Montag, 2. März 2026

Arica

Das Frühstück in dem Hotel ist einfach, aber gut. Eine alte Frau bereitet den Teller. Sie wirkt wie eine typische Bolivianerin aus den Bergen. Zugegeben: So wie ich Bolivianer aus TV-Dokus kenne. Man kann bestellen. Ei, belegte Brote, zwei drei warme Sachen. Dazu frischen Orangensaft. Ich bin immer noch bei Marmelade und Kuchen. Und Tee. Der ist hier wirklich gut. Eigentlich schwöre ich ja auf griechischen Bergtee.

Danach setze ich mich für zwei Stunden an den Strand. Es ist wenig Betrieb. Die Besucher sind meist sportlich motiviert, joggen, dehnen und strecken sich. Das macht mich nervös. Eine Gruppe Akrobaten übt eine Nummer ein. Spannend anzuschauen.

Danach gehe ich ein wenig arbeiten. Der Ausblick vor dem Laptop ist kaum zu toppen. Ich mache den Artikel über die Radwege rund.

Chile hat, obwohl auf dem gleichen Längengrad, eine Zeitverschiebung von zwei Stunden gegenüber Peru. Es wird morgens erst nach 8 Uhr hell, dafür kann man abends lange in der Sonne sitzen. So richtig heiß wird es dann auch erst gegen 14 Uhr mittags. Auch ich entschließe mich zu einer Siesta.

Gegen vier Uhr starte ich Richtung Stadt. Gestern habe ich nur das neue Arica gesehen. Hochhäuser, Einkaufszentren, breite Straßen. Aber dahinter soll sich noch eine Altstadt verbergen. Irgendwann im vorletzten Jahrhundert gehörte der Landstrich auch mal zu Bolivien. Das übliche: Es gab Krieg und dann noch einen Salpeter genannten Krieg. Konsequenz zur Erinnerung für alle Bellizisten: Seit dieser Zeit teilen sich Chile und Peru die Wüste hier. Die Bolivianer bleiben nur die Berge. Dennoch war und ist Chile neben Peru für Bolivien, ein Binnenstaat, der wichtigste Zugang zum Meer. Von Arica nach La Paz sind es auf der Straße keine 500 Kilometer, Luftlinie bedeutend weniger. Dazwischen liegen aber auf geringer Distanz über 4.000 Höhenmeter. Für mich ein Traumziel wegen der Eisenbahnstrecke die sich in endlosen Kehren und im Zickzack den Berg hinaufwindet. Aber jenseits der 2.000 Meter werde ich extrem Höhenkrank. Jeder Versuch wäre zwecklos. Dabei gäbe es für den Eisenbahn-Fan Matthias Müller viel zu entdecken. So reicht es nach oben nur bis zum Schild zu einer Straßengabel: links nach Peru, rechts nach Bolivien.

Im Hafen von Arica enden zwei Eisenbahnstrecken. Die eine kommt aus Tacna in Peru. Dort wo das Eisenbahnmuseum ist, das ich vor zwei Tagen besucht habe und die anderen Gleise kommen aus La Paz. Beide Strecke begegnen sich für einen kurze Moment an der Einfahrt zum Hafen. Im Vordergrund die Schmalspurbahn aus La Paz, unten die Breitspur aus Tacna. Beide sind außer Betrieb. Fast jedenfalls. Die Verbindung Arica-Tacna soll saniert werden. Da läuft der Betrieb seit Jahren normal. Nur halt ohne Züge. Die Strecke Richtung Bolivien ist nur jenseits der Grenze oben in den Anden in Betrieb. Da sorgt wohl zweimal die Woche ein Schienenbus für Abwechslung. Von einem Depot in Tacna aus fährt während der Saison alle zwei Wochen ein Zug hinauf in die Berge. So drei Stunden hin und drei Stunden zurück. Die Fahrt über Serpentinen und Spitzkehren muss spektakulär sein, obwohl der Ausflug lange vor der bolivianischen Grenze auf halber Strecke endet. Für diese Sonderfahrten wurde die Strecke aufwändig saniert. Hinter diesem -wie die chilenische Eisenbahngesellschaft schreibt- vorläufigen Endpunkt ist die Trasse teilweise zerstört. An die einstige Bedeutung erinnern nur noch zerfallene Bahnhöfe. Ein durchgehender Gütertransport ist unmöglich. Man muss es nicht verstehen. Um die zwei Urlauberwagen alle vierzehn Tage hinaufzuziehen, hat man Millionen für die Sanierung ausgegeben und dafür steht eine riesige moderne Diesellok im Depot. Ich kenne sie nur von Bildern aus dem Internet. Der Lokschuppen ist hermetisch abgeriegelt.

Hier im Hafen enden die Gleise der Andenbahn. Die Schiffe, die hier laden und die Anlagen wirken eher unterdimensioniert. Aus den Minen von Bolivien wird wohl alles über andere Strecken oder per LKW transportiert.

Die Schienen aus Peru enden hier 100 Meter weiter. Alles wirkt trotz des langen Stillstandes hübsch aufgeräumt.

Soviel zur Bahngeschichte? Nicht ganz. Aus dem Hafen biegt noch ein Gleis Richtung Altstadt ab. Surprise: ein Gleis mit Bahnsteig. Hier endete ursprünglich die Andenbahn. Ich kann mich vor dieser Kulisse richtig in die Zeit Anfang des 20.Jahrhunderts versetzen. Goldgräber, die in den Bergen ihr Glück suchen, Herren mit Anzug, Weste und Ledertaschen, dazwischen flanieren elegante Damen in weiten Röcken und Sonnenschirm. Gepäckträger wuchten riesige Schrankkoffer in den Packwagen. Geschäftige Händler preisen eine letzten Schluck vor der Abfahrt an. Und irgendwann kreuzen hier auch Butch Cassidy und Sundance Kid auf, stilecht mit einem Colt im Halfter und vor der Brust eine Winchester um oben in den Bergen ihrem Geschäft, dem Banküberfall, nachzugehen.

Auch auf der Straßenseite zeugt das Gebäude der Station noch von ihrer einstigen Bedeutung obwohl es wohl leer steht.

Gleich gegenüber liegt das alte Zollamt….

… und auch die Hafenmeisterei steht in Schlagdistanz.

Wer sich um sein Seelenheil vor der gefährlichen Reise ins Unbekannte sorgte, konnte vor der Abfahrt zu einer letzten Fürbitte in die Catedral de San Marcos gegenüber einkehren. Kein geringerer als der französische Ingenieur Gustav Eiffel hat sie entworfen. Sie besteht fast komplett aus Metall und wurde in Frankreich um das Jahr 1875 vorgefertigt. Sie war ursprünglich für einen anderen Ort in Peru vorgesehen. Da Arica aber 1868 von einem Erdbeben zerstört worden war, ließen die verantwortlichen Bischöfe die Kirche hier montieren. Leider war das Gotteshaus verschlossen.

Die Innenstadt von Arica ist nett aber nicht außergewöhnlich. Ein paar Gassen, die Restaurants sehen wenig einladend aus. Ich nehme mir ein Taxi zurück zum Hotel und kehre dort ein wo es mir gestern so gut geschmeckt hat.

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