Mittwoch, 29. Januar 2025 – Von Ha’il nach Riad

Noch einmal Reisetag. Mit dem Zug aus der Wüste in die Hauptstadt. Die Oasenstadt Ha’il hat über 400.000 Einwohner. Trotzdem liegt ihr Bahnhof rund zwanzig Kilometer vor den Stadttoren. Weit weg. Mitten im Sand. Die Streckenführung, der vor einigen Jahren gebauten Linie, orientiert sich an geopolitischen Vorgaben nicht an der Nähe zu möglichen Fahrgästen. Fertig ist die Trasse bis zur jordanischen Grenze. Sie soll irgendwann irgendwo am Mittelmeer enden. Man kann sie als Teil des Projekts Seidenstraße sehen als Bypass zum Suez-Kanal, aber auch als ein Projekt für den Warenaustausch und dem Transport von Rohstoffen zwischen dem Nahen Osten und Europa. Es ist richtig spannend wo das Ende der Schienen einmal sein wird. Die Saudis haben, so ist zu lesen, verschiedene Optionen. Nach Israel zur Küste (deshalb auch die Annäherung an den einstigen Todfeind), nach Syrien oder in die Türkei (beide Alternativen berühren über unsicheres Terrain). Erdogan hat in den vergangen Tagen vom Zukunfts-Projekt Hedjaz Bahn gesprochen. Ihm sind daraufhin mangelnde Geographie- und Geschichtskenntnisse vorgeworfen worden. Könnte sein das er ahnungslos ist. Dennoch ist die Annahme wenig überzeugend, denn er hat eine Menge Berater, die ihn vor solchen Fehlern bewahren würden.

Der türkische Präsident nutzt den Mythos Hedjaz Bahn, um Klima für eine neue transarabische Verbindung zu machen. So investiert er beispielsweise -Symbolik ist alles- in ein Hedjaz-Museum in der jordanischen Hauptstadt Amman. Sein Ziel ist, Istanbul wird der Endpunkt einer Verbindung vom Oman über Saudi Arabien und den Golf Staaten Richtung Jordanien, Syrien in die Türkei. Istanbul soll ein modernisiertes wirtschaftliches Tor nach Europa werden. Ein Drehkreuz. Sein neuer Airport ist dafür ein weiterer Baustein. Mit Hochdruck arbeitet die Türkei an einem Hochgeschwindigkeitsnetz und an leistungsfähigen Bahntrassen in den Osten des Landes. Eigentlich stehen nur noch die Kurden und Syrien den Plänen im Weg.

Anyway. Für eine Direttissima kann nicht jede Stadt im Zentrum angefahren werden, auch nicht wenn es eine Großstadt ist. Schon von weitem ist der markante Bau zu erkennen. Heute ist Rushhour. Gleich zwei Züge in Richtung Riad sind eingeplant. Normal existiert nur eine tägliche Verbindung. Der Norden bis zur jordanischen Grenze wird nur einmal in der Woche bedient. Aber: alle Bahnhöfe sind ähnlich großzügig dimensioniert.

Eine futuristische Architektur soll den Menschen auch suggerieren: wir sind in der modernen Zeit angekommen, prägen sie.

Es ist schon alles ziemlich heftig für die 50 Personen, die heute hier abfahren. Ich habe Zeit genug für ein Petit Dejeuner, also Käse-Toast und Kaffee: erstaunlich preiswert.

Check In. Viel Personal: Häuptlinge und Indianer. Die meisten sprechen Englisch. Am Gate warten. Der Zug ist pünktlich.

Es sind übrigens meist Frauen, die einsteigen. Hier ist die Geschlechtertrennung aufgehoben. Plötzlich gerate ich in eine etwas unangenehme Situation. Es gilt Reservierungspflicht. Der Computer hat mir den Sitz neben einer dick vermummten Frau zugeteilt. Ihr ist das, so interpretiere ich ihre Körpersprache, ziemlich unangenehm (mir auch). Irgendwann kommt der Schaffner durch den Gang und sie bittet um einen anderen Platz. Jedes Ding hat auch sein Gutes: jetzt hocke ich direkt am Fenster.

Eine weitere Überraschung, die so gar nicht zum eben erlebten zu passen scheint. Einige junge Frauen sind unverschleiert, tragen kein Kopftuch oder haben es lässig in den Nacken geschoben. Andere ziehen für eine halbe Stunde den Schleier aus. Ich hatte in den Tagen zuvor gelesen, dass das Vermummungsgebot Tragen seit 2019 in Saudi Arabien aufgehoben ist. Und wie ich später in der Hauptstadt Riad merke, wird diese Freiheit in den Gebieten, in denen der Mittelstand wohnt, ausgiebig genutzt.

Saudi Arabien muss Ventile öffnen. Die Wirtschaft des Staates wird nach dem Ölzeitalter auf Fachkräfte angewiesen sein. Das heißt auch und gerade auf Frauen. Das Land verfügt über ein dichtes Netz an Universitäten. Es gibt Hochschulen für technische Berufe speziell für Frauen. Wie ich auf Reisen auch in andere Teile der Welt beobachten konnte, Frauen sind Sprachaffiner -nicht weil angeboren sondern weil sie mehr lernen als die Jungs. Diese Fähigkeiten eröffnen ihnen in einer international orientierten Welt neue Berufschancen.

Die Saudische Regierung handelt nicht aus Einsicht sondern weil sie auf die Frauen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes angewiesen ist. Aber das ist nur die eine Seite. Für die andere lohnt ein Blick in die Berichte von Amnesty international. Frauen haben hier weniger Rechte, insbesondere wenn sie verheiratet sind. Sie brauchen für Selbstverständlichkeiten die Erlaubnis ihres Mannes. Und und und. In welche Richtung geht die Entwicklung? Try and Error.

In Riad wohne ich direkt neben dem Regierungsviertel. Hier tragen erstaunlich wenige junge Frauen ein Kopftuch oder einen Schleier. Abends im Restaurant, in der Metro. Hier wohnt die Mittelschicht, wie an den Gebäuden unschwer zu erkennen ist. Ihre Kinder sind die ersten, die die neuen Freiheiten austesten und leben. Vielleicht hilft das anderen in diesem Land. Im Museum verzichten einige Aufseherinnen (also Regierungsangestellte) auf Kopftuch, auch hinter dem Metro Schalter. Es gibt aber auch die anderen, die kaum durch einen schmalen Schlitz sehen können. Abends im Restaurant diniert eine Gruppe von drei Mädchen deren Kleidung für hiesige Verhältnisse eher leger ist.

Aber zunächst mal geht es im Zug noch bis Riad.

Eins zwei Unterwegshalte. Draußen zieht eine endlos eintönige Landschaft am Fenster vorbei.

Endstation Riad. Ich fotografiere noch den Triebkopf. Beim Zurücklaufen spricht mich der Lokführer an: „It´s forbitten“ und lacht. Wir grinsen beide. Er zählt mir noch, dass die Anweisung tatsächlich existiert. Aber sie niemand so ernst nehme. Ich erinnere mich zwei Monate zurück als ich auf dem Bahnsteig in Denver, Colorado, die Lok meines Amtrak knipsen wollte. Das hat mir beinahe einen Arrest eingebracht. Hier ist der junge Mann daran interessiert woher ich komme, was ich mache. Diese Neugier begleitet mich schon auf der gesamten Reise. Die Menschen sprechen mich an, nicht aufdringlich, niemand will mir was verkaufen. Einfach nur Interesse. Die Atmosphäre ist durch und durch freundlich, relaxt.

Der neue Bahnhof in Riad ist noch nicht an die Metro angeschlossen. Er liegt weit außerhalb. Also ab ins Taxi. Feierabendverkehr. Der Fahrer ist froh, dass er mich nur bis zur nächsten Metrostation bringen muss und nicht in die Innenstadt. Aber auch bis hier sind es rund zehn Kilometer. Stoßstange an Stoßstange. Die Metro wurde erst vor ein paar Wochen eingeweiht.

Natürlich futuristisch gestylt. Alles ist blitzblank. Die Ausschilderung und Wegeführung sind perfekt. Die Drei-Tages-Karte kostet sieben Euro. Die Rolltreppen funktionieren und auf den Bahnsteigen und in den Zwischenebenen sorgt ein ganzes Heer an Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für Sicherheit und Sauberkeit. Man hat auch Personalreserven, weil man keine Lokführer braucht. Die Züge werden vollautomatisch gesteuert.

Blick aus dem „Führerstand“.

Die Waggons haben drei Teile: First Class, „Family Class“ für Frauen und Männer, die mindestens eine Partnerin haben, und Single: also in erster Linie Männer. Beim Umsteigen penne ich erstmal und steige ins „Family-Abteil“. Die Aufsicht, also ein charakterfester Mann, der den ganzen Tag über die Frauen wacht, schickt mich einen Wagen weiter. Umgekehrt: Im Männerabteil sitzen Frauen, zum Teil unverschleiert. Meine Vermutung: das sind so kleine subtile Widerstandsakte.

Abends suche ich mir in der Nähe einen hochgelobten Imbiss auf und werde nicht enttäuscht. Falafel, gekochte Bohnen, Gemüse und Joghurt. Als der Muezzin ruft, verwandelt sich das Lokal in eine kleine Gebetshalle. Spannend.

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Dienstag, 28. Januar 2025 -Von Tabuk nach Ha’il

Der Aufreger um 7:45 Uhr am Morgen: Es gibt kein Taxi, Uber oder sonst was. Der Portier meint: es dauere mindestens 45 Minuten bis ein Wagen frei sei. Ungläubig schaue ich ihn an, denn jeden Abend drehen ungezählte Droschken ihre Runden. Ich stehe unter Stress: mein Bus nach Ha’il fährt in 45 Minuten. Zu Fuß sind die fünf Kilometer mit Rucksack nicht zu schaffen. Der Grund für den Chauffeurmangel um diese Uhrzeit sei, so der Mann an der Rezeption: Die Eltern schicken ihre Kinder per Mietwagen in die Schule. So bekommt unsere deutsches Unwort „Elterntaxi“ eine ganz neue Bedeutung. Irgendwie gelingt ihm es dann doch einen Cousin oder was weiß ich zu erreichen und zu überreden, mich zur Bus-Station zu bringen. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig. Gut so: der nächste Bus fährt erst morgen früh.

Die Mädels haben ihren eigenen Warteraum. Der Norden ist eher konservativ

Vor mir liegen 500 Kilometer Wüstenfahrt. Auch hier gibt es wie am Airport einen Check in zum einzigen Gate. „Männer hinten, Frauen vorne einsteigen“ wird mir erklärt. Das kenne ich doch aus dem Bürgerrechtsmuseum in Memphis TN. Da steht in einer Halle ein Bus aus den 1960er Jahren. Drin sitzen Puppen: Weiße Puppen hinten, die Schwarzen vorne. Aber immerhin der Bus hat nicht nur einen Gebetsabteil sondern auch eine Toilette. Er ist sauber und sieht bequem aus.

Die Sitze bleiben fast leer. Vielleicht zehn Fahrgäste sind an Bord. Alle 50 Kilometer ein Halt in einem kleinen Wüstenort. Zwischendurch ein Checkpoint. Ich werde das erste mal richtig kontrolliert. Meine Medikamente wecken das Misstrauen der Beamten. Ich soll erklären, wofür ich sie brauche. Aber: Cool bleiben. Ich habe einen Jocker. Kurz vor dem Abflug habe ich mir bei meinem Hausarzt ein Testat besorgt. Darauf sind alle Medikamente -und der KI sei dank- in Englisch und Arabisch beschrieben. Die Jungs sind beeindruckt. Ich halte meine rechte Hand aufs Herz und verneige mich leicht. Sie ebenso und lächeln.

Gegen Mittag Halt im Nirgendwo an einem riesigen Autobahnkreuz. 20 Minuten Pause.

Die Neugier siegt. Ich gehe mit in den kleinen Imbiss. Will aber um Himmels Willen nichts essen…

…bis der Chef mir ein Brot und einen Tee anbietet. Es ist das beste Fladenbrot, das ich je gegessen habe. Frisch aus dem Ofen. Mit Tee keine 50 Cent.

Die anderen Passagiere und die Crew verzehren dazu Gemüse oder Fleisch. Man sitzt auf Podesten auf der Erde, schwätzt. Ich muss erzählen woher ich komme. Die meisten hier sprechen gut Englisch. Ich kann nicht aufhören, das Brot zu loben. Das macht den Mann hinter der Theke richtig stolz. Und fotografieren soll ich sie auch alle.

Gegen 17 Uhr erreichen wir Ha’il. Drei- viermal muss der Fahrer anhalten. Die Achse hinten hat dem Geräusch nach einen Schaden. Aber sie hält durch. Wie jeder Ort hier schmückt sich die Stadt am Eingang mit einem Gag. Unterwegs begegneten mir eine Säulenhalle von Steinmännchen, eine Stelen-Kolonnade oder lustige Motive am Straßenrand auf Kunstrasen.

In Ha’il ist es ein Würfel. Am Busbahnhof lasse ich mich auf ein nicht konzessioniertes Taxi ein. Ich will nur noch ins Hotel. Natürlich kennt der Mann das Hotel nicht und versteht auch kaum Englisch. Ich gebe das Ziel in mein Handy ein, das Navi blinkt auf und die Karte zeigt mit deutschem Unterton dem Fahrer den richtigen Weg.

Das Hotel entpuppt sich als riesiges Appartement. Größer als meine Wohnung in Mühlheim. Gerade mal 60 Euro. Wohnküche, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Und zu meinem Glück bringt mir der Boy noch Tee, Kaffee und eine Büchse mit wunderbaren Datteln.

Mein Wohnzimmer oder ist das das Wartezimmer für den Harem? Zunächst möchte ich nebenan im Einkaufszentrum essen. Doch da gefällt mir nur der Eisbär in der Wüste.

Ich entscheide mich für eine lmbissbude am Straßenrand. Arabische Pizza aus dem Holzofen. Echt lecker.

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Montag, 27. Januar 2025 Tabuk

Morgens schwelegn im Frühstück. Lasse mir richtig Zeit. Wahrscheinlich habe ich in dieser Woche zugenommen. Heute noch ein letztes Mal Stationen der Hedjaz-Bahn abklappern. Damit es den Lesern nicht nicht langweilig wird nur einige Worte zu dem Abschnitt im Gebirge südlich von Tabuk, auf dessen Spuren ich heute wandeln will. Dort hatten die Osmanen einen der wenigen Tunnel auf der rund 1300 Kilometer langen Strecke ins Gebirge gesprengt. Die Anfahrt verspricht nach der Karte einfach zu werden: Eine Landstraße immer geradeaus bis sie zur Piste wird und dann etwa einen Kilometer laufen. Blöd nur: die Landstraße ist seit ein paar Wochen eine sechsspurige Autobahn von der man selbst mit Geländewagen nicht einfach abbiegen kann. Ich kann die Bahntrasse sehr gut aus dem Auto verfolgen, da der Verkehr auf meiner Straßenhälfte oder gegenüber gleich null ist, so alle zehn Minuten ein Auto. Ich kann ohne Gefahr vom Standstreifen aus fotografieren. Durch tiefe Einschnitte und über hohe Dämme schraubt sich die Strecke nach oben. Es ist eine gewaltige Leistung der Ingenieure und Arbeiter hier in der Ödnis solche ein Projekt zu stemmen.

Eine Brücke hinter dem Abzweig zum Flughafen. Ab hier geht es in die Berge und wird es einsam auf sechs Spuren plus Standstreifen.

In den vergangen Tagen habe ich einiges über den Niedergang der Hedjaz Bahn und die Rolle des Lawrence von Arabien im Krieg gegen die Osmanen gelesen. Gewiss: mit seinen Angriffen auf die lange Strecke durch unbewohntes Gebiet hat er den Türken geschadet, ihre Truppen demoralisiert und den Nachschub gestört. Aber es waren eher kleinere Handstreiche gegen einsame Stationen, deren Eroberung auch nur sehr selten und nur für kurze Zeit gelang. Meistens konnten die Türken die Schäden binnen Stunden reparieren. Material dafür stand ihnen fast unbegrenzt in den Depots entlang der Trasse zur Verfügung. Eine Postenkette in kleinen Unterständen überwachte sensible Streckenabschnitte. Die Bahnhöfe waren zudem gut gesichert. Es war ein Kampf Maschinengewehr gegen Karabiner. Sehr viel effizienter als der englische Lawrence unterstützte Frankreich die Araber, vor allem mit Offizieren und Truppen die in den Kolonialkriegen in Afrika genügend Erfahrungen gesammelt hatten.

Der Ruhm gebührt Lawrence, weil sein Marketing besser war. Lawrence erreichte bei den Arabern, dass ein amerikanischer Journalist mit Kameramann seine Attacken begleiten durfte. Dieser hat in den 1920er Jahren in rund 2.000 Vorträgen den britischen Offizier und Geheimdienstler heroisiert und den Mythos vom Lawrence von Arabien geprägt. Er präsentierte ihn als „Sherif“ Fürst von Mekka“ und König von Arabien. Lawrence selbst hat mit seiner Quasi-Autobiografie „Die sieben Säulen der Weisheit“ auch an seiner eigenen Legende gestrickt. Sein Heldenstatus wuchs noch als er später für die Öffentlichkeit unsichtbar wurde, weil er unter falschem Namen bei einer Luftwaffeneinheit verschwand, wohl auch weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Er versprach den Arabern Selbständigkeit und Unabhängigkeit obwohl seine Vorgesetzten lange vor seinem Einsatz hinter seinem Rücken einen Vertrag mit den Franzosen ausgehandelt hatte, der die Arabische Welt in Einflusssphären unter den beiden Großmächten aufteilte. Dieses Sykes-Picot-Abkommen aus dem Jahr 1916 ist auch eine Ursache für all die späteren Kriege im Nahen Osten.

Ein kleiner Durchlass fast auf Passhöhe. 1300 Kilometer Strecke mussten nach dem Abzug der Osmanen unterhalten werden. Von unerfahrenen Beduinen ohne technisches Know How und die notwendigen Ressourcen. Die Türken hatten sich nach 1918 auch noch einige Zeit nach dem Ende des ersten Weltkrieg, den sie an der Seite von Deutschland verloren hatten, bis hinunter nach Medina behaupten können. Erst Anfang der 1920er Jahre sind sie von den „neuen Herren abgelöst worden.

Vor allem rächte sich, dass der Streckenabschnitt südlich von Al Ula nicht von erfahrenen Ingenieuren geplant und gebaut wurde, weil Nicht-Muslime diesen heiligen Teil Arabiens nicht betreten durften. Provisorien über Wadis, Baumängel, eine suboptimale Streckenführung machten dem Zugverkehr hier bald den Garaus. Von Schäden durch Unwetter um 1920 erholte sich die Bahn nicht mehr. Zudem war das Interesse der Stämme an der Strecke minimal, auch wenn ihre Fürsten offiziell das Gegenteil behaupteten. An Pilgern, die im Zug durch ihr Gebiet durcheilten, lies sich kein Geld verdienen. Bald verkehrte die Bahn nur noch unregelmäßig. 1924 gab es noch einmal drei Materialtransporte. Dann war Schluss. Die Strecke verfiel. Schließlich wurde ihr längster Abschnitt zwischen der jordanischen Grenze und Medina abgebaut. Auf jordanischer Seite verlängerte die Eisenbahngesellschaft Mitte der 1950er Jahre die Trasse bis zum Hafen von Akaba, um Phosphat zu den Schiffen zu bringen. Finanziert hatte den Bau dieses neuen Abschnitts auch die damals jungen Bundesrepublik Deutschland. Dieser umweltfreundliche Verkehr wurde Mitte der 2010er Jahre auf Druck der LKW-Lobby eingestellt. Heute transportieren mächtige Dieseltrucks, die meist lange dunkle Abgasfahnen hinter sich herziehen, den Dünger auf einer breiten Autobahn von Maan zum neuen Port.

Eine Brücke und ein Bahnhof auf dem Weg ins Gebirge. Man spürt förmlich die Anstrengung und den Schweiß, den der Bau der Strecke vorüber 100 Jahren kostete.

Auf dem Rückweg gebe ich dann das Auto am Flughafen ab. Der Wagen war an vielen Stellen massiv gespachtelt und hatte bei der Übernahme schon 36.000 Kilometer auf dem Tacho. Jenseits der Städte hat das Fahren richtig Spaß gemacht. Mit meinem eigenen verbeulten Auto wäre auch der Verkehr in den größeren Orten ein geringes Problem, aber mit dem Mietwagen habe ich trotz Vollkasko Blut und Wasser geschwitzt. Über den Preis kann ich mich nicht beschweren. Ich erhalte sogar eine Gutschrift, weil ich den Wagen am Vorabend zurück brachte. Ist mir noch nie passiert.

Abends packen. Danach zu einem Imbiss in der Nähe. Nudeln mit was Arabischem. Hat gut geschmeckt.

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Sonntag, 26.Januar 2025 – Tabuk

So richtig gut gefrühstückt. Das Hotel ist wirklich in allen Belangen Spitze und fast ein Schnäppchen. Ich schwelge zwischen Omelette mit Gemüse, Salaten, verschiedenen Käsesorten, Joghurt, Hummus, Oliven und sonstigen Cremes, Müsli, Honig und Marmelade. Natürlich gibt es auch Obst und etwas Süßes zum Abschluss. Eine ideale Fusion zwischen West und Ost.

Nur ein Gang

Auf dem Programm steht heute die Besichtigung des ehemaligen Bahnhofs Tabuk. Einst eine bedeutende Zwischenstation für die Mekka-Pilger. Hier residierte so eine Art Direktion mit Planern, Ingenieuren, Maschinisten und Verwaltungsbeamten. Hier war ein Ausbesserungswerk. Hier residierte das Militärkommando, hier wurde das Material zur Unterhaltung der Strecke gelagert.

Heute ist die Anlage UNESCO-Weltkulturerbe. Viele Gebäude sind vorbildlich renoviert. Aber es fehlt eine rote Linie, ein Narrativ. Ganz viele uniformierte Häuptlinge laufen mit wichtiger Mine über das Gelände vor dem eine riesige Flotte an Dienstwagen aus dem oberen Segment von irgendeinem Ministerium parkt. Beim übrigen Staff in den niederen Rängen überwiegt arbeitsimitierendes Verhalten.

Der historische Ort ist eingeklemmt zwischen einem Gewerbegebiet und einer Schnellstraße. Ursprünglich muss die Fläche ein Vielfaches größer gewesen sein. An einer Schmalseite ist ein riesiges Einkaufszentrum entstanden, auf der anderen Seite riegelt ein Subway den Bahnhof von einem benachbarten Park ab, den man in das Freiluftmuseum einbeziehen könnte.

Die Gebäude können nicht betreten werden. Hier könnte man mittels Exponaten die Arbeitswelt bei der Hedjaz-Bahn vorstellen.

Türschilder weisen auf kleine Boutiquen hin. Vielleicht wollte man hier Tourismus und heimisches Handwerk verbinden. Davon schein wenig übrig geblieben.

Aber es gibt eine sehenswerte Abteilung. Im ehemaligen Lokschuppen finden Besucher ein kurzes Portrait der Geschichte der Bahn. Knapp und gut erzählt. Dazu sind eine Lok und ein Güterwagen nebst einigen originalen Überbleibseln der Bahn ausgestellt. Aber auch diese sind nicht erklärt.

Draußen findet sich dann noch ein Heizkessel. Wie achtlos abgelegt.

Ich habe es leider versäumt, die Bahn-Anlage in der Nähe von Al Ula nebst Museum zu besichtigen. Das Navi hat mich vorbeigeführt und als ich es merkte war es zu spät. Blöd, weil auch nebenan Ausgrabungen von untergegangenen Hochkulturen aus der Zeit vor Christi Geburt mein Interesse gefunden hätten. Anyway. Der Bahnhof in Tabuk würde sich gut eignen, den Betrieb der Hedjaz-Bahn hundert Jahre später nachzustellen. Man hätte Platz für Bahnsteige, drei vier Gleise, die man in den benachbarten Park verlängern könnte wenn man die Subway-Bude ein wenig verrücken würde. Dazu noch die Gebäude möblieren: ein Tourismusmagnet wäre geboren.

Ich mache mich weiter Richtung jordanische Grenze: auch hier stehen noch einige Stationen. Die Autobahn ist richtig gut ausgebaut. Ich bin die Straße vor fünf Jahren fast bis zur anderen Seite der Grenze gefahren. Dort ist es eher ein schmaler Weg durch die Wüste. Auf meiner Tour hier habe ich immer wieder Checkpoints passiert ohne kontrolliert zu werden. Kurz vor der Grenze muss ich das erste mal angehalten: ein Blick und ich darf weiterfahren.

Einer von drei Bahnhöfen, die ich besuche gibt einige Rätsel auf. Er ist gut erhalten aber ringsum viele zerfallene Gebäude und Ruinen. War hier vielleicht einmal eine Garnison stationiert?

Auch hier am Zaun vier Schilder nebeneinander, die auf die zuständige Behörde hinweisen. Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, ob man wenigstens einen dieser Standorte für einige Informationen nutzt.

Zurück im Hotel besorge ich mir erstmal eine SIM Karte. Für mein Busticket brauche ich eine Saudi-Telefonnummer. Wahrscheinlich kann ich so besser verfolgt werden. Der junge Mann in dem Handyladen hat das Ruck-Zuck erledigt und mein Telefon neu konfiguriert. Preis für einen Monat telefonieren und Internet: sieben Euro.

Später ist es beim Edel-Italiener nicht ganz so billig aber umso besser. Meine Trüffel-Nudel schmecken richtig lecker. Das Lokal ist sehr voll. Mittelstand wohl meist. Viele Frauengruppen, die auch nicht in ein Extra-Zimmer gesetzt werden. Mit Gesichtsschleier zu essen ohne zu kleckern: Schwierig. Auffällig: Sehr viele junge Frauen schieben sobald sie das Lokal betreten, ihren Schleier ganz weit in den Nacken und nehmen das Gesichtstuch ab. Später mehr, wenn ich in Riad bin. Der Schleier ist hier seit 2019 nicht mehr obligatorisch wie ich gelesen habe. Das hat auch handfeste innenpolitische und wirtschaftliche Gründe. In Riad wissen einige Mädels der Hauptstadt die Freiheiten zu nutzen.

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Samstag, 25. Januar 2025 Von Al Ula nach Tabuk

Nächste Etappe entlang der Hedjaz -Bahn. Mangels Alternative: Frühstück in einem Dunkin Donut an der Tanke. Es gibt hier zwei Arten von Benzin-Abfüllern. Zum einen einfache Hütten mit einer Zapfsäule. Davor sitzt ein Kreis von konservativ gekleideten Männern auf einem Teppich im Schatten, drinnen ein kleiner Tante Emma-Laden. Hier glaubt man noch ein wenig Vergangenheit zu spüren. Das Warenangebot ist beschränkt, kaum Fertigprodukte. Der Chef addiert noch bedeutungsvoll die Preise auf einem kleinen Zettel.

Ein Zwischending

Und dann gibt es noch die futuristischen Tanken, Kathedralen eines Zukunftsversprechen. Nacht für Nacht in einem Bonbonfarbenen Lichterdom. Alle umsäumt von US-Junkfood-Anbietern. Hier sitzt meist ein junger Mann in Jeans zwischen den Zapfsäulen, der nur ungern vom Handy aufblickt um den Hahn zu bedienen. Hier wie da: gezahlt wird eigentlich wie überall im Land per Kreditkarte. Bargeld ist out. Selbst bei 20 Cent für das Wasser wird die Karte an den Scanner gehalten.

Mich treibt es zunächst in südöstliche Richtung. Bahnhöfe knipsen. Ich biege auf eine sechsspurige Autobahn mit einem parallelen zweispurigen Bypass ein und fühle mich für die nächste Stunde einsam. Vielleicht alle fünf Minuten begegnet mir ein Auto. Der Hammer. Auf den ersten dreißig Kilometern begleitet ein breiter Radweg den Highway durch die Wüste. Obwohl ideales Radlerwetter ist, keiner will auf dem Weg ins nirgendwo strampeln. Wäre auch schwierig. Der rote Belag ist porös und wellig. Ein Ausflug wäre wahrscheinlich sehr anstrengend.

Auf dem Bild sieht man in einiger Entfernung drei kleine Pfosten. Sie stehen etwa alle hundert Meter, um die Massen in geordnete Bahnen zu lenken. Wahnsinn. Aber ich bin überzeuigt: Irgendwann führt die Tour d´France durch Saudi Arabien.

Die Hedjaz-Bahn wurde in fünf Abschnitten gebaut, jeweils mit unterschiedlichen architektonischen Akzenten. Dieser Bahnhofstyp bestimmt das Bild zwischen Al Ula und Tabuk.

Die Gebäude sind so konstruiert, dass sie gut zu verteidigen sind. Davon zeugen auch die Schießscharten. Das erste Stockwerk ist zurückgesetzt. Dort waren wohl die Maschinengewehre postiert. Kaum eine Station wurde von den Beduinen, die eine Guerilla Armee waren, erobert.

Nächste Station gleiches Bild.

Und so weiter. Der Bahndamm neben der Trasse ist gut erhalten. Manchmal entdecke ich kleine Durchlässe.

Zeit, dass ich mich auf meine Fahrt nach Tabuk konzentriere. Die Fahrt aus der Wüste ins Gebirge ist atemberaubend.

Unwillkürlich fällt mir der Bibelsatz ein: Und die Erde war öd und leer. Es ist ein Stück Urlandschaft. Und natürlich begleiten mich wieder die Eagles und Pink Floyd auf dem MP3 Player.

Leidet schaffe ich es nicht ganz vor der Dunkelheit in Tabuk einzutreffen. Ich hatte eine kleine Oase erwartet. Ist Tabuk auch. Aber mit der Dunkelheit erwachen die vier Highways um den Kern der Stadt zum Leben. Jeder ist etwa vier Kilometer lang und wird am Abend zur Rennbahn. Alle Gebäude blinken, sind angestrahlt, werden von grellem Neon umrandet. Man glaubt sich in einer Großstadt obwohl ein Grundstück dahinter Wüste liegt. Jede dieser Ringstraßen hat mindestens sechs Spuren, alle 500 Meter einen riesigen Kreisel und die Jeunesse Doree rast Stoßstange an Stoßstange um die Blocks. Wer zuckt hat verloren. Und auch wer defensiv fährt. Nach links abbiegen unmöglich wenn man vorne und hinten eingeklemmt ist. Das Navi ruft verzweifelt: Bitte Wenden. Irgendwann schaffe ich es rechts rauszufahren. Und ich brülle meinen Lenker und die Windschutzscheibe an. Mit der Karte tüftele ich einen Schlachtplan aus: Eine Route nur noch geradeaus und rechts. Und wirklich, es gelingt mit einigen Umwegen.

Das Hotel ist eine positive Überraschung. Kein 5-Sterne-Haus, aber ein Betrieb, der die Erwartungen deutlich übertrifft. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Sauberes Bad mit allem, tolles Bett, alles was man braucht ist da und noch mehr. Ein freundlicher und kompetenter Staff. Es stimmt alles.

Einziges Problem, um in das Restaurant zu kommen, das ich nebenan ausgesucht habe, muss man einen der Highways überqueren. Jeweils zehn Minuten habe ich auf eine Lücke im Verkehr warten müssen, um eine der beiden Fahrbahnen überqueren zu können. Dazwischen musste ich auf dem schmalen Mittelstreifen balancieren. Vom Essen her hat es sich gelohnt. Ein ziemlich feiner Laden mit einer gut zubereiteten Grillplatte.

Zufrieden kann ich einschlafen.

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Freitag, 24. Januar 2025 Al Ula

Gut geschlafen. Ich verlängere um eine Nacht zu einem etwas moderateren Preis. Hier in der Umgebung gibt es viel zu sehen. Zunächst fahre ich zum alten Bahnhof. Hier soll es ein schönes Café geben. Es hat zu. Heute ist Freitag, dass ist bei den Moslems so wie bei uns Sonntag.

Al Ula war einst ein Betriebsmittelpunkt für die Strecke auf der arabischen Halbinsel. Bis hierher durften die Planer und Ingenieure aus dem Abendland. Ab hier durften Richtung Mekka nur Muslime arbeiten. Von hier wurde gesteuert. Entsprechend großzügig ist das Gelände angelegt.

Die Büros und Wohnungen sind zerfallen.

Die Schienen wurden einst auch genutzt die Decken zu stabilisieren.

Ein verrostetes Windrad pumpte Wasser.

Das Ensemble von der Straßenseite aus. Mit Wasserturm.

Jenseits der Straße stehen noch einige alte Wagen. Die Felsen oberhalb nutzte das Militär wohl zur Sicherung der Bahnhofs. Darauf deuten Mauern und Schießscharten.

Ich mache mich zurück in den Süden. Gut hundert Kilometer. Gestern hatte mein Navi eine der interessantesten Stellen der Hedjaz Bahn nicht angezeigt. Bis ich es merkte war es schon dunkel. Auch jetzt schickt mich die Lady in der Box erst mal in die falsche Richtung auf eine Piste. Nach fünfhundert Meter stecke ich hoffnungslos im Sand fest. Panik. Zum Glück kommt ein Trupp junger Leute vorbei. Die haben so richtig Erfahrung wie man so ein Auto, das bis zur Achse feststeckt wieder flott bekommt. Einfach etwas Luft aus dem Reifen lassen. Wir können Schnee. Sie können Sand. Sie sprechen gut Englisch. Wir lachen viel. Das Interesse an meiner Welt ist groß.

Zu dem Bahnhof mit dem verlassenen Zug führt eine enge aber normale Straße. Hätte ich das Navi ignoriert, wäre mir viel Stress erspart geblieben

Ein Wasserturm weist den Weg zu dem verlassenen Zug im Wüstensand. Bösewicht war nicht der Lawrence. Vor dreißig Jahren stand die Garnitur noch auf dem Gleis. Alte Bilder belegen das. Wahrscheinlich haben die Arbeiter Lok und Wagen einfach nicht mitgenommen als man die Strecke abgebaut hat. Dort wo die Bahn sich jetzt befindet lagen einmal die Abstellgleise und ein Gleisdreieck zum Drehen der Dampfmaschinen.

Der Lok droht das Schicksal der Titanic. Irgendwann ist alles zerbröselt.

Schade

Der Bahnhof. Lok und Waggons liegen auf der linken Seite

500 Meter weiter eine sehr schöne lange Brücke über einen Wadi…..

….mit Wärterhaus. Im Hintergrund vier Damen mit Kids beim Picknick. Ihr Begleiter spielt ein paar Meter weiter in einem Transporter am Handy. Kaum tauche ich auf, hupt er und die Mädels kehren mir schnell den Rücken zu.

Ich mache mich auf den Heimweg auf einer neuen Alternativroute. Die Verkehrsschilder geben mein Ziel an, auch das Navi. Leider ist die Fahrbahn nicht fertig. Die letzten zehn Kilometer gehen über eine Piste. Nach den Erfahrungen vor einigen Stunden: No way. Die ganze Strecke zurück. Circa 50 Kilometer.

Begleitet nur noch von Kamelen.

In der Nacht echt ein Problem.

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Donnerstag, 23. Januar 2025 – Von Medina nach Al Ula

Heute beginnt das Abenteuer: ein kleinwenig wenigstens. Mit dem Mietwagen quer durch die Wüste Richtung jordanische Grenze. Das Frühstück nebenan schenke ich mir. Irgendwo unterwegs werde ich an einem netten Café vorbeikommen. So der Plan.

Die Mietwagenbestätigung existierte leider nur in Englisch. Das Problem: Den KI – übersetzten Straßennamen der Agentur kennt niemand an der Rezeption, obwohl alle sehr gut Englisch sprechen. Die Angestellten rätseln hin und her, auch der Taxifahrer ist keine echte Hilfe. Bei „Budget“ hatte ich gemietet. Leider hat das Unternehmen mindestens sieben Franchise Partner in Medina: Und prompt googelt die Rezeption den Falschen.

Es kann losgehen. Mein Taxi hatte wahrscheinlich noch das letzte Jahrhundert erlebt. Aber gut: wenig Regen, wenig Rost. Die Richtung, die ich mir zuhause gemerkt hatte, stimmt grob. Trotzdem: am Ende der Fahrt ist es die falsche Firma. No Problem: Er könne mir den gleichen Wagen vermieten meint der Chef. Diesen Vorschlag finde ich nicht lustig, denn der andere Rent-a-car-Heinz, bei dem ich gebucht hatte, könnte ja wegen eines Stornos meine Kreditkarte belasten. Es geht hin und her. Hektische Telefonate mit dem Konkurrenten. Nach dreißig Minuten schien eine Einigung gefunden.

Internationaler Führerschein, Kreditkarte: es könnte alles gut sein. Ist es auch für zwei Minuten. Dann kommt der nächste Kunde in den Laden Kleines Problem, gleich gelöst. „Gleich“ heißt hier halbe Stunde. Ich darf mich setzten, dann endlich wieder aufstehen: nächster Kunde, nächstes kleine Problem. Ich werde wieder platziert. Und so weiter.

Zwei Taubstumme kommen, mit Gebärden-Dolmetscher. Klar lässt man die vor. Wieder auf den Stuhl hocken, wenigstens Zeit um das Handy aufzuladen bis die drei ihren Schlüssel bekommen: jedenfalls für fünf Minuten. Nee: der Wagen gefalle ihnen überhaupt nicht, interpretiere ich ihre Gesten. Wieder setzen, neuer Vertrag für die drei, sie müssten dringend nach Medina zum Airport, deutet mir der Übersetzer. 15 Minuten später: Sie haben ihr neues Auto: Aber nach einer Sitzprobe: gefällt nicht, nächster Versuch. Dazwischen drängt sich immer mal einer vor: Schnell mal, nur kleines Problem. Irgendwann um halb eins habe ich meinen Vertrag, aber immer noch kein Auto. Das stehe nebenan. Ein Fahrer bringe mich hin, dauere höchsten zwei Minuten. Ok. „Nebenan in zwei Minuten“ ist am anderen Ende der Stadt, ungefähr 20 Minuten weiter. Dort erwartet mich ein junger Saudi, der mir geduldig den Wagen erklärt, so dass ich es verstehe. Zwar lässt sich mein Handy nicht mit seiner Elektrobox verbinden, aber er schafft es, dass das Navi auf meinem Handy funktioniert. Und das Mädel im Telefon ist der Deutschen Konversation mächtig.

Ein schicker Toyota. Aber vor dem Trip muss ich das Auto erst mal aus der Stadt bringen. Ich habe ja viel in aller Welt über Verkehr gelernt. Aber hier ist alles radikal anders. Achtspurige Straßen und jeder (und neuerdings jede) fährt als ob es kein Morgen mehr gibt. Mein Navi erzählt mir was von links in die Abdulla Straße, dann in die Feisal Achmet Road bis zur Prinz Machmet-Avenue und weiter in die Emir Sansibar Gasse oder so ähnlich. Verdammt. Kann sich doch kein Mensch merken. Dazu kommt eine eine Spezialität: die U-Turns. Man kann durch sie auf der Autobahn wenden. Gedrängelt wird um jeden Preis, nicht geblinkt, die Vorfahrt genommen, gehupt, bis auf einen Zentimeter aufgefahren. Der Horror. Irgendwie schaffe ich es.

Kaum 20 Kilometer weiter: Ruhe. Fast. Die Straße ist dreispurig. Alle drei Minute begegnet mir ein Auto. Ich brav auf der rechten Spur. Rechts von mir der Standstreifen, gerade breit genug für einen Kleinwagen, nach unseren Maßstäben. Hier Teststrecke ob ein SUV auf dem schmalen Grat rechts überholen kann. Beim ersten Mal ist mir fast das Herz in die Hose gerutscht als ein Fahrer mit einem Zentimeter Abstand zu meinem Wagen und zur Leitplanke an mir vorbeirauschte. Zum Glück nimmt der Verkehr mit jedem Kilometer ab. Und bald bin ich fast alleine unterwegs. Unter mir vier Spuren, vor mir die Wüste, im MP3 Player Eagles, Dire Straits und Pink Floyd.

Die Tour hier mache ich aus Interesse für die Hedjaz-Bahn. Den Film über den Lawrence von Arabien kennen die Älteren noch. Ich hatte gelesen, dass auch in Saudi Arabien noch viele Relikte in der Wüste zu finden sind. Der Highway führt entlang der alten Trasse.

Erster Foto-Stopp: Ein Bahnhof, den Lawrence und seine Beduinentruppe angegriffen haben sollen.

Alle Artefakte sind seit einigen Jahren eingezäunt. Auch wenn ich so Abstand halten muss und fotografieren oft schwierig ist: es ist besser für die Nachwelt, die diese Bahnhöfe auch noch erleben möchte.

Ein Zug, der so scheint es einmal eine kleine Ausstellung beherbergen soll. Warum er hier steht: Ich habe keine Ahnung.

Immer wieder tauchen plötzlich alte Bahnhöfe oder Kasernen für die Kompanien, die beschützen sollten, auf ohne dass sie auf einer Karte oder bei Google maps verzeichnet sind.

Alle dreißig bis fünfzig Kilometer wurde ein solches Gebäude errichtet. Hier wurden die Loks mit Kohle Holz oder Wasser versorgt.

Irgendwann gegen Abend wird die Straße zweispurig. Die Fahrt in die Dunkelheit ist atemberaubend. Dreißig, vierzig Kilometer kein Haus und keine Tanke. Die Benzinbude, die auf Google Maps markiert war, ist zu. Buchstäblich mit den letzten Tropfen erreiche ich eine Zapfsäule.

Mein Nachquartier habe ich in Al Ula, eine Wüstenstadt, die auf Tourismus setzt. Entsprechend sind die Hotelpreise. Meine Buchungsbestätigung erhalte ich auf arabisch. Meinem Navi hilft das nicht viel. Ich kopiere einen Link und siehe da: Das Gerät weist mir den richtigen Weg. Alleine hätte ich das Appartement nie gefunden. Es ist eher ein Air BnB. Blöd nur, niemand ist da. Ich probiere die einzige Zahl zwischen all den Schriftzeichen. Und tatsächlich: Eine Stimme meldet sich am Handy, es ist der Besitzer, er spricht Englisch und kommt gleich mit dem Auto. Ich beziehe eine ganze Wohnung, ziemlich viel Kruschel drin wie wir in der Rhön sagen. Aber sauber. Ich muss mich im Schlafzimmer zwischen einem der vier Betten entscheiden. Mein Kopfkino sagt: Normal macht hier der Pascha mit Harem Urlaub.

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Mittwoch, 22. Januar Medina

Kein Frühstück im Appartementhaus. Mich treibt’s mangels Alternativen nebenan in eine Süsspappbude. Kaffee, Miranda, Donuts. Man gönnt sich ja sonst nix.

Ein wenig Rucksack sortieren. Dann zieht es mich in die Innenstadt, Richtung Prophetenmoschee, dem zweitwichtigsten Heiligtum des Islam. Bis 2021 war der Bezirk ein Haram, also gesperrt für Nicht-Muslime. Medina ist eine Pilgerstadt. Die Folgen dieser „Errungenschaft“ sind auf Schritt und Tritt zu spüren. Auch wenn das Papa-Mobil fehlt: Den Besucher erwartet Petersplatz-Atmosphäre. Mit dem Unterschied: der gesamte Vatikanstaat passt fünfmal auf den Vorplatz der Moschee hier. Die Besucherströme werden sorgfältig orchestriert. Es werden über 50.000 Pilger sein, die jetzt in der Nebensaison die Stadt bevölkern. Die wollen versorgt und bespasst sein: Bett, Breakfast, Beten, Besichtigung, Böreck, Boutique.

Ein Bus nach dem anderen rollt in die City. Prayer-Tours, Holy-Travel, Pilgrim-Trips: Jedes Gefährt prall gefüllt mit Wallfahrern. Im dichten Takt haken die Fremdenführer mit den Besuchergruppen die Viewing-Points ab. Immer im Bild: Das Spruchband mit dem Namen der Propagandisten. Auch Religion ist Big Business.

Gegen drei Uhr strömen die Menschen zum zentralen Platz, fröhlich gestimmt auf Familienausflug. Selfies in und aus allen Positionen und Blickwinkeln. Kleine You Tube Videos für die Lieben daheim: Lachen, Winken, Küßchen und die sorgenvolle Frage „Ob alles in Ordnung sei“. Bei den Wartenden hat das Handy längst den Koran abgelöst. Was zeigt der Screen? Suren oder Signal, Wahhabiten oder WhatsApp, Muslimische Gebete oder die neuste Tirade von Musk? Zumindest wir Menschen drumherum können es nur ahnen. An den Imbissbuden sollen Männer und Frauen getrennt anstehen. Aber auch das will nicht richtig klappen, zumindest an der Essensausgabe mischen sich die Geschlechter. „Ungeniert“ möchte man sagen.

Ich setze mich auf eine Bank in die Nähe des Eingangs. Mit dem Ruf des Muezzins beginnt die Rush-Hour. Circa 30 Minuten strömen die Menschen ununterbrochen Richtung Moschee. Es sind Zehntausende. Sie kommen wie an ihrer Kleidung und Kopfbedeckung zu erkennen aus der ganzen Welt.

Ich versuche mich an die Begegnungen in verschiedenen von mir bereisten Ländern Ländern zu erinnern. Fes, Takke, Kufiya, Songkok: Hier versammeln sich Gläubige der Erde: Usbeken, Pakistani, Indonesier, Türken, Menschen aus der Sahelzone, Somali und Tansanier, Malaien, Bärtige aus den Golfstaaten oder dem Oman mit ihren üppigen Kopfbedeckungen. Man spürt instinktive, welche Power, welcher Zusammenhalt, welche Macht der Islam quer über die Welt entwickeln kann oder könnte. Ein mächtiges Netz. Ausgrenzung und Abschottung gegen diese Glaubens- brüder- und -schwesternschaft machen wenig Sinn, um Stabilität und Frieden auf der einzigen Erde, die uns zur Verfügung steht, anzustreben.

Mich zieht es auf dem Rückweg zum Hotel noch einmal zur Hedjaz-Station. Die Sonne steht jetzt einigermaßen günstig für Bilder.

Ein letzter Blick über den Bahnhof, ein Bild aus fast 200 Meter Entfernung. Ins Hotel und später eine doppelte Premiere nebenan: Der erste Chicken-Döner und der (das?) erste Smoothie in meinem Leben.

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Dienstag, 21. Januar 2024 Von Dschidda nach Medina

Morgens betrachte ich mein Auge im Spiegel. Hübsch blau, rot, grün und schwarz. Hände und Gelenke schmerzen. heftig. Das Bein ist ein wenig taub. Puh. Sonja scheint beim Video-Call auch nicht amüsiert über mein Aussehen. Aber offensichtlich ist es über Nacht nicht schlimmer geworden. Heute geht es weiter Richtung Medina: mit dem Hochgeschwindigkeitszug durch die Wüste. Tempo 300. Rund 400 Kilometer in einer Stunde und 50 Minuten. Ein Trip für ganze 30 Euro. Aber zunächst mal frühstücken. Auch heute wieder vegetarisch und gut.

Taxen warten vor dem Hotel genug. Mein Fahrer beginnt mit einer Ehrenrunde, um nach zehn Minuten genau wieder am Hotel vorbeizukommen. Ich verstehe ja, dass die Jungs, die aus Pakistan oder sonst wo herkommen, unterbezahlt sind und ausgebeutet werden, aber ein bisschen intelligenter geht schon. Ich mache das was ich immer mache: Hole mein Handy aus der Tasche und rufe Google Maps so auf, dass er auch den Bildschirm sieht. Danach nimmt er den kürzesten Weg.

Die Fahrt macht noch einmal die Dimensionen der Stadt deutlich. Endlos ziehen sich flache Häuserreihen, die ja auch alle mit Wasser versorgt sein wollen.

Das imposante futuristische Bahnhofsgebäude ist schon von weitem zu sehen. Eine riesige Halle für knapp vierzig Züge am Tag. Auch im Inneren ähnelt die Bahn-Station eher einem Terminal. Und wie am Airport haben Arrival und Departure getrennte Zugänge mit sicher zwanzig Aufzügen. Man geht nicht einfach zum Bahnsteig sondern sucht sein Gate zum einchecken.

Lounges für Male und Female, Läden, Cafe, Counter für ein halbes Duzend Autoverleiher, Reisebüros: Alles da, nur die Passagiere fehlen.

Richtung Mekka hat es einen eigenen Bereich, denn hierhin dürfen nur Moslems fahren.

Einfahrt des Zugs nach Medina

Drinnen sind die Züge eher spartanisch möbiliert, aber alles notwendige ist an Bord. Ich glaube bequemer zu sitzen als in jedem ICE. Die Triebwagen fahren extrem ruhig. Es gibt kaum Durchsagen. Alle Infos liefert der Screen. Halten tun wir nicht unterwegs.

Draußen sind nur Sand und Geröllwüste. Auf vierhundert Kilometer keine größere Stadt. Ab und zu in der Ferne ein paar Gehöfte um ein Minarett. Hier möchte man nicht begraben sein.

Ankunft in Medina. Pünktlich auf die Minute. Schon wartet eine große Putzkolonne, um die Waggons für die Rückfahrt zu reinigen.

Vor der Bahnhofshalle lauert ein Heer an Taxifahrern und Animateuren. Mein Hotel scheint wenig bekannt. Zwischen den Fahrern wird heftig über Standort und den Weg dorthin gestritten. Zwischendurch kommen immer wieder Anreißer, um mich in eine der überteuerten Limousinen zu drängen. Das lässt sich aushalten solange sie nicht beginnen meinen Rucksack dorthin zu schleppen. Dann ist Schluss mit lustig.

Schließlich einigen sich die Droschenkutscher auf ein Quartier in dem mein Hotel stehen könnte. Ich kann wenig helfen, denn das Paket der Telecom, das im Zug gut funktionierte, streikt plötzlich.

Das Hotel ist ok. Ein großes Appartement. Wieder mit Küche Wohnraum. Man reist hier offenbar gerne mit allen Anverwandten.

Nach einer Stunde sortieren und schlafen zieht es mich zum Hedjaz Bahnhof. In Medina endete die berühmte Bahnstrecke aus Damaskus. Bauherr war das Osmanischen Reich, das in jener Zeit auch die arabische Halbinsel besetzt hielt. Finanziert wurde die 1.300 Kilometer lange Strecke zu 70 % vom türkischen Staat und zu 30 % aus den Geldern eines Pilgerpfennigs, den Muslime aus aller Welt spendeten, denn mit der Bahn sollten Wallfahrern von Damaskus statt in 45 Tagen in weniger als einer Woche zu den heiligen Stätten in Mekka und Medina transportiert werden.

Um 1900 begann der Bau. 1908 erreichte der erste Zug Medina. Diese Leistung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schließlich führt die Strecke durch unwegsame Wüsten. Es gibt wenig Wasser. Im Sommer ist die Hitze extrem. Der Weiterbau Richtung Mekka wurde in Medina gestoppt. Ein Grund war wohl auch, dass viele Stämme um die guten Einnahmen vom Transport der Gläubigen fürchteten. Der erste Weltkrieg begrub dann alle Pläne. Die Türkei geriet, auch Dank ihres englischen Beraters Lawrence (im Film der Lawrence von Arabien verewigt) unter Druck. Er einte die Arabischen Stämme und lies sie Anschläge auf Schienen Loks und Wagen verüben.

1924 endeten die durchgehenden Zugfahrten endgültig mit drei Materialtransporten aus Ma’an, einer Stadt in Jordanien. Bereits seit 1916 war der Verkehr deutlich eingeschränkt. Schuld an den Zugausfällen war weniger der Lawrence der immer mal ein paar Gleise entlang der stark mit Truppen gesicherten sprengte sondern die Religion. Meissner der Deutsche Projekt Ingenieur und sein Stab, alles Christen, durften sich nicht weiter als Al Ula, circa 300 Kilometer von Medina entfernt, Richtung Heiligtümer bewegen.

Die Arbeiten wurde ab diesem Zeitpunkt von ungeübten Technikern betreut. Schlecht verlegte Schienen, Pfusch am Bau, Provisorien statt Brücken ließen bald Lokomotiven entgleisen. Regen schwemmten in diesem Abschnitt häufig Bahndämme und Übergänge weg. Die Strecke auf saudischen Gebiet musste bald aufgegeben werden. Post Operativ klug gescheissert könnte man hinzufügen: So ist dass wenn man dem Fachkräftemangel mit Ausgrenzung aus ideologischen und religiösen Motiven zu begegnen sucht. In Jordanien war die Linie bis 2017 das Rückgrat für den Phosphat Transport. Täglich brachten schwere Loks mehrere lange Züge mit dem Dünger in den Hafen von Akaba bis die Autolobby zuschlug. Im neuen Hafen „vergaß“ man den Gleisanschluss und baute stattdessen eine achtspurige Autobahn von den Minen durch die Geröllwüste zum Meer. Der Verkehr der Stichstrecke aus Damaskus Richtung Haifa endete mit der arabisch israelischen Auseinandersetzung um 1948. Die Nebenlinie nach Beirut wurde 1975 Opfer des libanesischen Bürgerkriegs. Und der spärliche Personenverkehr zwischen Damaskus und Amman endete mit um 2015 mit dem Terrorregime von Assad.

Das sind einige Infos zur Hedjazbahn. Wer mehr wissen will, dem sei dieser Beitrag empfohlen: https://www.thehejazrailway.com/route-guide

1982 haben Hedi und ich Damaskus besucht und den alten Bahnhof besichtigt. Wie in einer Zeit-Kapsel hat er die Grande Epoche überlebt und seinen alten Glanz konserviert. Vor fünf Jahren bin ich die Strecke in Jordanien abgefahren, habe den Bahnhof in Amman mit seinem Museum angesehen.

Hier erhalten einige Könner mit Improvisationstalent auf hundert Jahre alten Werkbänken drei vier alte Dampfloks und hoffen eines Tages wieder auf Strecke gehen zu können. Die Türkei investiert hier viel Geld in die Bewahrung der Historie, was immer auch Erdogan damit beabsichtigt. Und dann war ich in jener Zeit noch in Beirut und Rayak in der Bekaar Ebene oben im libanesischem Gebirge. Hier stand bis zum Bürgerkrieg ein großes Ausbesserungswerk mit 2.500 Beschäftigten. Heute rosten hier auf einem riesigen Gelände dutzende Lokomotiven, die einst das Mittelmeer mit Damaskus verbanden.

Medina wählte ich dieses Jahr als Ziel, um in Saudi Arabien die Relikte der Hedjaz Bahn zu besichtigen. In der „heiligen Stadt“ wollte ich beginnen. der Bahnhof und das Umfeld mit zahlreichen Artefakten seien gut erhalten und liebevoll gepflegt. Und dann der Frust.

Gleisseite. Das Erdgeschoß wurde 1908 gebaut. Es wirkt grober als der filigrane erste Stock, der drei vier Jahre später aufgesetzt wurde

Der Guard am Tor stoppt mich. Keine Besichtigung möglich, es werde renoviert. Auf meine Frage wie lange das dauere, meint er drei bis sechs Monate, das wisse allein Allah. Keine Chance auf Einlass. Das erlebt auch eine Saudische Familie, die mit ihren Kindern hier ein wenig Eisenbahnluft schnuppern möchte. Das Gelände ist riesig. Es wirkt eher wie ein Themenpark mit viel Grün und vielen Rastmöglichkeiten.

Der Blick von der Straßenseite

Auf dem Gelände stehen alte Wagen, die als Ausstellungsräume dienen. Ein Zug..

Erhalten sind auch noch einige alte Funktionshäuser wie Wassertank, Lokschuppen, Güterhalle, Waschräume und Wohnungen. Aber davon bald mehr.

Mich zieht es nach einem langen Tag noch zu einem Chickenburger und einer neuen durchaus frischen Entdeckung: Alkfreies Bier gemischt mit schwarzen Johannisbeeren.

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Montag, 20.Januar, Dschidda

Dschidda? Jeddah? Spät bin ich eingeschlafen. Früh wache ich auf. Zeit ein wenig zu lesen. Anne Appelbaums „Achse der Autokraten“ ist meine aktuelle Lektüre. Wie passend. Das Frühstück ist ausgezeichnet. Arabische Küche mit allem was dazugehört. Viel Obst, Gemüse, Joghurts, Oliven etc. Ich lasse mir Zeit. Danach: Geldautomat suchen. Bares ist Rares: Auch wenn man vom Taxi bis zum Schluck Wasser hier wirklich alles mit Karte bezahlt wird, ich habe immer gern ein paar Scheine in der Tasche plus 20 Dollar. Der erste Versuch eine Cash Maschine zu finden, schlägt fehlt. Ich lande nebenan in einem Einkaufszentrum, doch der Money-Maker, über den Google Maps informierte steht längst auf dem Schrottplatz oder bei einer Deutschen Sparkasse. Der zweite Versuch an Bares zu ziehen, erfordert Mut. Ich muss den Highway überqueren. Der verläuft zwar auf Stelzen aber der Bypass drunter ist genauso dicht befahren. Mit einem Saudi warte ich gefühlt eine viertel Stunde bis sich eine Lücke auftut. Ein kleiner Bummel nebenan durchs Wohngebiet und fast hätte ich den Geldspucker übersehen. Er steht am Straßenrand. Quasi Drive In. Ein netter Mensch in einem Riesen-SUV hilft mir, denn es dauert einige Momente bis die Englische Übersetzung aufleuchtet. Aber dann kommen prompt die Scheinchen.

Am späten Nachmittag mache ich mich Downtown. Eine Strecke von rund 8 Kilometern. Um diese Zeit auf acht Spuren: stop and go. Eigentlich wollte ich zur Strandpromenade aber der Droschkenfahrer überredet mich zur Altstadt. Ein guter Tipp.

Hier scheint die Betonwüste weit weg. Ein Hauch von „1000 und eine Nacht“ liegt über dem Quartier. Die Basarstraßen sortieren sich noch nach den Sortimenten: Ob Tücher, Kleider, Gewürze, Schmuck, Schuhe oder Haushaltswaren: Jede Branche hat ihre eigene Gasse.

In den langen Hallen fehlt ein wenig der Betrieb und das Gewusel des Orients. Touristen begegne ich kaum. Man merkt, dass sich das Land gerade öffnet. Es fehlen noch die sonst üblichen Stände für T-Shirts und den Magneten für den Kühlschrank. Ich gestehe, sie sind auch mein bevorzugtes Mitbringsel.

Die Dichte an Moscheen ist beeindruckend. So viele Gebetshäuser auf so engem Raum habe ich noch nie erlebt. Und ich war öfter im Orient. Regelmäßig ruft der Muezzin. Fast alle Händler verriegeln dann ihren Laden für 15 Minuten um in einer der Moscheen in der Nachbarschaft zu beten.

Am Eingang von einem Bethaus spricht mich ein Iman an und lädt mich zu einem Besuch. Er und sein Kollege sprechen sehr gut Englisch, erklären ein wenig. Die Häuser sind auch Räume der Meditation. Einige Gläubige bleiben nach dem Gebiet hier: Lesen, Ruhen, in sich hineinhorchen.

In mir regt sich langsam Hunger. Aber es ist gar nicht so einfach das Quartier zu verlassen. Überall wird gebaut. Saudi Arabien scheint sich nach all den Boom-Jahren auf seine Geschichte und seine Tradition zu besinnen. Wohin der Weg führt: ???. Aber zunächst ist positiv: Alte Häuser werden sorgfältig restauriert mit all ihren Erkern, Balkonen und Sehschlitzen aus denen Frauen einst das Geschehen auf der Straße beobachten durften. Bei früheren Besuchen in Ländern wie Marokko oder Mauretanien habe ich viel über die Privatheit und den Rückzug innerhalb der eigenen vier Wände als Teil der arabischen Kultur gelernt. Auch wenn Gebäude außen schlicht erscheinen: Drinnen sind sie oft wahre Paläste.

Ich fühle mich wie im Irrgarten. Jeder Weg eine Sackgasse, die an einem Bauschild endet. Zurück bis zur nächsten Ecke, nächster Versuch. Google maps ist der Situation nicht mehr gewachsen..

Ja und irgendwann passiert es. Im Dunklen stolpere ich über eine Unebenheit. Schlage mit dem Gesicht auf der Straße auf. Blut. Schmerzen, Brille verbogen. Ich bleibe eine Weile liegen, finde nach langem Suchen eine Apotheke, die die Wunden desinfiziert und verbindet. Ein Optiker biegt die Brille zurecht und ich will nur noch ein Taxi ins Hotel. Dort esse ich einen Happen und betrachte mein geschwollenes Antlitz. Nachts verfärbt sich der Bereich um das Auge. Es sieht übel aus.

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