Pünktlich um 10 Uhr treffe ich Imran in der Lobby. Er hat einen Fahrer nebst einem Toyota Corolla mitgebracht. Unsere erste Station: das Lahore Fort. Kenne ich doch schon von gestern. Ja, aber heute habe ich mal wieder der Unterschied gespürt. Als Touri rumlaufen, die Tafeln und Wikipedia lesen oder einen Begleiter an der Seite zu haben, der das Bestaunte historisch einzuordnen versteht und die Besonderheiten an kleinen verborgenen Beispielen erklärt. Ich werde hier keine Geschichtsdaten oder die Liste der Mogule nachbeten. Wichtig ist zu sehen, zu welchen kulturellen Leistungen die Menschen hier schon im 13. Jahrhundert fähig waren. Der Wiederaufbau in der heutigen Form begann nach der Zerstörung durch die Mongolen 1421.

Diese Wand, sicher einige Zeit später vollendet, muss in ihrer filigranen Dekoration nur mit den einfachen Mauern der Burgen in unseren Breitengraten vergleichen. Mosaike, Wandgemälde, Lampen für die allabendliche Illumination zeugen von einer hohen Handwerkskunst. Dazu nur zwei Beispiele aus dem Inneren der Anlage.

Kunstvolle Einlegearbeiten in den Marmor. Manche Motive bestehen aus 400 Plättchen. So gut eingepasst, dass man mit dem Finger darüber fahren kann, ohne eine Lücke auch nur im Ansatz zu spüren.

Die Öffnungen nach außen sind mit Gittern aus Marmor ausgefüllt. Die Lücken aus einem Stück gefeilt, und so angeordnet, dass sie den Wind von dem Wasser des Burggrabens aufnehmen, der dann den Damen, die hier den Elefantenkämpfen zusahen, Kühlung zu gibt.

In die Wände der Säle sind Glasplättchen eingelassen, die bei nächtlichen Musik- und Tanzvergnügungen wie eine Discokugel das flackernde Licht an den Wänden spielen ließen. Das Fort ist seit 1982 Weltkulturerbe. Die Anlage könnte heute sehr viel prächtiger sein, wenn nicht die Engländer, die Pakistan Mitte des 18. Jahrhunderts besetzten, hier gehaust hätten. Die Burg wurde als Kaserne und Hospital genutzt, auf Feinheiten und Arabesken wenig Rücksicht genommen.

Gleich nebenan liegt die Große Moschee. Auch sie ein Zeugnis von Wissen und Kunstfertigkeit.

Die Winkel ihrer Säulen sind so geformt, dass sie den Schall übertragen. High Tec 400 Jahre alt.
Ich habe auf vergangenen Reisen durch die Türkei aber vor allem entlang der Seidenstraße immer wieder die großen Leistungen der islamischen Welt im Mittelalter bestaunen können. Die Seidenstraße, Samarkand und Buchara, waren Treffpunkte der Karawanen aus fernen Ländern. Mit ihnen kamen Wissen um Mathematik, Astronomie und Geometrie, mit ihnen kamen kulturelle Impulse: Musik, Malerei und Lyrik. Die Menschen dort sind polyglott. Bis heute. Die Sultane des 15. und 16. Jahrhunderts widmeten ihre Moscheen der Bildung. die Koranschulen waren auch Orte der Forschung und des Entdeckens.
Auch Lahore war schon früh eine Drehscheibe. Hier trafen sich Händler aus Afghanistan, China, Persien, Indien, Indochina und dem arabischen Raum, lernten voneinander. Lahore ist heute noch ein bedeutendes kulturelles Zentrum, vor allem für Musik und Tanz. Heute haben alle diese Zentrum im Verhältnis zu ihrer Konkurrenten deutlich an Bedeutung verloren. Viele dieser Regionen werden von Armut geprägt. Eine Entwicklung, die mich immer wieder beschäftigt.
Zurück zum heute. Mein Guide hat einst als Fixer für internationale Medien gearbeitet. Kontakte herstellen ist sein Metier. In Perfektion. Ständig spricht er Leute an, erkennt an der Sprache die Nationalität, verteilt seine Karte.

Im Gebetsraum stellt er mich einem Japaner vor, der gerade die steilen Stufen barfuß erklommen hat. 88 Jahre alt ist der Knabe und reist mit seiner ebenso „jungen“ Frau Gemahlin alleine durch Pakistan. Von Karatschi am Meer bis zum Nanga Parbat im Himalaya. Wahnsinn. Geduldig stellt es sich der langen Reihe, die alle ein Selfie mit ihm machen wollen.
Und uns begegnet noch eine andere Gruppe, mit der wir ein Gespräch beginnen. Vier junge Leute aus Peschawar. Imran hatte mir eine Tour dorthin angeboten. Reizvoll, weil es eine abwechslungsreiche und faszinierende Stadt sein soll. Aber halt auch: über die Stadt läuft der Nachschub für diverse Gruppen in Afghanistan, Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes inklusive. Ich habe ja mit mir gekämpft. Imran hat mir gesagt: Alles Safe. Letzte Woche war er mit einer Gruppe Amerikaner da. Sie alle waren begeistert. Aber der Drei-Tages-Abstecher hätte einfach meine Reiseplanung komplett umgeworfen, inklusiv Umbuchung von Flügen.
Die Jungs, schon etwas konservativ gekleidet, schildern mir Peschawar als eine Perle von Kunst und Handwerk. Sie seinen Leute, die sich für die Welt interessieren. Ein Prozent der Menschen in der Gegend dort fänden vielleicht die Terroristen sympathisch, aber 99 % wollen nichts mit ihnen zu tun haben. In Pakistan würde niemand Deutschland als kriminell bezeichnen, weil ein Prozent der Bevölkerung klauen würde. Die Medien würden ein Bild von Peschawar produzieren, dass wenig mit der Realität zu tun habe. Pakistan sei ein völlig anderes Land als in den westlichen Medien beschrieben.
Also, wenn ich nochmal hierher, wäre das ein reizvoller Ausflug. Ein Kumpel von meinem Begleiter hat auch Kabul im Portfolio. Wäre mittlerweile für ein Taschengeld zu haben. Vor drei Jahren hätte man weg der Eskorte noch 6.000 Dollar gezahlt, pro Tag. Und die Nachfrage sein groß gewesen.

Diese Geier posieren in Moschee und Fort für Selfies. Ist aber nicht so mein Ding.

Da hätten mich eher die Snacks gereizt. Aber roh?
Den Nachmittag verbrachten wir im Basar. Eine Explosion der Impressionen. Die Straßen sind immer noch nach Sparten geordnet: Schuhe, Hochzeitskleidung, Backzutaten, Fleisch oder Gewürze und und und. Irgendwas um die 50 Hektar soll die Anlage groß sein. Es ist nur einer von mehreren Basaren in Lahore. Das Gedränge ist beängstigend. Man schlängelt sich durch schmale Gassen, konkurriert mit Tuk Tuk, Eselskarren, Trägern, Motorrädern und manchmal sogar Autos. Geparkt wird kreuz und quer, Links- oder Rechtsverkehr: das sind doch Nebensächlichkeiten. Einfach nur ein paar Bilder.

Gleich am Delhi Tor Tiere, die den Abend kaum überleben werden.

Ein etwas seltsames Geschäftsmodell. Der Alte fängt Vögel und man kann sie einzeln freikaufen und fliegen lassen.

Die Abteilung scharf und heftig

Ein wenig Show für die Touristen.

In manch schmale Gasse hätte ich mich alleine nie gewagt. Aber an ihrem Ende erwarten mich oft kleine Überraschungen…..

… wie diese Werkstatt in der musiziert wird….

…oder dieser Instrumentenladen.

Mitten in dem Gewühle wird verkauft…

…gekocht….

…. Saft gepresst

…oder einfach nur geschaut.

Ziemlich erschöpft noch einen Tee auf einem kleinen Platz vor einer Moschee und dann Richtung Hotel.