Heute beginnt das Abenteuer: ein kleinwenig wenigstens. Mit dem Mietwagen quer durch die Wüste Richtung jordanische Grenze. Das Frühstück nebenan schenke ich mir. Irgendwo unterwegs werde ich an einem netten Café vorbeikommen. So der Plan.
Die Mietwagenbestätigung existierte leider nur in Englisch. Das Problem: Den KI – übersetzten Straßennamen der Agentur kennt niemand an der Rezeption, obwohl alle sehr gut Englisch sprechen. Die Angestellten rätseln hin und her, auch der Taxifahrer ist keine echte Hilfe. Bei „Budget“ hatte ich gemietet. Leider hat das Unternehmen mindestens sieben Franchise Partner in Medina: Und prompt googelt die Rezeption den Falschen.
Es kann losgehen. Mein Taxi hatte wahrscheinlich noch das letzte Jahrhundert erlebt. Aber gut: wenig Regen, wenig Rost. Die Richtung, die ich mir zuhause gemerkt hatte, stimmt grob. Trotzdem: am Ende der Fahrt ist es die falsche Firma. No Problem: Er könne mir den gleichen Wagen vermieten meint der Chef. Diesen Vorschlag finde ich nicht lustig, denn der andere Rent-a-car-Heinz, bei dem ich gebucht hatte, könnte ja wegen eines Stornos meine Kreditkarte belasten. Es geht hin und her. Hektische Telefonate mit dem Konkurrenten. Nach dreißig Minuten schien eine Einigung gefunden.
Internationaler Führerschein, Kreditkarte: es könnte alles gut sein. Ist es auch für zwei Minuten. Dann kommt der nächste Kunde in den Laden Kleines Problem, gleich gelöst. „Gleich“ heißt hier halbe Stunde. Ich darf mich setzten, dann endlich wieder aufstehen: nächster Kunde, nächstes kleine Problem. Ich werde wieder platziert. Und so weiter.
Zwei Taubstumme kommen, mit Gebärden-Dolmetscher. Klar lässt man die vor. Wieder auf den Stuhl hocken, wenigstens Zeit um das Handy aufzuladen bis die drei ihren Schlüssel bekommen: jedenfalls für fünf Minuten. Nee: der Wagen gefalle ihnen überhaupt nicht, interpretiere ich ihre Gesten. Wieder setzen, neuer Vertrag für die drei, sie müssten dringend nach Medina zum Airport, deutet mir der Übersetzer. 15 Minuten später: Sie haben ihr neues Auto: Aber nach einer Sitzprobe: gefällt nicht, nächster Versuch. Dazwischen drängt sich immer mal einer vor: Schnell mal, nur kleines Problem. Irgendwann um halb eins habe ich meinen Vertrag, aber immer noch kein Auto. Das stehe nebenan. Ein Fahrer bringe mich hin, dauere höchsten zwei Minuten. Ok. „Nebenan in zwei Minuten“ ist am anderen Ende der Stadt, ungefähr 20 Minuten weiter. Dort erwartet mich ein junger Saudi, der mir geduldig den Wagen erklärt, so dass ich es verstehe. Zwar lässt sich mein Handy nicht mit seiner Elektrobox verbinden, aber er schafft es, dass das Navi auf meinem Handy funktioniert. Und das Mädel im Telefon ist der Deutschen Konversation mächtig.

Ein schicker Toyota. Aber vor dem Trip muss ich das Auto erst mal aus der Stadt bringen. Ich habe ja viel in aller Welt über Verkehr gelernt. Aber hier ist alles radikal anders. Achtspurige Straßen und jeder (und neuerdings jede) fährt als ob es kein Morgen mehr gibt. Mein Navi erzählt mir was von links in die Abdulla Straße, dann in die Feisal Achmet Road bis zur Prinz Machmet-Avenue und weiter in die Emir Sansibar Gasse oder so ähnlich. Verdammt. Kann sich doch kein Mensch merken. Dazu kommt eine eine Spezialität: die U-Turns. Man kann durch sie auf der Autobahn wenden. Gedrängelt wird um jeden Preis, nicht geblinkt, die Vorfahrt genommen, gehupt, bis auf einen Zentimeter aufgefahren. Der Horror. Irgendwie schaffe ich es.
Kaum 20 Kilometer weiter: Ruhe. Fast. Die Straße ist dreispurig. Alle drei Minute begegnet mir ein Auto. Ich brav auf der rechten Spur. Rechts von mir der Standstreifen, gerade breit genug für einen Kleinwagen, nach unseren Maßstäben. Hier Teststrecke ob ein SUV auf dem schmalen Grat rechts überholen kann. Beim ersten Mal ist mir fast das Herz in die Hose gerutscht als ein Fahrer mit einem Zentimeter Abstand zu meinem Wagen und zur Leitplanke an mir vorbeirauschte. Zum Glück nimmt der Verkehr mit jedem Kilometer ab. Und bald bin ich fast alleine unterwegs. Unter mir vier Spuren, vor mir die Wüste, im MP3 Player Eagles, Dire Straits und Pink Floyd.

Die Tour hier mache ich aus Interesse für die Hedjaz-Bahn. Den Film über den Lawrence von Arabien kennen die Älteren noch. Ich hatte gelesen, dass auch in Saudi Arabien noch viele Relikte in der Wüste zu finden sind. Der Highway führt entlang der alten Trasse.
Erster Foto-Stopp: Ein Bahnhof, den Lawrence und seine Beduinentruppe angegriffen haben sollen.

Alle Artefakte sind seit einigen Jahren eingezäunt. Auch wenn ich so Abstand halten muss und fotografieren oft schwierig ist: es ist besser für die Nachwelt, die diese Bahnhöfe auch noch erleben möchte.

Ein Zug, der so scheint es einmal eine kleine Ausstellung beherbergen soll. Warum er hier steht: Ich habe keine Ahnung.


Immer wieder tauchen plötzlich alte Bahnhöfe oder Kasernen für die Kompanien, die beschützen sollten, auf ohne dass sie auf einer Karte oder bei Google maps verzeichnet sind.

Alle dreißig bis fünfzig Kilometer wurde ein solches Gebäude errichtet. Hier wurden die Loks mit Kohle Holz oder Wasser versorgt.

Irgendwann gegen Abend wird die Straße zweispurig. Die Fahrt in die Dunkelheit ist atemberaubend. Dreißig, vierzig Kilometer kein Haus und keine Tanke. Die Benzinbude, die auf Google Maps markiert war, ist zu. Buchstäblich mit den letzten Tropfen erreiche ich eine Zapfsäule.
Mein Nachquartier habe ich in Al Ula, eine Wüstenstadt, die auf Tourismus setzt. Entsprechend sind die Hotelpreise. Meine Buchungsbestätigung erhalte ich auf arabisch. Meinem Navi hilft das nicht viel. Ich kopiere einen Link und siehe da: Das Gerät weist mir den richtigen Weg. Alleine hätte ich das Appartement nie gefunden. Es ist eher ein Air BnB. Blöd nur, niemand ist da. Ich probiere die einzige Zahl zwischen all den Schriftzeichen. Und tatsächlich: Eine Stimme meldet sich am Handy, es ist der Besitzer, er spricht Englisch und kommt gleich mit dem Auto. Ich beziehe eine ganze Wohnung, ziemlich viel Kruschel drin wie wir in der Rhön sagen. Aber sauber. Ich muss mich im Schlafzimmer zwischen einem der vier Betten entscheiden. Mein Kopfkino sagt: Normal macht hier der Pascha mit Harem Urlaub.