Samstag, 20. Okt. 2018

Agra

Zeit für Kultur. Und wenn, dann schon richtig. Gut geschlafen, auch weil ich die Klimaanlage abschalten konnte. Nachts sind  die Temperaturen  im Oktober im Norden des Subkontinents offenbar  moderat. Frühstück an einer  großen Tafel. Hat den Vorteil, Gespräche mit Menschen aus aller Welt führen zu können. Schön, es gibt hier keine Plastik-Orgie. Marmelade, Butter, Kaffee stehen auf dem Tisch.

Und noch was klappt. Das indische Bahn-Ticketing ist undurchschaubar. Vor vier Wochen waren die Verbindungen stark gebucht. für die geplante Fahrt am nächsten Tag nach Amritsar hätte ich um 5.50 Uhr am Bahnhof sein müssen. Es gab nur noch freie Sitze mit Umsteigen in Delhi, nebst vier Stunden Aufenthalt. Blöd, weil der Zug nach Amritsar  um 9.30 Uhr auch in Agra hält.  Im Internet gibt es plötzlich massenhaft Karten und die Jungs vom Hotel buchen ein Ticket.  Das kostet zwar jetzt mit 2o Euro  fast das Vierfache des 5.50 Uhr Zugs, aber ich kann Ausschlafen. Es gibt wohl immer im letzten Augenblick Touri-Fahrscheine.

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Pünktlich erschein  mein Guide nebst Fahrer und einem schicken Suzuki, zum Glück mit Klimaanlage. Knapp 30 Euro für zwei Leute plus Auto für sechs Stunden kulturelle Highlights, da bekommt man ein schlechtes Gewissen.

Auf zur herausragenden Sehenswürdigkeit in Indien, dem Taj Mahal. Wie in Delhi sind die Eintrittspreis gestaffelt: Einheimische berappen weniger denn einen Euro, Ausländer knapp 16 Euro, inklusive Wasser und Überziehschuhe. Dafür (und das auch mit unangenehmen Beigeschmack) müssen wir Langnasen nirgends anstehen. Vor dem Security Check gibt es vier Reihen. Inder Male und Female sowie Foreigner Male und Female. Die eine line ist etwa 50 Meter lang, die andere 1,50 Meter.

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Errichtet wurde der Taj Mahal, fast wie im Groschenroman, von einem Sultan, der mit dem Grabmal an seine geliebte verstorbene  Frau erinnern wollte, so die offizielle Lesart. Mein Guide meint: richtig sei wohl, dass die Frau kurz vor Ihrem Tod dem Gatten das Versprechen abgenommen habe, dieses Monument zu errichten. Ein Grund: er solle keine weitere Dame ehelichen  (ok – er hatte noch drei Nebenfrauen). Auch machtstrategische Gründe könnten  eine Rolle spielen. Als der Bau nach 29 Jahren eingeweiht wurde, begann der Sultan auf der anderen Seite des Flusses sein eigenes Mausoleum zu planen. Geblieben sind von diesem Projekt eine Mauer und ein Turm. Sein Sohn hatte den Protz und die Faxen des Alten dick und lies den Vater verhaften.  Er hatte eigne Vorstellungen für das Geld, sicher keine, die dem Volk nutzten.

Über 20.000 Menschen bauten den Taj Mahal. Für mich das schönste Bauwerk, das ich auf dieser Welt sehen durfte. Die gesamte Anlage mit ihren vier Toren, dem Park und dem Teich  ist absolut symmetrisch, auf den Millimeter. Das Grabmal  steht auf einem Fundament, das über ein hydraulisches System Senkungen des Bodens bis hin zum Erdbeben ausgleichen kann. Es wurden die edelsten Baumaterialien und Pretiosen verwendet: aus Persien, der Türkei, Belgien. Die Fugen der  Intarsien aus Edelsteinen  (Blumen und Schriften) im Marmor sind mit den Fingerkuppen nicht zu ertasten, so sauber wurde gearbeitet. Einige der Linien auf den Säulen gaukeln einen 3D Effekt vor. Der Taj Mahal ist ein Zeugnis perfekter Harmonie.

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(Lady Di hat hir gesessen Kate und jetzt ich, nur ohne Lady)

Das Grab im Innere hat für die Inder besondere Bedeutung. Die Schlange vor dem kleinen Raum ist geschätzte 500 Meter lang. Ausländer haben direkten Zugang. Drinnen herrscht ein unbeschreibliches Gedränge. Bei einer Panik ist hier nichts mehr steuerbar.

Anschließend haben wir noch das Agra Fort (ein Sultanspalast mit den Kemenaten für seine Mätressen) und  einen Tempel besucht.

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mde

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Beindruckend die Baukunst, die handwerklichen Fertigkeiten und das hohe Kunstverständnis in Indien vor über 500 Jahren. Die Kultur hier war der Europäischen jener Zeit weit überlegen. Ein Beispiel dafür, dass offene Grenzen und der Austausch von Menschen und Gütern nutzen. Aber die Geschichte von vielen Hochkulturen  zeigt auch,  Höhenflüge sind endlich (liebe Europäer). Jede Blütezeit egal ob von den  Khmer, den Inkas, den Hellenen oder den Perser hat sich überlebt. Und noch eines fällt mir beim Anblick von Bauwerken aus vergangenen Jahrhunderten immer  ein (jüngst Kolosseum in Rom oder Eiffelturm in Paris). Wenn es damals schon wie heute BIs und Volksentscheide gegeben hätte, wären wir um viele Kunstschätze ärmer.

 

Zum Ende der Tour der unerfreuliche Teil. Zum Programm gehört wohl der Besuch von Läden, die angeblich Kunsthandwerk produzieren, zufällig mitten im Hotelviertel. Erste Station: Handwerker, die wie im 16 Jahrhundert Intarsien fertigen. Als wir die Tür zum Laden aufmachen, rennen die „Künstler“ schnell zum Arbeitsplatz. Einer hat so glatte Hände und stellt sich so ungeschickt an, dass die Show eher wie ein  Ferienjob wirkt.

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Aber die Lady ist beim Verkaufsgespräch, das irgendwann im Keller fortgesetzt wird, Spitze. Eine Meisterin der psychologischen Steuerung. Aber ich bin auch nicht schlecht. Der Blick zum Abschied drückt eine gewisse Achtung aus. Die Jungs im Teppichladen nebenan waren als Promotoren eher blutige Amateure.

Abends ein Kellerrestaurant besucht, ganz schmal, wenige Plätze aber das beste indische Essen  bisher. Ein Kartoffelcurry. Der Chef war aber Muslim. Kein Bier. Trotzdem gut unterhalten.

 

 

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