Samstag, 25. Januar 2025 Von Al Ula nach Tabuk

Nächste Etappe entlang der Hedjaz -Bahn. Mangels Alternative: Frühstück in einem Dunkin Donut an der Tanke. Es gibt hier zwei Arten von Benzin-Abfüllern. Zum einen einfache Hütten mit einer Zapfsäule. Davor sitzt ein Kreis von konservativ gekleideten Männern auf einem Teppich im Schatten, drinnen ein kleiner Tante Emma-Laden. Hier glaubt man noch ein wenig Vergangenheit zu spüren. Das Warenangebot ist beschränkt, kaum Fertigprodukte. Der Chef addiert noch bedeutungsvoll die Preise auf einem kleinen Zettel.

Ein Zwischending

Und dann gibt es noch die futuristischen Tanken, Kathedralen eines Zukunftsversprechen. Nacht für Nacht in einem Bonbonfarbenen Lichterdom. Alle umsäumt von US-Junkfood-Anbietern. Hier sitzt meist ein junger Mann in Jeans zwischen den Zapfsäulen, der nur ungern vom Handy aufblickt um den Hahn zu bedienen. Hier wie da: gezahlt wird eigentlich wie überall im Land per Kreditkarte. Bargeld ist out. Selbst bei 20 Cent für das Wasser wird die Karte an den Scanner gehalten.

Mich treibt es zunächst in südöstliche Richtung. Bahnhöfe knipsen. Ich biege auf eine sechsspurige Autobahn mit einem parallelen zweispurigen Bypass ein und fühle mich für die nächste Stunde einsam. Vielleicht alle fünf Minuten begegnet mir ein Auto. Der Hammer. Auf den ersten dreißig Kilometern begleitet ein breiter Radweg den Highway durch die Wüste. Obwohl ideales Radlerwetter ist, keiner will auf dem Weg ins nirgendwo strampeln. Wäre auch schwierig. Der rote Belag ist porös und wellig. Ein Ausflug wäre wahrscheinlich sehr anstrengend.

Auf dem Bild sieht man in einiger Entfernung drei kleine Pfosten. Sie stehen etwa alle hundert Meter, um die Massen in geordnete Bahnen zu lenken. Wahnsinn. Aber ich bin überzeuigt: Irgendwann führt die Tour d´France durch Saudi Arabien.

Die Hedjaz-Bahn wurde in fünf Abschnitten gebaut, jeweils mit unterschiedlichen architektonischen Akzenten. Dieser Bahnhofstyp bestimmt das Bild zwischen Al Ula und Tabuk.

Die Gebäude sind so konstruiert, dass sie gut zu verteidigen sind. Davon zeugen auch die Schießscharten. Das erste Stockwerk ist zurückgesetzt. Dort waren wohl die Maschinengewehre postiert. Kaum eine Station wurde von den Beduinen, die eine Guerilla Armee waren, erobert.

Nächste Station gleiches Bild.

Und so weiter. Der Bahndamm neben der Trasse ist gut erhalten. Manchmal entdecke ich kleine Durchlässe.

Zeit, dass ich mich auf meine Fahrt nach Tabuk konzentriere. Die Fahrt aus der Wüste ins Gebirge ist atemberaubend.

Unwillkürlich fällt mir der Bibelsatz ein: Und die Erde war öd und leer. Es ist ein Stück Urlandschaft. Und natürlich begleiten mich wieder die Eagles und Pink Floyd auf dem MP3 Player.

Leidet schaffe ich es nicht ganz vor der Dunkelheit in Tabuk einzutreffen. Ich hatte eine kleine Oase erwartet. Ist Tabuk auch. Aber mit der Dunkelheit erwachen die vier Highways um den Kern der Stadt zum Leben. Jeder ist etwa vier Kilometer lang und wird am Abend zur Rennbahn. Alle Gebäude blinken, sind angestrahlt, werden von grellem Neon umrandet. Man glaubt sich in einer Großstadt obwohl ein Grundstück dahinter Wüste liegt. Jede dieser Ringstraßen hat mindestens sechs Spuren, alle 500 Meter einen riesigen Kreisel und die Jeunesse Doree rast Stoßstange an Stoßstange um die Blocks. Wer zuckt hat verloren. Und auch wer defensiv fährt. Nach links abbiegen unmöglich wenn man vorne und hinten eingeklemmt ist. Das Navi ruft verzweifelt: Bitte Wenden. Irgendwann schaffe ich es rechts rauszufahren. Und ich brülle meinen Lenker und die Windschutzscheibe an. Mit der Karte tüftele ich einen Schlachtplan aus: Eine Route nur noch geradeaus und rechts. Und wirklich, es gelingt mit einigen Umwegen.

Das Hotel ist eine positive Überraschung. Kein 5-Sterne-Haus, aber ein Betrieb, der die Erwartungen deutlich übertrifft. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Sauberes Bad mit allem, tolles Bett, alles was man braucht ist da und noch mehr. Ein freundlicher und kompetenter Staff. Es stimmt alles.

Einziges Problem, um in das Restaurant zu kommen, das ich nebenan ausgesucht habe, muss man einen der Highways überqueren. Jeweils zehn Minuten habe ich auf eine Lücke im Verkehr warten müssen, um eine der beiden Fahrbahnen überqueren zu können. Dazwischen musste ich auf dem schmalen Mittelstreifen balancieren. Vom Essen her hat es sich gelohnt. Ein ziemlich feiner Laden mit einer gut zubereiteten Grillplatte.

Zufrieden kann ich einschlafen.

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Freitag, 24. Januar 2025 Al Ula

Gut geschlafen. Ich verlängere um eine Nacht zu einem etwas moderateren Preis. Hier in der Umgebung gibt es viel zu sehen. Zunächst fahre ich zum alten Bahnhof. Hier soll es ein schönes Café geben. Es hat zu. Heute ist Freitag, dass ist bei den Moslems so wie bei uns Sonntag.

Al Ula war einst ein Betriebsmittelpunkt für die Strecke auf der arabischen Halbinsel. Bis hierher durften die Planer und Ingenieure aus dem Abendland. Ab hier durften Richtung Mekka nur Muslime arbeiten. Von hier wurde gesteuert. Entsprechend großzügig ist das Gelände angelegt.

Die Büros und Wohnungen sind zerfallen.

Die Schienen wurden einst auch genutzt die Decken zu stabilisieren.

Ein verrostetes Windrad pumpte Wasser.

Das Ensemble von der Straßenseite aus. Mit Wasserturm.

Jenseits der Straße stehen noch einige alte Wagen. Die Felsen oberhalb nutzte das Militär wohl zur Sicherung der Bahnhofs. Darauf deuten Mauern und Schießscharten.

Ich mache mich zurück in den Süden. Gut hundert Kilometer. Gestern hatte mein Navi eine der interessantesten Stellen der Hedjaz Bahn nicht angezeigt. Bis ich es merkte war es schon dunkel. Auch jetzt schickt mich die Lady in der Box erst mal in die falsche Richtung auf eine Piste. Nach fünfhundert Meter stecke ich hoffnungslos im Sand fest. Panik. Zum Glück kommt ein Trupp junger Leute vorbei. Die haben so richtig Erfahrung wie man so ein Auto, das bis zur Achse feststeckt wieder flott bekommt. Einfach etwas Luft aus dem Reifen lassen. Wir können Schnee. Sie können Sand. Sie sprechen gut Englisch. Wir lachen viel. Das Interesse an meiner Welt ist groß.

Zu dem Bahnhof mit dem verlassenen Zug führt eine enge aber normale Straße. Hätte ich das Navi ignoriert, wäre mir viel Stress erspart geblieben

Ein Wasserturm weist den Weg zu dem verlassenen Zug im Wüstensand. Bösewicht war nicht der Lawrence. Vor dreißig Jahren stand die Garnitur noch auf dem Gleis. Alte Bilder belegen das. Wahrscheinlich haben die Arbeiter Lok und Wagen einfach nicht mitgenommen als man die Strecke abgebaut hat. Dort wo die Bahn sich jetzt befindet lagen einmal die Abstellgleise und ein Gleisdreieck zum Drehen der Dampfmaschinen.

Der Lok droht das Schicksal der Titanic. Irgendwann ist alles zerbröselt.

Schade

Der Bahnhof. Lok und Waggons liegen auf der linken Seite

500 Meter weiter eine sehr schöne lange Brücke über einen Wadi…..

….mit Wärterhaus. Im Hintergrund vier Damen mit Kids beim Picknick. Ihr Begleiter spielt ein paar Meter weiter in einem Transporter am Handy. Kaum tauche ich auf, hupt er und die Mädels kehren mir schnell den Rücken zu.

Ich mache mich auf den Heimweg auf einer neuen Alternativroute. Die Verkehrsschilder geben mein Ziel an, auch das Navi. Leider ist die Fahrbahn nicht fertig. Die letzten zehn Kilometer gehen über eine Piste. Nach den Erfahrungen vor einigen Stunden: No way. Die ganze Strecke zurück. Circa 50 Kilometer.

Begleitet nur noch von Kamelen.

In der Nacht echt ein Problem.

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Donnerstag, 23. Januar 2025 – Von Medina nach Al Ula

Heute beginnt das Abenteuer: ein kleinwenig wenigstens. Mit dem Mietwagen quer durch die Wüste Richtung jordanische Grenze. Das Frühstück nebenan schenke ich mir. Irgendwo unterwegs werde ich an einem netten Café vorbeikommen. So der Plan.

Die Mietwagenbestätigung existierte leider nur in Englisch. Das Problem: Den KI – übersetzten Straßennamen der Agentur kennt niemand an der Rezeption, obwohl alle sehr gut Englisch sprechen. Die Angestellten rätseln hin und her, auch der Taxifahrer ist keine echte Hilfe. Bei „Budget“ hatte ich gemietet. Leider hat das Unternehmen mindestens sieben Franchise Partner in Medina: Und prompt googelt die Rezeption den Falschen.

Es kann losgehen. Mein Taxi hatte wahrscheinlich noch das letzte Jahrhundert erlebt. Aber gut: wenig Regen, wenig Rost. Die Richtung, die ich mir zuhause gemerkt hatte, stimmt grob. Trotzdem: am Ende der Fahrt ist es die falsche Firma. No Problem: Er könne mir den gleichen Wagen vermieten meint der Chef. Diesen Vorschlag finde ich nicht lustig, denn der andere Rent-a-car-Heinz, bei dem ich gebucht hatte, könnte ja wegen eines Stornos meine Kreditkarte belasten. Es geht hin und her. Hektische Telefonate mit dem Konkurrenten. Nach dreißig Minuten schien eine Einigung gefunden.

Internationaler Führerschein, Kreditkarte: es könnte alles gut sein. Ist es auch für zwei Minuten. Dann kommt der nächste Kunde in den Laden Kleines Problem, gleich gelöst. „Gleich“ heißt hier halbe Stunde. Ich darf mich setzten, dann endlich wieder aufstehen: nächster Kunde, nächstes kleine Problem. Ich werde wieder platziert. Und so weiter.

Zwei Taubstumme kommen, mit Gebärden-Dolmetscher. Klar lässt man die vor. Wieder auf den Stuhl hocken, wenigstens Zeit um das Handy aufzuladen bis die drei ihren Schlüssel bekommen: jedenfalls für fünf Minuten. Nee: der Wagen gefalle ihnen überhaupt nicht, interpretiere ich ihre Gesten. Wieder setzen, neuer Vertrag für die drei, sie müssten dringend nach Medina zum Airport, deutet mir der Übersetzer. 15 Minuten später: Sie haben ihr neues Auto: Aber nach einer Sitzprobe: gefällt nicht, nächster Versuch. Dazwischen drängt sich immer mal einer vor: Schnell mal, nur kleines Problem. Irgendwann um halb eins habe ich meinen Vertrag, aber immer noch kein Auto. Das stehe nebenan. Ein Fahrer bringe mich hin, dauere höchsten zwei Minuten. Ok. „Nebenan in zwei Minuten“ ist am anderen Ende der Stadt, ungefähr 20 Minuten weiter. Dort erwartet mich ein junger Saudi, der mir geduldig den Wagen erklärt, so dass ich es verstehe. Zwar lässt sich mein Handy nicht mit seiner Elektrobox verbinden, aber er schafft es, dass das Navi auf meinem Handy funktioniert. Und das Mädel im Telefon ist der Deutschen Konversation mächtig.

Ein schicker Toyota. Aber vor dem Trip muss ich das Auto erst mal aus der Stadt bringen. Ich habe ja viel in aller Welt über Verkehr gelernt. Aber hier ist alles radikal anders. Achtspurige Straßen und jeder (und neuerdings jede) fährt als ob es kein Morgen mehr gibt. Mein Navi erzählt mir was von links in die Abdulla Straße, dann in die Feisal Achmet Road bis zur Prinz Machmet-Avenue und weiter in die Emir Sansibar Gasse oder so ähnlich. Verdammt. Kann sich doch kein Mensch merken. Dazu kommt eine eine Spezialität: die U-Turns. Man kann durch sie auf der Autobahn wenden. Gedrängelt wird um jeden Preis, nicht geblinkt, die Vorfahrt genommen, gehupt, bis auf einen Zentimeter aufgefahren. Der Horror. Irgendwie schaffe ich es.

Kaum 20 Kilometer weiter: Ruhe. Fast. Die Straße ist dreispurig. Alle drei Minute begegnet mir ein Auto. Ich brav auf der rechten Spur. Rechts von mir der Standstreifen, gerade breit genug für einen Kleinwagen, nach unseren Maßstäben. Hier Teststrecke ob ein SUV auf dem schmalen Grat rechts überholen kann. Beim ersten Mal ist mir fast das Herz in die Hose gerutscht als ein Fahrer mit einem Zentimeter Abstand zu meinem Wagen und zur Leitplanke an mir vorbeirauschte. Zum Glück nimmt der Verkehr mit jedem Kilometer ab. Und bald bin ich fast alleine unterwegs. Unter mir vier Spuren, vor mir die Wüste, im MP3 Player Eagles, Dire Straits und Pink Floyd.

Die Tour hier mache ich aus Interesse für die Hedjaz-Bahn. Den Film über den Lawrence von Arabien kennen die Älteren noch. Ich hatte gelesen, dass auch in Saudi Arabien noch viele Relikte in der Wüste zu finden sind. Der Highway führt entlang der alten Trasse.

Erster Foto-Stopp: Ein Bahnhof, den Lawrence und seine Beduinentruppe angegriffen haben sollen.

Alle Artefakte sind seit einigen Jahren eingezäunt. Auch wenn ich so Abstand halten muss und fotografieren oft schwierig ist: es ist besser für die Nachwelt, die diese Bahnhöfe auch noch erleben möchte.

Ein Zug, der so scheint es einmal eine kleine Ausstellung beherbergen soll. Warum er hier steht: Ich habe keine Ahnung.

Immer wieder tauchen plötzlich alte Bahnhöfe oder Kasernen für die Kompanien, die beschützen sollten, auf ohne dass sie auf einer Karte oder bei Google maps verzeichnet sind.

Alle dreißig bis fünfzig Kilometer wurde ein solches Gebäude errichtet. Hier wurden die Loks mit Kohle Holz oder Wasser versorgt.

Irgendwann gegen Abend wird die Straße zweispurig. Die Fahrt in die Dunkelheit ist atemberaubend. Dreißig, vierzig Kilometer kein Haus und keine Tanke. Die Benzinbude, die auf Google Maps markiert war, ist zu. Buchstäblich mit den letzten Tropfen erreiche ich eine Zapfsäule.

Mein Nachquartier habe ich in Al Ula, eine Wüstenstadt, die auf Tourismus setzt. Entsprechend sind die Hotelpreise. Meine Buchungsbestätigung erhalte ich auf arabisch. Meinem Navi hilft das nicht viel. Ich kopiere einen Link und siehe da: Das Gerät weist mir den richtigen Weg. Alleine hätte ich das Appartement nie gefunden. Es ist eher ein Air BnB. Blöd nur, niemand ist da. Ich probiere die einzige Zahl zwischen all den Schriftzeichen. Und tatsächlich: Eine Stimme meldet sich am Handy, es ist der Besitzer, er spricht Englisch und kommt gleich mit dem Auto. Ich beziehe eine ganze Wohnung, ziemlich viel Kruschel drin wie wir in der Rhön sagen. Aber sauber. Ich muss mich im Schlafzimmer zwischen einem der vier Betten entscheiden. Mein Kopfkino sagt: Normal macht hier der Pascha mit Harem Urlaub.

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Mittwoch, 22. Januar Medina

Kein Frühstück im Appartementhaus. Mich treibt’s mangels Alternativen nebenan in eine Süsspappbude. Kaffee, Miranda, Donuts. Man gönnt sich ja sonst nix.

Ein wenig Rucksack sortieren. Dann zieht es mich in die Innenstadt, Richtung Prophetenmoschee, dem zweitwichtigsten Heiligtum des Islam. Bis 2021 war der Bezirk ein Haram, also gesperrt für Nicht-Muslime. Medina ist eine Pilgerstadt. Die Folgen dieser „Errungenschaft“ sind auf Schritt und Tritt zu spüren. Auch wenn das Papa-Mobil fehlt: Den Besucher erwartet Petersplatz-Atmosphäre. Mit dem Unterschied: der gesamte Vatikanstaat passt fünfmal auf den Vorplatz der Moschee hier. Die Besucherströme werden sorgfältig orchestriert. Es werden über 50.000 Pilger sein, die jetzt in der Nebensaison die Stadt bevölkern. Die wollen versorgt und bespasst sein: Bett, Breakfast, Beten, Besichtigung, Böreck, Boutique.

Ein Bus nach dem anderen rollt in die City. Prayer-Tours, Holy-Travel, Pilgrim-Trips: Jedes Gefährt prall gefüllt mit Wallfahrern. Im dichten Takt haken die Fremdenführer mit den Besuchergruppen die Viewing-Points ab. Immer im Bild: Das Spruchband mit dem Namen der Propagandisten. Auch Religion ist Big Business.

Gegen drei Uhr strömen die Menschen zum zentralen Platz, fröhlich gestimmt auf Familienausflug. Selfies in und aus allen Positionen und Blickwinkeln. Kleine You Tube Videos für die Lieben daheim: Lachen, Winken, Küßchen und die sorgenvolle Frage „Ob alles in Ordnung sei“. Bei den Wartenden hat das Handy längst den Koran abgelöst. Was zeigt der Screen? Suren oder Signal, Wahhabiten oder WhatsApp, Muslimische Gebete oder die neuste Tirade von Musk? Zumindest wir Menschen drumherum können es nur ahnen. An den Imbissbuden sollen Männer und Frauen getrennt anstehen. Aber auch das will nicht richtig klappen, zumindest an der Essensausgabe mischen sich die Geschlechter. „Ungeniert“ möchte man sagen.

Ich setze mich auf eine Bank in die Nähe des Eingangs. Mit dem Ruf des Muezzins beginnt die Rush-Hour. Circa 30 Minuten strömen die Menschen ununterbrochen Richtung Moschee. Es sind Zehntausende. Sie kommen wie an ihrer Kleidung und Kopfbedeckung zu erkennen aus der ganzen Welt.

Ich versuche mich an die Begegnungen in verschiedenen von mir bereisten Ländern Ländern zu erinnern. Fes, Takke, Kufiya, Songkok: Hier versammeln sich Gläubige der Erde: Usbeken, Pakistani, Indonesier, Türken, Menschen aus der Sahelzone, Somali und Tansanier, Malaien, Bärtige aus den Golfstaaten oder dem Oman mit ihren üppigen Kopfbedeckungen. Man spürt instinktive, welche Power, welcher Zusammenhalt, welche Macht der Islam quer über die Welt entwickeln kann oder könnte. Ein mächtiges Netz. Ausgrenzung und Abschottung gegen diese Glaubens- brüder- und -schwesternschaft machen wenig Sinn, um Stabilität und Frieden auf der einzigen Erde, die uns zur Verfügung steht, anzustreben.

Mich zieht es auf dem Rückweg zum Hotel noch einmal zur Hedjaz-Station. Die Sonne steht jetzt einigermaßen günstig für Bilder.

Ein letzter Blick über den Bahnhof, ein Bild aus fast 200 Meter Entfernung. Ins Hotel und später eine doppelte Premiere nebenan: Der erste Chicken-Döner und der (das?) erste Smoothie in meinem Leben.

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Dienstag, 21. Januar 2024 Von Dschidda nach Medina

Morgens betrachte ich mein Auge im Spiegel. Hübsch blau, rot, grün und schwarz. Hände und Gelenke schmerzen. heftig. Das Bein ist ein wenig taub. Puh. Sonja scheint beim Video-Call auch nicht amüsiert über mein Aussehen. Aber offensichtlich ist es über Nacht nicht schlimmer geworden. Heute geht es weiter Richtung Medina: mit dem Hochgeschwindigkeitszug durch die Wüste. Tempo 300. Rund 400 Kilometer in einer Stunde und 50 Minuten. Ein Trip für ganze 30 Euro. Aber zunächst mal frühstücken. Auch heute wieder vegetarisch und gut.

Taxen warten vor dem Hotel genug. Mein Fahrer beginnt mit einer Ehrenrunde, um nach zehn Minuten genau wieder am Hotel vorbeizukommen. Ich verstehe ja, dass die Jungs, die aus Pakistan oder sonst wo herkommen, unterbezahlt sind und ausgebeutet werden, aber ein bisschen intelligenter geht schon. Ich mache das was ich immer mache: Hole mein Handy aus der Tasche und rufe Google Maps so auf, dass er auch den Bildschirm sieht. Danach nimmt er den kürzesten Weg.

Die Fahrt macht noch einmal die Dimensionen der Stadt deutlich. Endlos ziehen sich flache Häuserreihen, die ja auch alle mit Wasser versorgt sein wollen.

Das imposante futuristische Bahnhofsgebäude ist schon von weitem zu sehen. Eine riesige Halle für knapp vierzig Züge am Tag. Auch im Inneren ähnelt die Bahn-Station eher einem Terminal. Und wie am Airport haben Arrival und Departure getrennte Zugänge mit sicher zwanzig Aufzügen. Man geht nicht einfach zum Bahnsteig sondern sucht sein Gate zum einchecken.

Lounges für Male und Female, Läden, Cafe, Counter für ein halbes Duzend Autoverleiher, Reisebüros: Alles da, nur die Passagiere fehlen.

Richtung Mekka hat es einen eigenen Bereich, denn hierhin dürfen nur Moslems fahren.

Einfahrt des Zugs nach Medina

Drinnen sind die Züge eher spartanisch möbiliert, aber alles notwendige ist an Bord. Ich glaube bequemer zu sitzen als in jedem ICE. Die Triebwagen fahren extrem ruhig. Es gibt kaum Durchsagen. Alle Infos liefert der Screen. Halten tun wir nicht unterwegs.

Draußen sind nur Sand und Geröllwüste. Auf vierhundert Kilometer keine größere Stadt. Ab und zu in der Ferne ein paar Gehöfte um ein Minarett. Hier möchte man nicht begraben sein.

Ankunft in Medina. Pünktlich auf die Minute. Schon wartet eine große Putzkolonne, um die Waggons für die Rückfahrt zu reinigen.

Vor der Bahnhofshalle lauert ein Heer an Taxifahrern und Animateuren. Mein Hotel scheint wenig bekannt. Zwischen den Fahrern wird heftig über Standort und den Weg dorthin gestritten. Zwischendurch kommen immer wieder Anreißer, um mich in eine der überteuerten Limousinen zu drängen. Das lässt sich aushalten solange sie nicht beginnen meinen Rucksack dorthin zu schleppen. Dann ist Schluss mit lustig.

Schließlich einigen sich die Droschenkutscher auf ein Quartier in dem mein Hotel stehen könnte. Ich kann wenig helfen, denn das Paket der Telecom, das im Zug gut funktionierte, streikt plötzlich.

Das Hotel ist ok. Ein großes Appartement. Wieder mit Küche Wohnraum. Man reist hier offenbar gerne mit allen Anverwandten.

Nach einer Stunde sortieren und schlafen zieht es mich zum Hedjaz Bahnhof. In Medina endete die berühmte Bahnstrecke aus Damaskus. Bauherr war das Osmanischen Reich, das in jener Zeit auch die arabische Halbinsel besetzt hielt. Finanziert wurde die 1.300 Kilometer lange Strecke zu 70 % vom türkischen Staat und zu 30 % aus den Geldern eines Pilgerpfennigs, den Muslime aus aller Welt spendeten, denn mit der Bahn sollten Wallfahrern von Damaskus statt in 45 Tagen in weniger als einer Woche zu den heiligen Stätten in Mekka und Medina transportiert werden.

Um 1900 begann der Bau. 1908 erreichte der erste Zug Medina. Diese Leistung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schließlich führt die Strecke durch unwegsame Wüsten. Es gibt wenig Wasser. Im Sommer ist die Hitze extrem. Der Weiterbau Richtung Mekka wurde in Medina gestoppt. Ein Grund war wohl auch, dass viele Stämme um die guten Einnahmen vom Transport der Gläubigen fürchteten. Der erste Weltkrieg begrub dann alle Pläne. Die Türkei geriet, auch Dank ihres englischen Beraters Lawrence (im Film der Lawrence von Arabien verewigt) unter Druck. Er einte die Arabischen Stämme und lies sie Anschläge auf Schienen Loks und Wagen verüben.

1924 endeten die durchgehenden Zugfahrten endgültig mit drei Materialtransporten aus Ma’an, einer Stadt in Jordanien. Bereits seit 1916 war der Verkehr deutlich eingeschränkt. Schuld an den Zugausfällen war weniger der Lawrence der immer mal ein paar Gleise entlang der stark mit Truppen gesicherten sprengte sondern die Religion. Meissner der Deutsche Projekt Ingenieur und sein Stab, alles Christen, durften sich nicht weiter als Al Ula, circa 300 Kilometer von Medina entfernt, Richtung Heiligtümer bewegen.

Die Arbeiten wurde ab diesem Zeitpunkt von ungeübten Technikern betreut. Schlecht verlegte Schienen, Pfusch am Bau, Provisorien statt Brücken ließen bald Lokomotiven entgleisen. Regen schwemmten in diesem Abschnitt häufig Bahndämme und Übergänge weg. Die Strecke auf saudischen Gebiet musste bald aufgegeben werden. Post Operativ klug gescheissert könnte man hinzufügen: So ist dass wenn man dem Fachkräftemangel mit Ausgrenzung aus ideologischen und religiösen Motiven zu begegnen sucht. In Jordanien war die Linie bis 2017 das Rückgrat für den Phosphat Transport. Täglich brachten schwere Loks mehrere lange Züge mit dem Dünger in den Hafen von Akaba bis die Autolobby zuschlug. Im neuen Hafen „vergaß“ man den Gleisanschluss und baute stattdessen eine achtspurige Autobahn von den Minen durch die Geröllwüste zum Meer. Der Verkehr der Stichstrecke aus Damaskus Richtung Haifa endete mit der arabisch israelischen Auseinandersetzung um 1948. Die Nebenlinie nach Beirut wurde 1975 Opfer des libanesischen Bürgerkriegs. Und der spärliche Personenverkehr zwischen Damaskus und Amman endete mit um 2015 mit dem Terrorregime von Assad.

Das sind einige Infos zur Hedjazbahn. Wer mehr wissen will, dem sei dieser Beitrag empfohlen: https://www.thehejazrailway.com/route-guide

1982 haben Hedi und ich Damaskus besucht und den alten Bahnhof besichtigt. Wie in einer Zeit-Kapsel hat er die Grande Epoche überlebt und seinen alten Glanz konserviert. Vor fünf Jahren bin ich die Strecke in Jordanien abgefahren, habe den Bahnhof in Amman mit seinem Museum angesehen.

Hier erhalten einige Könner mit Improvisationstalent auf hundert Jahre alten Werkbänken drei vier alte Dampfloks und hoffen eines Tages wieder auf Strecke gehen zu können. Die Türkei investiert hier viel Geld in die Bewahrung der Historie, was immer auch Erdogan damit beabsichtigt. Und dann war ich in jener Zeit noch in Beirut und Rayak in der Bekaar Ebene oben im libanesischem Gebirge. Hier stand bis zum Bürgerkrieg ein großes Ausbesserungswerk mit 2.500 Beschäftigten. Heute rosten hier auf einem riesigen Gelände dutzende Lokomotiven, die einst das Mittelmeer mit Damaskus verbanden.

Medina wählte ich dieses Jahr als Ziel, um in Saudi Arabien die Relikte der Hedjaz Bahn zu besichtigen. In der „heiligen Stadt“ wollte ich beginnen. der Bahnhof und das Umfeld mit zahlreichen Artefakten seien gut erhalten und liebevoll gepflegt. Und dann der Frust.

Gleisseite. Das Erdgeschoß wurde 1908 gebaut. Es wirkt grober als der filigrane erste Stock, der drei vier Jahre später aufgesetzt wurde

Der Guard am Tor stoppt mich. Keine Besichtigung möglich, es werde renoviert. Auf meine Frage wie lange das dauere, meint er drei bis sechs Monate, das wisse allein Allah. Keine Chance auf Einlass. Das erlebt auch eine Saudische Familie, die mit ihren Kindern hier ein wenig Eisenbahnluft schnuppern möchte. Das Gelände ist riesig. Es wirkt eher wie ein Themenpark mit viel Grün und vielen Rastmöglichkeiten.

Der Blick von der Straßenseite

Auf dem Gelände stehen alte Wagen, die als Ausstellungsräume dienen. Ein Zug..

Erhalten sind auch noch einige alte Funktionshäuser wie Wassertank, Lokschuppen, Güterhalle, Waschräume und Wohnungen. Aber davon bald mehr.

Mich zieht es nach einem langen Tag noch zu einem Chickenburger und einer neuen durchaus frischen Entdeckung: Alkfreies Bier gemischt mit schwarzen Johannisbeeren.

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Montag, 20.Januar, Dschidda

Dschidda? Jeddah? Spät bin ich eingeschlafen. Früh wache ich auf. Zeit ein wenig zu lesen. Anne Appelbaums „Achse der Autokraten“ ist meine aktuelle Lektüre. Wie passend. Das Frühstück ist ausgezeichnet. Arabische Küche mit allem was dazugehört. Viel Obst, Gemüse, Joghurts, Oliven etc. Ich lasse mir Zeit. Danach: Geldautomat suchen. Bares ist Rares: Auch wenn man vom Taxi bis zum Schluck Wasser hier wirklich alles mit Karte bezahlt wird, ich habe immer gern ein paar Scheine in der Tasche plus 20 Dollar. Der erste Versuch eine Cash Maschine zu finden, schlägt fehlt. Ich lande nebenan in einem Einkaufszentrum, doch der Money-Maker, über den Google Maps informierte steht längst auf dem Schrottplatz oder bei einer Deutschen Sparkasse. Der zweite Versuch an Bares zu ziehen, erfordert Mut. Ich muss den Highway überqueren. Der verläuft zwar auf Stelzen aber der Bypass drunter ist genauso dicht befahren. Mit einem Saudi warte ich gefühlt eine viertel Stunde bis sich eine Lücke auftut. Ein kleiner Bummel nebenan durchs Wohngebiet und fast hätte ich den Geldspucker übersehen. Er steht am Straßenrand. Quasi Drive In. Ein netter Mensch in einem Riesen-SUV hilft mir, denn es dauert einige Momente bis die Englische Übersetzung aufleuchtet. Aber dann kommen prompt die Scheinchen.

Am späten Nachmittag mache ich mich Downtown. Eine Strecke von rund 8 Kilometern. Um diese Zeit auf acht Spuren: stop and go. Eigentlich wollte ich zur Strandpromenade aber der Droschkenfahrer überredet mich zur Altstadt. Ein guter Tipp.

Hier scheint die Betonwüste weit weg. Ein Hauch von „1000 und eine Nacht“ liegt über dem Quartier. Die Basarstraßen sortieren sich noch nach den Sortimenten: Ob Tücher, Kleider, Gewürze, Schmuck, Schuhe oder Haushaltswaren: Jede Branche hat ihre eigene Gasse.

In den langen Hallen fehlt ein wenig der Betrieb und das Gewusel des Orients. Touristen begegne ich kaum. Man merkt, dass sich das Land gerade öffnet. Es fehlen noch die sonst üblichen Stände für T-Shirts und den Magneten für den Kühlschrank. Ich gestehe, sie sind auch mein bevorzugtes Mitbringsel.

Die Dichte an Moscheen ist beeindruckend. So viele Gebetshäuser auf so engem Raum habe ich noch nie erlebt. Und ich war öfter im Orient. Regelmäßig ruft der Muezzin. Fast alle Händler verriegeln dann ihren Laden für 15 Minuten um in einer der Moscheen in der Nachbarschaft zu beten.

Am Eingang von einem Bethaus spricht mich ein Iman an und lädt mich zu einem Besuch. Er und sein Kollege sprechen sehr gut Englisch, erklären ein wenig. Die Häuser sind auch Räume der Meditation. Einige Gläubige bleiben nach dem Gebiet hier: Lesen, Ruhen, in sich hineinhorchen.

In mir regt sich langsam Hunger. Aber es ist gar nicht so einfach das Quartier zu verlassen. Überall wird gebaut. Saudi Arabien scheint sich nach all den Boom-Jahren auf seine Geschichte und seine Tradition zu besinnen. Wohin der Weg führt: ???. Aber zunächst ist positiv: Alte Häuser werden sorgfältig restauriert mit all ihren Erkern, Balkonen und Sehschlitzen aus denen Frauen einst das Geschehen auf der Straße beobachten durften. Bei früheren Besuchen in Ländern wie Marokko oder Mauretanien habe ich viel über die Privatheit und den Rückzug innerhalb der eigenen vier Wände als Teil der arabischen Kultur gelernt. Auch wenn Gebäude außen schlicht erscheinen: Drinnen sind sie oft wahre Paläste.

Ich fühle mich wie im Irrgarten. Jeder Weg eine Sackgasse, die an einem Bauschild endet. Zurück bis zur nächsten Ecke, nächster Versuch. Google maps ist der Situation nicht mehr gewachsen..

Ja und irgendwann passiert es. Im Dunklen stolpere ich über eine Unebenheit. Schlage mit dem Gesicht auf der Straße auf. Blut. Schmerzen, Brille verbogen. Ich bleibe eine Weile liegen, finde nach langem Suchen eine Apotheke, die die Wunden desinfiziert und verbindet. Ein Optiker biegt die Brille zurecht und ich will nur noch ein Taxi ins Hotel. Dort esse ich einen Happen und betrachte mein geschwollenes Antlitz. Nachts verfärbt sich der Bereich um das Auge. Es sieht übel aus.

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Sonntag 19. Januar 2025 – Frankfurt – Dschidda

Die übliche Nervosität vor einer Reise. Winni und Petra bringen mich zum Bahnhof und fahren für einen Spaziergang auf dem Lohrberg bis Frankfurt mit in der S-Bahn.

Eigentlich müsste ich ja genug Erfahrungen am Airport haben: Aber auf Rhein-Main stelle ich mich dieses Mal richtig blöd an. Verwechsle Gate und Check In und dann den Bereich „E“ mit „D“. Wie ein Schulbub. Aber es geht alles super schnell beim Einchecken. Zeit für zwei Weizenbier. Die nächsten beiden Wochen werden hart und trocken.

Es erwartet mich ein Flug der besonderen Art. Der Jet ist fast ausgebucht. Meist Männer. Pilger wie sich herausstellen sollte. Die Destination von SV 168 von Saudia ist Dschidda, nicht weit von Mekka. Die wenigen Frauen im Flieger sind meist locker gekleidet, die Jungs in Jeans und T-Shirt. Meine beiden Nachbar machen den Eindruck, sie seien letzte Nacht nochmal richtig um die Ecken gezogen.

Kaum sind die Anschnallzeichen erloschen bilden sich lange Schlangen vor den Toiletten. Die Männer ziehen ihr Pilgergewand den Rida an. Zwei Tücher um Brust, Rücken und Schulter geworfen. Es bleibt jede Menge nackte Haut zu besichtigen, inklusive manch heftiger Speckfalte um die Hüfte. Bei den Mädels geht das Dressing in eine andere Richtung. Verhüllen ist angesagt.

Die Schlage im Mittelgang kollidiert mit dem Service. Die Flugbegleiter versuchen verzweifelt ihre Minibar zwischen den Wartenden zu rangieren. Richtig blöd wird es über dem Mittelmeer. Die Turbulenzen sind heftig. Der Flieger knallt richtig auf den Jet Stream. Ein Luftloch und 20 Leute hätten an der Decke gehangen. Aber die Schlange lässt sich nicht beirren. Inshallah

Kurz vor der Landung präsentiert sich hoch über den Lüften die Männerwelt überwiegend „Ganz in Weiß“ nur ohne Blumenstrauß während die Gesichter der Female unter dem Schleier kaum noch zu erahnen sind.

Der Airport in Dschidda ist riesig. Während der Wallfahrtsmonate kommen hier einige Millionen Menschen an. Wir rollen ohne Ende zum Gate. Aber dann geht alles richtig schnell. Es sind kurze Wege (gemessen an Frankfurt) bis zum Zoll. Das Visum on Arrival habe ich in zehn Minuten im Pass. Kaum zu glauben nach Jahrzehnten einer restriktiven Haltung gegenüber dem Tourismus. Den Stempel hätte ich mir auch am Automat holen können aber besser nicht. Beim Scannen meines Passes scheitere ich schon in Frankfurt regelmäßig. Und meine Finger wollen einfach keine Abdrücke hergeben. Die Beamtin lächelt geduldig hinter ihrem Mundschutz als ich zum vierten Mal meine Hand auf die Scheibe drücke und das Licht wieder rot leuchtet. Dann ist es endlich geschafft. Mein Rucksack dreht schon einsame Runden auf dem Band.

Natürlich haben sich in der Ankunftshalle jede Menger Koberer versammelt, die mich in ein Taxi ziehen wollen. Eigentlich ist der Markt gut strukturiert. Taxameter ist wohl Pflicht. Aber diese Vorschrift gilt nicht für den Limousinen Service. Wenn ein Fahrtgast also ins falsche Auto einsteigt, ist er Ruckzuck den Zehnfachen Preis los. Und die Kategorie Limousine ist dehnbar. Ich stelle mich am Taxistand an. Die Fahrt zu meinem Hotel dauert 15 Minuten inklusive Ehrenrunde, weil der Chauffeur die richtige Abfahrt „übersah“. Aber bei gerade mal 12 Euro wäre das Meckern auf unangemessenem Niveau.

Das ibis hat meine Reservierung verbaselt. Irgendwie dachte ich mir das schon am Airport als irgendeine KI via Mail meldete, mein Zimmer sei storniert. Nach Mitternacht sind alle Standardzimmer vergeben. Dem Portier bleibt nichts anders übrig als mir für 60 Euro die Suite zu überlassen. Suite? Naja: Sagen wir das Appartement. Wohnzimmer, Küche, Bad, Schlafraum und zwei Toiletten. Fast so groß wie meine Wohnung in Mühlheim. Alles ok.

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Mittwoch, 30 Oktober – El Paso

Der letzte Tag in den USA. Jede Reise geht einmal zu Ende. Ich lasse mich durch die Stadt treiben. Auch hier: die Innenstadt ist leer. Kaum Geschäfte. Die wenigen Restaurants die noch existieren, tun mir leid. Die Lauf-Kundschaft fehlt.

Selbst die Billigheimer wie Dress for less sind aus der City geflohen. Auch viele Büroräume in den Stockwerken weiter oben scheinen unvermietet.

Wie ich später im Museum sehe, war die Innenstadt einst ein blühendes Zentrum. Einige Bauten und Tafeln zeugen noch vom einstigen Glanz.

El Paso ist Grenzstadt. Eine Brücke entfernt liegt Ciudad Juarez, quasi eine Zwillingsstadt. Doch unterschiedlicher können zwei Geschwister nicht sein. El Paso gilt als eine der sichersten Städte der USA. Das mexikanische Pendant verzeichnete Anfang der 2000er Jahre die höchste Mordrate der Welt. Die Drogenkartelle kämpften um die lukrativsten Routen. Mittlerweile hat sich die Situation beruhigt. Scheinbar.

Bis 1917 existierte die Grenze zwischen beiden Ländern quasi nicht. Ein Wechsel zwischen beiden Nationen war ohne Papiere möglich. Diese Freizügigkeit hat sich mit der mexikanischen Revolution verändert. Heute ist der Streifen links und rechts des Rio Grande Hochsicherheitsgebiet. Die USA schützen sich mit mächtigen Grenzanlagen. Keine Mauer aber hohe Dreifach-Zäune, die zumindest hier unüberwindbar scheinen.

Ich beschließe, einen Abstecher zu riskieren. Die Straße Richtung Mexico ist richtig belebt. Wir würden sagen „Polen-Markt“. Es ist noch amerikanisches Gebiet aber die Klamotten sind unfassbar billig. Alles Fake aber man ahnt für welche Hungerlöhne die Menschen in Mittelamerika schuften müsse.

Links Mexiko – rechts die USA

Die Einreise nach Mexiko verläuft problemlos. Ich muss noch nicht einmal meinen Pass zeigen. Lediglich die Benutzung der Brücke kostet 50 Cent. Es sind viele Menschen unterwegs. Fast ausschließlich Hispanic People. Autos können an dieser Stelle nur Richtung USA fahren. Auf vier Spuren steht Wagen an Wagen. Ich frage mich wie man hier den Schmuggel von Drogen unterbinden kann. Der Fußgängerweg Richtung Mexiko auf der linken Seite des Übergangs ist völlig eingehaust. Ca 250 Meter links, rechts und oben Maschendraht bzw ein Dach.



In Ciudad Juarez erwarten mich hinter dem Schlagbaum weder Bierbars noch ein Rotlicht Viertel oder Ramschläden. Stattdessen betrete ich einen riesigen Medizinpark, um es positiv zu formulieren. Hunderte Apotheken, Zahnärzte, Optiker, Ärzte, Prothesenbauer und sonstige Fakultäten erwarten die Kundschaft aus den USA. Manche Mediziner arbeiten in Partyzelten. Viele Dentallabore sehen so aus, dass sie in Deutschland sofort vom Gesundheitsamt geschlossen würden. Hierher kommen aus den Vereinigten Staaten nicht nur die Ärmsten der Armen sondern die Mittelklasse. Die USA sind eines der reichsten Länder der Welt. Trotzdem sind viele Menschen unterversichert oder Mitglied einer Krankenkasse, die beispielsweise die Zahnbehandlung nicht zahlt oder überhaupt nicht geschützt. Die Medizin Touristen kaufen hier kein Viagra sondern Pillen und Säfte, die sie ein wenig länger leben lassen.

Ich erinnere mich an den ehemaligen Piloten, den ich vor einigen Jahren in Kalifornien traf. Er war in Kaiserslautern stationiert, hat die modernsten Kampf-Jets geflogen. Um es heroischen in den Augen der Amis zu formulieren: jemand der sein Leben für die Freiheit riskiert. Dieser „Held“ musste im Alter seine Medizin gegen Bluthochdruck in Mexiko kaufen, weil seine Krankenkasse die Zahlungen limitierte. Irgendwelche Generika deren Wirkung offen bleibt.

Entlang der Hauptstraße traue ich mich bis zur Kathedrale im Zentrum.

Naja: Kathedrale ist ein wenig übertrieben. Eine Fassade wie in einem Western. Drinnen wirkt die Kirche eher modern.

Eine lange Menschen-Schlange schiebt sich quer durch das Kirchenschiff. Der Pfarrer segnet seine Schäfchen, nimmt sich für jeden einzelnen Zeit, um ein paar Worte mit ihm oder ihr zu reden, spricht Mut zu, tröstet. Dazu spielt ein Duo.

Keine sakralen Weisen sondern Lieder aus Lateinamerika. Gerade so entsteht Spiritualität. Viele Frauen und Männer in der Schlange sind wohl auf der Flucht vor Armut und Terror. Die Kirchen hier kümmern sich gemeinsam um die Menschen. Auch der Pfarrer vorne wie ich im Internet erfahren habe. Vor einem Jahr sind 39 der Schützlinge bei einem Brand in einem Abschiebezentrum ums Leben gekommen.

Es macht mich nachdenklich. Eine Lösung für all die Probleme kenne ich auch nicht. Es gibt kein Schwarz, kein Weiß. Aber dazwischen fällt mir auch nicht viel ein.

Ich schlendere noch ein wenig um den Marktplatz. Das Revolutionsmuseum hat leider geschlossen. Langsam marschiere ich wieder Richtung Grenze. Die Einreise in die USA mit meinem EU Pass geht völlig reibungslos.

Zurück gibt es erstmal ein Eis und eine Limo

Das Museum of Art von El Paso schließt erst um 18 Uhr. Es soll einige interessante Exponate moderner amerikanischer Kunst besitzen. Mein Besuch ist leider vergebens. Es wird umgebaut.

Warum auxh immer. Die einzigen Bilder im 1. Stock

Ein paar Bilder hängen orientierungslos an der Wand. Im Foyer zwei drei Skulpturen und in einem Nebenraum eine Video-Installation.

Im Museums-Shop einige wirklich geschmackvolle Kleidungsstücke. Aber 570 Dollar für einen Umhang ist ein stolzer Preis.

Nebenan im historischen Museum überzeugen zwei Räume: Der Aufbau der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts und die Zeitreise durch die Musikhistorie von El Paso.

Zurück im Hotel beginne ich zu packen. Wahrscheinlich fahre ich mit dem Bus zum Flughafen. Zum Abschluss noch einmal auf drei Tacos und ein Corona zum Mexikaner.


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Dienstag, 29. Oktober, Dallas – El Paso

Um 2.30 Uhr nachts sollen wir zurück am Bahnhof sein, ermahnte uns der Schaffner. Manche schaffen es gerade so. Denn irgendwann um Mitternacht stürmte der halbe Zug die Bar. Getrunken werden meist die harten Sachen. Ich bin mit meinem Corona de Ausnahme. Der Typ neben mir ist LKW Fahrer und säuft sich, wie er erzählt, die Scheidung weg. Eigentlich sind Trucker ja Stammklientel von Trump, aber er wird Harris wählen. Bei den anderen macht es kaum noch Sinn über Politik zu reden. Zu hoch ist der Pegelstand. Und außerdem: ihr Texanisch verstehe ich kaum. Also zuprosten. Wohin geht es? Kinder? Enkel? Einfach bei ziemlich lauter Musik Spaß haben.

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Gegen 1.30 pm mache ich mich auf zu einem Dennys zwei Blocks weiter: einen Hamburger essen.

Zurück am Bahnhof ist der Zug länger geworden. Die Kurswagen aus New Orleans wurden angehängt und eine weitere Lok und ein Observation Car. Ich schlafe aber erst mal selig bis morgens um acht.

Früh dann irgend ein Unterwegs-Halt in einer typischen Kleinstadt.

Eine Kreuzung, Tanke, Saloon und ein paar Geschäfte. Die meisten stehen leer. Dreimal die Woche hält hier der Zug. Heute gesellen sich zu den Fahrgästen vier ältere Damen und werben für die Lektüre der Bibel.

Es folgt ein stundenlanger Desert Trip

Pünktlich gegen 13 Uhr erreiche ich mein Ziel El Paso. Meine letzte Station in den USA. Ein imposanter Bahnhof für die drei Züge je Richtung und Woche.

Rund 300 Meter bis zur Straba, die fast bis zum Hotel fährt. Auch hier gilt der Null-Tarif.

Für ihn auch? Hat seine Haltestelle verpasst.

Das Hotel ist gut. Ein wenig geschlafen. Abends in einem mexikanischem Lokal Tacos gegessen. Sehr gut.

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Montag, 28. Oktober Dallas – El Paso

Reisetag. Ich hatte bereits am Abend zuvor alles gepackt. Der Zug sollte um 12 Uhr fahren. Genug Zeit, um in der Nähe des Bahnhofs zu frühstücken wenn ich 10.30 Uhr mit dem Bus fahre.

Eine Bäckerei in der Nähe des Bahnhofs hat es mir angetan. Heute mal ein einfaches Sandwich und Kaffee. Also wie zuhause. In Mühlheim halt ohne Ei.

Vor der Bäckerei hält die Straba. Obwohl die Station in Sichtweite ist, steige ich ein. Spart das Laufen mit Rucksack.

Weiterer Vorteil: Die Straba fährt direkt auf die Bahnsteige. Im Hintergrund mein Zug. Aber bevor ich einsteigen kann, muss der Regionalexpress erst mal abfahren. Mein Amtrak hatte zwei Stunden Aufenthalt in Dallas. Mein Wagen ist allenfalls zu einem Viertel besetzt. Los geht es. Aber bereits nach 40 Minuten eineinhalb Stunde Tank-Stopp in Fort Worth. Unser Schaffner empfiehlt den Subway im Bahnhof. Subway ist eigentlich meine absolut letzte Wahl wenn ich Hunger habe. Da muss die Not schon groß sein. Aber wenn der Schaffner das so nett empfiehlt, dann riskieren wir es mal. Nebenbei: die Einkehr ist alternativlos. Im Umkreis gibt es kein anderes Lokal.

Aber zunächst mal nutze ich die Gelegenheit meinem Hobby zu frönen. Ein paar Eisenbahnfotos müssen sein.

Eine abgestellte Garnitur

Ein wenig Museumsbetrieb

Ein alter Straba Wagen

Und dann in den Subway. Klar. Es ist meine Voreingenommenheit. Aber alle Vorurteile bestätigen sich wieder einmal. Desorganisiertes Handling bei einer Schlange von 15 Metern und vom Geschmack her: Naja.

Irgendwann geht es weiter. Unterwegs halt in einem Kaff mit einem kleinen Museum am Bahnhof.

Gegenüber ein Lok-Depot

Nach einem kurzen Aufenthalt zum Rauchen und Beine vertreten Abfahrt zur nächsten Station: Austin Texas. Eigentlich hatte ich hier ein zwei Tage eingeplant: Aber die Hotelpreise rings um die City sind so absurd hoch, dass ich darauf verzichtet habe. Die Kulisse vor dem Bahnhof ist jedenfalls beachtlich.

Gegen 21 Uhr erreichen wir San Antonio. Sechs Stunden Aufenthalt. Die Stadt gilt als sehr sicher. Trotzdem möchte ich mir den River Walk nicht antun. Ich habe ihn vor zehn Jahren schon einmal besucht. Wirklich eine Attraktion wie das Museum, dass vom Heldentod einer Schwadron erklärt, die es möglich machte das Texas heute Teil der USA ist.

Ein Passagier und ich beschließen beim Aussteigen, gemeinsam eine Bar zu besuchen. Es wird ein sehr feucht fröhlicher Abend bei Alibis´ und lauter Musik von ACDC.

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