Sonntag, 22. März 2026

Buenos Aires

Nach den Bewertungen soll das Frühstück im Hotel reichhaltig und gut sein. Ich habe trotzdem das Breakfast nicht dazu gebucht, denn in einer Stadt wie Buenos Aires möchte ich auch beim Morgenmahl Abwechslung und die kleinen Bars in der Umgebung ausprobieren. Heute am Sonntag sind aber leider die meisten geschlossen.

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Samstag, 21. März 2026

Mar del Plata nach Buenos Aires

Es regnet in Strömen. Also Hotellobby. Lesen. Spannende Themen sind genug auf dem Tolino. Bisher habe ich auf die Thriller verzichtet und mich den Problemen unserer Zeit gewidmet.

Ein bisschen Geld muss ich noch am Automaten ziehen. Nebenan hatte ich gestern Nacht auf dem Rückweg vom Restaurant keine Lust den Vorraum der Bank zu betreten, weil vor den Automaten zu viele Obdachlose lagen. In einer Trockenpause mache ich mich auf den Weg. Das Limit 60.000 Pesos. Gut gerechnet 38 Euro. Und dafür auch noch 4.000 Peso Gebühren. Hier wird fast zu 100 % mit Karte gezahlt. Aber für das Taxi in Buenos Aires hätte doch gerne ein paar Scheine Bargeld. Ein weiser Gedanke wie sich am Abend zeigen sollte.

In Argentinien gibt es quasi keinen Personenverkehr mehr auf der Schiene. Einst verbanden über 50.000 Kilometer Gleise die Städte im Land. Selbst abgelegene Strecken bediente die Bahn bis Paraguay und Chile über die Anden in 4.200 Metern Höhe. Heute gibt es praktisch nur noch Verbindungen zwischen Buenos Aires in Cordoba und von der Hauptstadt nach Mar del Plata. Hierher kommt zweimal täglich ein Zug und der ist oft Wochen vorher ausgebucht. Die Lobby der Busunternehmer, so ist zu lesen, hat sich durchgesetzt, und verhindert mehr Verkehr auf der Schiene.

Immerhin: Der Schienenbahnhof und die Busstation liegen hier direkt nebeneinander. Mit dem Taxi zum Bahnhof. Drinnen eine großzügige neue Halle. Jede Menge Personal, meist mit arbeitsimitierender Mimik, ohne sichtbare Aufgabe. Größeres Gepäck wird wie im Flieger abgegeben. Am Ende der Waggons hängt ein Packwagen, davor eine Schlange und wie beim Bus, ich bekomme eine Quittung mit Nummer.

Drinnen ICE Qualität der frühen 1990er Jahre. Allerdings immer noch mit den gleichen Polstern. Die Sitze sind aber bequemer als die im ICE 4 der Deutschen Bahn.

Ich mach es mir gemütlich. Draußen regnet es noch immer heftig. Der Zug verlässt pünktlich Mar del Plata, beinahe im Schritttempo auf den ersten Kilometern. Wahrscheinlich erlaubt das Gleisbett nicht mehr. Es stehen jede Menge Garnituren auf den Abstellgleisen. Keine Ahnung warum die nicht öfter fahren wenn die Züge so gut nachgefragt sind. Sieben Stunden dauert die Fahrt. Zwischendurch kommt mal der Kaffeemann. Warum nicht öfter. Die heißen Becher werden ihm förmlich aus der Hand gerissen. Draußen ist die Erde eine Scheibe. Mehr lässt sich bei den dunklen Wolken und dem Dauerregen nicht erkennen. Ein paar mal ein Halt in der Pampa, aber nur wenige Menschen steigen unterwegs aus und ein.

Beinah pünktlich kommen wir in Buenos Aires an.

Ich muss erst mal von ganz vorne nach ganz hinten zum Gepäckwagen. Die drei Jungs die ich schon vom Einchecken kenne sind die ganze Zeit mitgefahren. Da sie keine Uniform tragen, sind sie wahrscheinlich keine Bahnbeamten eher so eine Art Ich-AG. Jeder der sein Koffer erhält wirft einen Schein auf den Boden des Packwagens. Ich bin einer der letzten und werfe mein Geld auf ein beachtliches Häuflein.

In Constitution bin ich angekommen. Das ist die Station von der früher (und die wenigen heute) lange Züge Richtung Süden gefahren sind. Heute ist er ein Kreuz für den Vorortverkehr und die Metro. Fast wie eine Kathedrale zeugen die Hallen noch heute von der Pracht und der Bedeutung der argentinischen Bahnen im frühen 20sten Jahrhundert. Eine Ära die in den 1990er Jahren endet.

Mein Taxifahrer kennt mein Hotel nicht. Zugegeben es ist relativ klein und etwa fünf Kilometer entfernt. Ich könnte auch mit der Metro fahren aber der erste Abend in einer fremden Stadt, lieber nicht. Mit Google maps locke ich den Jungen auf die richtige Fährte.

Taxisfahren ist in Argentinien preiswert, also so etwas unter den Tarifen des rmv. Mir tun die Fahrer immer ein wenig leid, denn Auto, Versicherung und Tank wollen finanziert sein. Deshalb habe ich ja für manchen Trick Verständnis wenn ein Chauffeur beispielsweise dreimal um den Block fährt. Aber der Dreh heute ist neu. Eher gelangweilt betrachte ich den Taxometer. Der hüpft so alle 100 Meter um 200 Pesos nach oben. Aber: nach der Hälfte der Fahrt macht er einen Zwischenspurt. 3.000 Pesos in einem Satz. 1,80 Euro lohnen keine Debatte. Aber dann doch. 15.000 Pesos soll ich zahlen. Ich drücke dem Fahrer 20.000 in die Hand. Er habe kein Wechselgeld bedeutet er mir. Ich schüttele den Kopf und dann hat er doch. Normal gibt es immer ein gutes Tip. Heute nicht.

Das Hotel ist so wie in den Bewertungen beschrieben. Kleines Zimmer aber zweckmäßig eingerichtet. Das Bad von oben bis unten gekachelt. Sehr sauber und ein Safe. Für Buenos Aires ein vernünftiges Preis-/ Leistungsverhältnis. Für alleine ausreichend.

Die Gegend ist safe, auch nachts um 23 Uhr. Ich gehe noch um die Ecke und entdecke die „Extrawurst“.“ Deutscher geht kaum. Nur die Küche ist schon zu. Ok. Aber Bier ist noch reichlich im Fass. Der Kellner muss meinen Hunger erahnen. Ich bekomme zweimal Erdnüsse. Beim Herausgehen entdecke ich die Vorratskammer und bin sicher: Ich komme wieder.

Müde. Bett.

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Freitag, 20. März 2026

Mar del Plata

Das Bett: ein Gedicht. Man mag nicht aufstehen so bequem die Matratze. OK. Das Frühstück in Lima war schon extra aber das hier ist zumindest für argentinische Verhältnisse außergewöhnlich. Auf der Obstplatte liegen sogar frische Erdbeeren. Gut, ist auch Saison hier.

Kein Pln für heute. Ziellos spaziere ich durch die Stadt

Ein paar bemalte Wände zwischen all den Hochhäusern

Irgendwie erinnert mich der Anblick an Benidom als ich 1973 mit einer Schmalspurbahn, die von Alicante an der Küste entlang fuhr das erste Mal aus dem Zug auf den Strand und seine Bebauung

Die Saison ist zu Ende. Es ist Herbst, aber immer noch warm genug für ein wenig Sonne. Ich genieße die Sonne auf einer Bank mit Blick auf das Meer.

Abends ein Fußmarsch zu einer hoch gelobten Fischkneipe…

… ich nehme eine Paella. Ist gut aber nicht herausragend.

Auf dem Rückweg noch einen der vielen offenen Geschäfte besucht. Den Mann wg Foto gefragt. Ich glaube für viele Händler ist es hart mit ihrem Geschäft ein paar Pesos übrig zu haben. Von frühmorgens bis spät in die Nacht geöffnet, top Qualität und Beratung und trotzdem chancenlos gegen die Supermärkte.

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Donnerstag, 19. März 2026

Von Bahia Blanca nach Mar del Plata

Versorgt mit Bus-Ticket und Hotel-Reservierung geht es mittags los. Mit dem Taxi zum Busbahnhof. Das Fahrzeug ist das mieseste während meiner ganzen Reise. Und vor mir sitzen zwei Prolos die sich bei reichlich Alkohol lautstark unterhalten. Mein MP3 Player ist ohne Saft. Mein Charger im Koffer. Zum Glück verlassen die Jungs auf halber Strecke den Bus.

Irgendwann glaubt der Betrachter hier dass die Erde eine Scheibe ist. Sieben Stunden Fahrt durch die Ebene. Endlose Weiden, Kühe, selten Pferde. Viele Wege führen zu Farmen. Wie in den USA symbolisiert ein Tor den Zugang. Manchmal in Form eines Hufeisen oder eines Gatters.An den Pfosten hängt allerlei Kitsch. Kleine Kühe, Hörner, Strohballen oder Milchkannen. Getreide wird angebaut, Raps. Immer wieder schützen Hecken und kleine Wälder den Boden vor Erosion.

In den Dörfern Werkstäten für Landmaschinen, Geschäfte für Eisenwaren, Baumärkte, Saatgut, Baumschulen und alles was man sonst für die Landwirtschaft braucht. An den Tankstellen dominieren Pickups. Es ist ein wohlhabender Landstrich.

Mein Bus kommt lange nach zehn in Mar del Plata an. Wir müssen endlos warten weil der Boy der das Gepäck aus dem Bus lädt, abhanden gekommen ist. Am Taxistand ahne ich schon Übles. Der Fahrer kennt augenscheinlich das Hotel nicht. Mein Handy mit der Adresse und dem Weg auf Google maps wird herumgereicht. Eigentlich ist das Haus nicht schwer zu finden. Eine der Hauptstraßen immer geradeaus. Selbst auf eine Einbahnstraße muss der Droschkenkutscher keine Rücksicht nehmen.

Das Gepäck wird eingeladen. Es geht los. Nicht wirklich. Er dreht drei Runden um den Block. Den Spaß kenne ich, er regt mich auch nicht sonderlich auf, denn bei den niedrigen Taxitarifen versucht jeder ein paar Pesos, Dollars oder Bath extra zu verdienen. Kann ich verstehen. In Vietnam haben die Stadtrundfahrten manchmal schon kriminelle Züge, wenn der Taxometer heiß zu laufen droht. Dann steigt man einfach aus bevor man für zwei Kilometer 50 Dollar löhnt. Ich hole das Handy raus und zeige dem Fahrer, dass ich die Route verfolge. Dieser Versuch schlägt heute fehl. Der Mann beginnt in die gegengesetzte Richtung zu fahren. Ich sage „Stop“. Er bleibt unbeeindruckt und chauffiert mich noch weiter raus. Die Straßenlaternen werden spärlicher, die Gegend ärmlicher. Ok. Es macht auch keinen Sinn den Translator zu bemühen, Spanisch kann ich nicht, er kein Englisch. Das brülle ich gleich auf Deutsch los. Das verstehe wenigstens ich. Zurück, Retour zum Busbahnhof, Statinone de Omnibus. Nach dreimal brüllen dreht er.

Nach einigen hundert Meter stoppt er bei einer Polizeistreife. Upps. Davon habe ich schon gelesen, dass die Jungs unter einer Decke stecken. Ich fotografiere, auch ein alter Trick, sein Cockpit und seine Lizenz die am Rücksitz hängt und tue so als ob ich sie per WhatsApp verschicke. Einer von den Beamten kommt zum Fenster. Ich zeige ihm auf dem Handy wo ich hin will. Der Fahrer steigt wieder ein. Ich dirigiere ihn links, rechts und man muss kein Pfadfinder sein. Das Haus liegt direkt an einer Hauptstraße und ist mit zehn Stockwerken und reichlich Licht groß genug um es zu kennen.

Danach ist alles gut. Das schönste Zimmer auf meiner Reise. Mit Kühlschrank. Safe.

Mich zieht es 200 Meter weiter. Ein Bier noch. Leute gucken. Ab ins Bett.

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Mittwoch, 18. März 2026

Bahia Blanca

Der Zug von Mar del Plata nach Buenos Aires ist noch nicht gebucht. Das muss ich erst bevor ich Bus und weitere Hotels reserviere. Irgendwie habe ich das einen Tag zu lange vor mir her geschoben. Mit erschrecken stelle ich fest, dass es für Samstag nur noch acht freie Plätze in der Zweiten Klasse gibt, die erste scheint ausgebucht. Und billig ist die Fahrt auch nicht. Abends im Bett habe ich schon mein Glück probiert, scheitere aber regelmäßig an der Eingabe meiner Telefonnummer: und die ist Pflichtfeld. Nach zehn Versuchen morgens marschiere ich zur Rezeption. Die gesamte Mannschaft versucht vergeblich ihr Glück. Sie geben ihre eigene Handy-Nummer ein: Zwecklos. Irgendwann findet einer den dreh wie Vorwahl, Länderkennung, die Null zwei Kreuze in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen. Das löst aber das Problem nicht, denn wenn alle Angaben eingepflegt sind, fragt die Maschine hinterhältig nach dem Account. Den gibt es aber nur mit einem argentinischen Pass, den die Nummer meines Reisepasses passt nicht in die Felder der argentinischen Staatsbahn. Geduldig leuchtet das Feld in der Maske nach jedem Versuch rot.

In Zeiten des Internets sind Reisebüros rar. Google Maps nennt mir einige, aber diese sind meist nur auf besondere Angebote fixiert. Eines nebenan existiert nicht mehr. Irgendwo zwei Kilometer weiter existiert eine letzte Hoffnung. Und ich habe Glück. Die Besitzer sind junge Leute, ein Paar. Auch sie quälen zunächst mein Handy eine halbe Stunde, dann ihres. Nix geht. Erfahrungen mit Zügen haben sie noch nicht aber einen Agenten der ihnen hilft einen Account anzulegen. Nicht so einfach, aber auch das klappt irgendwann und tatsächlich: es gibt sogar noch ein Ticket. Ich bekomme es als Print und aufs Handy. Jetzt kann nix mehr schief gehen.

Das Reisebüro liegt in einem Viertel wo eher Besserverdienende wohnen. Schöne Restaurants mit herrlichen Terrassen. Ich beschließe mich mit einem Steak zu belohnen. Und: es ist eine Belohnung.

Später: ein wenig durch die Straßen und Gassen schlendern. Das hier ist der Eingang zu einem öffentlichen Gebäude.

Die Kirche war leider zu…

… dafür lud der Park zum Erholen ein.

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Dienstag, 17. März 2026

Bahia Blanca

Das Bett ist gut. Das Frühstück: Sagen wir mal argentinischer Durchschnitt. Also Kaffee genießbar, der Rest naja. Ich beschließe zwei Tage zu verlängern und über Mar del Plata Richtung Buenos Aires zu fahren. Das bedeutet sieben Stunden zusätzlich mit dem Bus: aber auch eine lange Zugfahrt mit der einzig täglich bedienten Linie im Land.

Und ich habe die Chance wieder waschen zu lassen. Google maps schlägt mir eine Laundry in ca 800 Meter Entfernung vor, direkt neben dem Hotel ist aber auch ein Selbst Service. Das ist nicht so mein Geschmack weil schon zuhause der Lavamat auf deutsch eine ziemliche Herausforderung ist. Aber alles klärt sich wieder einmal von selbst. Als ich mit meiner Tchibo-Tüte an dem Laden mit der Waschmaschinen -Batterie vorbeilaufe und nur kurz durch die Scheibe schaue, erkennt die Besitzerin messerscharf mit all ihren weiblichen Instinkten: Mann und hilflos. Sanft bugsiert sie mich in den Laden. No Problem. Ich bekomme einen Zettel. Sie zeigt auf den Mittwoch auf dem Kalender und hebt vier Finger in die Höhe -was wohl vier Uhr bedeutet- und drückt mir einen Zettel mit einer Nummer in die Hand.

Ich bummele ein wenig durch die Stadt. Sie muss vor über 100 Jahren sehr wohlhabend gewesen sein. Zahlreiche Prachtbauten säumen die Straßen und Parks.

Endlich wieder Palmen. Ich verbringe die Siesta im Park…

Bewundere die endlos Reihe an Bänken…

… bevor ich mir einen besonderen Genuss gönne.

Bahia Blanca verdankt seine Existenz Auswanderern aus Europa, auch aus Deutschland. Vor 150 Jahren schipperten sie über den großen Teich, auch weil sie Armut, Hunger oder auch Verfolgung entfliehen wollten. Sie brachten ihr Leben mit, ihre Kultur, ihren Alltag und Gewohnheiten. Handwerker, Landwirte, Händler gründeten Betriebe wurden Schmied, Schreiner, Bierbrauer, Viehzüchter oder betrieben einen Laden. Sie sprachen lange ihre Heimatsprache und informierten sich einmal die Woche aus ihrer eigenen Zeitung. In der Freizeit pflegten sie Geselligkeit in Gesangsvereinen, trafen sich Sonntags in der Kirche und danach beim Fußball. Irgendwie so ähnlich wie die rund 160 Kulturen die heute in Offenbach leben.

Einer von ihnen gründete 1890 das Gambrinus. Die Kneipe existiert heute noch. Keiner der Kellner spricht mehr Deutsch aber immerhin einer hat in der Schule Englisch gelernt. Die Rezepte von damals kennen sie heute noch…

…Zum Glück. Ich bestelle mir zwei Knackwürste mit Sauerkraut. So nach vier Wochen Cross over Südamerika ein wenig Heimatgefühl. Irgendwo bin ich halt doch eine „Kartoffel“ und keine Pommes Das Sauerkraut mit Kümmel, ich hätte mich reinsetzen können. Und eine richtige Wurst und dazu Senf aus Deutschland. Eigentlich bin ich einfach glücklich zu machen.

Natürlich ist so eine Kneipe prall gefüllt mit Devotionalien. Ich besichtige Stück für Stück. Auf so einem Foto fantasiert man natürlich über all die Schicksale.

Und die ein oder andere Flasche scheint kommt bekannt vor.

Und zum Ende des Abends ein Espresso aus dieser Maschine. Ehrlich. Einer der besten in meinem langen Leben.

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Montag, 16. März 2026

Von Bariloche nach Bahia Blanca

Beim Aufwachen ist es gespenstisch ruhig im Wagen. Bis auf zwei Pärchen sind alle ausgeflogen. Auch der Mädels-Geselligkeitsverein ist verschwunden. Sie warten vor dem Bahnhof auf den Bus. Ich google ein wenig. Wahrscheinlich wäre es intelligenter gewesen hier in San Antonio Oeste auf den Omnibus umzusteigen statt in Viedma wie von mir geplant. Anyway. Zu spät.

Der Zug wechselt die Richtung. Die Lok rangiert an das andere Ende. Zeit um sich die Beine zu vertreten.

Der Bahnhof wirkt ziemlich verlassen. Naja: ein Zug die Woche hin, einer zurück. Drei vier Güterwagen und jede Menge Personal.

Auf einem Abstellgleis einige verrostete Waggons. Offenbar wohnen hier Menschen.

Mit einiger Verspätung geht es weiter. In Viedma muss der Zug pünktlich sein sein damit ich den Bus mittags bis Bahia Blanca erreichen. Das würde mir dort alle Optionen für die Weiterreise am gleichen Tag offen halten. Der Speisewagen ist angenehm leer. Das Personal verschnauft. Gestern war der Teller übervoll. Heute bleibt er leer. Zwei Tee und ein Mini-Croissant.

Draußen Pampa. Die Gegend heißt hier wirklich so. Endlose Steppe, braun in braun. Ab und zu ein Wasserturm aus der Dampflokzeit. Hier und da ein Halt an einer verfallenen Station. Auf Google maps kann ich das Weiterkommen gut verfolgen. Es scheint zügig voranzugehen….bis 30 Kilometer vor der Endstation. Unser Zug verfällt ins Schritttempo. Wahrscheinlich hält das Gleis nicht mehr aus.

Mit circa 30 Minuten Verspätung kommen wir in Viedma an. Ein Bild vom Zug. Und dann raus auf den Bahnhofsvorplatz. Mit mir warten circa zehn Leute auf ein Taxi. Die Station liegt -wir würden sagen- in der Pampa. Mitten drin. In der Ferne ist die Stadt zu erahnen. Ein Mann versucht per Handy Taxen zu ordern. Nach 15 Minuten trifft die erste ein. Man sollte meinen, der Fahrer alarmiert jetzt alle seine Kollegen im Umkreis. Denkste. Er versucht uns nach und nach alleine abzuholen. Zum Glück gesellt sich irgendwann ein Auto dazu. Ich bin der letzte der nach einer Stunde in die Stadt, zum Busbahnhof mitgenommen wird.

Nächstes Problem: der Busbahnhof wird generalsaniert. Das Gebäude innen ist eine riesige Baustelle und Handwerker machen Krach. Keine Pizzabude im Umkreis von 300 Metern. Ich habe keine Lust weiter mit dem Gepäck zu laufen. Deponieren kann ich es hier auch nirgendwo. Es ist kurz vor zwei. Der nächste Bus nach Bahia Blanca fährt um sechs Uhr. Vier Stunden Fahrzeit. Wenigstens gibt es einen Kiosk vor dem Gebäude. Ich hol mir eine Cola und ein paar Kekse, finde eine Bank und zieh mir im Internet ein Ticket. Lesen ist angesagt. Der Bus ist pünktlich. Der Beifahrer hakt meinen Namen ab: wie der so schnell auf die Liste kommt. Fragezeichen. Auf meinem MP3 Player ist noch Saft. Die Sitze sind angenehm. Die restlichen Passagiere telefonieren nicht übermäßig. Nach einer eintönigen Fahrt kommen wir fast pünktlich an.

Das Hotel ist ein Volltreffer. Das Zimmer ist nicht besonders groß aber es ist alles da was man braucht. Und die Dusche gefällt mir richtig. So um 11 Uhr nachts frage ich den Jungen an der Rezeption wo man noch essen kann: es sind zwar 500 Meter Fußmarsch, aber absolute safe wie er versichert. Scheint auch so zu sein, denn draußen führen einige Frauen ihren Hund Gassi. Aber: es liegen auch jede Menge Obdachlose auf den Gehsteigen.

Das Lokal liegt am zentralen Platz der Stadt. Es entpuppt sich als Volltreffer, viele andere Optionen hätte es um diese Uhrzeit eh nicht mehr gegeben. Die Kellnerin spricht nur spanisch aber es gibt eine englische Speisekarte. Das Bild zeigt die kleinste mögliche Portion. Nebenan sitzt eine fünfköpfige Familie beim Mitternachts-Snack. Die haben normale Portionen, also ungefähr die Größe meiner Wochenration. Und die Putzen alles weg, auch die etwa zehnjährige Tochter. Ein Blick genügt. Von nichts kommt nichts.

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Sonntag, 15. März 2026

Bariloche

Weiter geht es. Frühstück, packen, auschecken. Ich kann mein Gepäck in der Lobby stehen lassen. Ein wenig links und rechts durch die Stadt. Mist den Magnet für den Kühlschrank habe ich vergessen. Zurück im Hotel, lesen. Cathryn Clüver Ashbrooks „Der amerikanische Weckruf“ fesselt mich seit Tagen und ihre Erzählung macht mir Angst. Sie seziert quasi wie in Amerika die Konservativen das Land sturmreif schießen.

Kurz nach zwei geht es mit dem Taxi zum Bahnhof. Die Droschke kostet hier weniger als ein rmv-Ticket. Die Tarife sind wohl limitiert und im Verhältnis zum Preis einer Cola oder einem Snack grotesk verzerrt. Ich frage mich immer wovon die Fahrer leben wenn sie mich für fünf Euro eine Viertelstunde fahren. Auto und Benzin müssen ja dazugerechnet werden. Am Bahnhof warten erst wenige Passagiere. Einer von ihnen scheint wie ich ein Eisenbahn Fan zu sein. Wir knipsen uns gegenseitig.

Lange nach vier beginnt das Rangieren. Der Güterwagen wird abgeholt. Dito der Wagen der drei Autos von Urlaubern befördert die sich nicht der Strapaze einer Fahrt ins Tal unterziehen möchten.

Irgendwann kommt dann auch unser Zug.

Er ist bis zum letzten Platz ausgebucht. Ihn im Internet zu buchen, war ein Kampf. die Plätze werden erst kurzfristig frei geschaltet. Einige Angaben wie die Telefonnummer müssen in einem speziellen Format eingegeben werden. Mastercard geht nicht, nur Visa. Das zu verstehen brauchte ich zwei Stunden. Was mich ärgert. Es gibt ausreichend Kapazitäten im Schlafwagen, nur werden die auf der Buchungsmaske nicht angezeigt.

An der Tür Gedränge. Die Plätze werden zugewiesen. Drinnen muss sich erst mal alles, inklusive Gepäck, sortieren.

Ein wenig Pech habe ich mit meinem Wagen. Irgendein Frauenclub kehrt vom Ausflug zurück. Ich habe es früher immer schon gehasst wenn ich beruflich nach Berlin oder Hamburg musste und in meinem Wagen die schwäbischen Landfrauen reserviert hatten und um 8.10 Uhr den ersten Piccolo köpften. So ungefähr war die Lautstärke für die nächsten Stunden.

Punkt 17 Uhr winkt der Schaffner mit der Grünen Fahne. Abfahrt. Ich habe einen Fensterplatz. Das Panorama ist spektakulär. Eine karge Hochebene, manchmal von einem kleinen Fluss unterbrochen. Eingerahmt von Bergen und schneebedeckten Gipfeln.

Ab und zu ein Gebäude oder eine kleine Farm

Meine Sitznachbarin macht mich immer mal auf Lamas aufmerksam, die ich vor der der Landschaft braun in braun niemals selbst erkannt hätte.

Ab und zu ein kleiner Wasserturm oder ein Bahnhof

Für viele hier ist der Zug, der eigentlich nur für die Touristen fährt, eine Möglichkeit, Kontakt mit der Außenwelt zu halten.

Allmählich wird es dunkel. Gestern kein Abendessen. Mich zieht es in den Speisewagen. Ich bestelle mit Nudeln mit einer Soße die mir die argentinische Mitropa-Chefin empfiehlt. Mich hätte ja schon misstrauisch machen müssen dass die Soße doppelt so teuer wie die Nudeln ist.

Der Wein in kleinen Flaschen ist leider aus (ich vermute mal die Ladies in meinem Waggon) also Boer dazu. Und dann wird aufgefahren. Nix Convenience, nix Microwelle: alles wird in der Küche des Speisewagens frisch zubereitet. Die Portion ist riesig. Ich schaffe vielleicht 60 Prozent und jede einzelne Gabel schmeckt. Zu den Nudeln gibt es richtig viel Fleisch in einer perfekt abgestimmten Tunke. Via Translator lobe ich Küche und Köchin, aber mehr wie zwei Drittel schafft auch ein Offenbacher nicht.

Ach so. Es ist ja auch Wahltag in den Kommunen in Hessen. Via Whats App verfolge ich die Ergebnisse und bin ab und zu mit Offenbach in Kontakt. Super gelaufen dort. Mühlheim dagegen die Katastrophe.

Zufrieden lese ich noch ein wenig und schlafe relativ gut durch,

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Samstag, 14. März 2026

Bariloche

Ein wenig in den Tag leben. Man wird älter. Morgen geht es 17 plus Stunden von den Anden bis zum Süd Atlantik. Keine Ahnung was mich im Patagonien-Express erwartet. Morgens das Frühstück ein wenig zelebriert. Es ist halt ein Haus in einem Gebiet das im Winter und im Sommer ein Hot Spot ist. Die Leute sind eine Woche hier und werden routiniert durchgeschleust. Man erwartet keine High-Lights. ist aber auch nicht frustriert. Im Prinzip funktioniert die Stadt wie jeder Ferienort in den Alpen. Restaurants um die Hotels: von der Pommesbude bis zum Sterne-Tempel, Büros die Touren organisieren. Im Angebot sind Kajak-Touren, Trekking, Wandern zu Gletschern und verwunschenen Seen. Und dann all das Zeug das andere Gäste vertreibt. Quad Fahren, Mountain Bike, Hubschrauber Touren und so weiter.

Mittags marschiere ich dann den See entlang Richtung Bahnhof. Laut Google etwa drei Kilometer. Checken wie das morgen laufen könnte. Regen droht, deshalb finde ich nicht die Muse in eines der Cafés auf einen Cappuccino einzukehren. Irgendwann beginnt das Seebad (oder ist es ein Skiort?) seine Glanz zu verlieren. Halb verfallene Hotels zeugen von der Pracht im vergangenen Jahrhundert. Fassaden von denen die Farbe abblättert, Dächer auf denen Ziegel fehlen. Die Gegend wird rauer. Auf der Hinfahrt im Taxi vom Busbahnhof ist mir der Wandel nicht so aufgefallen.

Auf dem Abstellgleis hinten steht mein Patagonien-Express. Der Triebwagen im Vordergrund befördert einmal in der Woche Gäste zwei Stunden weit in die Berge zu einem Dinner im Zug.

Der Bahnhof hat sich die Würde vergangener Tage bewahrt, für den einen Tag in der Woche, wenn der Patagonien-Express kurz für Leben sorgt. Kein Vergleich mit den Zeiten als er die einzige Verbindung für die Menschen hier oben zur Außenwelt war. Die meisten Gleise sind verwaist….

… aus dem Güterwagen, der mit dem Patagonien-Express angekommen ist, werden Boxspring-Matratzen ausgeladen. Ich hoffe mein Hotel wird auch beliefert.

So mag die Schalterhalle schon vor 100 Jahren ausgesehen haben. Ein Zug aber drei Leute hinter dem Schalter von morgens acht bis abends um sechs. Die Tickets werden fast ausschließlich über Internet verkauft und sind innerhalb von Stunden vergriffen. Mit Matthias Schulze hatte ich mich über den Arbeitsmarkt hier ausgetauscht. Er hat dazu veröffentlicht, beschrieben wie der informelle Sektor wächst aber gleichzeitig die Leute die einen festen Job haben, stark abgesichert sind, auch wenn die Grundlagen für ihre Arbeit ganz oder teilweise entfallen. Aber eines muss man Patagonia tren lassen: es ist tiptop sauber. Und der Bahnhof hat ein super schnelles Wlan in 5g. Und im Gegensatz zum Stadtbüro, wo auch jemand den ganzen Tag Zeit hat sein Handy zu quälen, wissen die hier super Bescheid. Ich soll um 15.30 Uhr hier sein. Um 16 Uhr fahre der Zug. Das ist jetzt die dritte Abfahrzeit die mir genannt wird.

In einigen Vitrinen erinnern Schaustücke an den Betrieb vor vielen Jahrzehnten.

Regen droht. Ich möchte so schnell wie möglich mit dem Bus zurück. Geht nicht. Ich habe kein Plastikkärtchen. Zahlen beim Fahrer ist nicht möglich. Also geht es per Taxi ins Hotel.

Abends schüttet es. Ich traue mich noch nicht mal auf die 150 Meter zum Italiener nebenan. Lesen und hungrig ins Bett.

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Freitag, 13. März 2016

Bariloche

Der Freitag der 13. hätte schlimmer beginnen können. Lang gepennt. Obwohl das Bett schmal ist, ich habe gut geschlafen. Kaum bin ich geduscht und einigermaßen angezogen, betreten zwei US-Girls so um die 20 mein Zimmer, mit Schlüsselkarte. Wir schauen uns etwas ungläubig an. Offenbar hatte der Rezeptionist vergessen den Zimmerwechsel gestern einzutragen. Ich erkläre den Mädels: Sorry, rund 50 Jahre zu spät. Wir lachen herzlich und ich bin wieder Single.

Das Frühstück ist solala. Viel Süß. Nur das Obst und der Kaffee sind ok. Ich gehe anschließend ein wenig am See spazieren. Es ist schon eine einzigartige Kulisse: das Wasser, der blaue Himmel und im Hintergrund die Steinberge mit den schneebedeckten Gipfel. Ich hatte zuvor versucht, mit der Kreditkarte einige Pesos am Bankautomaten zu ziehen. Transaktion unmöglich signalisierte mit das Display auch beim Dritten Versuch. Unten am See wollte ich noch das Hotel für das Ende meine r Bahnfahrt buchen. Plötzlich crasht die Kreditkarte. Nichts geht mehr. Natürlich schießen mir alle Phantasien durch den Kopf. Gehackt, Konto leer geplündert, PIN falsch eingegeben auf der Bank, Bank hat die Karte gesperrt. Und dazu seit miles and more von der DKB zur Deutschen Bank umgezogen ist harkt es an allen Ecken und Enden. Die Bewertungsportale sind prall gefüllt mit Beschwerden. Also nix was ich fern der Heimat gebrauchen kann.

Luft anhalten, nicht hektisch werden. Zur Not habe ich noch ganz weit unten eine zweite Karte versteckt. Zurück im Hotel schmökere ich erst mal in meinem geheimen verschlüsselten Codebuch. Nutzt nix. Log ins im Minutentakt: die Karte wird immer störrischer. Irgendwer verlangt meinen Service PIN, meine Bank ID und so weiter. Habe ich noch nie was von gehört. Nur die Kontobewegungen kann ich noch aufrufen. Keine ungewöhnlichen Bewegungen. In einem letzten verzweifelten Akt setze ich alle Daten zurück und boote die Karte mit neuen Kennwörtern wieder hoch. Oh Wunder. Ich muss noch zweimal was bestätigen und alles funktioniert wieder. Nach Durchsicht aller Mails und WhatsApps wahrscheinlichste Erklärung: das Ding wollte wissen ob ich noch ich bin. Früher hat dafür die Kundenberaterin der Bank angerufen. Die hat meine Handynummer.

Nach so viel Stress habe ich mir ein Essen beim Italiener verdient. So eine Trattoria heilt alle Wunden. Es wird ein schöner Abend. Die Kulisse stimmt. Das Essen auch, obwohl der Hauptbestandteil von Saltimbocca für mich immer noch eine dünne Scheibe Fleisch mit Schinken ist. Hier wird der Ham mit drei Steaks und Gemüse serviert. Vor allem aber die Live Musik machen den Besuch der Trattoria unvergesslich.

Schmusesongs auf Spanisch: die Hitparade der 1970er und 1980er hoch und runter. Und dann noch unser Lied im Oldie Club mit dem fast jeder Clubabend endet: Claptons „Wonderful Tonight“ in der iberischen Version, Erste Strophe.

Toller abend

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