Zugfahrt Agra – Amritsar
Dank Umbuchung kann ich bis 7.30 Uhr schlafen statt um 4.30 Uhr aufstehen zu müssen. Und dazu noch ohne Klimaanlage. Die Erkältung macht mir trotzdem zu schaffen.
Frühstück am großen Tisch. Der Junge an der Rezeption hat schon das Tuk Tuk bestellt und ohne Auftrag nachgeschaut, ob der Zug pünktlich ist. Super Service. Am Bahnhof -Surprise, Surprise- Rolltreppen. Kein endloses Treppensteigen. Blöd nur: mein Zug ist etwa 400 Meter lang. Wagenstandanzeiger gibt es in Indien nicht und der Bahnsteigchef weiß auch nicht weiter. Pech: ich muss in dem Gedränge rund 200 Meter laufen. Mein Abteil ist ganz vorne.

Da ich erst am Abend zuvor gebucht habe, erhielt ich keine Platznummer mehr. Ich werfe meinen Rucksack auf eine leere Liege in einem freien Abteil. Fünf Minuten später Fahrkartenkontrolle, zwei Mann hoch aber super nett. Mein Name ist auf der Computerliste drei Wagen weiter verzeichnet bis Delhi jedenfalls. Erst dort könnte ich in dieses Abteil umsteigen. Ich deute traurig auf mein Gepäck und gebe zu verstehen, der Weg in das zugewiesene Kompartiment sei doch recht lang. Der Billeteur schlägt mir vor, nachzulösen (in Indien gibt es acht Wagenklassen, ich war wohl in einem Waggon mit einem Tick höher), kostet fünf Euro extra. Für uns kaum der Rede wert, in Indien für viele Menschen mehr als ein Tageslohn. Mein schnelles OK löst einen entsprechenden Blick „Na Ihr habt es ja“ aus. Um die Rückwand der Liege umzuklappen, wird der Boy bestellt. Bis dieser erscheint, habe ich das Problem mit einem leichten Handgriff gelöst. Ein Hinweis, wie sehr in Indien auf Hierarchien geachtet wird.
Allein im Abteil, Zeit die Landschaft passieren zu lassen. Die Region ist ländlich geprägt aber erstaunlich dicht besiedelt. Der Zug fährt meist an den Hinterhöfen der Städte vorbei. Ich war in vielen Slums und Ghettos dieser Welt, habe Menschen gesehen, die in Blechhütten und hinter Kartons hausen. Aber das Bild hier übertrifft alles. Lumpen über einer Stange dienen oft als Dach oder ein Erdloch. Überall Berge von Dreck, Unrat und Abfällen. Schwer auszuhalten dieses Sightseeing aus dem 1 Klasse Eisenbahnwaggon.

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(Begegnung mit dem Gegenzug)
Der Schaffner sucht das Gespräch mit mir. Gelegenheit Interessantes über seinen Alltag zu erfahren. Er ist um die 50ig und hat noch zehn Jahre zu arbeiten. Als Officer verdient er mit Zulagen etwa 850 Euro. Das ist bei der Bahn und in Indien ein Spitzenverdienst. Er ist schon dreißig Jahre für die Indian Railway tätig. Sein Kontrakt garantiert ihm eine Abfindung und eine kleine Betriebsrente. Aber auch er muss Geld zurücklegen, wenn er ein Auskommen nach der Pensionierung haben möchte. Dennoch: es geht ihm besser als seinem Kollegen, der nach 2003 zur Bahn wechselte. Dieser müsse laut gültigem Tarifvertrag für die Alterssicherung selbst aufkommen. In Indien müssten die Kinder die Eltern unterstützen. Er sei froh eine Tochter zu haben. Mädchen hätten ein höheres Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Eltern.
Ich frage ihn nach der Zukunft der Bahn in Indien. Er hält nichts von den Plänen, in dem Land neue Hochgeschwindigkeitsstrecken zu bauen. Die Fahrten in diesen Zügen könnten sich nur wenige leisten. Besser sei es, die gegenwärtige Strecken auf eine Geschwindigkeit von 150 km/h zu ertüchtigen. Wegen der veralteten Signaltechnik steht mein Zug oft 20 Minuten auf freier Strecke. Die Zeiten sind in den Fahrplan eingepreist. Deshalb ist die Bahn hier pünktlich. Gut findet mein Gesrächspartner, dass die Staatsbahn die Hochgeschwindigkeitszüge in Japan und nicht in China kaufe. Japan sei eine Demokratie: „Wenn ich gewählt werde, darfst Du gegen mich sein und umgekehrt“. Aber sicher hat die Entscheidung damit was zu tun, dass China und Indien in Asien führende Hegemonialmacht werden wollen.

In Delhi begleitet ein junger Mann seine Frau zu meinem Abteil. Als er sieht, dass sie mit einem Mann (mir) ihr Coupee teilen muss, ist die Laune dahin. Aber es ist nirgendwo ein Bett in einem Abteil frei, das nur von einer Frau belegt ist. Also lieber einem alten Europäer trauen als einem Inder. Aber der Sonntagnachmittag war für den Typ später zuhause sichtbar gelaufen.

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(Ankunft in Amritsar)
In Amritsar mit dem Tuk Tuk ins Hotel.
Wieder ein Fahrer, der beim Einsteigen sagte, er wisse genau, wo die Herberge sei und dann verzweifelt sucht. Das ist wie im Taxi in Offenbach „Du sagen, ich fahren“. Gut, dass ich vorher auf Street View schaue und so kann ich die abendliche Fahrt genießen. Hotel, solala aber ok. Nebenan hat spät noch ein Restaurant auf und es schmeckt dort richtig gut.