Das Hotelfrühstück toppt alles bislang in Saudi Arabien Gebotene. Warm, kalt, süß, sauer, Obst, Gemüse, Müsli in allen Varianten, Salate, Feta gelb, grün, rot, blau und und und. Es ist einfach nur gut. Vom Preis ein Schnäppchen. Gratis dazu der Blick aus dem 10. Stockwerk über die Stadt. Gestärkt plane ich die letzten Tage meiner Reise. Am Montag spät abends geht mein Flieger aus Kuwait zurück in die Heimat. Aber nach Kuwait kommen entpuppt sich plötzlich als ziemlich schwierig. Die Verbindungen sind am Freitag und Samstag fast ausverkauft, kosten ab Riad richtig viel Geld. Es bietet sich ein Ausweg: mit dem Zug (da sage ich nie „nein“) nach Dammam an der Grenze zu Bahrain und von dort am Sonntagabend mit Kuwait Airlines nach Kuwait für knapp 150 Euro. Neues Problem: Am Samstag sind die Züge nach Dammam fast ausgebucht. Um neun Uhr morgens gibt es noch einige First Class Tickets. Meine Bestellung per Internet schlägt fehl. Ich erhalte keine Bestätigungsmail.
Also erstmal ab Richtung National Museum. Wenn am frühen Nachmittag die Bahn mir immer noch kein „Confirmed“ geschickt hat, muss ich wohl direkt an den Fahrkartenschalter.

Das Nationalmuseum zeigt neben den historischen Galerien auch eine Dior-Ausstellung. Hätte mich schon interessiert, nicht weil Mode mein bevorzugtes Sujet ist, sondern weil ich neugierig bin wie ein solches Thema hier umgesetzt wird. Aber: Für diese Ausstellung braucht man ein Ticket, das gibt es nur mit einer besonderen App und die ziehe ich mir mit allen sensiblen Daten, die man von mir will, nicht hier in der Vorhalle aufs Handy.
Zum Glück: In die Geschichtsabteilungen ist der Eintritt frei. Ich beginne im oberen Geschoss mit der Zeit nach der Geburt des Propheten. Die Räume unten widmen sich der Frühgeschichte. Es ist eine gut gemachte Schau. Natürlich: das Leben hier auf der Halbinsel war über Jahrhunderte auch von regelmäßigen Kriegen überschattet. Eroberung hier, Rückzug da. Aber die Exponate zeigen auch den Alltag. Und da wird an nichts gespart: Ob hohe Burgmauern, Oasen oder das Leben in einer Hütte: in den riesigen Hallen haben die Kuratoren viele Dioramen nachgebaut. An Geld und Ressourcen mangelt es hier sicher nicht. In den Schaukästen daneben Gebrauchs- und Kultgegenstände.

Wie in vielen Ländern der muslimischen Welt lassen sich hier die Leistungen ihrer Wissenschaftler im frühen Mittelalter bewundern. In der Medizin, Astronomie, Physik, Algebra, Geometrie: im 12. und 13. Jahrhundert waren Länder wie Saudi Arabien, Usbekistan, Pakistan, der Iran oder der Irak State of the Art. Marktführer. Ein Grund: diese Länder öffneten sich früh dem Fernhandel bis China und Europa. Mit den Gütern verbreiteten sich Ideen, Techniken und Wissen aber auch Kunst, Musik und Poesie. Die prächtigsten Moscheen widmeten fortschrittliche Sultane der Bildung. Die Hochschulen vermittelten Wissen aus aller Welt. Eine gute Basis für Wohlstand und Auskommen. Eine Zeit in der wir in Europa um Jahrhunderte hinterherhinkten. Die Lehre für heute: Nationalismus und Ausgrenzung schaden, hemmen Fortschritt und Entwicklung.
Leider klammert die Schau die Neuzeit ab den 1950er Jahren aus. Diese Epoche wird gerade neu konzipiert. Schade. Die Zeit drängt. Ich möchte abends ein Fußballspiel besuchen und muss vorher noch wegen des Tickets zum Bahnhof. Deshalb bleibt nur eine flüchtige Runde für die Frühzeit mit einem „Wow“. Da muss ich morgen wiederkommen.

Das Taxi zum Dammam-Bahnhof ist eine Qual. Der Junge dreht auch jede Extra-Runde die ihm ein paar Münzen einbringt. Eigentlich nicht schlimm. Kostet alles kaum mehr als bei uns ein Bus-Ticket. Man sieht die Stadt: aber es ist natürlich Stress. Der Dammam-Bahnhof liegt wesentlich näher an der Stadt als die Nordstation an der ich angekam. Das Gebäude gehört zur ersten Eisenbahnlinie in Saud-Arabien, also eine eher orientalische Architektur. Drinnen klärt sich alles sehr schnell. Irgendwie ist meine Buchung nicht angekommen. Stellt der nette Mann am Schalter sofort anhand meiner Pass- und Handynummer fest. Überwachung hat auch was Gutes. Economy ist ausverkauft, aber ich bekomme noch ein Business-Ticket (so heißt das hier bei der Bahn) für den Morgenzug. Der Preis liegt immer noch deutlich unter unserem Spartarif.

Alles ist binnen Minuten erledigt. Zeit zum Stadion zu laufen. Es sind ungefähr zwei Kilometer. Der Weg führt durch ein wenig repräsentatives Quartier. Eher Unterschicht. Aber Google verrät mir: hier gebe es eine gute Falafel-Bude. Ich werde nicht enttäuscht. Mit Gemüse und Joghurt schmecken die kleinen Bällchen richtig gut.
Am Stadion die nächste Überraschung. Eintrittskarten gibt es nur per Internet. Ein Box-Office: Fehlanzeige. Obwohl mir ein netter Offizieller zu helfen versucht: mein Handy und die Software werden keine Freunde. Verzweiflung in meinen Augen stimmt den Oberaufseher am Tor gnädig. Ich werde durchgewunken.

Ich bin eine Stunde zu früh. Das Station fasst vielleicht 30.000 Menschen und ist leer, komplett leer bis auf die circa 1.000 Security Jungs. Auf den Platz laufen sich die Teams warm. So langsam tröpfeln die Zuschauer ein. Am Ende werden es vielleicht hundert sein.

Es spielt die erste Saudische Liga, der Achte in der Tabelle gegen den Elften, das Match wird Live im TV übertragen, eine Show vorher wie bei uns beim Bundesliga-Spiel aber weniger Atmosphäre als beim Derby Espanol Offenbach gegen Rumpenheim. Und es ist ein Grotten-Kick. Ein Fehlpass-Festival.

Wie überall auf dieser Welt. Am Spielfeldrand der Präsident mit Kumpels. Wichtig und extra geschützt

Zur Halbzeit beschließe ich etwas mehr in die Mitte zu rücken. Platz gibt es ja ohne Ende. Von oben spricht mich ein Mann wegen meines Kickers Schals an. Das Tuch hat auch schon viel Aufmerksamkeit bei den Ordnern erregt. Ich begrüße ihn. Er gehöre zum Marketing-Team der Saudischen Liga erzählt er mir. Bei ihm hocken ein Scout des Verbandes und ein Spielanalytiker. Ich vermute mal: Vorbereitung auf die WM, die in Saudi Arabien ausgetragen werden soll.
Ich stelle erst mal die „Kickers“ vor. Sie wollen mir nicht glauben, dass zu ihren Matches in der Vierten Liga 6.000 bis 8.000 Fans kommen. „Wir sind halt der geilste Club der Welt“ erkläre ich ihm. Und Verwunderung: bei uns gibt es Stehplätze.
Einer der drei hat auf dem Handy eine Software, die andere Fans tackt, wenn sie Bluetooth eingeschaltet haben. Das Gerät führt ihn zu Pascal von Eintracht Trier zwei Blöcke weiter, dessen Ziel ist, bei jedem Verband auf dieser Welt ein Spiel zu besuchen. Es müssen so um die 209 Ligen sein, erklärt er mir. Im März kommt er nach Offenbach, wenn Eintracht Trier bei den Kickers antritt.

Für mich sind die Funktionäre eine ideale Gelegenheit Fragen zum Saudischen Fußball zu stellen. Was interessiert uns am meisten: Wieviel Geld zahlen die Vereine den Kerls da unten. Hier – und wir reden vom Mittelfeld der Liga- sind es rund 2,5 Mio Euro in der Spitze und mindestens eine Million beim Rest. Viel Geld für wenig Leistung. Nach der Einschätzung von Pascal können alle besser gegen den Ball treten. Aber Engagement und Einsatz werden von der sportlichen Leitung nicht eingefordert. Sie müssen ihr Potential nicht abrufen. Was die Balltreter bieten, wird akzeptiert. Die Spieler aus dem Ausland waren früher meist Spitzenklasse. Aber warum sollen sie sich jetzt zerreißen, wenn die Kohle jeden Monat aufs Girokonto gebucht wird. Hier ist für jeden „Chancentod“ und Vollpfosten, der regelmäßig den Ball verstolpert, noch einmal Gelegenheit Geld für eine Eigentumswohnung zusammen zukratzen plus eine tägliche warme Mahlzeit für den Rest seines Lebens, auch wenn er die während seiner Karriere verdienten Millionen versoffen und verzockt hat.

Die Security Präsenz sei im übrigen, so die Einschätzung von Pascal auf meine Frage, nicht einer konkreten Gefahrenlage geschuldet. Es sei einfach so, dass die Guards eh alle im Staatsdienst seien und deshalb müsse man sie halt beschäftigen, um sie nicht auf dumme Gedanken kommen zu lassen.
Die Mannschaften werden im übrigen auch von Ministerien unterstützt. Also Staatsfussball. Die WM ruft. Ich erzähle den staunenden Jungs vom Verband noch, dass in Offenbach schon das Team von Brasilien trainiert hat. Wenn die Saudis mal ein Länderspiel in Deutschland machen sollten, müssten sie nur im Rathaus anrufen „the Major is my best Buddy“, um optimale Trainingsbedingungen zu finden.
Am nächsten Tag soll der Tabellenführer spielen. Das ist das Team bei dem kürzlich noch Neymar seine Künste zeigte. Da müsse ich unbedingt hin, empfiehlt man mir. Das Match sei in einer riesigen Halle.
Ich bin dem Rat nicht gefolgt. Ein Fehler. Am Abend sehe ich im TV ein rassige Spiel, fast ausverkauft bei Ticketpreisen zwischen 60 und 120 Euro. Richtig Stimmung. Irgendwie habe ich den Eindruck, Saudi Arabien kauft sich Fußball zusammen: drei vier Spitzenteams plus ein wenig Unterbau damit das Land auch eine Liga nachweisen kann. Man gauckelt so Fussball Tradition vor und suggeriert, reif für die WM zu sein.
Das Spiel hier endet 1:0. Drei weitere Tore werden nach Video-Beweis aberkannt. Auch etwas absurd. Video-Beweis in einem leeren Stadion.
Zurück mit dem Taxi zum Hotel. Ich gehe suche noch einen Supermarkt, etwas abseits vom Ministeriums Viertel in dem ich wohne. Ich laufe durch eine Straße in der die dienstbaren Geister zuhause sind. Hier finde ich draußen eine reine Männer Gesellschaft. Man steht dicht gedrängt zusammen, schwätzt. Im kleinen Tante Emma Laden hole ich drei Flaschen Bier „Null Promille“. Das alkfreie Gesöff ist hier mit Früchten angereichert. Cranberry ist gut trinkbar und löscht den Durst. Weizen, Apfel und Erdbeere sind grausam. Der Chef im Laden dreht den Kronkorken mit der Hand auf. Wahnsinn.