Samstag, 3. Dezember Chengdu – Kunming

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Die paar Stunden in Chengdu waren echt zu knapp. Aber Hanau – Hanoi ist das Ziel. Gegen 16.30 Uhr zum Bahnhof. Pass, Ticket, Gepäckscann, Stempel, hoch in den ersten Stock. Auch in Chengdu hat die Station wie ein Airport zwei getrennte Bereiche: Arrival und Departure Eigentlich kann man trotz der vielen chinesischen Schriftzeichen nichts falsch machen, denn zum Glück schätzen sie auch im fernen Osten die arabischen Ziffern. Auf jedem Ticket prangt groß die Zugnummer. Die muss man sich merken und wie am Flughafen folgt man den Displays mit dieser Zahl bis ans Gate und wartet bis irgendeine nette Mitarbeiterin mit dem Check in beginnt. Und dann immer der Masse hinterher. Oben rechts steht auf der Fahrkarte noch der Wagen und die Platz- bzw die Bettnummer. Ja und wer dann doch keine Zahlen lesen kann. Von der Security bis zum Bahnsteig stehen alle zwanzig Meter nette Uniformierte, die das Ticket nochmal sehen wollen und nicken. An der Wagentür die gleiche Prozedur mit der Schaffnerin. Alles Idiotensicher.

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Bis Kunming sind es etwa 17 Stunden. K-Train, aber zum Glück Bett unten. In meinem Abteil zwei Mädels und ein Junge. Sie sind Mitglieder einer größeren Gruppe, alle so um die 18 bis 20 Jahre alt. Der Gruppenclown spricht einige Worte Englisch. Sie fahren in eine Stadt nördlich von Kunming zum Arbeiten. Auf dem Gang wird der Abschied von den Eltern mit ein paar Bier gefeiert, alles wie bei uns wenn die Kids losgelassen werden. Und die Muttis haben aus lauter Sorge, dass der Nachwuchs hungert, viel zu viel eingepackt. Also muss ich viele Plätzchen probieren und versichern, sie schmecken wunderbar. Irgendwann morgens um 5 Uhr räumt die Rasselbande schlaftrunken den Waggon. Mir bleiben noch vier Stunden der Ruhe.

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Freitag, 2. Dezember 2016,Lanzhou – Chengdu glücklich mit Bavaria

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Chengdu. Jawohl. Ich schäme mich nicht. Die Dame an der Tür hat mich so nett angesprochen. Da konnte ich nicht widerstehen, habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und mit verstohlenem Blick das eher edle Etablissement betreten. Drinnen: das Höchste was ein Mann vom Leben erwarten kann: Bayrische Küche und Erdinger Weizenbier. Es war so geil. Ich hätte zweimal essen können plus drei Weiße mehr. Da nimmt man auch in Kauf, dass im „Bavaria“, so heißt der Laden, chinesische Kellnerinnen im Dirndl einfach nur bescheuert aussehen.

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Aber zurück zum Vortag. Lanzhou hätte sich für eine Woche der Ruhe gelohnt, auch weil die Temperaturen erstmals seit Helsinki deutlich im Plus sind. Dazu ein sehr angenehmes Hotel. Zimmer mit allem was man braucht. Schnelles WLAN. Nur wenige gesperrte Seiten. Frühstück war halt 100 % China. Aber die Nudeln von Lanzhou werden landesweit geschätzt. In der Konsistenz denen nach Deutscher Hausfrauenart ähnlich. Die Suppe am Morgen war richtig lecker. Nur mit dem Kaffee, das müssen die noch üben. Süßer geht nimmer.

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Das Hotel lag direkt neben dem Bahnhof. Checkout bis 12 Uhr möglich, also bis kurz vor Abfahrt des Zuges. Zur Bank nebenan. Oh Wunder. Da steht Mastercard. In 30 Sekunden hatte ich meine sieben Hunderter (etwa 100 Euro), mal schauen was auf der Abrechnung steht, denn nach den Gebühren hat die Maschine nicht gefragt. Zeit ein bisschen durch das Dorf zu ziehen, naja es leben schon so 3 Millionen Einwohner hier. Dennoch: Trotz der zahllosen gigantischen Wohnmaschinen hat das urbane Leben mitten in der City auch in Lanzhou eher kleinbürgerliche Strukturen. Überall wird auf der Straße gebruzzelt, Menschen hocken auf dem Boden, balancieren mit zwei Stäbchen und Geschick Nudeln oder Fleisch von der Schale in den Mund. Aus den Bäckereien duftet frisches Brot, an den Ständen stapeln Händler Obst.

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12.48 Uhr fährt der Zug ab. Ich habe im Soft Sleeper das obere Bett, das ist gleichbedeutend mit der A…..karte. So ab 40 plus eigentlich Mission Impossibile. Man muss auf einen schmalen Tritt (maximal 5×5 Zentimeter) steigen und dann mit den Armen den Körper samt angesammelter Kilos hochdrücken. Der Zug ist ein K-Train, so was wie chinesischer eisenbahntechnischer Feld-Wald-Wiesenstandard. Die fahren oft zwei drei Tage quer durchs Land von oben nach unten, von Ost nach West. Der Vorteil: Die Chinesen können von ihrer Stadt zu vielen Orten im gesamten Land ohne Umsteigen fahren.

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Die Reise nach Chengdu, hier habe ich sieben Stunden Aufenthalt, führt durch ein Gebirge. Das Tal ist manchmal so eng, dass ich auf beiden Seiten des Zuges den Fels berühren könnte. Oft ist nur Schrittgeschwindigkeit möglich. Hier ist eine der Regionen, aus denen sich das Millionenheer der chinesischen Wanderarbeiter rekrutiert. In den Flussbiegungen, wenn der Fels ein wenig Platz lässt, Dörfer, halb oder ganz verlassen. In manchen Fenstern nur ein Stück Plastikfolie statt Glas, eingesunkene Dächer, gebrochene Mauern, grobe Wäsche an der Leine. Die wenigen Terrassen im Fels ernähren keine Familien. Nur einmal weitet sich der Canyon für zwanzig, dreißig Kilometer auf eine Breite, die Landwirtschaft sinnvoll macht. Endlose Felder, auf denen auch jetzt noch im Dezember unter Folien Gemüse wächst. Bauern bearbeiten mit einfachen Haken den Boden. Industriebetriebe sind nicht zu erkennen. In der Mitte des Tales ein Städtchen. Auch hier neue Hochhäuser, die leer stehen, und Kräne in der Nachbarschaft, die wie ein trotziges Kind das Material für die nächsten Wohnkomplexe in luftige Höhen hieven als ob es die Bauern dereinst mit Rechen und Spaten in die modernen Wohnburgen zieht.

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Ich mache einen Selbstversuch im Speisewagen. Fast alle Plätze sind von den Soldaten besetzt, die in Lanzhou in Kompaniestärke mit der roten Fahne voraus in den Bahnhof einzogen. Zwanzig Minuten Essen fassen im Schichtbetrieb. Es sind wohl Offiziersanwärter. Einer gibt mir mit der Hand zu verstehen, dass ich an seinen Tisch kommen soll. Nachdem mich alle radebrechend bei der Bestellung bei der resoluten Chefin unterstützt haben, leert sich meine Tafel. Ihr Offizier hatte ihnen bedeutet, dass ein Kontakt wohl nicht so ideal sei. Schade. Es hätte ein interessantes Gespräch werden können. Ich weiß nicht, was ich auf dem Teller hatte, aber es war gut und ich habe es vertragen.

 

In der Nacht schlecht geschlafen. Mit der Lektüre von Yuval Noah Harari „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ begonnen. Seine vernichtende Bilanz der Folgen der Evolution hat meine Laune auch nicht gerade verbessert. Etwas Musik aus dem MP3-Player. Ry Cooder, Brian Adams. Der Zug ruckelt und bremst immer wieder abrupt, beschleunigt, schlingert. Im oberen Bett ist das besonders unangenehm. Gegen sechs Uhr setze ich mich in die Ecke meiner Pritsche und bekomme meinen Moralischen, wie ich so bescheuert sein kann in meinem Alter so einen Sch… zu machen. Statt bei Dosenbier in wackelnden Zügen quer durch Asien meine Bandscheiben zu ruinieren, könnte ich mich in Hoi An in Vietnam auf einer gepolsterte Liege am Strand ausstrecken und bei Cocktails, die alle zwei Sunden neu gemixt werden, zwischen den Zehen hindurch beobachten wie sich irgendwelche Siamkätzchen am Strand räkeln.

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Heimweh nach Ute, Christian und all meinen Freunden. Nach Mühlheim und Offenbach. Zuhause ist heute Donnerstag. Bestimmt wieder Oldie Club im Waldeck. Ich beginne mir vorzustellen wie ich am 15. Dezember frühmorgens in meine Wohnung komme, die Kaffeemaschine anmache, ins Auto stürze und zur Frau Schmidt rase. Was gibt es da alles in ihrer Metzgerei: Mühlenschmaus, Presskopf mit Kümmel, geräucherte Blutwurst, Mühlrädchen, Hausmacher Leberwurst, Luftgetrocknete, Lauchbraten, Fleischsalat, Weißwurst, Leberkäse, Gelbwurst, Frankfurter, Saumagen, Baguette Brötchen. Bratwurst. Ich glaube ich schmeiße mittags gleich den Grill an. Dezember hin oder her. Und am nächsten Tag kocht Ute. Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll. So gut schmeckt ihre Küche.

 

Mit meinen drei Mitfahrern ist keine Gespräch möglich. K-Train, das ist meist einfach gestricktes Publikum. Es wird hell. Ich beschließe mich auf den Gang zu setzen, um die Landschaft ein wenig zu beobachten. Wir fahren jetzt durch fruchtbares hügeliges Land, Gemüsefelder ohne Ende. Die Gehöfte spiegeln einen beachtlichen Wohlstand. Vor vielen der zweistöckigen frisch renovierten Bauernhäusern steht ein nagelneuer SUV der gehobenen Klasse.

 

Und dann gibt es doch noch das Gespräch. Zwei Stunden lang, bis zur Ankunft. Spannend und lehrreich. Ich habe versäumt nach ihrem Namen zu fragen. Aber die junge Dame war mir am Abend zuvor schon aufgefallen, weil ihr lässiges Outfit so gar nicht zu der eher schlichten Bekleidung der übrigen Fahrgäste passen wollte. Sie studiert in Chengdu. Ökonomie und internationales Finanzwesen. Sie hat in Xian gelebt aber geboren ist sie in Shanghai, der internationalen Stadt in China, wie sie betont. Im nächsten Jahr wird sie in Großbritannien, möglichst in London, studieren. Ihr Ziel ist ein Master und dann Karriere bei einem globalen Finanzdienstleister oder bei einem Beratungsunternehmen. Die Regierung von China finanziert Studien im Ausland großzügig. Sie will es aber alleine schaffen, auf eigenes Risiko. Und Europa bereisen. Ich lege ihr Berlin ans Herz.

Ich solle nicht der Versuchung unterliegen, so meine Bekanntschaft, die rasante Entwicklung in den chinesischen Städten auf das gesamte Land zu übertragen. Es gebe eine Disparität „between the Big Cities and the small villages“. Dennoch China sei auf dem Weg, die USA an Wirtschaftskraft zu überholen. Das sei Ziel. Ein Beispiel sei die moderne Hochgeschwindigkeitsstrecke die jetzt unseren Weg begleitet. Im nächsten Jahr werde man diese Verbindung eröffnen. Von Lanzhou nach Chengdu braucht der Zug heute noch 22 Stunden, 2017 sind es vier Stunden. Die Trasse verläuft schnurstracks neben unserem Fenster, meist auf Stelzen in etwa zwanzig Meter Höhe über Felder, Wälder, Häuser, Dörfer, Kleingärten und Biotope. Was bei uns zwei Jahrzehnte von der Idee bis zur Realisierung braucht, ist hier in fünfzig Monaten schlüsselfertig durch. Und die Bahn sei, so die angehende Ökonomin nebenbei, bald ein Exportschlager: High Tec der Extraklasse.

 

Auf die vielen leerstehenden Appartements in den Hochhäusern entlang der Strecke angesprochen gibt sie sich optimistisch. In den großen Städten sei für viele Menschen das Leben nicht mehr bezahlbar. Man ziehe zurück aufs Land. Sie studiere wie viele andere nicht in Shanghai sondern in Chengdu, weil sie hier mit ihrem Budget bequem auskommen könne. Viele der alten Mietskasernen, die in einem schlechten Zustand seien (man fährt immer wieder vorbei. Unfassbar wie Menschen darin hausen können), werden in den nächsten Jahren geräumt. Dann rechne sich die Investition. Einen Optimismus, den ich nicht teilen mag.

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Sie will mir unbedingt noch die Schönheiten von Chengdu zeigen, was leider daran scheitert, dass der Gepäckaufbewahrungsschalter (obwohl in Englisch ausgeschildert) nur Koffer von Einheimischen annimmt, nach vorherigem Scan der ID-Card. Schade. Ich hätte sie gerne noch viel mehr gefragt. Eine junge Frau, die sich sehr mit der Entwicklung in ihrem Land identifiziert. Die aber auch weiß, dass China auf Dauer nur erfolgreich sein kann, wenn sich seine Menschen global vernetzen „We must connect us with people from other countries“.

 

Zum Glück gehe ich nicht gleich wieder durch die Security, die das hier nicht so lässig we in Lanzhou nimmt. Statt Langeweile im „Check In“ (so steht das auf den Tafeln) will ich noch eine Weile das Geschehen auf dem Bahnhofsvorplatz beobachten. Das Klima hier scheint mir dem in Norditalien ähnlich, die Mentalität der Menschen auch eher dem Süden angepasst. Ich entdecke einen Hinweis auf einen zweiten „Left baggage“. Wieder Kopfschütteln. Nachdem ich mit traurigem Blick einige Sekunden stehen bleibe, zeigt die Chefin in Richtung des Gebäudes mit den Ticketschaltern. Hier entdecke ich noch eine dritte Luggage Deponie und, welche Überraschung, einmal Rucksack und Koffer durch den Scanner, zehn Minuten Pass abschreiben, zwei Euro zahlen und ich kann in die Stadt. Links des Bahnhofs gibt es alles was das chinesische Herz begehrt.

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Viele Straßen mit kleinen Geschäften, Marktständen und zwei dreistöckige Basare, direkt nebeneinander. Kein T-Shirt-Paradies wie in Touristen-Hochburgen sondern vom Schuh über den Anzug bis zur Handtasche, der Pfanne und dem Geschirr alles Alltag. Zwei Stunden schlendere ich durch das Gewirr der Gassen. Oft gibt es in dem Gewusel kein Durchkommen. Ich kaufe ein wenig Unterwäsche und Socken. Die Besitzerin des kleinen Ladens tauscht alles von XL in 3XL um. Wahrscheinlich besser so.

 

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Anschließend teste ich  eine Luxus-Shopping Mall, kaum 100 Meter entfernt. Hier sind auf vier Stockwerken alle Edelmarken dieser Welt vertreten zu Preisen, die deutlich über dem bundesdeutschen Niveau für Hilfiger Hemden und Ralph Lauren Shirts liegen. Am frühen Nachmittag füllt sich das Center. Der chinesische Mittelstand ist offenbar liquide genug, um mit prallen Einkaufstüten, auf denen das Signet überdeutlich zu sehen ist, den Heimweg anzutreten. Mir bleibt Zeit genug für das Bavaria, das trotz seiner unbayrisch hohen Preise (dafür habe ich bislang maximal 5 Euro für ein Essen bezahlt) bald bis auf den letzten Tisch gefüllt ist. Viele perfekt gestylte junge Leute, trendy gekleidet, Kinder reicher Eltern oder junge Elite beispielweise aus dem IT Bereich. Gestern begleiteten mich auf der Zugfahrt die heruntergekommenen Wohnblocks am Rand der Städte und das Elend in den Hütten in den halb verlassenen Dörfern, heute der Überfluss zum Greifen. Die Schere ist gewaltig. Aber vielleicht ist es besser sich an dem Kellner mit dem Sepplhut zu erfreuen.

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Dienstag 29. November 2016 und Mittwoch, 30. November Almaty – Urumqi (China)

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Midnight Train to China. Die Verbindung Almaty Ürümqi in der Nacht von Montag auf Dienstag gibt es wirklich. Natürlich, war doch klar: Bei bahn.de abrufbar, Ticktet in der Tasche, Bestätigungsmail vom Reisebüro in Berlin, aber hier vor Ort an der Info und am Fahrkartenschalter wusste niemand was von dem Zug. Das macht dann halt schon nervös. Und auf der Anzeigetafel für die Nacht waren alle möglichen Ziele gelistet. Nur meines fehlte. Vielleicht der falsche Bahnhof. Almaty I statt Alamty II.

Endlich: Gegen 23 Uhr werden die sechs chinesischen Liegewagen zum Bahnsteig rangiert. Die Schaffner hasten mit schweren Einkaufstüten zu den vier Stufen. Zwölf Mann Personal für zwei Fahrgäste. Erst am nächsten Morgen am Umsteigebahnhof aus Richtung Astana füllte sich der Zug halb. Scheint nicht häufig vorzukommen dass ein „Germanski“ diese Strecke bereist. Fragende Blicke, keiner versteht die Sprache des anderen. Aber: Fahrkarte, Pass, Visum: alles ok. Wir lächelen uns an. Ich erhalte mein Bettzeug.

Pünktlich um 0:15 Uhr Abfahrt, ein bisschen gefrustet bin ich schon. Von der letzten Tour durch China hatte ich die Soft-Sleeper als bequem in Erinnerung. Keine so harte Pritsche wie jetzt. Und das auch noch für zwei Nächte. Aber dafür sind die Toiletten sehr sauber im Vergleich zu den kasachischen Zügen. Ein Bier noch und einen Schluck Brandy aus der Flasche vom Vortag (Panikkauf als ich nach dem Essen plötzlich das ungute Gefühl hatte: War das Steak jetzt von der Kuh oder vom Pferd? – und so 0,2 Liter ist hier bei Schnaps die kleinste Verkaufseinheit). Ich habe gut geschlummert bis der Handywecker um 7.30 Uhr klingelte.

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Stunden über Stunden auf einer völlig platten Hochebene. Man glaubt am Horizont die Erdkrümmung zu sehen. Offenbar fahren wir duch die Wolken. Im schnellen Wechsel dichte Dunstfelder, die nass gegen die Scheiben schlagen, und strahlender Sonnenschein. Alle zwanzig Kilometer ein Ausweichgleis, ein Geräte-Container und einige Hütten, gerade soviele wie man für die Bahnarbeiter braucht, die die Strecke betreuen. Manchmal In der Weite ein Gehöft, eine Jurte, einzelne Kühe, Zottelochsen oder Pferde im Schnee. Immer wieder kreuzen lange Güterzüge , meist mit Holz oder Öl beladen.

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Die letzten 200 Kilometer vor der Grenze die Überbleibsel verfehlter sowjetischer Industrialisierung. Riesige Fabrikkomplexe am Stück, , leer und verfallen, verlassene Dörfer, Plattenbauten mit blinden Fenstern, zugewucherte Anschlußgleise. Der doppelte Grenzzaun zwichen China und Kasachstan mit Wachtürmen verläuft über eine Stunde neben der Bahnstrecke. Auch ein interessanter Einblick. Dann verengen riesige Berge die Ebene zu einem Tal, das sich nach China öffnet.

 

Der kasachische Zoll verabschiedet sich etwas unrühmlich von mir. Peinlich genau begutachtet der Beamte jedes Stück in meinem Rucksack, wägt es in der Hand als ob er es auf seine Brauchbarkeit bewertet. Dreimal fragt er, wo denn die Messer seinen, die ich schmuggeln würde (Solinger Stahl ist in China begehrt). Schließlich greift er sich eine größere Packung „Desinfektionstücher“ und grinst mich an „Souvenir“. Ich kann mir schon vorstellen, was mit den Messern passiert wäre, hätte ich welche dabei gehabt. Später kommt er nochmal in mein Abteil, verschließt die Tür, sagt kein Wort und sortiert seine Manteltaschen. Solche Momente brauche ich wirklich nicht. Als er draußen war, summe ich den alten Schlager: „Souvenirs, Souvenirs“.

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Dann das Umspuren des Zuges auf die chinesische Gleisbreite. Es ist schon dunkel als wir die Grenze passieren. Ein riesiges gemauertes Tor. Auch ein Statement. Dahinter beginnt, auch in der Dunkelheit zu erkennen, eine andere Welt. Ein überdimensionierter neuer Bahnhof in Marmor, ein blitzblanker Doppelstockzug auf dem Nachbarbahnsteig und Zollbeamte, die zwar auch jedes einzelne Gepäckstück in die Hand nehmen, sich bei ihrem Job aber sehr korrekt und sehr höflich verhalten. Die junge Zöllnerin und ihr älterer Kollege sprechen beide sehr gut Englisch. Meine Asienkarte wird eingezogen „Taiwan als eigene Land drauf“ wird mir mit einem Achselzucken erklärt „that’s our Identity“. Danach unterhalten uns noch eine Viertelstunde. Die ausgesprochen hübsche Zöllnerin interessiert sich sehr für meine Reise. Sie will unbedingt meine Bilder auf dem Laptop sehen. Sie selbst war einmal in Moskau.

Mir ist bei meiner letzten Tour durch China schon aufgefallen, dass die jüngeren Staatsdiener in China meist gut gebildet sind, Fremdsprachen sprechen, bereits im Ausland waren. Keine Ahnung, ob das so gewollt ist. Aber es spricht viel dafür. Und wenn es so ist, dann spricht es für eine intelligente Planung.

 

Ürümqi. Bei der langen Einfahrt in die Stadt wird der Unterschied zu den GUS-Staaten augenfällig. Ich habe das Buch des ehemaligen SPIEGEL-Korrespondenten Terzani über seine Zeit in Ostasien gelesen (Zum Glück habe ich es nicht mitgenommen. Das wäre auch konfisziert worden). Er schilderte wie China in den 50iger und 60iger Jahren diese Wüste im Nirgendwo besiedelte. Unvorstellbare Opfer, Leid, Fehlentwicklungen und Unterdrückung von Minderheiten. Heute fährt man schier endlos durch wohlgeordnete Gewerbegebiete, schmucke Fabriken, die sich mit den Signets der Blue Chips dieser Welt schmücken. Offenbar siedeln hier gezielt die Zulieferer für Europa und Afrika, möglichst nahe an der Grenze.

Am Bahnhof ist die Nervosität mit Händen zu fassen. Security auf Schritt und Tritt. Siebenmal habe ich mein Gepäck durch diverse Scanner schieben müssen. Bahnhof verlassen (1x), zum Ticketschalter im anderen Gebäude (2x), wieder raus (3x), quer über den Busbahnhof (4X), in die Bank (5x), wieder Busbahnhof (6 x), nächste Bank (7 x). Nebenbei dreimal von jungen hübschen Chinesien abgetastet. Es ist jedesmal ein Spaß, über den beide lachen. Die jungen Damen sind gefühlt maximal ein Meter 50 groß und ich muß auf ein dreißig Zentimeter hohes Podest, auf das ich mich dann niederknien muss, damit die Ladies meinen Kopf begutachten können. Überall Polizisten mit MP, am Rand des Bahnhofsplatzes Einheiten mit Sturmmasken. Später vor meinem Hotel ein Schützenpanzer wie an vielen Orten in der Stadt.

 

Die Uiguren, die einst das Land besiedelte, sind  heute in der Minderheit. Es gab verheerende Anschläge hier mit vielen Toten. Ein Problem, das in unserem Jahrzehnt kaum zu lösen sein wird. „Zurück auf Los“ Millionen Chinesen zurück ins Kernland siedeln? Die Uiguren in Reservate? Auf Kontrollen verzichten, um nicht zu provozieren, dafür aber Anschläge in Kauf nehmen. Antworten fallen nicht leicht. Ein „Entweder / oder“ ist auch keine Lösung.

Ich hatte bei der Ankunft kein chinesisches Geld. Am Bahnhof ein Automat, der keine europäischen Karten nimmt. Die nette Angestellte in der Postbank, die nicht wechselt, erklärt mir wie ich mit dem Bus zur Bank of China komme und spendiert mir das Fahrgeld. Der Tausch Euro gegen China Rim dauert. Das wusste ich schon von Shanghai. Marke ziehen, warten. So jede Vorsprache in einer Bank braucht eine halbe Stunde, weil eine Unmenge an Papier ausgefüllt werden muss. Und durch die Scheibe wird per Lautsprecher kommuniziert. Jeder in der Wartezone kann mithören. Stelle mir das in der Sparkasse Offenbach vor: Na Frau Meier, Konto wieder überzogen, ach Herr Schmidt wieder Gehaltspfändung, Frau Schulz wann wird denn Hartz IV überwiesen. Auch mein Hunderter braucht gute zwanzig Minuten bis er 705 RIM wert ist.

Dann Taxi. Hotel. Gut. Aber Anfängerfehler. Zimmer ohne Fenster gebucht. Internet nur über die Verbindung Laptop mit dem Handy der Frau an der Rezeption möglich. Einzige Seiten, die sich öffnen „yahoo“ und   „waz.de“. Ein wenig gepennt und dann Hunger. Welche Gaststätte hat außer Hund auch noch Huhn, Schwein oder Rind. Es ist unangenehm nasskalt draußen. Minus zwölf Grad.

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Um den Block finde ich ein Restaurant, das fast zu vornehm aussieht. Speisekarte nur auf Chinesisch und niemand spricht Englisch. Am Ende steht die ganze Crew, so um die zehn Leute, inklusive Koch um meinen Tisch. Die meisten so um die 18 / 20 Jahre alt. Wir schreiben Zeichen, malen und lachen viel. Schließlich hat einer die Idee, dass er einen Translator auf dem Handy hat. Tippen, Kopfschüttel, neues Wort, vielleicht, wieder lachen, und so weiter, bis es geschafft ist. Es gibt einen großen Topf Nudelsuppe mit viel Hühnchen, Gemüse und Kräutern plus eine Jumboflasche Bier. Alles köstlich und keine vier Euro teuer. Zum Abschied erhalte ich einen Zettel mit einem „welcome again“ und alle reihen sich zum Spalier vor der Tür auf. Im Seven 11 (heißt hier „8“) anschließend noch zwei Feldschlößchen Bier entdeckt. Gruß an die Kollegen in Dresden. Gur trinkbar.

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Donnerstag 1. Dezember, Wüste Gobi, next Stop Lanzhou

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Ürümqi: Abfahrt 9.28 Uhr mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Lanzhou. Sonntags, wenn ich beim Fußballspiel von Espanol Offenbach bin und wirklich einmal einer von den unseren alleine aufs Tor rennt, rufen alle: „Mach Meter“. Hier in China mache ich heute Kilometer. Etwa 1.700 in elf Stunden. Quer durch die Wüste Gobi.

Aber zunächst eine Dosis Stress. Der Taxifahrer bringt mich nicht die fünf Kilometer zum Hauptbahnhof sondern fährt stadtauswärts in Richtung eines Vorortes. Macht den dreifachen Fahrpreis. Der Zug hält zwar auch hier aber erstens weiß ich das nicht und zweitens hat mir die Dame an der Bahnhofsinfo gesagt „Stadtbahnhof“ und drittens hatte ich mir gestern den Weg gemerkt. Kilometer um Kilometer morgens um acht in der Dunkelheit und im dichten Nebel über die Autobahn, dreißig und mehr Minuten. Irgendwann schreien wir uns an. Ich auf Deutsch und er auf Chinesisch. Angekommen weigert er sich, das Wechselgeld herauszugeben. Das hätte den ohnehin überhöhten Betrag verdoppelt. (Aber: nicht jammern, wir bewegen und immer noch unter RMV-Niveau). Ich bleibe hart. Erfolgreich.

Drinnen modernste Überwachungstechnik. Iris-Scan am Eingang. Zum Glück habe ich einen biometrischen Pass. Gepäckkontrolle, abtasten, wieder niederknien, weil auch diese Security-Maus maximal einen Meter fünfzig misst (gefühlt). Wir müssen beide lachen. Zwanzig Meter laufen Richtung Eingang Gates. Exakt die gleiche Prozedur nochmal nur mit neuer Maus. Mein kleiner Rucksack verschwindet im Scanner und taucht nicht wieder auf. Abschalten, rausziehen. Geschafft. Nur blöd. Alle Cafés   und Geschäfte sind auf der Galerie und die ist außerhalb des Security-Bereichs. Habe keine Lust, trotz  China Maus, nochmal durch die Security zu marschieren.

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Chinas Hochgeschwindigkeitsbahnhöfe wirken wie Kathedralen der Neuzeit. Ein Zeichen für den Aufbruch? Der Bahnhof von Shanghai, direkt neben dem neuen Flughafen kann es von der Größe locker mit dem Terminal 1 in Frankfurt aufnehmen. Und die einstige Provinzstadt Ürümqi am Rande der Zivilisation bringt es vom Umfang immer noch auf die Abflughalle B, auch wenn im Augenblick nur etwa zwanzig Züge pro Tag ankommen. 1.800 Kilometer Gleise haben die Ingenieure und Bauarbeiter in wenigen Jahren hier herauf verlegt, mitten durch unwirtliches Land. China hat in zwölf Jahren 12.000 Kilometer ICE Strecken gebaut. Oft auf Stelzen. Auf ihnen verkehren Züge, die unseren mindestens ebenbürdig sind, mit Tempo 300. Bei 40 Grad plus und bei 30 Grad minus pünktlich und zwischen den Zentren in dichtem Abstand, fast immer auf die Minute genau. Bei der Abfahrt meines Triebwagen zeigt das Thermometer minus 11 Grad, genau die Temperatur bei der unsere Bahn AG vom Krisen- in den Katastrophenmodus schaltet.

Die ersten dreihundert Kilometer eine völlig Ebene Landschaft. Schwarzer Erde, kaum Vegetation. Ein Blick zum Horizont schürt den Verdacht „zumindest hier ist die Erde eine Scheibe“. Alle Stunde ein Bahnhof im Nirgendwo. Alles nagelneu und ringsum ist man gerade dabei eine neue Großstadt zu bauen mit Duzenden von Wohnblocks, Einkaufszentren und Schulen. Gemeinwesen aus der Retorte wie ich sie bereits vor zwei Jahren bei meiner Fahrt von Shanghai nach Wuhan beobachten konnte.

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Neben unserer Strecke verlaufen die Schienen der alten Verbindung. Dicht belegt mit Kohlewaggons im Blockabstand. Fast wie auf einem Förderband. Daneben eine nagelneue gut ausgebaute Autobahn, Windpark auf Windpark und sechs bis acht Hochspannungstrassen parallel. Der Rohstoffbedarf der Zentren in China scheint unermesslich.

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Nach der halben Fahrtstrecke die ersten gewachsenen Städte. Auch hier Kräne soweit das Auge reicht. Hochhäuser wie von der Stange. Viele stehen leer. Dennoch wird in unmittelbarer Nachbarschaft an neuen Komplexen gewerkelt. Schon bei meiner ersten Reise nach China habe ich mich über die ungebremste Bauwut gewundert. In Shanghai mögen diese Wohnungen ja ihre Mieter finden. Aber auch mitten in der Provinz werden unzählige siebzigstöckige Wohnmaschinen hochgezogen und riesige Reihenhaussiedlungen   errichtet, während nebenan kaum zwei Jahre alte Gebäude mit leeren Fenstern verfallen. Diese Projekte werden nicht von Banken oder dem Staat finanziert sondern aus den Ersparnissen des Mittelstandes, der mit der Investition seine Altersvorsorge sichern möchte. Eine Zeitbombe, auch weil es der gerade wachsende Mittelstand ist, der in den schicken Einkaufsmeilen der Zentren die Binnenkonjunktur ankurbelt.

 

Als es dunkel wird beginnt sich der Zug zu füllen. Die Wüste Gobi liegt hinter uns. Eine Großstadt reiht sich an die andere, grell und bunt beleuchtet. City-Lights.  Namen, die bei uns niemand kennt, Orte, die mehr Einwohner haben als die meisten europäischen Städte.

 

Der Zug erreicht Lanzhou pünktlich. Ein riesiger Bahnhof. Keine Kontrollen, schnell noch die nächsten Tickets besorgt. Namen der Abfahrtsstation für den Taxifahrer aufschreiben lassen. Dann ein Taxi zum Hotel genommen. Wieder in den Klo gegriffen. Der Bahnhof liegt etwa zehn Kilometer draußen. Die Adresse meiner Unterkunft habe ich auf chinesisch ausgedruckt. Die Taxifahrerin nickt, schaltet nach zehn Kilometer ihr Navi auf dem Handy ein und wird hektisch. Batterie leer. Wir umrunden Block um Block, manche dreimal. Irgendwann stoppt sie, hält anderes Taxen an, um nach dem Weg zu fragen, und dann wird alles gut. Sehr schönes Hotel. Internet geht, skypen mit Ute möglich, zwei Bier im Seven 11 nebenan. Ich kann zufrieden einschlafen

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Bisherige Stationen (Mühlheim) – Hanau – Almaty -Hanoi

Mühlheim- Hanau Auto Petra 6 km 10 Min
Hanau – Göttingen ICE 240 km 1.32 Stdt
Göttingen – Lübeck ICE 330 Km  2.46 Std
Lübeck – Travemünde Bus 18 20 MIn
Travemünde – Helsinki – Hafen Helsinki Hafen – City Schiff

Bus plus Metro plus Straba

1093 km

5 km plus 18 km plus 1 km

30 Std.

10 Min plus 15 Min plus 2 Min

Helsinki – St. Petersburg Allegro (ICE) 407 km 4.27 Std
Metro St. Petersburg Metro 3 km 10 Min
St. Petersburg – Moskau Sapra (ICE) 650 Km 3.40 Std
Moskau Metro 5 km 10 Min
Moskau Metro 7 km 15 Min
Moskau – Wolgograd Liegewagen 1151 km 18.43. Std
Wolgograd – Samarkand Liegewagen 2717 km 57.20 Std
Samarkand – Buchara (+Taxi) D-Zug 249 km 2.14 Std
(Taxi+) Buchara – Samarkand (+Taxi) D-Zug 249 km 2.14 Std
(Taxi+) Samarkand – Almaty Liegewagen 1331 km 30.02 Std
Almaty O Bus 3 km 10 Min
ohne Fahrten innerhalb der City zum Besichtigen
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Freitag, 25. November bis Montag, 28. November – Almaty Kasachstan

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Almaty Kasachstan. Auch nach vier Tagen fremdele ich noch mit der Stadt an der Grenze zu China. Irgendwie fehlt mir der Zugang, obwohl ich hier mehr Kilometer als in allen andern Städten gelaufen oder besser durch den Schnee getrottet bin, durch Fußgängerzonen und Einkaufszentren, über Märkte und Brücken, drinnen und in den Vororten, durch Parks, Kirchen und Museen. Ich bin sogar mit der Seilbahn auf den Hausberg gefahren, im Krisenmodus wegen meiner Höhenangst.

Almaty wird gelegentlich als sehr europäische Stadt betitelt. Dafür gibt es gute Gründe. Nur mir fällt kein Ort in Europa ein, der ihr ähnlich ist. Das Schicksal hat es mit Almaty nicht gut gemeint. Erdbebengebiet. 1912 völlig zerstört und über viele Quadratkilometer wie ein Schachbrett wieder aufgebaut. Und jedes Jahrzehnt durfte seine Scheußlichkeiten abladen. Zuckerbäckerstil, missglückte klassizistische Architektur, postmoderne Bürotürme, Plattenbauten, breite Schneisen, denen man ansieht, sie wollen den Verkehr nicht in die Stadt bringen sondern die Flucht erleichtern. Das Auto dominiert, auch auf den Bürgersteigen. Oft Staus. Smog.

Ein Stadtkern fehlt völlig. In jeder Straße irgendwelche Geschäfte. Teuerste Marken neben 99 Cent Shops. Egal, wo ich immer gestanden oder gelaufen bin, ich hatte das Gefühl: ich war doch gerade vor einer Stunde schon mal hier.

Hier leben Menschen aus sehr vielen Kulturen zusammen von Korea bis Arabien, von der Mongolei bis nach Siam, von China bis Russland. Die Menschen scheinen  zusammengefunden zu haben. Die Gruppen, gerade bei Jugendlichen sind sehr gemischt, Pärchen oft crossover. Vom Outfit, sehr modisch, European Style. Sehr tolle und teure Restaurants, die Küchen der Welt. Internationales Fastfood. Cafés und Bistros, die sehr trendy wirken, von denen ich einige sofort mit nach Offenbach abwerben würde, weil ich mich hier wohlgefühlt habe.

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Ab dem Ortschild beginnen Richtung Süden die Steinberge, fast wie die Alpen. Besonders gut sieht man das vom Hausberg, im Verhältnis eine kleine Kuppe, aber immerhin auch über 1.000 Meter hoch. Oben ein Vergnügungspark, ein Zoo, Teehäuser und herrliche Wanderwege, die geräumt waren. Hat richtig Spaß gemacht, dort zu laufen, auch wenn die Stadtväter hier das mit den Papierkörben noch in die Balance bringen müssen.

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Ja und dann gibt es noch ein beachtliches Museum zur Geschichte des Landes. Besonders die Epochen von der Frühzeit bis ins Mittelalter sind hervorragend dargestellt. Leider nur rudimentär in Englisch erläutert. Toll auch die Exponate, die zeigen wie die Nomaden in den Jurten lebten.

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Habe auch die Propagantaabteilung besucht, die die Ereignisse seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 beschreibt. Es ist ein Staatsmuseum, also bestimmt kein Zufall. Während die Beziehungen beispielsweise zur Türkei, zu China, Korea, Japan, dem Iran und Usbekistan in großen Vitrinen aufwändig gefeiert werden, werden die Länder der EU in einem gemeinsamen Schaukasten mit Belanglosigkeiten wie  Glückwunschschreiben und Yellow Press Fotos von Prinz Charles nur  kurz gestreift. Ein paar Schritte weiter kann man die Erklärung erahnen. Hier wird kräftig daran gearbeitet, die Seidenstraße als Autobahn, Pipeline und Hochgeschwindigkeitseisenbahn wieder zu beleben. Von China bis Istanbul. Auf den Fotos: Erdogan hier, Erdogan da.

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Ja und heute. Sonne und überall Markt.

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Morgen dann weiter Richtung Ürümchi, 32 Stunden im chinesischen Liegewagen (soft sleeper). Die sollen ganz gut sein. Laut Wetterprognose noch drei Tage kalt und dann werde ich für eine Woche den Frühling in Südchina und Vietnam genießen.

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Nachtrag Usbekistan – ein offenes Wort

Ja. Usbekistan ist ein Land zum Verlieben. Ich habe viele liebe sympathische Menschen getroffen. Gastfreundlich . Neugierig. Weltoffen. Die Tradition der Seidenstraße lebt immer noch .

Aber: Wer das Land als Polizeistaat bezeichnet, hat gute Gründe. Das Heer der verschiedenen Überwachungstruppen ist nicht zu übersehen. Praktisch vor jeder Pommes-Bude ein Auto mit Blaulicht. Security wie am Flughafen an jedem öffentlichen Gebäude. Ein Beamter an jedem Kassenhäuschen. In Bahnhöfen sind die Truppen nicht mehr zu zählen. Dennoch effektiv sieht das nicht aus. Die meisten Uniformierten rennen arbeitsimitierend ständig hin und her.

Es wird gesagt, dass die meisten unterbezahlten Staatsdiener korrupt sein. Zwei meiner Erfahrungen will ich nicht verallgemeinern aber sie könnten Indiz sein. Vor einem Tor, das den noch nicht wieder aufgebauten Teil einer Burg, mit einem großen Schloss abgesperrt, steht ein Polizist zur Bewachung. Ein älterer Mann bedeutet mir, er würde mir den Bereich zeigen, natürlich gegen zwei Dollar. Nach dem Rundgang stecke ich ihm den Betrag unauffällig zu. Hätte ich mir sparen können. Als ich mich rumdrehe, stehen beide zusammen und teilen. Es gibt einen Schwarzmarkt für Devisen. Vor einem Museum spricht mich der Einlasskontrolleur an, ob ich tauschen möchte. Neben ihm ein Polizist. Mit meinen DDR Erfahrungen will ich in eine Nische. Da lachen die beiden „We are best Friends“. Auf den Märkten wird das Geld regelrecht an Ständen gehandelt zum 2,5fachen Kurs der Staatsbank.

Nicht nur Amnesty spricht davon, dass Menschenrechte hier nicht eingehalten werden. Keine freie Berichterstattung, eine Opposition, die zum Schweigen gebracht wurde und und und. Demgegenüber steht  muslimisches Land mit Religionsfreiheit (es gibt überall Kirchen und Synagogen) und vor allem Frauenrechte. Ich habe in der Woche keinen Schleier  gesehen, kein junges Mädchen, das ein Kopftuch trug.  Das Land hat eine, wenn auch kurze, Grenze mit Afghanistan, stellt viele Kämpfer beim IS. Vielleicht deshalb das Sicherheitsbedürfnis. Die Frage, auf die die Antwort so schwer fällt: Wo ist die rote Linie.

Noch zum Unangenehmen: Im Zug von Russland nach Usbekistan verbrachten auf den letzten drei Stunden der alte Russe und ich alleine die Zeit im Abteil. Unsere Tür war die ganze Fahrt seit Volgograd offen, blockiert. Der Liegewagenschaffner konnte da leider, leider nichts machen. Und während der gesamten sechzig Stunden stand ein smarter, gut gekleideter Typ neben der Tür und lächelte mich an. An der Grenze hatten die Beamten ja den Zug wie zu seligen Interzonenzeiten auseinander geschraubt. Na und dann kam der smarte Bisnissman zu uns ins Abteil mit einem Burschen, dem man besser nicht widerspricht, und bat uns, dass wir uns  an das Ende des Gangs zu verziehen. Der Alte muckte noch ein bisschen. Ich hatte gegen mein sonstiges Bedürfnis keinen Bock auf Widerspruch. In der Hand hatten sie Werkzeug. Die Tür ging, oh Wunder, wieder zu. Und nach einer Viertelstunde kamen die beiden mit Kartons und Tüten raus. Die Dosen drin  waren mit „Kaviar“ hoffentlich exakt etikettiert. Deponiert worden ist das ganze wohl schon auf den Abstellgleisen in Volgograd, in einem Abteil, in dem laut Passagierliste ein Ausländer fuhr.

Meine Knie waren eine Weile richtig weich. Dem Zoll zu sagen „schwere Kindheit“ und „komme aus Offenbach“ reicht in diesem Teil der Welt kaum für mildernde Umstände.

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Nachtrag zur Fahrt von Samarkand nach Almaty

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Nicht nur Gespräche halfen während der 30 Stunden von Samarkand nach Almaty  gegen Langeweile. Endlich nach Jahren wieder einmal eine richtige Winterlandschaft. Das Weiß bedeckte abgeerntete Felder, Wälder, kleine Dörfer mit putzigen Stationen, Menschen, die durch den Schnee stampften, Loipen, Wiesen auf denen riesige Pferdeherden unter dem Schnee nach Halmen suchten, hohe Gipfel am Horizont.

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Mittwoch 23. und Donnerstag 24. November 2016 – Dreißig Stunden im Liegewagen von Samarkand nach Almaty (Kasachstan)

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Der erste Eindruck war schon nicht der Beste als der Zug mit einer Stunde Verspätung im Bahnhof von Samarkand einfuhr. Eine neue Lok aber zerbeulte Waggons, die wahrscheinlich schon zu Sowjetzeiten ausgemustert und später an Kasachstan vertickert wurden. Pritschen so schmal wie meine Schultern. Naja wenigstens halten meine lädierten Bandscheiben dank Kieser. Und noch nie war ich so dankbar, dass mir einst vor meiner ersten Asienreise der Verkäufer bei „Globetrotter“ auch noch den ägyptischen Baumwollschlafsack aufgeschwatzt hat. In ihn gehült kann ich mich getrost nachts in die versifften Decken der kasachischen Bahn kuscheln.

Die Fahrt zum Bahnhof morgens um sechs war kein Problem, auch wenn es die ganze Nacht in Samarkand keinen Strom gab, das Taxi eine halbe Stunde zu früh kam und der Fahrer sich  die letzten 100 Meter zum Hotel ersparte. Kein Ausweiszücken vor dem Bahnhof, weil die Beamten nicht aus ihrem warmen Container wollten und der Meister des  Röntgengerätes und seine acht Hipos resignierten nach zehn Minuten, weil das Transportband einfach nicht laufe wollte. Ärgerlich nur, dass alle Kioske zu waren und der Automat nach einer Packung Kekse seine Geist aufgab. So bleiben mir für dreißig Stunden Fahrt zwei Flaschen Wasser und zwanzig Bisquit.

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Warten auf dem Bahnsteig, bis aus der Tür in meinen Wagen ungefähr eine Palette Wodka in Sixpacks ausgeladen war. Wahrscheinlich über die Kasachische Grenze im Westen geschmuggelt. Dort hatte der Zug am Tag zuvor seine Reise begonnen. In den Abteilen saßen meist Heimaturlauber, die zu ihren Jobs nach Kasachstan müssen. Ein bisschen  Bammel habe ich dann schon vor der Ausreise, weil ich bei der Einreise verbaselt hatte, neben den Dollars meine 200 Euro im Gürtel zu deklarieren. Es ist in Usbekistan verboten mehr Devisen aus- denn einzuführen. Und die Kontrollen sind gelegentlich hart. Wenn man erwischt wird, kostet das richtig Geld.

Als ich der Zöllnerin die Devisenerklärung in die Hand drückte, begrüßte sie mich auf Deutsch. Ab diesem Moment war sie chancenlos gegen meinen Offenbacher-Hinterhof-Underdog-Bagger-Charme, der gelegentlich bei 55+ wirkt. Wir haben uns zehn Minuten nett unterhalten. „Ob sie denn nicht nach Deutschland möchte?“ und „wo haben sie so gut Deutsch gelernt?“ „prima, so eine schwere Sprache“. Jedenfalls nach fünfzehn Minuten hatte sie das Papier mit den Devisen in ihrem großem Stapel verbaggert und vergessen.

Interessant waren für die nächsten Stunden die Gespräche mit meinen Mitreisenden. Ein bisschen Englisch, Gesten mit Händen, Kuli  und Wörterbuch. Eine Mutter (62), Usbekin, die ihre zwei Kinder in Almaty besucht und ein junger Mann (21), auch Usbeke, der als Pizzabäcker dort arbeitet. Beide stammen aus der Gegend von Nukus, aus jener Steppe im Nordosten des Landes, die mir bei der Einreise als so trostlos erschien. Ihre Kinder, so die Großmutter, müssten im Ausland arbeiten, weil sie zuhause keine Chance auf ein Auskommen hätten. Für sie als Mutter sei das sehr schwer, nur ihre dritte Tochter lebe noch bei ihr. Die beiden anderen und die Enkel könne Sie nur zweimal im Jahr sehen.  Für alle hat sie reichlich eingepackt. Brot, Wurst und Käse aus der Heimat.

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Auch der junge Pizzabäcker war auf Heimaturlaub. Er interessiert sich für meine Reise. Ich muss ihm alle Bilder auf der Kamera zeigen. Er ist Muslim und interessiert sich besonders für die Fotos, die ich in den Kirchen in Samarkand gemacht habe. Ob ich Christ sei, will er wissen und ist zufrieden als ich „ja“ sage. Auch er hat in Usbekisan keine Perspektive. Und Kasachstan ist ja auch kein Hochlohnland. Aber was soll er machen, um sich wenigsten ein Minimum seiner Wünsche zu erfüllen.

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 Der Zug hat 18 Wagen. Im Schnitt sind sie vielleicht mit 40  Leuten belegt, also 700 Personen, die meisten wohl Gastarbeiter. Und jeden Tag fahren mehrere Trains nach Astana, Almaty oder Sibirien. Migration aus wirtschaftlichen Gründen ist keine deutsche, kein europäische Erfahrung sondern -das habe ich schon bei anderen Reisen sehen können- ein weltweites Problem. Wir stehen  heute wahrscheinlich erst am Anfang. 30 Stunden Liegewagen bringen manchmal mehr Erkenntnis  als 30 mal Maischberger, Illner oder Anne Will im TV. „Wirtschaftsflüchtling“ klingt immer so nach Täter.  Der Pizzabäcker würde lieber ein Restaurant zuhause aufmachen. Er hat weder zu verantworten, dass er in einem korrupten Land lebt noch dass der Klimawandel die wirtschaftlichen Möglichkeiten dort immer weiter einengen. So bleibt ihm ein Traum: Er möchte in einer Osteria  in Moskau arbeiten. Daran muss ich denken als ich abends in Almaty in einer Trattoria  esse bei einem Wirt, der verdammt chinesisch aussieht. Aber das mit den Nudeln und den Antipasti kopiert er verdammt gut.

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Montag, 21. November + Dienstag 22. November 2016 Samarkand

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Naja. Mit dem Mythos „Samarkand“ hat meine Phantasie mehr verbunden. Der Klang des Namens verspricht: Orientalisches Leben in engen Gassen, Weihrauch, ein wenig 1000 und eine Nacht, Smaragde, ein Bummeln durch mittelalterliche Basare, feilschen in Souks. Gegenüber Buchara bietet der Ort jedoch wenig. Breite sechsspurige Schneisen, verstopfte Straßen, Schlaglöcher, eine zerfaserte Altstadt, Smog. Kein Vergleich mit dem homogenen Bild der einstigen Oase Buchara. Gewiss: Es gibt hier in Samarkand neue alleenartige Boulevards, die zum Verweilen einladen, aber ein Problem scheint, dass die Planer versucht haben, die Hunderte von kleinen Läden in riesigen Malls zu konzentrieren. Diese einstöckigen Flachdächer  erinnern an die Monotonie von US-Outlets, keine Einladung zum Stöbern und Herumstromern. Entsprechend leer sind die Geschäfte. Ein Highlight in all der Tristesse: der Markt. Hier tobt das morgenländische Leben.

Kulturhistorisch scheinen die Moscheen, Mausoleen und Monumente aber von herausragender Bedeutung. Einige besuche ich. Im Gedächtnis geblieben ist ein Tempel, der der Bildung gewidmet ist. Sein Erbauer gestaltete ihn besonders prunkvoll, um den herausragenden Stellenwert von Wissen zu unterstreichen.

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Am Ende hat mich aber dann doch ein Museum begeistert. Dafür bin ich morgens etwa vier Kilometer auf eine kleine Anhöhe marschiert, in die Stätte, die dem Astronomen Ulug Bak gewidmet ist. Er hat im 14. Jahrhundert einen Sextanten etwa 11 Meter tief in den Fels  eingelassen. Damit hat er zu jener Zeit den Lauf der Gestirne mit einer Präzession berechnet, die ganz dicht an die Ergebnisse moderner Messmethoden reicht. Die Markierungen, Mauern und Treppen des Sextanten sind freigelegt und beeindrucken mit ihrer Größe . Das kleine Museum nebenan braucht keinen Vergleich mit den Sammlungen in aller Welt zu scheuen. Normal haben Museen hier so einen „Held der Arbeit“ Touch“.

Dieses Haus ordnet das Werk von Ulug Bak in den historischen Kontext seiner Zeit ein. Nach den großen Kriegen seiner Vorgänger im 14 Jahrhundert machte der Sultan Frieden und revitalisierte die alte Seidenstraße. Mit dem Handel begannen die verschiedenen Kulturen sich untereinander auszutauschen, voneinander zu lernen. Medizin, Wissenschaften,  Musik und Malerei entwickelten sich zu einer enormen Blüte, auch weil der Sultan die Rahmenbedingungen förderte, neue Freiheiten gab. Selbst Verbindungen mit europäischen Forschern wurden per Post gepflegt, Schulen und Universitäten begründet. Wo einst die Menschen das Elend der Kriege erlebten, wuchs der  Wohlstand.

Mir sind diese herausragenden Fähigkeiten der islamischen Welt in vergangenen Jahrhunderten schon in Buchara aufgefallen: Kuppeln, die ineinander übergehen, kunstvoll gemauerte Gewölbe und Handwerkskünste auf vielen Gebieten. Wir kennen ihre Leistungen von unseren Besuchen in Andalusien, Istanbul. Meine Tage in Damaskus  fallen mir ein, die Zeit in den Königsstädten in Marokko. Und ich frage mich immer, warum kann die arabische Welt nicht auf diesem  Fundament aufbauen. Stattdessen hat man all die  Öl-Billionen, die Wohlstand der Völker hier auf Jahrzehnte garantiert hätten, für die Ausschweifungen von Herrscherdynastien verschleudert oder dazu genutzt, um sich gegenseitig auf den Kopf zu schlagen.

Morgen geht es weiter Richtung Osten. Ex Oriente Lux. Ein neues Land erwartet mich auf meinem Weg von (Mühlheim) Hanau nach Hanoi.

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