Von New Jalpaiguri nach Darjeeling
Die Schmalspurbahn von New Jalpaiguri nach Darjeeling hat unter Eisenbahnverrückten Kultstatus. 600 Millimeter Spurbreite ist die untere Grenze, um im öffentlichen Verkehr Fahrgäste sicher zu befördern. Weniger geht eigentlich nur bei Park- und Gartenbahnen auf ebenem Gelände. Die Darjeeling Bahn, 79 Kilometer lang, schraubt sich mit dieser minimalen Spurweite quasi von der Meereshöhe ins Gebirge auf 2.100 Meter. Die UNESCO hat die Strecke zum Weltkulturerbe erklärt.
Auschecken aus dem Hotel. Mein bereits bezahltes Frühstück beschränkt sich auf eine Tasse Kaffee von gegenüber, mehr konnte der Besitzer nicht auftreiben. Tuk Tuk zum Bahnhof. Der Driver will gerade mal zehn Prozent von dem, was gestern mein Schwarzfahrer verlangt hat.

Es ist kurz vor acht. Gegen 8.30 Uhr soll der Joy Train, so sein indischer Kosename, auf die Reise gehen. Ein paar einheimische Touristen warten mit mir am Bahnsteig. Kein Zug zu sehen. Es wird halb neun, neun, 9.15 Uh. So langsam werde ich nervös.

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Die vielen Breitspurloks, die rangieren, sind sicher ein schönes Motiv sein, aber um sie zu knipsen bin ich nicht hier.
Ich beginne ein Gespräch mit einer indischen Familie. Mittleres Alter, zwei Kinder, Teenager noch. Er in der Stahlbranche, sicher wohlhabend, denn der Toy-Train ist für hiesige Verhältnisse sehr teuer. Man muss in Indien Geduld haben, bedeutet mir der Vater, aber irgendwann schwindet auch seine Gelassenheit . Es gibt weder eine Ansage noch ist Personal vor Ort. Schließlich macht sich der Inder Richtung Schalterhalle auf und kehrt mit der freudigen Nachricht zurück, „ein Zug wird kommen“.

Tatsächlich, gegen 10 Uhr taucht die Garnitur am Horizont auf, eine Lok und drei blaue Wagen, echt ein Spielzeugzug . Das Depot ist etwa fünf Kilometer entfernt. Die Dieselmaschine koppelt ab, um sich in Fahrtrichtung an das andere Ende des Zuges zu setzen. Kurz hinter der Weiche stoppt der Lokführer in 100 Meter Entfernung. Der Tank ist leer. Macht eine weitere halbe Stunde Verspätung.
Endlich Abfahrt mit zwei Stunden plus. In die drei Anhänger passen etwa 20 Passagiere. Sie sind nur halbvoll besetzt. Die Sitze sind bequem, die Scheiben lassen sich zurückschieben, also beste Fotomöglichkeiten.
Auch in der Ebene ist die Schmalspurbahn nur 30 Kilometer pro Stunde schnell. Mehr ist auf den schmalen Gleise nicht möglich. Es geht wider vorbei an endlosen Slums.

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Zehn Minuten später eine neue Zwangspause. An einer Brücke teilen sich die Schmalspurbahn und die regulären Züge die Trasse. Auf dem Überweg ist eine Lok hängengeblieben. Wir können nicht passieren. Plus 45 Minuten.
Warten, Fotos machen, den Einheimischen, die neben den Schienen einen Markt aufgebaut haben, zu schauen.
In Siliguri ist der erste Halt. Der Bahnhof ist quasi die Talstation. Hier ist ein Depot. An den Wänden wird eindrucksvoll die Geschichte der Darjeeling Linie dokumentiert.

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Um das Jahr 1880 gebaut als eine Art Straßenbahn folgt die Linie der Asphalttrasse auf der gesamten Länge. Jede Kurve, jede Steigung wird exakt nachvollzogen. Oft kreuzen sich der Weg und Bahn im Zickzack, manchmal auf 100 Meter zweimal, ohne Andeaskreuze.


Unterwegs ein kleiner Ziegenstall
Nach etwa zehn Kilometer beginnt mit dem Regenwald die Steigung. Die Anstrengung des Motors ist deutlich zu vernehmen. Es wird laut und es riecht nach Diesel.

Der Lokführer tankt für sich an einer Quelle Waser nach, kleiner Stopp

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Der Zug nutzt jede Biegung, jedes Seitental um an Höhe zu gewinnen. Ortschaften und Hügel werden um 360 Grad umrundet. Dort wo der Platz fehlt, rangiert die kleine Bahn via Sitzkehren bergan. Zweimal gar schraubt sich die Strecke via eines Loops nach oben. Eine einmalige Ingenieursleistung. Das Projekt sollte wenig kosten. Deshalb gibt es keine Tunnel und kaum Brücken.

Fast ununterbrochen ertönt das Signalhorn, laut, überhaupt nicht Toy-train like. An Bord und an in den Bahnhöfen übersteigt die Menge der Bahnbediensteten die Zahl der Passagiere. In meinem Wagen sind ein Schaffner, der Zugführer, der Bremser und ein Signalmann, der darüber wacht, dass beim Rückwärtsfahren an den Spitzkehren die Gleise frei sind. Außerdem deutet er an Stationen dem Lokführer „Freie Fahrt“. Dazu kommen noch die Weichensteller an der Spitzkehren und an den fünf oder sechs besetzten Unterwegsbahnhöfen sind jeweils drei bis vier Bedienstete zu sehen. Die gesamte Strecke wird pro Tag und Richtung nur von einer Garnitur genutzt. Nur zwischen der Bergstation Darjeeling und dem 7 Kilometer entfernten Ghum herrscht ein nennenswerter touristischer Verkehr mit Dampfloks.

Man muss ich zu helfen wissen: Ein heißer Kühler wird mit Kaltwasser abgespritzt.

Der Gegenzug
Die Mittagspause in Tindharia auf halber Höhe fällt aus. Zu üppig ist die Verspätung. Das Essen war an dem kleinen Bahnhofskiosk schon bestellt. So bleibt nur Zeit für einen Tee und ein paar Bilder von dem Gegenzug. Ein Güterschuppen und ein großer Lokschuppen zeugen noch von der einst großen Bedeutung der Linie für die Menschen hier.

Der Zug gewinnt deutlich an Höhe. Ich kann unseren Weg drunten aus dem Tal 1.000 Meter tiefer gut nachvollziehen. Die Trasse ist gut zu erkennen. Die wenigen Zwischenstationen nutze ich für ein Foto.

Lok und Autos liefern sich manch Wettrennen in den engen Kurven. Zur Vergrößerung des Radius pendelt die Bahn immer wieder links und rechts der Fahrbahn.

Und dann plötzlich beginnt es in einem Seitental zu tröpfeln. Eine Wolke hat sich hier festgesetzt. Kein Monsun, aber ein kräftiger Landregen. Die Trödelei vom Morgen rächt sich. Eine halbe Stunde früher hätte der Mannschaft viel Arbeit erspart. Die Räder der Lok drehen durch. Es fehlt die Haftung. Und offenbar haben die Dispatcher auf die falsche Maschine gesetzt. Der Sandstreuer ist defekt. Die ganze Mannschaft muss neben der schleudernden Eisenbahn herlaufen, sich aus einem Sack im ersten Wagen mit Sand versorgen und ihn mit der Hand auf die Gleise streuen. Eine halbe Stunde im Schritttempo. Zum Glück trocknen die Schienen schnell ab. Bald kann es mit geschätztem Tempo 20 weitergehen.
Die Darjeeling-Bahn verkehrt erst wieder seit dem 8. Oktober 2018. Der Grund: ein Bergrutsch hat Teile der Trasse zerstört. Es drohte das Aus. Es ist wohl gelungen, die Erosion noch einmal zu stabilisieren. Wird sich die Situation weiter verschlimmern, dann sind auch ganze Dörfer bedroht, die am Abhang quasi auf Kante stehen.

Kurseong ist die letzte Station, die wir im Hellen erreichen. Der Ort am Berghang bietet kaum Platz für die Eisenbahn. Der Zug muss rückwärst aus dem Bahnhof ausfahren, um in die nächste Straße abbiegen zu können. Zwischen den Häusern und den Geschäften bleibt kaum ein halber Meter. Und auch der Podest des Schutzmannes kann im Notfall weggerollt werden.

In Ghum noch ein Foto des Bahnsteigs, der den alten Glanz erahnen lässt.

Wenig später Darjeeling mit fünf Stunden Verspätung erreicht. Die Lok darf ausruhen. Das Hotel ist zwar nur 100 Meter entfernt. Ich nehme dennoch in Taxi, denn die Meter sind Höhenmeter. Auf der Straße sind es dann 1,8 Kilometer auf schmalen Serpentinen.

Mein Zimmer überrascht mich positiv. Ein Schmuckstück. Und trotz später Stunde, die Küche hat noch auf. Es schmeckt. Einziger Wehrmutstropfen, im wahrsten Sinn. Es gibt keine Alkohol.