Sonntag 19. Januar 2025 – Frankfurt – Dschidda

Die übliche Nervosität vor einer Reise. Winni und Petra bringen mich zum Bahnhof und fahren für einen Spaziergang auf dem Lohrberg bis Frankfurt mit in der S-Bahn.

Eigentlich müsste ich ja genug Erfahrungen am Airport haben: Aber auf Rhein-Main stelle ich mich dieses Mal richtig blöd an. Verwechsle Gate und Check In und dann den Bereich „E“ mit „D“. Wie ein Schulbub. Aber es geht alles super schnell beim Einchecken. Zeit für zwei Weizenbier. Die nächsten beiden Wochen werden hart und trocken.

Es erwartet mich ein Flug der besonderen Art. Der Jet ist fast ausgebucht. Meist Männer. Pilger wie sich herausstellen sollte. Die Destination von SV 168 von Saudia ist Dschidda, nicht weit von Mekka. Die wenigen Frauen im Flieger sind meist locker gekleidet, die Jungs in Jeans und T-Shirt. Meine beiden Nachbar machen den Eindruck, sie seien letzte Nacht nochmal richtig um die Ecken gezogen.

Kaum sind die Anschnallzeichen erloschen bilden sich lange Schlangen vor den Toiletten. Die Männer ziehen ihr Pilgergewand den Rida an. Zwei Tücher um Brust, Rücken und Schulter geworfen. Es bleibt jede Menge nackte Haut zu besichtigen, inklusive manch heftiger Speckfalte um die Hüfte. Bei den Mädels geht das Dressing in eine andere Richtung. Verhüllen ist angesagt.

Die Schlage im Mittelgang kollidiert mit dem Service. Die Flugbegleiter versuchen verzweifelt ihre Minibar zwischen den Wartenden zu rangieren. Richtig blöd wird es über dem Mittelmeer. Die Turbulenzen sind heftig. Der Flieger knallt richtig auf den Jet Stream. Ein Luftloch und 20 Leute hätten an der Decke gehangen. Aber die Schlange lässt sich nicht beirren. Inshallah

Kurz vor der Landung präsentiert sich hoch über den Lüften die Männerwelt überwiegend „Ganz in Weiß“ nur ohne Blumenstrauß während die Gesichter der Female unter dem Schleier kaum noch zu erahnen sind.

Der Airport in Dschidda ist riesig. Während der Wallfahrtsmonate kommen hier einige Millionen Menschen an. Wir rollen ohne Ende zum Gate. Aber dann geht alles richtig schnell. Es sind kurze Wege (gemessen an Frankfurt) bis zum Zoll. Das Visum on Arrival habe ich in zehn Minuten im Pass. Kaum zu glauben nach Jahrzehnten einer restriktiven Haltung gegenüber dem Tourismus. Den Stempel hätte ich mir auch am Automat holen können aber besser nicht. Beim Scannen meines Passes scheitere ich schon in Frankfurt regelmäßig. Und meine Finger wollen einfach keine Abdrücke hergeben. Die Beamtin lächelt geduldig hinter ihrem Mundschutz als ich zum vierten Mal meine Hand auf die Scheibe drücke und das Licht wieder rot leuchtet. Dann ist es endlich geschafft. Mein Rucksack dreht schon einsame Runden auf dem Band.

Natürlich haben sich in der Ankunftshalle jede Menger Koberer versammelt, die mich in ein Taxi ziehen wollen. Eigentlich ist der Markt gut strukturiert. Taxameter ist wohl Pflicht. Aber diese Vorschrift gilt nicht für den Limousinen Service. Wenn ein Fahrtgast also ins falsche Auto einsteigt, ist er Ruckzuck den Zehnfachen Preis los. Und die Kategorie Limousine ist dehnbar. Ich stelle mich am Taxistand an. Die Fahrt zu meinem Hotel dauert 15 Minuten inklusive Ehrenrunde, weil der Chauffeur die richtige Abfahrt „übersah“. Aber bei gerade mal 12 Euro wäre das Meckern auf unangemessenem Niveau.

Das ibis hat meine Reservierung verbaselt. Irgendwie dachte ich mir das schon am Airport als irgendeine KI via Mail meldete, mein Zimmer sei storniert. Nach Mitternacht sind alle Standardzimmer vergeben. Dem Portier bleibt nichts anders übrig als mir für 60 Euro die Suite zu überlassen. Suite? Naja: Sagen wir das Appartement. Wohnzimmer, Küche, Bad, Schlafraum und zwei Toiletten. Fast so groß wie meine Wohnung in Mühlheim. Alles ok.

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Mittwoch, 30 Oktober – El Paso

Der letzte Tag in den USA. Jede Reise geht einmal zu Ende. Ich lasse mich durch die Stadt treiben. Auch hier: die Innenstadt ist leer. Kaum Geschäfte. Die wenigen Restaurants die noch existieren, tun mir leid. Die Lauf-Kundschaft fehlt.

Selbst die Billigheimer wie Dress for less sind aus der City geflohen. Auch viele Büroräume in den Stockwerken weiter oben scheinen unvermietet.

Wie ich später im Museum sehe, war die Innenstadt einst ein blühendes Zentrum. Einige Bauten und Tafeln zeugen noch vom einstigen Glanz.

El Paso ist Grenzstadt. Eine Brücke entfernt liegt Ciudad Juarez, quasi eine Zwillingsstadt. Doch unterschiedlicher können zwei Geschwister nicht sein. El Paso gilt als eine der sichersten Städte der USA. Das mexikanische Pendant verzeichnete Anfang der 2000er Jahre die höchste Mordrate der Welt. Die Drogenkartelle kämpften um die lukrativsten Routen. Mittlerweile hat sich die Situation beruhigt. Scheinbar.

Bis 1917 existierte die Grenze zwischen beiden Ländern quasi nicht. Ein Wechsel zwischen beiden Nationen war ohne Papiere möglich. Diese Freizügigkeit hat sich mit der mexikanischen Revolution verändert. Heute ist der Streifen links und rechts des Rio Grande Hochsicherheitsgebiet. Die USA schützen sich mit mächtigen Grenzanlagen. Keine Mauer aber hohe Dreifach-Zäune, die zumindest hier unüberwindbar scheinen.

Ich beschließe, einen Abstecher zu riskieren. Die Straße Richtung Mexico ist richtig belebt. Wir würden sagen „Polen-Markt“. Es ist noch amerikanisches Gebiet aber die Klamotten sind unfassbar billig. Alles Fake aber man ahnt für welche Hungerlöhne die Menschen in Mittelamerika schuften müsse.

Links Mexiko – rechts die USA

Die Einreise nach Mexiko verläuft problemlos. Ich muss noch nicht einmal meinen Pass zeigen. Lediglich die Benutzung der Brücke kostet 50 Cent. Es sind viele Menschen unterwegs. Fast ausschließlich Hispanic People. Autos können an dieser Stelle nur Richtung USA fahren. Auf vier Spuren steht Wagen an Wagen. Ich frage mich wie man hier den Schmuggel von Drogen unterbinden kann. Der Fußgängerweg Richtung Mexiko auf der linken Seite des Übergangs ist völlig eingehaust. Ca 250 Meter links, rechts und oben Maschendraht bzw ein Dach.



In Ciudad Juarez erwarten mich hinter dem Schlagbaum weder Bierbars noch ein Rotlicht Viertel oder Ramschläden. Stattdessen betrete ich einen riesigen Medizinpark, um es positiv zu formulieren. Hunderte Apotheken, Zahnärzte, Optiker, Ärzte, Prothesenbauer und sonstige Fakultäten erwarten die Kundschaft aus den USA. Manche Mediziner arbeiten in Partyzelten. Viele Dentallabore sehen so aus, dass sie in Deutschland sofort vom Gesundheitsamt geschlossen würden. Hierher kommen aus den Vereinigten Staaten nicht nur die Ärmsten der Armen sondern die Mittelklasse. Die USA sind eines der reichsten Länder der Welt. Trotzdem sind viele Menschen unterversichert oder Mitglied einer Krankenkasse, die beispielsweise die Zahnbehandlung nicht zahlt oder überhaupt nicht geschützt. Die Medizin Touristen kaufen hier kein Viagra sondern Pillen und Säfte, die sie ein wenig länger leben lassen.

Ich erinnere mich an den ehemaligen Piloten, den ich vor einigen Jahren in Kalifornien traf. Er war in Kaiserslautern stationiert, hat die modernsten Kampf-Jets geflogen. Um es heroischen in den Augen der Amis zu formulieren: jemand der sein Leben für die Freiheit riskiert. Dieser „Held“ musste im Alter seine Medizin gegen Bluthochdruck in Mexiko kaufen, weil seine Krankenkasse die Zahlungen limitierte. Irgendwelche Generika deren Wirkung offen bleibt.

Entlang der Hauptstraße traue ich mich bis zur Kathedrale im Zentrum.

Naja: Kathedrale ist ein wenig übertrieben. Eine Fassade wie in einem Western. Drinnen wirkt die Kirche eher modern.

Eine lange Menschen-Schlange schiebt sich quer durch das Kirchenschiff. Der Pfarrer segnet seine Schäfchen, nimmt sich für jeden einzelnen Zeit, um ein paar Worte mit ihm oder ihr zu reden, spricht Mut zu, tröstet. Dazu spielt ein Duo.

Keine sakralen Weisen sondern Lieder aus Lateinamerika. Gerade so entsteht Spiritualität. Viele Frauen und Männer in der Schlange sind wohl auf der Flucht vor Armut und Terror. Die Kirchen hier kümmern sich gemeinsam um die Menschen. Auch der Pfarrer vorne wie ich im Internet erfahren habe. Vor einem Jahr sind 39 der Schützlinge bei einem Brand in einem Abschiebezentrum ums Leben gekommen.

Es macht mich nachdenklich. Eine Lösung für all die Probleme kenne ich auch nicht. Es gibt kein Schwarz, kein Weiß. Aber dazwischen fällt mir auch nicht viel ein.

Ich schlendere noch ein wenig um den Marktplatz. Das Revolutionsmuseum hat leider geschlossen. Langsam marschiere ich wieder Richtung Grenze. Die Einreise in die USA mit meinem EU Pass geht völlig reibungslos.

Zurück gibt es erstmal ein Eis und eine Limo

Das Museum of Art von El Paso schließt erst um 18 Uhr. Es soll einige interessante Exponate moderner amerikanischer Kunst besitzen. Mein Besuch ist leider vergebens. Es wird umgebaut.

Warum auxh immer. Die einzigen Bilder im 1. Stock

Ein paar Bilder hängen orientierungslos an der Wand. Im Foyer zwei drei Skulpturen und in einem Nebenraum eine Video-Installation.

Im Museums-Shop einige wirklich geschmackvolle Kleidungsstücke. Aber 570 Dollar für einen Umhang ist ein stolzer Preis.

Nebenan im historischen Museum überzeugen zwei Räume: Der Aufbau der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts und die Zeitreise durch die Musikhistorie von El Paso.

Zurück im Hotel beginne ich zu packen. Wahrscheinlich fahre ich mit dem Bus zum Flughafen. Zum Abschluss noch einmal auf drei Tacos und ein Corona zum Mexikaner.


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Dienstag, 29. Oktober, Dallas – El Paso

Um 2.30 Uhr nachts sollen wir zurück am Bahnhof sein, ermahnte uns der Schaffner. Manche schaffen es gerade so. Denn irgendwann um Mitternacht stürmte der halbe Zug die Bar. Getrunken werden meist die harten Sachen. Ich bin mit meinem Corona de Ausnahme. Der Typ neben mir ist LKW Fahrer und säuft sich, wie er erzählt, die Scheidung weg. Eigentlich sind Trucker ja Stammklientel von Trump, aber er wird Harris wählen. Bei den anderen macht es kaum noch Sinn über Politik zu reden. Zu hoch ist der Pegelstand. Und außerdem: ihr Texanisch verstehe ich kaum. Also zuprosten. Wohin geht es? Kinder? Enkel? Einfach bei ziemlich lauter Musik Spaß haben.

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Gegen 1.30 pm mache ich mich auf zu einem Dennys zwei Blocks weiter: einen Hamburger essen.

Zurück am Bahnhof ist der Zug länger geworden. Die Kurswagen aus New Orleans wurden angehängt und eine weitere Lok und ein Observation Car. Ich schlafe aber erst mal selig bis morgens um acht.

Früh dann irgend ein Unterwegs-Halt in einer typischen Kleinstadt.

Eine Kreuzung, Tanke, Saloon und ein paar Geschäfte. Die meisten stehen leer. Dreimal die Woche hält hier der Zug. Heute gesellen sich zu den Fahrgästen vier ältere Damen und werben für die Lektüre der Bibel.

Es folgt ein stundenlanger Desert Trip

Pünktlich gegen 13 Uhr erreiche ich mein Ziel El Paso. Meine letzte Station in den USA. Ein imposanter Bahnhof für die drei Züge je Richtung und Woche.

Rund 300 Meter bis zur Straba, die fast bis zum Hotel fährt. Auch hier gilt der Null-Tarif.

Für ihn auch? Hat seine Haltestelle verpasst.

Das Hotel ist gut. Ein wenig geschlafen. Abends in einem mexikanischem Lokal Tacos gegessen. Sehr gut.

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Montag, 28. Oktober Dallas – El Paso

Reisetag. Ich hatte bereits am Abend zuvor alles gepackt. Der Zug sollte um 12 Uhr fahren. Genug Zeit, um in der Nähe des Bahnhofs zu frühstücken wenn ich 10.30 Uhr mit dem Bus fahre.

Eine Bäckerei in der Nähe des Bahnhofs hat es mir angetan. Heute mal ein einfaches Sandwich und Kaffee. Also wie zuhause. In Mühlheim halt ohne Ei.

Vor der Bäckerei hält die Straba. Obwohl die Station in Sichtweite ist, steige ich ein. Spart das Laufen mit Rucksack.

Weiterer Vorteil: Die Straba fährt direkt auf die Bahnsteige. Im Hintergrund mein Zug. Aber bevor ich einsteigen kann, muss der Regionalexpress erst mal abfahren. Mein Amtrak hatte zwei Stunden Aufenthalt in Dallas. Mein Wagen ist allenfalls zu einem Viertel besetzt. Los geht es. Aber bereits nach 40 Minuten eineinhalb Stunde Tank-Stopp in Fort Worth. Unser Schaffner empfiehlt den Subway im Bahnhof. Subway ist eigentlich meine absolut letzte Wahl wenn ich Hunger habe. Da muss die Not schon groß sein. Aber wenn der Schaffner das so nett empfiehlt, dann riskieren wir es mal. Nebenbei: die Einkehr ist alternativlos. Im Umkreis gibt es kein anderes Lokal.

Aber zunächst mal nutze ich die Gelegenheit meinem Hobby zu frönen. Ein paar Eisenbahnfotos müssen sein.

Eine abgestellte Garnitur

Ein wenig Museumsbetrieb

Ein alter Straba Wagen

Und dann in den Subway. Klar. Es ist meine Voreingenommenheit. Aber alle Vorurteile bestätigen sich wieder einmal. Desorganisiertes Handling bei einer Schlange von 15 Metern und vom Geschmack her: Naja.

Irgendwann geht es weiter. Unterwegs halt in einem Kaff mit einem kleinen Museum am Bahnhof.

Gegenüber ein Lok-Depot

Nach einem kurzen Aufenthalt zum Rauchen und Beine vertreten Abfahrt zur nächsten Station: Austin Texas. Eigentlich hatte ich hier ein zwei Tage eingeplant: Aber die Hotelpreise rings um die City sind so absurd hoch, dass ich darauf verzichtet habe. Die Kulisse vor dem Bahnhof ist jedenfalls beachtlich.

Gegen 21 Uhr erreichen wir San Antonio. Sechs Stunden Aufenthalt. Die Stadt gilt als sehr sicher. Trotzdem möchte ich mir den River Walk nicht antun. Ich habe ihn vor zehn Jahren schon einmal besucht. Wirklich eine Attraktion wie das Museum, dass vom Heldentod einer Schwadron erklärt, die es möglich machte das Texas heute Teil der USA ist.

Ein Passagier und ich beschließen beim Aussteigen, gemeinsam eine Bar zu besuchen. Es wird ein sehr feucht fröhlicher Abend bei Alibis´ und lauter Musik von ACDC.

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Sonntag, 27. Oktober Dallas

Im Industriegebiet neben meinem Hotel soll ein weiterer guter Diner ein hervorragendes Frühstück anbieten. Zwanzig Minuten Fußmarsch bei 30 Grad und schon von weitem kann ich erahnen, dass ich die richtige Richtung eingeschlagen habe.

Mama´s Daughters´ Diner. ich wünschte die Mutter hätte auch eine Tochter bei uns in Offenbach. Aber erst einmal heißt es warten. Man wird platziert.

Aber die Warterei lohnt

Nur jeden Tag geht das auch nicht. Aber es ist schon ein toller Laden.

So gestärkt mache ich mich mit dem Bus zum Kennedy Memorial.

Ungefähr dort wo der Pic up fährt, trafen im Jahr 1963 die tödlichen Schüsse den ehemaligen amerikanischen Präsidenten. Ich war 13 Jahre alt und der 22. November zählt zu den zwei Tagen in meinem Leben an deren Ablauf ich mich gut erinnern kann. Irgendwie war Kennedy damals auch für uns deutsche kleine Knirpse ein Versprechen für eine bessere Welt. Zu Recht oder zu Unrecht.

Auch heute noch pilgern die Menschen zu diesem Platz. Einige Verrückte stellen sich für ein Selfie auf das eingezeichnete Kreuz auf der Fahrbahn des Autobahn Zubringers. Wahrscheinlich sind in den über sechzig Jahren danach an dieser Stelle weitere Menschen zu Tode gekommen. Die Abläufe jenes Moments lassen sich gut verfolgen.

Der Platz selbst wirkt sehr viel enger als auf den Filmen vom Attentat. Die sind damals alle in Weitwinkel aufgenommen worden. Die Entfernung für den Schützen betrug kaum vierzig Meter mit viel Zeit zum zielen.

Das Gebäude des Schulbuchverlags aus dessen sechstem Stock Lee Harvey Oswald anlegte wird heute als Museum genutzt.

Die Ausstellung ist gut. Sie ordnet die Zeit, das politische Klima in den USA und speziell in Texas ein. Sie verliert sich nicht in Spekulationen sondern stellt Abläufe und Fakten, auch für die Zeit danach und das Erbe Kennedys, nebeneinander ohne überladen zu wirken. Man merkt, Journalisten haben das Konzept mitentwickelt.

Nur ein Nebenaspekt: Es sind Bilder von der Fahrt Kennedys durch die Main Street von Dallas. Damals noch eine urbane Geschäftsstraße, typisch für eine Großstadt: An den Türschildern erkennt man: Es gab noch Herrenschneider, Uhrmacher, Kurzwaren, Geschirr, Banken mit lebendigen Mitarbeitern, Candy-Strores, Schuhgeschäfte und Fotolabors. Wer heute durch diese Straße erlebt nur noch die öde leerer Hochhausfronten.

Ich mache mich auf zu einem Einkaufszentrum. Brauche noch etwas Wäsche. Naja am Ende lasse ich doch etwas mehr Geld dort als geplant. Die Rückfahrt birgt dann doch eine Überraschung. Ich bin im Tunnel in die falsche Richtung eingestiegen und lande etwa 10 Kilometer weiter in einer Vorstadt, einer typisch White Suburban Town wie Dr Hook sie einst in der Ballade von Lucy Jordan besang.

300 Meter weiter soll laut Google Maps ein Restaurant sein. Also versuchen wir es einmal.

Es ist laut aber gut. Heute Abend ist mal vegetarisch angesagt.

Zurück dann mit zweimal Umsteigen. Naja um diese Zeit sind alle für Security an den Bahnsteigen dankbar. Ich komme gut im Hotel an

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Samstag, 26. Oktober Dallas

300 Meter vom Hotel entfernt soll ein guter Diner für Frühstück sein, so ist auf den Bewertungsportalen zu lesen. 300 Meter sehen auf Google Maps völlig easy aus. Blöd nur, wenn zwei Highways zwischen mir und den Eggs mit Bacon liegen. Anfangs über einen Parkplatz. Kein Problem. Weiter auf Fußgängerwegen. Aber die enden im Nirgendwo. Zum Glück ist Samstag und der Verkehr hält sich in Grenzen. Über den Parkplatz eines Hotels schaffe ich es dann wieder in sicheres Terrain. Die Strapazen lohnen sich. Ein Diner wie aus dem Modellbaukasten. Knallvoll. Es ist Samstag. Familientag. Hier trifft sich die Nachbarschaft. Am Tisch nebenan sechs Ladies. Die Portionen, die sie vertilgen: XXXXL. Naja. Von nix kommt nix. Die Hälfte der Menschen hier hat schlicht 50 Kilo zu viel auf den Rippen. Und bei jedem meiner Besuche in den USA scheint ihr Anteil zu wachsen.

Ich bin da etwas bescheidener in meinen Ansprüchen. Es schmeckt richtig gut.

So gestärkt geht es mit der Straba zum Dallas Museum of Art.

Ich hatte am Abend vorher Tickets im Internet bestellt und war ziemlich erstaunt, dass der Eintritt ins Museum nichts kostet. Gebeten wurde nur um eine kleine Spende. Klar. Macht man gerne.

Tricky. Bluff. Wie man es nimmt. An der Kasse muss ich mich mit dem Ausweis legitimieren. Bei dieser Gelegenheit erklärt mir der nette Mitarbeiter: Wenn ich die Bilder der Ausstellungen sehen wolle, koste das 20 $ extra. Eh. Geht´s noch. Wozu komme ich ins Museum: Um überteuerten Kaffee aus dem Becher zu trinken?

Das Haus zeigt (gerade noch bis Anfang November) die Ausstellung „Die impressionistische Revolution“, eine Homage an die Geburtsstunde des Impressionismus. Mein Lieblings-Sujet. Im Jubiläumsjahr ist es mir immerhin gelungen vier bedeutende Ausstellungen zu 1874 zu sehen. Paris und Washington sowie Köln und Dallas. Die beiden ersten waren herausragend. Beide auf Augenhöhe. Dallas zeigt viele „Hochkaräter“. Allein deshalb lohnt sich der Besuch. Aber es fehlt ein wenig das Narrativ. Ist in den USA auch objektiv schwierig. Oft sind die Ausstellungen nach den Sponsoren beziehungsweise Mäzenen geordnet. Das gibt es den Smith Raum und das Müller Zimmer. Dort hängen dann Bilder ohne inneren Zusammenhang. Dazu: In Dallas mag es an dem Zahlen-Fetischismus der Texaner liegen: In den Begleittexten spielt eine zentrale Rolle wie oft die Künstler an den 12 Ausstellungen nach 1874 teilgenommen haben. Quasi wie eine Hitparade.

Den zweiten Teil meines Besuchs in dem Museum verbringe ich in der Abteilung „Amerikanische Kunst des 20 Jahrhunderts“

Weiter geht es zum Farmer Market. Ein Fußmarsch von rund zwanzig Minuten. Eine Gelegenheit den Rand der City kennen zu lernen. Hier am Ausgang des Museums bin ich noch mitten in der Innenstadt. Das Foto habe ich gemacht, weil die kleine Kirche in diesem Quartier die einzige Erinnerung daran ist, wie die Stadt vor 50 Jahren ausgesehen hat.

Auch hier im Erdgeschoss der vielen Hochhäuser leere Räume. Auffallend: Viele Restaurants und Bars der gehobenen Kategorie haben aufgegeben. Ihre Eröffnung basierte vielleicht auch auf der Illusion, die Innenstädte der Zukunft werden nicht mehr von dem normalen Bürgertum bevölkert sondern von einer Oberklasse, die zwischen den Abstechern in teuren Boutiquen von Nobelschuppen zum nächsten Esstempel zieht, um Kaviar zu löffeln und Champagner zu schlürfen. Viele der Läden wirken von außen schon so abgehoben, dass die meisten Menschen wenig Lust auf eine Einkehr verspüren.

An jeder Scheibe eine Telefonnummer und der Hinweis „For Lease“. Block für Block. Selbst einen Seven Eleven oder einen Mc Donalds sucht man hier vergeblich. Dafür ist die Obdachlosigkeit ebenso unübersehbar wie das massive Aufgebot an Sicherheitskräften.

Das alte Dallas: Das „Majestic“ am Rande der Innenstadt. Erinnerung an eine goldene Zeit der Musiktheater. Jonny Cash ist hier aufgetreten. David Bowie und viele Weltstars mehr

Ein Regierungsgebäude. Die Parallelen zum Imperium Romanum sind unübersehbar und gewollt. In dem blauen Auto ein Foto-Shooting mit einem Brautpaar. Bei einer Scheidung bleibt wenigstens der Wagen im Gedächtnis.

Im Farmers Market beim Italiener gegessen. Eigentlich ist das Label irreführend. In der Halle reiht sich Futterbude an Futterbude. Obst und Gemüse vom Erzeuger ist nur noch selten zu finden.

Der anschließende Besuch eines Eishockey-Spiels endet fast schon vorzeitig an der Ticket-Box. Ich bitte die nette Mitarbeiterin, mir einen guten Platz auszusuchen, bezahle und sie fragt mich nach meiner Telefonnummer. Sekunden später blinkt auf dem Smartphone aber die Nachricht lässt sich nicht öffnen. Neuer Versuch mit Email. Gleiches Spiel. Ah meint sie, ich müsse die App von Ticket- Master installieren. Nur: Ich mache ja viel, aber auf der Straße eine mir fremde App einrichten mit Kreditkarten-Nummer etc. No Way. Die Schlange hinter mir wächst. Wir debattieren. Papiertickets gebe es nicht mehr. Das sei „Old School“, aber Geld zurück gehe auch nicht. Es geht hin und her. Die Schlange in meinem Rücken schlängelt sich über den Platz. Irgendwann kann ich sie mit meinem Offenbacher Hinterhof Romeo Charme davon überzeugen, ihren Boss zu kontaktieren. Und (oh Wunder) sie kommt mit einem Papierschnipsel zurück auf dem ein leibhaftiger QR Code aufgedruckt ist. Merke: Wer im digitalen Zeitalter sich nicht auf die Regeln einlässt (und normal bin ich ja gutwillig), ist ausgeschlossen.

Drinnen streike ich. Der Becher Bier 16 Dollar für ca 0,3 Liter. Dann geht Sport halt mal ohne Sprit. Dafür ist die Show gigantisch. Choreographiert vom ersten bis zum letzten Moment. Ich muss zugeben: Es macht Spaß. Und die „Dallas Stars“ spielen richtig gut wie ich mit meinen bescheidenen Kenntnissen aus einigen deutschen Spielen glaube beurteilen zu können. Bei uns auf dem Niveau: Ich glaube ich wäre Fan des Spiels auf Schlittschuhkufen. Nebenbei: die beiden Jungs vor mir hauen sich jeder vier Bier zum Preis von 16 Dollar rein.

Auch die Rückfahrt nicht ohne Hindernisse. Mein Bus hält nicht an dem Gate wo er hingehört. Der Fahrer mag lieber mit einer Kollegin flirten. Ich spreche ihn an. Nein, er fahre nicht in meine Richtung und düst los. Seine Kollegin erkennt den Fehler. Aber da ist es zu spät. Mit der Zentrale Kontakt aufzunehmen hat aber auch niemand Lust. Eine Stunde warten. Wenigstens ist es warm und eine Security bewacht den Busbahnhof.

So wird es kurz nach 11 am bis ich im Hotel ankomme und noch ein wenig Muse zum lesen finde. Immerhin: 0,3 Liter Bier kosten hier nur 7 Dollar (plus Tax and Tip).

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Freitag, 25. Oktober Von Milwaukee nach Dallas

Wenn man alleine auf einer Bank sitzt, kann man sich nachts quer legen und schlafen. Bei mir hat das gut funktioniert.

Morgens an irgendeiner kleinen Station aufgewacht. Für die Süchtigen Raucherpause. Für den Rest: Beine vertreten.

Der Zug ist jetzt angenehm leer. Noch drei Stunden bis Dallas.

Die Skyline3 kennen wir ja noch irgendwo her. Richtig: Das Intro zur Fernsehserie Dallas

Bye, bye Texas Eagle. Die Straba fährt direkt am nächsten Bahnsteig ab. Das erspart die Schlepperei. Umsteigen in der City in den Bus. Dummerweise steige ich dann eine Station zu früh aus. Also 200 Meter mehr laufen. Zwischen Haltestelle und Hotel liegt noch eine breite Unterführung. Die Homeless People hier sind zwar etwas laut aber nicht übergriffig. Trotzdem steht mein Entschluss: Kein Weg nach Einbruch der Dunkelheit.

Es ist angenehm warm. Eine gute Gelegenheit den Abend in einem Biergarten zu verbringen. Ich hatte etwas von einer Micro-Brauerei gelesen, die auch gutes Essen macht. Und das beste: Ein Bus fährt von meinem Hotel aus direkt dahin und wieder zurück.

Schönes Lokal. Live Musik. Gutes Bier und auch der Burger schmeckt. Aber: Das Lokal st auch Beispiel für die gesellschaftliche Spaltung. Im Bus war ich der einzige Weiße. Die meisten Fahrgäste kamen wohl von der Arbeit. Wahrscheinlich müssen sie für ihre Dollars und ihre Wohnung in einem strukturschwachen Viertel hart schuften.

Mein Lokal mit hohen massiven Zäunen abgesichert. Drinnen gehobene Mittelschicht. Vielleicht drei vier Farbige unter den 200 Gästen. Obere Mittelschicht unter sich. Man genießt seinen Cocktail. Schlendert von Gruppe zu Gruppe zum Small Talk. Und draußen sorgt ein Barde für richtig gute Musik. Ein wenig Blues, gemischt mit Country und Southern Rock.

Rückfahrt mit dem Bus ohne Problem. Gut angekommen.

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Donnerstag, 24. Oktober Von Milwaukee nach Dallas

Noch ein großer Reisetag. Aber erst mal eine Stärkung am Frühstückstisch. Angebot und Vielfalt liegen deutlich über dem Schnitt der üblichen Mittelklasse-Hotels. Keine Überraschung: das Haus wirkt gut geführt. Kompetenter Staff. Nur: auch hier eine Plastik-Orgie.

Mit dem Rucksack auf dem Rücken zur Straßenbahn. Wegen der Einbahnstraßen muss ich etwas weiter laufen. Unterwegs sehe ich mein Traumauto.

Stadt der Brauereien halt.

Straba Nulltarif. Die Fahrzeuge wirken gepflegt. Aber die Wagen sind trotzdem wie in Portland, Sacramento oder Pittsburgh leer.

Das Bahnhofsgebäude ist sehr modern. Ich bin eine Stunde zu früh. Rucksack parken. Ein Wasser und ein Sandwich für unterwegs kaufen. Sie haben nach längerem Suchen sogar Sparkling Water. Aber 14 Dollar zusammen für 0,5 Liter Wasser und ein Käsebrötchen? Ist schon happig

Beim Boarding das übliche Chaos an der Schnittstelle zwischen Digital und Analog. Viel Personal trotzdem lange Wartezeiten. Passagierzahlen wie in Deutschland ließe das System binnen Sekunden kolabieren.

Neunzig Minuten mit einer Art komfortablem Regionalexpress nach Chicago.

Unterwegs: Typischer Bahnhof in Illinois. Filmkulisse

Einfahrt in Chicago aus dem Zugfester

Ankunft in Chicago. Als die amerikanischen Eisenbahnen in den 1950erJahren den Personenverkehr aufgaben, leisteten sie gründliche Arbeit und bauten seine Infrastruktur gleich mit ab. Was zählte war nur der profitable Güterverkehr. Die wenigen Personenzüge verbannte man irgendwo ganz hinten in die Ecke oder wie hier in Chicago in den dunklen Keller. Jetzt wo der Transport von Passagieren eine (bescheidene) Renaissance erleb, fehlen die Kapazitäten. Man kann sie auch nicht mehr ohne weiteres mal eben reaktivieren. Viele Trassen sind schlicht zugebaut. Oben prächtige Bahngebäude und Hallen während unten die pure Not herrscht. Das System ist sehr personalintensiv weil die Fahrgäste oft in kleinen Gruppen über die Nachbargleise zum Ausgang geführt werden müssen.

Ich habe nur rund zwei Stunden Aufenthalt. Aus Versehen hat man mich in die Lounge geschickt so habe ich wenigstens einen angenehmen Sitzplatz im Wartebereich.

Aber auch hier beginnt bald beim Boarding das Chaos. Etwa 100 Passagiere, fünf Wagen und etwa 30 Minuten Wartezeit in der Schlange. Zunächst werden alle d möglichen Priority Personen auf den schmalen Bahnsteig geführt. Und wir sind auch dort noch nicht am Ziel unserer Träume. Erst müssen die Platzkarten per Hand ausgeschrieben werden.

Mein Wagen ist gut besetzt. Ich habe einen Sitznachbarn und mache mir schon Sorgen um meinen Schlafkomfort später. Aber zum Glück steigen die meisten Mitreisenden in Springfield aus. In St. Louis bleibt kaum mehr als ein Duzend übrig. In der Stadt am Mississippi haben wir eine Stunde Aufenthalt. Der Zug wird aufgetankt. Ein Wagen wird abgehängt. Zeit um frische Luft zu schnappen.

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Mittwoch, 23. Oktober Von Portland nach Milwaukee

Morgens mit einem Kaffee und einem Sandwich vom Barwagen in den Observation Car gezogen. Überraschung: Mich spricht ein Mitglied einer Amish Familie an. Wie ich genießt er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn, vier Monate alt, die Landschaft. Mit dabei, seine Schwester, die kaum älter als zehn Jahre alt ein Kopftuch trägt, seine Brüder und seine Eltern. Sie sind auf dem Weg von Wisconsin nach Maine. Dort lebt Verwandtschaft, die sie einmal im Jahr besuchen. Zwei Tage je Richtung für vier Tage Aufenthalt dort. Aber zuhause auf dem Hof kann die Arbeit nicht liegen bleiben. Seine Kühe, die er zum Schlachten züchtet, können eine Woche alleine auf der Weide stehen. Aber nicht länger und in seiner Baufirma stapeln sich die Aufträge. Er fertigt Blockhäuser für Jagdpächter oder Touristencamps. Richtig tolle Konstruktionen, die auf den Fotos einen großen, stabilen und komfortablen Eindruck machen.70-80.000 Dollar kostet bei ihm so eine Hütte. Das Geschäft scheint einträglich.

Es dauert nicht lange, da sitzt der kleine Bub auf meinem Schoss und lächelt mich eine Stunde lang an. Fotografieren ist leider nicht drin. Die Amish versuchen alle Errungenschaften der Moderne zu vermeiden. Deshalb fahren sie auch Zug. In beinahe jedem Express sitzen Amish. Oft in großer Zahl. Sie tragen Kleidung wie sie vor zweihundert Jahren Mode waren. Auch der kleine auf meinem Schoß hat so eine Art grünes Leinenhemd an. Die Männer und Frauen könnten in einem Historienfilm mitspielen.

Sie alle sprechen untereinander Deutsch wie es vor zweihundert Jahren bei uns üblich war. Sie lesen die Bibel in Altdeutscher Sprache. Die Vorfahren dieser Familie kommen aus Witzenhausen und aus Zweibrücken. Kontakte zur Verwandtschaft in Deutschland haben sie nicht mehr. Sie erzählen mir von ihrem Leben. Es ist hart, arbeitsam und fromm. Sie wollen aber auch von mir wissen wie wir in Deutschland leben. Hochspannende zwei Stunden. Sie haben aber nicht nur ihren Glauben und ihre Sprache in die neue Zeit mitgenommen sondern auch ihre traditionellen Rollenbilder. Die Frauen werden selbstverständlich geschickt, um Unterlagen, Bilder oder das Getränk für den Mann aus dem Abteil zu holen. Zum Schluss schreiben sie meine Adresse auf. Nicht die Email: die gilt ja nicht sondern die richtige Hausanschrift.

Draußen das herbstliche Wisconsin und Minnesota. Schmucke Häuschen, abgeerntete Felder, kleine Dörfer.

Gegen 15 Uhr erreicht der Zug Milwaukee. Ein hochmoderner Bahnhof. Immerhin: von hier aus gibt es einige Verbindungen in das 90 Minuten entfernte Chicago.

Mit der Straßenbahn zum Hotel. Ein richtig gut geführtes Holiday Inn. Nebenan noch ein paar Besorgungen für Christian und mich. Auch hier das gleiche Bild wie in allen amerikanischen Innenstädten: Leere Schaufenster, geschlossene Läden. In den wenigen offenen Läden nur noch Mini-Jobber, die schlicht überfordert wirken, wenn man eine Frage stellt. Um die Geschäfte rum versucht auch in Milwaukee in die Attraktivität der City zu investieren. In Beleuchtungskonzepte beispielsweise. Gelungene Geschichten.

Kultur ist angesagt. Und auch Sport: Squash in leeren Läden.

Die Stadt rückt wieder an den Fluss. Aber all dies kann den Niedergang den ich auch in anderen Städten gesehen habe, nicht aufhalten. Der Umbruch ist radikal und dramatisch. Die Städte verlieren ihren Kern und damit eines ihrer verbindenden Elemente. Wir schlittern in eine Art Post Urbanität in der Städte wachsen, ihre Milieus sich aber zunehmend in ihrer eigenen Blase wohl fühlen.

Mich zieht es in die Markthalle. Im Internet stand, dass es hier gutes Essen in großer Auswahl gibt. Ist richtig aber anders als ich mir in das in meinem von Offenbach geprägten Weltbild vorzustellen vermochte. Also keine Essstände mit Produkten vom Viehzüchter oder Gemüsebauernaus der Region mit Organic Touch. Im Prinzip stehen hier 20 bis 30 Foodtrucks ohne Räder und bieten Speisen aus aller Welt vom Döner bis zur Pho, vom Hamburger bis zu Tacos. Der Höhepunkt: die Bierwand. Kreditkarte rein, Gerstensaft raus. Ersetzt den Wirt.

Insgesamt auf den zweiten Blick kein so schlechtes Konzept. Es sitzen volle Tische über Stunden zusammen. Jeder speist nach seinen Vorlieben. Viele Bummeln von Gruppe zu Gruppe. Außerdem gibt es viele Möglichkeiten E-Sport zu betreiben. Golf Abschläge üben.

So eine Art Boole mit Säcken, die in Löcher geworfen werden. Das ist quer über die Staaten das angesagteste Spiel. Auch in den Fußgängerzonen hoch und runter.

Mich zieht es in mein Bett. Ein letzter Blick auf das nächtliche Milwaukee

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Dienstag, 22. Oktober – von Portland nach Milwaukee

Ich wache im Schnee auf. Mitten im Glacier Park. Der Zug hat in der Nacht vom Meer her mehr als 1.000 Höhenmeter erklommen. Ich habe gut geschlafen. Auch den langen Aufenthalt in Spokane. Die Rangierer haben die Kurswagen aus Seattle angehängt. Jetzt hat die Garnitur eine beachtliche Länge. Sie passt nicht mehr an jeden Bahnsteig, deshalb dürfen die Passagiere nur aus bestimmten Wagen aussteigen.

Die Gegend hier kenne ich. Habe hier vor 12 Jahren schon einmal Urlaub gemacht. In einem Eisenbahndepot. Klingt so bescheiden aber der Schuppen und die Remisen waren damals sehr luxuriös umgebaut worden.

An zwei Dinge kann ich mich erinnern. Es gab kein Netz. Viele Manager und Geschäftsleute, die hier auch Entspannung suchten, sind halb wahnsinnig geworden, weil sie nicht mehr telefonieren konnten.

Und meine Taxifahrerin. Eine sehr resolute Dame, die mit ihrem SUV die Leute in die Berge fuhr. Dafür brauchte sie auch ohne Zweifel ein solches Auto. Aber die Frau hatte auch Angst um ihre Zukunft, Gletscher im Glacier Park gibt es kaum noch und in zwanzig Jahren werden Sie ganz verschwunden sein und mit ihnen die Touristen, die für ihr Auskommen sorgen. Am meisten Kummer machten der Frau aber ihre Kinder, die in der Stadt in Kalifornien lebten und kleine benzinsparende Autos fuhren. Eine Schande sei das. Der Gedanke, dass Abgase eine Ursache für das Gletschersterben sind, lag ihr fern. Als ich ausstieg verblüffte sie mich mit der Frage: „Is Germany a Democracy?“

Und da waren noch die zwei alten Männer, mit denen ich hier an einem kleinen Bahnhof ins Gespräch kam. Sie haben zusammen in Fulda und Bad Hersfeld in den 1950er Jahren bei der Army gedient; Grenze bewacht. Jetzt treffen sie sich noch einmal im Jahr. Einer kommt hier aus dem Norden. Der andere lebt in Florida. Stundenlang befragten sie mich über das Fulda von heute.

Wir fahren wohl zwei Stunden an der Schneegrenze. Im Observation Car treffe ich einen Rentner aus Seattle. Er hat eine Weile in Deutschland an einem Max Planck studiert, irgendwas mit Keramik. Später arbeitete er für Boeing und General Motors. Mit den Problemen von OPEL war er gut vertraut. Er sprach sehr gut Deutsch. Jetzt reiste er zu seiner Tochter nach Neuengland und später wollte er noch seine Schwester in Nashville besuchen. Wie ich fährt er gerne Zug. Er hat allerdings ein bequemes Schlafwagenabteil gebucht.

Von der politischen Einstellung ist er wohl eher ein Linker. Mit Bill Clinton und seiner Neoliberalen Politik habe das Unglück begonnen. Jetzt ist er ein glühender Anhänger von Pamela Harris.

Kleine Stationen, die längst nicht mehr bedient werden, ziehen an uns vorüber. So alle ein bis zwei Stunden ein Halt.

Die Menschen, die hier aussteigen, fahren mit der Bahn, weil der nächste Flughafen weit entfernt ist. Immer wieder überholen wir bei dieser Gelegenheit lange Güterzüge.

Oder bewundern eine Dampflok, die als Denkmal die Anlage schmückt.

Die Landschaft beginnt sich zu verändern. Der Zug verlässt die schneebedeckten Berge. Ab und zu ziehen kleine und große Seen am Zugfenster vorüber.

Die Ebene beginnt

Kleine Weiler. Eher Hütten denn Häuser. Es muss ein hartes leben hier sein. Schon bei meinen früheren Aufenthalten in den Staaten habe ich die Erfahrung gemacht: Viele Menschen zieht es in die Einsamkeit. Für sie ist das Leben hier Freiheit und Unabhängigkeit.

Irgendwann beginnt Farmland. Abgeerntete Felder: Weizen, Mais, Gerste.

So geht es bis in den späten Abend. Einmal noch bei einem Halt die Füße vertreten.

Die Lok muss nochmal aufgetankt werden

Zeit um mal in das Stationsgebäude zu schauen

Obwohl auf den Strecken wesentlich von Chicago meist nur ein Zug je Richtung an den Bahnhöfen hält, sind alle besetzt und wirken meist sehr aufgeräumt.

Dann Nachtruhe während vor der Lok und ihrer Mannschaft noch eine lange Nacht liegt.

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