Mittwoch, 15. Nov. 2023. Dakhla – Nouadhibou

Heute geht es endlich weiter. Um 8.30 Uhr ist Abfahrt. Die Busstation liegt zum Glück keine 200 Meter vom Hotel entfernt. 7 Uhr aufstehen, duschen. Es ist noch Zeit für eine Zimmerreservierung per Internet. Wann habe ich wieder so ein gutes Wlan? Also jetzt die Chance nutzen. Eine fatale und teure Entscheidung wie ich zwei Tage später leidvoll erfahre. Nach der Buchung fängt der Reise-Laptop (ein Billiggerät vom Discounter) an mit einem Update. Vorher hatte ich immer abgelehnt, wenn der PC mir neue Software aufspielen wollte. Jetzt fragt er nicht einmal sondern legt einfach los. Nach einer halben Stunde ist er bei 23 %. Ich breche den Upload ab. Der Bus wartet und wer weiß wann wieder einer fährt.

Sonnenaufgang

Dort warten nur wenige Fahrgäste. Zeit genug um für ein Petit Dejeuner nebenan in einer kleinen Bar. Ein Baguette mit Käse plus Kaffee. Richtig gut. Vorher schnell die Registrierung bei der Busgesellschaft. Gepäck verstauen, Sitzplatz suchen.

Der ziemlich moderne Bus füllt sich an den kommenden drei Stationen quer über die Stadt. Ich habe Glück. Der Platz neben mir bleibt frei. Allerdings sitze ich auf der Sonnenseite, Das bedeutet: die Vorhänge bleiben geschlossen. Keine Aussicht.

Am letzten Stopp werden die Klappen unter dem Wagen mit Kisten und Kartons gefüllt. Die Fahrt dient auch der Versorgung der kleinen Orte entlang der Straße.

Wir fahren immer die Küste entlang. Je weiter wir nach Süden kommen, desto schmaler wird die Straße. Aber es ist ordentlich LKW-Verkehr. Mauretanien muss Obst und Gemüse importieren. Und viele der Trucks haben sogar den Senegal oder noch weiter entfernte Länder zum Ziel.

Es geht gut voran. Halte in vier fünf Wüstenkäffern. Hier möchte man nicht leben. Ab und zu ein Checkpoint. Ein Polizist oder Soldat schaut freundlich in den Bus und weiter geht es.

Gegen 14.30 Uhr endet die Fahrt an der marokkanisch / mauretanischen Grenze. Es ist noch Mittagspause. Das Tor zu.

Ein Beamter gibt uns zu verstehen, um 15 Uhr geht es weiter. Die LKW Schlange ist lang. Bis der Schlagbaum um 18 Uhr wieder runter gelassen wird, werden sicher nicht alle die Grenze passiert haben.

Ich spreche zwei Europäer an: einen Waliser und einen Polen. Wir verabreden gemeinsam die Kontrollen zu passieren. Später schließen sich zwei Franzosen uns an. Kurz vor drei kommen die Beamten vom Essen zurück. Wir müssen zu Fuß über die Grenze. Auf der anderen Seite soll ein Van auf uns warten. So steht es im Internet.

Erste Station: Eingangskontrolle: Im Prinzip wird überprüft, ob jeder einen Pass dabei hat und ob Bild und Inhaber sich ähnlich sehen. Fünfzig Meter weiter eine kleine Bude.

Einer von uns hat immer die Papiere im Blick. Sind die weg, wird es unangenehm.

Die Fenster sind verschlossen. Der Beamte ist wohl noch in Mittagspause. Wir müssen unsere Ausweise auf einen Stapel legen und warten in der Hitze. Gut dass wir Europäer uns zusammengetan haben. Vor der Bude drängen sich mittlerweile 30 bis 40 Leute. Da macht es Sinn, dass einer von uns immer einen Blick auf die gestapelten Papiere wirft, während der Rest von uns den Schatten sucht.

Es geht weiter

So nach 20 Minuten hat der Zöllner hier auch sein Dessert intus und es kann losgehen. Leider mit dem falschen Stapel. Unsere Pässe sind die letzten die gestempelt werden.

Rucksack aufschnallen. Unser Gepäck wird nicht kontrolliert. Im Prinzip ist die Prozedur freundlich, eigentlich easy. Aber sie dauert. Und sie ist noch nicht fertig. Denn wir reisen nicht direkt nach Mauretanien sondern müssen zwei Kilometer durch No-Man’s-Land, also Niemandsland. Die Passage war bis vor einigen Jahren schwierig. Hier wurde gekämpft. Auch wenn mittlerweile die meisten Minen beseitigt sind, garantieren kann niemand, dass neben der Piste noch Explosionsgefahr herrscht. Auch die zerschossenen Autos und Panzer von denen man im Internet gelesen hat, sind mittlerweile abgeschleppt Marokko habe wohl hier in den letzten Jahren in allen Belangen für Ordnung gesorgt, liest man. Aber: wir betreten hinter der Grenze „Niemandsland“. Deshalb müssen wir mit allen Schikanen noch einmal registriert werden.

Der berühmte Wall. Unser Anblick während der Wartezeit

Jenseits des Schlagbaums stehen massig Autos, die wohl den Transport bis zur mauretanischen Grenze übernehmen. Der Pole ist mittlerweile abhanden gekommen. Er musste sich eh ab hier ein neues Ticket kaufen. Der Waliser und ich hatten bis Mauretanien durchgebucht. Ein junger Mann spricht uns an, ob wir Tickets von Supra@Tours hätten. Haben wir. Unser Gepäck wird auf das Dach eines Van verladen, der überhaupt nicht so neu und bequem aussieht wie der von der Gesellschaft im Internet gezeigte. Also eher ein Buschtaxi. Es ist ziemlich eng. Wir blicken durch die Tür auf eine Müllhalde und die Mauer, die hier irgendwann vor einigen Jahrzehnten entlang der Grenze gebaut wurde, um wen auch immer vom Überschreiten abzuhalten. Der Waliser erzählt, man könne diesen Wall vom Weltall aus der Raumstation erkennen. Der Anblick dieser Barriere macht aber auch klar wie sinnlos das Bauen von Mauern ist. Eigentlich hat man hier Meterhoch über einige hundert Kilometer Sand aufgetürmt, der sich mit jedem Sturm weiter verflüchtigt.

Im Bus ist Geduld angesagt. Wir wissen nicht, warum es nicht weitergeht. Niemand hier spricht Englisch. Der Waliser und ich zweifeln irgendwann, ob wir im richtigen Transporter sitzen, sagen uns aber, dass wir es eh nicht ändern können. Nach einer Stunde kommt eine junge Frau in den Van. Auf sie und ihren Mann haben wir wohl gewartet. Er darf die Grenze nicht passieren, wenn wir die Gesten richtig interpretieren. Beide rufen sich noch etwas zu. Es geht weiter.

Bis zu dem kleinen Hügel reicht die Einflußzone von Marokko. Soweit ist auch die Straße geteert. Danach wird es holprig.

Auf dem ersten Kilometer ist die Straße zwar schon ganz schmal aber noch geteert. Der letzte Kilometer Richtung Mauretanien ist Piste, prall bedeckt mit Schlaglöchern, manche Metertief. Unser Driver fährt Slalom. Er macht die Tour wohl täglich. Kein Grund zur Sorge.

Vor dem Tor zu Mauretanien warten schon die Geldwechsler auf uns. Kaum stehen wir reisen sie die Tür auf. Der Walliser kennt sich mit den Kursen gut aus und ich tausche einen Teil meiner marokkanischen Dirham in mauretanische „was weiß ich“.

Blick aus Mauretanien Richtung Marokko

Die Zollstation ist von hohen Mauern umgeben. Drinnen nimmt uns unser Fahrer an die Hand. Wir brauchen im Gegensatz zu den Afrikanern ein Visum-on-Arrival. Da ist es gut, wenn jmd die Zuständigkeiten kennt. Aber erst mal zeigen, dass wir einen Pass haben und dass das Bild uns zeigt. Danach geht es in die Visa-Abteilung: Ein dunkler Raum. Auf einem schäbigen Sofa ein schlafender Zöllner. Ich traue mich nicht zu fotografieren. Aber dann geht alles relativ flott. Ich ziehe meine Fußballnummer ab. I’m Bayern München, my College is Arsenal. Ist meistens ein Eisbrecher. So auch hier. Der PC auf dem Schreibtisch ist Baujahr 2000 oder früher und seither nicht gereinigt. Aber es reicht, um die 55 Euro Gebühren zu verbuchen und eine Marke in den Pass zu kleben.

Nächste Station: Polizei. Hier drängen sich zwanzig Menschen um die Tür. Wir bekommen unsere Pässe abgenommen und warten. Jedes Mal wenn ich denke: jetzt ist mein Pass dran, betritt jemand den Raum und legt einen neuen Stapel Papiere hin und mein Dokument und das des Walisers rutschen wieder nach ganz unten. Blödes Spiel. Vor allem weil wir in einer Menschenmenge stehen in der wir von allen Seiten geschubst und gedrückt werden. Corona und Taschendiebe sind meine Befürchtung. Zufall oder mit der Absicht auf einen Dollar Schein im Pass?

So nach 30 Minuten werde ich ärgerlich und beschwere mich. Der Türsteher zeigt Verständnis und tatsächlich 15 Minuten später werden unsere Dokumente gestempelt. Es dauert extra, weil bei Europäern der halbe Pass nochmal abgeschrieben wird. Dann steht der Beamte auf und geht mit uns vor die Tür ohne uns die Papier zurückzugeben. Hier ein Schwätzchen, da eine Umarmung. So nach zehn Minuten kehrt er zurück in das Gebäude. „My Boss“ meint der Zöllner und zeigt auf einen baumlangen Kerl, der sich unsere Pässe krallt und in einen anderen Raum führt.

Irgendwie ist der Mensch ja urig angezogen. Eine Warn-Weste wie ein Mitarbeiter der Autobahnbaumeisterei auf der groß die Buchstaben „Interpol“ prangt. Auf dem Programm steht: Kreuzverhör oder so was ähnliches. Der Mann spricht gut Englisch. Woher, wohin? Beruf? Verdienst? und und und. Ich überlasse dem Walliser die meisten Antworten. Irgendwann kommt unser Fahrer rein (die beiden kennen sich wohl) und drängt auf Abfahrt.

Es geht weiter: Nächster Quälgeist: Der Drogenhund. Für mein Gepäck zeigt er kein Interesse aber mich schaut er ziemlich missmutig an. Möchte nicht wissen was der Wau Wau denkt. Zu guter letzt noch einmal Pass zeigen. Stempel drin, Bild bin ich. Mauretanien wir kommen.

Nach zwei drei Kilometern überqueren wir die Gleise der Erzbahn. Ein Notfoto aus dem vollen Van vom Bahnübergang, Ist ja schließlich mein Hobby.

Keine 50 Meter weiter hält der Kleinbus an einer Kreuzung neben einem anderen Transporter. Umladen. Hier werden die Passagiere Richtung Nouakchott und Nouadhibou getrennt. Ich beschließe die Zeremonie von außen zu verfolgen, obwohl ich meinen Bus nicht wechseln muss, denn er fährt Richtung Nouadhibou weiter. Aber so kann ich noch ein Bild vom Bahnübergang machen.

Gut dass ich aussteige. Der Boy denkt wohl, dass ich mit dem Waliser weiterreise und hat meinen Rucksack auf den Van Richtung Hauptstadt gewuchtet. Alles zurück. Ich denke mir „alles ist gut“ und setze mich wieder auf meinen Platz. Plötzlich zwei Geräusche gleichzeitig. Es ist wieder jemand aufs Dach gestiegen, obwohl auf beiden Wagen bereits ein Netz über das Gepäck gespannt ist. Und eine Lokomotive pfeift. Gibt es doch nicht denke ich: Was für Glück. Höchstens viermal am Tag werden die Schienen genutzt. Und jetzt gerade, wenn ich komme.

Ein kilometerlanger Erzzug rauscht an uns vorbei. Er kommt vom Hafen. Die Waggons sind leer, Bevor ich wieder Einsteige ein Blick auf das Dach des Van. Siehe da. Jetzt steht die Tasche auf dem falschen Dach. Alarm. Alles zurück.

Endlich kann es weiter gehen. Es sind etwa 20 Kilometer bis Nouadhibou. Dort kommen wir mitten in einem Slum an. Hohe Mauern begrenzen den Fuhrpark des Unternehmens. Ich frage wie ich an ein Taxi komme. „An die Straße stellen“. Blöd nur, hier gibt es keine normalen Taxis sondern nur Wagen die anhalten und man steigt ein. Meist überfüllt, immer total ramponiert. Keine Scheiben, fehlende Armaturen, keine Türgriffe, total zerbeult. Ich steige in einen Wagen mit zwei bunt gekleideten Ladies und einem Fahrer, der ununterbrochen lacht und Scherze macht. Mein Hotel kenne er, schwört er mir. Irgendwann merke ich, er sucht. Ich habe die Adresse auf dem Handy. Nützt nix. Er kann wohl nur arabisch lesen. Zwei dreimal findet er einen Kumpel der die lateinische Schrift beherrscht. Nutzt auch nix. Hauptsache er bleibt weiter so fröhlich.

Irgendwann hält er vor einer Herberge. Ist aber nicht die die ich gebucht habe. Der Name klingt aber ähnlich. Von hier werden wir nach dort geschickt und von dort nach da. Stadtrundfahrt ist angesagt. Plötzlich sehe ich von Ferne die Flutlichtmasten. Genau: Mein Hotel grenzt an ein Stadion. Gefunden.

Ich hatte nur für eine Nacht gebucht, weil ich erst wissen musste, wie ich weiter nach Nouakchott komme. Die nächste Odyssee beginnt. Einchecken an der Rezeption geht schnell. Klar. Der Chef ein Spanier, managt alles. Auch der Mann von der Rezeption macht das professionell. Um den Bus zwei Tage später soll sich die Assistentin kümmern. Sie verspricht zu telefonieren. In dreißig Minuten sei alles in Ordnung. Denkste. Als ich nach einer Stunde wieder komme. Upps. Vergessen. Naja, wenn man nur auf dem Handy surft. Nach dreißig Minuten das gleiche Spiel. Ich gehe Abendessen. Wieder nix. Zum Glück ist der Spanier wieder da. Ein Anruf und er hat eine Agentur an der Strippe. Da für den übernächsten Tag schon viel verkauft sei, solle ich gleich kommen. Der Boy des Hauses packt mich in einen uralt Pickup, der alle 400 Meter neu gestartet werden muss. Er nutzt kosequent die Gegenfahrbahn, beschimpft die Entgegenkommenden als Geisterfahrer und mag keine roten Ampeln. Aber ich bekomme mein Ticket. Auf der Rückfahrt halten wir noch an einem wundervollen Obststand. Ich decke mich ein, inklusive Cola im Laden nebenan.

Gut ggeschlafen.

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