Melilla war ja im Juni 2022 in den Schlagzeilen als tausende Migranten die Zäune überkletterten und die Stadt quasi stürmten. Spanien und die Frontex reagierten brutal. 23. Migranten starben. Mindestens. Alle die die Grenze überwunden hatten, wurden sofort abgeschoben. So viel zum Thema „es gibt kein Push back“ in Europa. Marokko nimmt die Flüchtlinge zurück, obwohl Spanien und Marokko keine befreundeten Staaten sind. Handelsinteressen spielen eine große Rolle. Die Enklave liegt in Afrika. Gehört seit 1500 Knips zu Spanien. Hier und in Ceuta haben Europa und Afrika einige Kilometer gemeinsame Grenze. Die Enklave zählt nicht zum Schengen-Raum. Egal wie triftig ein Asylgrund sein mag, Flüchtlinge werden sofort wieder zurück transportiert.
Mittlerweile ist nach dem Sturm auf Europa wieder Ruhe eingekehrt. Im Zentrum, dort wo ich wohne, wirkt Melilla wie ein durchschnittliches spanisches Landstädtchen. Ein paar Bars, Bürgerhäuser mit Balkonen und Geschäfte. Auffällig: Es wird erheblich in den öffentlichen Raum investiert. Straßen werden ausgebaut, die Fußgängerzone schickt möbliert, die Parks wirken wie geleckt. Riesige neue Kais und Piers warten auf Schiffe.
Alles in Ordnung. Fragezeichen. In den paar Straße rund um den Kern der City ballt sich das „Spanische Leben“. Es wirkt ein wenig wie: „Hier sind wir unter uns“. Hinter der Tapete scheinen viele Risse. Während der Pandemie waren die Grenzen geschlossen. Vielleicht ist das der Grund, dass jedes zweite Geschäft leer steht. Es ist selbst am Samstag Morgen kaum Betrieb auf der Einkaufsmeile. Überall Schilder: „Zu vermieten“ oder „zu verkaufen“. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es wenig Spaß macht weit weg vom Mutterland wie auf einer Insel zu leben: Die Enklave ist acht Kilometer lang und vier Kilometer breit. Eigentlich leben die Menschen hier in einem Hochsicherheitstrakt.
Ich bin auch gekommen, weil mich die Situation in einer eingeschlossenen Stadt interessiert.

Entlang der Borderline sechs bis acht Meter hohe Zäune: Fünf bis achtfach. Wenn man die Bilder mit denen vor einem Jahr vergleicht, hat Spanien deutlich aufgerüstet. Die Zäune sind höher und der erste Zaun hat jetzt eine Krone, die unüberwindbar scheint.

Die Zwischenräume sind mit Kameras gesichert. Nachtsichtgeräte. Bewegungsmelder. Sirenen. Bei der Ankunft hatte ich am Hafen 100 oder mehr wartende Soldaten gesehen. Sie sollten offenbar ausgetauscht werden. Entlang der Grenze wacht sichtbar kein einziger Beamter. Die Beobachtungstürme stehen leer. Man kann bis obenhin klettern. Der Alarm erfolgt offenbar elektronisch. Und dann werden Reserven herangeführt.

Hier in Höhe der Moschee starben vor einem Jahr viele Flüchtlinge. Auf der anderen Seite reicht das Dorf bis an den Zaun. Der Bürgersteig ist die Grenze. Viele Asylsuchende, die den ersten Draht überwunden hatten, wurden von Spanischem Gebiet aus mit Steinen beworfen, starben zwischen den Drahtverhauen.
Die Situation hier erinnert mich an eine Zugfahrt in den USA entlang der Grenze zwischen New Mexiko und Mexiko. Nördlich vom Zaun wohlgenährte Amis in riesigen SUVs, zwei Meter weiter hinter den Maschen Kinder, die mit Blechdosen kicken, weil ihnen richtiges Spielzeug fehlt. Auch hier: Ein Golfplatz bis direkt an den Zaun. Fröhliche Menschen, denen es an nichts zu fehlen scheint, versuchen ihr Whole in one. Auf der anderen Seite Männer und Frauen, die es unendlich schwerer haben über die Runden zu kommen. .
Im Jahr 1989 querte ich schon einmal hier die Grenze. Auf meiner ersten Tour durch Marokko. Es war Nacht und ich hatte es eilig, weil mein Schiff in einer Stunde fahren sollte. In der Dunkelheit erahnte ich einige alte Fabrikgebäude und sah den hohen Zaun. Dahinter ein Schild mit den Europasternen und eine Tafel mit welche Stadt Melilla alles verschwistert ist. Nach drei Wochen Wüste kam mir das absurd vor.
Heute ist der einzige Grenzübergang Richtung Nador eine High Tec Zone. Die kleinen Übergangstellen, die damals noch existierten, sind alle geschlossen. Auffällig: Rund um den großen Übergang ist ein riesiges Gewerbegebiet entstanden. Wahrscheinlich hoch von der EU subventioniert. Nur Firmen fehlen. Zerbeulte Schilder, leere Kioske, breite Straßen mit Behindertenparkplätzen und Ampeln deuten darauf hin, dass bis vor einiger Zeit hier richtig Betrieb war oder wenigstens sein sollte. Die Pandemie und die damalige Grenzschließung mögen wohl auch für den Niedergang mitverantwortlich sein. Irgendwie werde ich aber das Gefühl nicht los: Melilla ist für Spanien und Europa ein ziemlicher Kostenfaktor mit wenig Nutzen.
Im Bus in die Innenstadt sitze ich alleine mit 20 marokkanischen Frauen. Das war mir bereits während der zehn Kilometer meiner Tour heute aufgefallen: Jenseits der Innenstadt leben hier kaum noch Spanier. Die Marokkaner sind jenseits der Hauptstraße in der Mehrheit. Insgesamt hat die Stadt rund 80.000 Einwohner. Wahrscheinlich wird die Demographie irgendwann der Gamechanger werden.