Dienstag, 7. November 2023. Fes

Dienstag, 7. November 2023. Fes.

Mit meinem Host habe ich ein Programm für die drei Tage vereinbart. Heute eine Tour durch die Medina. Morgen erkunde ich die Stadt auf eigene Faust und am Donnerstag nehme ich an einer Tour nach Meknes und zu einer antiken Stadt teil.

Das berühmte Blaue Tor. Haupteingang in die Medina. Von innen. Hier ist es mit grünen Kacheln geschmückt. Von der anderen Seite strahl die Fassade in blau.

Der Guide heute ist ein Glücksfall. Erstens verstehe ich ihn sehr gut und zum anderen ist er in der Medina aufgewachsen. Er scheint mindestens jeden Zweiten hier zu kennen und ist bestimmt schon einmal durch jede der 9.000 Gassen gelaufen und hat jede Treppe der etwa 10 Kilometer langen Mauer, die die Stadt umgibt, bestiegen. 800.000 Menschen sollen allein in der Altstadt leben.

Ich glaube, dass ich einen guten Orientierungssinn habe: aber hier wäre ich in dem Gewirr der Wege nach zwei Minuten verloren. Ok. Als erstes haben wir eine Sim-Karte gekauft. Google Maps wird mich retten.

Zwei ziemlich lange Straßen durchziehen fast parallel die Medina. Sie sind die Highways für das touristische Publikum.

Ungezählte Stande und Geschäfte mit Andenken und Devotionalien. Kitsch und Schrott. Schnäppchen und Gelegenheiten.

Jede der beiden Hauptwege ist sicher einen Kilometer lang aber oft keine zwei Meter breit. Dazwischen verwinkelte Pfade, manche nur 80 Zentimeter von Wand zu Wand, oft kaum mehr als dunkle Gänge. Das Blöde: Die Stadt liegt auf einem Berg. Alles was man runter läuft, muss man auch wieder nach oben klettern.  Autos und Motorräder sind hier tabu. Sie würden an vielen Stellen stecken bleiben. Waren und Möbel werden mit Karren und Eseln (ca. 3.000 dieser Petit Taxi genannten Tiere gibt es) transportiert. Dennoch ist das Gedränge oft atemberaubend und manchmal beängstigend. Nebenbei, wenn jemand ein Sofa bekommt oder eine Waschmaschine werden diese über die Dächer transportiert, die miteinander verbunden sind.

Mein Guide, ein etwa 45 jähriger Mann, ist schon sehr spirituell angehaucht. Die Religion prägt sein Leben. Rund 300 Moscheen laden in der Medina zur Besinnung. „Überall in der Nachbarschaft sind die Gotteshäuser. Es gibt keine Ausrede dafür, dass jemand das Gebet versäumt“. Die oft kleinen Kultstätten sind ein wichtiger Teil der Infrastruktur in den Miniquartieren, Nachbarschaftsblocks oder wie man das immer auch nennen mag.

Am Fraueneingang der Moschee können die Mädels Kerzen aufstellen, So können sie erreichen, dass Männer, die mit ihnen böse sind, wieder lieb werden. Glauben sie.

Von jeder Wohnung nach wenigen Metern schnell erreichbar: Brunnen, die früher für das Leben essentiell waren. Außerdem gab es quasi in jeder Gasse eine Art öffentlicher Bäder. Heute haben alle Haushalte Wasser und Strom.

Diese Kawanserei ist aufwändig mit Hilfe der UNESCO saniert. In alter Pracht. Dokumentiert ist ihr Zustand vor der Sanierung. Eigentlich nicht mehr als ein riesiger Haufen Ziegelsteine.

Kawansereien in jedem Quartier der Altstadt dienten einst als Hotels. Notwendige Voraussetzung für den Handel. Die Zimmer gruppierten sich um einen Hof für die Lasttiere  In Funktion sind noch die Gemeinschaftsöfen an fast jeder Ecke, zu denen die Menschen ihren Teig bringen. Man stellt sein Brot oder den gekneteten Kuchen vor die Haustür.

Jemand der gerade Zeit hat, nimmt den Teig mit in die Backstube und dort hockt ein Mensch in einer Grube, hält die Flamme am Brennen und schiebt mit einer riesigen Schaufel die Köstlichkeiten in das gemauerte Steinwerk.

Ich hätte stundenlang zuschauen können. Und dann gibt es noch überall die Koranschulen, die von Jungen im Alter von drei bis sechs Jahren besucht werden. Meist hinter einer mit Ornamenten verzierten Bretterwand hört man die Kids wie sie endlos die Suren zitieren oder soll ich „herunterleiern“ sagen.

Grundschule

Zu den kleinen Bezirken gehört meist eine Grundschule. Beim äußeren Zustand von manchen von ihnen würde ver.di die UN Menschenrechtskommission anrufen.

Später können die Jungen und Mädchen in der Nachbarschaft weiterführende Bildungseinrichtungen besuchen. Studiert wird außerhalb.

Innerhalb der Mauern pulsiert das Leben. Abseits der Touristenpfade mit ihrem Kitsch und Fake versorgen kleine Märkte die Nachbarschaft mit Fleisch, Gemüse und Obst.

Es gibt spezielle „Einkaufsmeilen“ für Brautkleider, Schmuck, Slipper, Handys oder Bettwäsche. Tausende kleine Geschäfte, oft nur vier oder fünf Quadratmeter groß. Im Prinzip ist die Medina ein riesiger Amazon. Es gibt hier alles von der Schraube bis zum Sarg, halt analog, nicht digital und online.

Die Gassen wirken oft ziemlich heruntergekommen und schäbig. Aber: hinter den Eingangstoren öffnen sich üppige Gärten und gut eingerichtete Wohnungen. Privatsphäre ist ein hohes Gut hier. Mein Guide zeigt mir die Türklopfer. Meist sind es zwei. Einer für die Familie und einer für Gäste. Je nach Klang öffnete dann die Frau oder der Mann den Eingang. Es kommt auch in der Enge nicht vor, dass  Türen direkt gegenüberliegen, um ungewollte Blicke in die Räume des Gegenüber zu vermeiden.

Diese kleinen Blocks sind die Keimzellen des Sozialen Lebens der Menschen in der Medina. Hier finden quasi die demokratischen Prozesse, die über den Alltag bestimmen statt. Nachbarschaft und Spiritualität eng verkuppelt. In der Beziehung der Menschen untereinander spielen Traditionen eine große Rolle, bestimmen sie Leitkultur. Anerkennung von Regeln und Autoritäten orientieren sich nicht an unseren Maßstäben. Unser Verständnis von Parlamentarismus, individuellen Freiheiten oder Laizismus wirkt hier fremd. Ein Grund weshalb wir uns mit unserer Mission Menschenrechte und Demokratie oft auf Unverständnis stoßen.

Aber: Es ist spürbar, dass die Gesellschaft in Bewegung ist. Ich war vor 30 Jahren das letzte Mal hier. Der Anteil der Frauen ohne Kopftuch und mit körperbetonter Kleidung ist auch in der Altstadt enorm gestiegen. Unter den jungen Frauen bedecken über 50 Prozent ihr Haar nicht. Ihre Körpersprache signalisiert Selbstbewusstsein. Ganz selbstverständlich sitzen Teenager als Pärchen zusammen. Viele Geschäfte werden von Frauen geführt. Die Mädels haben halt im Englisch- und Französischunterricht besser aufgepasst und können auf Fragen der Touristen eingehen. Auch die Betonung der Privatheit scheint nicht mehr oberste Maxime zu sein. Neubauten, jedenfalls die Teuren, haben meist riesige Fensterfronten, die den Reichtum innen zeigen. Ein Wandel, den ich auch schon in anderen islamischen Ländern beobachtet habe und der der Nomenklatura Angst macht.

Zum Abschluss des  Rundgangs dann der Offenbach Bezug. Unten am Fluss wird in riesigen Bottichen Leder gegerbt.

Von Balkonen aus lässt sich das Geschehen, das im Sommer heftig stinkt, beobachten. Ich lasse mich breit schlagen und kaufe einen Gürtel. Das immer gleiche Spiel bei jeder  Führung. Jeder Guide hat einen Verwandten der für irgendwas Spezialist ist und seine Fähigkeiten aus Freude an der Sache gerne demonstriert, nix verkaufen will aber zufällig unschlagbare Angebote hat.

Anschließend noch in eine Weberei geschaut. Aber auch eher Kategorie: Verkaufsgespräche. Nett „Danke“ gesagt.

Ein Blick auf die Dächer. Ob die Schüsseln alle nur Mekka TV übertragen? Hier transportieren Netflix, Sky und viele andere Formate mit ihren Soaps und Schnulzen westliche Lebensart, die die traditionelle Lebensweisen infrage stellen. Dazu noch CNN, die BBC und Al Jazeera. Ein Wegweiser gerade für junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben.

Abends esse ich in einem kleinen Restaurant in der Medina. Ein Stück Weg ist es schon dahin durch die kleinen Gassen. Aber Google Maps kennt alle Schlupflöcher. Das Menü war ok aber mehr auch nicht.

Der Eingang zu meinem Hotel. Eher unscheinbar. Dahinter aber prächtig. Später beginne ich ein Buch über das Mittelalter zu lesen.

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