Dienstag 20. Oktober 2026: Von der Grenze nach Hohhot

Ich wache früh auf. Draußen Steppe in Endlosschleife. Kilometer um Kilometer braune, ausgetrocknete Erde. Jurten überall, ab und zu Häuser mit aufgemalten bunten Würfeln. In der Nacht sind sechs sieben Französinnen zugestiegen. Alle so fünfzig aufwärts, zwei sicher über achtzig.  Alle mit Rucksack. Es ist früh, es reicht gerade mal zu einem Bonjour. Aber die beiden alten Damen machen mir Mut. Irgendwann nachts auf der harten Pritsche kam mir mal wieder der Gedanke: Für den Scheiß bist Du eigentlich zu alt.

Gegen 9 Uhr Ausreise aus der Mongolei. Alles scheint easy. Nur bei meinem Pass schlägt das Tablett der Zöllnerin Alarm. Schwupps ist sie entschwunden und mit ihr mein Pass. Nach fünf Minuten werfe ich mein Kopfkino an. Hat irgendjemand in der Taxizentrale meine liegengebliebenen Papiere genutzt um eine Waschmaschine zu kaufen. Nach zehn Minuten Panikmodus. Draußen patrouilliert eine  einsame Soldatin. Gehört die schon zur Eskorte die mich gleich abführt. Fragen über Fragen die ich mir die nächste halbe Stunde stelle bis endlich die Dame wieder bei mir im Abteil auftaucht und mir mit einem Lächeln meine Papiere zurückgibt.

Wenig später auf der anderen Seite der Grenze in China müssen alle aussteigen. Im Internet war zu lesen, der Zug würde auf die chinesische Spurweite umgerüstet, das dauere etwa drei Stunden und dann ginge es im gleichen Zug, im gleichen Abteil weiter. Das stimmt nicht mehr so ganz. Aussteigen und Gepäck mitnehmen bedeutet mir die Schaffnerin. Bis Ende Dezember hat China EU-Bürger von der Beschaffung eines Visums befreit. Die Passkontrolle dauert keine zwei Minuten. Haben Sie ein Hotel? Wollen Sie wieder heim? Stempel, Gepäck durchleuchten. Daumen hoch.  Ich erinnere mich an die Stunde im Zug von Kasachstan nach China vor zehn Jahren als die nette junge Dame in Uniform meinen Laptop auf Links gedreht hat. Ein Detail der Kontrolle heute wird mir erst später in seiner Tragweite bewusst. Mir wurden keine Fingerabdrücke abgenommen. Diese ruhen seit meiner ersten Einreise im System. Aber woher weiß das System dass ich ich bin: ich habe ja mittlerweile einen neuen Pass. Sofort nach meinem Gesichtsscann leuchtete auch der Grüne Haken für Fingerabdrücke auf dem Display. Offenbar erkennt der Computer mein Gesicht, auch wenn ich zehn Jahre älter bin und ordnet die damals abgenommenen Prints zu. Schöne neue Welt.

Ich frage einen Offizier wie ich denn jetzt wieder in den Zug komme. Nächste Tür nehmen in den Warteraum deutet er mit dem Arm an. . Jetzt wird es blöd, auch weil ich in dem Moment selbst zu blöd bin. Mein Gepäck wird eine Tür weiter wieder kontrolliert, diesmal gründlich denn es geht wie am Airport um die Sicherheit. Darauf war ich nicht vorbereitet. Alles Metall aus den Taschen raus. Innentasche, Bauchbeutel leeren etc. Normal bin ich auf so was am Flughafen vorbereitet, habe alles Metall etc in eine Tasche gepackt, aber hier dauert es bis ich jede Tasche auf links gedreht habe und hinter mit drängeln 1 Milliarde Chinesen. Das ist aber nicht das Schlimmste. Einmal im Warteraum gibt es kein zurück. Der Saal ist relativ klein, es gibt nur einen Verkaufsautomaten aber ich besitze noch keine Renminbi zum Bezahlen.  Durch die Panoramascheibe sehe ich draußen Cafe´s Geldautomaten und einen Lebensmittelhändler. Und ich bin hier die nächsten drei Stunden gefangen bis der Zug abfährt. Theoretisch könnte ich den Warteraum verlassen aber dann muss ich die ganze Prozedur bei der Rückkehr wiederholen. Beim Gang zur Toilette entdecke ich einen Heißwasser Automaten. Problem gelöst, ich habe ja noch einen Becher heiße Tasse. Nächster Fehler. Auf dem hypermodernen Gerät stehen über zwei Knöpfen zwei Ziffern: 28 und 100. Also klar die 100 kochendes Wasser. Denkste. Man muss für heißes Wasser die Kindersicherung entsperren. Steht ganz groß auf dem Automat. Aber Männer und Bedienungsanleitungen? So ruiniert das kalte Nass mein Mittagessen.

Irgendwann lange nach zwölf öffnet das Gate. Die Halle ist mittlerweile überfüllt. Viele Grenzbewohner wollen Richtung Süden. Für die Passagiere in den Liegewagen aus der Mongolei bleiben die Abteile spiegelgleich reserviert. Ich bin wieder alleine, neben mir die Französinnen. Die Wagen sind jetzt chinesischer Bauart, so genannte Soft Sleeper. Großer Unterschied: Zehn Zentimeter Schaumstoff mehr auf der Liege. Ich döse die nächsten zwei Stunden. Die Landschaft draußen zieht braun an mir vorbei. Wenig Abwechslung.

Der Zug ist pünktlich in Hohhot. Ich habe immer noch kein chinesisches Geld. Für solche Fälle habe ich immer eine Fünf-Dollar-Note griffbereit. Bis zum Hotel sind es 1.500 Meter. Bei den Taxitarifen hier ist der Schein der doppelte Preis.

Mein Mercure entpuppt sich als Glücksfall. Nur ist meine Buchung in den tiefen des Speichers der Hotelkette verloren gegangen. Die junge Mannschaft -niemand ist älter als zwanzig- ist super engagiert. Ich solle doch zahlen, man würde das Geld zurück buchen und ich solle dann nochmal zahlen. Das Procedere will mir nicht einleuchten. Translator hin, Translator her. Und nach dreißig Minuten taucht meine Zimmerreservierung wie aus dem Nichts auf dem Bildschirm auf. Das Team bittet per Translator um Verzeihung. Ich signalisiere „No Problem“ und man entlässt mich mit einer riesigen Obstschale in meinen Raum. 26 Stock. Rundblick über die Stadt mit Sofa. Riesig und keine 40 Euro. Perfekt.

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