Samstag, 26. Oktober Dallas

300 Meter vom Hotel entfernt soll ein guter Diner für Frühstück sein, so ist auf den Bewertungsportalen zu lesen. 300 Meter sehen auf Google Maps völlig easy aus. Blöd nur, wenn zwei Highways zwischen mir und den Eggs mit Bacon liegen. Anfangs über einen Parkplatz. Kein Problem. Weiter auf Fußgängerwegen. Aber die enden im Nirgendwo. Zum Glück ist Samstag und der Verkehr hält sich in Grenzen. Über den Parkplatz eines Hotels schaffe ich es dann wieder in sicheres Terrain. Die Strapazen lohnen sich. Ein Diner wie aus dem Modellbaukasten. Knallvoll. Es ist Samstag. Familientag. Hier trifft sich die Nachbarschaft. Am Tisch nebenan sechs Ladies. Die Portionen, die sie vertilgen: XXXXL. Naja. Von nix kommt nix. Die Hälfte der Menschen hier hat schlicht 50 Kilo zu viel auf den Rippen. Und bei jedem meiner Besuche in den USA scheint ihr Anteil zu wachsen.

Ich bin da etwas bescheidener in meinen Ansprüchen. Es schmeckt richtig gut.

So gestärkt geht es mit der Straba zum Dallas Museum of Art.

Ich hatte am Abend vorher Tickets im Internet bestellt und war ziemlich erstaunt, dass der Eintritt ins Museum nichts kostet. Gebeten wurde nur um eine kleine Spende. Klar. Macht man gerne.

Tricky. Bluff. Wie man es nimmt. An der Kasse muss ich mich mit dem Ausweis legitimieren. Bei dieser Gelegenheit erklärt mir der nette Mitarbeiter: Wenn ich die Bilder der Ausstellungen sehen wolle, koste das 20 $ extra. Eh. Geht´s noch. Wozu komme ich ins Museum: Um überteuerten Kaffee aus dem Becher zu trinken?

Das Haus zeigt (gerade noch bis Anfang November) die Ausstellung „Die impressionistische Revolution“, eine Homage an die Geburtsstunde des Impressionismus. Mein Lieblings-Sujet. Im Jubiläumsjahr ist es mir immerhin gelungen vier bedeutende Ausstellungen zu 1874 zu sehen. Paris und Washington sowie Köln und Dallas. Die beiden ersten waren herausragend. Beide auf Augenhöhe. Dallas zeigt viele „Hochkaräter“. Allein deshalb lohnt sich der Besuch. Aber es fehlt ein wenig das Narrativ. Ist in den USA auch objektiv schwierig. Oft sind die Ausstellungen nach den Sponsoren beziehungsweise Mäzenen geordnet. Das gibt es den Smith Raum und das Müller Zimmer. Dort hängen dann Bilder ohne inneren Zusammenhang. Dazu: In Dallas mag es an dem Zahlen-Fetischismus der Texaner liegen: In den Begleittexten spielt eine zentrale Rolle wie oft die Künstler an den 12 Ausstellungen nach 1874 teilgenommen haben. Quasi wie eine Hitparade.

Den zweiten Teil meines Besuchs in dem Museum verbringe ich in der Abteilung „Amerikanische Kunst des 20 Jahrhunderts“

Weiter geht es zum Farmer Market. Ein Fußmarsch von rund zwanzig Minuten. Eine Gelegenheit den Rand der City kennen zu lernen. Hier am Ausgang des Museums bin ich noch mitten in der Innenstadt. Das Foto habe ich gemacht, weil die kleine Kirche in diesem Quartier die einzige Erinnerung daran ist, wie die Stadt vor 50 Jahren ausgesehen hat.

Auch hier im Erdgeschoss der vielen Hochhäuser leere Räume. Auffallend: Viele Restaurants und Bars der gehobenen Kategorie haben aufgegeben. Ihre Eröffnung basierte vielleicht auch auf der Illusion, die Innenstädte der Zukunft werden nicht mehr von dem normalen Bürgertum bevölkert sondern von einer Oberklasse, die zwischen den Abstechern in teuren Boutiquen von Nobelschuppen zum nächsten Esstempel zieht, um Kaviar zu löffeln und Champagner zu schlürfen. Viele der Läden wirken von außen schon so abgehoben, dass die meisten Menschen wenig Lust auf eine Einkehr verspüren.

An jeder Scheibe eine Telefonnummer und der Hinweis „For Lease“. Block für Block. Selbst einen Seven Eleven oder einen Mc Donalds sucht man hier vergeblich. Dafür ist die Obdachlosigkeit ebenso unübersehbar wie das massive Aufgebot an Sicherheitskräften.

Das alte Dallas: Das „Majestic“ am Rande der Innenstadt. Erinnerung an eine goldene Zeit der Musiktheater. Jonny Cash ist hier aufgetreten. David Bowie und viele Weltstars mehr

Ein Regierungsgebäude. Die Parallelen zum Imperium Romanum sind unübersehbar und gewollt. In dem blauen Auto ein Foto-Shooting mit einem Brautpaar. Bei einer Scheidung bleibt wenigstens der Wagen im Gedächtnis.

Im Farmers Market beim Italiener gegessen. Eigentlich ist das Label irreführend. In der Halle reiht sich Futterbude an Futterbude. Obst und Gemüse vom Erzeuger ist nur noch selten zu finden.

Der anschließende Besuch eines Eishockey-Spiels endet fast schon vorzeitig an der Ticket-Box. Ich bitte die nette Mitarbeiterin, mir einen guten Platz auszusuchen, bezahle und sie fragt mich nach meiner Telefonnummer. Sekunden später blinkt auf dem Smartphone aber die Nachricht lässt sich nicht öffnen. Neuer Versuch mit Email. Gleiches Spiel. Ah meint sie, ich müsse die App von Ticket- Master installieren. Nur: Ich mache ja viel, aber auf der Straße eine mir fremde App einrichten mit Kreditkarten-Nummer etc. No Way. Die Schlange hinter mir wächst. Wir debattieren. Papiertickets gebe es nicht mehr. Das sei „Old School“, aber Geld zurück gehe auch nicht. Es geht hin und her. Die Schlange in meinem Rücken schlängelt sich über den Platz. Irgendwann kann ich sie mit meinem Offenbacher Hinterhof Romeo Charme davon überzeugen, ihren Boss zu kontaktieren. Und (oh Wunder) sie kommt mit einem Papierschnipsel zurück auf dem ein leibhaftiger QR Code aufgedruckt ist. Merke: Wer im digitalen Zeitalter sich nicht auf die Regeln einlässt (und normal bin ich ja gutwillig), ist ausgeschlossen.

Drinnen streike ich. Der Becher Bier 16 Dollar für ca 0,3 Liter. Dann geht Sport halt mal ohne Sprit. Dafür ist die Show gigantisch. Choreographiert vom ersten bis zum letzten Moment. Ich muss zugeben: Es macht Spaß. Und die „Dallas Stars“ spielen richtig gut wie ich mit meinen bescheidenen Kenntnissen aus einigen deutschen Spielen glaube beurteilen zu können. Bei uns auf dem Niveau: Ich glaube ich wäre Fan des Spiels auf Schlittschuhkufen. Nebenbei: die beiden Jungs vor mir hauen sich jeder vier Bier zum Preis von 16 Dollar rein.

Auch die Rückfahrt nicht ohne Hindernisse. Mein Bus hält nicht an dem Gate wo er hingehört. Der Fahrer mag lieber mit einer Kollegin flirten. Ich spreche ihn an. Nein, er fahre nicht in meine Richtung und düst los. Seine Kollegin erkennt den Fehler. Aber da ist es zu spät. Mit der Zentrale Kontakt aufzunehmen hat aber auch niemand Lust. Eine Stunde warten. Wenigstens ist es warm und eine Security bewacht den Busbahnhof.

So wird es kurz nach 11 am bis ich im Hotel ankomme und noch ein wenig Muse zum lesen finde. Immerhin: 0,3 Liter Bier kosten hier nur 7 Dollar (plus Tax and Tip).

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