Montag, 19. Juni 2017 – Rund um das Schwarze Meer – Von Akhaltsikhe (Georgien) nach Kars Türkei

Morgens frühstücke ich in dem kleinen Restaurant im Erdgeschoß. Käse, Ei und Wurst. Die Grenze soll um 10 Uhr öffnen. Ich habe Zeit, den Rucksack umzupacken. Der Wirt, mein mindestens zwei Zentner schwerer Chauffeur, lacht als ich mich anschnalle. Auch er hat das Lenkrad auf der rechten Seite und überholt sein Leben gerne. Ganz besonders vor Kuppen und Kurven.

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Auf dem Weg zum Pass

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Mein Auto zur Grenze

Pech an der Zollkontrolle. Vor mir wird ein Kleinbus mit zehn Personen abgefertigt. Alle müssen aussteigen und stehen jetzt am Schalter vor der netten georgischen Zöllnern. Das dauert so um die drei Minuten pro Mann. Auf türkischer Seite werde ich zweimal Hin- und Hergeschickt. Auf Fußgänger ist die Abfertigung offenbar nicht wirklich eingerichtet. Alles geht glatt. Und ich habe eine Stunde Zeit gewonnen. Es ist in der Türkei 9.30 Uhr statt 10.30 Uhr wie in Georgien.

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Good Morning Turkey

Hinter dem Zaun steht weder ein Bus noch ein Dolmus-Taxi. Ein Baggerfahrer zeigt Richtung Dorf, das etwas abseits liegt. Ich marschiere lieber auf der Hauptstraße auf ein Gebäude zu, etwa 500 Meter entfernt. Beim Näherkommen sehe ich das wird erst noch ein Haus, ein Restaurant wie über der Tür schon zu lesen ist.

Ich beschließe mit dem Rucksack keinen Schritt mehr weiterzulaufen. Nach einer Viertelstunde hält ein Taxi. Meine Verhandlungsposition ist suboptimal. Die 20 Kilometer bis zum nächsten richtigen Dorf kosten mich 20 Dollar. Eine Wechselstube gibt es an der einsamen Grenze auch nicht.

In Posof will ich erst mal Geld tauschen. Mein Fahrer bringt mich zu einer Bank. Wartemarke ziehen, unnötig. Er verkündet laut ich sei Tourist, Germanski und deshalb jetzt sofort dran. Mir ist das Megapeinlich. Ein weiteres Problem: Am Schalter werde nicht mehr gewechselt, erklärt mir die Frau hinter dem Counter, draußen stehe ein Geldautomat: Fünfzig Euro rein – türkische Lira raus.

Geldautomaten sind in der Türkei so eine Sache, in Posof, dem kleine Gebirgsweiler ganz besonders. Etwa 20 Leute stehen in einem dichten Pulk vor der Money-Spender. Ein Wachtmann mit einer Pistole im Halfter managt das Geschäft. Man gibt ihm Karte und PIN, sagt wieviel man braucht und dann zieht er das Geld. Mein Taxifahrer erklärt der versammelten Mannschaft wieder: Tourist und Germanski und schon teilt sich die Schlange. Mir wird es oberpeinlich. OK. 50 Euro glätten, biegen und ab in der Schlitz. Türkische Worte blitzen auf dem Display, es summt, brummt und der Schein kommt wieder. Nach drei vergeblichen Versuchen probiere ich den nächsten Braunen. Gleiches Ergebnis. Ich vermute: die nagelneuen 50iger kann die Slotkiste noch nicht identifizieren.

Notgedrungen hole ich die Mastercard aus meinem Schulterhalfter. Immerhin: die Schritte werden mir jetzt in Englisch angezeigt. Ich bin wieder Herr des Verfahrens und kann meine PIN selbst eingeben. Das Problem: Ich bekomme 750 Türkische Lira und hätte gerne gewusst: Wieviel Euro sind das eigentlich.

Mein Taximensch fährt mich zum Busbahnhof. Dort steht eine Flotte von Dolmus. Er und die anderen Fahrer kommunizieren auf Türkisch und mir wird erklärt, es gebe nur einmal täglich einen Bus Richtung Ardahan und Kars. Morgens um acht Uhr. Und der sei leider schon weg. Aber es gäbe ein Hotel hier. Ich merke, ich werde gerade abgekocht mit geringen Chancen zur Gegenwehr. Die Nummer kenne ich bereits seit 1972. Ich weiß, heute habe ich keine Chance dagegen. In der Türkei fahren immer und zu jeder Stunde Busse. Aber wenn gerade von hier nicht, dann ist morgen früh mein Zug in Kars weg und meinen Flug ab Ankara kann ich knicken.

Also frage ich ganz nett, was es denn bis Ardahan koste. Wir einigen uns auf 200 Lira. das sind 50 Euro wie ich am Abend im Internet recherchiere. OK. Es sind auch fast 100 Kilometer.
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Die Aussicht während der Fahrt ist phantastisch. Ober auf einem zweiten Pass liegt noch Schnee. Unterwegs begegnen uns regelmäßig Busse einer Anzeige:  Ardahan – Posof“. Wahrscheinlich fahren die alle morgen früh um acht Uhr im Rudel zurück. Naja. Hoffentlich bezieht mich der Fahrer in sein Gebet ein, wenn er heute Abend vor Glück ein Lamm opfert.

An der Kreuzung vor Ardahan begegnet uns ein Bus. Ich werde umgeladen. Endlich. Es geht nach Kars. Denkste. Die Richtung stimmt zwar, aber nach 60 Kilometer biegt der Omnibus-Mensch Richtung Flughafen ab. Kein Problem glaube ich, der wird da ein paar Fahrgäste ausladen.

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Es ist ein Flughafenbus, der im gesamten Osten von Kars Passagiere sammelt. Und vom Airport nach Kars gibt es nur Transportmöglichkeiten, wenn Jets landen. Also die 500 Meter mit Rucksack zur Kreuzung zurück. Hier könne mich ein Bus nach Kars mitnehmen. Am Abzweig angekommen erklärt mir ein Junge per Google Translator ich müsse noch einen Kilometer marschieren.

Ratlos streife ich meinen Rucksack ab. Was hat Ute mir bei der Abreise gesagt: „Komm bloß nicht nach Hause und erzähle mal wieder, für den Scheiß seiest Du zu alt“. Doch Ute. Ich bin es definitiv!

Rettung naht von unserem „Freund und Helfer“. Ein Auto mit viel Blaulicht auf dem Dach stoppt. Drinnen zwei Jungs, die aussehen als kämen sie von den Dreharbeiten für Miami Vice. Jung, mega Cool und original Sonnenbrille. „Wohin ich denn wolle?“ glaube ich zu verstehen. „Kars“ antworte ich. Der Beifahrer macht die hintere Tür auf und winkt mich lässig mit der Hand hinein. So ganz wohl ist mir nicht. Aber was passiert wenn ich „Nein“ sage. Also setze ich mich zwischen all die Schlagstöcke und Handschellen und die beiden, die kein Wort Englisch verstehen, beginnen mit mir sofort per Google-Translator zu kommunizieren. Woher, wohin und so weiter.

Am Checkpoint am Stadteingang wird mir noch etwas mulmiger. Was wird ihr Chef sagen, wenn er einen Zivilisten im Auto sieht. Der lacht aber bloß. Er spricht gut Englisch und stellt mir seine Pflichtfragen. Einen Blick auf den Pass und dann muss ich erzählen, was ich mache und Frankfort. Und „oh yes“ sehe ich bei all den Jungs mit Maschinenpistole im Anschlag in den Augen. Da wären sie jetzt lieber. Der Oberpolizist erklärt meinen Fahrern noch genau wo das Hotel liegt und ich lerne mal die Vorteile von so einem Polizeiauto von innen kennen. Jeder vor uns, der zu langsam ist, wird weggehupt. Und wer Vorfahrt hat, ist doch klar. Wir lachen viel, ohne zu wissen was der andere sagt. Und ich werde standesgemäß bis vor die Hoteltür gefahren.

Das Zimmer kann erst gegen zwei Uhr bezogen werden. Ich deponiere mein Gepäck und lasse mir von der Rezeption eine Halbtagsausflug nach Ani, der alten armenischen Stadt 50 Kilometer von Kars entfern organisieren. Als ich den Wagen besteige, will ich mich anschnallen. „Germany?“ grinst der Fahrer und macht den Gurt los, der hinter dem Sitz festgeknotet war. Aber endlich ein Taxilenker der Tempo 80 fährt und kaum überholt.
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Ani ist weitgehend ein Trümmerfeld. Die Anfänge der Stadt reichen zurück bis zur alten Seitenstraße. Die flächenmäßig große Siedlung wird Omega-förmig von einem tiefen Canyon umschlossen und musste so nur nach einer Seite verteidigt werden. An dieser Stelle stehen noch die mächtigen alten Mauern. Ansonsten sind nur wenige Sakralbauten erhalten. Aber selbst diese Ruinen mit den hohen Kuppeln und Bögen lassen erahnen, zu welchen Leistungen hier Architekten und Bauherrn zu einer Zeit fähig waren, in der bei uns noch finsterstes Mittelalter herrschte.

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Hier finden sich aber auch noch ältere Zeugnisse der Besiedlung aus der Vorzeit

Das Dorf Ani nebenan ist bitterarm. Kleine Hütten aus groben Steinen, kaum größer als ein Raum. Ein Stoffbanner als Tür. Es hat den Anschein als habe sich die Türkei hier seit meiner Reise im Jahr 1972 quer durch das Landesinnere eher zurück entwickelt. Es gibt kaum noch Touristen hier. Mit mir sind auf diesem Denkmal der Menschheitsgeschichte noch eine türkische Familie und vier polnische Biker. Keine ökonomisch sinnvolle Grundlage für Cafés, Souvenirshops und Hotels. Der Mensch an der Kasse hat noch nicht einmal genügend Wechselgeld. Es ist halt nicht mehr viel los.

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Impressionen von der Rückfahrt

Kars selbst ist eine moderne, durchaus ansehnliche Stadt. Hier ist in den letzten Jahren investiert worden, auch in den Wohnungsbau, in formschöne mehrgeschossige Gebäude. Ich wundere mich, wie wenige Frauen hier ein Kopftuch tragen. Da ist die Quote in Offenbach höher. Viele Mädchen sind hier eher locker gekleidet. Das Leben hier scheint typisch für das Zentrum einer türkische Kleinstadt. Kleine Geschäfte, Teestuben.

Aus meinem Zimmer blicke ich auf ein Militärgelände gegenüber. Schwer bewacht. Ich erschrecke dann abends auch sehr als ich einen lauten Schuss wie aus einer Kanone höre. Es ist Ramadan, Sonnenuntergang, die Zeit des Fastenbrechens.

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Das Restaurant, das ich ausgesucht habe, finde ich nicht. Alternativ wähle ich ein dicht besetztes Lokal mit einem besonderen Konzept: auf den Tischen sind alle möglichen Zutaten bereits aufgedeckt. Jedem quasi sein eigenes Buffet, man wählt nur die Hauptspeise individuell. Ich kenne das schon Malaysia. Der Vorteil im Ramadan. Die Gläubigen können unmittelbar nach dem Sonnenuntergang schnell den ersten Happen zu sich nehmen.

Und dann passiert mir noch ein Fauxpas. Ich frage nach Bier oder Wein. Hätte mir eigentlich an der Kleidung und den Bärten auffallen müssen: Das Lokal ist religiöse sehr konservativ geprägt. Die Reaktion auf meine Bitte war entsprechend. Aber geschmeckt hat es trotzdem.

Auch die Suche nach Bier war am Ende erfolgreich. Die meisten Läden verkaufen keinen Alkohol mehr. In den riesigen Kühltheken immer nur Cola, Fanta und Wasser. Fast wäre ich an dem kleinen Kiosk vorbeigelaufen. Aber mir fiel aus den Augenwinkeln auf, dass die Scheibe seines riesigen Getränkekühlschranks blind war. Rein. Aufmachen. Mist: das ganze Efes war geplündert. Der Schrank fast leer. Klar hier wird doch trotz Ächtung weitergetrunken. Aber zwei Flaschen einer anderen Marke waren noch übrig. Und man konnte sie trinken. Gut sogar.

Im Hotel noch eine Stunde mit Ute geskypt.

 

 

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