Montag, 12. Dezember 2016, Bangkok

Ruhiger Flug von Saigon nach Bangkok. Gepäck im Flughafen deponiert. Sky-Train in die Innenstadt, U-Bahn.

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Alles hätte so schön sein können, wenn ich ab der Station nicht in die falsche Richtung gelaufen wäre. Stur bei 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 95 % plus. Nach vielem Fragen endlich im Hotel. Für die letzten beiden Nächte gönne ich mir eine luxuriösere Unterkunft. Ein wenig Pool. Relaxen. Habe keine Lust groß durch Bangkok zu latschen, denn die Stadt ist eigentlich  nur laut, stickig und schmutzig.  Und der Blick aus dem Hotelzimmer zeigt, die Stadt ist auch kein architektonisches Kleinod. Das Zimmer ist aber Klasse. Mit Küche so 40 qm groß.

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Und die U-Bahn fährt vom Hotel Richtung China-Town. T+K scheint im Augenblick für Seafood der „In“ – Streetfood-Stand dort zu sein. Köstlich. Austern, ein Snapper (eigentlich eine Portion für zwei) und eine Gemüseplatte. Ich bin rundum zufrieden.

 

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Mit mir am Tisch ein US-Boy. Beim Gespräch stellen wir fest, dass wir acht Wochen zuvor beim gleichen Musik-Festival waren, in Coachella. Wir am ersten Wochenende, er am zweiten. Und Bob Dylan, die Stones, The Who, Neil Young,  Roger Waters und Paul Mc Cartney sind ein Abendfüllendes Thema.

Danach noch ein wenig durch Chinatown gebummelt. Überall Essstände.

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Danach  im Bahnhof, der in der Nähe liegt, „Züge gucken“.

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Empfangskomitee  zu  später Stunde

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Gegen 10 Uhr abends habe ich noch einen meiner Lieblingsorte in der Nähe des Bahnhofs ge- und besucht. An einer Ecke unter der Hochstraße ein paar Stühle, ein Kühlschrank mit Bier, ein kleiner Essenstand, ein paar Waschmaschinen auf dem Pflaster und Tuk  Tuk  Fahrer, die auf ihren Motorrädern im wahrsten Sinne eine Mütze Schlaf nahmen. Fehlanzeige. Statt des unverfälschten Lebens ist hier in das Eckhaus ein neuer Supermarkt eingezogen.

100 Meter weiter kann ich dann noch in einem kleinen Imbiss für ein Bier in den Alltag hier eintauchen. Ich hätte hier zwar nichts Essen aber der Lady hinter ihrem Stand stundenlang zuschauen können wie sie mit einer Pfanne und einem Topf ihre Kundschaft bekocht.

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Montag, 12. Dezember, 2016 – Rückblick Hanoi

Rückblick auf das Hanoi im Jahr 2011.

Abschied aus Vietnam. Aus Bangkok noch einmal ein nostalgischer Rückblick auf das Hanoi, in das ich mich vor einigen Jahren so verliebt hatte. Bilder, die mir aber auch bewusst machen, wie sich in nur fünf Jahren die Altstadt verändert hat. Nicht nur  zum Positiven.

Aber: Niemand sollte verlangen, dass hier Disneyland für die Touries gespielt wird. Denn niemand kann wollen, dass sich die einen am Abend in den dunklen Hinterhöfen eine Toilette in einem Haus mit 50 Menschen teilen, während sich die anderen nach der Besichtigung von „ursprünglichem Leben“ und hunderten pittoresker Schnappschüsse in der Lobby des Vier-Sterne-Hotels zum Sundowner treffen.

 

p1000010-1Führung mit Christian Oster: In der „Apotheke“

p1000017-1Frische Erdbeeren

p1000006Der Geschirrwarenladen auf dem Radl

p1000019-1Auch die Vietnamesen sind Süßmäuler und leisteten sich dafür in Hanoi zu jener Zeit eine eigene Gasse

p1000021-1Typisches Haus in der Altstadt. Man achte auf die toten Gänse im ersten Stockwerk und die Kabel über der Straße

p1000057-1Blick aus meinem Hotel auf den Markt in 2011

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p1000024-1Geschäft in der „Kaffeestraße“. Heute dominieren hier die Regale mit abgepackten „Wieselfake“ und die Kartons mit Nescafé. Der Touristengeschmack  will es so.

p1000033-1Die Geschäfte mit den Propaganda-Postern führten noch Veteranen.

Der Ein „gang“ in ein Restaurant in der Altstadt. Der Weg führte nach circa 50 Metern zunächst durch die Küche.

p1000073-1Gemüsegeschäft. Heute halten die Verkäuferinnen die „Waagen“ den Touristen entgegen für ein bezahltes Foto.

p1000113-1Jede Zunft hatte ihre Gasse. Ob Leitern…..

p1000112-1p1000118…. Metall oder Fässer

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Glastransport: Kein Problem

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Bis spät in die Nacht wird gehandelt, auch in der Apotheke….

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….denn ob Vietcong oder Vietcom. Es sind nur zwei Buchstaben Unterschied.

Good bye und Auf Wiedersehen Hanoi!

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Sonntag, 11. Dezember 2016, Saigon

Ein Satz zu Vietnam, China und die USA

Saigon. Die letzte Nacht in Vietnam. Ende der Zugreise. Das Hotel war fast am Flughafen. Naja. Etwas abgewohnt. Sonntag Abend, offenbar der Tag für den gemeinsamen Restaurantbesuch der vietnamesischen Familie. Ich bin in ein dafür typisches Lokal geraten.  Schade, dass ich beim  Essen meinen  Foto nicht dabei hatte. Habe mich mit Fleisch in Reispapier verköstigt. Kleine Scheiben vom Schwein  sollte ich auf dem Teller mit Gemüse, Nudeln, Chili etc in das Papier einrollen. Mit Stäbchen natürlich. Also Nudeln mit Stäbchen: das schaffe ich. Aber diverse  Zutaten in Reispapier mit Stäbchen rollen. Mission Impossibile. Ein Kellner hat sich meiner erbarmt.

Saigon, Ho Chi Minh Stadt wie es offiziell heißt, kenne ich von früheren Besuchen. Ich mag die Stadt nicht besonders. Hektisch, stickig, keine urbane Handschrift, der Markt eine Ramschbude für T-Shirts und Imitate. Interessiert haben mich bei den vergangenen Besuchen eigentlich nur die Orte, deren Geschicke und Geschichte ich vor 50 Jahren als Jugendlicher im Fernsehen erlebte: der Präsidentenpalast, die US Botschaft (abgerissen) der Landplatz auf dem Dach für die letzten Flüchtenden, die Telefonzellen in der Hauptpost (sind heute Geldautomaten drin), aus denen die Korrespondenten ihre Artikel in alle Welt durchtelefonierten und das Caravelle Hotel, in dem Peter Scholl Latour und all die anderen die von dem Krieg berichteten, schliefen.

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Ja und dann war ich vor ein paar Jahren auch im Revolutionsmuseum. Eine Bekannte hatte mich zu dem Besuch animiert. Ein Foto aus ihren SDAJ Zeiten hing dort in einem Saal. Es zeigt eine Demonstration gegen den Krieg in Hamburg.

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Am Vorplatz alles noch normal. Die Veteranen aus den USA besichtigen das Kriegsgerät, das ihnen der Vietcong enteignet hat. Drinnen dann kamen all die Bilder zurück, die man schon längst in der hintersten Datenbank des Hirns vergessen hatte: Das Massaker von My Lai, die Erschießung des Vietcongs, der sich ergeben hatte, die missgebildeten Embryos nach den Napalm-Angriffen und und und. Als ich aus den Hallen ging, saß ich wie die meisten anderen erstmal regungslos für 15 Minuten auf einer Bank.

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Ja und dann die Überraschung: Im letzten Ausstellungsraum nach den üblichen Bildern „Kinder malen für den Frieden“ hingen sie, die Fotos mit der eindeutigen Botschaft: unser Freund Bill Clinton, unsere guten Beziehungen zu den USA, ewige Freundschaft und so. Und zwei Wände weiter: unser ewiger Aggressor: China, nebenbei das Land, das ihnen half den Krieg zu gewinnen.  Gut oder besser ok: Wir hatten da mal zehn Jahre irgendwelche Händel mit den USA, aber unsere Jahrhunderte alte Feindschaft, die pflegen wir mit China, egal wie die uns mal aus der Patsche  geholfen haben. Diese Rivalität ist wohl in der DNA jedes Vietnamesen verankert. Rutscht jemand dort auf der Bananenschale aus, wird er sagen, „Schuld haben die Chinesen“ und schmeckt die Suppe nicht „klar, China war es“. Das ist so wörtlich zu nehmen.

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Die Auseinandersetzung mit China hat an Schärfe gewonnen seit sich beide Länder um die Paracelsus Inseln im Südchinesischen Meer streiten. China reklamiert für sich die Ölvorkommen dort. Das ist ein Grund. Der andere: Trotz der langen Küste müssen Schiffe aus  China auf dem Weg ins offene Meer immer an anderen Ländern vorbei. Irgendjemand steht immer im Weg: Korea, Japan, die Philippinen oder Vietnam. Mit den Inseln hätten sie freie Fahrt.

Ja und Vietnam versucht an jedem Ort zu beweisen, dass die Eilande seit Urzeiten zu dem Land gehören. In jedem Bahnhof, an jedem öffentlichen Ort eine Schautafel, die nur eine Interpretation zulassen: „das ist unsere Einlande“. Egal in welchem Museum: Tapetenfunde aus dem 6. Jahrhundert, Vasen aus anno 1233 oder Hufnägel aus dem Jahr 1756 stellen immer einen Bezug zu den Inseln her mit eindeutigen Indizien, dass sie seit Menschengedenken zu Vietnam  gehören. Ich glaube die Karten im Historischen Museum in Hanoi zeigen, dass bereits die Dinosaurier, die vor Millionen Jahren in friedlicher Absicht zu den Eilanden geschwommen sind, aus Vietanam kamen.

Und natürlich auch immer ein Foto wie gerade ein amerikanischer Flugzeugträger in der Nähe vorbeifährt und im Notfall helfen würde. Bilder, die suggerieren, unsere einstigen Gegner sind heute unsere Best Buddies.

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Samstag, 10. Dezember 2016 und Sonntag 11. Dezember – Von Hanoi nach Saigon

Ich nehme den Frühzug morgens um sechs. 36 Stunden Fahrt aber nur eine Nacht in der Bahn. Das Taxi übers Hotel bestellt. Ein Drittel des Fahrpreises der Hinfahrt. Wir reden hier von einem Euro statt drei. Nicht Jammern aber ich bin froh, dass ich vier Tage zuvor die Stadtrundfahrt, mit der  das Taxi-Schlitzohr mich abziehen wollte, verhindert habe. Ich kaufe in der Halle Kekse und Cola. Mit vietnamesischen Speisewagen habe ich sehr schlechte Erfahrungen. Schnell mache ich noch ein Foto von der Lok. Das Gebäude lohnt eigentlich kein Bild. Die alte koloniale Station ist von den Amerikanern während des Krieges zerbombt worden.

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Die Strecke Hanoi – Saigon durchquert das lange und schmale Land fast von oben nach unten. Sie ist das Herzstück von Vietnam Rail. Ihre Rekonstruktion war eines der ersten Projekte der Regierung nach der Beendigung des Krieges, ein Vorhaben mit hohem Symbolwert, um die beiden Teile des Landes wieder zu verbinden. Die sechs bis acht Züge pro Tag in jede Richtung heißen denn auch „Wiedervereinigungsexpress“.

Im Abteil begrüßen mich schon zwei Mütter, die sich die Liegen unten jeweils mit ihrem Kind teilen und ein junger Mann. Wir sind also insgesamt sechs Personen. Ich verlängere erst mal meinen Schlaf um drei Stunden, was nicht so einfach ist, denn der kleine etwa sechsjährige Sohn ist hyperaktiv, während das Mädel ein ganz Liebes ist. Als ich mich dann von meinem Hochsitz nach unten bewege, nehmen mich die beiden Kids für den Rest der Zugfahrt in Beschlag. Unser beliebtestes Spiel: Ich sage einen deutschen Satz und sie rennen durch den Zug und wiederholen die Worte. Nach Stunden lehre ich sie rufen: „Ich bin hier nicht das Kinderprogramm“, hat aber auch nicht geholfen. Stattdessen schauen andere Kinder  vorbei, deren Mütter mich dankbar anlächelten.

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Abends dann auf ein Bier in den Speisewagen. Habe so eine verrückten Australier getroffen, der auch immer mit dem Zug fahren muss. Der war etwa fünf Jahre älter wie ich und  plant die längste Zugreise der Welt von Nordkorea nach Moskau, sieben Tage. Auch eine Idee (Müller für den Sch… bist Du zu alt)

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Der Australier fährt nur Holzklasse. Aus dem Rückweg in mein Abteil bekomme ich in Bild davon, was es heißt hier zu nächtigen. Überall auf der Erde liegen Menschen auf Decken und Matten. Ich traue mich nicht über dem Gang, weil ich Angst habe, auf jemanden zu treten. An der nächsten Station Da Dang steige ich aus und marschiere über den Bahnsteig zurück.

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Mir bleibt meine etwas bequemere Pritsche.

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Zeit für ein paar Worte über Vietnam.

Das Land hat einen sehr ambitionierten Plan: ausgehend vom Beginn des 21. Jahrhunderts möchte es  in kaum 20 Jahren vom Entwicklungsland zur Industrienation aufsteigen. Die realen Wachstumsraten sind in den letzten Jahren mit so um die sieben Prozent beeindruckend. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stieg von 800 Dollar (2006) auf über 2000 Dollar im Jahre 2016. Im Hinterkopf bitte immer bedenken. Hier leben etwa 90 Millionen Menschen. Das Bevölkerungswachstum beträgt jährlich etwa 1,5 Prozent. Diese 1,5 Prozent müssen erstmal erwirtschaftet werden, damit der Wohlstand pro Kopf  stabil bleibt. Ratschläge auf internationalen Konferenzen und gut meinenden Menschen  von quantitativen auf qualitatives Wachstum umzusteigen, helfen hier erstmal nicht, es sein denn die Regierung würde ihren politischen Selbstmord planen.

Die Mehrheit der Bevölkerung lebt nach den Regeln von Konfuzius. Das ist keine Religion sondern eine Art Kombination zwischen Ahnenkult und Lebensweisheit. Sozialismus und Konfuzianismus sind eine Liaison eingegangen, die auf den ersten Blick schwer zu verstehen ist. Es ist ein festes Schema von Hierarchien bei Konfuzius: wohlhabend vor weniger bemittelt, reich vor arm, Mann vor Frau. Ääähh? Der Sozialismus strebt doch die Gleichheit an?  Dafür standen wir doch 1968 im Strahl der Wasserwerfer. Die Jungs denken hier  nicht so ideologisch. Konfuzius hat ein festes Regelwerk fürs Leben, die Kommunistische Partei ist in Kaderstrukturen organisiert. Passt doch und ergänzt sich super. Und dann hat das Politbüro noch verkündet: wir gängeln die Klein- und Mittelbetrieb nicht in Ihren  wirtschaftlichen Aktivitäten. Und was lesen wir bei Konfuzius: Wir streben nach drei Dingen: Geld, Wohlstand und Reichtum. Und das machen die Vietnamesen pausenlos. Das ganze Land scheint eine einzige Familie von Duracell-Hasen zu sein.

Auslandsinvestoren werden alle Wege geebnet. So mal kurz dreißig Kilometer Autobahn für eine neue Fabrik. Kein Problem. Am Jahresende wird eingeweiht. Aber: Man darf nicht nur die riesigen Hallen von den japanischen  Herstellen wie Canon oder den deutschen Hemdenschneidern von Seidensticker sehen sondern  man muss sich die Parkplätz davor anschauen. Tausende von Mopeds und Bussen für den Transport der Arbeiter. Ja und dann denke ich. Die Halle ist ja groß. Aber es sind ja wenn ich mir die Mopeds anschaue verdammt viele Menschen, die hierher zum Arbeiten kommen. Muss ja verflucht eng darin sein. Die Erklärungen europäischer Hersteller nach Brandkatastrophen von Fabriken in der Dritten Welt nach dem Motto „Nix geahnt“ sind wenig glaubhaft. Man muss noch nicht mal in die Halle. Ein Blick auf den Parkplatz genügt.

Die Idylle bekommt Risse. Der Wohlstand der Menschen in dem Land wächst. Kein Zweifel. Aber auch die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Wenn Abends die Kids der Superreichen mit ihren Ferrari und Maserati um den Hoan Kiem See  ihre Runden drehen, dann beginnen die einfachen Leute, die Tag und Nacht schuften, zu ahnen: „Konfuzius hin oder her. Da komme ich nie hin“. Die Zahl der „illegalen Streiks“ steigt dramatisch. Also: „Illegale Streiks“ das klingt so aufrührerisch. Es  sind  ganz normale Streiks wie bei uns, nur halt im Sozialismus heißen sie  „illegal“.

Religionen dürfen frei wirken, solange sie kein soziales Engagement über den Kindergarten hinaus zeigen. Die Gottesdienste beispielsweise in den Kathedralen von Hanoi und Saigon sind überfüllt. Manchmal im Schichtbetrieb fünfmal am Sonnntag, obwohl nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung Katholisch sind. Der Gedanke allein, Papst Franziskus käme in das Land und mahnt gemeinsam mit den regierungskritischen  Strömungen des Buddhismus Reformen an, lässt grüne Pickel im Gesicht der Funktionäre sprießen.

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Konfuzianismus ist auch eine Art Ahnenkult. Die Leute gehen in die Pagoden und senden den Verstorbenen Dinge, die sie für das Leben im Jenseits brauchen. Immer nach der Maßgabe: Geld, Reichtum, Wohlstand. Es werden Räucherstäbchen angezündet und ein (Spielzeug-) Porsche vor den Docht gestellt oder ein nachgedrucktes Bündel Dollars. Natürlich dürfen die Vorfahren auch nicht verhungern. Deshalb werden Essen und besonders Süßigkeiten  mitgebracht. Die verzehren die Hinterbliebenen dann selbst, wenn das Räucherstäbchen verglüht ist. Mir haben die Stapel von Bierdosen in den Pagoden gefallen, die anschließend ausgetrunken werden. Ich habe mir dann immer vorgestellt: Ich rufe daheim  in die Küche: „Frau, ich muss mal schnell auf den Friedhof. Opa hat Durst auf drei Weizenbier“.

Thema Plagiate: Konfuzius lehrt: Ihr sollt danach streben, so perfekt wie der Meister zu werden. Deshalb hat hier niemand ein schlechtes Gewissen, Produkte zu imitieren. Er hat stattdessen das Gefühl, etwas Besonderes zu leisten. Bei meinem ersten Besuch, hatte ich Probleme mit meiner Kamera. Also habe ich mir eine kleine Pocket-Knipsie gekauft. Was macht ein einfach strukturierter  Deutscher. Er rennt dorthin  wo er  sich auskennt. Und da stand vor sieben Jahren mitten in Hanoi ein riesiger Media Markt. Schriftzug über der Tür, Wegweisung, Werbeprospekt, Deko, alles 1:1 wie bei uns in Dietzenbach oder im dez in Kassel. Dumm nur, dass mir später jemand, der in Hanoi lebte, erzählt hat, mit unserem Media Markt oder der Metrogruppe habe dieses Geschäft soviel zu tun wie eine Vegan-WG mit Burger King.

In Hanoi kann man in einschlägigen Straßen von Rembrandt über Monet bis hin zu Andy Warhol jedes Bild dieser Welt im „Original“ kaufen. Bezahlt wird für die Kopien nach Quadratmetern. Die Qualität ist oft erstaunlich. Auch hier: kein Ansatz von schlechtem Gewissen: man will  nur dem Meister ähnlich werden. Nur: wer die Imitate knipsen will, der bekommt mit den Plagiatoren richtig Ärger. Aber mittlerweile werden diese Läden weniger, es eröffnen mehr echte Galerien, die richtige Originale der heimischen Szene präsentieren.

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Und zum Schluss: Onkel Ho, also Ho Chi Minh: Ich habe es immer noch nicht geschafft, den einbalsamierten Körper im Mausoleum anzuschauen. Eigentlich habe ich auch keine Lust drauf. Vor einigen Jahren gab es unter Jugendlichen hier eine Umfrage: 7 Prozent konnten den Namen zuordnen. Über 90 Prozent kannten Bill Gates. Und wenn man den Dresscode und die Frisuren der urbanen Jugend hier studiert,  dann lassen sich die Vorbilder erahnen. Brad Pitt und Andy Jolly.

In Saigon habe ich auf einer früheren Reise Jugendliche beobachten können, die Sonntagmorgen ihren Politunterricht im Park hatten. Professionelles Desinteresse.

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Zurück in den  Zug

Natürlich ist mein kleiner hyperaktiver Bub morgens um 5 wach und unterhält das Abteil mit einem weiteren Kind aus dem Nachbarcoupé, das auch schon stimmenmäßig total gut drauf ist.

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Die beiden Frauen bereiten (Instant-) Suppe vor mir bleibt ein karges Frühstück mit einer Art Käse in einem Biscuit  und ein sehr süßer Kaffee von der Minibar.

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Während am Tag zuvor Reisfelder das Leben links und rechts des Bahndamms prägten, dominieren jenseits der Wolkenpasses südlich von Hue, der das Land auch klimatisch trennt, Plantagen. Es sind wohl meistens die Stauden für die köstlichen kleinen Bananen, die wir in unserem genormten  Chiquita-Europa kaum kennen.

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Reis anzubauen scheint ein mühsames Geschäft. Im Gegensatz zum Gebiet zwischen Lao Cai und Hanoi werden hier manchmal Maschinen eingesetzt, um den Boden zu beackern. Dort wurden die Pflüge noch von Ochsen und Kühen gezogen. Dann pflanzen Frauen die Setzlinge in den Morast. Ich denke mir, dass doch bei den Temperaturen und dem vielen schlammigen Wasser Scharen von Mosquitoes die Arbeit zur Hölle machen.

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Manchmal nieselt es ein wenig. Aber spätestens nach 100 Kilometern ändert sich das Wetter wieder. Haupttransportmittel sind Mopeds und Fahrräder.

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Ab und zu ist die Küste zu sehen. Traumhaft, trotz der dichten Wolkendecke.

Vietnam ist fast 2.000 Kilometer lang. Eingeklemmt zwischen Bergen und dem Meer. Der ebene Küstenstreifen ist meist sehr schmal. Hier Krieg zu führen, ist nicht nur jenseits unseres Wertecanons sondern auch von den Chancen her  schlicht dumm. Liebe Amis: Einfach nur im Geographieunterricht aufpassen und Plan B machen. Und nach Laos mit seinem fast durchgängigen Regenwald, und nach Kamabodscha mit den riesigen Seen zwischen dem Dschungel einzumarschieren, war auch nicht wirklich intelligent.

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Ich suche Billy Joels „Saigon“ auf meinem MP3 Player, der  hier die Grausamkeiten des Krieges selbst erlebt hat.

We, held the day
In the palm of our hands
They, ruled the night
And the night, seemed to last as long as six weeks
On Parris Island
We held the coastline
They held the highland
And they were sharp
As sharp as knives
They heard the hum of the mortars
They counted the rotors
And waited for us to arrive

Bei meinem ersten Besuch in Vietnam war ich in jener Zone in der Nähe von Saigon, die für den Vietcong in den ersten Tagen des Krieges als bereits befreit galt. Es gibt dort so eine Art Themenpark „Vietnamkrieg“, ich vermeide das Wort Disney-Park, das auch nicht wirklich falsch wäre. Mittelpunkt ist ein Schießplatz für Jedermann. Angeblich kann man da auch gegen Dollar mit einer Panzerfaust auf Tiere schießen.

Ich hatte Pech: die Führerin meiner Gruppe delektierte sich bei  der Vorführung an der Vorstellung wie die Soldaten bei all den Bambusspitzen, vergifteten Ästen, Nagelbrettern etc litten. Die älteren Vietcong, die die Nachbargruppen begleiteten und hier selbst gekämpft hatten, sprachen eher mit der Achtung und Erfahrung der Veteranen, die die Grausamkeiten selbst erlebten.

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Falle

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Ein Versteck für Stunden

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Da sind die durchgekrabbelt.

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Unvorstellbar auf diesen Dschungelwegen mit all den Fallen zu marschieren. Unter der Erde ein Höhlensystem mit Kliniken, Schlafräumen, Küchen, Einsatzzentralen und und und. Ich habe mir die Modelle angeschaut. Einige aus der Gruppe sind in die Gänge, die schon für westliche Schultern verbreitert worden sind, rein und sind fluchtartig umgekehrt. Ein junger Japaner kam nach 35 Metern wieder an der Erdoberfläche. Schweißgebadet und Leichenblass.

Zurück zur Gegenwart

Pünktlich am Nachmittag erreicht der Zug Saigon. Foto machen. Taxi (ohne Abzocke). Hotel am Flughafen.

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Meine letzte Lok trägt die Nummert D19E – 938. Sie  bringt mich die letzten 500 Kilometer von 18.000 KM  nach Saigon.

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Freitag, 9. Dezember 2016, Hanoi

Dann hat er mich doch gestochen, der Hafer. Minh hat mir noch ein Ticket für den Zug am nächsten Morgen  nach Saigon besorgt. So wird aus „Hanau – Hanoi“ vom „Markwald zum Mekong“. Leider war für die 1.600 Kilometer nur noch ein Upper Bed frei. Aber in Saigon ist endgültig Schluss. Richtung Thailand fehlen zwischen Saigon und Phnom Penh in Kambodscha  100 Kilometer Gleis, davon 1.000 Meter für eine Brücke über den Mekong.

Ein australisches Konsortium hat das Bahnnetz in Kambodscha tip top modernisiert, wohl in der Hoffnung auf den Transit von Containern von China nach Singapur. Heute fährt täglich im ganzen Land  ein Güterzug aus der Hauptstadt zur Küste und am Wochenende auch mal ein wenig Personenverkehr. Richtung Norden gibt es den Bamboo Train, Illegale Draisinen auf denen sich Touristen durch den Busch chauffieren lassen können. An der Grenze nach Thailand ist die  Strecke mit riesigen Spielcasinos im Niemandsland auf zwei Kilometer überbaut. Als ich vor einigen Jahren hier zu Fuß den Schlagbaum passierte, hatte ich das Gefühl: rechts der Straße „Dritte Welt“ links Las Vegas.

Zurück nach Hanoi. Um sieben Uhr weckt mich der Stadtfunk vor meinem Fenster. In Hanoi hängen in jeder Straße Lautsprecher und zweimal am Tag verkündet das Rathaus so seine Neuigkeiten. Müllabfuhr, Sprechstunden aber auch, so wird mir berichtet, die kleinen Sünden der Hanoier: Steuern zu spät gezahlt, Bürgersteig nicht gekehrt.

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Neben meinem Hotel die Straße,  in der die Zunft der Moped-Werkstätten zuhause ist. Aber immer mehr Hanoier fahren Elektro. Das wird die Betriebe  hier im Kleinen so treffen wie die Belegschaft in Wolfsburg im Großen.

Reisevorbereitungen. Das bedeutete vor allem, wo bekomme ich das Display meines Tablets repariert.  Gut das sich in Hanoi viele Branchen an einem Ort konzentrieren. Ich klappere bestimmt zwanzig PC-Doktoren  ab.  Ein deutsches Fabrikat? Keine Glasscheibe auf Lager. Endlich. Es ist fast der letzte Versuch. Die Chefin hat auch kein passendes Display, beauftragt aber ihre Jungs  die Splitter wieder zusammenzusetzen und eine Sicherheitsscheibe darauf zukleben. Es bleibt ein kleines Spinnennetz aber die kleine Maschine funktioniert wieder. ( 8 Euro für zwei Stunden Arbeit).

Die vietnamesische Gesellschaft in nach Konfuzius sehr klar geregelt. Eine Regel von Konfuzius: Mann vor Frau. Frauen machen hier die Schwerarbeit, schleppen Säcke, während die Männer seelenruhig daneben hocken und palavern. Sie kennen, so Christian Oster mal zu mir, eigentlich nur ein Thema und mögliche Geheimtipps von Nashornpulver bis Käferhirn.

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Auf meiner Fahrt von Halong nach Hanoi konnte ich beobachten  wie vier Mädels an einem Bahnhof Schwellen mit der Hand ausgewechselt haben, während die Jungs gute Ratschläge gaben.

Bei meinem Rundgang durch die Computergeschäfte ist mir aufgefallen, dass sie  fast alle von Frauen geleitet werden. Die Männer schrauben und setzen die Platinen ein, nach weiblicher Anweisung. Das mit besserem technischem Verständnis zu begründen, liegt oberflächlich zunächst nahe. Ich glaube aber der eigentliche Grund ist, dass in Vietnam sehr viel mehr Frauen in der Schule des Ehrgeiz hatten, Englisch zu lernen, die Sprache gut sprechen. Und ohne Englisch kann man in dieser Branche nicht bestehen.

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Ich besuche während der Reparaturzeit ein anderes von Frauen erfolgreich geleitetes Unternehmen, meine Lieblingssuppenküche. Der Stand steht gerade so am Rande der Altstadt. Ein Tisch, einige Kinderhocker, ein Grill und Kochtöpfe. Ich habe die hochbetagte Chefin noch vor drei oder vier Jahren selbst kennengelernt. Unbeweglich wie Buddha blickte sie von ihrem Sitz über das Geschehen. Jetzt betreiben ihre Tochter und die Enkelinnen das Geschäft. Eine Stunde ist am Tag nur geöffnet, aber für das Besondere ihrer Suppe braucht es eine lange Vorbereitung. Das  Fleisch wird an kleinen Bambusstöcken gegrillt und erhält so seinen würzigen Geschmack. Die Nudeln werden nicht in der Brühe serviert sondern zusammen mit einem Teller mit  Kräutern gereicht. Man nimmt ein Blatt und eine Portion Nudeln mit den Stäbchen, tunkt alles in die Suppe und lässt die kleine Köstlichkeit auf der Zunge zergehen.

Zurück zum Hotel nochmal durch die Altstadt. Die riesigen Markthallen sind immer noch eine Attraktion. Hier gibt es alles. Für jede Küche, und jeden Geschmack. Viel Getier krabbelt noch in Eimern, es duftet nach exotischen Gewürzen, Früchte, die bei uns in keinem Spezialitätengeschäft zu finden sind.
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Abends ins „Home Vietnames Restaurant“ statt ins „1946“, das nur noch schlechte Kritiken erhält.. Man sollte den neuen Aufsteiger gleich besuchen und nicht warten bis er satt ist und sich auf seinem Ruf ausruht. Ich werde nicht enttäuscht. Rindfleisch mit Gemüse bruzzelt im Wok auf meinem Tisch über einem Feuer aus Zitronengras. Das liebe ich an Vietnam: Streetfood am Tag und eines dieser guten, und noch sehr gut bezahlbaren Restaurants am Abend.

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Zurück durch die Altstadt. Freitags abends werden die Straßen für einen riesigen Markt gesperrt. T-Shirts, Imitate, Modeschmuck und Handyhüllen satt.

 

 

 

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Donnerstag, 8. Dezember, Halong – Hanoi

Unverhofft kommt oft und dann manchmal noch viel besser. Ich frühstücke morgens um sechs. Heute ist eine besondere Zugfahrt geplant. Aber schnell noch ein Bild aus dem Frühstücksraum im 9. Stockwerk vom Sonnenaufgang.

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Die Bahnstrecke Halong -Hanoi bezieht ihren Kultstatus nicht aus der  Schönheit der Landschaft ringsum sondern in den einschlägigen Eisenbahnforen aus der Ungewissheit. Vietnam Railways hatte bereits vor drei Jahren die Stilllegung des Personenverkehrs angeordnet.  Monat für Monat grassierten neue Gerüchte, ob der einzige Zug auf dieser Verbindung noch dieselt. Ich habe mir bei Minh, der Mitarbeiterin von Christian Oster ein „pick up“ besorgt. Täglich kommen tausende Touristen in Kleinbussen nach Halong für eine Mini-Kreuzfahrt in die bizarre Insellandschaft. Mittlerweile sollen es bis zu achthundert Boote sein, die in der „Einsamkeit“, so die Prospekte,  nachts ankern. Die Besichtigung der schwimmenden Dörfer geht nur noch  im Schichtbetrieb.

Minh rät mir von der Fahrt mit dem Train  ab. Erst via Internet kann ich sie davon überzeugen, dass möglicherweise ein Zug fährt. Im Hotel wird mir als Alternative die Schifffahrt vorgeschlagen. „Train? Impossible.“ Ich bleibe stur. Morgens um sieben kommt der Fahrer mit weiteren sechs Passagieren. Unterwegs eine halbe Stunde Pause in einem der schrecklichen XXL-Souvenir-Shops mit Code um den Hals für die Provisionsabrechnung. Aussteigen an der Bootsanlegestelle, die, so Google maps, etwa zehn Kilometer vom Bahnhof entfernt liegt. Kein Taxifahrer kennt die Station. Nur Kopfschütteln. Endlich. Einer hat einen Translator und ich kann ihn von meinem Ziel überzeugen zu dem ich ihn dann lotse.

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Die erste Überraschung: die Kommunikation zwischen der Fahrplankonferenz und der Neubauabteilung bei Vietnam Railways scheint nicht ganz zu klappen. Ich komme an einem nagelneuen, riesigen, modernen Bahnhof an, der vollkommen leer steht. Wartezone, Sitzreihen, sieben Fahrkartenschalter und und und. Für einen Zug am Tag. Mein Ticket bekomme ich im Waggon erklärt mir die junge Schalterbeamtin (für was dann ein Schalter), die sehr gut Englisch spricht. Marmortreppe hinauf, am Bahnsteig hinunter.

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Keine zehn Sekunden zu früh. Der tägliche Zug fährt ein. Kaum steht er, beginnt ein riesiges Spektakel. Aus den Fenstern werden Kisten, Säcke und Bündel gereicht. Innerhalb von zehn Minuten beginnt an vierzig Ständen ein richtiger Markt unter dem Bahnsteigdach.

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Einige Frauen kaufen, so erklärt mir ein junger Mann, der als Guide in der Halong-Bucht arbeitet, Obst, Gemüse, Kartoffel, Kräuter, Tomaten und Hühner preiswert bei den Bauern im Gebirge ein, transportieren die Ware etwa drei Stunden mit dem Zug hierher und haben in der Restaurants und Booten, die im Jahr drei Millionen Menschen versorgen müssen, eine gute Kundschaft. Hier wird nicht in Kilo gewogen sondern in Säcken. Die Käufer sind  mit einer wahren Mopedflotte unterwegs. Von der Verbindung hängen richtig viele Arbeitsplätze ab. Strukturpolitik via Bahn.

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Ich beobachte das Geschehen von einer kleinen Verpflegungsecke am Rand bei Bier und Süßigkeiten. Markt in seiner ursprünglichen Bedeutung. Pur und unverfälscht. Viele Fremde waren offenbar noch nicht hier. Dauernd soll ich Fotos machen. Die Marktfrauen werden mir vorgestellt. Kinder mit und ohne vollgekackten Windeln werden mir  für ein Bild in die Hand gedrückt. Ich muss Früchte und Obst probieren. Knapp neunzig Minuten hat der Zug Aufenthalt. Aber bereits nach sechzig Minuten werden die Decken eingerollt die übrig gebliebene Ware wieder im Zug verstaut.

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Der Maschinist schraubt vor dem Umsetzen noch an seiner Lok. Der Bahnsteigbeamte, der gut Englisch spricht, zeigt mir seine Handyfotos von anderen Eisenbahnfreunden bevor er ankuppelt. Im Personalwagen werden die zahlreichen Schaffner, die mitgekommen sind, geweckt. Kurz vor zwei geht es zurück. Die Strecke ist in chinesischer Spurbreite nicht vietnamesische Schmalspur. Wohl ein Überbleibsel aus dem Krieg, wo die Unterstützung aus dem Nachbarland über den Hafen von Halong lief.

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Der Zug hat neben dem Personalwagen zwei Gepäckwagen plus einen Waggon Dritter Klasse. Es ist das heruntergekommenste Material in Vietnam. Der für mich zuständige Schaffner schreibt erstmal meinen Pass ab. Die Marktfrauen haben jetzt Feierabend. Einige liegen in Hängematten, andere spielen Karten um Geld und wollen dabei nicht fotografiert werden. Im Sitzwagen bildet sich bald ein Kreis um meine Bank. Der Guide übersetzt geduldig. Die Chefin, deutlich eleganter als der Rest, macht die Abrechnung. Etwa neun Dollar gibt es pro Nase für drei Stunden Hinfahrt, neunzig Minuten Markt und drei Stunden Heimweg.

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Zwei Damen geben sich mit einer Vorführung als Kung Fu Kämpferinnen zu erkennen. Die sehr Vorlaute (also für Insider die Frau Heckelmann von Halong) fragt mich, ob ich sie mit nach Hanoi und dann mit nach Deutschland nehmen würde.

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Sie hätte „No Husband“. Ich rette mich indem ich ihr übersetzen lasse: „Eine so hübsche, temperamentvolle junge (54 Jahre hatte sie mir verraten) Frau habe keinen so alten Mann wie mich verdient. Ich werde bemuttert.

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Darf in der Hängematte liegen. Die  Äpfel werden für mich geschält. Also so eine Vietnamesin hat schon was. Mädels nehmt Euch mal ein Beispiel. Und immer wieder Bilder mit Kids.
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Nach drei Stunden Abschied. Meine „Fastliebe“ hat ein richtig schickes Motorrad.

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Vor mir liegen noch vier Stunden Zugfahrt in einen Vorort von Hanoi. Es ist fast zehn Uhr abends als ich ankomme.

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Und von dort aus schaffe ich es sogar noch in den richtigen Bus bis fast zu meinem Hotel..

 

 

 

 

 

 

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Mittwoch, 7. Dezember 2016, Hanoi

Hanoi. Bei meinem ersten Besuch vor sechs (oder waren es sieben)  Jahren habe ich mich spontan in die Stadt verliebt. Nach einer zweitägigen Fahrt im Slow-Boot auf dem Mekong durch den Regenwald von Thailand nach Luang Prabang kam ich abends mit einem kleinen Playmobil-Flieger der Air Lao in Hanoi an. Der erste Eindruck: Chaos. Auf der Autobahn vom Flughafen irrten dem Bus immer wieder Motorradfahrer und Eselskarren entgegen, letztere so eine Art „Geister-Muli“. Ich hatte ein ziemlich einfaches Hotel hinter dem Bahnhof inmitten eines Marktes voller Leben, auch noch zu später Stunde.

Mit  einer Freundin meines Sohnes war ich gegen 23 Uhr verabredet. Sie besuchte mit einigen Entwicklungshelfern, die die Stadt kannten, ein Jazz-Konzert im Französischen Kulturzentrum. Anschließend einige Drinks in einer Bar, die an lang vergangene Kolonialzeiten erinnerte.

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Am nächsten Tag führte uns Christian Oster durch die Altstadt. Der Journalist aus Freiburg ist hier verheiratet, lebt mittendrin, arbeitet für Radio Hanoi, organsiert Touren und Führungen. Kanzler wie Schröder hatte er bereits begleitet, später Guido Westerwelle, Sigmar Gabriel und viele andere Politiker. Aber auch eine Fernsehköchin, die hier die Fortsetzung ihrer Feinschmecker-Soap drehen wollte.

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Ich kann mich genau an die erste Gasse erinnern, die er uns vorstellte. So eine Art Medizin-Arkade. Auf der einen Seite alte weiße Frauen, die den Menschen in die  Augen oder auf die Haut schauten und gegenüber die Apotheken mit riesigen Bauchflaschen in denen Schlangen und Käfer in einer undefinierbaren Brühe einbalsamiert waren. Mit der Diagnose auf einem Zettel wechselte man auf die andere Seite des Weges und erhielt seinen Zauberrank.  Und dann die Kaffeestraße mit den kleinen Läden, die noch selbst die Bohnen abfüllten. Ich fühlte mich wie im Mittelalter als die Zünfte in Europa das Wirtschaftsleben prägten: eine Gasse für Kinder, für Schreiner, für Süßigkeiten, mit Schmieden, für Leder und für Tuch. Ich bin später viele Stunden durch das Gewirr gestromert.36 Gassen sind es und in jeder von ihnen dominiert ein anderes Gewerbe. Konnte mich nicht satt sehen. Frauen, die einen ganzen Topfladen auf dem Fahrrad transportierten, Glaser, die mit dem Motorroller vier Quadratmeter Schaufenster auslieferten (den Anblick hat jeder Physik-Lehrmeinung widersprochen), fliegende Straßenhändlerinnen mit einer Stange und zwei Schalen Obst feilboten.

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Unsere Gruppe besuchte Nudelküchen: Feuer und einige Kinderhocker auf der Straße und im Kessel köchelt die beste Suppe der Welt. Frisch mit Huhn, Fisch oder Schwein. Jedes dieser kleinen Restaurants hatte sein eigenes besonderes Rezept für die Zutaten.

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Über 70.000 Menschen leben hier in der Altstadt. Berliner Hinterhöfe sind dagegen ein Idyll. Oft läuft man über 50 Meter durch einen ein Meter breiten Gang, kaum 180 Zentimeter hoch, um zu dem hintersten Eingang zu gelangen. Ich erinnere mich an ein Restaurant, das irgendwo ganz hinten um ein offenes Feuer gekocht hat. Köstlich. Die Besitzerin, 1,40 Meter groß, lebte wie in einem Schwalbennest, das oben an der Wand kurz vor der Decke irgendwie befestigt war. Bundesdeutsche Bauaufsichten hätte der Schlag getroffen auch wegen der Elektroleitungen, die in einem bizarren Gewirr, das niemand mehr zu entknoten vermag, überall rumhängen.

Es ist jetzt  mein fünfter Besuch in Hanoi. Ich bin Teil eines Touristenstroms, der für so ein kulturgeschichtliches Kleinod nicht nur Lust sondern auch Last ist. Die Häuser hier stehen noch, aber die Veränderungen sind nicht zu übersehen. Irgendwie verkommt dieser stolze Kern zu einem riesigen Shop für T-Shirts und Lederimitate. Ich kann es den Menschen nicht verdenken. Sie bedienen die Nachfrage und verdienen mit dem Ramsch auch noch besser.

Bei meinem ersten Besuch bin ich nur einmal bei meinen Streifzügen intensiv angesprochen worden, um eine Kappe zu kaufen.  Heute passiert das auf Schritt und Tritt und nicht immer mit lauteren Absichten. Meine Turnschuhe müssen unbedingt gewienert werden, so alleine bräuchte ich doch weibliche Begleitung, ob ich nicht mal so eine Stange mit Obst für ein Foto und Bakschisch halten möchte. Man versucht mich in alle möglichen Läden zu zerren.

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Immer mehr Bars, Pubs, Pizzerien mit großflächiger Reklame eröffnen. Burger King ist auch schon da. Klar, ist ja auch irgendwie Streetfood. Starbucks wird kommen, da bin ich mir sicher und am besten neben einer Traditionsrösterei. In meinem Lieblingsgeschäft in der Kaffeegasse werden mittlerweile die Regale mit Nescafe gefüllt. Der chinesische Gast will das so. Und den berühmten Kaffee, der in den Bäuchen von Katzen oder Wieseln sein besonderes Aroma entwickelt, gibt es an jeder Ecke in der XXL-Tüte. Mir hat mal jemand, der sich auskennt, gesagt. Wenn der echt wäre, wäre ganz Vietnam von Katzen zugekackt.

Und unten: wo die Altstadt an den See grenzt, bedienen nicht mehr Ober in einem dem wunderbaren Cafés sondern Aushilfen die heute bei Burger King, KFC und Dunkin Donats hinter der Theke stehen.

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Der Platz davor wird heute schon ab und zu abends gesperrt. Laute und feuchte Partymeile wie an vielen Orten dieser Welt  Man sollte  sich beeilen Hanoi zu besuchen. Die nächsten Jahre wird die Altstadt sicher noch faszinieren und ein wenig an ihr Erbe erinnern. Für das nächste Jahrzehnt bin ich eher skeptisch.

Aber den asiatischen Charme mit leichter französischer Intonation gibt es an anderer Stelle weiterhin: Das traditionelle Leben. In den Randbezirken, beispielsweise auf dem Markt hinter dem Bahnhof.

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Während die Fische im Wasser noch zappeln….

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…ist es mit den Hähnen vorbei.

 

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Fleisch wird auf der Straße zerlegt

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Nochmal Fisch

 

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Und wieder Fisch

 

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Käse?

 

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und natürlich Obst, exotische Früchte, Gemüse und Kräuter

Mich zieht es zum Friseur, der in einem Torbogen seinen Saloon hat Endlich Bart stutzen.

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Und abends vor den zwei drei Bier Ha Noi (schmeckt wirklich lecker) den Mädels noch ein wenig beim Tai Chi zuschauen.

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Dienstag, 6. Dezember 2016, Lao Cai – Hanoi

Die letzte Etappe meiner Tour von Hanau nach Hanoi? Es sei denn, mich sticht noch einmal der Hafer, mir wird nach vier Tagen in Hanoi langweilig und ich hänge die 1600 Kilometer von Hanoi nach Saigon nochmal dran. Klingt ja auch besser: Vom „Markwald zum Mekong“.

Nach dem guten Essen im Pineapple  im Hotel ein kleiner Dämpfer: die meisten Provider in Vietnam haben das Programm für meinen Blog gesperrt, so ist zu googlen. Im Norden Vietnams generell. Also schreibe ich zunächst im Trockendock.

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Bett ok aber das  Frühstück ist trotz der schönen Terrasse am Fluss mit Aussicht auf das andere Ufer sehr unansehnlich wie mir ein Blick auf den Nachbartisch verrät. Also nur ein (seltsames) Brötchen mit Marmelade und einen Kaffee. Dafür habe ich es nur 200 Meter zum Bahnhof. Um 10 Uhr ist Abfahrt und gegen 19.30 Uhr soll ich in Hanoi sein. Eine angenehme Überraschung. Laut Internetfahrplan bei seat61.com  sollte der Trip eine Stunde früher beginnen und erst gegen 20 Uhr enden.

 

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Im Hotel wird getagt. Eine Damenriege  begrüßt die Gäste. Ich nehme das Spalier als die Ehrerbietung vor einem älteren Herrn, der auf dem Egotrip von Deutschland in den fernen Osten ist. Es nieselt aber es ist angenehm warm. Die 200 Meter sind schnell geschafft. Auf den Gleisen wird rangiert. Also unauffällig durch den Personaleingang, denn die Bahnsteigsperre ist noch verschlossen. Es gibt reichlich Bilder. Der Güterzug aus China ist angekommen. Den hat noch niemand in meiner Train-Internet- Community gespottet.

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Die Strecke Lao Cai – Hanoi wird im Personenverkehr dreimal nachts mit Schlafwagenzügen befahren. Diese Waggons auf den Abstellgleisen sehen zwar etwas plüschig aber insgesamt sehr ordentlich aus. Ich fahre mit einem Regionalzug, der eigentlich nur für den Verkehr von Ort zu Ort gedacht ist.

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Auf den ersten 150 Kilometer werden vor allem Güter transportiert. Menschen bringen ein Moped, ein Bett, Textilballen oder Körbe mit Obst und  Gemüse an die Laderampe des Gepäckwagens, telefonieren mit dem Empfänger. Der steht einige Stunden später irgendwo in der Pampa und übernimmt die Sendung. Ja und sonst gibt es noch einen Schlafwagen, einige Waggons Dritter Klasse und einen Wagen Zweiter Klasse,  den ich für die nächsten zwei Stunden beinahe exklusiv für mich habe.

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Mein Waggon ist ziemlich heruntergekommen. Wahrscheinlich rumänische Produktion, 1975 von der Deutschen Reichsbahn ausgemustert, nach Bulgarien verliehen und 1988 als Zeichen der ewigen  Freundschaft zwischen der DDR und der sozialistischen  Volksrepublik Vietnam nach Fernost verschifft, gegen harte Devisen natürlich. Die Schaffnerin biete mir wohlmeinend ein Upgrade für den Schlafwagen an. Aber ich will aus dem Fenster schauen.

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Der Zug mäandert die ersten Stunden mit dem Roten Fluss. Links und rechts des Bahndamms kleine Felder. Es ist fast wie eine Zeitreise durch das Tagewerk eines vietnamesischen Landwirts. Aus dem  Fenster eines Zugabteils wirkt das Geschehen romantisch, fast wie eine Aufforderung „Zurück zur Natur“, besonders dann, wenn ein Reisbauer am Rande seines Feldes hockt und dem Reis beim Wachsen zuzuhören scheint. Bestimmt gibt es hier zwei, drei Ernten im Jahr, trotzdem wirkt die Gegend nicht wohlhabend.

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Hier wird noch viel mit den Händen gearbeitet, mit Schippe und Hacke. Ochsen ziehen die Pflüge und Eggen. Landfrauen setzen die Reispflanzen in den Schlamm. Man fährt mit dem Fahrrad auf das Feld. Schmale Kanäle dienen der Bewässerung. Abends dann sitzen die Menschen fast  pittoresk um einen der zahllosen Teiche unter Sonnenschirmen und angeln.
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Immer wieder Halt an kleinen Stationen. Drei Stunden vor Hanoi beginnt sich mein Wagen zu füllen. Es sind Menschen auf Verwandtenbesuch, die Taschen prall voll mit den Gütern des Landes, fast wie im Hamsterzug. In Hanoi fährt die Bahn zunächst auf einem Damm entlang der Altstadt dann zu ebener Erde durch das Quartier um den Hauptbahnhof. Hier sind die Gleise der Vorgarten.

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Auf ihnen wird tagsüber die Wäsche getrocknet, hier werden Nudeln ausgerollt, man hockt auf dem Schotter um zu Essen. Bei  meinen früheren Besuchen von Hanoi bin ich durch diese Gegend gestreift. Weiß welche Mühe es den Schrankenwärterinnen kostet, ihre Gitter über die dicht befahrenen Straßen zu rollen. Ein Kampf der oft zehn Minuten dauert, weil immer wieder Mopeds den Durchbruch wagen. Deshalb enden die meisten Züge tagsüber an einem der Vorortstationen.

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Es ist 19.30 Uhr, fünf Minuten vor der fahrplanmäßigen Ankunftszeit. Mein Zug rollt durch ein Tor in den Hauptbahnhof. Hanau-Hanoi: es ist geschafft. Raus. Das Foto mit der Lok klappt nicht mehr. Zu dicht das Gedränge. Der übliche Stress mit den Koberern, die mich in ein Taxi ziehen wollen. Ich halte eines auf der Straße an. Der Tacho ist mäßig auf den doppelten Fahrpreis manipuliert wie man nach zweihundert Metern erahnen kann. Als mein Chauffeur nach rechts zu einer abendlichen „Stadtrundfahrt“ abbiegen will, zeige ich dezent nach links in die richtige Richtung. Naja, Profi ist er noch nicht. Er entschuldigt sich.  Dann endlich: ich bin da.Ein richtig heimeliges Hotel in einer ruhigen Seitengasse, ein wenig abseits der Besucherströme aber nahe genug an der Altstadt und fast direkt neben der Kathedrale. Eines meiner Lieblingsrestaurants das Porte dànnam  ist nur wenige Schritte entfernt. Vietnamesisch mit französischen Akzenten. Die Besitzerin kommt aus unserem Nachbarland. Ich leiste mir ein Acht-Gang -Menü. Wie immer sind die Vorspeisen und das Dessert  exzellent und die Hauptspeise sehr gut.

Leer aber glücklich kuschele ich mich nach so vielen Nächten auf Pritschen und Liegen in ein richtiges Bett.

 

 

 

 

 

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Montag, 5. Dezember 2016. Kunming (China) nach Lao Cai (Vietam)

Rund sechs Stunden dauert die Fahrt von Kunming zur vietnamesischen Grenze. Leider verkehren auf der alten Trasse der Yunnan-Bahn, die die Franzosen so um 1912 bis Hanoi  bauten, keine Personenzüge mehr. Es gibt nur noch einige Kohlewaggons, die über diese Strecke Richtung Vietnam gezogen werden. Die Personenbeförderung sei auf der Gebirgsbahn mit ihren spektakulären Brücken und Loops zu gefährlich, ist zu lesen.

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Die chinesische Staatsbahn hat einfach zwei Täler westlich eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke gebaut. Die letzten 50 bis 60 Kilometer verlaufen bis auf vielleicht 500 Meter ausschließlich durch Tunnel. Ganz zu verstehen ist das aufwändige Projekt nicht. Die Stadt Hekou, hier endet die Bahn im nirgendwo ohne Anschluss an Vietnam, hat circa 80.000 Einwohner. Es verkehren allenfalls fünf Züge pro Tag. Dafür ein Aufwand, der durchaus mit dem Gotthard-Basis-Tunnel vergleichbar ist.

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Im Bahnhof von Kunming  endlich mal eine freie Steckdose an der Power-Station. Auch die Chinesen nutzen pausenlos ihr Smartphone. Die Jungs meistens für Ballerspiele.

 

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Ich habe Sitzplatz gebucht. Das bedeutet einen Platz im Hard-Sleeper, wo bei Nacht auf drei Liegen übereinander geschlafen wird. Tagsüber sitzt man auf der untersten Pritsche. Der Zug ist voll.

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Plötzlich ein eindringlicher Singssang. Nach zwei Minuten schiele ich um die Ecke. Das steht die Schaffnerin und preist die Vorzüge einer Zahnbürste an. Eine viertel Stunde dauert die Show, praktische Übung eingeschlossen. Das auf Video wäre ein Traum gewesen. Eine Million Klicks auf Youtube. Die Zahnbürste wird von fast jedem Fahrgast gekauft. War das jetzt ein Aktion des Gesundheitsministeriums, eine Promotion der Bahngesellschaft oder ein Zusatzverdienst der Kondukteurin?

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Lange ziehen sich die Neubauviertel beim Verlassen von Kunming. Aber nach drei Stunden Fahrt in der Provinz wieder eine dieser gigantischen Anlagen, die offensichtlich  leer stehen. Aber nebenan wird unverdrossen die nächste Baugrube ausgehoben.

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Von der Yunnan-Bahn ist nur einmal ein Abschnitt auf der gegenüberliegenden Talseite zu sehen. Einige Viadukt. Einschnitte sind zu erahnen. Schade.

 

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In Hekou umsteigen in den Bus. Der Bahnhof liegt einige Kilometer außerhalb. Stehplatz. Ich hätte ein Taxi nehmen sollen, um einige Fotos von der Yunnan Station zu knipsen. Der Grenzübertritt ist nur zu Fuß möglich. Vietnam und China haben ein spannungsgeldenes Verhältnis. Beide Seiten haben imposante Gebäude für die Abfertigung der Fußgänger errichtet plus jeweils ein riesiges Tor am Beginn der Brücke. Die andere Seite will beeindruckt sein.

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Mich spricht auf der chinesischen Seite ein etwa dreißigjähriger Mann sehr nachhaltig an und will Geld tauschen, was keinen Sinn macht, da der geringe Kursunterschied zwischen den Banken und dem Schwarzmarkt das Risiko nicht rechtfertigen. Kaum bin ich in Vietnam, steht der Typ wieder da. Ich frage ihn, ob das drüben sein Zwillingsbruder oder sein Klon war. Er lacht. Kleiner Grenzverkehr. Ich nehme sein eindringliches Angebot wieder nicht an und gehe in die gegenüberliegende Bank und denke mich trifft der Schlag.

Etwa 50 Frauen sitzen in der Lobby mit Laptop und Handy und vor sich Hunderte dicke  Bündel mit chinesischen Yüan. Meine Hochrechnung: Hier liegt eine Million Euro auf dem Boden, den Tischen und in den zahllosen Reisetaschen, die bis in den letzten Winkelrumstehen. Am Schalter schaut mich die Kassiererin mit meinen 100 Dollar und den Rest-Yüan nur genervt an. Keine Zeit sagt sie (für so einen Kleinkram denkt sie wohl).

Nächste Bank, gleiches Bild. Es ist 16 Uhr. Hinter mir wird die Tür verschlossen. Man erbarmt sich meiner. Und ich kann beobachten wie es jetzt richtig zur Sache geht. Orders von überall per Handy. Offenbar ist das hier sowas wie eine Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Filiale Lao Cai.

Draußen nervt der Typ mit dem Wechseln immer noch, dazu Taxifahrer, Andenkenhändler, Luden für Massage – Saloons. Man zieht an mir rum, was ich gar nicht abkann. Genervt riskiere ich es: Ich frage den Typ, ob er jede Währung zum besten Kurs wechselt. Er schwört. „Every currency“.  Ich mache meine Geldkatze auf. Er sieht die Dollarscheine. Die Augen leuchten. Ich hole aber den Rest der Money aus Kasachstan und Usbekistan, außerhalb dieser Länder nur für Monopoly nutzbar. Er nimmt die Scheine. Prüft. Sein Kumpel tastet die Schriftzeichen ins Handy. Grunzen. Hektik.  Ein Gegencheck mit dem zweiten Handy. Die ersten aus der Menge, die uns umringt, lachen. Und mein Freund will auf einmal von dem Geschäft nichts mehr wissen. Dreht ab und verschwindet. Auch der Rest der Meute denkt, an so einem Kasachen ist nichts zu verdienen. Ich kann in Ruhe ein Taxi stoppen und zahle die Hälfte des zuvor genannten Preises.

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Hotel, ganz ok. Fahrkarte am Bahnhof geholt. Im Pineapple essen. Reisnudeln mit Gemüse und Erdnüssen. Hat richtig gut geschmeckt.

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Sonntag, 4. Dezember 2016, Kunming

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Der Weg aus dem Bahnhof auf den Vorplatz ist weit. Hochsicherheitszone. Vor ein paar Jahren starben hier bei einem Anschlag dreißig Personen. Zum Glück ist das Hotel in Sichtweite. Vorbei geht es an ungezählten Essensständen. Hier wird viel mit Kartoffeln gemacht.

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Das Zimmer hält nicht ganz was die Lobby verspricht. Aber bei dem Preis (40 Dollar mit Frühstück) will ich nicht meckern. Sauber alles da, was man braucht.

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Kunming ist Boomtown. Die Einwohnerzahl hat sich im letzten Jahrzehnt auf neun Millionen fast verdoppelt. Ich marschiere nach dem Auspacken  ziellos durch die Stadt. Hochhaus an Büroturm. Eine U – Bahn wird gebuddelt.

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Als es dunkel wird besuche ich die Filiale einer Fastfoodkette aus Kunming, die gut sein soll. Am Schalter hilft mir ein Student bei der Bestellung und erklärt mir den Workflow. Mit dem Bon bekomme ich an der Essensausgabe Nudel und Hühnchen plus ein Bier für 1,50 Euro. Es schmeckt.

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Trotzdem gönne ich mir nebenan in einem italienischen Café noch einen richtigen Cappuccino plus eine Waffel mit Karamell und Zimt. Einmal im Urlaub darf Naschen erlaubt sein.

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Ich kann verstehen, dass die Glitzerwelt hier die Menschen aus dem Braungrau der Provinz magisch anzieht, ihnen Glück verspricht. Überall blinkt es, Citylights. Schaufenster mit allem was das Herz begehrt. Aber auch die Schattenseiten sind nicht zu übersehen. Bettler, Menschen, die in Torbögen etwas Wärme suchen. Frauen, die bis Mitternacht stehen, um  einige Äpfel zu verkaufen.

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Morgens Frühstück im 22. Stockwerk. Hier kann man die Dimensionen der Stadt erahnen und ihre Lage vor der imposanten Bergkulisse bewundern. Das Frühstück steht unter starkem chinesischem Einfluss. Eine Wurstsemmel , das wäre mal was. Aber es würde sich für das Hotel auch nicht lohnen. Am Nachbartisch nur noch ein westlich  aussehendes Ehepaar, Deutsche, mein Alter. Ich spreche sie nicht an, denn offenbar hat ihre Zoffskala Orkanstärke erreicht.

Natürlich nervt auch hier wie überall (und auch in den besten Restaurants)  in China ein Bildschirm. Frühstücksfernsehen. In den News wird ausführlich über die Wahl des Bundespräsidenten in Österreich vom Vortrag berichtet und von der Volksabstimmung in Italien, die erst vor zwei Stunden endete. Ein Beitrag über die Gründe für das Erstarken der Rechten in Europa, sachlich, ohne Zeigefinger, so interpretiere ich die Bilder und die Tonlage des Sprechers. Schon interessant: China lässt bei Wahlen nur ein sehr eingeschränktes Kandidatenportfolio zu, zeigt aber im Staatsfernsehen wie Demokratie geht. Ein Appetitanreger? Vor acht Wochen war ich in den USA: Österreich, Italien? What´s that? Wahrscheinlich gab es zu beiden Ereignissen weder ein Bild noch eine Zeile.

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