Montag, 20.Januar, Dschidda

Dschidda? Jeddah? Spät bin ich eingeschlafen. Früh wache ich auf. Zeit ein wenig zu lesen. Anne Appelbaums „Achse der Autokraten“ ist meine aktuelle Lektüre. Wie passend. Das Frühstück ist ausgezeichnet. Arabische Küche mit allem was dazugehört. Viel Obst, Gemüse, Joghurts, Oliven etc. Ich lasse mir Zeit. Danach: Geldautomat suchen. Bares ist Rares: Auch wenn man vom Taxi bis zum Schluck Wasser hier wirklich alles mit Karte bezahlt wird, ich habe immer gern ein paar Scheine in der Tasche plus 20 Dollar. Der erste Versuch eine Cash Maschine zu finden, schlägt fehlt. Ich lande nebenan in einem Einkaufszentrum, doch der Money-Maker, über den Google Maps informierte steht längst auf dem Schrottplatz oder bei einer Deutschen Sparkasse. Der zweite Versuch an Bares zu ziehen, erfordert Mut. Ich muss den Highway überqueren. Der verläuft zwar auf Stelzen aber der Bypass drunter ist genauso dicht befahren. Mit einem Saudi warte ich gefühlt eine viertel Stunde bis sich eine Lücke auftut. Ein kleiner Bummel nebenan durchs Wohngebiet und fast hätte ich den Geldspucker übersehen. Er steht am Straßenrand. Quasi Drive In. Ein netter Mensch in einem Riesen-SUV hilft mir, denn es dauert einige Momente bis die Englische Übersetzung aufleuchtet. Aber dann kommen prompt die Scheinchen.

Am späten Nachmittag mache ich mich Downtown. Eine Strecke von rund 8 Kilometern. Um diese Zeit auf acht Spuren: stop and go. Eigentlich wollte ich zur Strandpromenade aber der Droschkenfahrer überredet mich zur Altstadt. Ein guter Tipp.

Hier scheint die Betonwüste weit weg. Ein Hauch von „1000 und eine Nacht“ liegt über dem Quartier. Die Basarstraßen sortieren sich noch nach den Sortimenten: Ob Tücher, Kleider, Gewürze, Schmuck, Schuhe oder Haushaltswaren: Jede Branche hat ihre eigene Gasse.

In den langen Hallen fehlt ein wenig der Betrieb und das Gewusel des Orients. Touristen begegne ich kaum. Man merkt, dass sich das Land gerade öffnet. Es fehlen noch die sonst üblichen Stände für T-Shirts und den Magneten für den Kühlschrank. Ich gestehe, sie sind auch mein bevorzugtes Mitbringsel.

Die Dichte an Moscheen ist beeindruckend. So viele Gebetshäuser auf so engem Raum habe ich noch nie erlebt. Und ich war öfter im Orient. Regelmäßig ruft der Muezzin. Fast alle Händler verriegeln dann ihren Laden für 15 Minuten um in einer der Moscheen in der Nachbarschaft zu beten.

Am Eingang von einem Bethaus spricht mich ein Iman an und lädt mich zu einem Besuch. Er und sein Kollege sprechen sehr gut Englisch, erklären ein wenig. Die Häuser sind auch Räume der Meditation. Einige Gläubige bleiben nach dem Gebiet hier: Lesen, Ruhen, in sich hineinhorchen.

In mir regt sich langsam Hunger. Aber es ist gar nicht so einfach das Quartier zu verlassen. Überall wird gebaut. Saudi Arabien scheint sich nach all den Boom-Jahren auf seine Geschichte und seine Tradition zu besinnen. Wohin der Weg führt: ???. Aber zunächst ist positiv: Alte Häuser werden sorgfältig restauriert mit all ihren Erkern, Balkonen und Sehschlitzen aus denen Frauen einst das Geschehen auf der Straße beobachten durften. Bei früheren Besuchen in Ländern wie Marokko oder Mauretanien habe ich viel über die Privatheit und den Rückzug innerhalb der eigenen vier Wände als Teil der arabischen Kultur gelernt. Auch wenn Gebäude außen schlicht erscheinen: Drinnen sind sie oft wahre Paläste.

Ich fühle mich wie im Irrgarten. Jeder Weg eine Sackgasse, die an einem Bauschild endet. Zurück bis zur nächsten Ecke, nächster Versuch. Google maps ist der Situation nicht mehr gewachsen..

Ja und irgendwann passiert es. Im Dunklen stolpere ich über eine Unebenheit. Schlage mit dem Gesicht auf der Straße auf. Blut. Schmerzen, Brille verbogen. Ich bleibe eine Weile liegen, finde nach langem Suchen eine Apotheke, die die Wunden desinfiziert und verbindet. Ein Optiker biegt die Brille zurecht und ich will nur noch ein Taxi ins Hotel. Dort esse ich einen Happen und betrachte mein geschwollenes Antlitz. Nachts verfärbt sich der Bereich um das Auge. Es sieht übel aus.

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