Dienstag, 21. Januar 2024 Von Dschidda nach Medina

Morgens betrachte ich mein Auge im Spiegel. Hübsch blau, rot, grün und schwarz. Hände und Gelenke schmerzen. heftig. Das Bein ist ein wenig taub. Puh. Sonja scheint beim Video-Call auch nicht amüsiert über mein Aussehen. Aber offensichtlich ist es über Nacht nicht schlimmer geworden. Heute geht es weiter Richtung Medina: mit dem Hochgeschwindigkeitszug durch die Wüste. Tempo 300. Rund 400 Kilometer in einer Stunde und 50 Minuten. Ein Trip für ganze 30 Euro. Aber zunächst mal frühstücken. Auch heute wieder vegetarisch und gut.

Taxen warten vor dem Hotel genug. Mein Fahrer beginnt mit einer Ehrenrunde, um nach zehn Minuten genau wieder am Hotel vorbeizukommen. Ich verstehe ja, dass die Jungs, die aus Pakistan oder sonst wo herkommen, unterbezahlt sind und ausgebeutet werden, aber ein bisschen intelligenter geht schon. Ich mache das was ich immer mache: Hole mein Handy aus der Tasche und rufe Google Maps so auf, dass er auch den Bildschirm sieht. Danach nimmt er den kürzesten Weg.

Die Fahrt macht noch einmal die Dimensionen der Stadt deutlich. Endlos ziehen sich flache Häuserreihen, die ja auch alle mit Wasser versorgt sein wollen.

Das imposante futuristische Bahnhofsgebäude ist schon von weitem zu sehen. Eine riesige Halle für knapp vierzig Züge am Tag. Auch im Inneren ähnelt die Bahn-Station eher einem Terminal. Und wie am Airport haben Arrival und Departure getrennte Zugänge mit sicher zwanzig Aufzügen. Man geht nicht einfach zum Bahnsteig sondern sucht sein Gate zum einchecken.

Lounges für Male und Female, Läden, Cafe, Counter für ein halbes Duzend Autoverleiher, Reisebüros: Alles da, nur die Passagiere fehlen.

Richtung Mekka hat es einen eigenen Bereich, denn hierhin dürfen nur Moslems fahren.

Einfahrt des Zugs nach Medina

Drinnen sind die Züge eher spartanisch möbiliert, aber alles notwendige ist an Bord. Ich glaube bequemer zu sitzen als in jedem ICE. Die Triebwagen fahren extrem ruhig. Es gibt kaum Durchsagen. Alle Infos liefert der Screen. Halten tun wir nicht unterwegs.

Draußen sind nur Sand und Geröllwüste. Auf vierhundert Kilometer keine größere Stadt. Ab und zu in der Ferne ein paar Gehöfte um ein Minarett. Hier möchte man nicht begraben sein.

Ankunft in Medina. Pünktlich auf die Minute. Schon wartet eine große Putzkolonne, um die Waggons für die Rückfahrt zu reinigen.

Vor der Bahnhofshalle lauert ein Heer an Taxifahrern und Animateuren. Mein Hotel scheint wenig bekannt. Zwischen den Fahrern wird heftig über Standort und den Weg dorthin gestritten. Zwischendurch kommen immer wieder Anreißer, um mich in eine der überteuerten Limousinen zu drängen. Das lässt sich aushalten solange sie nicht beginnen meinen Rucksack dorthin zu schleppen. Dann ist Schluss mit lustig.

Schließlich einigen sich die Droschenkutscher auf ein Quartier in dem mein Hotel stehen könnte. Ich kann wenig helfen, denn das Paket der Telecom, das im Zug gut funktionierte, streikt plötzlich.

Das Hotel ist ok. Ein großes Appartement. Wieder mit Küche Wohnraum. Man reist hier offenbar gerne mit allen Anverwandten.

Nach einer Stunde sortieren und schlafen zieht es mich zum Hedjaz Bahnhof. In Medina endete die berühmte Bahnstrecke aus Damaskus. Bauherr war das Osmanischen Reich, das in jener Zeit auch die arabische Halbinsel besetzt hielt. Finanziert wurde die 1.300 Kilometer lange Strecke zu 70 % vom türkischen Staat und zu 30 % aus den Geldern eines Pilgerpfennigs, den Muslime aus aller Welt spendeten, denn mit der Bahn sollten Wallfahrern von Damaskus statt in 45 Tagen in weniger als einer Woche zu den heiligen Stätten in Mekka und Medina transportiert werden.

Um 1900 begann der Bau. 1908 erreichte der erste Zug Medina. Diese Leistung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schließlich führt die Strecke durch unwegsame Wüsten. Es gibt wenig Wasser. Im Sommer ist die Hitze extrem. Der Weiterbau Richtung Mekka wurde in Medina gestoppt. Ein Grund war wohl auch, dass viele Stämme um die guten Einnahmen vom Transport der Gläubigen fürchteten. Der erste Weltkrieg begrub dann alle Pläne. Die Türkei geriet, auch Dank ihres englischen Beraters Lawrence (im Film der Lawrence von Arabien verewigt) unter Druck. Er einte die Arabischen Stämme und lies sie Anschläge auf Schienen Loks und Wagen verüben.

1924 endeten die durchgehenden Zugfahrten endgültig mit drei Materialtransporten aus Ma’an, einer Stadt in Jordanien. Bereits seit 1916 war der Verkehr deutlich eingeschränkt. Schuld an den Zugausfällen war weniger der Lawrence der immer mal ein paar Gleise entlang der stark mit Truppen gesicherten sprengte sondern die Religion. Meissner der Deutsche Projekt Ingenieur und sein Stab, alles Christen, durften sich nicht weiter als Al Ula, circa 300 Kilometer von Medina entfernt, Richtung Heiligtümer bewegen.

Die Arbeiten wurde ab diesem Zeitpunkt von ungeübten Technikern betreut. Schlecht verlegte Schienen, Pfusch am Bau, Provisorien statt Brücken ließen bald Lokomotiven entgleisen. Regen schwemmten in diesem Abschnitt häufig Bahndämme und Übergänge weg. Die Strecke auf saudischen Gebiet musste bald aufgegeben werden. Post Operativ klug gescheissert könnte man hinzufügen: So ist dass wenn man dem Fachkräftemangel mit Ausgrenzung aus ideologischen und religiösen Motiven zu begegnen sucht. In Jordanien war die Linie bis 2017 das Rückgrat für den Phosphat Transport. Täglich brachten schwere Loks mehrere lange Züge mit dem Dünger in den Hafen von Akaba bis die Autolobby zuschlug. Im neuen Hafen „vergaß“ man den Gleisanschluss und baute stattdessen eine achtspurige Autobahn von den Minen durch die Geröllwüste zum Meer. Der Verkehr der Stichstrecke aus Damaskus Richtung Haifa endete mit der arabisch israelischen Auseinandersetzung um 1948. Die Nebenlinie nach Beirut wurde 1975 Opfer des libanesischen Bürgerkriegs. Und der spärliche Personenverkehr zwischen Damaskus und Amman endete mit um 2015 mit dem Terrorregime von Assad.

Das sind einige Infos zur Hedjazbahn. Wer mehr wissen will, dem sei dieser Beitrag empfohlen: https://www.thehejazrailway.com/route-guide

1982 haben Hedi und ich Damaskus besucht und den alten Bahnhof besichtigt. Wie in einer Zeit-Kapsel hat er die Grande Epoche überlebt und seinen alten Glanz konserviert. Vor fünf Jahren bin ich die Strecke in Jordanien abgefahren, habe den Bahnhof in Amman mit seinem Museum angesehen.

Hier erhalten einige Könner mit Improvisationstalent auf hundert Jahre alten Werkbänken drei vier alte Dampfloks und hoffen eines Tages wieder auf Strecke gehen zu können. Die Türkei investiert hier viel Geld in die Bewahrung der Historie, was immer auch Erdogan damit beabsichtigt. Und dann war ich in jener Zeit noch in Beirut und Rayak in der Bekaar Ebene oben im libanesischem Gebirge. Hier stand bis zum Bürgerkrieg ein großes Ausbesserungswerk mit 2.500 Beschäftigten. Heute rosten hier auf einem riesigen Gelände dutzende Lokomotiven, die einst das Mittelmeer mit Damaskus verbanden.

Medina wählte ich dieses Jahr als Ziel, um in Saudi Arabien die Relikte der Hedjaz Bahn zu besichtigen. In der „heiligen Stadt“ wollte ich beginnen. der Bahnhof und das Umfeld mit zahlreichen Artefakten seien gut erhalten und liebevoll gepflegt. Und dann der Frust.

Gleisseite. Das Erdgeschoß wurde 1908 gebaut. Es wirkt grober als der filigrane erste Stock, der drei vier Jahre später aufgesetzt wurde

Der Guard am Tor stoppt mich. Keine Besichtigung möglich, es werde renoviert. Auf meine Frage wie lange das dauere, meint er drei bis sechs Monate, das wisse allein Allah. Keine Chance auf Einlass. Das erlebt auch eine Saudische Familie, die mit ihren Kindern hier ein wenig Eisenbahnluft schnuppern möchte. Das Gelände ist riesig. Es wirkt eher wie ein Themenpark mit viel Grün und vielen Rastmöglichkeiten.

Der Blick von der Straßenseite

Auf dem Gelände stehen alte Wagen, die als Ausstellungsräume dienen. Ein Zug..

Erhalten sind auch noch einige alte Funktionshäuser wie Wassertank, Lokschuppen, Güterhalle, Waschräume und Wohnungen. Aber davon bald mehr.

Mich zieht es nach einem langen Tag noch zu einem Chickenburger und einer neuen durchaus frischen Entdeckung: Alkfreies Bier gemischt mit schwarzen Johannisbeeren.

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