Mittwoch, 22. Januar Medina

Kein Frühstück im Appartementhaus. Mich treibt’s mangels Alternativen nebenan in eine Süsspappbude. Kaffee, Miranda, Donuts. Man gönnt sich ja sonst nix.

Ein wenig Rucksack sortieren. Dann zieht es mich in die Innenstadt, Richtung Prophetenmoschee, dem zweitwichtigsten Heiligtum des Islam. Bis 2021 war der Bezirk ein Haram, also gesperrt für Nicht-Muslime. Medina ist eine Pilgerstadt. Die Folgen dieser „Errungenschaft“ sind auf Schritt und Tritt zu spüren. Auch wenn das Papa-Mobil fehlt: Den Besucher erwartet Petersplatz-Atmosphäre. Mit dem Unterschied: der gesamte Vatikanstaat passt fünfmal auf den Vorplatz der Moschee hier. Die Besucherströme werden sorgfältig orchestriert. Es werden über 50.000 Pilger sein, die jetzt in der Nebensaison die Stadt bevölkern. Die wollen versorgt und bespasst sein: Bett, Breakfast, Beten, Besichtigung, Böreck, Boutique.

Ein Bus nach dem anderen rollt in die City. Prayer-Tours, Holy-Travel, Pilgrim-Trips: Jedes Gefährt prall gefüllt mit Wallfahrern. Im dichten Takt haken die Fremdenführer mit den Besuchergruppen die Viewing-Points ab. Immer im Bild: Das Spruchband mit dem Namen der Propagandisten. Auch Religion ist Big Business.

Gegen drei Uhr strömen die Menschen zum zentralen Platz, fröhlich gestimmt auf Familienausflug. Selfies in und aus allen Positionen und Blickwinkeln. Kleine You Tube Videos für die Lieben daheim: Lachen, Winken, Küßchen und die sorgenvolle Frage „Ob alles in Ordnung sei“. Bei den Wartenden hat das Handy längst den Koran abgelöst. Was zeigt der Screen? Suren oder Signal, Wahhabiten oder WhatsApp, Muslimische Gebete oder die neuste Tirade von Musk? Zumindest wir Menschen drumherum können es nur ahnen. An den Imbissbuden sollen Männer und Frauen getrennt anstehen. Aber auch das will nicht richtig klappen, zumindest an der Essensausgabe mischen sich die Geschlechter. „Ungeniert“ möchte man sagen.

Ich setze mich auf eine Bank in die Nähe des Eingangs. Mit dem Ruf des Muezzins beginnt die Rush-Hour. Circa 30 Minuten strömen die Menschen ununterbrochen Richtung Moschee. Es sind Zehntausende. Sie kommen wie an ihrer Kleidung und Kopfbedeckung zu erkennen aus der ganzen Welt.

Ich versuche mich an die Begegnungen in verschiedenen von mir bereisten Ländern Ländern zu erinnern. Fes, Takke, Kufiya, Songkok: Hier versammeln sich Gläubige der Erde: Usbeken, Pakistani, Indonesier, Türken, Menschen aus der Sahelzone, Somali und Tansanier, Malaien, Bärtige aus den Golfstaaten oder dem Oman mit ihren üppigen Kopfbedeckungen. Man spürt instinktive, welche Power, welcher Zusammenhalt, welche Macht der Islam quer über die Welt entwickeln kann oder könnte. Ein mächtiges Netz. Ausgrenzung und Abschottung gegen diese Glaubens- brüder- und -schwesternschaft machen wenig Sinn, um Stabilität und Frieden auf der einzigen Erde, die uns zur Verfügung steht, anzustreben.

Mich zieht es auf dem Rückweg zum Hotel noch einmal zur Hedjaz-Station. Die Sonne steht jetzt einigermaßen günstig für Bilder.

Ein letzter Blick über den Bahnhof, ein Bild aus fast 200 Meter Entfernung. Ins Hotel und später eine doppelte Premiere nebenan: Der erste Chicken-Döner und der (das?) erste Smoothie in meinem Leben.

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