Von Buenos Aires nach Montevideo
Letzter Abschnitt meiner Tour um Südamerika. Heute mit dem Schiff. Aber bis zum Einchecken um 15 Uhr ist noch viel Zeit

Zur Feuer des Tages will ich noch einmal in eines der alten Kaffeehäuser. Dieses mal setze ich mich auf die Terrasse direkt an die Umgrenzung zur Fußgängerzone um zu gucken.

Keine so gut Idee. Alle 30 Sekunden fragt jemand ob er mein Brötchen, mein Croissant oder meinen Kaffee haben kann. Die Menschen haben wirklich Hunger, aber es sind zu viele um allen zu helfen. Nach dem Frühstück marschiere ich noch ein wenig durch die Fußgängerzone. Nicht einfach. Alle zehn Meter fragt jemand ob ich wechseln möchte, was kaufen oder sonst was. Es gibt nur noch wenige Fachgeschäfte in dem Quartier in dem wohl einst die Mittelschicht dominierte. Meist Läden mit billigen Ramsch. Einmal wird der Schuhputztrick versucht. Stur weitergehen ohne zu zucken hilft am Besten.

Irgendwo existieren sie noch: die exklusiven Malls. Aber es sind nur noch wenige, aber immer noch beeindruckend.
Die Kluft zwischen arm und reich ist hier tief, mit den Händen greifbar. Ich habe die vergangenen Tage mit Matthias Schulze Boeing über das Thema gechattet. Er hat über den Arbeitsmarkt hier veröffentlicht und wird im Herbst hierher fliegen um sich mit einer Expertin zu treffen die über den informellen Arbeitsmarkt, also alle die ohne feste Strukturen, irgendwo irgendwie arbeiten, als selbst ernannter Parkplatzanweiser, Geldwechsler, Schuhputzer. Alles nur um irgendwie an ein paar Peso zu kommen. Schätzungen gehen davon aus, dass hier in Buenos Aires bis zu vierzig Prozent der Menschen sich so durchschlagen.

Irgendwo entdecke ich noch diese Kirche

Gegen 13 Uhr beschließe ich doch noch zu Mittag zu essen. Normal speise ich lieber abends, aber wer weiß was in Montevideo ist. Die „Extrawurst“ ist in der Nähe. Ich bestelle mir sechs Nürnberger. Von der Qualität richtig gut aber es fehlt ein wenig der „Rost Geschmack“ und so ein paar Pfefferkörner und Lorbeeren täten dem Sauerkraut gut.

Der Wirt spricht mich auf Deutsch an. Er ist Nürnberger und der Liebe wegen nach Buenos Aires gezogen. Die Anregung mit dem würzigeren Geschmack kennt er, würde er auch gerne was ändern, aber er hat viele Kunden mit Kindern. Deshalb wollen Eltern möglichst wenig Pfeffer.
Ich hätte mich gerne länger mit ihm unterhalten aber mein Dampfer geht bald und ich muss noch ins Hotel Gepäck abholen und bis zum Terminal 400 Meter laufen. Blöde Entfernung mit dem Taxi zu kurz mit Gepäck zu lang.

Einchecken, Zoll geht schnell. Sogar die Beamten aus Uruguay sind hier, um alle Formalitäten in einem Rutsch zu erledigen. Für Chaos sorge ich höchst persönlich. Beim Ticketkauf habe ich den großen Ausdruck sorgfältig verwahrt. Das war aber nur die Rechnung. Den Mini-Zettel der aussah wie der Beleg für die Kreditkarte, das war das Ticket. Zum Glück finde ich die Fahrkarte im Reisepass. Da hatte sie der Mensch am Schalter wahrscheinlich reingelegt. Also alles nochmal gut gegangen.

Ich habe das Hight Speed Boat gebucht. Es ist deutlich teurer aber der Vorteil, es landet direkt in Montevideo und ich muss nicht noch einmal für zwei Stunden mit Gepäck in einen Bus umsteigen. Meine letzten argentinischen Pesos tausche ich auf dem Schiff zu einem miesen Kurs. der Dutyfree Shop ist gnadenlos teuer oder liegt es daran dass ich die Preise für harten Alkohol nicht mehr kenne. Ich leiste mir eine Mini-Cola für über drei Euro.

Der Kahn ist maximal zu einem Viertel besetzt. Knapp 200 Kilometer High Speed in 150 Minuten.

Ankunft in Montevideo. Es sind viele Taxen da. Sie haben gerade die Passagiere für die Rückfahrt gebracht. Ich muss vielleicht zehn Minuten warten. Der Fahrer kennt mein Hotel nicht. Gut dass es Google Maps gibt.
Einchecken unkompliziert. Das Zimmer ist sehr schön, groß und hat eine kleine Küche. Es ist richtig sauber. Bloß für den Tresor, eigentlich meine Spezialität, bin ich zu blöd, weil ich die Anleitung nicht lese. Runter zur Rezeption. Der Mensch am Tresen schaut mich mitleidig an. Ich bin nicht der erste. Gut man muss es wissen, aber dafür hat er mir extra eine Anleitung mit einem Satz in die Hand gedrückt: Als erstes „eins zwei drei“ eingeben und dann wie immer.
Es ist nach zehn Uhr und ziemlich dunkel draußen. Dennoch will ich noch einmal 100 Meter weiter in einen Supermarkt was zum Trinken holen. Puhh. auch hier in jeder Hofeinfahrt jemand der kein Dach über den Kopf hat. Nachts angebettelt zu werden wenn man den Gegenüber nicht erkennt, ist irgendwie blöd. Dann den Geldbeutel aufzumachen noch blöder.
Zurück im Hotel widme ich mich dem Thema Sicherheit. Im Dezember als ich das erste Mal auf die Idee mit Südamerika kam, habe ich mich ein wenig informiert. Dass ich nicht ins Lummerland Reise, war mir klar, aber Myanmar, der Libanon oder Pakistan waren bei den Reisewarnungen andere Hausnummern. Außerdem ist es der Job vom Außenministerium auf Eventualitäten hinzuweisen.
Die Reisewarnungen für Montevideo klingen jetzt im März wie ich jetzt nachlesen kann eindringlicher. Auch die der Schweiz, von Österreich und auch die von verschiedenen Tour-Veranstaltern. Synthetische Drogen habe die Situation verschärft. Selbst in „besseren Quartieren“ käme es zu Überfällen. In der Innenstadt an deren Rand ich wohne nach Einbruch der Dunkelheit nur noch Hauptstraßen benutzen. Blöd nur wenn das Hotel in einer Seitengasse liegt. Also nur noch unterwegs sein mit einer Karte und umgerechnet zwanzig Euro Bargeld. Und Handy am Gurt.
Irgendwo lese ich auch dass Kritiker der Regierung hier vorwerfen zu sehr und mit Engelsgeduld auf Prävention gesetzt zu haben statt auch konsequent Pönalen zu verhängen. Mag sein. Aber Hauptursache ist nach meiner Einschätzung hierin Südamerika die wachsende Ungleichheit.
So ganz beruhigt schlafe ich nicht ein.