Amritsar
Am Morgen ein weiterer Stadtbummel. Ein großes Zelt aus dem Musik und Reden tönen, weckt meine Aufmerksamkeit. Ich werde eingeladen, mich zu setzen und verfolge das faszinierende Schauspiel: Ist das jetzt eine Hindu-Feier, Straßenwahlkampf oder Wolldeckenverkauf, auf jeden Fall wird Show und Entertaiment geboten: Ein Mann nickt bei meiner Frage Election?, Ein anderer bei Hindu-Festival.
Anyway: Ich verfolge das Spektakel eine gute Stunde. Immer wieder werden Zuschauer eingeladen, sich mit den Honoratioren und Würdenträgern auf der Bühne fotografieren zu lassen. In Riegen marschieren jeweils fünfzig Leute mit Smartphone auf die Bühne und anschließend wird heftig gepostet. Der Event lebt nicht vom Augenblick sondern von der Multiplikation seiner Teilnehmer.
Zurück ins Hotel mit dem Tuk Tuk. Wieder so ein Fahrer der sich durchfragen muss.
Mittags fahre ich mit dem Taxi die 30 Kilometer zur pakistanischen Grenze. (hin und zurück 15 Euro inklusive drei Stunden Wartezeit, wieder schlechtes Gewissen). Hier wird allabendlich ein besonders Schauspiel geboten: Die Fahnenzeremonie zur Schließung des Grenztors. Showtime für einen hemmungslosen Nationalismus.
Eine wahre Karawane zieht ab Mittag über die Autobahn Richtung Osten. Taxis, Kleinbusse, Tuk Tuks. Endstation ist ein riesiges Parkhaus, umringt von Kneipen und Souvenirläden. Schon an der Toll-Station bieten fliegende Händler lauthals Indien-Kappen, Indien-T-Shirts und Indien-was weiß-ich-noch feil.
Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, die Körperkontrolle härter als an jedem Airport. Die letzten 500 Meter müssen zu Fuß zurückgelegt werden. Pakistan und Indien haben auf ihrem Territorium jeweils eine Bühne in Form eines römischen Theaters angelegt. Die beiden Hälften ergänzen sich und wirken zusammengesetzt wie ein Stadion (auf indischer Seite Zweitligatauglich, in Pakistan Hessenliganiveau). Der Grenzstrich ist quasi die Mittellinie. Die Länder Pakistan und Indien besitzen Atombomben, haben in der Vergangenheit mehrmals bewaffnete Konflikte ausgetragen, streiten sich um den Kaschmir und sind auch sonst in herzlicher Feindschaft verbunden.
Die Ränge füllen sich auf beiden Seiten langsam. Die Pakistanis sitzen jenseits des Zauns, knapp 50 Meter von mir entfernt. Zunächst fällt auf, dass „drüben“ die Männer und die – verschleierten- Frauen in getrennten Blöcken sitzen. Nur im VIP Bereich sind Mädels ohne Kopftuch zu beobachten, Seite an Seite mit den Männern.
Das Tor ist noch geschlossen. Ich habe mal gelesen, diesen Teil des Übergangs dürfen nur Fußgänger passieren. Die LKW´s werden 50 Meter weiter neben der Arena abgefertigt. Bald ist getragene Musik mit leicht bombastischen Arrangements zu hören.

sdr
Die Show beginnt mit etwa 300 weiblichen Teenagern, die auf der Straße auf das Tor zustürmen und 10 Minuten ekstatisch tanzen. Anschließend paradieren Soldaten. mir scheint, die Choreographie und Abfolge der Schritte ist mit der Gegenseite abgestimmt. Alte britische Tradition oder trainieren beide Seite heimlich nachts gemeinsam.
Auf beiden Seiten heizen Militärs mit Entertainerqualität die Menge ein. Patriotische Parolen werden geschrien, Schmähgesänge auf den Nachbarn intoniert. Die wenigen europäischen Beobachter wirken eher konsterniert. Das Schauspiel erinnert an das Aufeinandertreffen von OFC und Eintrachtfans. Immer wieder animieren die Einpeitscher ihr Publikum die Fäuste gegen den Zaun zu recken. Die Tonanlagen auf beiden Seiten reichen für ein Stones-Konzert. Verstummt die pakistanische Seite – hier sind bedeutend weniger Zuschauer, dann ruft der Moderator aus Indien ala Block 2 im Kickers-Stadion gen Gästetribüne „Wir hören nichts“.

sdr
Dazwischen ein Moment der Ruhe, der fast Hoffnung gibt: Militärs -offenbar die Profis- auf beiden Seiten treffen sich an der weißen Linie und unterzeichnen mit allen Formalitäten das Tagesprotokoll.
Danach beginnt der Aufmarsch der Trachtengruppen. Auf indischer Seite angeführt von zwei Frauen paradiert eine Kompanie im Stechschritt etwa zwanzig Meter vor das Doppel-Tor, das von beiden Seiten wieder geöffnet wird. Die Soldaten diesseits und jenseits tragen prächtig geschmückte Helme, Symbole der Macht. Am Grenzstrich stehen jeweils vier Uniformierte in Kampfmontur Auge in Auge.
Einzelne Mitglieder der kostümierten Truppen marschieren jetzt abwechselnd Richtung Barriere und posieren direkt am Grenzstrich wie Wrestler vor dem Kampf. Fäuste werden gereckt, Armmuskeln aufgeblasen, seltsame Laute ausgestoßen. Die Menge skandiert begeistert mit. Der Entertainersoldat hüpft wie einst Hänschen Rosental bei „Dalli Dalli“ auf der Laufbahn, animiert zum rhythmischen Klatschen, zum Beifall für sein Land und zu Buhrufen Richtung Pakistan.
Dennoch: die Handlungsablauf wirkt wie einstudiert. Rennen zwei Pakistanis los, machen sich zeitgleich zwei Inder auf den Weg. Bewegen sich die Indier im Lauf- oder Stechschritt scheinen ihnen die Pakistanis nachzueifern.
Man mag das Geschehen als Schwank, Lustspiel oder Komödie abtun. Mich gruselt nach jedem Akt ein Stück mehr. Nationalstolz sei ja gegönnt, auch wenn ich mit diesem Gefühl wenig anzufangen weiß. Aber was hier von offizieller Seite gepuscht wird, ist Chauvinismus Darüber kann man bei Ländern wie Andorra oder Lichtenstein lächelnd hinwegsehen. Aber hier stehen sich zwei der wichtigsten Länder Asiens gegenüber, hochgerüstet mit Atomwaffen. Was passiert, wenn die Show mal aus dem Ruder läuft.
Alles hat mal ein Ende. Ich warte sehnsüchtig darauf, dass die Sonne verschwindet und die Flaggen eingeholt werden können. Das geschieht wieder absolut synchron. Die Fahne keines Landes darf eher als die des anderen unten ankommen. Das würde als Zeichen der Unterlegenheit gewertet werden. Ich glaube der Uniformierte, der das mal vermasselt, darf die Latrinen der kompletten Heimatarmee mit der kleinsten Zahnbürste reinigen.

sdr
(Showtime over)
Mein Fahrer hat mich gebeten nach der Veranstaltung, möglichst schnell die Arena zu verlassen, um dem Verkehrsstau zu entgehen.

dav
Zurück in Amritsar ins Hotel und dann nebenan in mein Lieblingsrestaurant. Hier gibt’s nicht nur kaltes Bier sondern auch ein super schnelles WLAN. Mit Ute geskypt und ein wenig Blog geschrieben.

cof