Montag – 19. Oktober Ulaan Bator

Nochmal asiatische Frühstück im Hotel: also eher ein reichhaltiges Mittagessen. Die Rest-Klamotten in den Rucksack und ein wenig dösen. Um Zwölf ist Check out, ich marschiere über die 10plus Spuren zum Bushäuschen. Auf zum Bahnhof, Gepäck deponieren. 80 Cent pro Stück. Ein Schnäppchen. Der kleine Railpark in der Nähe ist geschlossen. Über den Zaun lassen sich aber die sechs alten Lokomotiven gut begutachten. Kraftpakete sowjetischer Bauart allesamt.

Weitere Reminiszenzen an die so scheinbar gute alte Zeit erwarten mich im Nationalmuseum. Bei meinem ersten Besuch machte im Foyer ein Plakat auf eine Sonderausstellung neugierig: „A Journey Back to The Socialist Era“. An der Tür drängelte sich vor zwei Tagen die Masse. Wie früher halt. Es gibt so einen Typus Mensch dem man -egal wo auf der Welt- ansieht, dass er Staatstragenden Organen treu gedient hat. Viele Besucher sind 70 plus. Und sie kommen -das ist nicht böse gemeint- voll auf ihre Kosten. Wie schön und heil war die Welt doch bis ins Jahr 1989. Kaum zu verstehen, dass zwei Stockwerke höher die Tour d´Horizon durch einige 1000 Jahre Geschichte der Mongolei mit der Vertreibung der kommunistischen Machthaber endet. Eindrucksvoll die Menschen auf der Straße, die gegen die Diktatur kämpften. Manche riskierten ihr Leben. Auch heute behauptet das Land, das zwischen zwei Autokratien (China und Russland) eingeklemmt liegt, weitgehend  demokratische Werte und Spielregeln.

Von diesem Aufbruch ist hier unten wenig geblieben. Ein 15minütiger Film stimmt die Besucher auf den Marsch durch glorreiche Zeiten ein:  Glückliche Bauern und Kühe in den Kolchosen, Bergleute die ihre Normen für den Sozialismus übererfüllen, eine Nomenklatura Hand in Hand mit dem Zeichner am Brett und dem Dreher an der Werkbank. An modernen Schulen macht das Lernen Spaß und an den Universitäten ist Spitzentechnologie unter Breschnew Kür.  So suggerieren unkommentiert die Bilder in einem Museum das zu hundert Prozent dem Staat gehört. Teil einer Nostalgie-Offensive weltweit?

Positiv: Der Film der eingangs läuft, vermittelt einen Eindruck von Ulaan Bator Anfang der 1970er Jahre. Breite Straßen mit wenig Verkehr. Maximal acht Stockwerke, man konnte noch von einem Ende der Stadt zum anderen schauen. Rund um den Gandar Tempel war gerade eine Mustersiedlung neu errichtet worden. Zwei Tage zuvor bin ich hier zu den Tempeln hinaufgestiegen. Das Viertel, die gleichen Gebäude, heute verslumt.

Die Ausstellung bildet in Dioramen Alltagssituationen ab. Zuhause im Kinderzimmer, bei der Arbeit oder im Kaufladen. Eine Welt in der Sowjet Ära die alles bot was das Herz begehrte. Im Konsum quellen die Regale über: Südfrüchte, Butter, edle Weine und Kaffee. Die Kleinen haben Spielzeug bis zum Abwinken und im Wohnzimmer der Eltern sind Fernseher, Stereoanlage und Ledermöbel Standard. Den Menschen fehlt nichts. Wohnungen bauen ist so schnell wie Brötchen backen und überall stehen Autos und Motorräder als Mobilitätsversprechen für jedermann. Eine ähnliche Ausstellung sollte unbedingt mal in Magdeburg, Görlitz oder Hoyerswerda gezeigt werden. So schön war unsere DDR. Ein garantierter Publikumserfolg.

Die Verklärung dieser Vergangenheit macht dennoch nachdenklich.  Mein Fahrer gestern: der mit dem „heute“ nicht zurechtkommt. Nicht weil er unwillig, dumm oder faul ist. Ihn überfordern die liberalen Spielregeln und Leitplanken. In der Welt gestern hatte dort jeder seinen Platz für ein Leben in Anstand. Wenn es gut lief, waren eins zwei Stufen mehr drin, aber die Angst aussortiert zu werden musste niemand haben. Diese Unsicherheit ist ein Grund für den Erfolg der extremen Ränder.

Noch einmal esse ich im Lovin Hut Dumpling vegan. Mit Tee und Limo drei Euro Knips. Ich schaffe es mich in den dritten Bus reinzudrängen, betrüge die Company noch um den Obolus von umgerechnet 30 Cent, aber so schnell konnte ich die Münze in dem Gedränge nicht in der Jackentasche finden. Am Bahnhof herrscht Hochbetrieb. Ein Zug nach Russland wird abgefertigt. Kein Lochblechsessel frei im Warteraum. Ich knipse draußen ein paar Loks. Es ist bitter kalt und windig. Endlich rollt die lange Wagenreihe nach Irkutsk ein. Die Passagiere nach Russland stehen in langen Reihen an den Türen. Ich bin jetzt fast alleine im Wartesaal. Ein Tee noch an der Theke, aus dem Laden zwei geschmierte Brote, eine Dose Bier und zwei Nescafe für die Nacht und morgen früh, Gepäck abholen und da steht er schon mein Zug nach Hohhot in China auf Gleis drei.

Es gibt nur eine Klasse: Hard Sleeper. Der Zug ist leer. Mein Vierbett-Abteil zum Glück auch. Ich kann alleine schlafen. Die Schaffnerin fotografiert meinen Pass.  Der Zug ist pünktlich.  Ich brauche trotz der Dose Bier bis lange nach Mitternacht um einzunicken.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen