Dienstag, 24. Januar 2024 Lahore

Bin ganz schön im Rückstand mit dem Schreiben. Die Gründe liegen nicht nur am Nachtflug nach Laos sondern auch an meinem Wohlbefinden. Bronchitis, Fieber kombiniert mit massivem Durchfall. Davon später -aber nur kurz und dezent- mehr. Mittlerweile kann ich wieder essen und der Husten hat deutlich nachgelassen. Aber seit über 10 Tagen kein Bier. Höchststrafe.

Zurück nach Lahore. Imran wird mich heute noch einmal begleiten. Erste Station der Großmarkt am Rande der Stadt. Bei den Verkehrsverhältnissen hier eine Stunde Fahrzeit. Aber eine Stunde, die jede Minute gelohnt hat.

Hierher kommen die Bauern „from the Country Side“ und verkaufen ihre Ernte an die Geschäfte und vor allem die Kleinhändler, deren Stände aus dem Stadtbild von Lahore nicht wegzudenken sind. Das Areal ist riesig. Die Verkaufsfläche zieht sich über viele Straßenkilometer. Wir beginnen mit der Abteilung „Orangen“. Pakistan scheint ein Volk von Vitamin-D-Fetischisten zu sein. In der City von Lahore, an den Ausfallstraßen stehen ungezählte Wagen, oft im Abstand von zwei Metern, mit Bergen in orange, kunstvoll geschichtet.

Die Apfelsinen kommen per LKW. Viele Geschäfte werden telefonisch gemacht. Man kennt den Händler seines Vertrauens.

Pferde, Esel, Lasten-TuK-Tuk, Karren-Schlepper oder Träger transportieren die Ware zu den wartenden Klein-LKWs, die die Fracht in die Stadt bringen.

Für große Fahrzeuge wäre hier kein Durchkommen.

Imran kommt aus dem Orangental. Hier auf dem Markt kennt er fast jeden Citrus-Heinz. Alle zehn Meter ein neues Gespräch. Jetzt weiß ich, dass die pakistanischen Orangen die besten der Welt sind, was ich nachhaltig probieren durfte (musste – bin kein Apfelsinenfan). Sie sind wirklich angenehm süß mit wenig Säure.

Immer wieder die Bitte um ein Foto. Die kleinen Zitronen gibt es auch auf dem Offenbacher Wochenmarkt. Im Frühjahr. Kann ich nur empfehlen.

Auf dem Markt gibt es noch ungezählte andere Abteilungen. Pakistanische Süßkartoffeln sollen zu den besten der Welt gehören.

Pakistanischer Rettich, dem mein Begleiter wahre Wunderkräfte zuschreibt, wie er mir von Mann zu Mann zuflüstert.

Hier werden die Maiskolben sortiert. Popcorn ist bei den Pakistanis heiß begehrt und an jeder Straßenecke zu haben.

Blumenkohl gehört wohl hierzulande auch auf jeden Essensplan

Zum Abschluss führt mich Imran noch in eine Seitenstraße. Hier lassen die Trucker ihre LKWs verzieren…

Und können in vielen Geschäften Schmuck für ihr Führerhaus erwerben.

rpt

Wir treffen einen Paschtunen, Besitzer einer LKW Werkstatt. Er ist 63 Jahre alt, kommt aus Peschawar, lebt aber seit 40 Jahren in Lahore. Auch er ist unglücklich, dass Peschawar in den westlichen Medien immer wieder als eine Art Terroristencamp diffamiert werde. Es sei eine lebenswerte Stadt mit ungezählten Kulturschätzen und gastfreundlichen Menschen.

Bevor wir nach einem Tee (Peschawar Whiskey) weiterziehen noch ein Gruppenfoto mit seiner Mannschaft. Alter weiße Männer unter sich).

Weiter geht es zum Tomb of Empeter Jahangir, erbaut 1613. Das Mausoleum wurde für den gleichnamigen Mogulkaiser errichtet. Manchmal werde es mit dem Taj Mahal in Indien verglichen. Was ich nicht so nachempfingen kann. Das Problem: die Engländer haben den Marmor, der die Gebäude kunstvoll ummantelte abgeschlagen und nach Europa verschifft.

Beeindruckend aber immer noch die Wandgemälde, die die Jahrhunderte überdauerten,….

…die wunderbaren Einlegearbeiten …,

…und der riesige Park ringsum.

Beim Hinausgehen zeigt mein Begleiter mir eine Hochwassermarke im Mauerwerk in drei Meter Höhe. Ich blicke hinüber zu den Häusern der Umgebung. Sie müssen dann bis zur Dachrinne unter Wasser stehen. Und ich mag gar nicht an das Los der „Gipsy People“ hier denken. Ihre Behausungen am Flussufer hatte mir Imran beim Vorbeifahren gezeigt. Wellblech, Pappkartons ein paar Tücher an Stangen befestigt sind der Alltag der Sinti und Roma hier. Wie alle leben in einer Welt. DDa kann es doch nicht solche Ungleichheiten geben.

Ein spätes Mittagessen. Chicken Kebab, irgendein Fleisch und Rohkost. Sehr gut. Aber vielleicht hätte ich hier vorsichtiger sein sollen.

Flaggenparade. Nach einer Woche: Seitenwechsel. Dieses mal will ich das Spektakel aus pakistanischer Sicht erleben. Wie drüben auch: Security Check. Aber eher von der harmlosen Art.

Auch hier darf am Straßenrad die Akquise für den Rangerausbildung nicht fehlen.

Einer der späteren Hauptakteure begrüßt uns. Er kommt aus dem Dorf meines Guides. Wie praktisch.

Noch ist Zeit für Selfies. Die Jungs haben im wahrsten Sinne des Wortes „Gardemaß“.

Noch ist das Tor geschlossen. Irgendwann hechelt ein blonder leicht dicklicher Junge mit einem überdimensionierten Rucksack, verlegen lächelnd ob der vielen Zuschauer (garantiert Geisteswissenschaften an einer Süddeutschen Kleinstadtuni), Richtung Grenze, die eigentlich um 15 Uhr schließt. Man ist großzügig. Beide Seiten öffnen das Tor einen Spalt. Der Verspätete kann sich durchquetschen.

Viel später als auf der anderen Seite beginnt hier der Show-Block. Die Zuschauer werden mit Fahnenschwenken und Trommeln animiert, immer wieder „Lag lebe Pakistan“ zu rufen.

Im Gegensatz zur indischen Seite sind die Entertainer hier nicht uniformiert sondern tragen, wohl im täglichen Wechsel, Trachten aus den verschiedenen Landesteilen. Keine Marschmusik wie in Indien sondern ala „Country Roads“ also eher Folklore.

Ein wenig paradieren…

… Stechschritt…

…und einige Pirouetten. Symbole für die eigene Stärke wie überall auf der Welt beim Militär.

Das Tor wird für das Einholen der Flagge wieder geöffnet. Die Musik aus den Boxen und die Kommandos sind ohrenbetäubend. Dennoch: Die Töne überlagern nicht. Inder und Pakistani verstehen jeweils ihre Seite klar und deutlich. Bei aller Rivalität : das geht nur wenn jemand beide Anlagen gemeinsam aussteuert. Überhaupt sehen die Bewegungen und Abläufe des Show-Programms diesseits und jenseits des Zauns in der Choreographie sehr abgestimmt aus.

Ein letzter Händedruck zwischen den Verantwortlichen beiderseits der Grenze und das Tuch wird unter Trompetenklängen eingeholt, das Tor bis zum nächsten morgen acht Uhr verschlossen.

Seit dem Jahr 1951 wird die Flaggeneinholung jeden Abend an dieser Stelle zelebriert. Mittlerweile ist es der einzige direkte Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan, kaum genutzt. Dabei leben in Indien über eine Milliarde Menschen, in Pakistan sind es über 200 Millionen. Diesseits und jenseits des Zauns leben Sikh. Es gibt jede Menge verwandtschaftliche Beziehungen. Ich habe meinen indischen Guide gefragt, ob ihn nicht die andere Seite mal persönlich interessiere. „Klar“ hat er gesagt. Es scheitere nicht am Geld sondern an der Furcht, nach der Rückkehr intensiv von den Behörden befragt zu werden und möglicherweise seine Lizenz als Fremdenführer zu verlieren.

Die Zeremonie hat sich mittlerweile zu einer Show entwickelt an der viel Umsatz und Arbeitsplätze hängen, besonders in Indien. Auf dieser Seite versammeln sich allabendlich mindestens 10.000 Menschen, die die 28 Kilometer aus Amritsar kommen, um hier auch zu essen, einen Vergnügungspark zu besuchen, einzukaufen. Und dazu gratis eine sechzigminütige Show. In die Arena auf indischer Seite passen mindestens 30.000 Leute. gegenüber in Pakistan sind die Kapazitäten geringer. Vielleicht passen hier drei bis fünftausend Zuschauer in das schmale Rund. Dazu ein Cafe und einige Stände. Interessant auf pakistanischer Seite: Während im VIP-Bereich Männlein und Weiblein bunt gemixt sitzen, verschleiert / unverschleiert sind auf den billigen Plätzen die Geschlechter streng getrennt.

In Indien ist die Show straff organisiert, der militärische Charakter dominiert. In Pakistan wirken die Ranger in ihren schwarzen Uniformen zwar grimmiger aber sie präsentieren ihre Show lockerer, mit einem Augenzwinkern. Beide Seiten lassen, animiert von Entertainern, ihre Länder hochleben. Der leicht chauvinistische Touch der Veranstaltung wie ich ihn 2019 zu beobachten glaubte fehlt jetzt, abgesehen von einigen Gesten, fast gänzlich.

Auf meine Frage, warum beide Seiten jeden Abend so aufwändig die Show inszenieren, antwortet mein indischer Sitznachbar: They want to make the people happy“. Und auf pakistanischer Seite gibt es dazu Popcorn.

Und mir bleibt vor der Heimat noch ein Selfie mit dem Trommler

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