Montag, 12. Juli 2017 – Rund um das Schwarze Meer – Von Batumi nach Kuaisi

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Das Bett ist gut, die Dusche sauber. Einziges Problem. Die Wand zum Gang ist voll verglast. Wenn draußen jemand das Licht anknipst, dann ist der Vorhang hell erleuchtet. Ein letzter Blick am Morgen auf den sauberen Pool. Schade, keine Zeit. Dann mache ich mich auf, um mit dem Rucksack und der kleinen Handtasche in Richtung zu der neuen futuristischen Station, völlig überdimensioniert für die vielleicht zehn Personenzüge pro Tag.

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Die Bank hat noch nicht geöffnet, aber ein Automat in einem abgeschlossenen bewachten Vorraum ist auch ok für meine ersten georgischen Lei. Euro am Fahrkartenschalter geht nicht. Es ist noch Zeit für ein würziges Käseteilchen. Der Kaffee ist -wie überall in Georgien- sehr gut.

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Gegen 8.30 Uhr verlässt mein Triebwagen pünktlich Gleis 1. Die Fahrt führt für einige Stationen am Meer entlang. Es ist eine zauberhafte Küste, üppige Vegetation bis an den Strand, immer noch weitgehend unverbaut, viele Villen schmiegen sich an die Hänge. Es wird in den Tourismus investiert. Georgien könnte einmal der Türkei als Destination Konkurrenz machen.

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Allmählich macht der Triebwagen Höhemeter. Die Schienen klettern in eine langgezogene Ebene, die von Hügeln eingegrenzt wird. In der Ferne ragen alpine Gipfel in die Wolken.

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Der Schienenbus  hat seine besten Jahre wohl hinter sich gebracht. Nach drei Stunden wird es hektisch in der Kabine vorne. Zug- und Lokführer rennen abwechselnd durch de Waggon, um am Schaltschrank einen Kompressor anzuwerfen. Nach kurzem Rattern quittiert die Maschine danach  regelmäßig mit einem tiefen Seufzer wieder ihren Dienst. Der Wagen wird langsamer bis zum nächsten Versuch. Das Schauspiel beginnt nach einer Stunde zu nerven, zumal die beiden Reparateure offensichtlich konträre Strategien verfolgen und zunehmend lauter und aggressiver kommunizieren. Endlich: mit einem Schnaufen wie aus dem hintersten Zwerchfell verabschiedet sich das Teil ins Jenseits. Der Zug steht. Einige Telefonate später rollen die Wagen Dank der Schwerkraft in die letzte Station zurück.

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Hier wartet schon eine riesige grüne E-Lok, die den antriebslosen Triebwagen zum Ziel nach Kutaisi bringen soll.

Mein Quartier liegt nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Ein Paar vermietet drei Zimmer. Einfach, aber sauber. Das Bad allerdings muss ich mit meinen Nachbarn aus England teilen. Ich habe quasi mit den ersten Topfen das kleine Haus erreicht. Die nächsten drei Stunden schüttet es sprichwörtlich aus allen Wolken. Zeit zum dösen und zum surfen.

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Abends dann ein wenig die Stadt beschnuppert und in einem angenehmen Restaurant für kleines Geld gut gespeist. Naja, der Service muss noch ein wenig üben: die Pommes mit der Rechnung bringen ist eher blöd. Aber der Spieß war richtig lecker, vor allem die Soße.

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Sonntag, 11. Juni 2017 – Rund ums Schwarze Meer – Ankunft in Georgien

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Der zweite Tag auf hoher See. Naja. Ganz so tief scheint das Schwarze Meer ja nicht zu sein, aber seine Größe überrascht mich schon. Seitdem wir die Halbinsel Krim passiert haben, sind die Ufer hinter dem Horizont verschwunden. Morgens habe ich nach den Erfahrungen des Vortags auf das Frühstück verzichtet, ein schwerer Fehler. In der Bordbar und im Duty Free gibt es außer Nüssen und Chips nur Schokolade. Und die schmeckt ekelhaft süß. Mit einem Kaffee lege ich mich aufs Deck. Das Wetter ist angenehm warm. Um 14 Uhr spendiert die Reederei wegen der Verspätung ein Mittagessen. Hans und ich beschließen in der Kabine vorzuschlafen. Wir rechnen immer noch mit unserer Ankunft in Batumi um Mitternacht.

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Gegen 19 Uhr wache ich auf und o Wunder: Schlepper drücken uns an einen Kai. Das dauert zwar noch eine Stunde aber die Aussicht in meinem gebuchten Bett zu schlafen, hat schon was. Der Kahn muss rund fünf Stunden wett gemacht haben.

Uns Passagiere erwartet erst mal das übliche Chaos bei der Einreise: Runter vom Schiff denken wir alle, quetschen uns in den einzigen Miniaufzug, zugelassen für 5 Personen, von Gepäck steht da nichts. Manche meiner Mitreisenden scheinen ihren Hausstand mitzuführen. Also vom neunten Stock auf das Car-Deck, das Gepäck zwischen den LKW Richtung Schiffsklappe  ausbalancieren. Geschafft. Denkst Du. Wir werden alle zurückgeschickt. Die Zollkontrolle sei  in der Bar. Also gleicher Weg, gleiche Probleme, nur rückwärts. Oben stehen wir im engen Gang vor der Bar bis gegen neun Uhr die Zöllner in Kompaniestärke einmarschieren. Blöd nur: drei Frauen eröffnen einen Schalter, der Rest der Uniformierten schaut ihnen auf die Finger und die Aufseher müssen ja schließlich auch noch mal von drei Obermufti überwacht werden.

Familien mit Kindern zuerst. Ist ja auch vernünftig bis ich merke, dass immer wieder die gleichen Kinder mit anderen Eltern an mir vorbeidrängen. Und auch sonst wird gedrückt und geschoben. Für jeden, der den Raum verlässt, stehen drei Neue vor mir. Eigentlich ist der Gang kaum breiter als mein Rucksack. Aber dann, die Zollkontrolle ist bei mir in drei Minuten abgehakt, inklusive Kringel auf der Passagierliste (I´m #22). Die attraktive Beamtin lächelt mich an. Ich vermute mal die Geste  gilt nicht meinem Charme sondern ist nur Ausdruck der Erleichterung, dass endlich mal jemand vor ihr sitzt ohne  dicken Papierstapel für Auto oder Truck.

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Batumi auf den ersten Blick vom Deck: sympathisch, auch wenn am Ende der Mole futuristische Hochhäuser in den Himmel ragen. Aber rund um den Hafen sehe ich  ein Quartier mit gewachsener Bausubstanz, ein bisschen wie im Gründerzeitstil, Boulevards mit Cafes und Restaurants, die Terrassen sind voll besetzt. Die Stadt liegt zwischen Meer und grünen Hügeln. Ich verstehe, warum die Russen Urlaub am Schwarzen Meer lieben.

Ich mache mich auf den Weg zum Ausgang. Wieder Aufzug, Rucksack balancieren, schmale Gänge zwischen den LKW. An der Heckklappe ein letzter Blick auf meinen Pass und der finale Haken auf der Passagierliste. Geschafft. Es ist kurz nach 22 Uhr

Die Ausfahrt liegt auf der anderen entgegengesetzten Seite zur Stadt. Und hier wartet wie überall auf der Welt die Taximafia. Um es vorwegzunehmen: Das Duell endet remis. Immerhin.

Mein Hotel liegt auf googlemap etwa zwei Kilometer vom Hafen entfernt, direkt hinter dem Bahnhof. Zehn Euro soll die Fahrt kosten. Ich drehe mich um und laufe los. Also fünf Euro ruft man mir nach. Das ist zwar immer noch um 100 Prozent überteuert aber beim RMV wäre es auch nicht preiswerter. Der Koberer, der die Verhandlung führt, spricht nur rudimentär Englisch. Ich habe die Adresse aufgemalt. Er nickt und beginnt zu telefonieren. Ein sicheres Zeichen in aller Welt: Er hat keine Ahnung, wo ich hinwill. Nach einem längeren ah, ah, ah, schleppt er mich zu einem Taxi.

Der Fahrer murmelt etwas von „new nice Hotel“ und will in die falsche Richtung abbiegen. Ich zeige nach links. Hier lang. Kaum zweihundert Meter später steuert er abrupt nach rechts   in eine dunkle Straße zu einem Haus mit schummrigem Licht und hupt. Ein paar Mädels schrecken hoch. Ich sage nur „Nix gut, Kollega“ und fange wie immer in solchen Situationen an zu brüllen. Also zurück auf die Hauptstraße. Nach zwei Kilometer kommt der Bahnhof. Mein Fahrer blinkt rechts, umrundet zwei Blocks, hupt ein anders Taxi an, fragt Passanten nach dem Weg und dann ist doch da tatsächlich meine Schlafplatz. Das Hotel entpuppt sich als kleine Pension.  Wir klatschen uns ab. Alles ist gut. Der Abschied ist am Ende  nett und ich erinnere mich an seinen China-Kollegen, der mich in Ürumqi richtig  abgezogen hat. Der schickt wahrscheinlich heute noch mit jedem Räucherstäbchen Verwünschungen gegen  mich gen Himmel, so habe ich ihn angebrüllt.

Hohe Mauern. Aber dahinter liegt ein sympathisches Haus. Es ist nur die Putzfrau da. Über Handy kläre ich mit der Besitzerin alles und beziehe ein sauberes Zimmer mit vier Betten und einer guten Dusche. Nebenan hat noch ein Kiosk auf. Bier gibt es (natürlich) auch gegen Euro. Naja über den Wechselkurs reden wir nicht. Und mit zwei Flaschen und einem superschnellen Wifi beschließe ich den Tag am Pool.

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Samstag, 10. Juni, Rund um das Schwarze Meer – Fähre von Odessa nach Batumi (Georgien)

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Morgens um acht zum Frühstück, ich war für die erste Schicht bestimmt. Über der Reling stand noch die Skyline von Odessa. Das Schiff hatte gerade erst die Leinen los gelassen, also zwölf Stunden Verspätung. Ich werde wohl mein Hotel in Batumi nach der Ankunft, die jetzt gegen 2 Uhr nachts sein soll, knicken können und gleich weiterfahren. Im Bett über mir schlummerte noch jemand tief. Der Frühstücksraum ist voll mit ukrainischen und georgischen Truckern. Das Gedeck auf der Resopal-Tafel  ist unterirdisch. Ich esse schon  mal Wurst mit achtzig Prozent Fettgehalt. Aber drüber? Die Teller mit Rührei und Butter waren wohl schon vor ein halbe Stunde serviert worden. Der Auflauf awful, geschenkt. Und es gab nur Tee statt Kaffee. Aber immerhin der Schafskäse war richtig lecker.

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Die Trucker nutzen den ersten der beiden Tage der Überfahrt, um mal wieder richtig vollzutanken. Also nicht den Truck sondern eine meist mächtige Wampe, die sich zwischen scheckigem Unterhemd und Jogginghose kugelig  nach vorne wölbt. Um 9 Uhr gaben sich die meist kleinen Gruppen den Startschuss für das Besäufnis. Mit Bier versuchten es die Profis erst gar nicht. Zuviel Flüssigkeit für zu wenig Prozente. Und die Liter Flasche Wodka für fünf Euro im Duty Free ist schon ein Wort.

So bis 12 Uhr ist das Schauspiel zwar ein wenig laut aber immer noch ganz lustig anzusehen. Danach beginnen die Ausfallerscheinungen. Männer umarmen sich weinend, drücken ihre schwitzende Wange an die Perlen–Backe des Nachbarn. Man muss weder Russisch noch Ukrainisch verstehen, nur mal bei Dittsche reingezappt zu haben, um jedes Wort der Tischrunen zu erahnen: „Wenn nicht wir, wer sonst sind die letzten aufrechten Kerle“. Nur ist es halt hier kein Kammerspiel wie in dem Hamburger Imbiss von Dittsche sondern eine opulentes Passionsaufführung über mehrere Decks, Chor und großes Orchester inbegriffen. Es dauert dann nicht mehr lange bis die ersten müden Häupter auf die drunter verschränkten Arme sinken. Ungeübte verlieren dann schon mal die Balance und auch die Zähne, wenn sie aufs Deck kippen mit grotesk verrenkten Gliedern, um von den etwas trinkfesteren Brothers in Arms zwischen den Kisten mit den Schwimmwesten gestapelt zu werden.

Wie singt Tammy Wynette doch bei Dittsche

Sometimes it’s hard to be a woman
Giving all your love to just one man
You’ll have bad times, and he’ll have good times
Doin‘ things that you don’t understand
But if you love him, you’ll forgive him
Even though he’s hard to understand

Mädels: macht Euch nix draus. Ist halt so. Naturgesetze kann der Mensch nicht ändern.

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Internet hat sich nach einer Zeit auf dem Meer abgeschaltet. Ich verbringe den Tag auf Deck mit der Lektüre von Peter Scholl-Latour „Die Angst des weißen Mannes“. Der kürzlich verstorbene Welterklärer geht auch auf die Situation in der Region ein, die ich gerade bereise und auf die, die ich weiter östlich im vergangenen Winter besucht habe. Seine Vorhersagen, die er vor Jahren getroffen hat, scheinen sich oft zu bestätigen.

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Und dann spricht mich Hans aus Biberach an. Er stellt sich als mein Mitbewohner vor. Morgens hatte ich in der Kabine nur seinen Haarschopf gesehen. Er ist 68 Jahre alt, in Rente, und macht das gleiche wie ich: die Welt bereisen. Ich mit dem Zug, er mit seinem VW-Bus. Seine Frau liebt es eher ruhiger. So wie meine Ute. Er ist auf einer Tour rund um das Schwarze Meer. Viel Stoff für ein Gespräch. Er durfte mit seinem VW Bus erst gegen halb fünf aufs Schiff. Ich habe ihn gehört als er vorher gegen drei Uhr seinen Rucksack abstellte.

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Zeit auch den Blog mangels Internet als Word Dokument anzulegen. Wir passieren gerade die Krim. An der Reling blicken Menschen dicht an dicht auf das Ufer der jüngst von Russland annektierten Halbinsel.

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Und irgendwie bilde ich mir ein: sie haben die gleiche melancholischen Blick wie die Menschen aus meiner Heimat, der Rhön, wenn sie anno 1969 am Sonntag an die Grenze fuhren und Richtung DDR blickten.

Abends dann eine lockere Runde in der Bar. Ein norwegisches Paar, Allan aus London, so alt wie ich. Straßenbauingenieur, der für eine Entwicklungsbank Tiefbauprojekte in aller Welt leitet. Sein Assistent Rene aus Moldawien, jung, intelligent und polyglott. Percy eine fünfzigjährige Punkerin aus Yorkshire mit knallblauen Haaren (are you stoned now, why not?), die mit ihrem offenbar wohlhabenden Gatten -vom Outfit very British- mit dem Motorrad rund um die Welt eilt. Auf dem Tisch stehen reichlich Bier und Chips gegen die Nachwirkungen des Abendessens.

Allan, dem man ansieht, dass er entscheiden kann,  hat gerade ein Projekt in Moldawien beendet und sich „ein letztes Mal“ überreden lassen, ein Straßenbauvorhaben in Armenien zu leiten. Er ist noch mal an seine alte Arbeitsstelle zurück, um sein Auto zu überführen. In einer Kladde, dick wie ein Leitz-Ordner, hat er die für den Transfer notwendigen Papiere geordnet. Und jetzt solle ich mir vorstellen, was passiert, wenn er dort eine bisschen Straße baue.

Jeder Beamte dürfe auf die tausende Kopien von Plänen erst einmal seinen Stempel drauf machen, einen extra Haken setzen, seine eigene Signatur drauf kritzeln, einen neuen Erlass verfügen und so weiter. Und jeder dieser hoheitlichen Akte koste in Moldawien Geld, Schmiergeld. „Wenn man seine Polizisten und Beamte nicht bezahle“, so Allen, „und die eine Familie ernähren müssten, dann bleibt ihnen auch nur eine Wahl. Its easy“. Dafür sitze er dann seinen Ingenieuren und Bauleitern gegenüber, die immer nicken, obwohl niemand von ihnen Englisch-Kenntnisse habe. Das sein halt so im Kaukasus im Gegensatz zum Rest der Welt.

Ich provoziere seinen moldawischen Assistenten Rene mit der Frage, ob dies der Grund sei, warum Moldawien so bitter arm bleibe  und nichts voranbringe. Er weicht einen Moment mit der Antwort aus, um dann seinen Frust rauszulassen. In dem Land ersetze Schmiergeld Leistung und Vetternwirtschaft Qualifikation. Oligarchen bestimmten die Politik. Aus Banken sei vor zwei Jahren ein Milliardenbetrag verschwunden, niemand wolle  etwas gemerkt haben. Politisch wolle eine Hälfte der Bevölkerung in Richtung EU, die andere zu Moskau. Putin verstehe den Konflikt geschickt zu schüren. Die Alten wählten Parteien, die Russland nahestehen, weil sie glauben, dann kämen vergangene Zeiten wieder. Damals hatten sie immerhin ein zwar karges dafür aber regelmäßiges Einkommen. Sie dächten, und Rene macht mit der Hand eine Bewegung als klatsche er einen Geldschein auf den Tisch, wenn ich Putin wähle, dann komme Vladimir persönlich, um jedem die  Rente auszuhändigen.

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Die Bar am nächsten Mittag. Irgendwann hatten wir in der Nacht aufgehört zu politisieren, getrunken, über Musik gesprochen und über die schönen Seiten dieser Welt.

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Freitag, 9. Juni 2017. Rund um das Schwarze Meer. Von Odessa zum Hafen

Ich habe super geschlafen in meine Appartement. Morgens noch ein wenig Wahl in Großbritannien im Internet genossen. Dann wurde die Zeit schon knapp. Schließlich musste ich noch einen Computerladen finden. Der Kartenleser ist kaputt.

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Der Hafen von Odessa liegt weit außerhalb, eine Stunde Fahrt mit dem Minibus. Bis 14 Uhr muss man einchecken in einem Büro, das weit vom Hafen entfernt in einem modernen Business Center, das einsam auf einer Wiese ein Gewerbegebiet vorgaukelt. Sonst darf man die Fähre vier Tage später nehmen. Um 13 Uhr war alles erledigt. Der Dampfer sollte aber erst gegen 21 Uhr ablegen. Der Rucksack auf meinem Rücken sprach gegen eine Rückfahrt nach Odessa.

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Warten auf den Bus im Nirgendwo

Ich nahm den Mini-Bus in den nächsten Ort, der ein ansehnliches Zentrum hatte. Gelegenheit im Park bei Cappuccino und Stückchen zu lesen.

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Hochzeitsmahl an der Curry-Bude

Gegen fünf ging es wieder Richtung Schiff. Die letzten 500 Meter musste ich mich zwischen zwei langen LKW-Schlangen durchlavieren. Für Passagiere ist die Fähr-Verbindung nicht gedacht. Um 18 Uhr gab ich an der Pforte mein Ticket ab und war damit in einem Fensterlosen Raum ohne Klimaanlage mit etwa dreißig anderen Menschen gefangen. Ohne Getränkeautomat. Irgendwann stellte ich fest, wer sich als Raucher ausgab, durfte an die frische Luft. Mit entzugsimitirendem Verhalten schlich ich fortan regelmäßig an dem Zerberus an der Tür vorbei. Problem anschließend musste ich warten bis wieder ein Raucher drinnen einen Sitzplatz räumte.

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Warten. Diesmal auf das Schiff

Die Fähre sollte gegen 21 Uhr ablegen, gegen 1 Uhr nachts durften wir dann endlich Richtung Bord. Dachten wir. Zollkontrollen in der Ukraine können anstrengend sein: Warten in einem dunklen Gang. Nach zwanzig Minuten wurde ich in einen Raum gerufen. Der Zollhund, der mich an der Tür beschnüffelte, knurrte ungnädig. Das Gepäck wurde in eine riesigen Scanner geschoben, lief vor, lief zurück, lief vor, lief zurück and so on.

Mein Name wurde auf der Passagierliste abgeharkt. Dann anstehen vor der Passkontrolle. Eine Mitarbeiterin blätterte die Seiten einzeln durch, dann die gleiche Prozedur mit einer zweiten Beamtin. Sicher ist sicher, neue Passagierliste abharken. Wird schon seinen Grund haben. Endlich raus in den Bus. Warten, denn dreißig andere Passagere kommen ja noch.  100 Meter Fahrt bis zur Gangway. Polizeikontrolle. Passagierliste abharken. Logisch.

Das Schiff fuhr einst auf der Ostsee, was man schon daran erkennt, dass alle Karten an den Wänden die Routen zwischen Kiel und Helsinki zeigen, die Bilder daneben Hansestädte portraitieren und die Bar wie eine Helgoländer Kneipe eingerichtet ist.

Die Kabine ist ok, mit eigener Dusche und Toilette. Gegen drei Uhr stellte jemand seinen Rucksack in meiner Kajüte ab und murmelte „Guten Nacht“ und war verschwunden.

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Donnerstag, 8. Juni, Rund um das Schwarze Meer. Chisiniau – Odessa

 

Fest geschlafen habe ich ja in meinem Museumshotel für den real existierenden Sozialismus. In den Ecken ein wenig schmuddelig war das Zimmer schon, aber noch in der Toleranzzone. Handtücher und Seife wie im FDGB-Heim. Der Hammer war morgens der Frühstückssaal, so eine Kombination zwischen kleinbürgerlicher Spießerei und IKEA-Klon, zwischen heimeligen Plüsch und einer biederen Vorstellung der ehemaligen Funktionärskaste von modernen Zeiten. Bei dünnem Kaffee und gutem Schafskäse stellte ich mir vor wie einst in dem Vorzeige-Hotel die Nomenklatura sich selbst befeierte bis die Tristesse gnädig im Alkohol verschwamm. Hoffentlich war zu jener Zeit das Frühstück reichhaltiger .

Irgendwie ist der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus in Moldawien fehlgeschlagen. Moldawien ist ein bitterarmes Land. Ich kann mich an nur an wenige Orte in Afrika oder Asien erinnern, die flächendeckend so heruntergekommen wirken.

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Die Fahrt von der Unterkunft mit dem O-Bus Richtung Autogara erinnerte mich an alte Filmen mit Szenen vom Schwarzmarkt anno 1947 in unseren Breiten. Links und rechts der Straße boten Menschen auf Decken ihre Habseligkeiten an. Die riesigen Plattenbauten sind bewohnte Ruinen, tiefe Risse, abgeplatzter Beton, freiliegende Eisen. Der zentrale Boulevard eine Schlaglochpiste, in der sich ein FIAT 500 bequem verstecken könnte.

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Am Autogara habe ich doppeltes Glück. Zehn Minuten später fuhr ein Sammeltaxi nach Odessa und ich hatte in dem beengten Gefährt keinen Sitznachbar, konnte meine Beine querstrecken.

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Die fünfstündige Fahrt festigten  die Eindrücke vom Vortag. Riesige Industriekombinate entlang der Strecke, in denen keine Maschine mehr arbeitet. Am Straßenrand Tagelöhner, die auf ein paar Stunden Arbeit warten, die kargen Felder werden noch mit Pferden bestellt, pitoreske Bilder wie ich sie von den Bauernhöfe der Rhön aus dem Jahr 1955 erinnere. Auf den Wiesen eher Schafe denn Kühe, viele Felder lagen brach.

Ein Land wie Moldawien führt die Ursachen von Migration vor Augen. Unseren Reichtum können die Menschen jeden Abend in HD  bestaunen und vor der Haustür Hoffnungslosigkeit. Mauern werden diese Zuwanderung nicht stoppen sondern nur eine Art europäischer Marshallplan mit Investitionen in Wirtschaft und Infrastruktur. Freilich: zur Wahrheit gehört auch, dass Korruption, Vetternwirtschaft und Inkompetenz solche Programme vor Ort schwer machen. Aber besser zwei Prozent in die Entwicklungshilfe denn in Rüstung. Das bringt auf Dauer mehr, auch mehr Frieden.

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Unterwegs kleine Busstationen, unbefestigte Plätze mit einem bescheidenen Kiosk: Tabak, Wasser und Schokoriegel für unterwegs. Toilettenpapier wird blattweise verkauft. Meine Mitreisenden sind in der Mehrzahl aus der Ukraine, wohl auf dem Rückweg vom Urlaub oder von Verwandtenbesuchen.

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Toilette unterwegs

Zwischen Moldawien und der Ukraine liegt Transnistien, ein schmaler Mini-Sprengel von Putin-Verstehern, der sich rund um die Stadt Tirastopol für unabhängig von Moldawien erklärt hat, frei nach dem Offenbacher Motto „lieber bankrott als (bei uns von Frankfurt) annektiert“. Kein Land erkennt diese „Nation“ an und das Auswärtige Amt lässt auf seiner Internetseite wissen, dass ihm die Möglichkeit fehle, Deutschen im Notfall dort zu helfen. Obwohl Moldawien keine Hoheitsrechte ausüben kann, fährt Samstags und Sonntags ein Zug von Chisinau nach Odessa durch Transnistien. Da am Freitag ab Odessa mein Schiff ablegt, war ich auf das Sammeltaxi angewiesen, das einen Umweg fährt und Transnistien auf seinem Weg nur kurz streift. Das sieht dann so aus. Moldawischer Zoll, Duty-Free Shop, zehn Kilometer Niemandsland, vorbei an einigen armen Dörfern und dann ukrainischer Zoll. Aber immerhin scheint sich der Separatismus für einige wenige zu lohnen, wenn ich den Bau von Palastartigen Anwesen richtig interpretiere.

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Die Unterschiede zwischen Moldawien und der Ukraine werden auf den ersten Blick deutlich. Hinter der Grenze sind  Straßen ok, blühende Felder, aufgeräumte Dörfer, üppige Auslagen in den Schaufenstern, Verkehrschaos. Einfaches Niveau, aber eines mit Perspektive.

In Odessa angekommen, hat mich niemand verstanden. Die Adresse meines Hotels, die auf meinem Zettel stand, verursachte nur Kopfschütteln. Eine Straßenbahnfahrerin lud mich ein, fuhr nach meinem Gefühl in die falsche Richtung und übergab mich an Endstation einem Kollegen, der mich dann irgendwo im nirgendwo ohne Erklärung aus der Tram auslud.

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Leider völlig daneben, aber immerhin eine große Stadtrundfahrt mit einer historisch anmutenden Straßenbahn. Ich habe dann für teuer Geld die Google-Karte auf dem Handy aktiviert, mich in einen Bus gesetzt und endlich mein Hotel direkt zwischen Oper und Nationalmuseum gefunden.

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Die Herberge war wieder richtig gut. Zwar wirkte der Eingang über einen Hinterhof etwas suspekt, die Mädels in dem Torbogen waren etwas zu nuttig geschminkt und die Rezeption drittklassig, aber das Appartement für 30 Euro ein Traum. Zwei Stockwerke: oben Schlafzimmer unten ein riesiges Wohnzimmer, tolles Bad, Kaffeemaschine und und und.

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Odessa ist eine schöne Stadt und vor allem, hier pulsiert das Leben, um den Hafen liegt ein riesiges Viertel mit Kneipen, Läden, Restaurants, Musik, voll mit Menschen. Ich entschied mich für eine Italiener. Vorspeise sehr gut, Pizza ganz ok. Mit Bier, Espresso, Martini keine zehn Euro. Kann man nicht meckern.

 

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Rund um das Schwarze Meer – Mittwoch 7. Juni 2017

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Die ersten drei Stunden auf der Fahrt von Bukarest zur moldawischen Grenze habe ich tief geschlafen, auch dank der moderat eingestellten Klimaanlage. Naja. Die letzte Nacht fehlte. Danach habe ich die Landschaft genossen. Die Landwirtschaft dominiert. Schafe, Ziegen, Kühe. Viele Pferde, kaum Traktoren. Die Bauern kommen noch mit der Harke vom Acker. Immer wieder begegnen mir längst des Bahndamms große Industriekombinate, die geschlossen sind. Die Vegetation beginnt sie gnädig zu überwuchern. Hier werden die Gründe für Migration greifbar. Aber: in vielen Orten wird auch investiert. Es entstehen neue Gebäude, kleine Wohlstandsinseln und vor vielen Gehöften steht ein Auto.

In Yasi an der Grenze ist umsteigen angesagt. Zweimal am Tag rollt eine riesige Lok mit einem Wagen ins Nachbarland. Am Fahrkartenschalter erst mal Stress. Der Computer streikt. Und am Bahnsteig möchte  mir niemand sagen, wo der Zug steht. Alle wollen  mich von einer Taxifahrt überzeugen. Zum Glück ist rumänisch mit dem Lateinischen verwandt. Ein Gleisarbeiter zeigt in den hintersten Winkel des  Bahnhofs. Wagon Rouge verstehe ich.

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Bei Abfahrt bin ich alleine im Wagen. Das soll sich an der nächsten Stadion ändern. Dicht bepackt drängen sich Moldawierinnen jeden Alters in die Abteile. Kleiner Grenzverkehr.

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Nach kurzer Fahrt die Grenzbrücke. Der Zöllner will meine Pass nicht mehr zurückgeben. Nach anfänglicher Nervosität wird mir der Grund klar. Er examiniert seine junge Kollegin und befragt sie nach den zahlreichen Stempel und Visa. Zum Abschied verwickelt er mich freundlich  in ein kleines Gespräch und will von mir wissen wie mir Russland gefallen hat. In diesem Teil der Welt ist die Meinung der Menschen zu dem mächtigen Nachbarland gespalten. Ich entscheide mich für Putinversteher und liege richtig. Bei meinem „Very good“ beginnt der Beamte zu strahlen und ich darf trotz Verbot im Zollbereich Züge und Gleise fotografieren.

 

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Der Bahnhof ist ein tolles Gebäude dessen Glanz noch nicht erloschen ist  und nach langem Suchen finde ich auch eine Frau, die Tickets verkauft. Sie machte gerade ein Schwätzchen mit ihrer Kollegin von der Auskunft. Ist ja nicht mehr viel los hier, obwohl einmal am Tag der Zug aus Moskau hier Halt macht. Mit dem Express fahre ich dann Richtung Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Der Unterschied zu Rumänien ist krass. Moldawien ist bitterarm.

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Die Lok  rumpelt  kaum schneller als mit dreißig Kilometer pro Stunde über die ausgelutschten Gleisen. Die Hütten in den Dörfern am Rande oft verfallen, ebenso die riesigen Kombinate entlang der Strecke. Die einzigen Betriebe, die ich während der drei Stunden gesehen habe, produzierten Sand und Kies. Auf dem Acker ziehen Pferde den Pflug. Die Felder wirken karg. Der Mais, der fünfzig Kilometer weiter in Rumänien blühte, verdorrt hier am Halm. Vor den Gehöften sorgen Brunnen für die Wasserversorgung. Vor den Häusern sind keine Auto zu sehen. Migration hat Gründe. Auch in Europa.

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Chisinau ist ein Museum für den real existierenden Sozialismus. Plattenbauten mit armdicken Rissen soweit das Auge reicht. Die Boulevards trotz der angenehmen Temperaturen leer. Die Terrassen der Cafes wirken ausgestorben. Meine Bleibe  erinnert an die Interhotels der Siebziger. Das Restaurant ist in seiner Tristesse zwischen Plüsch und Kitsch  fast ein Kleinod. Geldwechseln wie weiland in der DDR.  Nur eines vermisse ich: den guten alten Intershop.

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Trotzdem es hat eigentlich Spaß gemacht, auch weil ich Glück mit dem Essen hatte. Richtig lecker. Ja und 40 Euro hatte ich getauscht. Nach Essen, Zug, Bus und am nächsten Morgen fünf Stunden Minicar bis Odessa hatte ich immer noch über 20 Euro übrig. Nur will mir in der Ukraine niemand das Geld zurücktauschen.

 

 

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Rund um das Schwarze Meer – Dienstag, 6. Juni 2017

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Wie immer wenn es los geht. Keine Lust mehr. Irgendwann mal nachts war es schön, dem Fernweh mit ein paar Klicks eine Perspektive zu geben. Und am Tag der Abreise: die Blumen blühen so schön auf dem Balkon, Spargelzeit ist auch noch, da unten gibt es bestimmt kein richtiges Weißbier, Mühlrädchen (Mühlheimer Wurstspezialität) können die auch nicht und mit Ute wären doch die Wochenenden viel angenehmer.

Um 17 Uhr habe ich mich dann aufgerafft. Fertig packen, S-Bahn, Weißwurst am Airport mit Weißenbier (Ritual weil laut meinem alten Aberglauben Bier und Wurst wichtig  für eine gute Wiederkehr sind). Glück gehabt bei der Security, ich wurde  in die Priority-Schlange geschickt. Dank des Unwetters war der Start etwas unruhig  aber dann ein Flug wie ein Brett, LH hat dieses Mal  die Bierflaschen nicht gezählt, und dann noch eine normale Landung. Bei letzten Mal Bukarest im Schneesturm habe ich die Bahn quer aus dem Fenster gesehen, so hatte es den Flieger verweht.

Gegen Mitternacht in Bukarest. Blödes Internet: Entgegen der Ankündigung fährt der letzte Bus Richtung Nordbahnhof gegen 23 Uhr. Ein Mitreisender gab mir die Empfehlung wegen der Abzocke  keine Taxen vor dem Eingang  zu nehmen. Er ging mit mir zu einem Art Uber-Automat. Dort zog ich einen Zettel auf dem eine Autonummer stand und der Wagen wäre in acht Minuten da. Hat perfekt geklappt. Statt 3,3 Lei kostete der Kilometer  1,4 Lei. Ok, blöd bloß, dass auf der Taxi-Uhr meines Fahrers der Kilometer maximal 700 Meter lang war. Und in Deutschland gibt es Taxi-Fahrer, die jede Abkürzung kennen. Mein Rumäne kannte jeden Umweg. Naja am Ende 7 Euro für ein halbe Stunde Fahrt,  ich will nicht meckern.

Der Bahnhof war verschlossen. Stand auch anders im Internet. Eigentlich wollte ich nur klären ob der Nachtzug am nächsten Abend Richtung Moldawien fährt. Im Fahrplan war er verzeichnet aber er lies sich nicht im Netz buchen. Vielleicht war ja ein Nebeneingang offen, drinnen war alles erleuchtet aber ich hatte kein Lust mit Rucksack auf dem Rücken  zu suchen, denn mittlerweile begleiteten mich einige Anmacher und versuchten mich in ihre Etablissements zu kobern. „Tolle Girls“, „No thank you“, „Oh, no Problem, we have also some nice Guys“. Zum Glück hatte ich mir den Weg vom Bahnhof zu meinem Hotel auf Street View angeschaut. Nach 200 Meter beim Ibis links und da ist es. Ein Taxis-Fahrer meinte, es seien rund drei Kilometer.

Hotel ok. Zu dem Nachtzug gibt es nur eine Alternative: Morgens um 5.50 Uhr. Um kein Risiko einzugehen -das Schiff Richtung Georgien wartet nicht- beschloss ich nur vier Stunden zu schlafen. Dann ist es halt der Frühzug. Zum zweiten Mal in Bukarest. Wieder nichts von der Stadt gesehen. Beim letzten Mal war ich eingeschneit. zum Glück habe ich mir vor dem Einschlafen noch alles griffbereit hingelegt, denn die Nachttischlampe
produzierte beim Einschalten einen Kurzschluss und ich hatte keinen Bock mehr das Zimmer zu wechseln.

Kaum geschlafen. Zum Glück dämmerte es beim Aufwachen und ich konnte meine Sieben-Sachen finden.

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Na, so ein Bahnhof morgens ist auch nicht der Brüller. Bei Mc Doof gefrühstückt. Damit ist der Termin dieses Jahr auch abgeharkt. Habe mir dann ein erster Klasse Ticket geleistet (was bei den Tarifen hier zu verschmerzen ist) und kurz hinter Bukarest fest geschlafen.

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Donnerstag, 15. Dezember, Rückflug

Mit dem Sky-Train zum Airport. Immer schön anstellen.

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Ruhiger Flug A 380. 18.000 Km mit Bahn und Bus  hin, 9.004 Km  mit dem Jet zurück

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Morgens um 5.30 Uhr  in FFM.

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S-Bahn,
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Bus
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Wurstsemmel

Bett.  Es war schön. Jetzt reicht es. Froh zuhause zu sein.

Kurze Bilanz. Unsere Erdkugel, die da irgendwie durch die Unendlichkeit rast,  ist verdammt klein. 18.000 Kilometer Reise: das ist  fast ihr halber Umfang. Und man ist auch mit der Bahn verdammt  schnell am Ziel. Eigentlich haben wir  viel zu wenig Platz für den ganzen Zoff auf dem Globus. Abgesehen davon, dass einen Krieg noch niemand gewonnen hat. A la Longue.

Ansonsten: China wird wirtschaftlich die Nummer 1. Südostasien wird mit Europa gleichziehen und die Seidenstraße, vor allem Usbekistan,  wird in den nächsten fünf Jahren viele Schlagzeilen produzieren. Und dass ich (mit Ausnahme Vietnam) von St. Petersburg über Moskau, Wolgograd, Samarkand, Almaty, Ürümqi, Lanzhou, Cengdu, Kunming und Bangkok beim Betreten von jeder U-Bahn-Station, der Metro, der Bahnhöfe wie am Airport kontrolliert wurde (manchmal noch heftiger), gab mir zwar das Gefühl relativer Sicherheit, macht mir aber auch Angst.

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Mittwoch, 14. Dezember 2016, Bangkok

p1060138Abreisetag. Und ich habe einen Virus gefangen. Statt noch einmal das exzellente Frühstück genießen, Weißbrot mit Marmelade. Bis zum Auschecken um 12 Uhr im Zimmer geblieben.

Dann hatte ich aber doch noch Lust auf eine Runde Zug. Mit der U-Bahn zu einem Vorortbahnhof gefahren zum Fotografieren.

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Dann noch mit dem Zug Richtung Bangkok Hauptbahnhof zurück. 5 Cent für die Fahrkarte. Vorbei an wartenden Fahrgästen

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Aber auch vorbei an Slums.

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Moderne Gebäude  und Armut Tür an Tür

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Thailand. Ein stabiles Land. Unruhen: Nicht vorstellbar. Doch.

Als ich bei meinem ersten Besuch von Malaysia nach Bangkok fuhr, buchte ich für 36 Euro ein ganzes Schlafwagenabteil. Während der 20 Stunden Fahrt wurde ich von den Schaffnern aufmerksam betreut. Kurz vor Bangkok hielt der Zug am Rande eines Slums. Hektisch wurden aus dem Packwagen Kartons und Kisten entladen. Ich konnte mir zunächst keinen Reim auf die Aktion machen, bis ich bemerkte, dass die Slumbewohner alle Eisenbahneruniformen trugen. Wahrscheinlich hat die Mannschaft Lebensmittel aus dem Süden mitgebracht.

Leute, die hart arbeiten, einen vermeintlich guten Job haben, können in Bangkok nicht von ihrer Hände Arbeit würdig leben. Am nächsten Abend hatte ich mich auf dem Rückweg zum Hotel verlaufen und war um 12 Uhr nachts mitten in einem Slum. Ich musste keine Sekunde Angst haben, denn mir war klar wer hier wohnte.

Ja und dann noch das Problem mit den Minderheiten. Auf der Fahrt vor sechs Jahren  wählte ich im Süden Thailands  die östliche Route, durch ein Gebiet, das die Muslime für Malaysia beanspruchen. Später erst habe ich von den Anschlägen hier gelesen. Ich war damals über meinen Zug erstaunt. Er erinnerte an die Bahn in  einem Wildwest-Film. In der Mitte ein Güterwaggon mit einem MG Nest auf jeder Seite. In den Personenwagen Soldaten mit MPs.

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Und alle Bahnhöfe mit Stacheldraht abgesperrt. Ich war alleine in der Holzklasse unter Duzenden verschleierten Frauen, die vom Markt kamen, und nach und nach ausstiegen. Irgendwann war ich für zwei Stationen mit den Soldaten alleine und dann stiegen die jungen Thais ein mit Tops und Spagetti-Trägern. Alle freuten sich. Aber: auch so ein Konflikt-Potential für Thailand.

Ja und ein Jahr später bin ich in  Richtung Norden durch das Hochwasser gefahren. In Bangkok rangierte der Zug quasi durch Industriegebiete im Zick-Zack über das einzig frei Gleis, um auf die Strecke nach Chang Mai zu kommen. Am Abend vorher zeigte das Fernsehen ein Fest auf dem Dach eines Luxus-Hotels. Die Elite feierte sich selbst und dass das Hochwasser einen Fingerbreit unter der Dammkrone blieb. Das Finanzzentrum war gerettet (aber nicht die vielen kleinen Werkstätten am Fluss, deren Besitzer alles verloren hatten). Am nächsten Tag konnte ich sehen warum. Mittelthailand war von Horizont zu Horizont geflutet worden. Auf dem Damm fuhr der Zug über hundert Kilometer wie durch ein Meer mit abgesoffenen Dörfern. Die Rettung der Reichen ging auf Kosten der Bauern. Auch so ein Konfliktpotential.

Nur im Norden Thailands im ehemaligen „Goldenen Dreieck“ scheint die Welt in Ordnung. Blitzblank. Schulen, Sportplätze, saubere Städte mit tollen Läden. Oder Besser: Drogengeld klug investiert. Jedenfalls überwintern hier die vielen Europäer und Amerikaner richtig gut.

Zurück zum heute
Endstation 2016 nach 18.000 Kilometer mit dem Vorortzug: Hauptbahnhof Bangkok.

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Letzte Fotos aus Bangkok

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Verkehr und…

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…Verehrung

 

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Dienstag, 13. Dezember 2016,Bangkok

 

Relaxen im Hotel. Das Frühstück ist sehr gut. Der Pool auch, wenn man ausblendet, dass er von Wolkenkratzern eingerahmt ist. Das Vergnügungsviertel ist nah. Um die Nachbarschaft zu ahnen, muss man die Unterkunft noch nicht einmal verlassen. Es genügt, ein Blick zum Nachbartisch oder auf die Liege gegenüber. Ältere Herrn, +/- 60 Jahre alt, und Mädels, die mindestens 40 Jahre jünger sind. Meist im Schweigen verbunden -jedenfalls im öffentlichen Bereich- weil das mit Fremdsprachen so eine Sache ist. Naja. Eigentlich finde ich es ja gut Mann zu sein. Aber manchmal auch nicht.

Nachmittags an  all den Bars vorbei (No thank you, Maybe tomorrow, I´m tired) zur Wäscherei nebenan. Aber auch an fleißigen Frauen vorbei, die Wurst verkaufen (28 Grad?) oder eine kleine Näherei auf der Straße haben.

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Abends wieder Richtung China Town zu T+K. Heute muss ich richtig lange in der Schlange warten. Werde mit einer jungen Dame, die auch alleine ist, zusammen an einem Tisch platziert. Nach ein paar Worten in Englisch stellen wir fest: wir kommen aus der Region Frankfurt, gestehen, dass wir eigentlich Offenbacher sind. Sie aus Bieber, ich habe da gearbeitet, also sind wir fast Nachbarn. Sie hat ein halbes Jahr in Australien studiert und macht jetzt noch einen stop over in Bangkok.

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Die Prawns mit Glasnudeln und Gemüseplatte sehr, sehr spicy. Die Austern vorzüglich, aber ich habe mir wohl eine  Virus  gefangen. Aber das habe ich erst am nächsten Morgen gemerkt.

Zurück mit der U-Bahn.

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Was ich zum Schluss noch zu China sagen wollte:

  1. Warum reise ich nach Südostasien?

    Meine erste Tour Richtung „Ferner Osten“ machte ich in 2010. Vorher gab es für mich eigentlich nur drei Ziele: Abenteurer: Naher Osten, Relaxen: Griechenland oder Italien. Portugal vielleicht noch. Freiheit und Wohlfühlen: natürlich nur in den USA. Westküste, Route 66, Las Vegas, Rocky Mountains. Ich könnte dort jedes Jahr hin.Amerika, das war in meiner frühsten Jugend so etwas wie das „gelobte Land“. Als vierjähriger Bub stand ich mit meinen Freunden im Jahr 1954 am Straßenrand wenn die GIs in langen Wagenkolonnen ins Manöver fuhren. Wir riefen „Chocolate“. Und ab und zu warf dann ein wohlgenährter Texas-Boy ein Päckchen Kaugummi oder eine ganze Tafel Hersheys aus dem Wagenfenster. Bei uns im Haus lebten drei amerikanische Familien und die bekamen ihre Vollmilch, die es bei uns nur zu besonderen Anlässen gab, täglich mit einem kleinen Transporter gebracht. Was muss das für ein Land sein, das die Milch mit dem Auto bringt während ich mit der Kanne Kilometer laufen muss, fragte ich mich immer wieder.

    Und diese „Affinität“ zu den USA überstand auch die sechziger Jahre. Aus der einen Seite der Vietnamkrieg, gegen den ich mich engagierte, und auf der anderen Seite die Nächte im NCO Club mit den gleichaltrigen Soldaten: Musik, Zigaretten, Whiskey. Und irgendwie tickten viele von denen wie wir.

    Ja und dann 2008 und 2009. Die Tour 2008 (Wahljahr Obama) führte in den  Norden von den Industriebrachen Milwaukees Richtung Seattle, San Francisco und Denver. Immer mit dem Zug. 2009 mit Zug und Bus vom Sonnenaufgang in Atlantic City zum Sonnenuntergang nach San Diego.

    Im Zug ist Zeit für Gespräche jenseits der Oberfläche. Und mit jedem Tag meiner Touren in 2008 und 2009  verstärkte sich das Gefühl in mir: Ich fahre hier nicht durch die Vereinigten Staaten sondern durch einen Kontinent dessen Menschen in verschiedenen eher feindlich verbundenen Sphären leben. Die Verbohrtheit und Ignoranz gegenüber der restlichen Welt im „mittleren Westen“. „Is Germany a Democracy?“ – so pauschal und undifferenziert habe ich unser Land anschließend noch nie gepriesen. Und die fast libertäre Aufgesetztheit auf der anderen Seite in Kalifornien.

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    Ja und dann der Moment, der alles veränderte. Ich fotografierte in Kalifornien wie acht Lokomotiven bis zu zwei Kilometer lange Züge den Cajon Pass hochzogen. Auf dem Weg vom Hafen in Long Beach nach Chicago. Alle prall gefüllt mit Waren aus Japan und China. Und leer zurück. Vier Gleisen führen im Abstand von 100 Metern  steil bergan. Der Hill 582 ist der Treffpunkt für Eisenbahnfotographen dort.

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    Mit mir warteten auf dem Hill 582 zwei Amerikaner in meinem Alter auf das nächste Motiv. Wir schwätzten. Und ich fragte sie nach den hunderten von Apotheken, an denen ich tags zuvor direkt hinter der mexikanischen Grenze  auf dem Weg in die Innenstadt von Tijuana vorbeilief. „Da kaufen wir unsere Medikamente, weil sie dort billiger sind“, erhielt ich zur Antwort. „Wir sind nicht krankenversichert“. Einer der beiden war normaler Büroangestellter, der andere in den siebziger Jahren als Kampfpilot in Kaiserslautern stationiert, also jemand dem Deutschland seine Sicherheit anvertraut hatte.

    Mein Gedanke war in diesem Moment eher schlicht: „das sind unsere Verbündete, die uns beschützen sollen“. Und ich wurde neugierig wie es sich den Staaten um die andere Weltmacht „China“ lebt.

    Malaysia, Singapur, Thailand, Laos, Indonesien, Kambodscha, fünfmal Vietnam und Myanmar waren seitdem meine Ziele. Zuerst die Peripherie mit Bus, Bahn, Schiff und Rucksack quer durchs Gebirge und die Pampa. Ja und dann zum Schluss in den vergangenen beiden Jahren das Zentrum der Region:  China. Ich habe eine Welt kennengelernt. So anders, so faszinierend.

  2. China und seine Nachbarn

    Chinas Nähe, auch wenn der Abstand einige tausend Kilometer beträgt, ist überall in Südostasien spürbar.myanmar
    Bei Maria in Myanmar

    Ich erinnere mich noch gut an jenen Abend in Thazi in Myanmar in dem kleinen Restaurant von Maria. Eher ein Verschlag, ein paar Bretter um die Betten,  aber man musste hier eine Nacht verbringen, um mit dem Frühzug in die Berge zu kommen. Maria kochte sehr gut. Shan Küche. Irgendein Traveller hatte ihre Speisekarte in verschiedene Sprachen übersetzt. Sie stammte aus einer privilegierten Familie. Der Vater General in dem Regime, das sich gerade öffnen musste, ihr Bruder im Widerstand und nach Kanada emigriert, und sie hoffte auf das kleine Glück  für ihr Land wie in Malaysia, das sie immer wieder als Beispiel nannte.

    Aber sie erzählte mir auch wie ihr Land, das zu den ärmsten auf dieser Welt gehört, mit Billigimporten aus China überschwemmt wird. Electronic Schrott, der nach kurzem Gebrauch unbrauchbar ist, vor allem aber billiges Geschirr aus Plastik und Textilien. Die Folge: Schmiede, Korbflechter, Webereien müssen im Land schließen. Existenzen werden vernichtet.

    Oder ein zweites Beispiel: China wollte den Mekong in Laos von Kunming aus schiffbar machen. Ein Projekt, an dem bereits die Franzosen gescheitert sind. Zum Glück. Denn am Mekong leben unzählige Landwirte  vom Anbau von Gemüse und Früchten. Das jährliche Hochwasser macht die Ufer fruchtbar für drei bis vier Ernten. Die Zeit scheint unendlich, wenn man auf dem Slowboat den Fluss hinabfährt und die vielen kleinen Bauern beim Pflanzen beobachtet. Mit der Begradigung des Flusses würde Landwirtschaft dort unmöglich.  Oder Malaysia, wo der Spannungsbogen zwischen der frohen und gelegentlich trinkfesten Lebensweise der chinesischen Minderheit und der Frömmigkeit  im eher muslimisch konservativen Norden während des Ramadans unübersehbar ist.

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    Schnellbahntrasse ins Leere Richtung Grenze. Und weil wir eh dabei sind, gleich noch eine Autobahn

    Laos, Myanmar, Vietnam und Thailand: diese vier Länder sind neben der Seidenstraße die  Optionen für Chinas Transportwege Richtung Europa und Afrika. China hat eine lange Küste aber seine Container-Frachter müssen nach dem Auslaufen immer hart an der 12 Meilen Zone von Drittstaaten fahren. Die Routen nach Europa und Afrika  ließen sich  von der Entfernung deutlich verkürzen, wenn China thailändische oder birmanische Häfen nutzen könnte (abgesehen von der Umgehung des Piratenproblems an der indonesischen Küste). Also baut man Bahnlinien in Richtung Laos und Myanmar, die an der Grenze  im Nirwana  enden. Das sind keine Nebenstrecken sondern Schnellbahntrassen, zweigleisig für die Hunderte von Kilometer Tunnel gesprengt und riesige Brücken gebaut wurden. Dimensionen wie bei der Alpendurchquerung in Europa. Das gleiche alles nochmal in Richtung Seidenstraße durch 2.000 Kilometer Wüste. Das ist alles so als würden wir in Europa fünfmal Stuttgart 21 nebst fünf Trassen Richtung München bauen in der Hoffnung, dass eine Karte sticht. Über welche gewaltigen Ressourcen muss dieses Land verfügen. Nebenbei: kein Wunder, dass Obama nach seiner Wiederwahl als erstes Land Myanmar besuchte. Die einen wollen bauen und die anderen verhindern.

  3. China auf dem Weg zum Exporteur von Qualität

    Chinas Bahnen ein Exportschlager und Beispiel für seine Rolle als künftiger High-Tec-Exporteur? Ja. Uneingeschränkt. Vor hundert Jahren haben deutsche und britische Ingenieure die wichtigsten Eisenbahnlinien dieser  Welt gebaut. Heute gewinnen die Chinesen in Südamerika, in Afrika und in Asien alle wichtigen Ausschreibungen für Bahnnetze. China verkauft nicht Strecken, Loks oder Waggons einzeln sondern integrierte  Systeme im Paket von den Gleisen über die Wagen, Bahnhöfe  bis hin zum Ticketing und der Security. China hat in den letzten zehn Jahren 12.000 Kilometer ICE-Strecken gebaut: in Regionen mit Permafrost im Himalaya und im subtropischen Klima im Süden. Tempo 300 in Zügen, die bequemer sind als die unsrigen, die immer pünktlich sind, die in dichtem Abstand fahren. Dazu werden in jeder größeren Stadt 100 von Kilometern U-Bahnen gebuddelt.

    Die Fahrkartenautomaten versteht man ohne chinesisch Kenntnisse, also funktionieren sie auf der ganzen Welt. Dazu: wer es schafft die Millionen-Fahrgäste in Shanghai wie am Flughafen inklusive Gepäck auf Sprengstoff abzuchecken, an jeder Station ohne Warteschlangen, der hat die Lösung für ein Problem, das in Zukunft den Verkehr in den Städten bestimmt.

    In den nächsten zehn Jahren wird auch die DB AG ihre Fahrzeuge im Fernen Osten bestellen. Da bin ich sicher. Die Bahnen sind ein Beispiel wie China auf dem Weg zu der führenden Exportnation ist. Die nächsten Geschäftsfelder werden der Flugzeugbau und die Automobilherstellung sein.

  4. China und die E-Mobilität.

    Der Motorroller hat in Südostasien lange das Fahrrad abgelöst. In der City von Shanghai werden 80 % der chinesischen Vespas elektrisch angetrieben.p1050504In anderen Städten Chinas aber auch in Vietnam nimmt die Zahl der Elektroroller  rasant zu. Logisch: Bei der dichten Besiedlung ist Luftverschmutzung ein alles beherrschendes Thema.
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    Das ist nicht die VW Vertretung in Chengdu sondern ein normaler Parkplatz dort

    Im Bereich PKW: Volkswagen (VW) bietet in China zur Zeit der japanischen Konkurrenz Paroli. Auch Audi, BMW und Mercedes sind stark vertreten. Ich habe gelesen (und kann es immer noch nicht glauben). VW verkauft fast jedes zweite Auto in China. Am Jahresende läuft die Förderung des Kaufs von Neuwagen in China aus. Als Kämmerer in Baunatal oder Wolfsburg würde ich nicht nur wegen des Dieselgates nervös.

    Zwischen all den Wohnmaschinen und der dichten Bebauung hat die traditionelle Motorisierung wie sie bei uns immer noch gepredigt wird, auf diesen Zukunftsmärkten keine Chance. Deshalb switcht VW auf Elektro um, gegen den Deutschen Trend. Der asiatische Markt wird langfristig der Markt mit den höchsten Zuwachsraten sein. VW setzt in der Entwicklung von Zukunftstechnologien nicht mehr auf die europäische Karte.

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    Alltag für Mopeds und E-Mobilität  in China. Alternativ passen auch drei Personen auf den Rücksitz und der Fahrer schreibt dabei noch eine sms

    In Offenbach machen wir ja auch versuchsweise auf E-Mobilität. Wenn ich die Dimensionen mit den zwei Autos und zehn Pedelecs, hoch subventioniert, mit dem millionenfachen Praxistest unter härtesten Bedingungen in China vergleiche, dann ist unser Vorhaben zu nichts nutze,  allenfalls rührend für grüne Gemüter. Das Geld hätte man besser für die Schlaglochsanierung genommen. China denkt bei diesen Projekten in der Dimension von Millionenstädten und die Region Rhein Main schafft es das gleiche E-Mobilitätsprojekt zehnmal parallel aufzulegen.

  5. China und seine Vergangenheit

    China ist ein Gigant. Aber dieser Gigant hat in der Vergangenheit bittere Erfahrungen mit dem Ausland gemacht, die fest in der DNA jedes Chinesen eingebrannt sind. Im Museum in Shanghai werden diese Erfahrungen sichtbar. Die Quasi Kolonialisierung bis ins 20 Jahrhundert. Beispiel Opiumkrieg. Britische Kaufleute (heute würde man sie Drogenkartelle nennen) machen im 19. Jahrhundert Millionen von Chinesen Rauschgiftsüchtig und werden von der britischen Regierung geschützt. Beispiel Internationale Zonen in Shanghai. Jedes Geschäft mussten sich die Chinesen  von den Besatzungsmächten genehmigen lassen. Gerichtsbarkeit lag bei den Briten und Franzosen. Bei Verstößen gab es drakonische Strafen. Da hängt ein Bild wie um 1920 britische Soldaten vor den abgeschlagenen Köpfen von Chinesen in die Kamera posieren. So ähnlich wie auf den Videos vom ISIS. Man kann deshalb die Zurückhaltung Chinas gegenüber dem Ausland schon ein wenig verstehen. Aber es ist unübersehbar. Das Land öffnet sich, weil Isolation auf Dauer keine Zukunft hat.

  6.  China und die Risiken

    Der forcierte Wohnungsbau in China kann zu einem Problem werden. Nicht in Shanghai aber auf dem Land, wo es den Anschein hat, dass bis zu 80 Prozent der riesigen Wohnmaschinen leer stehen. Im Beton stecken die Altersrücklagen der neuen Mittelschicht auf die das Land angewiesen ist.

    Die Schere zwischen Stadt und Land, zwischen Arm und Reich scheint sich zu öffnen. Aber auch Chinas Mittelstand scheint zu wachsen. Die Fußgängerzonen in Shanghai oder in Wuhan stehen denen in Mitteleuropa um nichts nach.

    Die Umweltsituation (Smog) ist gelegentlich in den Städten dramatisch.

    6. Empfehlung

    Unbedingt nach China reisen. Ein faszinierendes Land mit einem riesigen kulturellen Erbe. Und das Land ist im Umbruch. Die Veränderungen sind greifbar. Und man kann hier relativ preiswert wohnen, zwischen den Zentren superschnell und bequem  Zug fahren und prima essen.

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