Donnerstag, 16. Nov . 2023 Nouadhibou

Frühstück etwas einfach gestrickt. Je nach Plattform ordnet sich das Hotel im vier bis fünf Sterne Bereich ein. Naja. Ich würde mal sagen bei uns sehr gute drei Sterne. Die Morgenmahlzeit ist schon arg bescheiden. Käseecken, Marmelade in Döschen, Croissant und Kuchen. Dazu Kaffee aus der Kanne und O-Saft.

Aber es ist jammern auf hohem und ungerechtem Niveau. Aus dem verglasten Aufzug an der Außenwand hatte man einen Rundum-Blick auf die Umgebung. Luxus Wand an Wand mit extremem Elend und großer Armut.

Schräg gegenüber leben oder besser vegetieren unter Tüchern einige, die offenbar eine Chance zur Flucht suchen. Den Hafen und die Schiffe immer im Blick. Aber die Route von hier Richtung Kanaren ist längst unpassierbar. Die EU hat Marokko, Mauretanien und den Senegal aufgerüstet. Spanische Polizei unterstützt diese Länder.

Die Marineboote, die ich vom Dach aus in der Mole sehe, wirken sehr modern. Beim Abendessen saßen gestern Abend am Nachbartisch sechs durchtrainierte junge Spanier, die offenbar in dem Hotel zuhause sind. Gut möglich, dass sie zu der EU-Truppe gehören, die hier stationiert sein soll, um Flüchtlingsboote zurück zu schleppen. Ziemlich rigoros wie man hört. Die Kähne, meist kaum mehr als Seelenverkäufer, müssen jetzt immer weiter im Süden ablegen. Eine Fahrt von zwei Wochen´von Sierra Leone auf die Kanaren auf offenem Meer. Unvorstellbar das Risiko, das Menschen eingehen, eingehen müssen.

Nachdem ich ein Busticket habe, kann ich das Zimmer um eine Nacht verlängern. Dann der Schock. Mein kleiner Billig-Laptop lässt sich nicht mehr booten. Die Fehleranzeige deutet auf ein ernsthaftes Problem in der DNA der Maschine. Offenbar hatte das abgebrochene Update zu dem Crash geführt. Ich recherchiere im Handy. Aber egal welche Taste ich drücke, welchen Vorschlag ich befolge: Es geht nichts mehr. Mist.

Ich beschließe auf den Schreck eine kleine Stadttour. Es ist ziemlich heiß. Heißer wie sonst im November wie man mir sagt. Gestern habe ich ja ungefähr den Weg Richtung Hauptstraße gesehen.

Rund um das Hotel: Rathaus, Zentralbank, Provinzverwaltung, Hafen, Stadion: das ist auf hundert Meter sowas wie eine kleine Enklave jenseits der Armut. Den Rest der Stadt (120.000 Einwohner) kann man ohne Übertreibung als Slum bezeichnen. Natürlich hätte ich mir gerne die Verladeanlagen von der Bahn aufs Schiff im Hafen angeschaut. Aber der Weg dorthin führt nach meiner Einschätzung durch ziemlich unsicheres Terrain. Also andere Richtung: Hauptstraße entlang.

Gestern Abend habe ich ja schon die Fahrt in einem Uralt-Taxi genossen. Das sind keine Oldtimer wie in Kuba sondern die Schrottautos, die wir in Zahlung geben, um mit der Umwelt-Prämie mit gutem Gewissen einen Neuwagen zu kaufen. Unsere Öko-Seele mag das beruhigen. Dabei haben wir lediglich unsere Dreckschleuder nach Afrika verschoben wo sie -mit ausgebautem Katalysator- noch einige Jahrzehnte und einige 100.000 Kilometer mehr läuft. Klasse für die Emmissions-auf dieser Welt.

Ich möchte eines der Schrottvehikel fotografieren. Ein Polizist mit Gewehr in der Hand hält mich an. Ich habe nicht bemerkt: das Auto steht vor einer Kaserne. Naja, die war aber nicht so leicht zu erkennen. Unsere Bundeswehr würde streiken, wenn sie das Gebäude auch nur als Latrine zum Pinkeln nutzen müsste.

Jedenfalls bin ich verhaftet und werde in das Innere der Anlage geführt. Der Chef höchst persönlich begrüßt mich. „Allemagne“ sage ich. Wenigstens lächelt er daraufhin. Er spricht sehr gut Englisch. Ich erkläre ihm, dass ich doch nur das alte Taxi knipsen wollte. Die Bilder auf meinem Handy werden durchstöbert. Zum Glück habe ich die Fotos von der Grenzkontrolle auf dem anderen Apparat. Nichts Verdächtiges. Ich werde belehrt: Militär, Polizei, Sicherheit. No Pictures. Ich nicke demütig und der Soldat, der mich verhaftet hat, darf mich wieder nach draußen eskortieren. Diesmal mit Gewehr auf dem Rücken. Er entschuldigt sich. Ich klopfe ihm auf die Schulter: „Alles ok. My mistake“

Die Bettelei auf der Straße ist heftig. Irgendwann ist das Kleingeld alle. Doch die Schar der Kinder zieht unverdrossen hinter mir her. Ich biege in eine Seitenstraße ab. Es gibt hier in diesem Quartier keine kleine Bar. Mal hinsetzen, eine Cola trinken. In dem Stadtteil werden vor allem Autos repariert. Wer bei uns einen kaputten Mercedes aus den 1980er Jahren hat: Hier sitzt das know how, um ihn wieder fahrbereit zu schrauben. Ob auch mit TÜV? Mit einfachsten Mitteln wird gedreht, gehämmert und geschweißt. Gleich ob Auto oder Motorroller. Schrotthaufen, die wirklich fahruntüchtig sind, werden zerlegt. Jeder Bolzen, jedes Teil könnte ja wieder gebraucht werden. Es sind keine Werkstätten wie bei uns sondern einfache Hütten. Man sitzt davor im Sand und arbeitet. Sechs bis sieben Dollar beträgt der Verdienst im Schnitt in Mauretanien pro Tag. Hier soll er kaum höher als ein Dollar sein.

Zurück auf der Hauptstraße. Der Besitzer eines Ladens verkauft Kamelfleisch. Er wollte unbedingt geknipst werden als ich seine Werbung vor dem Laden fotografierte, duckte sich dann aber weg. Später ist mir eine andere Aussage des Bildes aufgefallen, die das Leben hier prägt. Rechts oben ist ein Bildschirm zu sehen. Die Menschen verfolgen den halben Tag auf Netflix, im TV, auf dem Smartphone das Leben in unserer „ersten“ Welt. Der Kontrast zu ihrer eigenen Situation begleitet sie permanent. Und natürlich wollen sie ein Leben wie wir. Genauso wie wir. Und sie wissen, dass sie unter den Rahmenbedingungen in ihren Ländern dafür nie eine Chance erhalten werden. Also setzen sie alles daran in die EU zu kommen, egal wie hoch ihr persönliches Risiko ist. Kein Zaun und keine Obergrenze werden sie aufhalten. Und wenn wir statt Geld nur Sachleistungen gewähren: So what. Jeder der einen Dollar pro Tag nach Hause schickt, verdoppelt das Einkommen siner Familie.

Nouadhibou liegt auf einer Halbinsel. Mehre Kilometer lang aber kaum 500 Meter breit denn Mauretanien teilt sich den schmalen Streifen mit Marokko. Die Erzbahn läuft in der Mitte hart an der Grenze. Trotzdem traue ich mich nicht die letzten 150 Meter bis zu den Gleisen zu laufen. Hierleben die Menschen quasi in Pappkartons. Es geht nicht nur um meine Sicherheit sondern ich möchte nicht wie jemand wirken, der Elend besichtigt.

Auf dem Rückweg. Ich kaufe Cola und O-Saft, der hier aus der Dose mit Fruchtfleisch super schmeckt. Dazu einige Kekse. Morgen ist wieder Reisetag, da möchte ich vorher nichts Frisches essen.

Nach drei Stunden zurück ins Hotel. Lesen, schreiben. Abends bestelle ich bei der Lady an der Rezeption meinen Transfer zur Bus-Station. Sie nickt eifrig. Punkt 6.15 Uhr soll ich am nächsten Morgen antreten. Denkste.

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