Mittwoch, 25. Januar 2023, Lahore

Der Tag heute soll ruhig werden. Geplant ist ein Besuch des „National Historic Museum“. Ich nehme ein Tuk Tuk zur benachbarten großen Moschee. Diese Adresse kennt jeder. Ein „National Historic Museum“ war den angesprochenen Fahrern unbekannt. Den Weg durch die Moschee in den benachbarten Park, an dessen Rand das Gebäude steht, kenn ich ja.

Das Haus dokumentiert im wesentlichen die Flucht und Vertreibung der Moslems 1948 / 49 aus Indien. Nachdem sich die Engländer aus dem Subkontinent zurückgezogen hatten, ohne seine Institutionen auf regieren und administrieren vorzubereiten, wurde das riesige Gebiet in drei Teile zerschlagen. Pakistan und das heutige Bangladesh wurde den Moslems zugeordnet, Indien den Hindus und Sikhs. Wie bei jeder Grenzziehung sind Ungerechtigkeiten unvermeidbar. Minderheiten, Mehrheiten zu welcher Seite soll ein Landesteil wandern.

Es gibt kaum mehr als eine Handvoll echte Exponate. Das Haus nennt sich Pakistans erstes Digitalmuseum. Ein wenig übertrieben. Im wesentlichen können an den Schrifttafeln Audio-Mitschnitte abgehört werden. Lediglich einmal lässt eine Smart-Brille die Schrecken einer Flucht erleben.

Die Schrecken und Grausamkeiten von Flucht und Vertreibung ähneln sich überall auf der Welt. Das Museum versucht sie aus pakistanischer Sicht zu dokumentieren. Unfassbar mit welcher Brutalität die Flüchtlinge verfolgt wurden. Viele Zeitzeugen leben noch und schildern ihre Erlebnisse. Unfassbar aber auch warum sich zwei Religionen buchstäblich bis auf die Machete bekämpfen, die gemeinsam erfolgreich ihre Kolonialherren aus dem lang geworfen haben. Muslime, Sikhs und Hindus waren gemeinsam Opfer des Massakers von Amritsar. Über 300 friedlich Demonstrierende schossen die Engländer damals zusammen. Eigentlich sollte ein solche Opfer verbinden. Ich habe meine Guides in Indien und Pakistan dazu befragt. Die Antworten waren ziemlich ausweichend. Schuld haben irgendwie immer die anderen. Eine Einigung wie zwischen den Erzfeinden Frankreich Deutschland könnte für alle Seiten ein Erfolgsmodell sein. Auch Imran sieht irgendwie, dass der Zustand heute die Entwicklungschancen beider Länder bremst. Indien, Pakistan, Sri Lanka, Nepal und Bangladesh verfügen über riesige Ressourcen und Potentiale, die darauf warten gemeinsam genutzt zu werden. Für den Tourismus und sein Gewerbe wäre eine offene Grenze ein gewaltiger Schub gesteht mir auch IImran.

Mich zieht es nochmal in eine der vielen Basarstraßen. Impressionen sammeln.

Zum Abschluss führte mich mein Weg noch zum Bahnhof, meinem Hobby „Züge knipsen“ frönen.

Naja: Es kam wie es kommen musste: Irgendwann sprach mich ein Uniformierter mit Guards und einem elegant gekleideten Begleiter (nach ähnlichen Schilderungen irgendeinem der zahlreichen Geheimdienste) an. Was ich da mache. Verboten. Spionage etc. Ich mit meinem Offenbacher Underdog Blick: Fotografiere auf der ganzen Welt Eisenbahnen. Hobby. Und in Pakistan gäbe es die interessantesten Motive. Also Pass und Visum zeigen. Die vielen Stempel wurden eine Weile misstrauisch beäugt. Blöd, dass auch ein indisches Visum dabei war. Nicht unbedingt vertrauensweckend. Aber irgendwann löste sich, warum auch immer die Spannung. Wir sprachen über das, worüber Menschen immer sprechen: Fußball. Mein Eindruck: Der Deutsche Fußball hat auch in diesem Teil der Welt an Leuchtkraft verloren. Gleich ob in Bahrain (Taxi Fahrer aus Bangladesh), Indien oder Pakistan, die Aktion „verschlossener Mund“ hat unserem Ansehen in diesem Teil der Welt geschadet. Man interpretiert das Verhalten als Arroganz gegenüber den noch nicht soweit entwickelnden Ländern der Welt. Europäischer Fußball ist in Asien ein Exportschlager. Wie auf meinen Reisen erlebte, werden viele Spiele Live übertragen. Zu meiner Verwunderung: Ein Milliarde für den „Ronaldo Transfer“ scheint niemand zu stören. „Jetzt spielt er für uns“. Zwar mögen die Gebühren in China, Vietnam oder Indien bei den dortigen Sky-Anbietern deutlich niedriger sein. Aber die Masse machts. Das erklärt, warum den Top Teams der asiatische heute wichtiger ist als die heimischen Fans.

PS: Und dann fragte mich der Polizist noch, warum ich immer nur nach Asien reise und nicht in Europa unterwegs bin. Mit ratlosem Blick fragte ich ihn, wie er auf diese Idee käme. „Ja, weil ich so viele Stempel aus Asien im Pass habe aber keine aus Holland, Frankreich und der Schweiz“. Meine Antwort, dass in Europa Grenzen im Alltag keine Rolle mehr spielen, löst ungläubiges Staunen aus.

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Dienstag, 24. Januar 2024 Lahore

Bin ganz schön im Rückstand mit dem Schreiben. Die Gründe liegen nicht nur am Nachtflug nach Laos sondern auch an meinem Wohlbefinden. Bronchitis, Fieber kombiniert mit massivem Durchfall. Davon später -aber nur kurz und dezent- mehr. Mittlerweile kann ich wieder essen und der Husten hat deutlich nachgelassen. Aber seit über 10 Tagen kein Bier. Höchststrafe.

Zurück nach Lahore. Imran wird mich heute noch einmal begleiten. Erste Station der Großmarkt am Rande der Stadt. Bei den Verkehrsverhältnissen hier eine Stunde Fahrzeit. Aber eine Stunde, die jede Minute gelohnt hat.

Hierher kommen die Bauern „from the Country Side“ und verkaufen ihre Ernte an die Geschäfte und vor allem die Kleinhändler, deren Stände aus dem Stadtbild von Lahore nicht wegzudenken sind. Das Areal ist riesig. Die Verkaufsfläche zieht sich über viele Straßenkilometer. Wir beginnen mit der Abteilung „Orangen“. Pakistan scheint ein Volk von Vitamin-D-Fetischisten zu sein. In der City von Lahore, an den Ausfallstraßen stehen ungezählte Wagen, oft im Abstand von zwei Metern, mit Bergen in orange, kunstvoll geschichtet.

Die Apfelsinen kommen per LKW. Viele Geschäfte werden telefonisch gemacht. Man kennt den Händler seines Vertrauens.

Pferde, Esel, Lasten-TuK-Tuk, Karren-Schlepper oder Träger transportieren die Ware zu den wartenden Klein-LKWs, die die Fracht in die Stadt bringen.

Für große Fahrzeuge wäre hier kein Durchkommen.

Imran kommt aus dem Orangental. Hier auf dem Markt kennt er fast jeden Citrus-Heinz. Alle zehn Meter ein neues Gespräch. Jetzt weiß ich, dass die pakistanischen Orangen die besten der Welt sind, was ich nachhaltig probieren durfte (musste – bin kein Apfelsinenfan). Sie sind wirklich angenehm süß mit wenig Säure.

Immer wieder die Bitte um ein Foto. Die kleinen Zitronen gibt es auch auf dem Offenbacher Wochenmarkt. Im Frühjahr. Kann ich nur empfehlen.

Auf dem Markt gibt es noch ungezählte andere Abteilungen. Pakistanische Süßkartoffeln sollen zu den besten der Welt gehören.

Pakistanischer Rettich, dem mein Begleiter wahre Wunderkräfte zuschreibt, wie er mir von Mann zu Mann zuflüstert.

Hier werden die Maiskolben sortiert. Popcorn ist bei den Pakistanis heiß begehrt und an jeder Straßenecke zu haben.

Blumenkohl gehört wohl hierzulande auch auf jeden Essensplan

Zum Abschluss führt mich Imran noch in eine Seitenstraße. Hier lassen die Trucker ihre LKWs verzieren…

Und können in vielen Geschäften Schmuck für ihr Führerhaus erwerben.

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Wir treffen einen Paschtunen, Besitzer einer LKW Werkstatt. Er ist 63 Jahre alt, kommt aus Peschawar, lebt aber seit 40 Jahren in Lahore. Auch er ist unglücklich, dass Peschawar in den westlichen Medien immer wieder als eine Art Terroristencamp diffamiert werde. Es sei eine lebenswerte Stadt mit ungezählten Kulturschätzen und gastfreundlichen Menschen.

Bevor wir nach einem Tee (Peschawar Whiskey) weiterziehen noch ein Gruppenfoto mit seiner Mannschaft. Alter weiße Männer unter sich).

Weiter geht es zum Tomb of Empeter Jahangir, erbaut 1613. Das Mausoleum wurde für den gleichnamigen Mogulkaiser errichtet. Manchmal werde es mit dem Taj Mahal in Indien verglichen. Was ich nicht so nachempfingen kann. Das Problem: die Engländer haben den Marmor, der die Gebäude kunstvoll ummantelte abgeschlagen und nach Europa verschifft.

Beeindruckend aber immer noch die Wandgemälde, die die Jahrhunderte überdauerten,….

…die wunderbaren Einlegearbeiten …,

…und der riesige Park ringsum.

Beim Hinausgehen zeigt mein Begleiter mir eine Hochwassermarke im Mauerwerk in drei Meter Höhe. Ich blicke hinüber zu den Häusern der Umgebung. Sie müssen dann bis zur Dachrinne unter Wasser stehen. Und ich mag gar nicht an das Los der „Gipsy People“ hier denken. Ihre Behausungen am Flussufer hatte mir Imran beim Vorbeifahren gezeigt. Wellblech, Pappkartons ein paar Tücher an Stangen befestigt sind der Alltag der Sinti und Roma hier. Wie alle leben in einer Welt. DDa kann es doch nicht solche Ungleichheiten geben.

Ein spätes Mittagessen. Chicken Kebab, irgendein Fleisch und Rohkost. Sehr gut. Aber vielleicht hätte ich hier vorsichtiger sein sollen.

Flaggenparade. Nach einer Woche: Seitenwechsel. Dieses mal will ich das Spektakel aus pakistanischer Sicht erleben. Wie drüben auch: Security Check. Aber eher von der harmlosen Art.

Auch hier darf am Straßenrad die Akquise für den Rangerausbildung nicht fehlen.

Einer der späteren Hauptakteure begrüßt uns. Er kommt aus dem Dorf meines Guides. Wie praktisch.

Noch ist Zeit für Selfies. Die Jungs haben im wahrsten Sinne des Wortes „Gardemaß“.

Noch ist das Tor geschlossen. Irgendwann hechelt ein blonder leicht dicklicher Junge mit einem überdimensionierten Rucksack, verlegen lächelnd ob der vielen Zuschauer (garantiert Geisteswissenschaften an einer Süddeutschen Kleinstadtuni), Richtung Grenze, die eigentlich um 15 Uhr schließt. Man ist großzügig. Beide Seiten öffnen das Tor einen Spalt. Der Verspätete kann sich durchquetschen.

Viel später als auf der anderen Seite beginnt hier der Show-Block. Die Zuschauer werden mit Fahnenschwenken und Trommeln animiert, immer wieder „Lag lebe Pakistan“ zu rufen.

Im Gegensatz zur indischen Seite sind die Entertainer hier nicht uniformiert sondern tragen, wohl im täglichen Wechsel, Trachten aus den verschiedenen Landesteilen. Keine Marschmusik wie in Indien sondern ala „Country Roads“ also eher Folklore.

Ein wenig paradieren…

… Stechschritt…

…und einige Pirouetten. Symbole für die eigene Stärke wie überall auf der Welt beim Militär.

Das Tor wird für das Einholen der Flagge wieder geöffnet. Die Musik aus den Boxen und die Kommandos sind ohrenbetäubend. Dennoch: Die Töne überlagern nicht. Inder und Pakistani verstehen jeweils ihre Seite klar und deutlich. Bei aller Rivalität : das geht nur wenn jemand beide Anlagen gemeinsam aussteuert. Überhaupt sehen die Bewegungen und Abläufe des Show-Programms diesseits und jenseits des Zauns in der Choreographie sehr abgestimmt aus.

Ein letzter Händedruck zwischen den Verantwortlichen beiderseits der Grenze und das Tuch wird unter Trompetenklängen eingeholt, das Tor bis zum nächsten morgen acht Uhr verschlossen.

Seit dem Jahr 1951 wird die Flaggeneinholung jeden Abend an dieser Stelle zelebriert. Mittlerweile ist es der einzige direkte Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan, kaum genutzt. Dabei leben in Indien über eine Milliarde Menschen, in Pakistan sind es über 200 Millionen. Diesseits und jenseits des Zauns leben Sikh. Es gibt jede Menge verwandtschaftliche Beziehungen. Ich habe meinen indischen Guide gefragt, ob ihn nicht die andere Seite mal persönlich interessiere. „Klar“ hat er gesagt. Es scheitere nicht am Geld sondern an der Furcht, nach der Rückkehr intensiv von den Behörden befragt zu werden und möglicherweise seine Lizenz als Fremdenführer zu verlieren.

Die Zeremonie hat sich mittlerweile zu einer Show entwickelt an der viel Umsatz und Arbeitsplätze hängen, besonders in Indien. Auf dieser Seite versammeln sich allabendlich mindestens 10.000 Menschen, die die 28 Kilometer aus Amritsar kommen, um hier auch zu essen, einen Vergnügungspark zu besuchen, einzukaufen. Und dazu gratis eine sechzigminütige Show. In die Arena auf indischer Seite passen mindestens 30.000 Leute. gegenüber in Pakistan sind die Kapazitäten geringer. Vielleicht passen hier drei bis fünftausend Zuschauer in das schmale Rund. Dazu ein Cafe und einige Stände. Interessant auf pakistanischer Seite: Während im VIP-Bereich Männlein und Weiblein bunt gemixt sitzen, verschleiert / unverschleiert sind auf den billigen Plätzen die Geschlechter streng getrennt.

In Indien ist die Show straff organisiert, der militärische Charakter dominiert. In Pakistan wirken die Ranger in ihren schwarzen Uniformen zwar grimmiger aber sie präsentieren ihre Show lockerer, mit einem Augenzwinkern. Beide Seiten lassen, animiert von Entertainern, ihre Länder hochleben. Der leicht chauvinistische Touch der Veranstaltung wie ich ihn 2019 zu beobachten glaubte fehlt jetzt, abgesehen von einigen Gesten, fast gänzlich.

Auf meine Frage, warum beide Seiten jeden Abend so aufwändig die Show inszenieren, antwortet mein indischer Sitznachbar: They want to make the people happy“. Und auf pakistanischer Seite gibt es dazu Popcorn.

Und mir bleibt vor der Heimat noch ein Selfie mit dem Trommler

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Montag, 23. Januar 2023 Lahore

Heute Tag zur eigenen Gestaltung. Spät verlasse ich das Hotel, um alleine kreuz und quer durch die Stadt zu Bummeln.

Der Gegensatz könnte nicht heftiger sein. Gerade bin ich durch das Regierungsviertel gelaufen. Hochsicherheitszone. Gepflegte Grünanlagen, auf den Parkplätzen Limosinen. Am Justizministerium Richter und Anwälte zu Hunderten im Einheitslook: Schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarzer Schlips, schwarzer Pullunder.

Und hier zwei Straßen in der Foodstreet weiter steppt der Bär. Es ist Mittagszeit.

Die Köche preisen laut ihre Menus an.

Frische Kräuter und Gemüse für die pikante Note

Säfte werden gepresst.

Überall brutzelt es.

Aus riesigen Töpfe steigt Dampf auf. Tausende von Gerüchen in der Luft. Fotomotive soweit das Auge reicht.

Nur bei dem Federvieh will keine Freude an der Geschäftigkeit aufkommen.

Ich gönne mir in einem kleinen Park am Ende der Straße einen Fruchtsaft und ziehe weiter in die nächste Basarstraße

Auch hier ist das leibliche Wohl ein wichtiger Wirtschaftszweig. Die Basare in Lahore sind nach Branchen unterteilt.

Schmuck

Fleisch

Getreide

Blumen und viele andere Wirtschaftszweige

Esel…

…und Träger sorgen dafür, dass in dem Gassenwirrwarr der Warenfluss funktioniert.

Mich zieht es zu einem Sandwich in die Teestube. Aber vorher wollen die Jungs unbedingt von mir noch fotografiert werden. Ich frage fast immer und meistens kommen die Menschen auf mich zu für ein Selfie, denn Touristen sind im Augenblick in Pakistan selten. Mein Guide glaubt, jedes veröffentlichte Foto ist eine Werbung für sein Land, das so unermessliche Schätze hat.

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Sonntag, 22. Januar 2023

Lahore zu den Salzminen

Pünktlich um 9 Uhr treffen wir uns in der Lobby. Auf dem Programm steht ein Ausflug zu den Salzminen. Pakistan ist für seine reichhaltigen und qualitativ hochwertigen Vorkommen bekannt. Besonders das pinkfarbene Salz wird in der Haute Cousine geschätzt. Es ist Sonntag Morgen. Oh Wunder, die Straßen in der Stadt sind leer. Relativ problemlos erreichen wir die Autobahn. Der Highway verbindet Lahore mit Islamabad, Karatschi und Peschawar. Wir fahren durch ein sehr grünes Land. Es wächst und blüht. Zwei und mehr Ernten im Jahr sind Standard, so Imran. Viel Wasser komme aus dem Himalaya, der Boden sei fruchtbar und das Know How für Landwirtschaft ausgeprägt. Links und rechts neben der Autobahn wirkt die Landschaft sehr aufgeräumt. Schmucke Ort, gepflegte Parzellen.

Nach einer Weile passieren wir Imrans Heimat. Hier wachsen, wie er versichert, die besten Orangen der Welt. Felder mit den reifen süßen Früchten soweit das Auge reicht.

Stopp an einer Raststätte. Mc Doof, KFC, Cola: Eigentlich alles so wie bei uns. Eigentlich: Nur dass hier die Toiletten blitzblank sauber sind und nichts kosten. Mein Guide kauft einige Orangen. Sie schmecken wirklich so gut wie von ihm versprochen.

Nach etwa 200 Kilometer verlassen wir die Autobahn. Die Mautgebühren wären sind für unser heimisches Preisniveau gering. 30 Kilometer sind es noch bis zur Mine, eine Strecke für die wir rund 80 Minuten benötigen werden. Es wird ausgebaut. Vierspurig, um die Touristenströme zu kanalisieren. Naja. Ob das so die erste Priorität ist?

Die Straße wird zum staubigen Feldweg. Metertiefe Löcher. Stop and go, weil wir immer wieder dem Gegenverkehr ausweichen müssen. Aber gleich im ersten Dorf eine Überraschung. Eine Hochzeitsgesellschaft zieht mit Musik von Haus zu Haus. Vorne die Männer, hinten die Frauen und Kinder.

Man lächelt uns zu, winkt. Die übliche Frage nach „Germany?“ und eine Einladung mitzufeiern. Zu meinem Bedauern müssen wir ablehnen.

In den Berg fährt eine kleine Bahn. Natürlich bewacht auch hier ein Posten die Szenerie. Mittlerweile kann ich ja an der Ausrüstung die Wichtigkeit einer Einrichtung schon ganz gut unterscheiden. Pistole, Gewehr oder Kalaschnikow. Und bei den Männern: Veteran vom 14ner Krieg, Couch Potato oder Ranger. Er gehört eher in die Kategorie Veteran. Sein Pumpgun ist auch keine Geheimwaffe. Mit ihr gehe er eigentlich in den Bergen auf Bärenjagd, erzählt er mir und erklärt mir den Mechanismus im Detail.

Nach 1,5 Kilometer Fahrt erreichen wir den Besucherschacht. Salz wird hier wohl schon seit Alexander dem Großen und lange davor abgebaut. Trotzdem liegen noch immer 95 Prozent der Würze unter der Erde. Schätzungen, so mein Führer, gehen davon aus, dass hier noch viele 100 Jahre das Salz gebrochen werden kann.

Eine erschöpfte Salzkammer

Aus den Salzblöcken hat man allerlei Kunstwerke geschaffen. Je nach Salzart leuchten sie Pink, Gelb oder Rot. Hier eine Moschee.

Der Freiheitsturm. Ein wichtiges Symbol für den Staat Pakistan.

Und eine kunstvoll illuminierte Höhle.

Draußen schnell noch ein Bild vom alten Bahnhof. Hier verluden die Briten einst die kostbare Fracht. Heute sind die Gleise abhängt und verlassen.

Unten im Dorf kehren wir noch in einer Fernfahrerkneipe ein. Ein paar Stühle auf dem gestampften Boden, zwei Tische auf Beton.

Imran verspricht mir bestes Essen. Die Fernfahrer seien auf eine gut Küche angewiesen. Hier gebe des das frischeste Fleisch. Wir essen Hühnchen, das wir mit dem Brot tunken. Bestecke gibt es nicht. Dazu Linsen, etwas Rohkost und eine traumhafte Soße aus Joghurt, Chili und Koriander.

Der Koch hatte sich ein dickes Lob verdient. Ich durfte nochmal in die Küche schauen und Fotos machen. Während wir nachdem Mahl aufbrachen, dopten sich noch einige Trucker für die nächste Tour.

Vorher bewunderte ich aber noch einige ihrer kunstvoll bemalten Brummis.

Truck Art ist in Pakistan eine anerkannte Kunstform

Imran erzählte mir augenzwinkernd: In Pakistan sage man, Viele Fahrer investierten mehr Geld in die Verzierung ihres Wagens denn in ihre Frau.

Auf der Rückfahrt war es schon dunkel. Zeit ein wenig Vorzuschlafen.

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Samstag, 21. Januar 2023, Lahore

Pünktlich um 10 Uhr treffe ich Imran in der Lobby. Er hat einen Fahrer nebst einem Toyota Corolla mitgebracht. Unsere erste Station: das Lahore Fort. Kenne ich doch schon von gestern. Ja, aber heute habe ich mal wieder der Unterschied gespürt. Als Touri rumlaufen, die Tafeln und Wikipedia lesen oder einen Begleiter an der Seite zu haben, der das Bestaunte historisch einzuordnen versteht und die Besonderheiten an kleinen verborgenen Beispielen erklärt. Ich werde hier keine Geschichtsdaten oder die Liste der Mogule nachbeten. Wichtig ist zu sehen, zu welchen kulturellen Leistungen die Menschen hier schon im 13. Jahrhundert fähig waren. Der Wiederaufbau in der heutigen Form begann nach der Zerstörung durch die Mongolen 1421.

Diese Wand, sicher einige Zeit später vollendet, muss in ihrer filigranen Dekoration nur mit den einfachen Mauern der Burgen in unseren Breitengraten vergleichen. Mosaike, Wandgemälde, Lampen für die allabendliche Illumination zeugen von einer hohen Handwerkskunst. Dazu nur zwei Beispiele aus dem Inneren der Anlage.

Kunstvolle Einlegearbeiten in den Marmor. Manche Motive bestehen aus 400 Plättchen. So gut eingepasst, dass man mit dem Finger darüber fahren kann, ohne eine Lücke auch nur im Ansatz zu spüren.

Die Öffnungen nach außen sind mit Gittern aus Marmor ausgefüllt. Die Lücken aus einem Stück gefeilt, und so angeordnet, dass sie den Wind von dem Wasser des Burggrabens aufnehmen, der dann den Damen, die hier den Elefantenkämpfen zusahen, Kühlung zu gibt.

In die Wände der Säle sind Glasplättchen eingelassen, die bei nächtlichen Musik- und Tanzvergnügungen wie eine Discokugel das flackernde Licht an den Wänden spielen ließen. Das Fort ist seit 1982 Weltkulturerbe. Die Anlage könnte heute sehr viel prächtiger sein, wenn nicht die Engländer, die Pakistan Mitte des 18. Jahrhunderts besetzten, hier gehaust hätten. Die Burg wurde als Kaserne und Hospital genutzt, auf Feinheiten und Arabesken wenig Rücksicht genommen.

Gleich nebenan liegt die Große Moschee. Auch sie ein Zeugnis von Wissen und Kunstfertigkeit.

Die Winkel ihrer Säulen sind so geformt, dass sie den Schall übertragen. High Tec 400 Jahre alt.

Ich habe auf vergangenen Reisen durch die Türkei aber vor allem entlang der Seidenstraße immer wieder die großen Leistungen der islamischen Welt im Mittelalter bestaunen können. Die Seidenstraße, Samarkand und Buchara, waren Treffpunkte der Karawanen aus fernen Ländern. Mit ihnen kamen Wissen um Mathematik, Astronomie und Geometrie, mit ihnen kamen kulturelle Impulse: Musik, Malerei und Lyrik. Die Menschen dort sind polyglott. Bis heute. Die Sultane des 15. und 16. Jahrhunderts widmeten ihre Moscheen der Bildung. die Koranschulen waren auch Orte der Forschung und des Entdeckens.

Auch Lahore war schon früh eine Drehscheibe. Hier trafen sich Händler aus Afghanistan, China, Persien, Indien, Indochina und dem arabischen Raum, lernten voneinander. Lahore ist heute noch ein bedeutendes kulturelles Zentrum, vor allem für Musik und Tanz. Heute haben alle diese Zentrum im Verhältnis zu ihrer Konkurrenten deutlich an Bedeutung verloren. Viele dieser Regionen werden von Armut geprägt. Eine Entwicklung, die mich immer wieder beschäftigt.

Zurück zum heute. Mein Guide hat einst als Fixer für internationale Medien gearbeitet. Kontakte herstellen ist sein Metier. In Perfektion. Ständig spricht er Leute an, erkennt an der Sprache die Nationalität, verteilt seine Karte.

Im Gebetsraum stellt er mich einem Japaner vor, der gerade die steilen Stufen barfuß erklommen hat. 88 Jahre alt ist der Knabe und reist mit seiner ebenso „jungen“ Frau Gemahlin alleine durch Pakistan. Von Karatschi am Meer bis zum Nanga Parbat im Himalaya. Wahnsinn. Geduldig stellt es sich der langen Reihe, die alle ein Selfie mit ihm machen wollen.

Und uns begegnet noch eine andere Gruppe, mit der wir ein Gespräch beginnen. Vier junge Leute aus Peschawar. Imran hatte mir eine Tour dorthin angeboten. Reizvoll, weil es eine abwechslungsreiche und faszinierende Stadt sein soll. Aber halt auch: über die Stadt läuft der Nachschub für diverse Gruppen in Afghanistan, Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes inklusive. Ich habe ja mit mir gekämpft. Imran hat mir gesagt: Alles Safe. Letzte Woche war er mit einer Gruppe Amerikaner da. Sie alle waren begeistert. Aber der Drei-Tages-Abstecher hätte einfach meine Reiseplanung komplett umgeworfen, inklusiv Umbuchung von Flügen.

Die Jungs, schon etwas konservativ gekleidet, schildern mir Peschawar als eine Perle von Kunst und Handwerk. Sie seinen Leute, die sich für die Welt interessieren. Ein Prozent der Menschen in der Gegend dort fänden vielleicht die Terroristen sympathisch, aber 99 % wollen nichts mit ihnen zu tun haben. In Pakistan würde niemand Deutschland als kriminell bezeichnen, weil ein Prozent der Bevölkerung klauen würde. Die Medien würden ein Bild von Peschawar produzieren, dass wenig mit der Realität zu tun habe. Pakistan sei ein völlig anderes Land als in den westlichen Medien beschrieben.

Also, wenn ich nochmal hierher, wäre das ein reizvoller Ausflug. Ein Kumpel von meinem Begleiter hat auch Kabul im Portfolio. Wäre mittlerweile für ein Taschengeld zu haben. Vor drei Jahren hätte man weg der Eskorte noch 6.000 Dollar gezahlt, pro Tag. Und die Nachfrage sein groß gewesen.

Diese Geier posieren in Moschee und Fort für Selfies. Ist aber nicht so mein Ding.

Da hätten mich eher die Snacks gereizt. Aber roh?

Den Nachmittag verbrachten wir im Basar. Eine Explosion der Impressionen. Die Straßen sind immer noch nach Sparten geordnet: Schuhe, Hochzeitskleidung, Backzutaten, Fleisch oder Gewürze und und und. Irgendwas um die 50 Hektar soll die Anlage groß sein. Es ist nur einer von mehreren Basaren in Lahore. Das Gedränge ist beängstigend. Man schlängelt sich durch schmale Gassen, konkurriert mit Tuk Tuk, Eselskarren, Trägern, Motorrädern und manchmal sogar Autos. Geparkt wird kreuz und quer, Links- oder Rechtsverkehr: das sind doch Nebensächlichkeiten. Einfach nur ein paar Bilder.

Gleich am Delhi Tor Tiere, die den Abend kaum überleben werden.

Ein etwas seltsames Geschäftsmodell. Der Alte fängt Vögel und man kann sie einzeln freikaufen und fliegen lassen.

Die Abteilung scharf und heftig

Ein wenig Show für die Touristen.

In manch schmale Gasse hätte ich mich alleine nie gewagt. Aber an ihrem Ende erwarten mich oft kleine Überraschungen…..

… wie diese Werkstatt in der musiziert wird….

…oder dieser Instrumentenladen.

Mitten in dem Gewühle wird verkauft…

…gekocht….

…. Saft gepresst

…oder einfach nur geschaut.

Ziemlich erschöpft noch einen Tee auf einem kleinen Platz vor einer Moschee und dann Richtung Hotel.

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Freitag, 20. Januar 2023, Lahore

Das Hotel ist ideal. Ein Ort des Rückzugs, der mir Zeit gibt in die Stadt zu finden. Vielleicht nicht fünf Sterne wie im Internet versprochen aber 4 plus gewiss zum Preis eines zwei Sterne Hostels bei uns. Ein idealer Ort, um mich zurückzuziehen, wenn ich Unsicherheit spüre. Abends noch gegessen. Vorher die Speisekarte studiert und „Hirn und Hammel“ aussortiert.

Das Frühstück ist sehr pakistanisch. Ich glaube ich werde mich in den kommenden Tagen der Süßpapp-Abteilung widmen. Morgens eine volle Mahlzeit ist nicht mein Ding.

Am Abend will ich meinen Guide treffen. Der Plan für die Zeit davor: Das Historic Museum, das die Geschichte Pakistans zeigt. Für den Tuk Tuk Fahrer habe ich extra einen Zettel mit der Adresse geschrieben. Er lächelt wissend und fährt mich zum Lahore Museum.

Nächster Versuch: Es geht in die richtige Richtung aber wegen des dichten Verkehrs möchte der Mann in Zielnähe nicht mit mir die achtspurige Autobahn queren. Ich solle eine Brücke nehmen. Prompt bin ich falsch abgebogen. Nach einem Kilometer nächstes Tuk Tuk, alles wieder zurück. Ich finde den richtigen Zugang. Das Museum liegt in einem riesigen Park in unmittelbarer Nachbarschaft zum Fort und zur großen Moschee. An einem großen Gebäude hängt ein Schild „National Historic Museum“. Der Eingang verschlossen. Das Museum sei dauerhaft zu, erzählt mir ein Wächter. Keine Ahnung was in dem Gebäude ist, wie ich mittlerweile erfahren habe, auf keinen Fall das „Historic Museum“. Und warum das Schild daran hängt. Genaues wird man nie erfahren.

Dann gehe ich halt ins Fort. Eine gute Entscheidung. Der weitläufige Park lädt zum Bummeln und sitzen ein. Es ist angenehm ruhig.

Die Geschichte der Gebäude ist auf Tafeln gut beschrieben und einen Tee gibt es auch.

Auf dem Rückweg werde ich mutig und traue mich in das Gewirr der engen Gassen. Auf meinem Handy ist noch genug Datenvolumen für die Länderzone 3, also werde ich dank Navi auch wieder zurückfinden. Das Treiben in den Gassen ist schon heftig. Ich bin in der Zone für „Fußbegleitung“ gelandet. Hunderte Geschäfte mit Schuhen aller Art. Eine endlose Schlange von Tuk Tuks drängt sich durch die dichte Menschenmenge und wenn ein Auto kommt, gibt es kaum ein Ausweichen.

Irgendwann bin ich wieder auf der Hauptstraße und finde auf Anhieb die Teestube, in der ich mich mit meinem Guide Imran Ali treffe. Sie liegt direkt neben einer Kirche, die hermetisch abgeriegelt und schwer bewacht ist. Auch das ist eine Facette des Landes. Wir verstehen uns auf Anhieb. Das Teehaus ist ein Treffpunkt von Intellektuellen und Künstlern. Sofort merke ich, dass ich den richtigen Begleiter gebucht habe. Er hat einige Zeit für den SPIEGEL und andere Zeitungen als Fixer gearbeitet: Recherche, Termine machen, übersetzen. Sein Englisch scheint perfekt. Er akzentuiert sehr deutlich. Ich verstehe fast jedes Wort. Wir besprechen Programm und Preise. Danach begleitet er mich noch in einen Laden SIM-Karte kaufen, die nach zwei Tagen noch immer nicht funktioniert. Wahrscheinlich bin ich zu blöd.

Mutig biege ich alleine in die nächste Basarstraße ab. Hier gibt es kaum ein durchkommen. Hunderte Handyläden, prall gefüllt bis unter die Decke mit Smartphones aller Klassen. Im Erdgeschoß, im Keller, ein Stockwerk drüber und in vielen schmalen Seitengassen. Wir glauben in Deutschland immer, wenn wir Huawei oder sonst wen boykottieren, zwingen wir die Chinesen in die Knie. Völliger Quatsch, in den Ländern wie Pakistan und Indien liegen die Märkte der Zukunft. In diesem Quartier werden wahrscheinlich am Abend mehr Handys verkauft wie in Offenbach und Frankfurt in einem Monat.

Trotz des Riesenangebots, meine Billigmarke Motorola hat niemand im Portfolio. Hätte gerne einen Case gekauft.

Dafür finde ich jemand, der mir in auf meine beiden Handys für vier Euro eine Schutzfolie zieht. Mit der Hand auf den Millimeter zugeschnitten. Bei Saturn wollten sie 19 Euro, für eine Folie.

Wieder gut heimgefunden. Gelsen. Früh ins Bett.

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Donnerstag, 19. Januar 2023

Amritsar – Lahore

Reise ins Unbekannte. Ein wenig Respekt habe ich schon. Abends nochmal überlegt: Soll ich wirklich? So viel über Pakistan gelesen. Die einen sagen so, die anderen so. Reichhaltig gefrühstückt. Wer weiß, wann es wieder was zu essen gibt. Hotel bezahlt. Der Preis stimmt wirklich. Unfassbar niedrig. Der Mann an der Rezeption schüttelt den Kopf als ich ihm auf die Frage nach meinem Ziel „Pakistan“ antworte. „Really?“

Mein Taxifahrer ist sympathisch. Ich kann ihn zu einem Abstecher Richtung Grenzbahnhof überreden. Meinem Hobby frönen.

Zu meiner Überraschung wird die Stadion noch zweimal am Tag bedient. Das Büro des Vorstehers sieht nach Arbeit aus.

Blick Richtung Pakistan: Irgendwie erinnert die Anlage an die Bahnhöfe an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Der internationale Bereich ist mit einem hohem Zaun abgetrennt. Die Räume der Grenzpolizei sind allerdings verwaist. 2019 hat der pakistanische Eisenbahnminister erklärt, solange er im Amt sei, werde kein Zug mehr den Zaun passieren. Folge des Kaschmirkonflikts.

Aber: Vielleicht muss ja der Minister bald ausgewechselt werden, denn an dem internationalen Gleis wird gearbeitet. Keine Zeit für nähere Erkundigungen, ob der Verkehr wieder aufgenommen wird. Der Taxifahrer will weiter.

Es sind nur noch wenige Meter bis zur Grenze. Die Bürokratie kann beginnen. Erst mal vor dem Tor bei der Wache warten. Mein Pass wird abgeschrieben. Dazu: Woher, wohin? Visum für Pakistan dabei? An der Liste erkenne ich, dass in der letzten Stunde kaum 30 Menschen die Sperre passiert haben. Etwas wenig für den einzigen Übergang an einer Grenze, die zwei Nationen mit einer Milliarde bzw 220 Millionen Menschen trennt. Weiter geht es nochmal mit dem Taxi. 200 Meter bis zum Zoll. Klar: Pass raus, alles abschreiben, Hund beschnüffelt Gepäck nach Haschisch, neuer Hund ist auf Sprengstoff trainiert und so weiter. Die Prozedur wiederholt sich noch einige Mal, nur ohne Wauwau. Endlich Stempel im Pass, Gepäck nochmal geröntgt und dann geht es wieder raus.

Noch 250 Meter bis zur Grenze. Laufen darf ich nicht. Blöd nur: der Bus fährt gerade ab. Ab hier sind die Beamten mit Kalaschnikows bewaffnet. Also Klappe halten und eine halbe Stunde Trolley anschauen.

Endlich: Der Bus kommt wieder. Einmal durchzählen. Nationalitäten nochmal abfragen. Sicher ist sicher und los geht es.

Die Showarena ist heute Mittag leer. Ein letztes Mal Pass abschreiben, Gepäck gucken und ich kann auf das Tor zumarschieren.

Kann ich ein Bild machen: „Kein Problem“ antwortet man mir. Noch einmal Pass zeigen, aber ohne abschreiben und ich wechsele die Seiten. Auf pakistanischer Seite erwartet mich ein schwarz uniformierter Ranger in Pudelmütze. Hierzulande friert man bei 20 Grad plus. Visum vorhanden. „Welcome to Pakistan“

Geschafft. Meine ersten Schritte in Pakistan.

Meinen Rollkoffer hat sich während der Knipserei ein Gepäckträger unter den Nagel gerissen. Mist, keine Zeit mehr über den Preis zu verhandeln. Aber am Ende gut, weil die Entfernung zum Zollgebäude einige 100 Meter weit ist. Dort ist die Stimmung relativ Easy. Zweimal Pass, Stempel, kurze Befragung. Der junge Beamte interessiert sich eher für Germany und mein Name erinnere ihn an eine Netflix Serie.

Draußen die Geldwechsler. Natürlich werde ich an der Grenze abgezogen. Deshalb tausche ich nur 20 Dollar, was einen längeren Disput verursacht, warum nicht 100 Dollar und man brauche doch Geld für Essen Hotel und so weiter. Der Gepäckträger will auch seinen nicht knappen Obolus. Und der Fahrer des Sammeltaxis lässt mir keine Chance. Ich zahle etwa das Doppelte der übrigen Passagiere, aber die gleiche Tour mit dem rmv wäre doppelt so teuer. Alles gut.

Zügig geht es weiter auf dem Highway von Dhakar in Bangladesh nach Kabul. Was für eine klangvolle Verbindung. In den 1970er Jahren die Route der Hippies. Mich führt sie nur bis in mein Hotel in Lahore. Der Fahrer ist ein angenehmer Gesprächspartner, der mir viel über Stadt und Land zu erzählen weiß. Nach der Ankunft noch Geld zu einem guten Kurs getauscht, einen Happen gegessen und Bingo.

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Mittwoch, 18. Januar, Amritsar

Dem guten Frühstück folgte der Frust. Überpünktlich wartete ich in der Lobby den Guide, den ich im Netz gebucht hatte. Bestätigungsmail auf dem Handy. Nach einer halben Stunde immer noch Fehlanzeige. Zum Glück blickt die Mitarbeiterin an der Rezeption voll durch. QR Code mit dem Handy gescannt, mit irgendwem wo auch immer auf der Welt mit einem Call Center telefoniert. Es folgte ein Anruf von der örtlichen Agentur. 1000 Entschuldigungen, in 45 Minuten kommt der Begleiter. So war es denn auch. Ein netter Mensch, der sicher besser Englisch sprach wie ich aber in einem Singsang, den ich kaum auf Deutsch verstanden hätte. Kleines Auto aber der Rücksitz war richtig bequem.

Erste Station: der Ort des Jallianwala-Bagh-Massaker. Am 13. April 1919 erschossen in einem Park in der Innenstadt britische Soldaten und Gurkhas 379 Sikhs, Muslime und Hindus und verwundeten rund 1200 Menschen. Die Menge hatte friedlich gegen die Inhaftierung von zwei nationalindischen Führungspersönlichkeiten protestiert. Der englische Gouverneur hatte nach Unruhen der Unabhängigkeitsbewegung das Kriegsrecht ausgerufen. Der (nicht tödliche) Überfall auf eine britische Ärztin war der Auslöser für die Militäraktion. In den Park führen nur vier schmale, kaum einen Meter breite Zugänge. Flucht unmöglich. Über zehn Minuten ließ der Kommandeur feuern. Viele Opfer ertranken in den Zisternen und Teichen der Anlage.

Das Museum bereitet das Massaker sehr gut auf. Ein Mix aus Exponaten mit den Einschusslöchern im Mauerwerk, Clips mit gespielten Szenen und Infotafeln, die den Ablauf dokumentieren. Schade, dass wir nur so wenig Zeit haben. Am meisten ärgere ich mich, dass ich am Tag zuvor nicht diesen Ort in Ruhe besucht zu haben. Ich bin direkt an dem schmalen Zugang vorbeigelaufen, hätte viel Zeit für das Studium der einzelnen Stationen gehabt.

Ich erinnerte mich an Shanghai. 1920 als europäische Mächte die Stadt besetzt hielten, posierten englische Bobbies mit den abgeschlagenen Köpfen von Chinesen. Neben anderen Gräueltaten dort im Museum zu sehen. Die Demütigung dieser großen stolzen Nationen, die Entmündigung der Menschen in den Kolonien hat sich tief in die DNA dort eingegraben. Kein Wunder, dass diese Völker den Europäern und Amerikanern oft reserviert begegnen. Natürlich sind die Untaten von Isis und Taliban, grausam. Wir müssen alles daran setzen, sie zu brandmarken, sie zu verhindern. Aber wir dürfen nie vergessen, dass es kaum 100 Jahre her ist, dass Europäer ähnliche Grausamkeiten ausübten.

Nächste Station der Goldene Tempel. Ich kopiere einfach mal Wikipedia. Der Harmandir Sahib, im Deutschen oft Goldener Tempel genannt (richtig: Hari MandirGottestempel), ist das höchste Heiligtum der Sikhs. Erbaut wurde er vom fünften Guru, Arijan Dev, im 16. Jahrhundert und erfuhr eine Erweiterung (goldene Kuppel) im 19. Jahrhundert. Vielleicht bin ich Tempelbanause, aber hat man zwei gesehen, kennt man alle gesehen. Die Mystik hier gibt mir nicht viel. Sicher, der güldene Bau in der Mitte des Sees ist schon ein Schmuckstück.

Täglich besuchen mindestens 30.000 Pilger die Anlage, an hohen Feiertagen sind es 300.000. Alle müssen durch die engen Gassen der Altstadt, alle müssen verpflegt werden. Rund 1.500 freiwillige bereiten mit 500 Festangestellten pro Stunde 3.000 Mahlzeiten zu…

….die kostenlos in zwei Sälen serviert werden. Alle sitzen in langen Reihen auf der Erde. Die größte Küche der Welt meint mein Guide, man könnte auch sagen: „die größte Tafel“. Und ab hier hat sich der Rundgang durch den Sacralbau richtig gelohnt.

Mein Begleiter hatte Zugang zu den drei Küchen…

….in denen Reis, Curry und Gemüse köcheln…

….und den Saal, in dem unzählige Männer und Frauen Fladen für das Brot rollten. Der Teig wird in einer Maschine mit riesigen Schaufeln geknetet. Und Abwasch wird auch gemacht, an riesigen Waschstraßen.



Anschließend wollte mein Guide mit mir zum Fabrikverkauf. Wie überall. Und wie immer erkläre ich ihm, in meinem Alter kaufe ich nix mehr. Er hat flexibel umdisponiert und meinte, dann fahren wir sie zum Lunch. Es war nicht nur ziemlich, es war richtig gut. Aber auch für indische Verhältnisse richtig teuer und zu den Preisen auf der Speisekarte wurde reichlich addiert. Vermute mal einen Extrabonus vom Restaurant für meinen Begleiter. Aber ok. Es war gut und immer noch deutlich preiswerter als beim Normalinder in Offenbach.

Letzter Programmpunkt: Die Flaggenzeremonie an der indisch – pakistanischen Grenze. Skurril, eine Demonstration von Stolz und Selbstbewusstseins von zwei großen Nationen, eine Militärklamotte, eine Reminiszenz, eine Show? Irgendwie von allem was und wahrscheinlich von noch viel mehr. AAber zunächst heißt es 26 Kilometer auf dem alten Highway von Dhaka in Bangladesh nach Ka

Aber zunächst heißt es 26 Kilometer auf dem alten Highway von Dhaka in Bangladesh nach Kabul fahren. Unzählige Taxis und Kleinbusse haben das gleiche Ziel. Allabendlich. Um 16.30 Uhr (im Sommer um 17.30 Uhr) wird der einzige offene Grenzübergang zwischen Pakistan und Indien geschlossen. In Pakistan leben immerhin 250 Millionen Menschen, in Indien sind es über 1 Milliarde. Seit der letzten Kaschmir-Krise im Jahr 2019 sind die direkten Flug- oder Eisenbahnverbindungen gekappt, nur an diesem einen Checkpoint kann man die Grenze passieren.

Rund um diesen Grenzübergang haben beide Seiten ein Stadion gebaut: In Indien hat es von der Zuschauerkapazität Bundesligaformat, auf Pakistanischer Seite irgendwie vierte Liga. Die Grenze ist quasi die Mittellinie. Vor der Show heißt es aber aber erst mal anstellen, Kontrollen ertragen. Mein Feuerzeug wird beschlagnahmt, dito der Ersatzakku. Erlaubt sind nur eine Kamera und das Handy. Auch Schreibblock und Stift sind verboten. Vor der Zermonie amüsieren sich die zahlreichen Familien draußen in einem Vergnügungspark, dort gibt es unzählige Essstände, ein riesiges Parkhaus und fliegende Händler mit ihren Grenz- oder besser grenzwertigen Devotionalien. Drinnen jede Menge Borderpolice. Mir wird ein Platz im VIP-Bereich zugewiesen. Widerspruch zwecklos. Unten vor dem Tor stehen die Besucher zum Selfie vor dem Tor Schlange, Foto, mal mit Uniformierten mit Kalaschnikow, mal mit der Liebsten. Auf einem Riesenscreen zeigt die Elitetruppe Einsatzwillen auf hoher See, in den Steppen der Tiefebene und auf den Höhen des Himalaya, untermalt mit lauter Marschmusik.

Einige hundert Frauen, Männer und Kinder, die wohl jeden Tag aufs neu aus einem Landesteil herangekarrt werden, schwingen fröhlich kleine Nationalflaggen, um sich immer wieder zu einer spontanen Polonaise zu formieren.

Gegen 16.30 Uhr übernimmt die Borderpolizei. Ausgerüstet mit brauen Fantasieuniformen, weißen Garmaschen und prächtigen Federbüschen auf den Helmen. Der Stechschritt dominiert die Parade, immer vorwärts und rückwärts.

Ein Entertainer in Uniform, quasi Sergeant Stimmungskanone, animiert lautstark das Publikum zum Mitmachen. Klatschen, La-Ola-Welle, Parolen, die von den Rängen laut erwidert werden. Eine Atmosphäre irgendwo zwischen Rockkonzert und Fußballstadion. Wie Mick Jagger vor knapp 60 Jahren rennt der Gaudi-General quer durch das Stadion, lobt die Lautstarken und deutet den ruhigeren Ecken mit ans Ohr gelegter Hand „ich höre nichts“.

„Lang lebe Indien“, „lang lebe Hindustan“ skandiere die Menge, übersetzt mein Nachbar. Mit beiden Händen deutet der Animateur an, die Parolen in das Nachbarland zu schaufeln. Die ausladenden Gesten unterstützt er mit gelegentlichen abwertenden Pantomimen. Meine Frage, ob es auch böse Kommentare gegenüber Pakistan gebe, verneint mein indischer Nachbar. Bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren hatte ich durchaus den Eindruck von einem chauvinistischen Charakter der Veranstaltung. Durchaus nicht unproblematisch vor dem Hintergrund, dass beide Nationen Atomwaffen in ihren Arsenalen horten.

Auch unmittelbar am Zaun, wo in Kürze die Fahnen synchron eingeholt werden, scheint die Atmosphäre im Vergleich zu der Zeremonie vor drei Jahren professionell entspannt. Damals eskalierte die Kaschmirkrise. Die Grenzbeamten standen sich damals wie Wrestler gegenüber die ihre Gegenüber mit Gesten und allerlei wildem Posing verspotteten. Auffällig: auf pakistanischer Seite führen keine Uniformierten durch die Show sondern Männer in traditionellen Kostümen. Freilich sind ihre Rufe kaum wahrzunehmen. In Indien steht die bessere Lautsprecheranlage, gespeist von der vier- bis fünffachen Menge.

Das synchrone Einziehen der Flagge erfolgt fast unspektakulär. Stillgestanden, Schnur aufrollen und ziehen.

Kaum hat das Tuch den Boden berührt, ein ziemlich knapper Händedruck zwischen den beiden Anführern und das Tor wird für die Nacht geschlossen. Ich habe Glück: Die VIP-Loge wird als erstes geräumt und mein Fahrer kann abfahren ohne einen Stau zu befürchten.

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Amritsa: Dienstag, 17. Januar 2023

Bekannt ist die Millionenstadt im Norden Indiens durch ihren Goldenen Tempel. Täglich wird er von 30.000+ Pilgern besucht, an hohen Feiertagen sind es bis 300.000 Menschen, die zu dem heiligen Ort kommen. Auf dem Programm steht heute ausschlafen nach der durchwachten Nacht im Flieger. Begünstigt durch die Zeitumstellung und die geschlossenen Gardinen penne ich bis 10.15 Uhr. Mist. Breakfasttime ist nur bis 10.30 Uhr hatte mir gestern die Frau an der Rezeption erklärt. Ohne duschen schnell in die Hose, wenigstens ein Käsebrot organisieren. Der Eile zu viel. Im Frühstücksraum ging es offenbar gerade erst richtig los. Ziemlich indisch, kaum europäisch und richtig gut. Mint-Sandwich, Spicy Scrambled Eggs, jede Menge Gemüse, Obst, exotische frische Säfte, Süßes and so on. Richtig lecker.

Nach einer Stunde schlemmen: fertig machen für die Stadt. Zum Glück führt der Weg am Bahnhof vorbei. Ich kann meinem Hobby frönen: Züge fotografieren.

Nach einem ausführlichen Streifzug über die Bahnsteige vor dem historischen Gebäude entschließe ich mich ein Tuc Tuc in die Stadt zu nehmen. Nicht wegen der Entfernung, ich möchte mich schlicht im Gewirr der Gassen nicht verlaufen. Es ist Rushhour. Indien pflegt einen etwas gewöhnungsbedürftigen Fahrstil: Linksverkehr oder doch vielleicht rechts, interessiert nicht. Ampeln sind blöd und jeder Zentimeter, den man sich erfolgreich vordrängt, ist ein kleiner Sieg. Ach so: und das Auto parkt dort am Besten, wo es gerade steht. Die Folge ein Chaos. In den engen Gassen blockieren sich SUVs, Tuc Tucs, Motorroller, Eselskarren, Rikschas und Obstverkäufer mit ihren mobilen Ständen gegenseitig. Oft scheint das Knäuel unentwirrbar. „Freie Fahrt für freie Bürger“, auch wenn es länger dauert.

Bis dann ein wenig durch die City gebummelt. Vorbei an vielen kleinen Läden, Kiosken, Friseuren, die auf der Straße arbeiten. Bilder, an denen man sich nicht satt sehen kann. Später eine Waffel geschlemmt, naja. Der Tempel ist erst morgen dran, geführt.

Mit dem Tuc Tuc zurück ins Hotel. Der Fahrer, der vorgab, genau zu wissen, wo er mich hinbringen soll, fuhr erst mal eine halbe Stunde in die falsche Richtung. Kostenlose Stadtrundfahrt halt.

Ach so: Und Kühe gibt es auch. Reichlich

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Montag, 16. Januar 2023

Bahrain – Amritsa

Eigentlich ist noch Sonntagabend. Aber dieser endet ziemlich ärgerlich. Am Scanner im Airport stauen sich die Koffer und Rucksäcke auf dem Band. Alles wird vollautomatisch auf Sprengstoff kontrolliert. Die Guards treiben die wenigen Passagiere durch die Sicherheitsschleuse, auch wenn die Koffer noch weit hinten liegen. Auch ich musste im Schnellgang durch das Piepsgerät. Irgendwo ganz in der Ferne erahne ich meine Jeansjacke im Körbchen und sehe noch wie jemand in meine Tasche greift. Genau dahin hatte ich meine restlichen Bahrain Dollar gesteckt. Natürlich weg. War der Stau provoziert. Keine Ahnung. Aber 20 Euro sind auch Geld.

Dafür erwartete mich am Gate eine angenehme Überraschung: die Maschine ist überbucht und da ich bei gulf air in so einem Art Promotion Programm bin, werde ich in die Business Class befördert. Mit allen Vorteilen. Es gibt dort Bier, wenn auch streng auf eine Dose rationiert.

Der Flug war dann weniger angenehm. Turbulenzen. In der Economy musste der Service abgebrochen werden, aber ich saß ja vorne bei denen, die gleich nach dem Start reichlich bekamen. Nachts um drei in Delhi. Die Passkontrolle völlig überlaufen. Eigentlich genug Personal, aber es dauert: Irisabgleich, Fingerabdrücke links rechts, Kappe ab. Da ich mit Business gekommen war: Immerhin „Fast lane“.

Nächster Schreck: Mein Handgel war über das Blatt mit dem E-Visum gelaufen, was der Kontrolleur in seinem Glaskasten erstaunlich locker nahm. Das Gepäckband stand bereits wieder still als ich den Papierkram erledigt hatte. Zum Glück konnte ich den Abtransport meines Rucksacks irgendwohin ins Nirwana gerade noch stoppen. Nicht optimal organisiert, zumal man den Bereich der Gepäckausgabe auch aus der Ankunftshalle ohne Kontrolle betreten kann.

Mein Zug sollte erst um 7.20 Uhr fahren. Die Zeit wollte ich lieber am Airport verbringen, da der Stress am Bahnhof dort mir noch lebhaft in Erinnerung ist. Um 6 Uhr mit der Metro Richtung Delhi. Tolle und bequeme Züge, durchdachtes System.

Dafür bestätigten sich in Delhi die Erlebnisse, die ich am Bahnhof schon vor drei Jahren hatte. Die 150 Meter zwischen U-Bahn und den Fernzügen sind ein Spießrutenlauf. Alle drei Meter ein Koberer, der mich in ein Taxi ziehen wollte. Oben auf der schmalen Brücke (Rolltreppe natürlich kaputt) versperrte ein 3-Mann-Team in Uniform mir den Weg und kontrollierte mein Ticket. „Ihr Zug fällt aus“ erklärte mir der Obermacker im Kommandoton. „Bitte gehen sie die Treppe runter und melden sich am Online-Schalter“. Dazu kritzelte er einige Worte auf mein Ticket.

Fast wäre ich auf den Trick reingefallen. Aber dann erinnerte ich mich an eine ähnliche Situation vor drei Jahren. Also geradeaus weiter. Zum Glück leuchtete irgendwo meine Zugnummer auf einem Laufband über Gleis 1. Jetzt kann nix mehr passieren.

Das Problem: Hier haben die Züge 20 und mehr Waggons. Man muss am richtigen Platz einsteigen sonst ist man verloren. Wagenstandanzeiger oder Bahnsteigbeamte: Fehlanzeige. Und Indiens Züge haben bis zu acht unterschiedliche Klassen. Auch die Bildschirme mit den Abfahrtzeiten sind lustig. Auf eine Seite „Abfahrt“ folgt fünf Minuten Werbung. Das durchfragen hat zunächst auch nicht viel geholfen. Die einen meinten so, die anderen so. Schließlich erklärte mir jemand, dass oben unter dem Bahnsteigdach die Nummern der Waggons auf kleinen Displays angezeigt werden und diese Nummer steht irgendwo völlig versteckt und ohne Hinweis auf meiner Fahrkarte. Das sind wohl die Zahlen, die die Ansagerin pausenlos über krächzende Lautsprecher leiert.

Der Zug war pünktlich mein Wagen bis auf den letzten Platz ausgebucht. Mein Ticket hatte ich über eine Agentur in Thailand gebucht. Im Preis waren Mahlzeiten inkludiert. Und die wurden ab der ersten Minute mit steigender Regelmäßigkeit serviert, mit Unmengen an Plastik- und Alumüll. Aber durchaus schmackhaft, vor allem der Tee, der pausenlos gereicht wurde. Auch in dem Mikrokosmos „IC-Wagen“ war die hierarchische indische Gesellschaft sichtbar. Der arme Boy, der servierte, abräumte und so on, erhielt von überall harsche Anweisungen aber kaum Unterstützung und das Verhalten meiner Mitreisenden ihm gegenüber war sehr abschätzig.

Naja. Und irgendwann stoppt der Zug. Gleise kaputt. Drei Stunden Umweg und nochmal drei Stunden „Essen fassen“. In Amrista endlich angekommen, Tuctuc zum Hotel. Hat mein Driver erstmal nicht gefunden, obwohl er „Stein und Bein“ versicherte, es genau zu kennen. Aber am Ende alles gut. Super Matratze, eine Oase der Ruhe, wenn man den Fernseher ausschaltet. Und nach einer langen Nacht im Flieger richtig durchgeschlafen.

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