Buenos Aires

Frühstück auf dem Bürgersteig. Wie meist in Argentinien: Sandwich „Schinken/Käse“ und ein Kaffee Americano.

Mich zieht es erst mal wieder in den Parkin der Nähe meines Hotels. Ein wirklich schöner Ort um die Seele baumeln zu lassen. Im Hintergrund ein frühes Hochhaus in Argentinien: „ikonisch“ pflegte hier die Hop-Off-Stimme zu sagen, nicht nur in Buenos Aires sondern auch in Santiago. Ein Indiz dass die Texte irgendwo zentral produziert oder zumindest übersetzt werden. Jedenfalls hat ein furchbar bekannter Architekt, Namen habe ich mir nicht gemerkt, dieses Haus entworfen. Entworfen zu einer Zeit als Argentinien ein wohlhabendes Land war.

Denkmale stehen die Südamerika, egal in welchem Land ich war, an jeder Ecke. Gut, jeder wie er es mag. Aber so manches Mal habe ich beim Anblick gedacht: je weiter die glorreichen Zeiten zurückliegen desto inflationärer das Aufstellen von Statuen.

Es geht auf Mittag zu. In diesem Gebiet sind wohl viele Banken, Dienstleister und Anwälte tätig. Die Bars und Restaurants der Umgebung beginnen sich zu füllen.

Mein Ziel ist heute das Eisenbahnmuseum von Argentinien. Auf dem Weg dorthin passiere ich nicht nur prächtige Gebäude sondern auch Hofeinfahrten deren Innenhöfe eigentlich zur Besichtigung einladen.

Argentinien war mal ein Eisenbahnland. Über 55000 Kilometer Strecke waren zur Blütezeit in Betrieb. Die Gleise waren einst Motor für eine erfolgreiche Entwicklung des Landes hin zu Wohlstand und Ansehen. Heute gibt es noch einen gut ausgebauten Schienenverkehr in und um Buenos Aires vier mehr oder weniger marode Verbindungen von Buenos Aires aus in maximal 500 Kilometer entfernte Orte, dazu den Patagonien-Express der von der Provinzregierung bestellt wird. Die Züge verkehren nur einmal am Tag, auf einer Strecke nur dreimal die Woche. Der Sanierungsstau ist riesig, das Tempo deshalb eher gemächlich.
Bis in die 1980er Jahre war Argentinien ein Musterland. Schnelle Züge, kreative Konzepte, selbst über die Anden bis Chile konnten die Menschen per Bahn reisen. Im Schlafwagen, an Bord boten nicht nur Speisewagen Abwechslung: es gab Kinowagen, Musik und Lernangebote. Das Land hatte seine eigene Eisenbahnindustrie.
In den 1990er Jahre begann die Privatisierung. Den neuen Eigentümern wurde die Übernahme mit staatlichen Zuschüssen vergoldet. Diese verbesserten mit den Subventionen ihre Quartalsergebnisse, behielten das Geld und legten die Strecken still. Bei der Fahrt mit dem Bus durch das Land sind heute oft neben der Straße verrostete Gleise und zerstörte Brücken. Einst beförderten Züge in dem Agrarland Unmengen an Getreide zu den Häfen. Die Touren haben längst Lastwagen übernommen, nicht zur Freude der Umwelt. Heute beschränkt sich der Güterverkehr auf Container. Außerdem werden einige Strecken in die Anden offen gehalten, weil man hier Bodenschätze vermutet werden, die nur mit der Bahn abtransportiert werden müssen.
Natürlich werden heute nur noch wenige Passagiere die drei Stunden Flug von Buenos Aires nach Chile einer dreitägigen Bahnreise vorziehen, aber wer in Reiseberichte aus den 2000er Jahren über das Land schmökert, erfährt, dass die damals schon wenigen Züge in die Provinz über Wochen im Voraus ausgebucht waren. Auch heute sind, so ist zu lesen die Waggons auf den vier Strecken die noch existieren immer voll. Es verwundert dass nicht wenigstens hier das Angebot ausgeweitet wird. Selbst Städte mit über 300.000 Einwohnern sind ohne Bahnanschluss. Flugverbindungen in die Provinz gibt es oft nur einmal am Tag. Rückgrat für die Beförderung in die Provinz sind heute Busse, die meist in der Nacht verkehren. Zum Teil sehr komfortabel aber auch teuer.
Wo die Züge noch fahren, auch das gehört zur Wahrheit, ist reichlich Personal ohne erkennbare Aufgabe vorhanden.

Auch in dem Eisenbahnmuseum werkelt reichlich Personal vor sich hin. Drei Leute im Shop dessen Angebot sich auf zehn Tassen, ein paar T-Shirts und zwei Bücher beschränkt. Die Ausstellung ist mit viel Fleiß zusammengetragen aber wohl von niemandem kuratiert. Es fehlt das Narrativ, ein Überblick über die Geschichte der Bahn, nicht nur einige Stichworte. Im Kinosaal Kurzfilme in mieser Qualität, ohne Untertitel. So erschließt sich mir nicht weshalb zwischendurch ein zehnminütiger Clip über Eva Peron läuft ohne Bezug zur Bahn.
Ansonsten viele beachtenswerte Exponate und Artefakte. Sie stehen halt rum, weil es ein Museum ist.

Ein Schmuckstück ist der ehemalige Präsidentenzug. Er ist in Teilen vorbildlich restauriert und gibt einen hervorragenden Einblick über die Annehmlichkeiten die das Staatsoberhaupt bei Reisen genießen durfte. Schnellzugwagen aus der Blütezeit der Bahn vor über 100 Jahren verrotten dagegen. Es ist absehbar wann die alten Poster vollständig von den Mäusen verzehrt sein werden.

Nebenan der Nordbahnhof. Die vielleicht vierhundert Meter vom Museum bis zum Eingang über eine Seitenstraße sind schon eine Mutprobe angesichts der vielen Obdachlosen. Eine Decke, ihre Kleider am Leib, mehr besitzen die meisten nicht. Hier in Buenos Aires ist hautnah zu erleben wie sehr arm und reich aus dieser Welt auseinanderdriften. Nicht nur hier.
Ganz anders die prächtige Bahnhofshalle, die noch an Glanz und Ruhm des alten Argentiniens erinnert. Kathedralen gleich war sie ein Zeichen für Macht und Stärke.

Zwei Fernzüge am Tag, ansonsten S-Bahnen. trotzdem beeindruckt die Architektur bis heute. Sie ist sorgsam gepflegt, ihren Charakter stören keine Accessoires der Neuzeit. Selbst Starbucks musste wohl auf seine typische Leuchtreklame verzichten. Die Halle, eine imposante Stahlkonstruktion.

Der Fahrkartenschalter, wie zur Gründerzeit

Ein Zeitungskiosk fast wie vor 50 jahren

Auf den Gleisen: Vorortverkehr

Zum Abendessen mit der Metro in einen Teil von San Temo der so an der Sicherheitsgrenze liegt. Die Unterschiede zu meinem Viertel sind spürbar.

Die Mortadella / Käse Kombi in der Mini-Pizzeria ist Spitze aber ich werde halt auch angemacht, um ein Stück gebeten, bekomme eindeutige Angebote. Aber alles keine Aufregung wert.

Zurück geht es mit dem Bus. der fährt fast bis vors Hotel. Der Busverkehr hier ist wie eine Raketenwissenschaft. Wer das System nicht früh studiert hat, ist verloren. Es gibt unzählig viele Linien ,mit einer unendlichen Zahl an Nummern auf der Anzeige. Im Prinzip gut: man muss weniger Umsteigen weil irgendein Bus genau zu meinem Ziel fährt. Nur welcher und von wo?. Zunächst mal: Google Maps verdient sich hier nicht nur einen Weihnachtsgruß sondern auch eine Osterkarte. Start und Ziel eingeben und das Display auf dem Handy zeigt genau die richtige Liniennummer. Nur wo muss ich stehen und winken. Mache ich das von der falschen Stelle rast der Fahrer ohne mit der Wimper zu zucken an mir vorbei. Manchmal ist eine Haltestelle 200 Meter lang mit Duzenden von Wartehallen. Nicht so einfach die richtige Position zu finden. Ja und wo es keine Wartehäuschen gibt? Da stehen dünne grüne Stangen ohne Querstrebe auf dem Bürgersteig mit eins, zwei oder drei Nummern in kleiner Schrift. Manchmal ist es ein Stangenwald. Dann dauert es.
Bei der Pizza konnte ich noch eine Besonderheit beobachten die uns verwundert. Ich hatte darüber bereits gelesen. Die Busse einer Linie verkehren so alle drei Minuten. Also ein Spitzenangebot. Die Abstände sind je nach Verkehr nicht immer exakt einzuhalten. So nach ein paar Stunden passiert es, dass vier, fünf oder sechs Busse mehr oder weniger leer hintereinander Stoßstange an Stoßstange fahren und dann kommt 15 Minuten keiner. Solche Konvois waren in der Stunde vor dem Lokal mindestens fünfmal zu beobachten.
Hält der Bus, Karte an das Lesegerät halten, und sofort auf einen Sitzplatz springen und an einem Griff festklammern, mit beiden Händen. Die meisten Fahrer müssen verhinderte Formel-1 Piloten sein. Beim ersten Blitzstart hat es mir fast die Brille zerschlagen.
Im 25Hours neben meinem Hotel hole ich mir noch eine Dose Bier. Das sind sowas wie die 7/11 von Argentinien. Meistens ziemlich gut sortiert inklusive Kaffee und warme Häppchen. Nach drei Tagen werde ich schon wie ein Stammgast begrüßt.