Montag, 9. März 2026

Heute will ich soweit wie möglich in den Süden fahren. Zunächst vier Stunden und vierzig Minuten bis Chillan. So weit fährt der einzige Hochgeschwindigkeitszug (naja) in Chile. Das sind rund 400 Kilometer. Danach möchte ich noch möglichst weit mit dem Bus fahren. Der (Fahr-)plan ist relativ eng getaktet. Es darf nichts passieren. Ein Hotel habe ich auch noch nicht gebucht. Vorweg: So ganz hat es nicht geklappt.

Ungemach droht schon am Morgen. Um 7:40 soll der Zug abfahren. Ich entschließe mich doch zu einem Taxi. Mit dem Gepäck im Berufsverkehr mit der Metro. Fragezeichen zumal am Bahnhof der Weg von unten nach oben weit ist. Ich hatte am Abend vorher an der Rezeption nach einem Taxi gefragt. Kein Problem. Morgens ständen die Fahrer Schlange. Kann sein. Aber offenbar nicht Montag um halb sieben. Draußen kreisen die gelben Autos quasi den ganzen Tag. Nur heute morgen nicht. Der Mann an der Rezeption signalisiert: No problem. Er telefoniert und teilt mir strahlend mit: Kommt sofort. Irgendwann wird aus dem „Sofort“ eine Viertel Stunde. Nach der Taxibestellung ist mir irgendwie der Weg zu uber verbaut. Noch ein Anruf: Ja, ja. Bald. Ich drohe nervös zu werden. Das Ticket gilt für den Zug, nicht für den Tag. So zehn nach sieben der erlösende Moment. Mein Taxi ist da. Ich habe bei den Hotels eh immer den Verdacht: Sie ordern die Caps dort wo sie Provision erhalten oder beim Cousin.

Berufsverkehr: So kurz vor halb acht sind wir am Bahnhof. Der Fahrer, ein richtig Netter, warnt mich noch einmal eindringlich vor Taschendieben und wartet bis ich das Tor passiert habe. Ticket habe ich in der Tasche oben links meiner Jeansjacke. Und Zeit für ein Bild des Chile-ICE habe ich auch noch.

Nächste (positive) Überraschung: Der Zugführer schaut auf meinen Pass(ist obligatorisch beim Einsteigen) und heißt mich in perfektem Deutsch willkommen. Er freue sich, dass ich mit der Bahn fahre, wünscht mir eine angenehme Reise und und und. Wie ich später von ihm erfahre, haben seine Eltern in Deutschland gelebt (ob er da schon dabei war???) und sie haben wert darauf gelegt, dass er Deutsch lernt.

Im Zug hole ich mir im Bistro erst einmal einen Kaffee und ein warmes Sandwich. Liebe Deutsche Bahn: Einfach mal einen von Euren Speisewagen-Gurus nach Chile zu einem Trainee-Programm „Gut essen und trinken zu akzeptablen Preisen“ schicken.

400 Kilometer immer geradeaus Richtung Süden sind lange genug, um die Veränderungen für Klima, Landschaft, Vegetation und vielleicht auch Menschen in dem lang gestreckten Land zu erahnen. 4000 Kilometer von Nord nach Süd und kaum Platz zwischen Pazifik und Anden. In Santiago hat es warme, trockene Sommer mit mediterranen Elementen, so Google. Die Winter sind kühl. Der März ist ein Übergangsmonat. Die Temperaturen lassen es zu, das hier Palmen wachsen. Erste Auffälligkeit: Mit jedem Kilometer werden die Palmen kleiner. Irgendwann auf halber Strecke wirken sie aus dem Fenster wie Bonsai-Wedel. Nur gelegentlich sind sie noch in ihrer vollen Pracht zu bewundern. Sonneninseln, die den Wuchs kälteempfindlicher Pflanzen möglich machen. Ähnlich wie bei uns Wein an Unstrut Saale wächst. Die Gitter um die Häuser werden kleiner. Offenbar ist hier Sicherheit kein dominantes Problem mehr. Und natürlich: die Anden werden niedriger. Rund um Santiago waren manche Gipfel immer noch oder schon wieder schneebedeckt. Dort ragt der Aconcagua der höchste Berg Amerikas und der Südhalbkugel auf 6962 Meter. Hier wirkt das Gebirge wesentlich flacher.

Auch die Landwirtschaft ändert sich. Viel Spalierobst. Ich glaube viele unserer Äpfel kommen aus Chile. Winzer lesen und keltern hier. Die flache Landschaft bietet gute Bedingungen für den Einsatz von Maschinen. Mais sehe ich noch und abgeerntete Getreidefelder.

Mein Hochgeschwindigkeitszug schwächelt. Die avisierten 150 bis 160 Kilometer pro Stunde werden nur selten erreicht. Auf dem Display lässt sich seine Geschwindigkeit verfolgen. Oft bummelt der Zug mit kaum vierzig Stundenkilometer. An den Abfahrtszeiten der wenigen Stationen lässt sich ablesen: 15 bis 20 Minuten Verspätung. Ich hatte gehofft, in Chillan den Flixbus zu erreichen, der in einem Rutsch weit in den Süden fährt. Die Umsteigezeit beträgt planmäßig 45 Minuten und der Busbahnhof liegt rund 800 Meter von den Eisenbahngleisen entfernt. Das wird auch mit einem Taxi schwierig.

Ankunft in Chillan. Es sind nur wenige Fahrgäste die an der Endstation aussteigen. Draußen steht nur ein Taxi. Der Fahrer sicher weit jenseits der Siebzig versteht kein Wort Englisch. Ich lese ihm mein Ziel auf Google Translator vor. Vergeblich. Dito mein Versuch ihm die Route auf Google maps zu zeigen. Vielleicht ist ihm die Strecke zu kurz.

Also Rucksack festschnallen. Routenplaner auf dem Handy aktivieren. Drei Blocks geradeaus, dann rechts. Gegen zwei soll ein Bus nach Temuco fahren und wenn der pünktlich ist, erreiche ich heute noch Osoro. Von hier soll am Donnerstag ein Bus nach Argentinien fahren.

Ich habe noch ein wenig Zeit mich umzuschauen. Ticket kaufen, man muss nur den richtigen Schalter finden. Ein Sandwich, zweimal Apfelschorle (die erste die mir auf der Tour schmeckt weil sie nicht pappsüss ist). Draußen sind mindestens 12 Bussteige, aber es gibt keinen Abfahrtsplan. Praktisch im Minutentakt kommen die Busse. Der Mensch am Schalter meiner Buscompany hat mir mit zwei Finger vor den Augen zu verstehen gegeben, ich müsse halt Ausschau halten. Mein Bus kommt nicht. Ich finde einen Menschen in Uniform der mich versteht. Er mahnt mich zur Geduld.

Fünf Minuten später schnappt mich ein Junge, auf dessen T-Shirt das gleiche Logo wie auf meinem Ticket prangt und deutet mir neben ihm stehen zu bleiben. Eine gute Gelegenheit die Abläufe zu verinnerlichen. Eigentlich alles ganz einfach und immer gleich. Vorne auf dem Bus stehen Abfahrtszeit und Ziel. Den richtigen Bus erkenne ich an der Farbe und am Logo. Genau wie auf dem Ticket. Jeder Bus hat einen Fahrer. Logisch. Einen Beifahrer. Einen Jungen der sich um alles kümmert und der das Gepäck verlädt wenn das nicht von einem Mitarbeiter der Firma am Busbahnhof gemacht wird.

Der Markt ist umkämpft. Unzählige Firmen konkurrieren und Flixbus versucht wie überall den Markt zu dominieren. Konkurrenz geht über den Preis und die Qualität. Erstes sichtbares Zeichen: alle Angestellten tragen Schlips und Anzug. Die Fahrzeuge sind blitzsauber. Auch in der 3. Klasse sind die Sitze breit und bieten viel Beinfreiheit. In der ersten Klasse kommt man sich fast vor wie einst die Fürsten im Orient-Express.

Bus kommt. Man muss nicht rennen. Der Platz ist reserviert. Der Beifahrer hakt das Ticket auf einer Liste ab. Der Boy bringt das Gepäck, je nach Zielort, in einer der Boxen unter. Gegen Quittung.

Den Ton des Fernsehers kann man übrigens über seinem Platz abschalten. Leider habe ich das erst nach einer Stunde geschnallt. Ich habe einen Einzelplatz. Die sind immer rechts und bieten für 5 Dollar extra noch mehr Komfort. Mit meinem Nachbarn gegenüber kann ich mich in Englisch unterhalten. Gemeinsam beratschlagen wir mit dem Beifahrer ob es Sinn macht von Temuco weiter in den Süden zu fahren. Der Bus hat Verspätung. Ich könnte noch einen Anschluss erreichen aber der ist erst um zehn in Osoro. Ich beschließe: in Temuco ist heute Schluss. Circa um sechs Uhr werden wir da sein und da ich auf meiner Tour noch Zeitreserven habe, bleibe ich zwei Tage. Ich buche bei Booking ein einfaches Hotel in der City, das gute Kritiken hat.

In Temuco Taxi zum Hotel. Netter Empfang. Zimmer und Dusche sind sauber das Bett bequem. Nur der Safe funktioniert nicht. So ein System habe ich aber auch noch nie im Leben gesehen. Irgendwann findet der Hotelmensch einen Schlüssel. Ich ziehe vier Häuser weiter. Da soll es einen guten Italiener geben. Stimmt. Ok, so ein Chilene der italienische Küche gelernt hat. Die Nudeln sind gut. Der Wein dazu auch. Und Espresso kann er auch. Zufrieden schlafe ich ein.

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