Nicht so gut geschlafen. Ute hat mir schon seit Tagen von den Banh Mi in Hoi An vorgeschwärmt. Es sind belegte Baguette. Die Besonderheit in Vietnam: Der Backmischung wird Reismehl zugefügt. Die Banh Mi werden so fluffiger. Gefüllt werden sie mit Gemüse, Fleisch, Lachs, Käse oder was auch immer. Natürlich gibt es Stände und Läden die besonders empfohlen werden. Ute kannte so einen von einer Street Food Tour, die sie zwei Wochen zuvor machte. Zugegeben: Die kleinen Brötchen waren richtig gut. Allerdings: Die Preise sind in dieser Zeit auch schon wieder kräftig gestiegen.
Hoi An ist Boom Town. Die Insel gegenüber der Altstadt, auf der sich allabendlich tausende Menschen auf dem Nachtmarkt drängen, war, so Thomas vor zwanzig Jahren noch eine feuchte Wiese. Seit dieser Zeit verdoppeln sich im fast jährlichen Rhythmus die Grundstückspreise. Kostete der Quadratmeter anfangs noch Pfennige, werden heute schon mal 5.000 Dollar verlangt. Das hat viele Grundbesitzer hier sehr reich gemacht. Einst arme Fischer verkaufen die Hälfte ihres Ackers. Auf den beiden Teilen entstehen Wand an Wand zwei Gebäude, eines für den Investor, eines für den Fischer.

Die Gebäude sind meist schmal und tief. Die Grundsteuer wird nach der Straßenfront berechnet.
In Top-Lagen müssen vier- bis fünftausend Dollar Miete für einen kleinen Laden monatlich gezahlt werden. Kunsthandwerk, heimische Stoffe, Schnitzereien oder Töpferware von der Scheibe können die hohen Mieten nicht mehr einspielen. Es dominiert industrielle Massenfertigung aus Ländern, die noch billiger als Vietnam produzieren: T-Shirts, Tischsets, Gürtel, Handtaschen und Schmuckimitate.
Der Lock Down während Corona hat viele Geschäftsmodelle zusammenbrechen lassen. Auch zahlreiche Restaurants leiden unter dem Kostendruck. Thomas berichtete, dass eine Verwandte 4.500 Dollar monatlich an Pacht für ihren Gasthof berappen muss. Essen ist hier immer noch sehr billig, die Konkurrenz groß. Für ein Menu mit Getränken zahlt der Gast kaum mehr als acht Dollar. Wirte müssen verdammt viele Portionen Reis, Gemüse und Ente verkaufen, bevor sie Geld verdienen.
Auch der Hotelmarkt ist heiß umkämpft. Über 2.000 so genannte Home Stays konkurrieren um Kundschaft in Hoi An. Sie machen auf, verbrennen drei Jahre ihre Ersparnisse und sind dann pleite: beschreibt Thomas die Situation. Meist merke man es erst, wenn beim Nachbarn die Kartons auf der Straße stehen, dass der Laden schließen muss. Trotz der wenig rosigen Aussichten gebe es immer wieder Gründer, die aufs Neue ihr Glück versuchen.
Alle hoffen auf den großen Nachbarn China. Die Grenzen sind wieder offen. Vor der Pandemie kamen 90 Prozent der Gäste in Hoi An aus dem asiatischen Raum. Für Chinesen, die sich eine Reise in die EU oder in die USA nicht leisten können, ist Vietnam ein ideales Ziel. Im Reich der Mitte leben über eine Milliarde Menschen. Die Mittelschicht wächst. Das Potential ist riesig und damit auch die Hoffnung, dass diese Gäste Geld und Jobs bescheren. Europäer und Amerikaner sind als Touristen heute in Vietnam deutlich in der Minderheit.
Aber natürlich will das chinesische Kapital von der Entwicklung profitieren. Im benachbarten Da Nang kaufen Investoren aus China nicht nur Hotels über Strohmänner sondern ganze Wertschöpfungsketten, also Souvenir-Shops, Restaurants und Reisebüros durch die sie ihre Pauschalreisenden Busladungsweise scheuchen. Nach einer Untersuchung des Finanzamtes Da Nang zahlen diese Unternehmen im Schnitt drei Dollar Steuern im Monat. Kommt uns doch irgendwie bekannt vor.
China und Vietnam verbindet eine Jahrtausendalte Rivalität. Vor einigen Jahren habe ich das Kriegsmuseum in Saigon besichtigt. Die Bilder, Tafeln und Exponate haben längst gelöscht geglaubte Erinnerungen aus den hinteren Winkeln der Festplatte reanimiert: My Lai, die Hinrichtungen, Napalm und all die Grausamkeiten jedes Kriegs. Im letzten Saal hat es mir dann die Sprache verschlagen. Ein paar Bilder: Kinder für den Frieden. Klar, macht man so. Und direkt daneben Fotos, die den vietnamesischen Präsidenten und Bill Clinton in inniger Umarmung zeigen. Die Schrifttafeln beschwören die ewige Freundschaft zwischen den USA und Vietnam. Zwei Meter weiter steht China auf der Anklagebank. Bilder wie das Nachbarland bis in die 1990er Jahre Vietnam mit einer aggressiven Außenpolitik bis hin zu kleineren Gefechten zu kolonisieren versuchte. Äääh? China hat den Vietnamesen 1968 / 69 mit Lieferung von Waffen und Lebensmitteln den Arsch gerettet. Aber offenbar gilt: Was sind 20 Jahre Händel mit den USA gegen eine Feindschaft, die schon vor unserer Zeitrechnung begonnen hat. Fast witzig: überall zeigt die Regierung in Museen Beweise, dass die Paracel-Inseln, winzige Atolle im Südchinesischen Meer vor Vietnams Küste, schon immer zu dem Land gehörten. Beispielsweise im Tapetenmuseum nach dem Motto: Funde von Wandverkleidungen aus dem 16 Jahrhundert dort haben eindeutig vietnamesischen Ursprung. Naja. Da geht es halt auch um gewaltige Rohstoffvorkommen.
Auch bei meinem Besuch der Zitadelle von Hue wunderte ich mich vor fünf Jahren wie schnell Vietnam den Krieg, der dem Land von den USA aufgezwungen wurde und der so viele Opfer forderte, vergessen hat. Wir erinnern uns: Bei der Neujahrsoffensive 1968 wurde Wochen mit aller Grausamkeit um die Festung gekämpft. Noch heute sind die Wunden des Krieges an jeder Ecke dieser riesigen Anlage zu sehen. Viele 10.000 Vietcong ließen hier ihr Leben. Davon ist heute auf den zahlreichen Tafeln in der Anlage kaum die Rede. Stattdessen positive Zitate von Onkel Ho über die Fähigkeiten der USA

Abends Essen in einem vegetarischen Restaurant, das wir bei der vergeblichen Suche nach einer anderen Lokalität entdeckten. Ziemlich gut.

Danach Bummel über den Nachtmarkt. Ein Bier noch….

….einen Schokoriegel im Minimarkt

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