Kürbissuppe, Reis, ein Spiegelei, klein geschnittenes Fleisch, Salat und zwei Scheiben Toast zum Frühstück. Zum Feiertag gibt es zum Kaffee ein Stück Zucker und einen Saft, also eher so eine aufgepeppte Fanta. Der Fahrer ist überpünktlich. Ich gönne mir einen Tag im Umland von Ulaan Bator. Gruppen wurden für diesen Tag nicht angeboten, also habe ich 93 Euro investiert. Wie schon ab und zu in der Vergangenheit: eine gute Entscheidung. Anders als in der Gruppe bleibt bei der Fahrt viel Zeit über das Leben, den Alltag der Menschen hier zu erfahren.
Der Start ist etwas holprig. Ich setze mich nach hinten. Das macht das Gespräch schwierig. Und so fragt er mich beim ersten Halt, dem Winterpalast, fragt er mich offen, ob ich keine Lust auf ein Gespräche habe. Klar habe ich die. Aber zunächst wartet die Geschichte. Der Winterpalast war die Residenz des letzten mongolischen Herrschers Bogd Khan. Gebaut zwischen 1893 und 1903 zeigt er Stationen aus dem Leben des Kaisers, persönliche Artefakte und viel religiöse Kunst. Erbaut im europäischen Baustil präsentieren sich im Inneren viele traditionelle tibetische, mongolische und chinesische Einflüsse mit westlichen Elementen.
Für den Rest der Fahrt platziere ich mich vorne. Trotz des Rechtsverkehrs in der Mongolei sitzt mein Fahrer auch rechts am Lenker wie so häufig in den ärmeren Ländern in Ostasien. Die Wagen werden gebraucht in Japan gekauft. Dort sind sie billiger und dort herrscht Linksverkehr. Mein Fahrer ist 27 Jahre alt, besitzt das Auto seit vier Tagen. 6000 Dollar hat ihn der knallgelbe Minivan gekostet und er hat riesige finanzielle Probleme wie er mir verrät. Die folgenden fünf Stunden sind für mich ein Crash-Kurs über den Alltag der Menschen hier und in vielen anderen Entwicklungsländern. Was ist höre, ist für mich nicht neu. Im Grundlinienspiel gleichen sich die Geschichten gleich ob in Peru, Myanmar, Sri Lanka, Kambodscha, Laos oder vielen anderen Ländern die ich besucht habe. Es ist der Wunsch nach einem Leben in Würde. Würde heißt von der Hände Arbeit wenigstens bescheiden leben zu können und seinen Kindern eine Chance zu bieten.
Aber zunächst schauen ich mir die Dsaisan Gedenkstätte an. Um den riesigen Pylon aus der Nähe betrachten zu können, muss ich mehrere hundert Treppenstufen hochsteigen. Von hier hat der Besucher einen fantastischen Rundblick über das Häusermeer der Hauptstadt. Es ist ein Denkmal, das an die Gefallenen im Zweiten Weltkrieg erinnern soll. Gleichzeitig ist es ein Monument für die mongolisch sowjetische Freundschaft. Naja: Über die Symbolik lässt sich streiten. Die Mongolei war quasi als russisches Protektorat tributpflichtig und Bodenschätze wie Kohle an denen sich die Nachbar bedienen durften, gibt es reichlich. Auf den Bildern im Inneren der Rotunde wirkt dieser Transfer wie ein Freundschaftsdienst in Verbrüder- und Verschwesterung. Wie auf den Wandzeichnungen in alten Tempeln überreichen die Edelsten des Landes mit Freude ihren Tribut an den Okkpator, Ehrenjungfrau inklusive.
Unsere nächste Station ist das Dschingis Khan Denkmal, gut eine Autostunde entfernt. Der junge fragt mich nach Hitler. Der habe doch Ordnung gebracht. Die Frage begegnet mir in aller Welt, gleich ob in rechten Diktaturen oder in linksorientierten Autokratien. Meine Reaktion ist wie immer schroff. Unmenschlichkeit ist durch nichts zu begründen. Diese Unmenschlichkeit treibt auch den Fahrer nicht. Er ist auf der Suche. Er verdient rund 550 Euro im Monat wenn es gut läuft. Wenn es geht, sitzt er sieben Tage die Woche hinter dem Steuer. In der Freizeit büffelt er Englisch, um bessere Jobs zu bekommen. 400 Euro im Monat kostet seine Miete. Seine Frau und er haben sich nach der Geburt ihrer Tochter vor fünf Jahren getrennt. Seine aktuelle Freundin findet keinen Job, auch weil sie für den Mindestlohn von 1,02 Dollar nicht arbeiten möchte.
Seine Tochter ist sein „ein und alles“. Wie Milliarden anderer Menschen hat er nur ein Ziel: Sie soll es einmal besser haben. Die Bildung ist in der Mongolei frei, aber der Besuch einer ordentlichen Grundschule kostet 1.000 Euro im Jahr. Auch für den Kindergarten zahlt er jetzt schon einen Aufpreis. Seine Freundin und er hätten gerne ein weiteres Kind. Die Tochter soll nicht alleine sein. Finanziell nicht machbar.
Das Dschingis Khan Denkmal ist etwa 30 Meter hoch und steht auf einem zehn Meter hohen Gebäude auf 36 Säulen. Eingeweiht 2008 ist die Metallkonstruktion das höchste Reiterstandbild der Welt. Es zeigt den Kaiser mit einer Gerte in der Hand. Mit einem wackligen Aufzug oder eine extrem schmale Treppe können die Besucher bis in den Hals des Pferdes gelangen.
Im Keller ist dem Wirken des Herrschers ein Museum gewidmet. Eine Karte zeigt seine Feldzüge die die Mongolen um 1240 bis Europa und Ägypten führten. Bei Liegnitz in Schlesien besiegten sie die Ungarn und Polen sowie die anderen europäischen Heere. Ein Sieg der die europäische Geschichte verändert hätte, wenn die Mongolen nach dem Tod des Großkhans Ögedei nicht überhastet in die Heimat zurückgekehrt wären.
In dem Museum hängt eine Karte deren Muster ich aus vielen anderen Teilen der Welt kenne: Was hat uns denn mal so alles gehört? Den Khmer China, den Persern die TAuürkei, den Türken die Arabische Halbinselmund von den vielen Kolonien ganz zu schweigen. Ich kann mit den Rechnungen wenig anfangen. Sie begründen Kriege: mehr nicht. Was ist, das ist. Nebenbei: Gaza war auch mal den Mongolen. Sollen die da jetzt auch mitreden.
Seit 1990 hat sich die Mongolei von ihrem russischen Erbe befreit. Das Land hatte bis Mitte der 2010 Jahr Wachstumsraten von 17 und mehr Prozent. Treiber war der Kohlebergbau. Doch die Förderung bröckelt. China wechselt die Primärenergie. Weg von der Kohle. Heute dominieren Kupfer und Gold die Ausfuhren der Mongolei. Die Wachstumsrate in dem bitter armen Land beträgt heute sieben Prozent. Das ist auf den ersten Blick ein hoher Wert aber er täuscht.