Santiago de Chile
Montag geht es weiter: Richtung Süden, um die Anden zu überqueren. Bis Chillan nehme ich den Zug. Aber die Fahrkarte fehlt noch. Kann ich im Internet kaufen, Ist aber vielleicht keine so gute Idee. Wenn ich zum Bahnhof fahre, teste ich schon mal alle Eventualitäten bei der Anfahrt und kann nach dem Zug fragen.

Der Bahnhof von Santiago soll das Paradies für Taschendiebe sein. Entsprechend groß ist das Aufgebot an Security und Polizei.

Ich sehe zwei offene Schalter und eine endlos Schlange, die von den Guards bewacht wird. Ich frage eine Bahn-Menschen wo ich mich anstellen müsse. Er führt mich zu der Line Links. So nach einer Stunde bin ich dran oder wäre dran.

Stolz präsentiere meinen mit der Hand geschriebenen Zettel: am 9. März, 7.40 Uhr nach Chillan, Fensterplatz. Madam hinter der Scheibe schüttelt nur den Kopf. Nicht hier und erzählt mit irgendwas auf Spanisch. Ich bin stinkig und bleibe einfach stehen. Sie gibt nach und ruft einen Kollegen der mich zu einem Schalter auf der anderen Bahnhofsseite bringt. Hier ist keine Schlange. In 30 Sekunden habe ich mein Ticket. Das Wochenende geht gut los.

Ein Bild von der Station noch…

…mit der Metro zurück zum Präsidentenpalast. Der Bart ist übrigens geschnitten. Neben dem Hotel ist nicht nur Mr. Wash sondern auch ein Barber. Junge Leute in einem Salon mit einem Interieur wie in den zwanziger Jahren, also in den 1920er Jahren. All die antiquierten Spiegel, Lockenwickler, Heißluftbereiter und Kundenstühle schmückten in unseren Breiten längst das Heimatmuseum. Ich möchte den Drei-Tage Bart kürzen. Das Girl, kaum sechzehn, das mich bedient, versteht nicht und beginnt meinen Haarwuchs im Gesicht einer künstlerisch zu modellieren. Die verstreuten Haare an der Backe werden einzeln geschnitten. Hier eine Creme dort eine Tinktur. Ich traue mich nicht zu widersprechen. Leider habe ich vergessen ein Bild zu machen von der Göre mit dem kleinen Tattoo weit unter dem Hals. Die Aktion dauert fast eine Stunde: hier nochmal mit der Schere, dort noch ein wenig Gel bis ich entlassen werde. 11 Euro kostet Spaß.
Salvatore Allende: der ehemalige Präsident Chiles war auch ein Grund für den Trip nach Santiago. Ich erinnere mich noch an den Schock 1973. Ich war aus der Wüste wieder in Algier gestrandet, hatte die Kasbah von oben nach unter durchquert und irgendwo den einzigen Kiosk in Algerien entdeckt an dessen Leinen der SPIEGEL mit einer Klammer befestigt war. Auf dem Titel das letzte Foto des Chilenen im Palast.

Das Gebäude ist irgendwie zweigeteilt. Dieser Bereich beherbergt wohl ein Kulturzentrum das seine unterirdische Ergänzung unterhalb des Brunnens hat.

Auf der anderen Seite der Präsidentenflügel. Ich hatte vor einigen Monaten eine Doku über den Militärputsch gesehen. Der Film zeigt wie unter den Augen der Weltöffentlichkeit Kampfjets das Gebäude bombardieren. Unvorstellbar wenn man heute auf der Wiese sitzt über der die Putschisten ihre Geschosse ausklinkten. Die Kulisse wirkt viel kleiner als ich mir das vorgestellt habe. In den Filmen sah das immer so mächtig aus.
Ich bin nach Chile ohne mich über die politische Situation zu großartig informiert zu haben. Das Land steht vor einem Regierungswechsel. Am 11. März, also in vier Tagen, wird der Ultra-Rechte Antonio Kast das Präsidentenamt von dem linken Reformer Gabriel Boric übernehmen. Immerhin nach demokratischen Regeln. Die Stichwahl hatte Kast gegen seine kommunistische Herausforderin gewonnen.
Plötzlich helle Aufregung auf dem Platz als sich Boric kurz am Fenster seines Arbeitszimmers im ersten Stock zeigt. Seine Anhänger, es sind wenige, stürmen die Absperrung und skandieren laut den Namen ihres Idols. Sie wollen offenbar, dass er noch einmal den kleinen französischen Balkon betritt.

Es muss wohl auch der Arbeitsbereich von Allende gewesen sein.

Boric war angetreten die enorme Ungleichheit in dem Land zu beseitigen. Er trat für Rechte von LGBTQ ein. Auf den Bildern wirkt er, knapp vierzig Jahre alt, entschlossen und dynamisch. Aber die Risse in dem Land sind auch nach seiner Amtszeit nicht zu übersehen. Obdachlose jenseits der Prachtboulevards, hohe Preise, Leerstand und Sicherheit sind nur einige der sichtbaren Probleme.
Ich schaue dem Treiben bestimmt eine Stunde zu. In meiner Nähe sitzen einige ältere Damen. Frauen die Stolz und Würde nach einem langen Leben ausstrahlen. Alle sicher über 70 Jahre alt. Auf ihrem Schoß liegen DIN A 4 Blätter mit Parolen die sie hochhalten. Ich spreche sie nicht an. Die Sprachbarriere. Eigentlich dumm, denn sie wirken alle gebildet. Einige können sicher besser Englisch als ich. Eine verpasste Chance. Ich würde sie gerne über die Zeit um 1973 zu fragen

Hunger. Ich beschließe noch einmal die Markthalle zu besuchen.

Dieses Mal steht Lachs auf dem Speiseplan und als Vorspeise: Zehn Austern. Köstlich mit einem Glas chilenischem Wein.

Auf dem Weg zu meinem Hotel besuche ich gegenüber die Iglesia de la Divina. Der Gottesdienst in der katholischen Kirche ist gerade beendet. Der Pfarrer verabschiedet am Ausgang seine Schäfchen. während ich drinnen einen Rundgang mache.













































































