Dienstag, 22. Oktober – von Portland nach Milwaukee

Ich wache im Schnee auf. Mitten im Glacier Park. Der Zug hat in der Nacht vom Meer her mehr als 1.000 Höhenmeter erklommen. Ich habe gut geschlafen. Auch den langen Aufenthalt in Spokane. Die Rangierer haben die Kurswagen aus Seattle angehängt. Jetzt hat die Garnitur eine beachtliche Länge. Sie passt nicht mehr an jeden Bahnsteig, deshalb dürfen die Passagiere nur aus bestimmten Wagen aussteigen.

Die Gegend hier kenne ich. Habe hier vor 12 Jahren schon einmal Urlaub gemacht. In einem Eisenbahndepot. Klingt so bescheiden aber der Schuppen und die Remisen waren damals sehr luxuriös umgebaut worden.

An zwei Dinge kann ich mich erinnern. Es gab kein Netz. Viele Manager und Geschäftsleute, die hier auch Entspannung suchten, sind halb wahnsinnig geworden, weil sie nicht mehr telefonieren konnten.

Und meine Taxifahrerin. Eine sehr resolute Dame, die mit ihrem SUV die Leute in die Berge fuhr. Dafür brauchte sie auch ohne Zweifel ein solches Auto. Aber die Frau hatte auch Angst um ihre Zukunft, Gletscher im Glacier Park gibt es kaum noch und in zwanzig Jahren werden Sie ganz verschwunden sein und mit ihnen die Touristen, die für ihr Auskommen sorgen. Am meisten Kummer machten der Frau aber ihre Kinder, die in der Stadt in Kalifornien lebten und kleine benzinsparende Autos fuhren. Eine Schande sei das. Der Gedanke, dass Abgase eine Ursache für das Gletschersterben sind, lag ihr fern. Als ich ausstieg verblüffte sie mich mit der Frage: „Is Germany a Democracy?“

Und da waren noch die zwei alten Männer, mit denen ich hier an einem kleinen Bahnhof ins Gespräch kam. Sie haben zusammen in Fulda und Bad Hersfeld in den 1950er Jahren bei der Army gedient; Grenze bewacht. Jetzt treffen sie sich noch einmal im Jahr. Einer kommt hier aus dem Norden. Der andere lebt in Florida. Stundenlang befragten sie mich über das Fulda von heute.

Wir fahren wohl zwei Stunden an der Schneegrenze. Im Observation Car treffe ich einen Rentner aus Seattle. Er hat eine Weile in Deutschland an einem Max Planck studiert, irgendwas mit Keramik. Später arbeitete er für Boeing und General Motors. Mit den Problemen von OPEL war er gut vertraut. Er sprach sehr gut Deutsch. Jetzt reiste er zu seiner Tochter nach Neuengland und später wollte er noch seine Schwester in Nashville besuchen. Wie ich fährt er gerne Zug. Er hat allerdings ein bequemes Schlafwagenabteil gebucht.

Von der politischen Einstellung ist er wohl eher ein Linker. Mit Bill Clinton und seiner Neoliberalen Politik habe das Unglück begonnen. Jetzt ist er ein glühender Anhänger von Pamela Harris.

Kleine Stationen, die längst nicht mehr bedient werden, ziehen an uns vorüber. So alle ein bis zwei Stunden ein Halt.

Die Menschen, die hier aussteigen, fahren mit der Bahn, weil der nächste Flughafen weit entfernt ist. Immer wieder überholen wir bei dieser Gelegenheit lange Güterzüge.

Oder bewundern eine Dampflok, die als Denkmal die Anlage schmückt.

Die Landschaft beginnt sich zu verändern. Der Zug verlässt die schneebedeckten Berge. Ab und zu ziehen kleine und große Seen am Zugfenster vorüber.

Die Ebene beginnt

Kleine Weiler. Eher Hütten denn Häuser. Es muss ein hartes leben hier sein. Schon bei meinen früheren Aufenthalten in den Staaten habe ich die Erfahrung gemacht: Viele Menschen zieht es in die Einsamkeit. Für sie ist das Leben hier Freiheit und Unabhängigkeit.

Irgendwann beginnt Farmland. Abgeerntete Felder: Weizen, Mais, Gerste.

So geht es bis in den späten Abend. Einmal noch bei einem Halt die Füße vertreten.

Die Lok muss nochmal aufgetankt werden

Zeit um mal in das Stationsgebäude zu schauen

Obwohl auf den Strecken wesentlich von Chicago meist nur ein Zug je Richtung an den Bahnhöfen hält, sind alle besetzt und wirken meist sehr aufgeräumt.

Dann Nachtruhe während vor der Lok und ihrer Mannschaft noch eine lange Nacht liegt.

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