Buenos Aires
Heute ist in Argentinien Brückentag, weil Dienstag irgendwas gefeiert wird. Das Land hat nur eingeschränkt geöffnet. In der Fußgängerzone nebenan habe ich die Wahl zwischen zwei wunderschönen alten Cafés. Zeugnisse der großen Kaffeehaus Tradition der argentinischen Hauptstadt. Es fällt schwer sich zu entscheiden. Im Quartier hier dominieren Gebäude im Stil des Klassizismus. Eine wohlhabende Gegend, zumindest einst. Ein paar exquisite Geschäfte verteilen sich noch entlang der Straße: Herrenschneider, edle Zigarren und Weine, Porzellan. Mode, die noch nicht von Hilfiger, Ralph Lauren und North Face bestimmt wurde. Es sind nur noch wenige. Heute dominieren Souvenir-Shops, gefakte T-Shirts, China-Handtaschen, Kühlschrankmagnete und Maradona-Trikots. Die wenigen Fachgeschäfte werden mit der Rente ihrer Besitzer auch bald verschwunden sein.
Auch in dem wunderbaren Café sitze nur noch wenige ältere Damen bei dem Morgentörtchen. Klar. Das Ambiente hat seinen Preis. Die Ober noch ganz alte Schule, wie in Wien trainiert.

An den Wänden erinnern noch Bilder an alte Zeiten an Helden wie Juan Manuel Fangio, die Argentiniens Ruf in aller Welt festigten. Mein Baguette mit Schinken und Käse ist ein Gedicht. Und heute darf es auch mal was Süßes sein, zumindest ein Croissant.


So ein Stück Kuchen. Das wär mal was. Vor dem Lokal ein Kiosk. Sein Angebot ist typisch für die Fußgängerzone hier die einst die Stadt schmückte

Ich mache mich zum Büro von Hop On Hop Off ganz in der Nähe von meinem Hotel. Es sind nur wenige Meter. Ich hole mir ein 48 Stunden Ticket. Heute drehe ich erst mal die drei Stunden Runde, morgen dann mit Stopps an Orten die mir gefallen.
In Buenos Aires beschränkt sich die Fahrt nicht wie in Santiago auf die „Guten“ Quartiere. Zwar gibt es auch hier keinen Armuts-Tourismus. Das ist auch gut so. Aber von den Nobel-Herbergen bis Boca, einem Stadtteil dessen Menschen täglich um ihren bescheidenen Lebensstandard kämpfen müssen, ist alles dabei.

Szenische Locations, in einer Umgebung die vielleicht den Turn around schafft…

Blocks, denen man den Abstieg ansieht…

…und natürlich jede Menge Repräsentation und Sehenswürdigkeit

Und dann die verrückten Viertel. Boca ist so eines. Bekannt auch in Deutschland wegen seines Fußball Clubs den Boca Juniors. Maradona lernte hier Kicken bis er weltberühmt wurde, ebenso viele andere Spieler die es bis in die Nationalmannschaft schafften. Bekannt ist Boca aber auch wegen des Tangos und der vielen bunten Häuser, die hier von Künstlern gestaltet wurde.
Aber eigentlich scheint hier nur eine Farbkombination möglich: das Blau gelb des Fußballclubs. Ganze Straßenzüge tragen dieses Kolorit. Ohne Nuance. Boca direkt am Ufer des Rio del la Plata, wurde ursprünglich von den Italienern, meist aus Genua, besiedelt. Der Ort lebte vom Hafen, von den Menschen die hier ankamen. Der Fußball wurde wahrscheinlich von den Italienern importiert. Es gab zwei Clubs, beide trugen die gleichen Farben, ihren Plätze nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Zwei Vereine, eine Farbkombination: das musste bei einem Fußballspiel geklärt werden. Boca verlor und musste sich für eine neue Töne entscheiden. Am nächsten Morgen ankerte ein schwedischer Frachter mit den Landesfarben blau gelb. Diese Kombination gefiel den Verantwortlichen des Vereins so gut, dass sie bald ihre Trikots so färbten.



Zurück im Hotel. Der Magen knurrt. Heute muss es ein Steak sein. Ich hatte gelesen, dass in der Markthalle ein kleiner Grill das Fleisch mit wahrer Meisterschaft bruzzelt. Die Halle liegt in San Temo, auch so ein Kleine-Leute-Stadtteil. Mit dem Bus sind es zehn Minuten, dann noch einmal 500 Meter quer durch. Hier läuft man noch auf den alten Pflastersteinstraße für die Buenos Aires einst auch berühmt war. Auf dem Weg vom Bus zur Halle gehe ich durch schmale Gassen mit jeder Menge kleinen Kneipen, Ateliers, Szeneschuppen. Auch die Straßen hier wären einen Besuch wert. Aber der Hunger treibt mich.

Die Markthalle hat den Weg fast aller Markthallen hinter sich: unter der beeindruckenden Eisenkonstruktion gibt es genau noch einen Stand für Obst und Gemüse, quasi als Deko: stattdessen locken reichlich Essstände die Massen. Hier treffen sich die Küchen der Welt, von China bis Cuba, von Bali bis Brasilien. Meine Wahl steht bereits fest bevor ich den Gourmet -Tempel betrete. Ich brauche einen Moment, um sein kleines Atelier zu finden: eine bescheidene Theke, man sitzt auf Barhockern, drei Zapfhähne und ein riesiger Rost. Ziemlich unscheinbar.

Doch mein erster Blick wird wie magisch von einem Aufkleber an einem Balken über der Bar angezogen. „Offenbacher sind überall“ lese ich. Upps. Der Spruch kommt mir doch bekannt vor. Vor 15 Jahren habe ich die kleinen Babber doch selbst in Auftrag gegeben und wir haben jeden persönlich belobigt der uns ein Foto aus fernen Landen mit dem gelben Sticker schickte.

Wenn ich schon mal hier bin, dann das Beste. 300 Gramm, 35 Tage unter Folie – so übersetze ich- gereift. Medium wie immer will ich bestellen. Die Kellnerin betrachtet mich mitleidig wie einen Banausen. Rare Medium sei das Maximum das man dem Könner am Grill abverlangen könne, so ihr strafender Blick. Eigentlich gehe nur rare. Dazu ein Blondes. Local Beer, das schmeckt hierin Argentinien super lecker.
Mein Steak kommt. Schnell noch einen Rundblick mit der Kamera. Das Fleisch am ersten Abend in Baricola war Spitze. Hier ist es mindestens genauso gut. Schwer einen Punktsieger zu krönen. Ich bestelle mir an der Bude nebenan noch einen Espresso. Auch Kaffee können die hier. Richtig gut.

Zurück soll es mit der Metro gehen. Bis zur Station sind es 800 bis 900 Meter. Viele Schaufenster sind noch erleuchtet. Unfassbar die Zahl der kleinen Fachgeschäfte für Zwirn, Wolle, Strümpfe, Seile Schrauben und vieles mehr.
Ich bleibe vor einem Eisladen stehen. Die Deckel kenne ich doch noch von früher, von der Frau Gieseregen in Fulda. Die hatte Schoko und Vanille für 10 Pfennig das große Bällchen.

Hier ist die Sortenvielfalt schon größer. Aber eines meiner Prinzipien: Jenseits von Mitteleuropa kein unverpacktes Eis. Schade.

Ein wenig Kunst ist auch noch zu sehen. Gesprayt wird hier auch, aber sinnlose Tags wie bei uns sind eher selten, meist verschönern die Gemälde die Wände eher.

Mit der Metro geht es zurück. Ich muss nicht umsteigen. Ich fahre bis zum Nordbahnhof. In der Nähe ist das Fährterminal. Ich brauche noch ein Ticket für die Passage nach Montevideo. Und persönlich geht schneller als wenn ich auf irgendeiner Internetmaske raten muss: was wollen die noch wissen abgesehen davon dass nicht immer das Bezahlen mit der Karte funktioniert.

Es ist noch ein wenig hell, also auch kein Problem vom Bahnhof der zu später Stunde als problematisch gilt, zu, Hotel zu marschieren