There’s no time to lose, I heard her say
Catch your dreams before they slip away
Dying all the time
Lose your dreams
And you will lose your mind
Ain’t life unkind?
Goodbye, Ruby Tuesday
Who could hang a name on you?
When you change with every new day
Still, I’m gonna miss you
Kein so optimaler Start. Wie immer kurz vor Abfahrt. Das Fieber zündet im Bauch jeden Tag eine neue Lampe. So ganz langsam steigt die Temperatur spätestens vier Wochen vor der Abreise. Nervosität ist auch ein Zeichen des Respekts vor der Herausforderung. Zug und Schiff von Ulaan Bator nach Japan wollen organisiert sein. Und dazu noch der kurze Flug zwischen Peking und Seoul. Zum Glück oder zum Pech gibt es ja noch das Internet. 1.000 Optionen sind eine sichere Möglichkeit für den Transport in die Klapse, besonders dann wenn man als erste Station einen Anrainerstaat zu Russland auserkoren hat. Auf Eisenbahnreisen spezialisierte Agenturen, die die Mongolei im Programm haben, sind rar. Dreimal die Woche verkehrt von hier ein Zug nach China. Der Ticketverkauf lohnt sich hierzulande erst, wenn Passagiere auch die Anreise über die Transsib buchen. Ein reizvoller Trip aber seit dem Angriff Putins auf die Ukraine ein Nogo. Erschwerend auf der Tour nach Peking der Abstecher über XI´AN. Die Schleife muss aus Ulaan Bator über ein System der mongolischen Bahn gebucht werden. Aber: Die Terrakotta-Armee ist Pflicht. Auch so ein Traum aus meiner Jugend.
Endlose Tage surfe ich im Netz durch auf den Seiten der Agenturen die irgendwas mit Tourismus in der Mongolei zu tun haben. Die Sprachbarrieren hindern mich bei der Mongolischen Eisenbahn direkt zu buchen. Irgendwann macht mich die Seite von Davaajav Ganbayar an. Seine Agentur in der Mongolei ist auf Bahn spezialisiert und seine Aufschläge auf den Ticketpreis sind moderat. Ein Glücksfall wie sich später herausstellen wird, denn als ich umbuchen muss, schlage ich mich nicht mit der KI einer Webseite herum. Es genügt ein Mail.

Noch etwas lieblos tüftele ich zunächst an der Route. Peking, die verbotene Stadt und die Chinesische Mauer habe ich bei meinen Trips nach China nie geschafft. Muss ich hin. Der Flug von China nach Korea, eher eine untergeordnete Aufgabe. Korea, eigentlich zu teuer. Und dann noch Japan. Hotels in Bahnhofsnähe, einigermaßen bewertet und mit Restaurants und Leben in der Nähe, Züge die möglichst morgens um 10 Uhr abfahren und bei Tag ankommen. Und und und. Irgendwann entscheide ich mich den Aufenthalt in der Mongolei zu verkürzen. Der Wetterbericht prognostiziert für Ulaan Bator deutliche Minusgrade während in China noch die Sonne wärmt. Das beschert mir fünf zusätzlich Tage im Land der Mitte. Plus einer in Xian für eine Streetfood-Tour und plus vier in Qingdao. Qingdao?Schon mal gehört. Richtig. Zwischen 1698 und 1914 hieß der Ort noch Tsingdao und gehörte uns. Also zumindest gepachtet. Gut 1914 war Schluss weil wir so doof waren eine Krieg anzufangen. Und außerdem: Kolonien sind nur was für Ausbeuter. Aber immerhin ein Kulturgut haben wir den Chinesen geschenkt: das Bier. Die grünen Dosen aus Tsingdao gibt es heute manchmal sogar bei Aldi und man kann für 65 Cent pro Can eine ganze Abendgesellschaft beeindrucken.
Kurzum gebucht, storniert umgebucht. Die erste Woche der Reise steht und die Züge und das Schiff für die folgenden Tage sind in trockenen Tüchern. In einem Ordner, fein in Plastikhüllen eingetütet, die Bestätigungen. Auf dem Handy Screens von den Wegen zu den Hotels.

Nächstes Problem: In China wird mit der App bezahlt, auch beim Streetfood und am Gemüsestand auf dem Markt. Fast ausschließlich. Mache ich beim REWE auch aber: in China funktionieren unsere Apps nicht. Und unsere Kreditkarten werden mittlerweile nur noch in den großen Hotels akzeptiert. Auch ein Statement auf dem Weg zur führenden Wirtschaftsmacht. China hat eigene Systeme wie Alipay implementiert. Kein Uber, kein WhatsApp, keine europäischen Plattformen für Hotels, Transport, Maps oder Chats. China hat seine digitale Unabhängigkeit erklärt.
Ich bin überfordert. Zum Glück wohnt Johannes aus der Rhön während seiner Ausbildung in Offenbach gerade bei uns. Der kennt sich aus. Zwei Abende kämpfen wir uns mit KI und Translator durch den App Store. Alipay ist Dreisprachig. Blöd nur wenn auf einer Seite Deutsch ´, Englisch und Chinesisch gemischt werden. Hochkomplex auch der Prozess der Identifizierung. Und das Beste: Ob alles funktioniert, werde ich erst in China bemerken.

Zwei Hosen nehme ich mit auf die Reise. Eine Leichte für den warmen Süden in Japan und eine dicke Jeans für Kälte in der Mongolei. Mittwoch morgen: 10.26 fährt der Bus zum Bahnhof. Um 9.00 platzt der Metall-Button der Jeans. Komisch: das bisschen Bier? Muss ein Materialfehler sein. Im Eiltempo zur Schneiderin. Sie will mir einen richtigen Knopf annähen. Zeit für einen Kaffee und ein Brötchen beim Bäcker nebenan. Nach zehn Minuten ist alles perfekt.

Bus. S-Bahn. Pünktlich. Mein Glückskeks wirkt. Airport: Terminal drei. Endlose Weg zum Skytrain. Der muss erstmal um den Flughafen fahren. Bis kurz vor Offenbach. 15 Minuten Stehplatz. Der Airport lebt von seiner Vergangenheit. Am Check in eine lange Schlange. Ich fliege mit Mongolian Airlines. Die Gesellschaft betont auf jeder Anzeige und in jedem Spot das „sie dem Staat“ gehöre. Ganz andere Töne als bei uns.
Auf den Trolleys stapeln sich Koffer und Säcke. Viele Passagiere waren auf Einkaufstour. Trotzdem geht der Check ziemlich schnell. Ich darf sogar mein Handgepäck aufgeben. Passkontrolle plus Security heute im Rekord-Tempo. Gut danach nochmal 300 Meter bis zum Gate ganz weit dahinten.

Endlich da. Ich lasse mich in den Sessel einer Bar fallen. 13,90 Euro für einen Aperol Spritz sind jenseits. Aber jetzt muss es sein.