Obwohl früh aufgewacht, vertrödele ich die Zeit in meinem Zimmer. Auf dem Programm steht das Online-Kreuzworträtsel der ZEIT. Die nette Kollegin aus dem Infobüro hatte mir empfohlen, etwas später zu kommen, da die Vans morgens meist ausgebucht seien. Gegen 8:50 verlasse die Metro-Station und sehe -wie gestern beschrieben- genau gegenüber vor Kirche und Park- zwei Vans mit dem Schild Yerewan. Und ich habe Glück. Zwei Plätze wurden storniert. Um 9 Uhr soll es los gehen. Kein Frühstück bis jetzt. Ich kann mir gerade noch einen Becher Kaffee besorgen.

Die fünf Stunden bis Yerewan kosten etwa 13 Euro. Nochmal Glück -so mein erster Gedanke, ich darf neben dem Fahrer sitzen. Also Beinfreiheit. Georgien hat wie Deutschland Rechtsverkehr. Nur war das Steuer bei diesem Van auf der rechten Seite, also ein Auto für den Linksverkehr. Um zu überholen, lässt sich der Fahrer einige Meter zurückfallen, schert aus und Vollgas. Und überholen tut er eigentlich immer.
Ich kann den Gegenverkehr meist früher sehen als er. Aber mit der Zeit fasse ich Vertrauen in sein mathematisches Genie. Mit einem schnellen Prozessor und massenhaft Arbeitsspeicher im Hirn berechnet er aus der Geschwindigkeit des Vorausfahrenden, der Entfernung des Gegenverkehrs und dessen Fahrtempo sowie der Leistungsfähigkeit seines Motors genau die Hundertstelsekunde in der es gerade eben wieder möglich ist, einzuscheren. Naja, mich trifft es ja als ersten.
Aber ansonsten von der Landschaft ist die Strecke ein georgisches Roadmovie.



Tschüss Georgien
An der Grenze etwas Stress. Die beiden Belgier im Auto haben ein Visum aus Aserbaidschan im Pass. Das mögen die Armenier nicht und kontrollieren deshalb sehr genau.


Endlich die erste Rast. Tanken. Und ich kann mein Frühstück nachholen: ein warmes Schinkenbrötchen.
Die Straße schlängelt sich an den Gebirgshängen entlang. Immer ein wenig aufwärts. Kurve um Kurve. Entlang des Weges bieten Frauen Gemüse an: Gurken, Tomaten, Zwiebel und Obst. Die Gegend scheint fruchtbar zu sein. Auf der anderen Seite in Georgien reihte sich auf den letzten 20 Kilometern Stand an Stand mit Waschpulver und Hygieneartikel, wohl Mangelware in Armenien. Unsere Fahrer hatte sich mit Pampers eingedeckt, die er an einem kleinen Kiosk kurz auslädt. Import / Export. Kleiner Grenzverkehr. Überhaupt. Ab der Grenze klebt das Handy an seinem Ohr. Pausenlos klingelt es. Waren werden eingeladen, avisiert, ausgeladen. Ich bin ganz froh, dass er während er seine „Konkurrenten“ überholt, keine Sms schreibt.
In Armenien dominieren deutsche Automarken. Irgendwann halten wir auf einem Dorfplatz, wo wohl viele Vans und Sammeltaxen aus Georgien Station machen. Die Szenerie erinnert an die Mercedes Benz Niederlassung Frankfurt / Offenbach. Alle Autos haben einen Stern. Einige nagelneu: Edelklasse oder mächtige SUV, andere repräsentierten die Flotte der achtziger Jahre.

Die Gipfel, die ich vor mir sehe, machen mir Angst. Ich rechne im Kopf die Serpentinen aus, die es braucht um die Passhöhen zu erklimmen. Aber die Sorgen sind umsonst. Ein Kilometer langer Tunnel führt unter dem Gebirge hindurch. OK: die Röhre wäre bei jedem ADAC Test durchgefallen: mir Abstand.
Auf der Südseite des Tunnels wird die Straße mit jedem Kilometer besser und endlich vierspurig. Dafür bricht ein Wolkenbruch über uns herein. Auf den Scheiben eine dicke Wasserschicht. Ich wäre in dieser Situation keinen Meter mehr gefahren aber unser Fahrer kämpft sich durch das Wasser, jetzt aber nur mit Tempo 80.

Das Wetter wird aber bald besser. Schneebedeckte Berge ziehen an uns vorbei. Die Landschaft hier ist atemberaubend. Mittedrin ein großer See. Hier wird nach dem flüchtigen Anschein in den Tourismus investiert. Viele Hotels, die schon von außen Appetit machen, einmal vorbeizuschauen, Ferienwohnungen, Restaurants. Hier lassen sich sicher Bade- und Wanderurlaub gut verbinden.
Jerewan liegt in einem Hochtal. Ein breiter Kessel auf fast 1.000 Meter Höhe. In der Ferne ist ein Schneebedeckter Gipfel zu sehe (der Berg Ararat?) Ich stelle mir vor, dass dieses Tal einmal nach langen Regen überflutet war und so die Legende von Noah und der Sintflut entstand.
Der Verkehr wird dichter. Der Busbahnhof von Jerewan liegt etwas außerhalb der Stadt. Hier hängen Leitungen für O-Busse. Das macht nur Sinn, wenn diese ins Zentrum fahren. Ich habe Glück. Ich steige an einem belebten Platz aus und frage mich zur Metro-Station durch.
Das System ist einfach zu verstehen. Man kauft für ein paar Cent Plastikmünzen wirft eine davon in ein Drehkreuz ein und schon geht es eine lange Rolltreppe hinab. Das Foto mit dem Zug hat mich beinahe den Chip aus der Kamera gekostet. Fotos sind hier unten streng verboten.

Mein Hotel soll in der Nähe des Bahnhofs liegen. So war es bei booking.com eingezeichnet. Vorher noch dieses martialische Denkmal knipsen. Warum stehen in den ehemaligen GUS Staaten an den Bahnhöfen immer diese Dinge rum, wie Klons. Anyway. Mein Hotel hat die Hausnummer 60. Nach 10 Hausnummern war ich etwa 300 Meter unterwegs. Ich rechne mir aus, dass ich noch ca. 2 Kilometer mit dem Rucksack auf dem Rücken bis zum Ziel marschieren muss. Offenbar hat der Besitzer ein wenig geschummelt, um eine Nähe seines Etablissements zum Bahnhof vorzugaukeln.
Hausnummer 14 ist auch ein Hotel. Ich trete kurzentschlossen ein. Eine gute Wahl. Einfach und sauber. Ein kleiner Familienbetrieb in der Vorstadt mit viel Know How.

Ausruhen. Und dann ein erster Stadtbummel. Mit der Metro ins Parlamentsviertel. Ein Spaziergang durch den Love-Park Richtung Zentrum. Ich hatte mir zwei Restaurants im Internet rausgesucht und zunächst Pech. Das eine wird von einer Frau in einer Wohnung in einem Hinterhof betrieben und als schwer auffindbar beschrieben. Auch ich scheitere an der Aufgabe. Das andere ist in einem Keller und der Chef erklärt mir: Wir machen gegen 20.30 Uhr -also in zehn Minuten auf- und sind wie jeden Abend ausgebucht.



Ein Foto von der Oper noch kurz vor Mitternacht. Ich bin müde. S-Bahn, ein Bild vom Hauptbahnhof von Jerewan noch und dann Bett.
