Der letzte Tag in den USA. Jede Reise geht einmal zu Ende. Ich lasse mich durch die Stadt treiben. Auch hier: die Innenstadt ist leer. Kaum Geschäfte. Die wenigen Restaurants die noch existieren, tun mir leid. Die Lauf-Kundschaft fehlt.

Selbst die Billigheimer wie Dress for less sind aus der City geflohen. Auch viele Büroräume in den Stockwerken weiter oben scheinen unvermietet.

Wie ich später im Museum sehe, war die Innenstadt einst ein blühendes Zentrum. Einige Bauten und Tafeln zeugen noch vom einstigen Glanz.



El Paso ist Grenzstadt. Eine Brücke entfernt liegt Ciudad Juarez, quasi eine Zwillingsstadt. Doch unterschiedlicher können zwei Geschwister nicht sein. El Paso gilt als eine der sichersten Städte der USA. Das mexikanische Pendant verzeichnete Anfang der 2000er Jahre die höchste Mordrate der Welt. Die Drogenkartelle kämpften um die lukrativsten Routen. Mittlerweile hat sich die Situation beruhigt. Scheinbar.
Bis 1917 existierte die Grenze zwischen beiden Ländern quasi nicht. Ein Wechsel zwischen beiden Nationen war ohne Papiere möglich. Diese Freizügigkeit hat sich mit der mexikanischen Revolution verändert. Heute ist der Streifen links und rechts des Rio Grande Hochsicherheitsgebiet. Die USA schützen sich mit mächtigen Grenzanlagen. Keine Mauer aber hohe Dreifach-Zäune, die zumindest hier unüberwindbar scheinen.
Ich beschließe, einen Abstecher zu riskieren. Die Straße Richtung Mexico ist richtig belebt. Wir würden sagen „Polen-Markt“. Es ist noch amerikanisches Gebiet aber die Klamotten sind unfassbar billig. Alles Fake aber man ahnt für welche Hungerlöhne die Menschen in Mittelamerika schuften müsse.


Die Einreise nach Mexiko verläuft problemlos. Ich muss noch nicht einmal meinen Pass zeigen. Lediglich die Benutzung der Brücke kostet 50 Cent. Es sind viele Menschen unterwegs. Fast ausschließlich Hispanic People. Autos können an dieser Stelle nur Richtung USA fahren. Auf vier Spuren steht Wagen an Wagen. Ich frage mich wie man hier den Schmuggel von Drogen unterbinden kann. Der Fußgängerweg Richtung Mexiko auf der linken Seite des Übergangs ist völlig eingehaust. Ca 250 Meter links, rechts und oben Maschendraht bzw ein Dach.

In Ciudad Juarez erwarten mich hinter dem Schlagbaum weder Bierbars noch ein Rotlicht Viertel oder Ramschläden. Stattdessen betrete ich einen riesigen Medizinpark, um es positiv zu formulieren. Hunderte Apotheken, Zahnärzte, Optiker, Ärzte, Prothesenbauer und sonstige Fakultäten erwarten die Kundschaft aus den USA. Manche Mediziner arbeiten in Partyzelten. Viele Dentallabore sehen so aus, dass sie in Deutschland sofort vom Gesundheitsamt geschlossen würden. Hierher kommen aus den Vereinigten Staaten nicht nur die Ärmsten der Armen sondern die Mittelklasse. Die USA sind eines der reichsten Länder der Welt. Trotzdem sind viele Menschen unterversichert oder Mitglied einer Krankenkasse, die beispielsweise die Zahnbehandlung nicht zahlt oder überhaupt nicht geschützt. Die Medizin Touristen kaufen hier kein Viagra sondern Pillen und Säfte, die sie ein wenig länger leben lassen.
Ich erinnere mich an den ehemaligen Piloten, den ich vor einigen Jahren in Kalifornien traf. Er war in Kaiserslautern stationiert, hat die modernsten Kampf-Jets geflogen. Um es heroischen in den Augen der Amis zu formulieren: jemand der sein Leben für die Freiheit riskiert. Dieser „Held“ musste im Alter seine Medizin gegen Bluthochdruck in Mexiko kaufen, weil seine Krankenkasse die Zahlungen limitierte. Irgendwelche Generika deren Wirkung offen bleibt.



Entlang der Hauptstraße traue ich mich bis zur Kathedrale im Zentrum.

Naja: Kathedrale ist ein wenig übertrieben. Eine Fassade wie in einem Western. Drinnen wirkt die Kirche eher modern.

Eine lange Menschen-Schlange schiebt sich quer durch das Kirchenschiff. Der Pfarrer segnet seine Schäfchen, nimmt sich für jeden einzelnen Zeit, um ein paar Worte mit ihm oder ihr zu reden, spricht Mut zu, tröstet. Dazu spielt ein Duo.

Keine sakralen Weisen sondern Lieder aus Lateinamerika. Gerade so entsteht Spiritualität. Viele Frauen und Männer in der Schlange sind wohl auf der Flucht vor Armut und Terror. Die Kirchen hier kümmern sich gemeinsam um die Menschen. Auch der Pfarrer vorne wie ich im Internet erfahren habe. Vor einem Jahr sind 39 der Schützlinge bei einem Brand in einem Abschiebezentrum ums Leben gekommen.

Es macht mich nachdenklich. Eine Lösung für all die Probleme kenne ich auch nicht. Es gibt kein Schwarz, kein Weiß. Aber dazwischen fällt mir auch nicht viel ein.
Ich schlendere noch ein wenig um den Marktplatz. Das Revolutionsmuseum hat leider geschlossen. Langsam marschiere ich wieder Richtung Grenze. Die Einreise in die USA mit meinem EU Pass geht völlig reibungslos.


Das Museum of Art von El Paso schließt erst um 18 Uhr. Es soll einige interessante Exponate moderner amerikanischer Kunst besitzen. Mein Besuch ist leider vergebens. Es wird umgebaut.

Ein paar Bilder hängen orientierungslos an der Wand. Im Foyer zwei drei Skulpturen und in einem Nebenraum eine Video-Installation.

Im Museums-Shop einige wirklich geschmackvolle Kleidungsstücke. Aber 570 Dollar für einen Umhang ist ein stolzer Preis.

Nebenan im historischen Museum überzeugen zwei Räume: Der Aufbau der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts und die Zeitreise durch die Musikhistorie von El Paso.
Zurück im Hotel beginne ich zu packen. Wahrscheinlich fahre ich mit dem Bus zum Flughafen. Zum Abschluss noch einmal auf drei Tacos und ein Corona zum Mexikaner.
