Dienstag, 31. Januar 2023

Von Vientiane nach Luang Prabang

Luang Prabang: für mich hatte die Stadt immer schon einen leicht mythischen Klang, Hauptstadt des alten Königreichs Laos und später Mittelpunkt des französischen Protektorats, einst das kulturelle und religiöse Zentrum des Landes. Um das Jahr 2010 besuchte ich Luang das erste Mal. Damals war die Anreise noch schwierig. Die Straßen waren in einem katastrophalen Zustand, wenig Asphalt.

Mit so einem völlig überfüllten Slow Boat, auf einem ausgebauten Autositz bin ich zwei Tage den Mekong hinabgeschippert. Von Urwalddorf zu Dschungelcamp. Mit Lars aus Holland, der Engländerin, die mit einem berühmten DJ liiert war, dem Chilenen, den beiden Jungs aus Samoa und den Niederländerinnen. Unvergesslich die Nacht in dem kleinen abgeschiedenen Dorf, in dem die Boote wegen der Dunkelheit halt machten. Das einfache Essen in dem Restaurant, das eher eine Bude mit Plane war und das anschließende Karaoke mit dem Chinesen und seiner Parteimütze.

Anyway. Heute ist die Anreise bequemer. Zwei Stunden mit dem Hochgeschwindigkeitszug, fast mit ICE-Komfort. Aber erstmal zum Bahnhof. Morgens um fünf Uhr aufstehen. Cola und Tütensuppe abrechnen mit einem Nachtportier, der nur wenig Englisch versteht. Das Taxi ist pünktlich. Ich bin früh genug da, um mich an der Station zurechtzufinden. Langsam füllt sich der Vorplatz. Morgens fahren zwei Züge im 30 Minutenabstand. Danach jeden Tag nur noch einer.

Welches ist die richtige Schlange. Es gibt zwei zur Auswahl. Nach einigem Fragen verstehe ich. Eine führt zur Tür zum Fahrkartencenter, hier gibt es jeweils Tickets für die nächsten drei Tage. Die Menschen, die hier anstehen, machen dies aus professionellen Gründen. Sie kommen morgens aus Vientiane mit einer Liste an Vorbestellungen. Und: The second line is mine.

Aber zunächst einmal warten. Eine Security Mitarbeiterin plärrt ununterbrochen Anweisungen in ein Megaphon in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Aber selbst wenn ich perfektes Deutsch vernehmen würde, die Tonqualität des Verstärkers ist so miserabel, dass selbst geübte Logopäden Schwierigkeiten bei der Interpretation des Gehörten hätten. Egal ob drinnen oder draußen. Jeder Offizielle in der weiten Halle besitzt sein eigenes Megaphon. Ranghöhere Beamtinnen sind an einem zusätzlichen Funkgerät zu erkennen. Wie eine Steuerfrau einem Achter halten sie alle ihre Schlange mit lauten Kommandos auf Kurs zur Einlasskontrolle: Ticket und Pass. Dann Security-Check. Genauso gründlich wie am Frankfurter Airport, nur schneller. Gelesen habe ich, dass eine chinesische Firma für die Durchführung der Kontrollen verantwortlich ist. Die besitzen offenbar das notwendige Know How. In Shanghai werden alle Fahrgäste der U-Bahn vor betreten der Bahnsteige kontrolliert. Ich habe das nicht für möglich gehalten, aber es funktioniert wie ich selbst erlebt habe.

Die Halle füllt sich allmählich. Ihre Gestaltung erinnert an die chinesische Einheitsarchitektur entlang der Hochgeschwindigkeitsstrecken dort. In Laos mit Anleihen an Bauformen von Pagoden.

Boarding wie am Airport. Wieder laute Anweisungen aus dem Megaphon, für Business, First und Economy jede Line wird mit einem eigenen Hand-Verstärker auf Trab gehalten, ein Verstehen wird so unmöglich. Noch einmal Pass und Ticket. Den richtigen Wagen zu finden, ist kein Problem. Die Züge parken, ähnlich wie in China auf den Millimeter genau auf ihren Markierungen.

Die Lao China Railway verbindet seit 2019 China mit Laos. Sie ist Teil des Seitenstraßen Projektes. Sie soll über Thailand nach Myanmar verlängert werden. Anschluss an den indischen Ozean. Der Transport von Waren aus China nach Afrika oder Europa verkürzt sich so um viele Tage. Im Augenblick ist wegen Covid der Personenverkehr Richtung China unterbrochen. Dennoch sind die Züge voll. Die Passagiere müssen am Grenzübergang für einige Kilometer in einen Minivan umsteigen, der sie in das andere Land bringt.

Offenbar nutzen auch viele Laoten den Zug für einen Trip in die Hauptstadt. Die Fahrt aus dem Norden verkürzt sich von einer Zwei-Tages-Reise auf zwei Stunden. In den eigenen Gepäckabteilen stapelt sich vieles, was es zuhause nicht gibt: Farbeimer, Elektronik in allen Abarten, Schuhe, Kleidung.

Ich habe über Luang Prabang hinaus bis zur Grenze nach China gebucht. Klar als Bahnfan muss man so eine Strecke in sein Poesiealbum kleben.

Die Landschaft ist bis Luang Prabang überwiegend flach. Hinter der alten Hauptstadt überquert sie den Mekong um danach fast nur noch in Tunnels zu verlaufen. Eine kostenintensive Trassierung, die auch später die Verlegung eines zweiten Gleises ermöglicht. Das bitterarme Laos hätte diese Investition aus eigener Kraft nie stemmen können. Perspektivisch braucht China eine schnelle Verbindung zu den Häfen am indischen Ozean, für Laos eigentlich überdimensioniert, aber man ist beim Bezahlen mit an Bord.

Klar. Auch Laos profitiert von der Linie, zu der China parallel noch eine Autobahn gebaut hat. Die Straße zum Bahnhof in Vientiane erinnert mit all den neuen Bürohäusern an den Charme von Frankfurt Niederrad. Jobs und Steuern könnten hier einmal generiert werden. Die Menschen werden mobil. Können besser Universitäten besuchen, einen Arbeitsplatz in der Stadt finden. Laos kann seine Rohstoffe heben und zu den Kunden transportieren.

Aber all diese Profite haben einen Preis. Einen Hohen. Zinn, Gold, Kupfer, Holz zählen zu den wichtigsten Exportgütern von Laos. Verladegleise zweigen immer wieder links und rechts von der Strecke ab. Hier stehen lange Reihen von Waggons mit Schütteinrichtungen, die sich gut zum Transport von Bodenschätzen eignen. Da die Gleise in Vientiane enden, erfolgt die Abfuhr ausschließlich in Richtung China. Man kann vermuten, um die Kosten für den Bau der Bahn zu begleichen.

80 Prozent der Menschen in Laos leben von der Landwirtschaft. Die Ufer von Flüssen wie dem Mekong oder dem Ou sind fruchtbar. China baut hier Staudämme, die sich quasi wie Fischstäbchen in der xxl-Packung aneinanderreihen, um seinen unermesslichen Energiehunger zu stillen. 10.000sende Bauern verlieren damit ihr Land am Strom. Palmöl für den chinesischen Markt wird im Raubbau auf Kosten des Regenwaldes im Norden gewonnen. Auch ökologisch hoch problematisch. Im Prinzip eine Alternative zwischen Pest und Cholera.

Ankunft in Boten an der chinesischen Grenze. In 3 Stunden 30 habe ich das kleine Land durchquert. Der Zug endet hier. Aussteigen und mit dem gleichen Zug in 90 Minuten zurück. Lok von vorne zu fotografieren ist nicht möglich. Ein Heer von Guards hat die Gasse zum Ausgang genau markiert. Noch einmal Pass und Ticket, dann ist es geschafft.

Auf dem Vorplatz steigen die Chinesen in die Minivans um, die sie zur Grenze bringen. Direkt hinter dem Bahnhof beginnt im übrigen eine gemeinsame laotisch chinesische Wirtschaftszone, wohl auch mit einer Menge Spielcasinos. Ich drehe mich um.

Der Bahnhof im chinesisch laotischen Zuckerbäckerstil. Gleiche Prozedur wie in Vientiane und ich bin wieder in der Abfahrtshalle.

Offenbar sind viele Chinesen über die Grenze gekommen. Sie werden an den nächsten beiden Stationen aussteigen. Möglicherweise zum Einkaufen. Hatten wir doch früher auch. Butterfahrten genannt. Im Zug kehrt auch keine Ruhe ein. Permanente Durchsagen in Laotisch Englisch, Chinesisch. Rauchen, Covid, Achtsamkeit in der Endlosschleife. 30 bis 40 Minuten am Stück. Dann zehn Minuten Pause, um die CD wieder aufs neu zu starten. Und dazu die Handys in den Waggons im Dauerbetrieb. Ich werde nie mehr über „Trävelling Deutsche Bahn“ spötteln oder einen Dauertelefonierer in der Ruhezone eines ICE strafend anblicken.

Ankunft in Luang Prabang.

Mit einer Herde Chinesinnen und einem Italiener teile ich mir ein Taxi. Das Problem: Die Mädels hatten verschiedene Hotels gebucht und vor jedem Haus entbrannte eine endlose Debatte, wer jetzt aussteigen muss. Irgendwann platzt dem Italiener der Kragen. Er schnappt sich seinen Rucksack und verlässt wutentbrannt das Auto. Ich halte bis zur Endstation durch und nehme mir ein Tuk Tuk zum Hotel..

Naja. Etwas versteckt in der Seitenstraße, die Aussicht ist auch beschränkt, aber das Bett ist ok.

Abends zum Italiener. Und das war nach 2 Tagen überhaupt nichts essen eine gute Idee. Der Laden wird der Sprache nach von Franzosen geführt. Von der Küche her könnte er auch mein Lieblingsrestaurant in Deutschland sein. Es war einfach nur gut. Campari vorneweg und ein Espresso wie aus dem Lehrbuch hinterher. Aber alles hat seinen Preis.

Auf dem Nachtmarkt noch ein Bier mitgenommen. Auf der Hotelterrasse die Flasche in den Arm geschlossen und ab ins Bett.

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