Morgens mit einem Kaffee und einem Sandwich vom Barwagen in den Observation Car gezogen. Überraschung: Mich spricht ein Mitglied einer Amish Familie an. Wie ich genießt er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn, vier Monate alt, die Landschaft. Mit dabei, seine Schwester, die kaum älter als zehn Jahre alt ein Kopftuch trägt, seine Brüder und seine Eltern. Sie sind auf dem Weg von Wisconsin nach Maine. Dort lebt Verwandtschaft, die sie einmal im Jahr besuchen. Zwei Tage je Richtung für vier Tage Aufenthalt dort. Aber zuhause auf dem Hof kann die Arbeit nicht liegen bleiben. Seine Kühe, die er zum Schlachten züchtet, können eine Woche alleine auf der Weide stehen. Aber nicht länger und in seiner Baufirma stapeln sich die Aufträge. Er fertigt Blockhäuser für Jagdpächter oder Touristencamps. Richtig tolle Konstruktionen, die auf den Fotos einen großen, stabilen und komfortablen Eindruck machen.70-80.000 Dollar kostet bei ihm so eine Hütte. Das Geschäft scheint einträglich.
Es dauert nicht lange, da sitzt der kleine Bub auf meinem Schoss und lächelt mich eine Stunde lang an. Fotografieren ist leider nicht drin. Die Amish versuchen alle Errungenschaften der Moderne zu vermeiden. Deshalb fahren sie auch Zug. In beinahe jedem Express sitzen Amish. Oft in großer Zahl. Sie tragen Kleidung wie sie vor zweihundert Jahren Mode waren. Auch der kleine auf meinem Schoß hat so eine Art grünes Leinenhemd an. Die Männer und Frauen könnten in einem Historienfilm mitspielen.
Sie alle sprechen untereinander Deutsch wie es vor zweihundert Jahren bei uns üblich war. Sie lesen die Bibel in Altdeutscher Sprache. Die Vorfahren dieser Familie kommen aus Witzenhausen und aus Zweibrücken. Kontakte zur Verwandtschaft in Deutschland haben sie nicht mehr. Sie erzählen mir von ihrem Leben. Es ist hart, arbeitsam und fromm. Sie wollen aber auch von mir wissen wie wir in Deutschland leben. Hochspannende zwei Stunden. Sie haben aber nicht nur ihren Glauben und ihre Sprache in die neue Zeit mitgenommen sondern auch ihre traditionellen Rollenbilder. Die Frauen werden selbstverständlich geschickt, um Unterlagen, Bilder oder das Getränk für den Mann aus dem Abteil zu holen. Zum Schluss schreiben sie meine Adresse auf. Nicht die Email: die gilt ja nicht sondern die richtige Hausanschrift.

Draußen das herbstliche Wisconsin und Minnesota. Schmucke Häuschen, abgeerntete Felder, kleine Dörfer.

Gegen 15 Uhr erreicht der Zug Milwaukee. Ein hochmoderner Bahnhof. Immerhin: von hier aus gibt es einige Verbindungen in das 90 Minuten entfernte Chicago.

Mit der Straßenbahn zum Hotel. Ein richtig gut geführtes Holiday Inn. Nebenan noch ein paar Besorgungen für Christian und mich. Auch hier das gleiche Bild wie in allen amerikanischen Innenstädten: Leere Schaufenster, geschlossene Läden. In den wenigen offenen Läden nur noch Mini-Jobber, die schlicht überfordert wirken, wenn man eine Frage stellt. Um die Geschäfte rum versucht auch in Milwaukee in die Attraktivität der City zu investieren. In Beleuchtungskonzepte beispielsweise. Gelungene Geschichten.


Kultur ist angesagt. Und auch Sport: Squash in leeren Läden.


Die Stadt rückt wieder an den Fluss. Aber all dies kann den Niedergang den ich auch in anderen Städten gesehen habe, nicht aufhalten. Der Umbruch ist radikal und dramatisch. Die Städte verlieren ihren Kern und damit eines ihrer verbindenden Elemente. Wir schlittern in eine Art Post Urbanität in der Städte wachsen, ihre Milieus sich aber zunehmend in ihrer eigenen Blase wohl fühlen.

Mich zieht es in die Markthalle. Im Internet stand, dass es hier gutes Essen in großer Auswahl gibt. Ist richtig aber anders als ich mir in das in meinem von Offenbach geprägten Weltbild vorzustellen vermochte. Also keine Essstände mit Produkten vom Viehzüchter oder Gemüsebauernaus der Region mit Organic Touch. Im Prinzip stehen hier 20 bis 30 Foodtrucks ohne Räder und bieten Speisen aus aller Welt vom Döner bis zur Pho, vom Hamburger bis zu Tacos. Der Höhepunkt: die Bierwand. Kreditkarte rein, Gerstensaft raus. Ersetzt den Wirt.

Insgesamt auf den zweiten Blick kein so schlechtes Konzept. Es sitzen volle Tische über Stunden zusammen. Jeder speist nach seinen Vorlieben. Viele Bummeln von Gruppe zu Gruppe. Außerdem gibt es viele Möglichkeiten E-Sport zu betreiben. Golf Abschläge üben.

So eine Art Boole mit Säcken, die in Löcher geworfen werden. Das ist quer über die Staaten das angesagteste Spiel. Auch in den Fußgängerzonen hoch und runter.

Mich zieht es in mein Bett. Ein letzter Blick auf das nächtliche Milwaukee
