Mittwoch, 18. Januar, Amritsar

Dem guten Frühstück folgte der Frust. Überpünktlich wartete ich in der Lobby den Guide, den ich im Netz gebucht hatte. Bestätigungsmail auf dem Handy. Nach einer halben Stunde immer noch Fehlanzeige. Zum Glück blickt die Mitarbeiterin an der Rezeption voll durch. QR Code mit dem Handy gescannt, mit irgendwem wo auch immer auf der Welt mit einem Call Center telefoniert. Es folgte ein Anruf von der örtlichen Agentur. 1000 Entschuldigungen, in 45 Minuten kommt der Begleiter. So war es denn auch. Ein netter Mensch, der sicher besser Englisch sprach wie ich aber in einem Singsang, den ich kaum auf Deutsch verstanden hätte. Kleines Auto aber der Rücksitz war richtig bequem.

Erste Station: der Ort des Jallianwala-Bagh-Massaker. Am 13. April 1919 erschossen in einem Park in der Innenstadt britische Soldaten und Gurkhas 379 Sikhs, Muslime und Hindus und verwundeten rund 1200 Menschen. Die Menge hatte friedlich gegen die Inhaftierung von zwei nationalindischen Führungspersönlichkeiten protestiert. Der englische Gouverneur hatte nach Unruhen der Unabhängigkeitsbewegung das Kriegsrecht ausgerufen. Der (nicht tödliche) Überfall auf eine britische Ärztin war der Auslöser für die Militäraktion. In den Park führen nur vier schmale, kaum einen Meter breite Zugänge. Flucht unmöglich. Über zehn Minuten ließ der Kommandeur feuern. Viele Opfer ertranken in den Zisternen und Teichen der Anlage.

Das Museum bereitet das Massaker sehr gut auf. Ein Mix aus Exponaten mit den Einschusslöchern im Mauerwerk, Clips mit gespielten Szenen und Infotafeln, die den Ablauf dokumentieren. Schade, dass wir nur so wenig Zeit haben. Am meisten ärgere ich mich, dass ich am Tag zuvor nicht diesen Ort in Ruhe besucht zu haben. Ich bin direkt an dem schmalen Zugang vorbeigelaufen, hätte viel Zeit für das Studium der einzelnen Stationen gehabt.

Ich erinnerte mich an Shanghai. 1920 als europäische Mächte die Stadt besetzt hielten, posierten englische Bobbies mit den abgeschlagenen Köpfen von Chinesen. Neben anderen Gräueltaten dort im Museum zu sehen. Die Demütigung dieser großen stolzen Nationen, die Entmündigung der Menschen in den Kolonien hat sich tief in die DNA dort eingegraben. Kein Wunder, dass diese Völker den Europäern und Amerikanern oft reserviert begegnen. Natürlich sind die Untaten von Isis und Taliban, grausam. Wir müssen alles daran setzen, sie zu brandmarken, sie zu verhindern. Aber wir dürfen nie vergessen, dass es kaum 100 Jahre her ist, dass Europäer ähnliche Grausamkeiten ausübten.

Nächste Station der Goldene Tempel. Ich kopiere einfach mal Wikipedia. Der Harmandir Sahib, im Deutschen oft Goldener Tempel genannt (richtig: Hari MandirGottestempel), ist das höchste Heiligtum der Sikhs. Erbaut wurde er vom fünften Guru, Arijan Dev, im 16. Jahrhundert und erfuhr eine Erweiterung (goldene Kuppel) im 19. Jahrhundert. Vielleicht bin ich Tempelbanause, aber hat man zwei gesehen, kennt man alle gesehen. Die Mystik hier gibt mir nicht viel. Sicher, der güldene Bau in der Mitte des Sees ist schon ein Schmuckstück.

Täglich besuchen mindestens 30.000 Pilger die Anlage, an hohen Feiertagen sind es 300.000. Alle müssen durch die engen Gassen der Altstadt, alle müssen verpflegt werden. Rund 1.500 freiwillige bereiten mit 500 Festangestellten pro Stunde 3.000 Mahlzeiten zu…

….die kostenlos in zwei Sälen serviert werden. Alle sitzen in langen Reihen auf der Erde. Die größte Küche der Welt meint mein Guide, man könnte auch sagen: „die größte Tafel“. Und ab hier hat sich der Rundgang durch den Sacralbau richtig gelohnt.

Mein Begleiter hatte Zugang zu den drei Küchen…

….in denen Reis, Curry und Gemüse köcheln…

….und den Saal, in dem unzählige Männer und Frauen Fladen für das Brot rollten. Der Teig wird in einer Maschine mit riesigen Schaufeln geknetet. Und Abwasch wird auch gemacht, an riesigen Waschstraßen.



Anschließend wollte mein Guide mit mir zum Fabrikverkauf. Wie überall. Und wie immer erkläre ich ihm, in meinem Alter kaufe ich nix mehr. Er hat flexibel umdisponiert und meinte, dann fahren wir sie zum Lunch. Es war nicht nur ziemlich, es war richtig gut. Aber auch für indische Verhältnisse richtig teuer und zu den Preisen auf der Speisekarte wurde reichlich addiert. Vermute mal einen Extrabonus vom Restaurant für meinen Begleiter. Aber ok. Es war gut und immer noch deutlich preiswerter als beim Normalinder in Offenbach.

Letzter Programmpunkt: Die Flaggenzeremonie an der indisch – pakistanischen Grenze. Skurril, eine Demonstration von Stolz und Selbstbewusstseins von zwei großen Nationen, eine Militärklamotte, eine Reminiszenz, eine Show? Irgendwie von allem was und wahrscheinlich von noch viel mehr. AAber zunächst heißt es 26 Kilometer auf dem alten Highway von Dhaka in Bangladesh nach Ka

Aber zunächst heißt es 26 Kilometer auf dem alten Highway von Dhaka in Bangladesh nach Kabul fahren. Unzählige Taxis und Kleinbusse haben das gleiche Ziel. Allabendlich. Um 16.30 Uhr (im Sommer um 17.30 Uhr) wird der einzige offene Grenzübergang zwischen Pakistan und Indien geschlossen. In Pakistan leben immerhin 250 Millionen Menschen, in Indien sind es über 1 Milliarde. Seit der letzten Kaschmir-Krise im Jahr 2019 sind die direkten Flug- oder Eisenbahnverbindungen gekappt, nur an diesem einen Checkpoint kann man die Grenze passieren.

Rund um diesen Grenzübergang haben beide Seiten ein Stadion gebaut: In Indien hat es von der Zuschauerkapazität Bundesligaformat, auf Pakistanischer Seite irgendwie vierte Liga. Die Grenze ist quasi die Mittellinie. Vor der Show heißt es aber aber erst mal anstellen, Kontrollen ertragen. Mein Feuerzeug wird beschlagnahmt, dito der Ersatzakku. Erlaubt sind nur eine Kamera und das Handy. Auch Schreibblock und Stift sind verboten. Vor der Zermonie amüsieren sich die zahlreichen Familien draußen in einem Vergnügungspark, dort gibt es unzählige Essstände, ein riesiges Parkhaus und fliegende Händler mit ihren Grenz- oder besser grenzwertigen Devotionalien. Drinnen jede Menge Borderpolice. Mir wird ein Platz im VIP-Bereich zugewiesen. Widerspruch zwecklos. Unten vor dem Tor stehen die Besucher zum Selfie vor dem Tor Schlange, Foto, mal mit Uniformierten mit Kalaschnikow, mal mit der Liebsten. Auf einem Riesenscreen zeigt die Elitetruppe Einsatzwillen auf hoher See, in den Steppen der Tiefebene und auf den Höhen des Himalaya, untermalt mit lauter Marschmusik.

Einige hundert Frauen, Männer und Kinder, die wohl jeden Tag aufs neu aus einem Landesteil herangekarrt werden, schwingen fröhlich kleine Nationalflaggen, um sich immer wieder zu einer spontanen Polonaise zu formieren.

Gegen 16.30 Uhr übernimmt die Borderpolizei. Ausgerüstet mit brauen Fantasieuniformen, weißen Garmaschen und prächtigen Federbüschen auf den Helmen. Der Stechschritt dominiert die Parade, immer vorwärts und rückwärts.

Ein Entertainer in Uniform, quasi Sergeant Stimmungskanone, animiert lautstark das Publikum zum Mitmachen. Klatschen, La-Ola-Welle, Parolen, die von den Rängen laut erwidert werden. Eine Atmosphäre irgendwo zwischen Rockkonzert und Fußballstadion. Wie Mick Jagger vor knapp 60 Jahren rennt der Gaudi-General quer durch das Stadion, lobt die Lautstarken und deutet den ruhigeren Ecken mit ans Ohr gelegter Hand „ich höre nichts“.

„Lang lebe Indien“, „lang lebe Hindustan“ skandiere die Menge, übersetzt mein Nachbar. Mit beiden Händen deutet der Animateur an, die Parolen in das Nachbarland zu schaufeln. Die ausladenden Gesten unterstützt er mit gelegentlichen abwertenden Pantomimen. Meine Frage, ob es auch böse Kommentare gegenüber Pakistan gebe, verneint mein indischer Nachbar. Bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren hatte ich durchaus den Eindruck von einem chauvinistischen Charakter der Veranstaltung. Durchaus nicht unproblematisch vor dem Hintergrund, dass beide Nationen Atomwaffen in ihren Arsenalen horten.

Auch unmittelbar am Zaun, wo in Kürze die Fahnen synchron eingeholt werden, scheint die Atmosphäre im Vergleich zu der Zeremonie vor drei Jahren professionell entspannt. Damals eskalierte die Kaschmirkrise. Die Grenzbeamten standen sich damals wie Wrestler gegenüber die ihre Gegenüber mit Gesten und allerlei wildem Posing verspotteten. Auffällig: auf pakistanischer Seite führen keine Uniformierten durch die Show sondern Männer in traditionellen Kostümen. Freilich sind ihre Rufe kaum wahrzunehmen. In Indien steht die bessere Lautsprecheranlage, gespeist von der vier- bis fünffachen Menge.

Das synchrone Einziehen der Flagge erfolgt fast unspektakulär. Stillgestanden, Schnur aufrollen und ziehen.

Kaum hat das Tuch den Boden berührt, ein ziemlich knapper Händedruck zwischen den beiden Anführern und das Tor wird für die Nacht geschlossen. Ich habe Glück: Die VIP-Loge wird als erstes geräumt und mein Fahrer kann abfahren ohne einen Stau zu befürchten.

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