Um 6.30 Uhr fährt der Zug ab Tiflis Central. Das Ticket muss ich auch noch lösen. In Georgien gibt es keinen Vorverkauf für Nahverkehrszüge. Der Junge an der Rezeption sollte mich um 5 Uhr wecken. Zum Glück habe ich auch das Handy auf 5.15 Uhr gestellt. Als ich um Viertel vor Sechs das Hotel verlasse, schlummert der Knabe weiter friedlich auf der Couch neben dem Desk.

Der Bahnhof in Tiflis öffnet um 6.00, theoretisch, aber eigentlich auch praktisch. Aber es merkt kaum einer. Vor dem Casino neben dem Haupteingang stehen die gleichen Schränke wie am Vorabend. Es mag nicht derselbe Kerl sein aber geclont wirken sie alle. Kurzhaarschnitt, schwarzer Anzug, Schlips, breite Schultern, ein Jacket, das um den Bauch zu eng ist und ein grimmiges Gesicht.
Vor der Automatiktür wartet eine Menge von dreißig Personen. Um 5.58 Uhr schließt der Wachmann auf. Die erste Reihe drängt gegen die Tür. Nichts passiert. Zu. So um die zehn Minuten stehen sich beide Seiten gegenüber: drinnen der Schlüsselmann mit Pokerface, draußen nervöse Fahrgäste, die zu ihrem Zug müssen. Beide getrennt durch eine Scheibe. Endlich und zum Glück möchte eine junge Dame das Gebäude verlassen. Auch bei ihr reagiert der Sensor nicht. Sie bittet den Wachmann um Hilfe, der ihr erklärt -so interpretiere ich seine Geste- die beiden Scheiben mit den Händen einmal auseinanderziehen. Es funktioniert. Und fortan reagiert der Sensor. Und weshalb haben wir jetzt gewartet liebes Pokerface.
Drinnen spule ich die übliche Routine ab: Fahrkarte holen, nach dem Bahnsteig fragen, einen Becher Kaffee und Wasser kaufen, dazu zwei Stückchen (vom Vortag).

Mein Triebwagen wirkt leider nur von außen elegant. Drinnen ist er ziemlich heruntergekommen. Der Waggon wird voll. Im Mittelpunkt des Großraumwagens tummelt sich eine Gruppe von Jugendlichen, die Jungs mit einer Bierdose am Hals. Ich vermute mal: das Wochenende bis jetzt durchgefeiert wie „im Frühtau zu Berge“ sehen die nicht aus. Die etwa vierstündige Fahrt geht Richtung Borjomi. Von hier startet eine Schmalspurbahn ins Gebirge, die ich an meinem letzten Tag in Georgien unbedingt noch „mitnehmen“ möchte.

Nach zwei Stunden wird die Landschaft gebirgig. Wir fahren durch ein enges Tal. Kleine Dörfer, Hängebrücken überqueren den Fluss. Der Zustand der Strecke wird von Kilometer zu Kilometer schlimmer. Immer öfter muss der Triebwagenführer sein Tempo auf Schrittgeschwindigkeit reduzieren.

Aber immer noch zeugen Stationen von alter Pracht.

Irgendwann sehe ich auf dem Nachbargleis ein Schmalspur-Krokodil mit den zwei Wagen wie aus dem Museum. Schnell aussteigen. Aber es ist noch Zeit. Der Lokführer entspannt auf einer Bank im Schatten.


Auf den Plastikbänken sitzen bis jetzt nur vier Eisenbahnfans.

Schaffner und Rangierer schwätzen noch ein wenig bei einer Zigarette. So langsam füllt sich das Bähnlein auch mit Einheimischen. Pünktlich um 10.55 Uhr ertönt ein lauter Pfiff. Es geht steil bergan, in endlosen Kurven, Serpentine um Serpentine. Jedes Seitental wird bis in die letzte Biegung ausgefahren, um mit moderaten Steigungen Höhe zu gewinnen


Der Mini-Zug hält an kleinen Stationen, manche sind wahre Kleinode mit geschnitzten Geländern und Säulen mit kunstvollen Ornamenten, die Vordächer stützen. Nur: Sie haben die besten Jahre hinter sich.

Fünf Minuten Zeit für einen small talk mit der Mannschaft des Gegenzuges ist immer

Weichen müssen dann gestellt werden

Dieselbe Blumenwiese von unten und oben. Der Zug hat sie mit einer 180 Grad Kurve umrundet.


Der Mini-Zug hält an kleinen Stationen. Er bringt Bier zur Lok, das an der nächsten Station weitergereicht wird.

Kühe haben Vorfahrt

Er bekommt das Bier. Sieht man?
Die Landschaft ist abwechslungsreich: Blumenwiesen, Weiden, kleine Gärten, Wälder. Die Dörfer präsentieren sich mit der Zeit immer schmucker. Hier wird Urlaub gemacht: im Winter auf Ski und zur Sommerzeit beim Wandern. Viele Wege sind ausgeschildert. Die Hotels und Ferienwohnungen wirken von außen anspruchsvoll. Die Restaurants machen Appetit.

Nach gut drei Stunden ereicht der Zug die Endstation, ein Ferienort umgeben von Steinbergen. Auf den Gipfeln liegt noch Schnee. Etwa 50 Eurocent hat der Spaß gekostet.

Vor Abfahrt muss am Sammeltaxi noch geschraubt werden. Mit Gewicht.
Da Akhaltsikhe von Borjomi etwa sechzig Kilometer entfernt liegt, fahre ich die drei Stunden nicht mit dem Gegenzug zurück sondern laufe (mit Rucksack) den halben Kilometer bis zum Dorfplatz. Andere Mitreisende lassen sich hier mit dem Pferd abholen. Um 14 Uhr bringt mich ein Sammeltaxi in 40 Minuten nach Borjomi. Im Auto gibt es noch ein Kassettendeck. Nostalgie pur.

Der Chauffeure bedeutet mir in Borjomi, gegenüber der Busstation an der Straße zu warten. Nach einer Viertelstunde kommen mir die ersten Zweifel, kein Haltestellenschild, habe ich Akhaltsikhe richtig ausgesprochen. Bei Freiburg hießen die Kicker aus Georgien doch auch irgendwann mal irgendwas mit „Willie“. Kobiashvili, Iashvili und Co.
Endlich gesellt sich ein zweiter Mensch mit Tasche zu mir. Ich sage „Akhaltsikhe“ und er nickt. Weitere 30 Minuten vergehen. Mein Mitreisender stellt sich als Freund von Arthur Abraham vor. Erst kürzlich habe er den Boxer in München besucht. Und die beiden Dorfsheriffs drehen mit Blaulicht Runde um Runde. Etwa fünf Minuten dauert es: Dorfstraße hoch, Dorfstraße runter.

Endlich: ein Dolmus-Taxi hält. Naja. In Deutschland wäre der letzte TÜV vor zwanzig Jahren möglich gewesen. Wir haben Glück: zwei Mädchen mit Rucksäcken steigen aus. Platz für zwei Neue. Der Wagen ist nicht größer als unser Sammeltaxi in Mühlheim. Da gehen so um die elf Leute rein. Hier hat man auf der gleichen Fläche 23 Schemel angeschweißt. Aber so unbequem wie es aussieht ist es nicht. Und die georgische Musik macht Laune.

Meine Pension in Akhaltsikhe liegt keine 100 Meter vom Busbahnhof entfernt. Ich hatte mir das Bild vom Haus eingeprägt. Also keine Fragerei. Und ich habe es wieder mal gut getroffen. Ein einfaches Zimmer aber sauber und mit Dusche und Toilette. Ein großes schönes Wohnzimmer mit einer bequemen Couch dient den Gästen gemeinsam. Die Besitzerin begrüßt mich mit einer Obstschale.

Über dem Haus steht oben auf dem Berg eine riesige Festungsanlage. Unten läuft eine Terrasse um die kleine Pension. Auf der einen Seite ein kleines Restaurant auf der anderen ein Dorfladen mit ein paar Stühlen vor der Tür, so wie ich es mag. Ich ignoriere die Werbung, kaufe mir eine einheimische Dose Bier, und genieße die Sonne

Abends dann Essen auf der anderen Hausseite. Das Fleisch wird noch über dem offenen Feuer gegrillt, ein guter Salat dazu und ein letztes Mal Teigtaschen.
Die Tochter, die leidlich Englisch spricht, empfiehlt mir ihren Vater für den nächsten Tag als Fahrer zur türkischen Grenze. Für zehn Euro will er mich die 20 Kilometer zum Pass hinaufbringen. Ein Bus lohnt offenbar nicht.
Ich surfe noch ein wenig im Wohnzimmer. Ein Schlaftrunk noch und ich träume von meiner Schmalspurbahn.