Von Osoro (Chile) nach Bariloche (Argentinien)
Die Fahrt nach Argentinien über Bariloche hat zwei Gründe. Erstens: der Pass soll nur 1.800 Meter hoch sein. Bei mir setzt spätestens bei 2.200 Metern die Höhenkrankheit ein und zweitens von Bariloche fährt einmal in der Woche der Patagonien-Express von den Anden bis zum Atlantik hinab. 17 Stunden. Quer durchs Land. Zug fahren geht bei mir immer.

Ein Blick in die Hotelhalle. Wenigstens ein Bild soll mich an die 5-Sterne-Nacht erinnern. Blöd dass ich so früh aufbrechen muss. Das Breakfast ist eher ein Brunch. Man könnte Stunden hier sitzen und in sich rein mümmeln. Obst, Wurst, Müsli, Käse, Eier und und und. Aber um 8.15 Uhr soll mein Taxi da sein. Soll. Es wird 8.20 Uhr, 25, 30.Langsam wird es eng. In meinem Inneren startet der Krisenmodus. Laufen: Mission Impossible, neues Taxi bestellen: draußen auf der einzigen Brücke Richtung Stadt stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Bis das neue Taxi kommt, ist der Bus weg. Die Rezeption telefoniert. Sie kennen die Handynummer des Chauffeurs der mir gestern 8.15 Uhr in die Hand versprochen hat. Die Dame am Counter signalisiert: noch drei Minuten. Um 8.35 Uhr erklärt mir ein völlig gestresster Droschkenlenker, er habe noch einen Job Richtung Flughafen gehabt, der bringe Geld und überhaupt der Berufsverkehr. Nach den ersten 500 Metern Stop and Go glaube ich nicht mehr an meinen Bus. Aber dann kennt der Fahrer keine Abkürzung sondern einen Umweg. Die Uhr rotiert zwar aber auf der Umgehungsstraße ist die Fahrbahn frei. Er tröstet mich mit Musik. Dean Martin, Frank Sinatra und Barbara Streisand seien seine Lieblingsinterpreten mit denen er den ganzen Tag seinen CD Player bestücke. Das sei noch Musik gewesen. Bevor ich ihm vom Oldie Club in Offenbach erzähle sind wir da. Fünf nach neun. In zehn Minuten geht der Bus.
Andesmare heißt das Unternehmen das mich nach Argentinien bringen soll. Wohl ein Deluxe-Anbieter auf dem Markt hier. Ist ja auch eine internationale Verbindung. Der Beifahrer spricht englisch und nordet mich erst mal ein. Ticket? Pass dabei? ok. PDI auch? Si. Was für ein Glück, dass ich gestern Abend in einem besseren Hotel war. Dort fragte sie mich nach dem PDI. Das bekommt man bei der Einreise, sieht aus wie ein Kassenbeleg bei Aldi, aber ohne PDI mit dem QR Code wird die Ausreise langwierig und teuer. Das Ding steckte irgendwo in der Bauchtasche hinter den Kreditkartenbelegen. Jedenfalls habe ich es gestern beim Einchecken nach langem Suchen gefunden. So habe ich alles und avanciere zum Musterschüler. Bei jedem Halt begrüßt mich der Kollege mit einem „Daumen hoch“.

Am Gate jede Menge fliegende Händler. Eine gehörige Portion Süßes ist immer dabei. Auch Kaffee ist zur Morgenstunde ein Bestseller. Männer mit heißem Wasser in einem Tornister bieten ihn an. Alternativ gibt es eine „Portion heiße Tasse“. Irgendwie versucht sich jeder hier etwas dazu zu verdienen oder muss gar ganz von den kargen Margen und dem Trinkgeld leben.


Wir verlassen den Pan American Highway Richtung Anden. Die Landschaft erinnert ein wenig an eine Mischung aus Rhön und Voralpenland. Landwirtschaft dominiert. Viehzucht und ein wenig Ackerbau. Die Bauern hier haben Hecken gepflanzt um der Bodenerosion vorzubeugen, so wie ich das von meiner Jugend in der Rhön kenne. Kleine Wäldchen lockern das Landschaftsbild auf, Es ist Herbst. Überall warten Heuballen darauf abgeholt zu werden. Sie garantieren, dass das Vieh auch im Winter satt wird.
Tankstelle, Einkaufsladen, Werkstatt, jede Menge Silos, Schule, Kirche: In den Dörfern leben nur wenig Menschen. Die kleinen Zentren wurden einst gebaut um die Farmen zu versorgen.

Tanken nach zwei Stunden. Auch eine Gelegenheit die Toilette in dem Shop zu nutzen. Das ist weniger mühsam als im Bus. Der Beifahrer nutzt noch einmal die Gelegenheit mich auf die Fragen der Grenzer vorzubereiten. Nicht dass er sich Sorgen macht aber jede längere Befragung bongt auf die Fahrzeit. Also ein Hotel nennen wenn ich nach meiner ersten Unterkunft gefragt werde. Ich habe nix zu essen dabei. Ich werde in den nächsten 90 Tagen wieder das Land verlassen usw. Und bitte bitte nur antworten wenn man gefragt wird. Und dann so knapp wie möglich.

Wieder im Bus lasse ich die Landschaft mit der Bergkulisse im Hintergrund bei Musik von Joan Baez, Dylan und den Stones an mir vorbeiziehen. Das Gelände steigt nur langsam an, die Straßen sind zwar relativ schmal aber gerade. Wir fahren am Ufer eines riesigen Sees entlang. Dimensionen wie der Bodensee. Hier beginnt ein riesiger Nationalpark den sich Chile und Argentinien teilen. Die Landschaft hat schon etwas besonderes. Immer wieder fahren wir an kleine Anlagen vorbei in denen winzige Häuser für Natururlauber vermietet werden. Jagen und Fischen sind hier wohl stark nachgefragt.


Irgendwann stoppen wir an der chilenischen Grenze. Ausreise nicht der Rede wert. Ich habe ja meinen QR Code auf dem PDI.

Bis zum argentinische Zollhäuschen sind es noch ca 25 Kilometer durch Niemandsland. Der Beifahrer schickt mich noch für ein Selfie über die Straße. Das müsse ich unbedingt machen. Stimmt.

Hier hat wohl vor einiger Zeit ein Brand gewütet. Auf vielen Quadratkilometer ragen die Stümpfe aus dem Boden. Aber die Natur erobert sich ihr Terrain zurück. Der Boden ist schon wieder bedeckt mit niedrig wachsenden Pflanzen und Gebüsch.

Jetzt merken wir auch, dass wir mitten in den Anden sind. Schmale Kurven zwischen Felsen.

High Noon beim Argentinischen Zoll. Der Gegenbus ist zeitgleich angekommen. Aber unser Beifahrer hat alles im Griff. Passnummer eintragen. Das war es.


Der spektakuläre Teil der Reise beginnt. Auf der Ostseite scheinen die Anden steiler. In vielen Serpentinen steigt der Bus rund 800 Meter hinab. Vorbei an Seen, kleinen Ressorts. Die Ferienindustrie boomt. Wohl auch im Winter wenn man die Werbung in den vielen Agenturen richtig interpretiert. Die Landschaft mit den Wäldern, Seen, Bergen und Tälern ist einzigartig

Wir erreichen Bariloche pünktlich. Die Lady am Kios tauscht meine restliche Chile Money in Pesos. Über den Kurs denke ich lieber nicht nach, aber es reicht für ein Taxi zum Hotel. Hier bin ich das erste mal enttäuscht. Mein Zimmer geht zum Berg. 50 Zentimeter jenseits des Fensters schaue ich auf eine Mauer deren Ende ich nicht abschätzen kann. Die mangelnde Aussicht ist aber nicht das eigentliche Problem. Die Bude wurde offenbar kurz zuvor chemisch gereinigt. Dem Geruch nach ist die Konzentration immer noch hoch. Zurück zur Rezeption. Bitte um anderes Zimmer. Es gibt nur noch Drei-Bett-Zimmer zur Straße. Das ist ok, auch wenn bis 22 Uhr irgendwelche Deppen ihre getunten Maschinen aufheulen lassen.

Ich möchte mir am ersten Abend in Argentinien etwas besonderes gönnen. Hier soll es ein phantastisches Steakhaus geben. Reservieren empfohlen. Ich marschiere trotzdem hin. Es ist acht Uhr. Die Kneipen machen hier erst spät auf wie in Spanien. Vor dem Lokal warten viele Leute. Mist. Ich frage drinnen für einen Platz für Morgen. Die junge Frau am Einlass sagt, nachher sei kein Problem. Ich solle eine Stunde warten. Offenbar wird hier im Schichtbetrieb bedient. Ich mache nebenan einige Bilder. So auch von dem blau angeleuchteten Turm und stehe Punkt neun vor dem Lokal. Wie versprochen: die zweite Runde wird verteilt. Das Lokal ist für einen Moment fast leer. Vorteil: Ich habe vorhin gesehen wie alles funktioniert.
Die Portionen sind riesig. Pommes gibt es nur in der Schüssel. Und die ist ungefähr so groß wie die Salatschale wenn mein Sohn alle seine Kumpels zum Geburtstag einlädt. Auch Salat gibt es nur in xxl-Portionen. Das ist ja von Vorteil wenn eine Clique bestellt aber für einen Single?
Ich lasse mich nieder. Wenn schon, denn schon: bestelle das teuerste Filet und Salat nachdem mir nochmals versichert wurde: Pommes in der Schüssel oder gar nicht. Und dann die Überraschung: Einer der Köche mit guten Englischkenntnissen kommt zu mir, um über die Zubereitung des Steaks zu sprechen. Wie genau hätte ich es denn gerne. Und ich kann noch die Frage nach der Größe stellen. Ja so um ein halbes Kilo. Ob es denn eine Nummer kleiner gehe, will ich wissen. Ja. Das könne man machen. Halbe Portion. Erleichtert willige ich ein, auch wenn es am Ende sicher über 300 Gramm sind.
Kurz zusammen gefasst: In Südafrika war das Fleisch schon exzellent, vor allem die Soßen. Die Steaks hier erweitern meinen Erfahrungshorizont um Längen. Positiv. Es hat toll geschmeckt. Trotzdem: das halbe Kilo hätte ich nie geschafft.