Heute wollte ich zunächst den langen Pier besichtigen den die Deutschen einst hier gemeinsam mit dem ersten Leuchtturm hier bauten. Wollte. Die Menschenmenge die sich auf dem schmalen Holzsteg drängelt, ist unfassbar. Und ständig sorgen Busse für neu Ladung. Macht kein Spaß, vor allem weil die Massen in beide Richtungen strömen und ich von vergangenen Besichtigungen weiß: ständig bleibt eine Vordermann oder eine Vorderfrau für ein Selfie stehen.


500 Meter weiter sehe ich eine hohe Mauer, einen Turm und ein schmuckloses Gebäude. Es erinnert an den Knast einer Kleinstadt. Richtig. In den Schaukästen ist zu lesen: Das war das Deutsche Gefängnis.

Ich beschließe einen Abstecher in den Bau. Nicht so einfach. Bargeld will der man im Tickethäuschen auf gart keinen Fall und Alipay funktioniert nicht. Erwischt. Schadenfreude kommt in mir auf. Es war ursprünglich nur der Knast nur für Deutsche. Ein Rundgang sollte genügen. Ich kann den Kassenchef überreden, ausnahmsweise abgezähltes Bargeld in Höhe von 0,65 Euro anzunehmen.


Drinnen ein paar schöne Zellen mit Holzdielen, ein Wachraum und Gucklöcher an den Türen. Nichts besonderes. Das Klientel waren wohl vor allem Matrosen die sich auf dem Landgang nach viel Bier mal richtig auf die Ohren hauten.

Die Wendeltreppe im Turm, schön anzuschauen. Ich bin schon fast wieder am Ausgang als ich ein offenes Tor zu einem Nachbargebäude sehe. Der Museumswärter deutet, da solle ich auch hin. Auch hier ein paar Zellen, wesentlich primitiver als nebenan. Im Untergeschoß der Schock.

An Balken Ketten mit Armreifen an denen man die Gefangenen in der Luft baumeln lassen konnte, Waterboarding -so eine Schautafel- ist keine Erfindung unserer Zeit, hier standen Menschen tagelang im Wasser und am Pranger.


Ab 1919 gehörte dieser Teil der Welt den Japanern und in diesem Knast war ihr Folterkeller. Die Bilder ähneln sich: die Amis im Irak, die Mittelschule in Phnom Penh, in der die Schergen von Pol Pot ihrem grausamen Handwerk nachgingen. Nur fünf von Zehntausenden Opfern überlebten (vor 15Jahren war ich auf den Killing Fields) und jetzt hier.

Eine kleine Ausstellung zeigt die Geschichte der Folterkammern hier. Japanische Soldaten ließen sich fotografieren als sie Menschen die Köpfe abschlugen. Das hatte ich schon einmal in einem Museum in Shanghai gesehen. Nur waren es britische Polizisten die hier 1920 mit den Köpfen posierten. Na wenigstens waren unsere Vorfahren im Ersten Weltkrieg nicht so pervers. Dachte ich für einen Moment und bis zur nächsten Schautafel. Ja. Auch das Deutsche Militär, deutsche Soldaten haben während ihrer Zeit in der Kolonie solche Schandtaten begangen. Die Grausamkeiten des ISIS im Irak sind zu verdammen. Aber wir müssen uns immer bewusst sein, dass die Generation unserer Ururgroßeltern zu ähnlichen Taten fähig war.
Der Besuch im Museum in Shanghai hat mich damals sehr nachdenklich gemacht. Wir werfen China immer vor dass sich das Land abkapselt, das sie sich zu wenig in die internationale Zusammenarbeit integrieren, dass sie ihre Eigenheiten zur Richtschnur machen. Ja. Kann man so sehen. Aber man muss auch verstehen welche Demütigungen diese riesige Nation in den letzten 200 Jahren erleiden musste: Opium Krieg, das Gemetzel nach dem Boxeraufstand, die Besetzung von weiten Landstrichen durch fremde Truppen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Mit der Metro geht es weiter. Der Übergang ist nicht leicht. Aber von der Station muss ich einen guten Kilometer laufen. Zeit nachzudenken.

Nachmittags möchte ich die Brauerei und das Biermuseum besichtigen. Goethe, Caspar David Friedrich, Beethoven. Die Deutschen haben die Welt mit mancherlei bereichert: aber unser größtes Kulturgut mit dem wir die Menschheit beglücken, scheint das Bier zu sein. Der Andrang vor der Brauerei von 1903 ist entsprechend. Eine lange Schlange drängt sich vor dem Kassen. Es ist aber immer wieder erstaunlich in welcher Geschwindigkeit hier in China Menschenmassen durchgeschleust werden. Jeder Pass wird gescannt, jede Handtasche, jeder Rucksack wie am Airport überprüft. An einem der Drehkreuze fängt mich eine von vielen Frauen ab, fragt ob mit oder ohne Guide, nimmt mein Handy, lädt einen QR Code, drückt dreimal auf irgendwelche Buttoms in Chinesisch. Jedenfalls darf ich passieren und die Abrechnung auf meinem Konto stimmt am Abend. Das grenzt irgendwie immer an Zauberei.

