesisch. Jedenfalls darf ich passieren und die Abrechnung auf meinem Konto stimmt am Abend. Das grenzt irgendwie immer an Zauberei.

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Mittwoch – 28. Oktober 2026 – Qindago

Das Frühstück vier plus. Europäisch das Toastbrot und die bescheidene Obstplatte. Zunächst muss ich mich um eine Fahrkarte nach Peking kümmern. Ab hier ist nichts im voraus gebucht. Zum Glück muss ich nicht die 40 Minuten mit der Metro zur neuen Station, an der ich angekommen bin, zurück.

In der Nähe des Hotels steht ja noch der alte Deutsche Stadtbahnhof aus der Kolonialzeit, der immer noch genutzt wird, auch von vielen High Speed Trains.

Der alte Stadtbahnhof? Naja so ganz stimmt das nicht, auch wenn das Gebäude in jeder Deutschen Kleinstadt als ein Schmuckstück gelten könnte. Im Jahr 1904 nahm das Kaiserreich hier einen Bahnhof in Betrieb, im malerischen Stil des Jugend- und Späthistorismus. Er sollten in der „Musterkolonie“ bescheiden, gemütlich und heimatverbunden wirken. Auch hier lies die (chinesische) Bahn später das Gebäude vergammeln bis die Anlage Ende der 1980er Jahre dem rasanten Stadtumbau im Wege stand.

Er wurde für ein langgestrecktes neues Gebäude abgerissen. Das neue Haus soll architektonisch eine, wenn auch kleine, Brücke zu seinem Vorgänger schlagen. Das fanden die Einwohner von Qingdao nicht wirklich lustig und hatten mit ihrem Protest Erfolg. Dort wo der alte Bahnhof stand, klatschte man ein Imitat der historischen Fassade an das neue Mauerwerk und baute den Uhrturm nach.

Freilich nicht original sondern höher und breiter. Aber es sieht täuschend echt aus. Im neuen alten Teil ist heute ein Museum. Im Anbau Ticketing, Wartebereich und Shopping. Der Gleisbereich wird von einer riesigen Halle überdacht.

Mensch habe ich mich auf den Fahrkartenkauf vorbereitet. Größer Zettel. In sauberer Schrift: Zugnummer aufgeschrieben, Ziel, Abfahrtzeit, 2. Klasse, Window. Vergebens. Der Beamte am Schalter spricht doppelt so gut Englisch wie ich. Mit einem schäbigen Kassenbon mit QR Code ziehe ich ab. Das waren Zeiten als es Fahrkarten aus Karton gab. Die hat man nicht aus Versehen weggeworfen. Aber immerhin die Chinesische Bahn nimmt noch Cash. Ich kann meinen Bestand um vier Hunderter (52 Euro) abbauen.

In den Räumen hinter der angeklatschten Fassade informiert ein Museum über die Geschichte Schantung Bahn deren Bau Richtung Jinin von hier vorangetrieben wurde. China, und das gilt nicht nur für diese Ausstellung, ist uns in Punkto Museumspräsentation und -didaktik mindestens ebenbürtig. Die Fortschritte im Vergleich zu meinem letzten Aufenthalt vor zehn Jahren sind enorm.

384 Kilometer war sie lang die Schangtung Bahn. Deutsche Ingenieure bauten sie ab 1904 in nur vier Jahren. Deutsche Ingenieure? Ja, die planten sie aber die Schwellen und Gleise legten chinesische Kulis unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Ein Faksimile eines alten Fahrplans interessiert mich besonders. Ich studiere auch zu hause oft stundenlang die Fahrzeiten, stelle mir vor wie die Passagiere einst in den Zügen reisten.

Natürlich hängen in den Vitrinen auch jede Menge Fotos aus dem Alltag der Bahn. Die Beamten meldeten sich für einige Jahre zum Dienst in den Kolonien. Vielleicht für eine Zulage oder auch weil sie Fernweh hatten und das Abenteuer suchten. Von dieser Zeit wollte man natürlich ein Erinnerungsfoto haben. Das Bild entstand wohl 1914 kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Japan besetzte Ende 2014 Tsingtao. Die Deutsche Kolonie wurde in Japan bis ins Jahr 1920 interniert. Es ist aber davon auszugehen dass einige Eisenbahner verpflichtet wurden, die „neuen Herren“ zu unterstützen.

Garniert wird die Ausstellung mit vielen Artefakten aus jener Zeit.

Die folgenden Räume zeigen dann die weitere Geschichte der Bahn unter den Japanern und Chinesen. Der letzte Teil der Ausstellung widmet sich der Chinesischen Bahn heute.

Villen und Gründerzeit anschauen steht auf meinem Speisezettel für heute. Im Frühstücksraum meines Hotels hängt ein alter Stadtplan. Die Deutschen haben in den 15 Jahren ihrer Besatzungszeit schon ordentlich viel gebaut. Ein Grund: die Kolonie hat sich wohl wegen der Bodenschätze entlang der Bahnlinie richtig gerechnet. Germanen haben sich schon früher im 19.Jahrhundert hier angesiedelt. Der Hafen war ein Umschlagplatz für den Handel. Die Ermordung von zwei Missionaren, angeblich von Chinesen, war willkommener Anlass den Gouverneur per Vertrag zu nötigen, dem Kaiserreich die Insel für 99 Jahren per Pacht zu überlassen. Deutschland erhielt so einen Stützpunkt im Fernen Osten für Handel und Marine. Auch um Russland im Kriegsfall auch im Osten in die Zange nehmen zu können.

Eine Musterkolonie sollte es werden. Die Deutschen investierten in Infrastruktur: Straßen, Parks, die Wasserversorgung, ein Stromnetz. Sie errichteten ein Heim für Seeleute auf Landgang, einen riesigen Gouverneurspalast für die Verwaltung. Handelskontore entstanden, eine Evangelische Kirche und hier fuhren die ersten Busse in China. Freilich all diese Wohltaten konzentrierten sich dort wo die Europäer wohnten. Die Chinesen mussten weiter in the Edge of the Town unter primitivsten Bedingungen hausen. Auf Bildern wirken die Straßen wie 1:1 Kopien heimischer Gefilde. Bäume am Straßenrand, die flanierende Bourgeoisie, Cafés, Schaufenster mit dem alltäglichen Luxus. Rund 2.500 Deutsche lebten 1914 hier, plus 200 weitere Europäer.

In dieser Atmosphäre einer untergegangenen Herrlichkeit möchte ich mich ein wenig Treiben lassen. Viele der Kolonialbauten sind heute abgerissen. In den 1920er und 1930er Jahre sind andere Villen im westlichen Style hinzugekommen. Die westlichen Eliten, die weiter der Minen und Fabriken lenkten, wollten adäquat mit ihrer Dienerschaft leben. Man orientierte sich beim Bau an der Pracht der Nachbar und nicht an nationalen Traditionen.

Ein Gebäude direkt gegenüber dem Bahnhof. Heute ein Souvenirshop

Ein weiteres Haus in der Nähe. Eine Garküche.

Das Seemannshaus

Und weitere Gebäude die vor einem Jahrhundert errichtet wurden.

Die Katholische Kirche auf dem Hügel sieht so aus wie ein Gotteshaus in der Provinz, wurde aber nicht während der Deutschen Zeit erbaut sondern erst 1932. Mit Bargeld habe ich am Einlass keine Chance. Nur Alipay. Das Innere ist eher Schmucklos.

Draußen verkauft Kollege Roboter immer noch Bier aber es gibt auch jede Menge Zapfhähne. Kreditkarte dran und genießen.

Das Museum im Gouverneurspalast von dem aus man das Meer überblicken kann, hatte leider schon geschlossen. Das Gebäude ist ein Mix aus Jugendstil und Burgenarchitektur. Mao soll hier sogar geschlafen haben. Die Stadtverwaltung von Qingdao hat die touristischen Attraktionen sehr gut ausgeschildert. Vier Besucherrouten erschließen die Sehenswürdigkeiten. Es sind unzählige geführte Touristengruppen unterwegs. Manchmal ist kein Durchkommen mehr.

Es ist schon eine seltsame Stadt. Sieben Millionen Einwohner, die in tausenden Wolkenkratzern rings um ein kleinstädtisches Zentrum leben. Chinesische Umfragen, so habe ich gelesen, wollen festgestellt haben, dass in dieser Großstadt die glücklichsten Menschen in dem Riesenreich leben. Man kann das Ergebnis klassisch interpretieren: Die Stadt zehrt vom Image ihres Zentrums, obwohl die meisten Einwohner die City wahrscheinlich nur einmal im Jahr zu Gesicht bekommen.

Vor dem Gouverneurssitz ist ein kleiner Park. Gepflegt wie alle hier. Kein Fetzen Papier auf der Erde. Ich setze mich auf eine Bank, ein wenig Durchschnaufen. Kinder spielen, zanken, rennen. Ihre Mütter sitzen in Gruppen auf den Bänken. Klatschen ein wenig. Wie bei uns. Welt ist so schön.

Ich will heute in ein hoch gelobtes Lokal im Bürobezirk. Metrostation suchen, die sind bei Google nicht eingezeichnet. Auch das Restaurant ist nicht dort wo Google Maps es positioniert. Das GPS zeigt bei Google die falschen Werte an, erklärt mir später ein Kenner. Ich renne noch ein wenig zwischen den Bürogebäuden hin und her. Keine Chance. Es ist Feierabend. Zehntausende streben Richtung Metro und ich immer gegen den Strom. Der Hunger treibt mich in ein Lokal im Erdgeschoß eines Einkaufszentrums. Es sieht ganz gut aus. 1903 steht über der Tür. Die wichtigste Zahl der Stadt. In diesem Jahr gründeten Deutsche mit mexikanischem Geld eine Brauerei hier und heute stehen diese Ziffern als Werbebotschaft auf jedem Schaufenster.

Das Essen, ein paar Chicken Wings schmecken richtig gut, vor allem sind sie sehr harmonisch mariniert. Es gibt heimisches Weizenbier. Auch exzellent.

Anschließend lasse ich mich hier noch ein wenig treiben. Trotz Business und den vielen Bürotürmen wie überall gibt es hier viele kleine Stände mit den Küchen Chinas.

Ich nehme die Metro zurück, wie immer funktionieren alle Rolltreppen, steige eine Station früher aus um am Meer zu bummeln. Es ist angenehm ruhig. Kein Mensch mehr auf der Straße.

Die Promenade und die Villen die sie säumen, vermitteln immer noch ein Flair wie vor 120 Jahren. nehme noch einige Bilder in meiner Straße auf und wage dann den Selbstversuch. Ein Bier aus einem der zahlreichen Zapfhähne. Abgefüllt wird in Plastikflaschen aber mit reichlich Kohlensäure. Also ich sag mal: Besser wie nix.

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Dienstag, 27. Oktober 2026 – Von Xian nach Qingdao

Heute: zweiter Versuch vom Fleck zu kommen. Es wird klappen. Zunächst ein Lob auf das Frühstück im Holiday Inn. Asiatisch dominiert. Klar. Aber die europäische Ecke ist etwas üppiger und das Obst reichhaltig.

Mit der Metro – den kürzesten Zugang kenn ich jetzt- drei Halte zum Bahnhof. Der Mensch in der Box kann sich noch an mich erinnern und winkt mich grinsend durch. Gate 32 B. Die Abfahrtszeit leuchtet schon auf. 20 Minuten warten, einchecken und unten am Bahnsteig mich dort anstellen wo der Wagen drei halten wird.

Ich habe einen Fensterplatz und für die erste Hälfte der Fahrt angenehme junge Leute als Sitznachbarn. Die knapp über 1000 Kilometer legt der High Speed Train in etwa sieben Stunden zurück. Einmal quer durch China. Es ist eine etwas langsamere und damit auch preiswertere Verbindung.

Der Triebwagen beschleunigt jeweils für dreißig bis vierzig Minuten auf Tempo 300, um dann nach etwa 100 Kilometer in einer Provinzstadt für zehn Minuten anzuhalten.

Provinzstadt? Ein Blick in wikipedia lehrt mich, dass dieses Häusermeer um den Bahnhof etwa zwei bis drei Millionen Einwohner hat. Der Film vor dem Wagenfenster ist jetzt deutlich abwechslungsreicher als bei der Fahrt aus dem Norden. Vorbei an der Schokoladenseite von Städten bis zu ihren Hinterhöfen. Prächtige Konsumtempel und repräsentative Prachtbauten und wenig später einfache Mietskasernen oder Hütten. Industrie und Landwirtschaft prägen abwechselnd die Landschaft. Aber es vergeht kaum eine Minute in der nicht Hochhäuser mit vierzig und mehr Stockwerken zu sehen sind. Direkt vor den Gleisen oder am fernen Horizont.

Wie bei meinem letzten Besuch vor zehn Jahren stehen viele dieser Türme leer. Damals hatte ich in vielen Städten den Eindruck: zehn Häuser bewohnt, zehn Häuser nebenan harren auf Mieter und zehn sind hundert Meter weiter im Bau. Diese Wolkenkratzer werden nicht vom Staat finanziert sondern sind die private Altersvorsorge von Millionen Menschen. In Shanghai und Peking mag der Druck auf dem Wohnungsmarkt immens sein. Das gilt aber wohl nicht hierin der Provinz.

Aber immerhin: Im Gegensatz zu damals sehe ich heute bedeutend weniger Kräne. Im Jahr 2016 standen manchmal fünfzig oder mehr der turmhohen Winden in einer Reihe um Siedlungen hochzuziehen die alsbald leer vor sich hingammelten.

Dafür investiert das Reich der Mitte in erneuerbare Energien. Mit Wucht. Die langen Kohlezüge, die immer noch die Gleise der Güterstrecken dominieren, sollen aufs Abstellgleis. Photovoltaik ist Trumpf. Die Solarpanel bedecken riesige Flächen, Kilometer um Kilometer. Drunter wächst Gemüse und Salat. Es gibt auch Windräder. Aber die Zahl ist eher bescheiden. Vielleicht ist die Luft hier eher träge. Ein Abstandsgebot zu Wohnsiedlungen wie bei uns existiert hier für die Anlagen wohl nicht denn manche Rotoren stehen dicht an den Dörfern.

Der Zug ist durchgehend gut besetzt. Es gibt drei -oder eigentlich vier- Klassen. Business. Die sieht exakt aus wie im Lufthansa-Jet. Dann eine erste Klasse mit viel Beinfreiheit und nur vier Sitzen in einer Reihe. Also so eine Art Premium Economy. Und dann die Zweite Klasse. Dort hocken fünf Passagiere nebeneinander. Aber mindestens ein Meter Abstand zum Vordersitze. Und dann gibt es noch Stehplätze. Die kosten so viel wie die Sitze in der Zweiten Klasse. Diese Passagiere dürfen Plätze nehmen die frei sind. Sonst müssen sie am Wagenende stehen. Für die Sitzplätze gilt Reservierungspflicht. Die Stehplätze sind limitiert.

Praktisch: Auf riesigen Tafeln an den Schaltern und im Internet werden die vorhandenen Restplätze für jeden Zug angezeigt. Die Linienführung ist nicht so starr wie bei uns im Deutschlandtakt. Der Vorteil: Zwischen den Zentren auch am Rand gibt es jeden Tag mehrere umsteigefreien Verbindungen. Gleichzeitig wird so auf den Hauptstrecken ein dichter Takt möglich.

Die letzten hundert Kilometer bummelt der Zug ein wenig. Maximal Tempo 150. Es ist fünf Uhr nachmittags und es wird schon dunkel. Man merkt: Ich bin 1000 Kilometer weiter östlich unterwegs . Der Zug endet leider weit draußen am Nordbahnhof von Qingdao. Ich hatte extra ein Hotel in der Nähe des Stadtbahnhofs gebucht. Nutzt nix. 15 Stationen Metro. Ticketkauf kein Problem, wenn man das System einmal verstanden hat. In jeder Metrostation in China der gleiche Automat mit der gleichen Logik. Nur hier sind die Maschinen die Münzen oder Scheine nehmen besonders rar.

Alles klappt gut. Nur ausgerechnet der Ausgang der zu meinem Hotel führt, hat am Ziel keine Rolltreppe. Am Aufzug bin ich achtlos vorbeigelaufen. Also endlos Treppe steigen. Mit Rucksack. Ober angekommen erwartet mich die verloren gegangene Welt einer Deutschen Kleinstadt. Einziger Unterschied. Die Menschen hier fürchten die Finsternis. Alles wird angestrahlt, jede Wand mit LED dekoriert, jede freie Fläche mit einem Mega-Screen geziert. Ein Darkroom für Lichtfetischisten. Draußen zum Nordbahnhof bin ich durch Hochhäuserschluchten gefahren. Die Stadt hat sieben Millionen plus Einwohner.

Hier im Zentrum: Gründerzeit, Backstein-Romantik, alles mit einem Schuss Art Deko. Qingdao war mal unser. Fünfzehn Jahre. Von 1898 bis 1914 hatten die Deutschen die Bucht gepachtet, die mehr als ein Marinestützpunkt war. In dieser Zeit entstanden sehr viele repräsentative Verwaltungsgebäude, Handelshäuser, Villen und eine Brauerei deren Erbe das Image der Stadt heute noch prägt. Davon später mehr.

Mein Weg zum Hotel: Knapp 400 Meter. Aber schon ein wenig bergauf. Unübersehbar. Diese Stadt lebt vom Tourismus. Restaurants, Garküchen, Imbissbuden und Souvenirläden Wand an Wand.

Vor jeder Tür steht ein Zapfautomat mit acht und mehr Hähnen wie in einer Bierschwemme. Der Gerstensaft wird in Plastikflaschen abgefüllt. Der Halbe, je nach Qualität ab einem Euro. Mein Zimmer wirkt ein wenig antiquiert aber sauber. Bett und Dusche sind einladend. Beim Einchecken habe ich auch Gutscheine für Essen und Bier bekommen. Es ist schon spät.

Das Hotel- Restaurant sieht gut aus und ist es auch. Das trübe Tsingtao Bier schmeckt frisch gezapft richtig lecker.

Nach dem Mahl ein kleiner Verdauungsspaziergang zur katholischen Kirche oben auf dem Berg. Sie sieht nach Kolonialzeit aus, ist aber erst in den 1930 Jahren gebaut worden. Qingtao war lange eine international orientierte Stadt. Nach den Deutschen erhielten die Japaner das Gebiet im Versailler Vertrag zugesprochen und ab den 1930 Jahren wurde die Bucht endgültig Teil Chinas. Für alle von Interesse waren die Rohstoffe im Hinterland. Die Deutschen erhielten die Konzession in einem 30 Kilometer breiten Streifen entlang der Bahnlinie die reichlich vorhandenen Rohstoffe zu fördern. Wenig später entstanden hier Fabriken. Ihre Leitung übernahmen ausländische Manager, international orientierte Eliten die sich wahrscheinlich wenig um die Händel in Europa kümmerten.

Die prächtigen Villen die rings um die Innenstand bis in die 1930er Jahre entstanden orientierten sich eher an internationalen Standards denn an nationalen Eigenheiten.

Auf dem Kirchplatz oben stehen viele Buden. Der Tourismus fordert seinen Tribut. Es ist schon Feierabend. Trotzdem muss niemand auf einen Schluck verzichten. Kollege Roboter arbeitet rund um die Uhr, ohne Überstunden-, Nacht- oder Feiertagszuschlag. Der KI Troll ist übrigens mehr als nur ein Gag. Auch in anderen Ständen agieren solche Verkaufsautomaten.

Da bleibe ich lieber weiter Old School und hole mir meine Dröhnung beim 7 / 11.

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Montag, 26. Oktober 2026 – Xian

Dumm gelaufen. Eigentlich sollte ja oben in der Datumsleiste von „Xian nach Qingdao“ stehen. Jetzt wird stattdessen vor dem Loch vor dem Bahnhof in Xian eine Plakette angebracht. „Hier versank der selbst ernannte Bahnexperte Matthias Müller vor Scham im Boden“.

Aber der Reihe nach: Rechtzeitig aufgewacht. Gepackt ready. Um 7.30 Uhr Abmarsch. Der Zug soll gegen halb zehn fahren. 10 Minuten mit Rucksack zur Metro, 40 Minuten bis zur Station für die High Speed Züge in den Norden der Stadt, unterwegs einmal Umsteigen: eine Stunde vor Einchecken dort sein. Klingt einfach, ist es auch. Bis zur Einlasskontrolle: Dort wo Ausländer ihren Pass statt dem Ticket präsentieren müssen. Der Mensch in der Box gibt meine Passnummer ein. Die Maschine schüttelt mit dem Kopf. Zweiter Versuch, gleiches Ergebnis. Wo denn mein Ticket sei. Ich überreiche ihm den kleinen Zettel von der Größe eines Parkscheins, nur das Papier ist noch dünner. Er grinst: Abfahrt ist nicht heute sondern morgen: 27. Oktober. Upps. Mir ist mein Fehler auch sofort klar. Ich hatte für heute keinen Platz mehr bekommen, wahrscheinlich weil am Montag viele aus der Heimat zurück an die Arbeit fahren und für den nächsten Tag, den Dienstag, gebucht. Vor zwei Wochen. Das Hotel wollte ich vor Ort verlängern, habe das aber verdrängt. Und im Ibis haben sie mich begrüßt „Three nights“ ?. Ich sagte „yes“ ohne nachzudenken. Und heute morgen waren die drei Nächte um.

Aber nix passiert. Meine Hotelreservierung in Qingdao gilt erst ab morgen. Was tun? Zum Ibis zurück und morgen wieder 40 Minuten Metro. Keine Lust. Auf meiner Google Maps sind Metro-Stationen nicht eingezeichnet. Das kann blöd werden wenn ich mich morgens mit Rucksack eine halbe Stunde zu einer Station schleppen muss die weit entfernt vor einer neuen Unterkunft ist. Also auf Booking Hotels in Bahnhofsnähe anschauen und Rezensionen lesen. Beim dritten Hotel werde ich fündig: Ein Holiday Inn solle direkt an der Metro liegen, schreibt ein ehemaliger Gast und 30 Euro die Nacht ist ein Schnäppchen. Mit Frühstück. Drei Klicks. Hotel gebucht.

Zurück in den Untergrund. Draußen regnet es heftig. Es macht also auch keinen Sinn 500 Meter hier am Bahnhof zu einem Hotel in der Nähe zu laufen. Zum Holiday sind es drei Stationen mit der Metro. Ich wähle fast den richtigen Ausgang aber die Distanz beträgt schon fast 300 Meter, aber meist überdacht. Das Haus liegt in einem Business District mit riesigen Bürotürmen. Holiday Inn hat seinen eigenen Aufzug. Den muss man erst finden. Aber dann geht alles ganz schnell. Early Check Inn ohne Aufpreis. Kleines aber richtig schnuckeliges Zimmer mit Schreibtisch und Couch, ein super Bett. Alles wird gut.

Es schüttet draußen weiter. Lesen. Blog. Nachmittags finde ich dann den kürzesten Weg zur Metro. Ab in die Innenstadt. Ein wenig schlendern. Ziel die hoch gelobte Muslim Street. Die Tage zuvor hatte ich den Besuch dieser Essensmeile nach hinten geschoben. Halal und kein Alkohol: das habe ich in Offenbach auch.

Die Besonderheit hier: Mopeds und Fahrräder dürfen in den engen Gassen der Fußgängerzone fahren. Sonst ist das in China in den Innenstädten streng verpönt. Die Stadtverwaltungen pollern und gittern alles ab. Auch Kinderwagen oder Rollstuhl. No way. Die Muslim Street ist nicht nur ein El Dorado für Schleckermäuler sondern auch für Lieferdienste. Zeit ist Geld. Und das Schlimmste: Man hört die Roller und Tuk Tuks dank Elektro nicht mehr. Die Begegnungen zwischen Mensch und Maschine sind manchmal dramatisch, zumal die Hälfte der Besucher und Fahrer ununterbrochen aufs Handy schaut.

Ich lasse mich treiben. Schaue in die Kochtöpfe die meist auf einem Herd vor dem Lokal stehen und versuche zu erahnen, was die Menschen auf dem Teller haben.

Irgendwann werde ich mutig. Unter einem Vordach bruzzelt die Brühe in 20 Schalen. Jede Portion wird individuell zubereitet. Streetfood a la card. Der Küchenmeister mixt aus vielen Schüsseln mit Fleisch, Gemüse, Eiern, Kräutern und Gewürzen.

Der Laden ist voll. Ich setze mich an einen schmalen Tisch irgendwo dazu. Die Speisekarte gibt es sogar auf Englisch. Ich bestelle eine Beef Casserole.

Meine Riesenschale mit der Brühe wird mit mindestes zehn großen Stücken Fleisch serviert. In dem Sud schwimmen viele andere Zutaten von denen ich noch nicht einmal geahnt habe dass sie essbar sind. Und von denen ich es auch nicht unbedingt genau wissen will. Es mundet köstlich. Ständig werden auf der Zunge andere Geschmacksnerven angesprochen. Mit Cola kostet die Portion ungefähr sechs Euro.

Anschließend auf der Terrasse eines Cafés ein wenig pappsüß und einen Kaffee.

Langsam bummele ich zurück zur S-Bahn und freue mich auf mein Zimmer

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Sonntag, 25.Oktober 2026 – Xian

Auf dem Programmzettel steht: Terrakotta-Armee. Die Ausstellung ist der Hauptgrund für meinen Abstecher nach China auf dem Weg nach Japan. Meine Food-Guide, die auch Führungen zur Terrakotta-Armee anbietet, hat mir den Nachmittag für den Besuch empfohlen. Morgens kommen Busse. Da wird es richtig busy. Also erst ein wenig lesen.

Ohne Frühstück trotte ich zur Metro. Einmal Umsteigen, dann in den Bus 613. Rund 90 Minuten soll die Fahrt dauern. Im zweiten Zug komme ich mit Luc ins Gespräch. Schweizer aus Bern. Klar kenne ich die Stadt. Paul Klee Museum. Luc hat über Walktours einen Guide gebucht. Der Rest seiner Gruppe ist ausgefallen. Irgendwas mit dem Magen. Ich steige ein: Wie immer, alles wird gut. Rick ist unser Guide. Er per teilt uns per WhatsApp mit, er könne schon 15 Minuten früher mit dem Rundgang beginnen. Bleibt gerade noch Zeit vor dem Einlass für einen Kaffee und ein Papp-Sandwich. Wenigstens ein bisschen im Magen.

Rick mit seinem langen Zopf ist ein Glücksfall. Wir sind uns alle sofort sympathisch. Er ist gut vorbereitet. Keiner der nur Daten runterleiert sondern jemand mit Background und der glänzend Geschichten rund um die Ausgrabungsstätte erzählen kann. Und er ist ein Profi -das wird uns Europäer später nachhaltig beeindrucken- für Kartentricks der Extraklasse.

Mein Pass wird wieder zum Ticket. Praktisch; Einlass und mein Bewegungsprofil in einem Aufwasch denn es wird überall fleißig gescannt. Bis zu der riesigen Halle mit den Kriegern aus Ton sind es vom Eingang rund 700 Meter. Eine der Figuren wurde hier von einem Bauern beim Brunnenbohren während einer Dürre entdeckt. Es war wohl nicht die Erste. Einige Köpfe und Beine landeten vorher in den Kinderzimmern oder wurden zum flicken von Zäunen genutzt.

Die lebensgroßen Figuren sind meist 1,80 Meter groß. Viele ruhen noch unter Sand und Lehm. Die Truppenstärke wird auf 8000 geschätzt. Unter der Erde liegen noch auf mehreren Feldern Streitwagen, Pferde und Offiziere. Das tönerne Heer war Grabbeigabe für den ersten chinesischen Kaiser Qin Shi Huangdi. Jede Figur ist ein Unikat mit individuellen Gesichtszügen, Haaren, Händen und Bärten. Ursprünglich waren die Figuren farbig. Der Bau des Mausoleums begann 246 vor Christus. 210 wurde der Kaiser hier beigesetzt. Die Terrakotta Armee ist UNESCO Weltkulturerbe. Führende Archäologen glauben nicht, dass seit 246 an den Figuren gearbeitet wurde sondern insgesamt nur zehn Jahre. Für eine Statue musste eine Person (seit jüngster Zeit glaubt man Indizien gefunden zu haben, dass auch Frauen und Kinder mitwirkten) einen Monat arbeiten. 700.000 Menschen sollen am Bau des Mausoleums mitgewirkt haben. Viele von ihnen fanden in Massengräbern ihre letzte Ruhe. Sie wurden hingerichtet. Auf Tonscherben in den Gräbern sind ihre Vergehen aufgelistet. Auch wenn es über 2000 Jahre her ist: Wir ergötzen uns heute (zurecht) am Schaffen von Sklaven. Man sollte sich dessen wenigstens bewusst sein.

Shi einigte die sieben chinesischen Staaten plus diverse sonstige Fürstentümer die sich seit Urzeiten um die Vorherrschaft in China bekriegten. Die Schlachten waren blutig und brutal. Der Herrscher zählte nicht zu den zart besaiteten Regenten. Mit 13 hat er den Thron bestiegen, 220 die letzte Schlacht der Einigung geschlagen. Shi (oder seine Berater) wusste, dass Titel und Hierarchien beeindrucken. Die unterworfenen Staaten hatten alle je einen einen König an der Spitze. Da muss ein neuer Titel her um sich über den Rest zu erheben. Also nannte er sich Emperator, Kaiser. Der Qin Staat, seine Heimat, war wohlhabend und hatte eine gut geführte effiziente Verwaltung (Sag ich doch immer: auf die Beamten kommt es an). Reichtum und Organisation waren ein Gründe für seinen Triumph. Geprägt hatte ihn aber auch der Legalismus, der die Philosophie und Strukturen seiner Heimat bestimmte. Die zwei Hauptlinien dieser Lehre: Die Gemeinschaft steht über dem Individuum sowie Belohnung und Bestrafung sind Instrumente der Macht.

Das Leben unter Shi bestimmten, so Rick, „Farming“ and „Fighting“. Beide Tätigkeiten waren eng verwoben. Je mehr Heldentaten im Kampf desto mehr Land für den Krieger. Die Heldentaten wurden an der Zahl der abgeschlagenen Köpfe gemessen. Hatte ein Soldat zum Beispiel drei Feinde getötet und deren Köpfe bei seinem Offizier abgeliefert, musste er sich überlegen: reicht mir das fürs Leben oder will ich noch einen Acker mehr und falle im nächsten Kampf. Chance und Risiko. Im Inneren gilt Shi als Gewaltherrscher. Zwangsarbeit, Sklaverei und Gewalt kosteten Millionen Untertanen das Leben.

Das Leben und Wirken von Shi wird in der chinesischen Geschichtsschreibung kontrovers eingeschätzt. Hier die Einigung des Reiches, dort die skrupellose Gewalt. Vorgeworfen wird ihm auch die Unterdrückung der Lehren von Konfuzius, der ein rechtsschaffendes Verhalten der Menschen als Norm eintrat und die Stärke der Macht von der Zustimmung der Bevölkerung abhängig machte. Konfuzius prägte lange die Staatsdoktrin im Reich der Mitte. Auch Mao sah den Imperator kritisch. Heute tendiert die Meinung in Shi eher wieder zu einem „Pro“ weil Shi weitsichtig aus einem zerfallenen Staat eine Einheit formte. Das rechtfertige auch Grausamkeiten.

Anyway. Nach der Geschichtsstunde mit Rick und einigen nachgelesenen Infos ging es auf das Terrakotta Schlachtfeld. Die erste Halle ist riesig. 260 Meter lang und 60 Meter breit. Die Figuren stehen etwa sechs Meter tief. Wir können das Diorama umrunden, Platz um die einzelnen „Charaktere“ aus unterschiedlich Perspektiven zu bewundern? Nicht so einfach. Denn an den „Hotspots“ ballt sich die Masse. Manchmal stehen wir in Fünfer-Reihen vor dem Geländer. Warten bis jeder vor uns sein Selfie gemacht hat. Das Gedränge ist heftig. Rick bleibt gelassen. Heute stehen nur etwa 30.000 Besucher auf der Matte. In den Ferien seien es manchmal 50.000 und an besonderen Tagen 70.000. Dann möchte ich nicht hier sein.

Rick zeigt uns einige Bilder auf seinem Laptop. Clinton war hier, Blair und die Queen. Die durften alle zwischen den Kriegern flanieren. Clinton hat sogar mit dem Entdecker der ersten Figur gesprochen. Der Bauer zierte sich zunächst aber dann war es ein intensives Gespräch. Der Finder wollte eigentlich weiter auf seinem Acker bleiben. Später entdeckte er wie lukrativ es für ihn ist, Autogramme vor Ort zu schreiben, für Bilder zu posieren oder Small Talk mit den Gästen zu betreiben. Seine Entdeckung sollte übrigens 1974 geheim bleiben, so wollte es der chinesische Chef-Archäologe in Peking. Er befürchtete Raub und Zerstörungen. Irgendjemand hat die Geschichte geleakt und machte so aus Xian eine der bedeutendsten Stätten der Menschheit. Auch ich habe den Ort in meinen persönlichen Top Ten gerankt.

Am Ende der Halle stehen einige Figuren, die gerade restauriert werden. So ist es möglich aus zwei drei Meter Distanz die hohe Kunstfertigkeit zu betrachten. Diese Distanz wollte auch vor einigen Jahren ein Besucher überwinden und ist in die Grube gesprungen. Rick zeigt uns Fotos und ein Video. Der Typ hatte sich wie ein Krieger gekleidet. Tragisch dass er bei seinem Sprung zwei Statuen beschädigte. Er wurde verhaftet und da der chinesische Staat nichts mit ihm anfangen konnte, bald abgeschoben. Ich werde ganz klein als Rick erzählt es sei ein Deutscher gewesen.

Draußen zwischen der Halle eins und zwei verblüfft uns Rick mit einigen seiner Kartentricks. Dreimal ein Emperator, dreimal eine Herz Acht. Die Karten scheinen zwischen seinen Händen zu fliegen. Links rechts und dann in die Tasche: innerhalb von Sekunden. Leider: Filmen ist verboten.

Warum eigentlich opferte Shi jahrelang wertvolle Ressourcen um eine solch „tönerne Armee“ mit ins Jenseits zu nehmen. Ein Mausoleum: OK, verstehe ich. Ein mächtiges Grab erinnert noch in Jahrhunderten an das Werk des Kaisers. Er wollte in die Geschichte eingehen als jemand der China geeint und zu neuer Größe geführt hat (erinnert mich das an Putin?). Aber um das zu erreichen muss ich nicht 8.000 Steinklötze vergraben. Doch. Auch der Buddhismus glaubt an eine Seele. Und die rückt in den Himmel und hat dort die gleichen Bedürfnisse wie auf der Erde. Deshalb legen in China, Vietnam oder Thailand Angehörige regelmäßig Lebensmittel, Geldscheine (natürlich keine echten), kleine Spielzeugporsche oder Zigaretten auf die Gräber. Und via Räucherkerzen kommt das Benötigte bald im Himmel an. Vieles wird von den Hinterbliebenen später wieder am Grab abgeholt. Ist eigentlich gar nicht so schlecht. Ich hätte hier immer gesagt: Frau ich geh mal zum Opa drei Weizenbier bringen. Für Shi war diese Armee im Himmel Schutz und vielleicht auch Möglichkeit dort neues Terrain zu erobern.

Figuren die auf ihre Aufarbeitung warten.

In der Halle 1 steht quasi die Bodentruppe, die Infanterie, abmarschbereit. Aber so ein Heer ist ein komplexes Gebilde das geführt und versorgt werden will. Im Kampf braucht es verschiedene Fähigkeiten. Bogenschützen, Wagenlenker, Kutschen, Beamte, Pferde und vieles mehr. All diese Funktionen sind wie auf dem Schlachtfeld angeordnet.

Halle 2 zeigt die kleineren Einheiten. Hier liegen viele Figuren noch unter der Erde, harren auf ihre Ausgrabung. Man kann live die Arbeit der Archäologen und Restauratoren verfolgen. Rick zählt die Universitäten und Institute in aller Welt auf, die die Chinesen bei der Arbeit unterstützen. Ein Ziel ist weitere Figuren wieder in Farbe erstrahlen lassen. Es scheint schwierig zu sein, die richtigen Pigmente zu finden. Durch Scheiben lässt sich die Arbeit der Farbexperten gut beobachten.

In Vitrinen sind einige herausragende Figuren dargestellt. Ein Offizier, der 1,90 Meter groß ist, ein Bogenschütze und ein Reiter mit seinem Gaul. Rick macht uns auf ein wichtiges Detail aufmerksam. Die Reiter haben sehr stämmige muskulöse Beine. Die brauchte es um die Pferde ohne Steigbügel auf einem schmalen Sattel reiten zu können.

Nach fast drei Stunden verabschieden wir uns von Rick. Gemeinsam noch einen kurzen Reel. Luc und ich machen im Museum in Halle drei noch einen Streifzug durch die chinesische Geschichte. Bleibt ein Fazit: Diese Ausstellung ist von Aufbereitung und Didaktik herausragend. Populär präsentiert und dich mit großem wissenschaftlichen Anspruch. China hat in kurzer Zeit hier einen Koplex auf über einem Hektar Fläche geschaffen der als Museum einzigartig ist.

Zurück geht es durch einen 800 Meter langen Food-Court. Der Weg nimmt kein Ende. Die Stände stehen zum Teil in Vierer- Reihen. Naja. Wenn´s voll wird: 50.000 Menschen wollen gefüttert werden. Auf uns wartet an der Haltestelle schon ein Bus. Metro, einmal umsteigen. Luc arbeitet im Marketing. Da haben wir massig Berührungspunkte. Er erzählt mir von seinem Job in der Agentur in einer KI geprägten Welt. Das hat nichts mehr mit meinem Arbeitsleben zu tun. Abschied. Hotel. Keine Experimente heute: Mich zieht es in den Dumpling-Laden vom ersten Abend. Dieses mal gibt es die Ravioli mit Käse überbacken.

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Samstag – 24. Oktober 2026 – Xian

Das Zimmer ist klein aber schnuckelig. Bei den Kritikern gehen die Meinungen zum Frühstück weit auseinander. Keine Experimente. Hundert Meter weiter ist ein Starbucks. Eigentlich mag ich ja deren Kaffee nicht, und ich werde leider bestätigt und auch das Hörnchen mit Würstchen (mehr lag nicht in der Glasvitrine) zum Vergessen.

Mit der Metro zum Bahnhof: Gutschein gegen Ticket nach Qingdao tauschen. Direkt gegenüber dem Bahnhof liegt das Nordtor des Walls der die Innenstadt von Xian einfasst. 15 Kilometer Mauer, circa 12 Meter hoch und unten 15 bis 18 Meter breit. Ein Drumm. Weitgehend unzerstört. Auf der Mauerkrone stehen viele Häuser und Tempel im chinesischen Stil. Man kann oben mit dem Fahrrad einmal die Stadt umrunden. Kreuzungsfrei. 

Ich möchte zum Südtor. Hier soll die Kulisse noch beeindruckender sein. Mit der Metro zurück ins Center.

Von dort stromere ich abseits der Touriströme durch die Viertel in denen die  Menschen wie Du und ich wohnen. Es ist eine spannende Tour. An jeder Ecke eine neue Überraschung.

Wie hier überall. Es gibt viele kleine Imbissbuden: Ein Raum, mehr oder schön dekoriert, zwei drei Töpfe auf dem Ofen, eine Speisekarte im Fenster auf der ich kein Wort verstehe. Manche Lokale sind nach unseren Maßstäben schon heruntergekommen aber dafür wirken andere recht einladend. Ich bin eigentlich schon mutig, aber kann man wirklich per Translator fragen ob das Fleisch mal gebellt oder gemiaut hat? Jetzt entlarve ich wieder als Spießer.

Direkt an der Mauer wandelt sich die Wohngegend. Kein Luxus, keine Mittelklasse aber irgend eine Art von Transformation. Viele junge Leute, einige bunte Accessoires um Fenster und Türen, kleine Vorgärten.

In der Nachbarschaft Blumenläden, ein wenig Öko und es gibt winzige Cafés mit Graffitis an der Wand und bequemen Sesseln in den junge Leute sitzen, die Cappuccino trinken und sich nicht im Einheitslook kleiden. Später kann ich von der großen Mauer auf die Dachterrasse schauen. Da sitzen und diskutieren schon Leute die einen extravaganten westlichen Chic bevorzugen.

Am Südtor löse ich ein Ticket für einen Spaziergang auf der Mauer. Um für alle Fährnisse des Lebens gerüstet zu sein, hatte ich in Hohhot 3.000 Rimpi am ersten Automat, der Mastercard akzeptiert, gezogen. 400 Euro für 14 Tage, eigentlich nicht viel. Denkste. China schafft sein Bargeld ab. Gezahlt wird per Handy, egal ob im Hotel, am Gemüsestand oder bei der Toilettenfrau.

Der Eintritt hoch auf die Mauer ist ziemlich teuer. Prima denke ich, da kannst Du ein paar Scheine loswerden. Bargeld fand das Mädchen an der Kasse überhaupt nicht lustig. Mit einem bösen Blick suchte sie in den Schränken nach der Kasse mit dem angestaubten Wechselgeld. Was sie über meine Liebe zu cash dachte. konnte ich an ihrem Blick erahnen. Und so ist es eigentlich fast überall. Wenn ich mein Portemonnaie öffne, gelte ich als Exot.

Ich habe auf meine Handy auch Alipay installiert. Das System hat schon seine Vorteile. Es ist sicher weil man jede Zahlung mit einem Pin oder seinem individuellen QR Code autorisieren muss. Ein riesiger Vorteil: Bis zu einem Wert von ca 25 Euro berechnet Alipay keine Gebühren, wohl aber meist der Kreditkartenanbieter in Europa über den alle Transaktionen abgewickelt werden. Ich vermute mal dass Alipay in den nächsten Jahren Richtung Europa expandieren wird. Dann müssen sich unsere Banken warm anziehen, denn Alipay ist nicht nur bezahlen sondern Plattform für Reisen, Einkaufen, Theater und vieles mehr. Die Wertschöpfungskette weitgehend in einer Hand.

Oben auf der Mauer ist richtig Traffic. Tausende von Besucher knipsen ihre Selfies mit der Wachmannschaft in den goldenen Uniformen. Auf dem Mauerweg einige Pagoden, Tempel, Wachhäuser: vor allem aber Souvenirshops. Trotzdem ist es ein Erlebnis von oben auf die Innenstadt zu blicken. Auf der anderen Seite dominieren Hochhäuser mit 30 und mehr Stockwerken.

Zurück im Hotel bleibt eine Stunde für einen Powersnap. Ich habe für 18 Uhr eine Streetfood-Führung gebucht. Treffpunkt ist das Hilton, kein so optimaler Ort weil das Hotel zwischen zwei Metro-Stationen liegt. 700 Meter Schritte machen. Suso, oder so ähnlich, heißt meine Führerin. Ich bin der einzige Gast. Blöd, weil solche Foodtouren am schönsten in einer Gruppe sind.

Viele Töpfchen und Schälchen mit irgendwas auf dem Tisch und jeder nascht von allem. Suso ist ja ganz sympatisch, spricht super Englisch aber von Food und wie man so eine Tour orchestriert hat sie wenig Ahnung. Im ersten Lokal wird alles aufgefahren was die Küche hergibt. Zwei große Schüsseln Nudelsuppe mit Kräutern und Fleisch, eine Gemüseplatte, Spießchen vom Lamm, Dumpling und was es sonst noch gibt. Auch wer nur einmal von jedem einen Löffel oder ein Spießchen probiert, rollt aus der Kneipe. Regional sei es hier. Hatte ich mir fast gedacht, aber kein Satz von ihr zur Zubereitung oder Geschichte von meiner Guide.

Wir ziehen weiter. Zwei Küchen weiter gibt es zum Glück nur ein Schälchen. Der Inhalt ist köstlich abgeschmeckt

Nebenan ist ein Foodcourt mit vielen Ständen. Es gibt einen chinesischen Hamburger, gefüllt mit einer Mega Portion Pulled Pork. Wunderbar. Aber nach der Hälfte bin ich knüppelsatt. Sie isst nix, kommuniziert dafür in kurzen Abständen mit ihrem Freund per Handy um mir zu erzählen was er über das Essen denkt.

Nächste Station Dumplings: Ziemlich gut und dann Dicke Nudeln. Danach ist bei mir Ende. Bauch an Mund: Nahrungsaufnahme stoppen, Transport einstellen. Wir naschen hier und da noch ein Häppchen. Ein wenig Small Talk. Sie hat Englisch studiert und arbeitet als Fremdenführerin. Vor dem Dessert wartet eine besondere Herausforderung. An einem Stand liegt ein riesiger Haufen Terrakotta-Scherben. Ich erhalte eine Schale mit Schnaps -keine so schlechte Idee- den ich trinken soll. Danach darf ich die Schale mit Wucht auf den Scherbenhaufen schmeißen. Dazu kann ich mir was wünschen.

Überpünktlich beende ich die Tour. Sie bittet um ein paar Sterne bei der Bewertung und ich mache mich in mein Ibis. Zur Terrakotta-Armee werde ich morgen alleine fahren.

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Freitag -23. Oktober 2026 – Von Hohhot nach Xian

Vor dem Mercure steht eine Wartehalle. Von dort geht die Linie 1 direkt zum Bahnhof. 8.43 Uhr fährt der Schnellzug Richtung Xian. Kein Hochgeschwindigkeitsexpress aber immerhin Tempo 160. Gegen 16 Uhr soll ich dort sein. Über 1.000 Kilometer. Ich versuche in China immer eine Stunde vor Abfahrt an der Station zu sein. Security und Einchecken am Gate brauchen Zeit. In der Hoffnung auf ein Sandwich habe ich nicht gefrühstückt. Aber am Gate gibt es nur einen Mc Donalds ohne Breakfastkarte und im Zug keinen Speisewagen. Egal: der leere Magen hat Rechte. Alles wieder auf Chinesisch. Ich deute auf einen Cheeseburger und Kaffee. Die Frau an der Theke tippt und tippt und tippt und ich bekomme nach zehn Minuten eine große Cola und ein Big Mac Menü mit Pommes.

Pünktlich öffnet sich das Gate. Ich muss wieder auf die Sonderlinie und den Pass vorzeigen. Auf dem Weg zum Bahnsteig kann ich mich nicht verlaufen denn kaum verlangsame ich meinen Schritt kommt einer der Beamten die alle zehn Meter in einer Reihe stehen und fragt wie er helfen kann.

Auf der Plattform muss ich nur meine Wagennummer suchen. Der Zug hält auf den Zentimeter genau dort und wehe nicht, dann muss der Lokführer wohl die Bahnhofstoilette mit der Zahnbürste schruppen.

Ich habe auf der Dreierbank einen Fensterplatz. Los geht’s durch die Hinterhöfe von Hohhot. Hochhausschluchten. Viele der Wolkenkratzer stehen leer.

Solarfelder so groß wie bei uns ein Landkreis. Später folgen Industriegebiete und dann braune Landschaften. Ein wenig Smalltalk mit meinem Nachbarn der Englisch spricht, dösen, aus dem Fenster gucken.

Das ibis in Hohhot hat mit der unmittelbaren Nähe zur Metro geworben. 500 Meter sind es dann doch von der unterirdischen Station. Aber solche ungenauen Angaben sind hier Standard. Ich muss auf dem Weg zwei ziemlich breite und stark befahrene Straßen überqueren. Mein Rucksack drückt. Das Einchecken ist unproblematisch. Die nehmen hier sogar die Mastercard. Das Zimmer ist nicht so groß wie gestern im Mercure aber gemessen an einem Ibis in Europa der pure Luxus. Nur so ein Tütchen Kaffee beim Wasserkocher statt Tee wäre noch besser.

Diverse Food-Foren empfehlen ein Dumpling Lokal. Ich laufe ungefähr einen Kilometer um mit vielen anderen draußen vor dem Restaurant zehn Minuten zu warten, aber die Zeit lohnt. Dumpling gefüllt mit Fleisch, Shrimps und Kräutern. Köstlich. Mein Tischnachbar ist ein Japaner. Höchstens Zwanzig. Er hat dazu so eine Art Nusssosse. Sieht auch gut aus. Beim Hinausgehen unterhalte ich mich mit einem Deutschen Paar. Feinschmecker offenbar. Auch die sind begeistert. 

Auf dem Rückweg schlage ich mich durch die Streetfood-Meile. Mein Eindruck: Viel Industrieware.

Ein letzter Blick auf eines der Wahrzeichen der Stadt: Der Bell Tower.

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Donnerstag- 22.Oktober 2026 Hohhot

Nach dem Frühstück ein Bummel durch eine der Einkaufsmeilen der Stadt. Eigentlich ist hier überall Shopping Mall. Die Vielfalt beeindruckt. Kleine Läden, Fachgeschäfte, dazwischen Schneidereien, Handwerker, Garküchen, Imbissbuden und Restaurants. Ich muss mich durch das Gewusel kämpfen. Und es gibt noch richtige Kaufhäuser. Nebeneinander so wie bei uns früher Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten. Aber auch hier sind die Zeichen der Zeit unübersehbar. Es gibt Personal ohne Ende. Hinter jeder Glasvitrine stehen sich drei vier Angestellte die Füße platt. Alibaba das chinesische Amazon boomt.

Die Bürgersteige draußen sind mit Werbefiguren buchstäblich vollgeknallt. Triumphbögen an den Eingängen, Comic-Figuren die den Passanten zuwinken, überall blinkt es und besonders nervig: Pausenlos werden die Kunden von künstlichen Stimmen zum Kauf gedrängt. In Endlosschleife. Ein Kaffee hier in Ruhe trinken. Mission Impossible.

Im Hotel ein wenig ausruhen. Am Blog arbeiten. Leider kann ich mich mit dem Laptop nirgends einloggen. Ich zweifele auch daran ob WordPress hier funktioniert.  Also in word vorschreiben und später übertragen.

Gegen 14 Uhr zieht es mich zu dem Drei Drachen Tempel der zweiten herausragenden Sehenswürdigkeit der Stadt. Soweit komme ich aber nicht, denn neben dem Hotel liegt ein Park dessen Größe und Schönheit ich schon aus dem dreißigsten Stock bewundern konnte.

 Ich werde nicht enttäuscht. Eine Seenlandschaft strukturiert das riesige Gelände.

Zierliche Brücken, kleine Tempel mitten im Wasser, bunte Blumenbeete, exotische Gehölze.

Überall kleine Sitzecken. Männer hocken tiefgebeugt über einem Brettspiel, Mütter schauen ihrem Nachwuchs beim Spielen zu, Jogger drehen ihre Runden.

Irgendwo steht ein Riesenrad, eine Gartenbahn lädt die Jüngsten ein, Runden zu drehen. Die ganze Anlage wirkt in meinen Augen unfassbar aufgeräumt.

Kein Schnipsel Papier auf der Erde, keine zerstörte Bank, keine zerbrochene Glasscherbe. Fast zu perfekt.

Ich höre Musik und entdecke eine Gruppe von etwa zehn Männern und Frauen an einem der Seen. So eine Art Oldie Club von Offenbach. Die meisten sind in meinem Alter. Sie treffen sich zum Karaoke. Ein Mikro und eine Box. Mehr braucht es nicht. Abwechselnd treten sie ans Micro. Schmettern und Schmachten mit Herz und Schmerz. Irgendwann kommt der Erste auf mich zu. Keiner spricht die Sprache des anderen und Englisch ist auch keine Option. Nach und nach gestikuliere ich mit allen in der Gruppe. Die üblichen Fragen halt: Kinder, Verheiratet, wo kommst Du her. Bei Leuten die Musik lieben, klappt die Verständigung eigentlich immer. Nur weigere ich mich zu singen. Ich will hier in guter Erinnerung behalten werden.  Es ist schon dunkel und kalt als ich mich auf den Heimweg mache.

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Mittwoch – 21. Oktober 2026 – Hohhot

Gut geschlafen. Das Frühstück ist reichhaltig, halt asiatisch und nur asiatisch. Vegetarische Dumpling gehen immer. Dazu Tomaten, ein wenig Gemüse und ein Spiegelei. Das exotische Obst und der Kuchen entschädigen für den fehlenden Leberkäs-Semmel. Kaffee und O-Saft sind gut.

Zuerst mit dem Bus zum Bahnhof. Ich muss meinen Internetgutschein gegen ein Ticket für die Weiterfahrt nach Xian umtauschen. Die Fahrkarte, ein QR-Code auf einem Kassenbon- ist eigentlich Nebensache. Am Gate und bei der Security muss ich mich nur mit meinem Pass identifizieren. Hinter meiner Passnummer sind offenbar mein Gesicht, die Fingerabdrücke und die Ticketdaten hinterlegt.

An den beiden Schaltern gähnende Leere. Vor zehn Jahren standen in chinesischen Großstädten an unzähligen Schaltern lange Schlangen. Das Internet. Jetzt ist die Prozedur in zwei Minuten erledigt. Eigentlich ist die Hauptaufgabe der Beamtin meinen Pass plus Einreisestempel zu scannen. Mit der Metro mache ich mich dann zum Dazhou Tempel. Ich versuche es jedenfalls. Metro fahren in China ist eigentlich recht einfach. Aber seine Behörden haben offenbar ein Problem mit Google. Die Folge: Auf Maps sind die Metrostationen nicht eingezeichnet und deshalb ist auch bei der Frage nach dem Weg mit der Metro die westliche KI auf dumm gestellt.

Keine Ahnung wo. Jedenfalls kein Tempel

Ich lande irgendwo fünf Kilometer außerhalb. Mein Trip zurück bringt mich nur unwesentlich näher an mein Ziel aber zu einer breiten Straße die zu dem Tempel führt. Ich riskiere es und nehme an der nächsten Haltestelle einen Bus. Es klappt

Der Dazhou Tempel ist das älteste und bedeutendste Heiligtum in der Stadt. Erbaut um 1580 steht heute im Mittelpunkt eine 2,55 Meter hohe Statue aus reinem Silber, flankiert von zwei kunstvoll geschnitzten vergoldeten Drachen.

Nach der Besichtigung finde ich in einem der kunstvoll gestalteten Höfe eine Bank in der Sonne.

Das tut gut nach der Kälte in der Mongolei. Bei spiritueller Musik wärme ich mich eine Stunde auf, schaue später beim Tanz zu.

Um den Tempel einige Straßen im historischen Stil. Ich vermute viel nachgebaut. Sie beherbergen den üblichen Kitsch: Magnete für den Kühlschrank, Kettchen, Panda-Tassen, Handtücher und T-Shirts “ I love China“.

Die Französinnen laufen mir über den Weg. Großes Hallo. Sie kommen aus Paris. Ein wenig Smalltalk über Museen dort und wie schön alles ist

Zurück zum Hotel schlendere ich durch alte Gassen, quer durchs normale Leben.

Ich dachte erst die seien Deko weil sie sich nicht bewegt haben. Aber das ist ernst. Gleiche Pose an anderen Orten in der Stadt.

Und jede Kreuzung hat ihr eigenes Polizeirevier

Abends begegnet mit Kollege Roboter. Er ist für den Zimmerservice zuständig und liefert Essen und Getränke.

Mein Kumpel. Den Mann der das Essen erhielt habe ich rausgeschnitten. Liebe Mädels. Total muskulös aber nur mit Badehoseq

Beeindruckend und beängstigend zugleich wie er durch die Gänge huscht und den Aufzug bedient. Es ist schon spät. Die Restaurants und Garküchen nebenan haben längst abgerechnet. Last exit: Einmal Mc Doof. Davon gibt es in Hohhot mehr als in Offenbach Döner.

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Dienstag 20. Oktober 2026: Von der Grenze nach Hohhot

Das ist noch solide russische Technik
Heißes Wasser in jedem Waggon

Ich wache früh auf. Draußen Steppe in Endlosschleife. Kilometer um Kilometer braune, ausgetrocknete Erde. Jurten überall, ab und zu Häuser mit aufgemalten bunten Würfeln. In der Nacht sind sechs sieben Französinnen zugestiegen. Alle so fünfzig aufwärts, zwei sicher über achtzig.  Alle mit Rucksack. Es ist früh, es reicht gerade mal zu einem Bonjour. Aber die beiden alten Damen machen mir Mut. Irgendwann auf der harten Pritsche kam mir mal wieder der Gedanke: Für den Scheiß bist Du eigentlich zu alt.

Gegen 9 Uhr Ausreise aus der Mongolei. Alles scheint easy. Nur bei meinem Pass schlägt das Tablett der Zöllnerin Alarm. Schwupps ist sie entschwunden und mit ihr mein Pass.

Endet mein Pass in dieser Hütte im Nirwana

Nach fünf Minuten werfe ich mein Kopfkino an. Hat irgendjemand in der Taxizentrale meine liegengebliebenen Papiere genutzt um eine Waschmaschine zu kaufen. Nach zehn Minuten Panikmodus. Draußen patrouilliert eine einsame Soldatin. Gehört die schon zur Eskorte die mich gleich abführt. Fragen über Fragen die ich mir die nächste halbe Stunde stelle bis endlich die Dame wieder bei mir im Abteil auftaucht und mit einem Lächeln meine Papiere zurückgibt.

Wenig später auf der anderen Seite der Grenze in China müssen alle aussteigen. Im Internet war zu lesen, der Zug würde auf die chinesische Spurweite umgerüstet, das dauere etwa drei Stunden und dann ginge es im gleichen Zug, im gleichen Abteil weiter. Das stimmt nicht mehr so ganz. Aussteigen und Gepäck mitnehmen bedeutet mir die Schaffnerin. Bis Ende Dezember hat China EU-Bürger von der Beschaffung eines Visums befreit. Die Passkontrolle dauert keine zwei Minuten. Haben Sie ein Hotel? Wollen Sie wieder heim? „Klar wenn Sie aus Offenbach wären würden Sie auch nicht hier sitzen“. Stempel, Gepäck durchleuchten. Daumen hoch.  Ich erinnere mich an die Stunde im Zug von Kasachstan nach China vor zehn Jahren als die nette junge Dame in Uniform meinen Laptop auf Links gedreht hat. Ein Detail der Kontrolle heute wird mir erst später in seiner Tragweite bewusst. Mir wurden keine Fingerabdrücke abgenommen. Diese ruhen seit meiner ersten Einreise im System. Aber woher weiß das System dass ich ich bin: ich habe ja mittlerweile einen neuen Pass. Sofort nach meinem Gesichtsscann leuchtete auch der Grüne Haken für Fingerabdrücke auf dem Display. Offenbar erkennt der Computer mein Gesicht, auch wenn ich zehn Jahre älter bin und ordnet die damals abgenommenen Prints zu. Schöne neue Welt.

Auf den Gleisen draußen jede Menge Güterzüge. Russischer Import / Export in Zeiten der Sanktionen.

Ich frage einen Offizier wie ich denn jetzt wieder in den Zug komme. Nächste Tür nehmen in den Warteraum deutet er mit dem Arm an. Jetzt wird es blöd, auch weil ich in dem Moment selbst zu blöd bin. Mein Gepäck wird eine Tür weiter wieder kontrolliert, diesmal gründlich denn es geht wie am Airport um die Sicherheit. Darauf war ich nicht eingestellt. Alles Metall aus den Taschen raus. Innentasche, Bauchbeutel leeren etc. Normal bin ich auf so was am Flughafen vorbereitet, habe alles Metall etc in eine Tasche gepackt, aber hier dauert es bis ich jede Tasche auf links gedreht habe und hinter mit drängeln 1 Milliarde Chinesen.

Das ist aber nicht das Schlimmste. Einmal im Warteraum gibt es kein zurück. Der Saal ist relativ klein, es gibt nur einen Verkaufsautomaten aber ich besitze noch keine Renminbi zum Bezahlen.  Durch die Panoramascheibe sehe ich draußen Cafe´s Geldautomaten und einen Lebensmittelhändler. Und ich bin hier die nächsten drei Stunden gefangen bis der Zug abfährt. Theoretisch könnte ich den Warteraum verlassen aber dann muss ich die ganze Prozedur bei der Rückkehr wiederholen. Beim Gang zur Toilette entdecke ich einen Heißwasser Automaten. Problem gelöst, ich habe ja noch einen Becher heiße Tasse. Nächster Fehler. Auf dem hypermodernen Gerät stehen über zwei Knöpfen zwei Ziffern: 28 und 100. Also klar die 100 kochendes Wasser. Denkste. Man muss für heißes Wasser die Kindersicherung entsperren. Steht ganz groß auf dem Automat. Aber Männer und Bedienungsanleitungen? So ruiniert das kalte Nass mein Mittagessen.

Irgendwann lange nach zwölf öffnet das Gate. Die Halle ist mittlerweile überfüllt. Viele Grenzbewohner wollen Richtung Süden. Für die Passagiere in den Liegewagen aus der Mongolei bleiben die Abteile spiegelgleich reserviert. Ich bin wieder alleine, neben mir die Französinnen.

Die Wagen sind jetzt chinesischer Bauart, so genannte Soft Sleeper. Großer Unterschied: Zehn Zentimeter Schaumstoff mehr auf der Liege. Ich döse die nächsten zwei Stunden.

Die Landschaft draußen zieht braun an mir vorbei. Wenig Abwechslung.

Der Zug ist pünktlich in Hohhot. Ich habe immer noch kein chinesisches Geld. Vor dem Bahnhof ist kein Automat zu finden. Für solche Fälle habe ich immer eine Fünf-Dollar-Note griffbereit. Bis zum Hotel sind es 1.500 Meter. Bei den Taxitarifen hier ist der Schein der doppelte Preis.

Mein Mercure entpuppt sich als Glücksfall. Nur ist meine Buchung in den Tiefen des Speichers der Hotelkette verloren gegangen. Die junge Mannschaft -niemand ist älter als zwanzig- ist super engagiert. Ich solle doch zahlen, man würde das Geld zurück buchen und ich solle dann nochmal zahlen. Das Procedere will mir nicht einleuchten. Translator hin, Translator her. Nach dreißig Minuten taucht meine Zimmerreservierung wie aus dem Nichts auf dem Bildschirm auf. Das Team bittet per Translator um Verzeihung. Ich signalisiere „No Problem“ und man entlässt mich mit einer riesigen Obstschale in meinen Raum. 26 Stock. Rundblick über die Stadt mit Sofa. Riesig und keine 40 Euro. Perfekt.

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