Dienstag, 21. Juni 2017 – Rund um das Schwarze Meer – Kars – Ankara

Ich habe schlecht geschlafen. In der Nacht so  um vier verkündete der Muezin sehr laut den Beginn des Fastens. Ich höre mehrere Stimmen im Halbschlaf: irgendeine Art von Aufführung so zwischen Oper und Fronleichnamsprozession. Oder habe ich nur geträumt. Die folgenden drei Stunden nicke ich allenfalls für einen Moment ein. Das Zimmer ohne Klimaanlage liegt unter dem Dach und hatte sich über den Tag aufgeheizt.

Das Hoteleigene Taxi bringt mich zu Bahnhof.  Ich geselle mich zu den etwa zwanzig Fahrkästen auf dem Vorplatz. Sechs Jungs, allenfalls Heranwachsende, bewachen uns mit Maschinenpistole. Eine bunte Truppe: Militärjacke, Jeans und Turnschuhe. Von wem sind die denn: Polizei, Armee? Man ist nach einigen Anschlägen sehr nervös hier, besonders um öffentliche Gebäude.

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Der auf der Treppe gehört auch zu der bewaffneten Truppe.

Von Kars fährt einmal am Tag ein Zug ab. Der DOGU_Express nach Ankara. Ansonsten gibt es nur  einen spärlichen Güterverkehr. Aber die Türkische Staatsbahn hat großes vor. Die Strecke nach Georgien soll wiederbelebt werden. Im Herbst ist es soweit. Ein neues Stationsgebäude ist bezugsfertig, neue Gleise für den Güterverkehr werden verlegt. Eigentlich macht eine Strecke hier nur Sinn, wenn der Handel mit Russland neu belebt werden soll. Das Problem: Putin hat Zoff mit Georgien. Die russisch georgische Grenze ist sehr undurchlässig.

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Endlich werden die Wagen bereitgestellt. Zeit noch die Dampflokomotive zu fotografieren.

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Pünktlich um acht Uhr verlässt der Zug Kars. 24 Stunden dauert die Fahrt bis Ankara. Einmal quer durch die Türkei.

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Ich habe mir ein Single-Abteil im Schlafwagen 1. Klasse geleistet. Was heißt geleistet: Die Fahrt am Wochenende zu Ute mit dem ICE nach Kassel ist teurer. Der Schaffner erklärt mir auf türkisch wie ich das Bett aufklappe und bringt mit Wasser, Salzstangen und einen Schokoriegel. Sogar einen Kühlschrank nenne ich mein eigen. Hätte ich das nur früher gewusst.

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Ich mache mich auf Richtung Speisewagen: Frühstücken. Liegt es am Ramadan? Es gibt fast nichts. Der Chef macht mir einen Kaffee und schiebt eine Packung Reis mit Hühnchen in die Mikrowelle. Hätte ich doch nur im Hotel einen Happen gegessen. Aber irgendwie ging das heute so früh nicht.

Unser Weg führt zunächst durch eine Hochebene. Weiden und Felder. Der Schnee auf den Gipfeln in der Ferne zeugt von harten Wintern. Jetzt im Frühsommer ist Wasser reichlich vorhanden.

 

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Hirten bewachen Kühe und Schafe weiden. Die Arbeit erledigen die Hunde. Die Wächter beschäftigen sich oft ganz zeitgemäß mit ihrem Smartphon. Die Gleise sind an die Landschaft angepasst verlegt. Es gibt viele Kurven statt Brücken. Und hier oben gibt es kaum Dörfer.

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Nur wenige Fahrgäste wollen ein- oder aussteigen.

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Nach einigen Stunden endet die Hochebene. Der Zug muss in den folgenden Stunden einen Gebirgszug überqueren.

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Ezerum ist der erste größere Bahnhof. Meine Hoffnung hier etwas zu Essen zu finden, zerschlagen sich. Ich beginne zu verstehen, warum meine Mitreisenden heute Morgen große Kühltaschen schleppten.

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Die nächste Hochebene wirkt noch fruchtbarer. Wasser ist reichlich vorhanden und garantiert den Menschen ein Auskommen. Industrie Fehlanzeige. Ich sehe Reparaturwerkstätten für Traktoren und Landmaschinen.  Silos. Mielen. Oft ziehen noch Pferde die Transportwägelchen. Die Türkei exportiert reichlich landwirtschaftliche Produkte nach Russland. Für so eine Region ist das Embargo ohne Ausgleich der Verluste natürlich ein riesiges Problem. Embargo, klingt immer so einfach.

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Jetzt wird es richtig eng. Zwei Sunden lang bis zur Abenddämmerung schlängelt sich der Zug durch ein enges Tal. Tunnel um Tunnel, Kurve um Kurve, Brücke um Brücke.

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Beim Blick aus Fenster des hintere Wagens lerne ich einen Deutschen aus Rosenheim kennen. Wir hatten uns schon kurz im Hotel zugenickt.  Er ist 75 Jahre alt und reist mit seiner Frau auf Interrail durch Europa. 610 Euro kostet das Ticket für 31 Tage und er ist in dieser Zeit von Portugal über Finnland bis in die Türkei gefahren. Jetzt haben die beiden noch vier Tage Zeit für die Reise zurück nach Rosenheim. In unserem Zug waren die Schlafwagen ausgebucht. Sie  müssen die Nacht auf ihren  Sitzen in den normalen Waggons verbringen. Ich beneide sie nicht.

 

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Am Ende des Tales wird ein neuer See aufgestaut. Häuser verschwinden. Irgendwie erinnert mich das an die alten Geschichten mit dem Edersee im Heimatkundeunterricht..

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Kurz vor Mitternacht wiegen mich das Rattern der Schienen und mein MP3-Player  in den Schlaf.

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