Montag, 5. Nov. 2018

Von Siliguri nach Kathmandu

Ricado und ich hatten uns am Abend zuvor für 6.15 Uhr verabredet. Treffpunkt ist die Lobby meines Hotels. 5.15 Uhr aufstehen, duschen etc. Frühstück fällt aus. Als ich beim Check in fragte, „ob breakfast included“ sei,  antwortete  der Boy, „Yes“. Für seinen  Vorwitz erntete er vernichtende Blicke seiner Chefin, die mir barsch zu verstehen gab, „kommt nicht in die Tüte“. Macht nix. Wahrscheinlich waren Toast und Kaffee eh so schmuddelig wie das Bett.

In der Lobby erhielt ich ein Mail von Ricado „I´m  ready“,  aber er sei alleine im Hotel und das ist  abgeschlossen. „Please wait“. Gegen 7 Uhr habe ich dann ausgeharrt. Dann habe ich meine Absteige verlassen Richtung Busbahnhof. Keine 30 Schritte später stand der Chilene hinter mir und berichtete von seinem Abenteuer. Der Schlepper habe ihn zunächst zu einem reichlich obskuren Schuppen geleitet, den habe er abgelehnt. Die zweite angebotene Absteige sei  nicht besser gewesen. Der Manager habe nicht im Haus geschlafen aber die Bude komplett abgeriegelt. Heute morgen kurz vor sieben sei er erst zurückgekommen.

Als wir die Straße überqueren, stoppt direkt vor uns ein Bus. Der Begleiter schaut uns aus der Tür an „Nepal?“ Wir steigen ein. Anfängerfehler. Ich habe nicht rückversichert „Nepal wann?“.

sdr

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Der Bus fährt los, leider – was wir nicht ahnten- in die falsche Richtung. Säcke werden eingeladen, immer mehr Fahrgäste steigen aus. Bald sind Ricado und ich die einzigen Passagiere.

Der Blick auf das Cockpit beweist, man kann auch ohne Armaturen auskommen und ein freier Blick auf den Motor hat auch seine Vorteile.

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Irgendwann ist Endstation erreicht. Ein Markt in einem Vorort. Hektik und Trubel. Hier will die Mannschaft erst mal Pause machen und auf neue Mitreisende Richtung Grenze warten. Das kann schon Stunden dauern.

Wir protestieren und zum Glück steht an der Haltestelle ein Gefährt der gleichen Gesellschaft. Wir dürfen umsteigen. Der Schaffner ruft immer wieder das Ziel aus und nach einer viertel Stunde ist der Bus halb voll. Es kann losgehen und zwanzig Minuten später sind wir genau an der Stelle, an der wir vor über einer Stunde schon einmal standen.

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Die 25 Kilometer bis zur Grenze sind im wahrsten Sinne steinig und staubig. Kurze autobahnähnliche Abschnitte wechseln mit Schlaglochpisten. Am Straßenrand endlose Teeplantagen und LKW-Staus. Der Grenzort scheint aus nur einer Kreuzung zu bestehen und die ist heillos verstopft. Laster, Busse und PKW´s, Fußgänger, Träger Karrenzieher und Rikschas, fabrizieren  ein munteres Durcheinander. Ich hatte gelesen, dass der Grenzübergang sich bis Nepal etwa einen Kilometer zieht  und Ausländer diesen nicht motorisiert überqueren können. Taxi und Tuk Tuk sind damit perdu. Einzige Option eine Rikscha. Eigentlich möchte ich nicht, dass ein kleiner Asiat wie zu Kolonialzeiten  einen übergewichtigen Europäer mit seiner Körperkraft bewegt. Aber es gibt keine Alternative.  Ich habe keine Lust, einen Kilometer  mit Rucksack bei der Hitze zu laufen.

Ein Pedaleur spricht mich an. Dieses Mal verhandele ich nicht. Der Preis ist eh lächerlich gering. Ich verlade mein Gepäck und sobald eine leichte Steigung beginnt, steige ich ab und laufe hinterher. Ricado will die Strecke zu Fuß zurücklegen, um Geld zu sparen.

sdr

sdr

Erste Station ist das indische Immigration Office. Stempel abholen. Leichter gesagt als getan. Ein Israeli wartet schon hier. Er reist aus und gleich wieder ein, um so die Zeit seines Aufenthaltsstatus auszudehnen. In Indien kann man auch mit einem Jahresvisum nur zwei Monate am Stück bleiben. 25 Dollar koste ihn das nepalesische Tagesvisum. „Für zehn  Minuten Stippvisite“ schimpft er. Er ist mit dem Motorrad seit sieben Monaten auf dem Subkontinent unterwegs. Mutig.  Ich würde bei dem Verkehrschaos her noch nicht mal einen  Fahrradsattel anfassen.

Bald kommt auch Ricado und wir warten auf der Terrasse. Der Chilene und der Israeli fachsimpeln über die schönste Trecks  und ich kann nur staunend zuhören. Der Beamte drinnen macht  keine Anstalten, seinen Müßiggang zu unterbrechen. Sein Untergebener versichert uns alle zehn Minuten, es könne nicht mehr lange dauern und der Rikscha-Fahrer gibt uns zu verstehen, dass dies normal sei und die Warterei in seinem Tarif eingepreist ist.

Irgendwann werden wir alle drei einbestellt, besichtigt und der Israeli und ich sehr bestimmt aufgefordert, den Raum zu verlassen. Eigentlich war die Reihenfolge unserer Ankunft ja umgekehrt. Nach zehn Minuten bin ich auch dran: Iris-Scan (warum nicht bei der Einreise?), drei Fragen, Stempel, „Und Tschüss Indien“.

cof

cof

An der Brücke ein letzter sehr weiblicher Doppelposten mit automatischem Gewehr und ab geht die Fahrt über das ausgetrocknete Flussbett. Nepal Immigration.  Der Chef ist an Bord. Sein Problem, er hat keinen Kuli. Einen Stift braucht es aber, um auf dem Einreisestempel das Datum einzutragen. Hektisches Nachforschen im Schreibtisch, auf der Fensterbank und Fortsetzung der Suche im ersten Stock. Ich könnte ihm ja meinen Schreiber leihen. Aber ersten bekomme ich den nicht wieder, zweitens fahren die Busse eh nicht vor vier Uhr und drittens finde ich das Drama amüsant.

Irgendwann taucht das Schreibutensil  auf. Stempel und mein Zöllner kann wieder Siesta machen. Draußen kommt mir Ricado entgegen. Meine Rikscha bringt mich noch die hundert Meter zur Busstation und der tapfere Strampler erhält zu dem vereinbarten Preis massig indische Münzen. Preis verdoppelt, so schlecht ist mein Gewissen.

Ich frage in einer der 50 Agenturen rund um den Platz nach einem AC Bus, nicht dass ich die Klimatisierung unbedingt brauche, aber die Straßen sollen sehr staubig sein. AC wird deshalb  allenthalben empfohlen. Der Verkäufer antwortet „delux bus“. „AC?“, delux bus“, also keine AC. Das Label „delux“ steht hier auf jedem Bus, auch wenn es ein alter Britsh Leyland, Baujahr 1930, ist.

sdr

sdr

Zweiter Anfängerfehler an dem Tag; Ich hatte im Internet nach den bequemsten Transportmittel gesucht und die meisten Traveller haben eine Gesellschaft namens Binhan empfohlen, Die haben zwar auch keine Schlafliegen aber Sitze wie in der Premium Economy im Jet. Leider habe ich das Foto des Busses nicht auf dem Smartphon gespeichert. Nächste Agentur. Der Chef  nickt bei dem Namen Binhan, delux Bus, macht ein Zeichen, dass man den Sitz umklappen kann und ich zahle brav.

sdr

Die einzige ruhige Seitenstraße

Die Grenzstadt ist wie alle Grenzstädte: Ungefähr so viele Wechselstuben wie Einwohner. Der ATM steht nicht auf Mastercard, die Ladys hinter den vergitterten Schalten mit dem Schild „Exchange“  wollen keine Euro. Ich werde zur Nationalbank geschickt. Nach viel Papierkram verwandet sich mein 50 Euroschein in 7.000 und eppes Rupies. Ich hole das Frühstück nach: Buttertoast und Black Coffee, surfe ein wenig und beschließe mich rasieren zu lassen. Einfacher Salon ohne fließend Wasser, aber der Coiffeur versteht sein Handwerk: eine super sanfte Rasur für 40 Euro Cent. Allerdings besteht er darauf, dass ich einen Schnauzer behalte.

Anschließend bummele ich ein wenig durch das Dorf. Straße hoch, Straße runter. Natürlich treffe ich Ricado. Wir setzen uns in ein Cafe und plauschen. Ricado möchte sich einen Happen zu essen kaufen, mich zieht es in ein Restaurant. Der Reis mit verschiedenen Curries schmeckt gut. Um 15.45 Uhr zurück zum Busbahnhof.

Gegen 16 Uhr setzt sich eine ganze Armada an Bussen Richtung Kathmandu in Bewegung. Mein Ticket-Seller will mir mein Gefährt zeigen und wir marschieren quer über den Platz. Da steht er doch mein Binhan. Breite Sitze, viel Beinfreiheit und man kann die Beine hochlegen. Alles richtig gemacht. Denkste. Mein Transporter parkt nebenan. Ach nicht ganz schlecht aber schon etwas älter mit Beinfreiheit wie im Ryanair-Jet.

sdr

sdr

Gepäck muss unter den Sitz. Zunächst sind wir nur zu Viert. Hoffnung keimt auf, dass ich mich ein wenig quer legen kann. Aber dann: eine Minute vor Abfahrt kommt eine lärmende Gruppe Jugendlicher, die Fangesänge anstimmt. Also entweder eine Mannschaft, die hier gerade gesiegt hat, oder deren Anhänger. Die nächsten zwei Stunden wird Hymne  auf Hymne intoniert. Die Jungs haben ihre USB-Sticks dabei und könne so ihre Stimme mit lauter Musik  aus den massig installierten Boxen unterlegen. Der Lautstärkeregler  der Musikanlage ist wohl das meist gepflegte Teil des Wagens. Wenn da nicht die Rückkopplungen und verzerrten Frequenzen werden.

fbt

fbt

Nach zwei Stunden ist die Party vorbei. Die Recken  werden müde. Es wird ruhiger. Selbst auf dem Screen läuft jetzt gedämpfte Musik. Mit meinem Sitznachbarn habe ich mich anfangs gut unterhalten. Aber nachdem ich abgelehnt habe, dass er aus meiner Wasserflasche trinken kann, ist unser Verhältnis sehr distanziert.

cof

cof

Der Bus macht alle sechzig Minuten  eine kurze Pause und alle drei Stunden können die Fahrgäste irgendwo an einer Bude in der Pampa für zehn Minuten austreten. Ich bin sehr früh aufgestanden, auch wenn die Sitzposition unbequem ist, ich schaffe es  immer wieder für eine halbe Stunde einzunicken.

 

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