Noch einmal Reisetag. Mit dem Zug aus der Wüste in die Hauptstadt. Die Oasenstadt Ha’il hat über 400.000 Einwohner. Trotzdem liegt ihr Bahnhof rund zwanzig Kilometer vor den Stadttoren. Weit weg. Mitten im Sand. Die Streckenführung, der vor einigen Jahren gebauten Linie, orientiert sich an geopolitischen Vorgaben nicht an der Nähe zu möglichen Fahrgästen. Fertig ist die Trasse bis zur jordanischen Grenze. Sie soll irgendwann irgendwo am Mittelmeer enden. Man kann sie als Teil des Projekts Seidenstraße sehen als Bypass zum Suez-Kanal, aber auch als ein Projekt für den Warenaustausch und dem Transport von Rohstoffen zwischen dem Nahen Osten und Europa. Es ist richtig spannend wo das Ende der Schienen einmal sein wird. Die Saudis haben, so ist zu lesen, verschiedene Optionen. Nach Israel zur Küste (deshalb auch die Annäherung an den einstigen Todfeind), nach Syrien oder in die Türkei (beide Alternativen berühren über unsicheres Terrain). Erdogan hat in den vergangen Tagen vom Zukunfts-Projekt Hedjaz Bahn gesprochen. Ihm sind daraufhin mangelnde Geographie- und Geschichtskenntnisse vorgeworfen worden. Könnte sein das er ahnungslos ist. Dennoch ist die Annahme wenig überzeugend, denn er hat eine Menge Berater, die ihn vor solchen Fehlern bewahren würden.
Der türkische Präsident nutzt den Mythos Hedjaz Bahn, um Klima für eine neue transarabische Verbindung zu machen. So investiert er beispielsweise -Symbolik ist alles- in ein Hedjaz-Museum in der jordanischen Hauptstadt Amman. Sein Ziel ist, Istanbul wird der Endpunkt einer Verbindung vom Oman über Saudi Arabien und den Golf Staaten Richtung Jordanien, Syrien in die Türkei. Istanbul soll ein modernisiertes wirtschaftliches Tor nach Europa werden. Ein Drehkreuz. Sein neuer Airport ist dafür ein weiterer Baustein. Mit Hochdruck arbeitet die Türkei an einem Hochgeschwindigkeitsnetz und an leistungsfähigen Bahntrassen in den Osten des Landes. Eigentlich stehen nur noch die Kurden und Syrien den Plänen im Weg.

Anyway. Für eine Direttissima kann nicht jede Stadt im Zentrum angefahren werden, auch nicht wenn es eine Großstadt ist. Schon von weitem ist der markante Bau zu erkennen. Heute ist Rushhour. Gleich zwei Züge in Richtung Riad sind eingeplant. Normal existiert nur eine tägliche Verbindung. Der Norden bis zur jordanischen Grenze wird nur einmal in der Woche bedient. Aber: alle Bahnhöfe sind ähnlich großzügig dimensioniert.

Eine futuristische Architektur soll den Menschen auch suggerieren: wir sind in der modernen Zeit angekommen, prägen sie.

Es ist schon alles ziemlich heftig für die 50 Personen, die heute hier abfahren. Ich habe Zeit genug für ein Petit Dejeuner, also Käse-Toast und Kaffee: erstaunlich preiswert.

Check In. Viel Personal: Häuptlinge und Indianer. Die meisten sprechen Englisch. Am Gate warten. Der Zug ist pünktlich.


Es sind übrigens meist Frauen, die einsteigen. Hier ist die Geschlechtertrennung aufgehoben. Plötzlich gerate ich in eine etwas unangenehme Situation. Es gilt Reservierungspflicht. Der Computer hat mir den Sitz neben einer dick vermummten Frau zugeteilt. Ihr ist das, so interpretiere ich ihre Körpersprache, ziemlich unangenehm (mir auch). Irgendwann kommt der Schaffner durch den Gang und sie bittet um einen anderen Platz. Jedes Ding hat auch sein Gutes: jetzt hocke ich direkt am Fenster.

Eine weitere Überraschung, die so gar nicht zum eben erlebten zu passen scheint. Einige junge Frauen sind unverschleiert, tragen kein Kopftuch oder haben es lässig in den Nacken geschoben. Andere ziehen für eine halbe Stunde den Schleier aus. Ich hatte in den Tagen zuvor gelesen, dass das Vermummungsgebot Tragen seit 2019 in Saudi Arabien aufgehoben ist. Und wie ich später in der Hauptstadt Riad merke, wird diese Freiheit in den Gebieten, in denen der Mittelstand wohnt, ausgiebig genutzt.
Saudi Arabien muss Ventile öffnen. Die Wirtschaft des Staates wird nach dem Ölzeitalter auf Fachkräfte angewiesen sein. Das heißt auch und gerade auf Frauen. Das Land verfügt über ein dichtes Netz an Universitäten. Es gibt Hochschulen für technische Berufe speziell für Frauen. Wie ich auf Reisen auch in andere Teile der Welt beobachten konnte, Frauen sind Sprachaffiner -nicht weil angeboren sondern weil sie mehr lernen als die Jungs. Diese Fähigkeiten eröffnen ihnen in einer international orientierten Welt neue Berufschancen.
Die Saudische Regierung handelt nicht aus Einsicht sondern weil sie auf die Frauen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes angewiesen ist. Aber das ist nur die eine Seite. Für die andere lohnt ein Blick in die Berichte von Amnesty international. Frauen haben hier weniger Rechte, insbesondere wenn sie verheiratet sind. Sie brauchen für Selbstverständlichkeiten die Erlaubnis ihres Mannes. Und und und. In welche Richtung geht die Entwicklung? Try and Error.
In Riad wohne ich direkt neben dem Regierungsviertel. Hier tragen erstaunlich wenige junge Frauen ein Kopftuch oder einen Schleier. Abends im Restaurant, in der Metro. Hier wohnt die Mittelschicht, wie an den Gebäuden unschwer zu erkennen ist. Ihre Kinder sind die ersten, die die neuen Freiheiten austesten und leben. Vielleicht hilft das anderen in diesem Land. Im Museum verzichten einige Aufseherinnen (also Regierungsangestellte) auf Kopftuch, auch hinter dem Metro Schalter. Es gibt aber auch die anderen, die kaum durch einen schmalen Schlitz sehen können. Abends im Restaurant diniert eine Gruppe von drei Mädchen deren Kleidung für hiesige Verhältnisse eher leger ist.
Aber zunächst mal geht es im Zug noch bis Riad.

Eins zwei Unterwegshalte. Draußen zieht eine endlos eintönige Landschaft am Fenster vorbei.

Endstation Riad. Ich fotografiere noch den Triebkopf. Beim Zurücklaufen spricht mich der Lokführer an: „It´s forbitten“ und lacht. Wir grinsen beide. Er zählt mir noch, dass die Anweisung tatsächlich existiert. Aber sie niemand so ernst nehme. Ich erinnere mich zwei Monate zurück als ich auf dem Bahnsteig in Denver, Colorado, die Lok meines Amtrak knipsen wollte. Das hat mir beinahe einen Arrest eingebracht. Hier ist der junge Mann daran interessiert woher ich komme, was ich mache. Diese Neugier begleitet mich schon auf der gesamten Reise. Die Menschen sprechen mich an, nicht aufdringlich, niemand will mir was verkaufen. Einfach nur Interesse. Die Atmosphäre ist durch und durch freundlich, relaxt.

Der neue Bahnhof in Riad ist noch nicht an die Metro angeschlossen. Er liegt weit außerhalb. Also ab ins Taxi. Feierabendverkehr. Der Fahrer ist froh, dass er mich nur bis zur nächsten Metrostation bringen muss und nicht in die Innenstadt. Aber auch bis hier sind es rund zehn Kilometer. Stoßstange an Stoßstange. Die Metro wurde erst vor ein paar Wochen eingeweiht.

Natürlich futuristisch gestylt. Alles ist blitzblank. Die Ausschilderung und Wegeführung sind perfekt. Die Drei-Tages-Karte kostet sieben Euro. Die Rolltreppen funktionieren und auf den Bahnsteigen und in den Zwischenebenen sorgt ein ganzes Heer an Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für Sicherheit und Sauberkeit. Man hat auch Personalreserven, weil man keine Lokführer braucht. Die Züge werden vollautomatisch gesteuert.

Blick aus dem „Führerstand“.
Die Waggons haben drei Teile: First Class, „Family Class“ für Frauen und Männer, die mindestens eine Partnerin haben, und Single: also in erster Linie Männer. Beim Umsteigen penne ich erstmal und steige ins „Family-Abteil“. Die Aufsicht, also ein charakterfester Mann, der den ganzen Tag über die Frauen wacht, schickt mich einen Wagen weiter. Umgekehrt: Im Männerabteil sitzen Frauen, zum Teil unverschleiert. Meine Vermutung: das sind so kleine subtile Widerstandsakte.
Abends suche ich mir in der Nähe einen hochgelobten Imbiss auf und werde nicht enttäuscht. Falafel, gekochte Bohnen, Gemüse und Joghurt. Als der Muezzin ruft, verwandelt sich das Lokal in eine kleine Gebetshalle. Spannend.
